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Full text of "Mitteilungen aus dem Osterlande"

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Mittheilnugen 
aus dem Osterlande. 


Gemeinſchaftlich herausgegeben 
von 


dem Kunst- und Handwerks vereine, der Natur- 
forfchenden und der Pomologiſchen Gefellfchatt zu 
Altenburg. a 


Erſter Band. 


Auf Koften der drei Geſellſchaften. 


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Altenburg, 1837. 
Gedruckt in der Hofbuchdruckerei. 
In Commiſſion der Schnuphaſeſchen Buchhandlung. 


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Eduard Lange 


Inhalt des erſten Bandes. 


Einleitung. Seite. 
Der Haushalt der Natur. Vom Profeſſor 
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Das Roͤſten des Flachſes. Vom Profeffor 

* . * . . * 13 
Jahresbericht der Naturforſchenden Geſellſchaft. 
Vom Prof. Apetz, Secretair der Geſellſchaft. 20 
Aus dem Protokolle der Pomologiſchen Ge— 
ſellſchaft. Mitgetheilt vom Prof. Ed. Lange, 


Secretair der Geſellſchaf. . 33 
Beobachtungen der Apfelbluͤthe. Vom Can⸗ 
didat Robert Lange. „38 
Die Gewinnung der Culturpflanzen. Vom 
Profeſſor Ed. Lange. 40 


Aus dem Protokolle der Pomologiſchen Ge— 
ſellſchaft. Mitgetheilt vom Prof. Ed. Lange, 
Secretair der Geſellſch aft... 46 
Miscellen und Notizen. 35 
Das Stiftungsfeſt des Kunſt- und Handwerks- 
vereins. Eine protocollariſche Mittheilung vom 
Prof. Ed. Lange, Secretair des Vereins . 57 
Vortrag zur Einleitung des Stiftungsfeſtes 
des Kunſt⸗ und Handwerksvereins d. 7. Febr. 
1837, vom Hofrath Bruͤmmer, Director des 
eee 
Jahresbericht uͤber das neunzehnte Jahr des 
Kunſt- und Handwerksvereins, erſtattet vom 
Prof. Ed. Lange, Vereins- Secretair.. . 64 
Jahresbericht des Vorſtandes der Kunſt- und 
Handwerksſchule am 13. Stiftungsfeſte der— 
ſelben den 7. Febr. 1837, erſtattet vom Rath 

G. L. Klein, Secretair des Schulvorſtandes. 76 
Abhandlung uͤber die Braunkohlenlager un- 
weit Altenburg. Vom Rath Zinfeifen. . . 86 
Ueber Luſtgartengeſchmack. Vom Pfarrer Hem⸗ 
n, EEE RT 113 
Doͤbereiners Verfahren der Darſtellung des 
Zuckers aus Runkelruͤben . 119 
Miscellen und Notizen. 120 


59 


* 


XVIII. 


XXII. 


XXIII. 


XXIV. 
XXV. 


XXVII. 


XXVII. 


XXVII. 


XXIX. 


XXX. 


Gutachtlicher 1 uͤber den belgiſchen Stel⸗ 
[zenpflug. Von H. Etzold. 
Der Fruͤhlingsconvent 5 Pomologiſchen Ge 
ſellſchaft zu Altenburg 1827. Eine protokol⸗ 
lariſche Mittheilung vom Prof. Ed. Lange, 
Seeretair der Geſellſchaft . 

Ueber Einfaſſung der Rabatten und Beete. 
Vom Kammerrath Waitz 
Jahresbericht, vorgetragen zum Stiftungsfefte 
der Naturforſchenden Geſellſchaft des Oſter— 
landes den 5. Juli 1837. Vom Profeſſor 
Apetz, Secretair der Geſellſchaft. RA 
Veitstanz, beobachtet bei einem Fringilla sep- 
tentrionalis. Mitgetheilt Pen Dr. Richter 
in Roda. . 

Vom Humus. Auszug aus einem Vortrage 
des Dr. Gleitsmann auf Wildenhain, mitge⸗ 
theilt vom Prof. Lange. 
Miscellen und Notizen „ 
Die Metalle und ihre Erze. Vorgetragen in 


der Sitzung des Kunſt- und Handwerksvers 


eins am 1. Septbr. 1827, von Ed. Lange. 
Auszug aus dem Protokolle uͤber den Som— 
merconvent der Pomologiſchen Geſellſchaft. 
Mitgetheilt von Ed. Lange. 

Welchen Einfluß hat das Ausroden der Wal⸗ 
dungen auf das Klima und die Vegetation 
einer Gegend? Vorgetragen beim Sommer— 


convent der Pomologiſchen Geſellſchaft den 


2. Auguſt 1837, von Ed. Lange. 

Ueber die Grabhuͤgel in der Leina. Vorge⸗ 
leſen zum Stiftungsfeſte der Naturforſchenden 
Geſellſchaft des Oſterlandes zu Altenburg am 
6. Mai 1837 von Dr. Gotth. Friedr. Winkler, 
Pfarrer zu Lohma an der Leina 

Die Frage: „Iſt eine Beſteuerung der Sing⸗ 
voͤgel nothwendig und rathſam?“ Beantwors 
tet vom Herrn Pfarrer Brehm zu Unterren— 
thend orf. Ne em 
Bemerkungen zu dieſem Auſſatze. Von einem 
landſchaftlichen Abgeordneten. 
Miscellen und Notizen. 
Vier meteorologiſche Tabellen. Vom Conſiſto⸗ 
rial-Secretair Bechſtein. 


121 


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I. 
Einleitung. 


Die Eroberungen der Wiſſenſchaften find von zweierlei Art. 
Entweder wird ihr Gebiet durch Auffindung neuer 
Wahrheiten erweitert, oder es waͤchſt die Zahl und Kraft 
ihrer Anhaͤnger dadurch, daß immer mehr Menſchen 
gründlichere Keuntniß von den Ergebniſſen der 
bisherigen Entdeckungen erhalten. : 

Das Erſte geſchieht vorzugsweiſe durch die eigentlichen 
Gelehrten, denen in Akademien und Univerfitäten 
Mittelpunkte der Vereinigung und Wechſelwirkung gegeben 
find; das Letzte aber dürfte auch Sache der uͤbrigen Ge⸗ 
bildeten im Volke und namentlich der mehr praktiſch— 
wiſſenſchaftlichen Vereine ſein, welche nicht allein 
ihren Theilnehmern Anregung und Rahrung für fortge⸗ 
ſetzte geiſtige Thaͤtigkeit, ſondern zugleich auch den wenigen 
Forſchern, denen neue, tiefere Blicke in's Gebiet der Wahr⸗ 
heit vergoͤnnt waren, ein größeres empfaͤngliches Publicum 
darbieten. 

Vielleicht gelingt es auc uns, durch gegenwaͤrtige 
Mittheilungen zur Verbreitung nüglicher Kenntniſſe und zur 
Erweckung und Erhaltung der Theilnahme an wiſſenſchaft⸗ 
lichen Gegenſtaͤnden etwas beizutragen! 

Jeden Falls hoffen wir dadurch unſere abweſenden 
Mitglieder und verwandte Vereine, unter wohlthätiger 
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Rückwirkung auf uns ſelbſt, in fortwährender Bekanntſchaft 
mit der Thaͤtigkeit unſerer Geſellſchaften zu erhalten und zus 
gleich ein Allen zugaͤngliches, verlaͤßliches Erinnerungsbuch 
an unſere dermaligen gemeinſamen Leiſtungen und Beſtre— 
bungen zu gewinnen. 

Es ſollen dieſe Mittheilungen von jetzt an in viertel— 
jährlichen Heften von der Größe und dem Formate des 
vorliegenden erſcheinen und 

1) Auszüge aus den Protokollen und Verhandlungen der 
drei auf dem Titel genannten Geſellſchaften; 
2) Vortraͤge, welche in den Sitzungen derſelben ER 

worden find; 14 

3) Eingeſandte Abhandlungen; 
4) Gemeinnützige Auszüge aus andern Werken und Mis⸗ 

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umfaſſen. 
| Eine aus befonderd hierzu ernannten Mitgliedern der 
drei Geſellſchaften gebildete Redactions-Commiſſion 
iſt fuͤr dieſelben das Organ aller dieſe „Mittheilungen“ be⸗ 
treffenden Angelegenheiten. 

i Zum Schluſſe nur noch einige Notizen über die 
drei Pr ner ſelbſt! 

a Durch den Baurath Geinitz, der gegenwärtig | in 
4050 als Rentamtmann lebt und noch immer erſter 
Director deſſelben iſt, am 4. Februar 1818 geftiftet, beſtand 
der Kunſt- und Handwerks-Verein mehrere Jahre 
unter deſſen Leitung als Privatgeſellſchaft, bis er unter hoͤchſter 
Genehmigung ſeiner Statuten am 11. April 1823 fuͤr das 
Herzogthum Sachſen-Altenburg landesherrlich beſtaͤtigt wurde. 
Im Jahre 1825 wurde von ihm zur wiſſenſchaftlichen Nach⸗ 
hilfe und Fortbildung junger Handwerker die Kunſt- und 
Handwerks-Schule gegruͤndet, eine Anſtalt, die bis jetzt 
nach und nach 322 junge Leute aufnahm und unterwies 
und gegenwaͤrtig 60 Schuͤler zaͤhlt. Schon ſeit mehreren 
Jahren erfreuen ſich Verein und Schule der Unterſtuͤtzung 
ihrer Zwecke durch gnaͤdigſt verwilligte Beiträge aus oͤffent— 
lichen Mitteln und ſeit 1827 genießt Erſterer auch die Ehre 


2 


des Protectorats Sr. Durchlaucht, des regierenden Herzogs 
Joſeph von Sachſen-Altenburg. Die Zahl ſeiner inlaͤndi⸗ 
ſchen Mitglieder iſt 184, die der auslaͤndiſchen 190. Außer 
wöchentlichen, der freien Unterhaltung und der Lektuͤre gez 
werblicher Zeitſchriften gewidmeten Zuſammenkuͤnften verans 
ſtaltet derſelbe jeden Monat wenigſtens eine Hauptverſamm⸗ 
lung und alle zwei Jahre eine oͤffentliche Ausſtellung r von 
Kunſt⸗ und Gewerbs-Erzeugniſſen aller Art. 


2. Die Naturforſchende Geſellſchaft des Oſtelandes 
wurde im Jahre 1817 vom Secretair Bechſtein, Apotheker 
Dr. Gleitsmann, Kammer-Vice-Praͤſident Geutebruͤck, Hof⸗ 
rath Dr. Pierer, Geheime-Rath und Kammer-Praͤſident 
von Stutterheim, Steuerrath Wagner, Kammerrath Waitz, 
Medicinalrath Dr. Winkler und vom Paſtor Dr. Winkler 
geſtiſtet, um die Freunde der Naturkunde in hieſiger Stadt 
und der Umgegend naͤher zu verbinden und ihr vereinzeltes 
Streben in einen Brennpunkt zu vereinigen, damit die Liebe 
zur Raturwiſſenſchaft mehr geweckt und befoͤrdert und die 
Kenntniß der Produkte des Oſterlandes ſo wie ihre nuͤtzliche 
Verwendung unter Auen Staͤnden immer aganemner ver⸗ 
breitet werde. 


Durch eine rege Theilnahme in hieſiger Stadt wuchs 
die Geſelſchaft ſchnell, und durch die Thaͤtigkeit der Mit⸗ 
glieder ſo wie durch die von vielen Seiten ihr gewährten 
Unterſtuͤtzungen bereicherten ſich ihre Sammlungen. 


Im Jahre 1829 hatte Se. Herzogl. Durchlaucht der 
Prinz Georg von Sachſen-Altenburg die Gnade, das Pro- 
tectorium der Geſellſchaft zu übernehmen und. fie feines be⸗ 
ſonderen Schutzes zu wuͤrdigen, unter welchem ſich nicht nur 
die Zahl ihrer Mitglieder ſo anſehnlich vermehrte, daß ſie 
gegenwaͤrtig 45 active einheimiſche, 75 Ehren-Mitglieder, 
85 auswaͤrtige und 126 correſpondirende Mitglieder, und 
alſo überhaupt 331 Mitglieder zaͤhlt, ſondern auch die Samm⸗ 
lungen in allen Zweigen moͤglichſt vervollſtaͤndigt wurden, 
ſo daß nur allein das ornithologiſche Cabinet aus 164 
Sippen 416 Arten in 1032 Exemplaren beſitzt. 


— 6 


An der Spitze der Verwaltung ſtehen drei Directoren, 
von welchen jaͤhrlich einer austritt. Die regelmaͤßigen Ver⸗ 
ſammlungen finden den erſten Dienſtag jedes Monats 
Statt; außerdem verſammeln ſich gewoͤhnlich mehrere Mit⸗ 
glieder woͤchentlich zu gegenſeitiger Belehrung und Mitthei⸗ 
lung naturwiſſenſchaftlicher Reuigkeiten. Das Stiftungsfeſt 
wird jaͤhrlich den erſten Dienſtag des Juli mit einer allge⸗ 
meinen Verſammlung und einem Feſtmahle gefeiert. 

3. Die Pomologiſche Geſellſchaft wurde ſchon 
1803 geſtiftet und beſchraͤnkte fi) Anfangs, unter Leitung 
des Geheimen Raths und Kammer-Praͤſidenten von Stut⸗ 
terheim, ſo wie auch, nach deſſen, 1827 erfolgtem Tode, 
unter der Leitung des Kammerraths Waitz und des Paſtors 
Hempel aus Zedtlitz lediglich auf das Gebiet der Obſtbaum⸗ 
kunde. Erſt im Jahre 1832 faßte die Geſellſchaft den Be⸗ 
ſchluß, ihre Thaͤtigkeit auch auf die Blumenzucht und den 
übrigen Gartenbau auszudehnen, ohne jedoch ihren bisherigen 
Namen, unter welchem ſie einmal bekannt und von der 
hoͤchſten Staatsbehoͤrde beſtaͤtigt war, in den entſprechende⸗ 
ren einer Gartenbaugeſellſchaft umzuaͤndern. Sie beſitzt ge⸗ 
genwaͤrtig 84 wirkliche, 15 Ehren- und 76 correſpondirende 
Mitglieder und hält, außer wöchentlichen, der freien Unter— 
haltung und der Lektuͤre von Gartenſchriften gewidmeten Zus 
ſammenkünften, monatlich eine zu regelmaͤßigeren Verhandlun⸗ 
gen und fuͤr die laufenden Geſchaͤfte beſtimmte Sitzung und 
endlich alljaͤhrlich drei, mit Blumen- und Fruchtausſtelungen 
verbundene Haupt» Convente, 


vorgetragen am 16. Mai 1836 beiin Kun ſt⸗ und Hand⸗ 
werks ⸗ Vereine | 


re Der Siusholt der Notur. 


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Wan wir am ufer eines bedeutenden Floss die Waſſer⸗ 
maſſen vorbeiſtroͤmen ſehen 7 welche derſelbe dem Meere un⸗ 
ablaͤſſig zuführt, ſo find. wir wohl verſucht zu fragen, warum 
ſich ſeine Quellen nie erſchoͤpfen, oder warum doch das Meer 
nicht anſteige und das Ba nach und nach unter feinen 
Fluthen begrabe. 

Die Erfahrung der Jahrhunderte und die Kenntniß der 
Natur 1, welche mit wunderbarer Oekonomie Haus hält über 
die zahlreichen Quellen des Lebens geben uns bald genü⸗ 
gende Antwort auf unſere Fragen. Wohl gibt es Wuͤſten 
im heißen Afrika, deren gelblichen Sand der Wind zu ſtar⸗ 
ren Todes wogen aufwühltz allein ihr Daſeyn ift., durch ihre 
geographiſche Lage, durch die Beſchaffenheit. des Bodens und 
den Mangel waldiger Gebirge bedingt; und ſo dienen ſie 
nur uns zu zeigen, welch Jammerthal die Erde ſein wuͤrde, 
ohne ein richtiges Gleichgewicht zwiſchen Land und Meer, 
und ohne den wohlthaͤtigen Kreislauf des Waſſers, das bald 
in unſichtbaren Duͤnſten dem trockenen Boden entſteigt, bald als 
milder Regen aus den Wolken des Himmels hernieder traͤu⸗ 
felt, bald in rieſelnden Baͤchen durch ſchattige Thaͤler dahin 
eilt. Denn ſo wenig es auch bisher hervorgehoben ſein 
mag, die Große des Meeres, welche ſaſt das Dreifache der 
übrigen unbedeckten Erdoberfläche beträgt, iſt keineswegs 


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zufällig und noch viel weniger eine unwirthſchaftliche Ver⸗ 
ſchwendung der Erdoberflaͤche, die etwa, wenn ein kleinerer 
Theil derſelben vom Waſſer bedeckt waͤre, von einer groͤßern 
Menge Menſchen und Thiere bewohnt ſein koͤnnte. Rein, 
ſelbſt vor dieſer gemeinen Weltanſicht, ſelbſt dieſem niedrigen 
Standpunkte des Nutzens gegenüber bewahrt ſich die Weis— 
heit in der Einrichtung der Natur beſchaͤmend und alle Eins 
wendungen widerlegend, ſobald nur dem Tadelnden nicht WR 
Kenntniß der Naturgeſetze abgeht. 

Wir wiſſen es Alle, daß Luft und Sonne — 
d. h. daß die Luft, unterſtuͤtzt von der Waͤrme, das Waſſer 
in unſichtbaren Dampf verwandelt und mit ſich fortführt. 
Gleich einem Schwamme, wenn auch langſamer und una 
merklicher ſaugt die Luft, ſelbſt noch im Winter das durch 
die Kaͤlte zu Eis erfärtte „ Waffer in fih auf, wie ja das 
langſame Trockenwerden gefrorner Waͤſche deutlich beweiſet. 
Je mehr aber ein feuchter Körper oder eine gleich große 
Menge Waſſers der Luft Beruͤhrungspunkte darbietet, oder 
je ſchneller ſich die Luft umher erneuert, und je waͤrmer fie 
iſt, deſto ſchneller trocknet der feuchte Gegenſtand. Deshalb 
begrüßen die Frauen den Wind und Sonnenſchein als die 
wirkſamſten Gehilfen beim Trockengeſchaͤft; deshalb breiten 
ſie ihre Waͤſche aufs Sorgfaͤltigſte aus, um der Luft fo 
viel als ‚möglich‘ Beruͤhrungspunkte mit dem zu trocknenden 
Gegenſtande darzubieten. Auch zieht man bei allen Gewer⸗ 
ben, wo es auf Verdampfen des Waſſers mittelſt der Feuer⸗ 
hitze ankommt, z. B. beim Salzſieden, flache Pfannen mit 
groͤßerer Siedeflaͤche, den tieferen vor, und die Gradirhaͤuſer 
der Salinen „welche dazu dienen, den Theil des Waſſers, 
welcher ſich in Beruͤhrung mit der Luft unſchwer von dem 
darin aufgeloͤſt enthaltenen Salze trennt, von der Luft auf 
ſaugen und fortführen zu laſſen, beſtötigen durch ihre ganze 
Bauart und durch die vielfache Berührung, welche fie der 
Salzſoole mit der Luft verschaffen, die e des aufge⸗ 
ſtellten Satzes. 
5 Es kommt nun darauf an, denſelben auf das Meer 
und die Ausdehnung ſeiner Oberflaͤche anzuwenden. Geſetzt 


209 


dieſes deckte, ſtatt jetzt 2 nur 4 der Erdoberfläche, und 2 
derſelben waͤren, dem Anſcheine nach, zur Wohnſtaͤtte für 
Menſchen und vierfuͤßige Thiere gewonnen; fo würde die 
Erde dadurch keineswegs wohnlicher, noch auch zur Aufnahme 
einer groͤßern Anzahl von Menſchen und Thieren geeignet 
geworden ſein. Vielmehr wuͤrde das meiſte Land den duͤr— 
ren Wuͤſten Afrikas gleichen, ohne Waſſer zur Nahrung der 
Pflanzen, zur Erquickung und Erhaltung der Menſchen und 
Thiere. Denn ſchon jetzt reicht eine drei Mal fo große 
Waſſerflaͤche nicht hin, ſo viel Waſſer durch Verdunſtung an 
die Luft abzugeben, daß die Wolken auch die Wuͤſten Afrikas 
befeuchten und bewohnbar machen koͤnnten. Wenn daher, 
vorausgeſetzt daß die Luft noch in demſelben Verhaͤltniſſe 
wie jetzt Waſſer in ſich aufſaugte und durch Regen und 
Schnee wieder uͤber den Erdboden vertheilte, drei Mal ſo 
viel unbedecktes Land als Meer waͤre, ſo wuͤrde nur der 
dritte Theil des bisherigen Waſſers verdunſten und ſich oben— 
drein über drei Mal fo viel Land vertheilen muͤſſen, d. h. 
es würde im Allgemeinen nur der neunte Theil der bisheri— 
gen feuchten Riederſchlaͤge erfolgen koͤnnen. Da würden 
unſere Brunnen bald verfiegen, Quellen und Fluͤſſe nach 
und nach vertrocknen und die Pflanzen dahin welken, auf 
deren Daſeyn das Leben der Thierwelt ſich gruͤndet, kurz die 
Erde, welche jetzt viele Millionen lebender Weſen mit Leich⸗ 
tigkeit erhaͤlt, wuͤrde ſich bald in ein oͤdes Grab umwandeln, 


deſſen Leichen mumienartig vertrockneten, ohne wie jetzt, nach. 


erfolgter Zerſetzung einer Blume oder einem Baume neue 
irdiſche Rahrungsſtoffe gewaͤhren zu koͤnnen. So iſt der 


1 


Kreislauf des irdiſchen Lebens, welcher die vorhandenen Stoffe 


in immer neuen Formen wieder in den Bereich des Leben— 
digen bringet, unzertrennlich von dem Verhaͤltniſſe, in welchem 
Land und Meer über den Erdkoͤrper ſich ausbreiten und 
von dem Verhaͤltniſſe, in welchem die Luft das Waſſer des 
Meeres aufſaugt und die Wolken es wieder verbreiten und 
ausgießen Über die Länder der Menſchen. 

And wie hier, fo bewährt ſich auch anderwaͤrts ein 
wohlgeordneter Kreislauf des Lebens und ſeiner Stoffe, der 


- 10 — 


unſere Sorgen, daß es der zunehmenden Menſchheit jemals 
an des Lebens Nahrung und Nothdurft fehlen werde, wohl 
beſchwichtigen ſollte. Ich will nur noch einen Stoff ans 
führen und an ihm den ie Haushalt der Natur zu 
zeigen verfuchen. 

Wir Alle bedürfen der gebensluft oder des Sauerftofee 
zum Athmen und würden ohne ihn, ſelbſt beim größten Ue⸗ 
berfluß an allen, gewoͤhnlich ſo genannten Nahrungsmitteln 
ploͤtzlich erſtickend dahin ſterben. Aber ſtatt des Sauerſtoffes, 
den wir und die Thiere einathmen, wird immer ein Antheil 
Kohlenſaͤure, d. i. eine chemiſche Verbindung von Sauerſtoff 
und Kohlenſtoff wieder ausgeathmet. Ebenſo kann auch 
kein Feuer und kein Licht brennen ohne Sauerſtoff, und dieſer 
wird dabei in Berührung mit dem brennenden Körper eben— 
falls in Kohlenſaͤure und Waſſerdampf umgewandelt, welche 
beide nicht athembar find, So wird immer Lebensluft vers 
braucht und zu neuen chemiſchen Verbindungen verwendet, 
welche die Scheidekuͤnſtler nur ſchwer oder auch wohl gar 
nicht wieder aufzulöfen im Stande find. Gleichwohl athmen 
wir noch immer leicht und frei, und ſo ängftlich wir auch 
"für unſern maſſiven Lebensunterhalt ſorgen moͤgen, in Be⸗ 
ziehung auf die Lebensluft, deren wir doch vor Allem bes 
duͤrfen, gleichen wir den Voͤgeln des Himmels und den Li— 
lien des Feldes, und unſer himmliſcher Vater ernaͤhrt uns, 
ohne daß wir deshalb ſorgend uns beunruhigten. 

Wenn es aber wirklich unſern Scheidekünſtlern ſchwer, 
ja vielleicht ſelbſt noch immer unmöglich iſt, aus der Koh— 
lenfäure den Sauerſtoff wieder abzuſcheiden und rein dar— 
zuſtellen, fo iſt es gewiß nicht unintereſſant, wie die alt bes 
ruͤhmte Scheidefünftlerin Natur in ihrer geheimnißvollen 
Werkſtatt verfaͤhrt, um daſſelbe Ziel und dwar gleich i 
N zu erreichen. 

Die Erde iſt bedeckt von unzähligen Pflanzen, deren 
neuer Blaͤtterſchmuck unſerm Auge jetzt doppelt wohl thut. 
Die Pflanzen bedürfen zu ihrem Wachsthume vorzüglich drei 
Stoffe, aus denen fie daher auch groͤßtentheils zufammenges 
fest find: Sauerſtoff, Waſſerſtoff und Kohlenſtoff. Die 


8 


beiden erſtern Stoffe nehmen ſie hauptſaͤchlich durch ihre 
Wurzeln als waͤßrigen Saft in ſich auf, während der Koh⸗ 
lenſtoff ihnen vorzüglich durch Blätter und Schalen zuges 
führt» wird. Allein der Kohlenſtoff iſt nicht luftfoͤrmig, 
ſondern ein feſter Koͤrper, und koͤnnte ſomit den Blaͤttern 
und der Schale der Pflanzen durchaus nicht uͤberall in ſo 
unmittelbare Naͤhe gebracht werden, wie es, doch zur Auf⸗ 
nahme in dieſelben noͤthig ſein wuͤrde. Hier bildet nun die 
atmoſphaͤriſche Luft wiederum das Mittelglied und den Traͤ⸗ 
ger der allgemeinen Ernährung. Denn ſie enthaͤlt ja überall 
einen kleinen Antheil Kohlenſaͤure, welche beim Verbrennen 
der Pflanzen und beim Athmen der Thiere entſteht und ſo 
den an ſich feſten und ſtarren Kohlenſtoff durch feine. chemi- 
ſche Verbindung mit dem Sauerſtoffe luftfoͤrmig in allen 
Richtungen verbreitet. Indem nun die Pflanzen die Kohlen- 
fäure durch Blätter und Schalen einathmen, alsdann zerles 
gen und den Kohlenſtoff mit ihrem waͤßrigen Wurzel-Safte 
zu organiſchem Nahrungsſafte verbinden, den Sauerſtoff aber 
wieder ausathmen, geben ſie, ſich ſelbſt ernaͤhrend, der at— 
moſphaͤriſchen Luft den Sauerſtoff zuruͤck, welchen das thie— 
riſche Leben nicht entbehren kann. Und fo nimmt die Koh⸗ 
lenſaͤure nie uͤberhand, und der Sauerſtoff fehlt nie in der 
atmoſphaͤriſchen Luft, wenn auch Millionen Thiere athmen 
und Millionen Feuer brennen. Ja, es iſt ſogar wahrſchein— 
lich, daß wenn die Menge der in der Atmoſphaͤre enthaltenen 
Kohlenſaͤure größer wird, dann auch, unter ſonſt gleichen Bes 
dingungen der Fruchtbarkeit des Bodens, das Pflanzenwachs— 
thum uͤppiger und erfreulicher ſich entfalten werde. Und 
ſchon aus dieſem Grunde iſt mir nicht eben bange, daß es 
jemals an den noͤthigen Brennmaterialien fehlen werde, 
wenn auch die Stein- und Braunkohlenlager nach Jahr- 
hunderten allmaͤhlig weniger zahlreich und ergiebig fein ſoll— 
ten. Denn waͤhrend dieſer Jahrhunderte wird eine ſo große 
Menge im Schooße der Erde niedergelegter urweltlicher Koh- 
lenſtoff durch ſein Verbrennen mit Sauerſtoff verbunden und 
ſomit der belebten Pflanzenwelt als reichliche Rahrung zuge— 
führt worden fein, daß noch ehe die Vorraͤthe der Urwelt 


— 12 — 


aufgeraͤumt ſein werden, die ſtets junge Pflanzenwelt weile 
licheren neuen Brennſtoff erzeugt haben wird. 

Aber auch ohne dieſe Annahme buͤrgt ſchon die in 
der ganzen Natur waltende überaus weiſe Oekonomie des 
Lebens und der Kraͤfte fuͤr eine unaufhoͤrliche Befriedigung 
deſſen, was das Leben bedarf. Sie zu erforſchen, fuͤhlen 
wir uns durch unſern Geiſt, ſie dankbar zu preiſen, durch 
unſer Herz, ſie auch im Kleinen weiſe nachzuahmen, durch 
die Kraft unſers freien Willens aufgefordert und berufen. 
Und wenn unſer kleiner menſchlicher Haushalt auch vers 
ſchwindet vor dem großen Haushalte deſſen, der durch das 
All waltet, ſo wird er doch von ihm umſchloſſen und getra⸗ 
gen und weiſt zuruͤck auf in 1 ohne den er gar bald zer⸗ 
fallen wuͤrde. 


7. 
N» 


Das Nöften des e Flochfes. 


Borgetragen beim Kunſtz 48 Handwerks⸗ Vereine 
am 1. Juli 18368 
Nen r ’ 
hund Lange. 


Unter den Pflanzen, deren Faſern wir als rohes Material 
zu unſern verſchiedenen Kleidungsſtuͤcken gebrauchen, iſt keine 
für uns wichtiger als der Lein. Und mag es auch wahr 
ſein, was ihm unſere Landwirthe nachſagen, daß er nämlich 
den Boden mehr als jede andere Fruchtart aus ziehe und 
erſchoͤpfe, und mag auch die zunehmende Wohlfeilheit der 
Baumwolle und der aus ihr gefertigten Gewebe den Werth 
des Flachſes und der Linnenwaaren druͤcken und ſie auf 
fremden und heimiſchen Maͤrkten mehr und mehr zurüͤck⸗ 
drängen; dennoch wird der Flachsbau bei uns noch lange 
fortdauern und auch dann noch wohlthaͤtig wirken, wenn er 
ſich ſelbſt, im Vergleich mit einer anderweitigen Bodennutzung, 
als weniger vortheilhaft ausweiſen ſollte. 

Dienn abgeſehen davon, daß die Leinwand als Waͤſche 
vor Baumwollgeweben ganz unleugbare Vorzuͤge beſitzt, fo 
gewaͤhrt auch das Verſpinnen des Flachſes bei uns auf 
dem Lande eine vortreffliche Gelegenheit, eine Menge Haͤnde 
nützlich zu beſchaͤftigen, die außerdem bei unſerer ganzen der⸗ 
maligen Landwirthſchaft, namentlich waͤhrend der langen 
Winterabende, dem verderblichen Nichtsthun anheim fallen 
würden. Auch ſtuͤtzt der Gebrauch, den Dienſtmaͤgden auf 
dem Lande ihren Lohn, außer einer beſtimmten Summe 
baaren Geldes, noch in einer Anzahl Ellen grober und 


2 


feinerer Hausleinwand feſtzuſetzen, verbunden mit der den 
Landleuten vorzugsweiſe eigenen Sorgfalt, das Ausgeben 
von baarem Gelde, fo viel als nur immer möglich, zu vers 
meiden, den Anbau des Flachſes und traͤgt dazu bei, daß 
die Spinnkunſt in unſern Gegenden nicht ebenſo allmaͤhlig 
beim weiblichen Geſchlechte in Vergeſſenheit gerathe, wie die 
Webekunſt bei ihm fon 1 gut als ausgeſtorben iſt. 


Bedenken wir ferner, wie das Flachsſpinnen für manches 
alte, an nützliche Thaͤtigkeit gewöhnte Muͤtterchen die ein⸗ 
zige andauernde, wenn auch nur ſpaͤrlich naͤhrende, doch 
immer das ehrenwerthe Bewußtſein fortgeſetzter Thaͤtigkeit 
gewaͤhrende Beſchaftigung ft und noch lange fein kann, 
waͤhrend Wolle und Baumwolle der Menſchenhand faſt 
gänzlich entzogen und der Maſchinenſpinnerei anheim gefal⸗ 
len ſind, ſo bedarf es gewiß keiner Entſchuldigung „wenn 
ich Einiges über die Behandlung und Zubereitung des Flach⸗ 
ſes mittheile und auf einige Maͤngel beim Roͤſten deſſelben 
aufmerkſam mache, die in unſerer Gegend a ncht allge⸗ 
nun anerkannt zu ſein ſcheinen. 


Der gereifte Leinſtengel enthält baurttchlch 4 ver⸗ 
daher Beſtandtheile. Sie ſind: 1) eine dünne Oberhaut, 
2) ein feiner Baſt, 3) ein dicker, brüchiger Kern und 4) ein 
Bindemittel, das alle dieſe Theile mehr oder weniger durch⸗ 
dringt und zuſammenſeimt und hauptfächlich durch Verdich⸗ 
tung des eintrocknenden Saftes entſteht. Soll nun der 
Baſt oder die Flachsfaſern zur weitern Bearbeitung von 
den übrigen Theilen der Leinpflanze getrennt werden, fo 
muß zuvörderſt dieſes Bindemittel, welches hauptſaͤchlich aus 
Kleber, d. i. aus Pflanzenleim und Pflanzeneiweiß beſteht, 
durch eine chemiſche Zerſetzung aufgeloſt und geſtoͤrt werden. 
Der Gaͤhtungsproceß, welcher hierzu dient, heißt das Roͤſten. 
Sobald nämlich der Kleber gereifte Pflanzen von hinlaͤng⸗ 
licher Feuchtigkeit durchdrungen und dabei einer maͤßig 
warmen Temperatur ausgeſetzt wird, veranlaßt derſelbe bei 
der Bierwuͤrze und dem ausgepreßten Obſt- oder Trauben⸗ 
ſafte eben ſo wie im Stengel der Leinpflanze eine allmaͤh⸗ 


lige Entmiſchung der mit ihm verbundenen Stoffe, nut 
mit dem Unterſchiede, daß die Bierwurze und der Obſt⸗ 
und Traubenſaft zunaͤchſt in geiſtige Gaͤhrung gerathen, an⸗ 
ſtatt daß das Bindemittel der Flachsſtengel ſich durch faulige 
Gaͤhrung zerſetzt. Dieſe Zerſetzung zu bewerkſtelligen, dienen 
hauptſaͤchlich 2 verſchiedene. Werfahrungsarten, nämlich 10 bie 
Waſſer⸗ und 2) die Thaurdſte. mae hip 
Bei der erſtern werden die reifen Reimpflangen; Bash 
dem ihre Saamenfapfeln abgeriffelt ſind, in Bündelchen und 
dieſe wieder in große Bunde zuſammen gebunden und hier⸗ 
auf in einem Teiche oder ſanft fließenden Gewaͤſſer, mit 
Stangen, die mit großen Steinen oder Waſſerfaͤſſern beſchwert 
find, überdeckt, eine Zeit lang unter Waſſer erhalten. Nun 
ſaugen die Stengel Waſſer in ſich auf, und ihr Kleber 
faͤngt an, ſich mit Hilfe deſſelben zu zerſetzen; was um fo 
ſchneller geſchieht, je wärmer das Waſſer iſt, und je weniger 
es ſich durch Zufluß erneuert. Man muß daher die einge⸗ 
röſteten Leinſtengel taͤglich unterſuchen, weil die Faͤulniß ſich 
bald auch dem Baſte mittheilt und deſſen Feſtigkeit zerſtoͤrt. 
Ob der Flachs hinreichend geroͤſtet ſei, erkennt der Land⸗ 
mann beſonders daran, daß beim Biegen die duͤnne Ober⸗ 
haut und der holzige Kern ſproͤd und bruͤchig find und ſich 
leicht zerbrechen laſſen. Denn das iſt ja ein ſicheres Zei⸗ 
chen, daß der Bindeſtoff, welcher die Faͤſerchen der dünnen 
Schaale eben ſo gut als inwendig den fafrigen Baſt und die 
Roͤhren des dicken Kernes zuſammenleimte, zerſetzt und ſo⸗ 
mit das Hinderniß entfernt ſei, welches ſich vorher der 
Trennung des Baſtes oder der Flachs faſern von einander 
und von den ubrigen Theilen des Stengels entgegen ſtellte. 
Run nimmt man die Leinbunde aus dem Waſſer, waͤſcht 
die einzelnen Bündel aus und ſtürzt ſie zum Trocknen auf 
dem Felde auf, um ſie ſpaͤter nochmals ſtaͤrker zu doͤrren 
und dann zu brechen, wobel die dünne Sthaale und beſon⸗ 
ders der innere holzige Kern durch ihre Sproͤdigkeit leicht 
zerbrechen und als Acheln oder Ennen abgehen, waͤhrend der 
Baſt fi in dünne Faſern zertheilt, von denen die laͤngern 
beim Hecheln den glatten Flachs liefern, anſtatt daß die 


kuͤrzern ſich zuſammenſchieben und verwirren, um dann als 
Werg verſponnen zu werden. 

Je nach der verſchiedenen Temperatur des Waſſers 
dauert die Waflerröfte beim Flachs etwa 8 — 14 Tage. 
Langſamer geht die Thauroͤſte von Statten, indem ſie wohl 
4 bis 8 Wochen Zeit erfordert. Man nimmt ſie zum 
Theil ſchon im Herbſte, am beſten aber erſt zu Ausgange 
des Winters, alſo ungefaͤhr in der erſten Haͤlfte des Monats 
Maͤrz vor, nachdem man den geriffelten und im Herbſte an 
der Luft getrockneten Flachs in großen Bunden den Winter 
hindurch trocken aufbewahrt hat. Dieſen breitet man nun 
in langen duͤnnen Reihen auf ein Stoppelfeld und laͤßt ihn 
vom Regen und Thau die noͤthige Feuchtigkeit anziehen, was 
der durch die Winternaͤſſe reichlich angefeuchtete Boden nicht 
wenig unterſtuͤtzt. Um die dadurch eingeleitete allmaͤhlige 
Zerſetzung des Klebers recht gleichmaͤßig zu bewirken, wird 
der Flachs, wenn die eine Seite hinlaͤnglich gebleicht erſcheint, 
gewendet und ſobald das Aufſpringen und Faſtigwerden der 
obern Stengeltheile die hinreichende Roͤſtung beurkundet, auf⸗ 
gelockert und an der Luft getrocknet. Die ganze uͤbrige 
Behandlung iſt dann wie nach der Wafferröfte, 

Fragen wir nun aber, welche von beiden Verfahrungs⸗ 
arten das beſſere Produkt liefere, ſo verdient die Thauroͤſte 
bei weitem den Vorzug vor der in unſern Gegenden vorzugs⸗ 
weiſe gebraͤuchlichen Waſſerroͤſte, zumal wenn die letztere, 
wie gewohnlich, noch in warmer Jahreszeit und in ſtehen⸗ 
dem Waſſer geſchieht. Denn indem die erſtere bei der ge⸗ 
ringen Luftwaͤrme und geringeren Feuchtigkeit auch eine lang⸗ 
ſamere Zerſetzung des Klebers veranlaßt, iſt bei derſelben 
die Gefahr, daß zugleich auch der Faſerſtoff des Baſtes 
angegriffen und die Feſtigkeit des Flachſes vermindert werde, 
bei weitem geringer. Dabei wird aber auch zugleich der 
den Holzkern umſchließende Baſt durch die laͤngere und all⸗ 
maͤhligere Roͤſte in viel feinere, aber doch zaͤhe und feſte 
Faſern zertheilt „als es die ſchnellere und, bei der Menge 
und Größe. der zuſammengeſchichteten Bunde, doch ſehr un⸗ 

gleichmaͤßig wirkende Waſſerroͤſte, die gleich ganze Faſerbündel 


2 


durch Zerſetzung des Klebers von einander loszuweichen 
ſcheint, nach mehrjährigen Erfahrungen vermag. — Endlich 
hat man auch gegen die Waſſerroͤſte angefuͤhrt, daß, weil 
die Teiche, deren man ſich bei derſelben bedient, großentheils 
8 ſchlammig ſind und auf ihrem Grunde ſchwarze Humuserde 
aus verfaulten Blaͤttern und andern Pflanzentheilen enthal— 
ten, dieſer Humus ſich beim Faulen des Klebers im Waſſer 
aufloͤſe und den Flachs faſern, beſonders der untern Schichten 
eine dunklere Farbe mittheile, welche nur langſam und ſchwer 
durch das Bleichen der Linnenwaaren wieder entfernt wer— 
den koͤnne. Allein wenn auch die unterſten Flachsſchichten 
bei der Waſſerroͤſte vom Schlamme eine dunklere Farbe als 
die übrigen annehmen, fo verliert fi) dieß doch ſchon gros 
ßentheils beim Aeſchern des Garnes, und im Allgemeinen 
wird der Flachs in der Waſſerroͤſte ſogar weißer und die 
daraus verfertigte Leinwand bleicht ſich ſchneller und leichter 
als nach der Thauroͤſte. Indeß dürfte dieſer Vorzug der 
Waſſerroͤſte ſehr unbedeutend erſcheinen, ja vielleicht als blos 
ſcheinbar ſich ausweiſen, wenn man bedenkt, daß die groͤßere 
Empfaͤnglichkeit für die Bleiche jedenfalls mit dem lockeren 
Zuſtande der ſo zubereiteten Faſern in engſter Verbindung 
ſtehe, und daß die Flachsfaſern nach der Thauroͤſte gerade 
deshalb, weil ſie feſter und dichter geblieben ſind, ſich auch 
weniger leicht unter Einwirkung des Lichtes und der Feuch⸗ 
tigkeit entfaͤrben oder bleichen. 

Run laſſen ſich zwar einige der genannten Nachtheile 
der Waſſerroͤſte durchs Roͤſten in fließendem Waſſer beſeiti⸗ 
gen, allein dazu iſt nicht überall Gelegenheit, und die Fiſcher 
widerſetzen ſich demſelben nicht ſelten, weil das Waſſer da⸗ 
durch verdorben und dem Leben der Fiſche nachtheilig werde; 
eine Behauptung, welche der üble Geruch, den der aus 
Teichen herausgenommene Flachs verbreitet, und der Zuſtand 
des Waſſers in ſolchen Teichen einigermaßen zu beſtaͤtigen 
ſcheint. N Ad enn 

Dagegen hat meines Wiſſens die Waſſerroͤſte vor der 
Frühjahrs⸗Thauroͤſte nur den einzigen Vorzug der ſchnellern 
Benutzung der eingeernteten Leinpflanzen, indem ihr Flachs 


« 


a 


bei der Waſſerroͤſte ſchon im naͤchſten Winter verfponnen 
werden kann, waͤhrend derſelbe bei der gegen Ende des Win— 
ters vorgenommenen Thauroͤſte erſt im naͤchſten Fruͤhjahre 
hierzu vorbereitet und ſomit erſt einen Winter ſpaͤter zum 
Verſpinnen genommen werden kann. Und gerade dieſer Um— 
ſtand iſt es, der nach mehrjährigen Erfahrungen im Haus— 
weſen meiner Aeltern, mich in den Stand geſetzt hat, gegen— 
waͤrtige Vergleichung beider Verfahrungsarten anzuſtellen. 
Dieſe ſahen ſich naͤmlich wiederholt genöthigt, einen Theil 
ihrer Flachsernte in einen Teich einzuroͤſten, um bis zu Ende 
des Winters hinlaͤnglich mit Flachs zum Spinnen verſehen 
zu ſein, waͤhrend ſie die andere Haͤlfte derſelben Ernte zur 
Thauroͤſte im Fruͤhjahr aufhoben. Nun haͤngt der Erfolg 
beider Verfahrungsarten offenbar zum Theil von der Witte— 
rung ab; allein niemals kam doch der in Teichen eingeroͤ— 
ſtete Flachs ganz dem gleich, welcher der Thauroͤſte unter— 
worfen geweſen war, und oft war der Unterſchied beider ſo 
bedeutend, daß es wahrhaftig ſchwer hielt, daran zu glau— 
ben, daß beide fo zubereitete Flachsarten wirklich auf dem⸗ 
ſelben Acker und unter denſelben Bedingungen erwachſen 
ſeien. Zur Beſtaͤtigung erlaube ich mir, Ihnen hiermit 2 
Proben von Flachs vorzulegen, der im Sommer 1834 auf 
demſelben Acker zu gleicher Zeit gebaut und nur durch die 
verſchiedene Einwirkung der Waſſer- und der Thauroͤſte ſo 
verſchieden geworden iſt. Der Strehn Garn, welchen ich 
beifuͤge, beſteht aus 20 Gebinden zu 60 dreielligen Fäden, 
alſo aus einem einzigen 3600 Ellen langen Faden und iſt 
mit 36 andern, bereits zu Tuͤchern verwirkten Strehnen, 
aus dem durch die Thauroͤſte behandelten vorliegenden Flachs 
auf einem ganz gewoͤhnlichen Galgenrade geſponnen worden. 
16 ſolche Strehne wogen 1 Pfund und der vorliegende hat 
ebenfalls nur 2 Loth Gewicht. Dennoch zeigte der Faden 
bei allen eine ſo große Feſtigkeit, daß er nur aͤußerſt ſelten 
und dann ſtets nur in Folge von zufälligen Unregelmaͤßig— 
keiten beim Weifen zerriß, ſo wie auch unſer vorliegender 
Strehn keinen einzigen Knoten enthaͤlt. Gern legte ich 
auch einen mit derſelben Genauigkeit geſponnenen Strehn 


1 


des durch die Waſſerroͤſte zubereiteten Flachſes vor; allein 
dieſer war ſchon im Winter 1834 bis 1835 faſt gaͤnzlich 
aufgeſponnen worden und hatte ſich durch ſeine ganze Be— 
ſchaffenheit dabei ſo wenig ausgezeichnet, daß man gar nicht 
darauf verfallen war, nur zu verſuchen, ob ſich aus ihm 
etwa ein einigermaßen feinerer Faden werde gewinnen 
laſſen. 


2. 


Jahresbericht, 


am Stiftungsfeſte der Naturforſchenden Geſellſchaft des Oſterlandes 
den 6. Juli 1836 vorgeleſen vom Seecretaͤr J. H. Apetz. 


Hochgeehrteſte Herren, 


Hat es bisher ſcheinen wollen, als ſei die Herſtellung 
einer Raturalienſammlung ein Hauptzweck unſeres natur— 
wiſſenſchaftlichen Vereins, ſo liegt dies in der Natur der 
Sache. Zur Arbeit gehoͤrt Arbeitszeug. Wenn der Geſell 
ſich um die Meiſterſchaft bewirbt, daß er ſich die eigne Werk— 
ſtaͤtte gründe, fo iſt es feine angelegentlichſte Sorge, ſich 
ſelbſt mit Aufopferung ſeines letzten Rothpfennigs ein gutes, 
vollſtaͤndiges Handwerkszeug anzuſchaffen, damit er zu feiner 
erſten Empfehlung ein tuͤchtiges Meiſterſtuͤck verfertige und 
dann mit andern Meiſtern, die im Beſitz einer wohlausge- 
ruͤſteten Werkſtaͤtte find, gleichen Schritt halten koͤnne, nicht 
aber von ihnen, ſelbſt wenn ſie an Kenntniſſen und Fertig— 
keiten ihm nachſtehen ſollten, uͤberfluͤgelt werde. Eben fo 
iſt es auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft. Nicht Pedanterei 
iſt es oder Buͤcherſucht, wenn der unvermoͤgende Philolog 
fi) und die Seinigen auf die nothwendigen Lebensbeduͤrf— 
niffe beſchraͤnkt und ſich den edleren Vergnuͤgungen der Ge— 
ſelligkeit entzieht, in welchen ſo mancher ſeine werthvollſten 
Freuden und einen Theil ſeiner Lebensbeſtimmung ſucht und 
findet. Man verlangt von ihm, daß er mit der Wiſſenſchaft 
fortgehe, und legt einen Werth darauf, wenn er ein nicht 
ungewichtiges Wort unter den Männern feines Faches führt. 
Aber dann muß er ſich ja moͤglichſt bald der Reſultute be— 
- * 65 0 r 


— — 


maͤchtigen, die andre gewonnen, und die Irrwege kennen 
lernen, auf die auch er gerathen koͤnnte, daß er nicht mit 
jahrelangem Forſchen und Arbeiten nach einem Schatze grabe, 
den andre laͤngſt gehoben, und nicht einen Weg mit einem 
empfindlichen Verluſte an der unwiderbringlichen Zeit fort— 
ſetze, auf dem andre ſchon die Regative erkannt haben, daß 
er nicht zum Ziele fuͤhrt. Woher ſoll er nun dieſe Kennt— 
niſſe und Erfahrungen entnehmen? Will er ſich nicht mit 
den ſo unzuverlaͤſſigen und unzureichenden Nachweiſungen 
kritiſcher Zeitſchriften und Journale begnuͤgen, ſo muß er 
aus den Quellen ſchoͤpfen, er muß Buͤcher, oft ſehr theure 
Bücher kaufen. Denn lebt er auch in einer Stadt, wo 
oͤffentliche Bibliotheken ihn unterſtuͤtzen, ſo haben ohne Zweifel 
andre, außer ihm, gleiche Bedürfniffe, und doch kann ein 
Werk immer nur einer benutzen. So ſchafft er ſich eine 
Menge von Buͤchern an, von denen manche lange Zeit uns 
benutzt als ein todtes Capital auf ſeinen Regalen ſtehen, 
bis der Augenblick kommt, wo er ſie zu ſeinem und der 
Wiſſenſchaft Nachtheil Pa würde, wenn er nicht zeitig 

auf die Zukunft bedacht geweſen wäre, Eines ſolchen Ruͤſt⸗ 
zeugs, nur eines noch umfaſſenderen und koſtſpieligeren, zu 

deſſen Anſchaffung ſelten die Mittel eines Privatmannes aus⸗ 

reichen, bedarf nun auch, wer ſich mit naturwiſſenſchaftlichen 

Studien beſchaͤftigt. Dies find Bücher und Sammlungen. 
Im Gefuͤhl dieſes Beduͤrfniſſes ſind wir denn zeither bemuͤht 
geweſen, unſern Sammlungen einen Grad von Bollftandigfeit- 
zu geben und fie fo zu ordnen und aufzuſtellen, daß fie je- 
nem angedeuteten Zwecke einigermaßen entſprechen. Ber 

Schauen wir nun auf das vergangene Jahr zi 

fragend, was in demſelben fuͤr unſre Sammlungen geſchehen 
und geleiſtet worden ſei, fo kann uns dieſer Ruͤckblick nur 
Freude und Befriedigung gewähren. Mehrere Theile unſerer 
Sammlungen ſind weſentlich bereichert . empfindliche Lücken. 
ausgefuͤllt worden. Zuerſt gedenken wir mit ehrfurchtsvollem 
Danke der werthvollſten Gabe, deren wir uns zu erfreuen 
gehabt und die wir der Gnade unſeres Erhabenen. Lan⸗ 
desvaters, des Durchlauchtigſten Herzogs verdan— 


sie 


ken. Es iſt dies eine ziemlich vollſtaͤndige Sammlung von 
Petrefacten der Jura- und Lias formation. Wir erhielten 
ſie durch Vermittelung Sr. Exellenz des Herrn Geheimenrath 
von Braun, deſſen wohlwollende Theilnahme fuͤr unſern 
Verein auch kuͤnftig zu verdienen und zu genießen einer 
unſrer angelegentlichſten Wuͤnſche fein wird. Dieſe Samm— 
lung zaͤhlt circa 1600 Stück in 576 Species und 97 Ge⸗ 
ſchlechtern, und hat einen Zfachen bedeutenden Werth, zuerſt 
durch ihre Vollſtaͤndigkeit, da ihr nur die ſeltenſten von den 
in dieſer Formation bis jetzt gefundenen Stuͤcken fehlen, dann 
durch die charakteriſtiſchen Exemplare, wie fie nur ein gründs 
licher Kenner auswählen konnte, und endlich durch ihre claſſi— 
ſchen Beſtimmungen. Sie iſt naͤmlich aus dem ungeheuer 
teichen Nachlaß des zu Regensburg verſtorbenen Oberſt-Berg⸗ 
sath von Voith von einem unſerer größten Petrefactenkenner, 
dem Herrn Grafen von Muͤnſter zu Baireuth, dem die 
Veraͤußerung jener Sammlung übertragen war, ſelbſt aus⸗ 

geſucht, ſyſtematiſch geordnet und beſtimmt, und fie hat 
demnach claſſiſchen Werth. Welche Freude für den Petre— 
factologen, bei einem Studium, das gerade in unſern Tagen 
eine ſo hohe Wichtigkeit erlangt hat, auch einen ſo reichen 
Apparat in unſerm Muſeum zu finden! — Bedeutendere 
Bereicherungen unſrer mineralogiſchen Sammlungen ſind ferner 
eine ſchoͤne Suite Mineralien aus Saska im Kroſſovaer Co— 
mitat in Ungarn, vom Herrn Bergmeiſter Schmidt daſelbſt. 
Der freundliche Geber, correſpondirendes Mitglied unſter 
Geſellſchaft hat uns Hoffnung zu aͤhnlichen Lieferungen ge— 
. Sodann muͤſſen wir dankbar einer geognoſtiſchen 
Suite aus der Gegend von Dresden gedenken, welche wir 
von unſerm Mitgliede, dem Herrn Artilleriearzt Präsfe das 
ſelbſt durch die Guͤte des Herrn Apothekets Baumann erhal⸗ 
ten haben. 

Nicht wenige, zum Theil ſehr ſeltne und prachtvolle 
Acquiſitionen hat unfre ornithologiſche Sammlung gemacht. 
Vom Koͤniglich Riederlaͤndiſchen naturhiſtoriſchen Muſeum 
erhielten wir eine als Aequivalent fuͤr eine von uns dorthin 
abgegangene Sendung eine bedeutende Anzahl exotiſcher, meiſt 


oſtindiſcher Vögel, welche theils durch ihre Schönheit, theils 
durch ihre Seltenheit, theils auch ina ndrer Hinficht, wie Gal- 
lus Bankiva als muthmaßlicher Stammvater unſres Haus— 
hahns, von großem Intereſſe ſind. Einige andere ſchoͤne 
Sardiſche Vögel wurden uns von Herrn Kuͤſter in Er— 
langen, ein Theil der Schaͤtze, welche dieſer Raturforſcher 
von ſeiner Reiſe nach Sardinien zuruͤckgebracht hat, zum 
Geſchenk uͤberſandt. Eine Suite ſchoͤner Ungariſcher Vögel 
haben wir durch die Güte des Herrn Edlen von Foldvary 
zu Peſth in Ungarn, einem eifrigen und wohlunterrichteten 
Ornithologen, in ausgezeichneten Exemplaren erhalten. Auch 
ziert jetzt ein herrliches Exemplar von Paradisea apoda, 
Geſchenk unſres verehrten Mitgliedes, des den Naturforfchern, 
insbeſondre den Entomologen ruͤhmlichſt bekannten Herrn 
Kaufmann Sommer zu Altona, unſre Sammlung. N 

Von unſerm Durchlauchtigſten Herzog erhielten wir 
eine durch den Hegeteuter Guͤnther in Schmoͤlln zuſammen⸗ 
gebrachte und von ihm erkaufte Eierſammlung zum Geſchenk, 
welche nun in Verbindung mit den Eiern, die wir ſchon 
beſaßen, eine nicht unanſehnliche, doch faſt allein “uf deutſche 
Arten ſich beſchraͤnkende Sammlung bildet. 

Uibrigens iſt kein Theil unſerer e ere ganz 
leer ausgegangen, und für manche derſelben find Vermeh⸗ 
rungen vorbereitet, die wir im fünftigen Jahre zu beichten 
haben werden. 

Fragen wir nun, bis zu welchem Grade von Bells 
ftändigfeit unfre Sammlungen dermalen gelangt find, ſo iſt 
nicht außer Acht zu laſſen, daß Vollſtaͤndigkeit auf dieſem 
unendlichen Felde etwas Unerreichbares iſt. Vollſtaͤndigkeit 
iſt uͤberhaupt ein relativer Begriff, der nach Mitteln und 


Zbwecken beſtimmt werden muß. Es müßte daher als eine 


Thorheit erſcheinen, wollten wir an unſer Muſeum den 
Maasſtab anlegen, nach welchem große Centralmuſeen, wie 
die zu Paris und London, zu Wien und Berlin zu bemeſſen 
find, wenn wir leſen, daß für das ſchon ſo reiche pariſer 
Muſeum ohnlaͤngſt folgende e vom eh ge⸗ 
macht worden ſind: } in d ana 


— u 
Vergrößerung des Terrains 795,240 Franken. 
Gallerie fuͤr die Mineralogie 700,000 — 
Warme Gewaͤchshaͤuſer 393,000 — 
Verſchiedene Reſtaurationen 212,994 — 


Waſſerleitung, Umfaſſungsmauern, Agen⸗ 
turgebühren, unerwartete Ausgaben 448,705 — 
Nöthig erachteter Zuſchuß 585,000 — 


Summe 3,134,939 Franken. 


waͤhrend wir, einzelne großmuͤthige Unterftügungen abgerech⸗ 
net, deren mit gebührendem Danke im letzten Jahresberichte 


gedacht worden iſt, alljährlich nur über 194 Rthlr. beſtimmter 


Einnahme zu disponiren und davon Miethe, Heizung, Be— 
dienung, Aufwand an Journalen und Conſervations- und 
Correſpondenzkoſten zu beſtreiten haben. Dennoch ſind wir 
allmaͤhlig zu einem Schatze von Buͤchern und Naturalien 
gelangt, von deſſen Werthe Sie ſich heute uͤberzeugen konn— 
ten. Dies iſt der Segen jenes edeln Liberalismus im Reiche 
der Wiſſenſchaft, der aus reiner Begeiſterung für die hoͤhern 
geiſtigen Beſtrebungen uberall Herz und Hand zum Geben 


- Öffnet, wo man zu geben hat, um den Forſcher auf feiner 


Bahn zu unterftügen und ihm weiter zu helfen, wo man, 
ohne aͤngſtlich den pecuniaͤren Werth der Gabe und die 


daraus möglicherweife reſultirenden Vortheile zu berechnen, 


hingiebt, was man um keinen Preis verkaufen würde, und 
nicht erhandelt, wenn eine profane Hand darnach greift, wo 
jeder Gewinn als ein Gewinn fuͤr Alle geachtet wird, die 
der Wiſſenſchaft Juͤnger ſind, und jeder Schritt, den der 
eine vorwaͤrts thut, allen geiſtig Verbundenen forderlich iſt. 
\ Glauben Sie ſicherlich, Verehrte Anweſende, hätten wir nur 
wenigſtens über das Alterum lantum unſerer geringen Ein— 
nahme zu verfuͤgen, daß wir ſo manche Handreichung und 
mechaniſche Arbeiten um Geld verrichten laſſen und unſern 
Tauſchverkehr erweitern koͤnnten, waͤhrend ſich jetzt Mitglieder 


allerlei Muͤhwaltungen unterziehen muͤſſen mit einem Opfer 


von Zeit, das ſie zwar zum Beſten des Vereins gern brin— 
gen, aber nicht ohne ſorgliche Ruͤckſicht auf ihre Pflichten, 


> Mi; = 


die fie als Beamte und Familienvaͤter haben, — gewiß 
wollten wir bei dem jetzigen Stande und den ausgebreite— 
ten Verbindungen der Geſellſchaft in kurzer Zeit Sammlun⸗ 
gen herſtellen, deren ſich unſer Vaterland nicht zu ſchaͤmen 
haͤtte, Sammlungen, die fuͤr den theoretiſchen eben ſo, wie 
für den praktiſchen Raturforſcher von großem Nutzen fein 
würden, und mit deren Hülfe mancher unſrer heranwachſen— 
den Jünglinge, in deſſen Seele die Liebe zur Naturwiſſen— 
ſchaft vom mächtigen Hauche der Zeit entzuͤndet worden iſt, 
Erſprießliches ja wohl Ruhmwuͤrdiges leiſten koͤnnte. In 
einzelnen Zweigen haben auch in der That unſre Samm— 
lungen einen Grad von Vollſtaͤndigkeit erlangt, bei dem wir 
uns beruhigen koͤnnen. So werden uns z. B. von den 
deutſchen Voͤgeln wenige fehlen, und wir wuͤrden ſie noch 
vollſtaͤndiger beſitzen, wenn unſre fo oft und angelegentlich 
ausgeſprochenen Bitten früher dieſelbe freundliche Beruͤckſich⸗ 
tigung gefunden haͤtten, als es in der letzten Zeit der Fall 
geweſen iſt. Für andre Theile unſrer Sammlungen hat fuͤr 
den Augenblick unſerer finanziellen Verhaͤltniſſe wegen wenig 
gethan werden koͤnnen, da das Anſchaffen von Aufbewah— 
rungsſchraͤnken einen zu großen Aufwand erfordert; fie muͤſſen 
alſo warten, bis ſich unſre Finanzen beſſer geſtalten. 

Richt minder wichtig iſt, was für die geordnete und 
uͤberſichtliche Aufſtellung im verfloſſenen Jahre gethan wurde. 
Durch die guͤtigen Bemühungen des Herrn Rath und Kam 
merverwalter Zinkeiſen iſt nun die Mineralienſammlung, 
oryktognoſtiſche ſowohl, als geognoſtiſche in der beſten Ordnung, 
und der vollſtaͤndige, wohleingerichtete Katalog zeugt von 
deren Reichthume. Zwar ſagt das Syſtem von Breithaupt, 
nach dem fie geordnet wurde, nicht jedem Sammler zu.. 
Allein immer iſt Breithaupt ein anerkannter Mineralog und 
ſein Syſtem daher von Bedeutung. Rach irgend einem 
Syſteme mußte ſie aber doch geordnet werden, und ein andres 
Syſtem hätte vielleicht wieder einem andern Mineralogen 
nicht zugeſagt. Der Kenner wird ſich auch in dieſem Sy— N 
ſteme zurecht finden, und fuͤr den Richtkenner iſt es gleich- 
gültig, ob die Goldſtufen in dieſem oder in jenem Kaſten 


er 


liegen. Die Vögel find zum Theil zweckmaͤßiger aufgeftellt, 
und inſoweit es die Raͤumlichkeit geſtattete, mehr nach ihren 
Familienverwandtſchaften zuſammengebracht. Auch die Kon— 
chylien haben im Herrn Expedienten Neefe einen Freund ge— 
funden, der ſich der verwaiſten mit ausgezeichnetem Eifer 
angenommen, mit vieler Muͤhe einige conchyliologiſche Werke 
von auswaͤrts herbeigeſchafft und die vorhandenen Konchy— 
lien beſtimmt und in eine gar nette Ordnung gebracht hat. 
Freilich ſind wir vornaͤmlich an Muſcheln noch ſehr arm; 
indeſſen laßt ſich nun auch dieſe Sammlung bequemer bes 
nutzen, und es iſt leichter geworden, fuͤr eine zweckmaͤßige 
Vermehrung Sorge zu tragen. Das Herbarium mußte nach 
Lohma wandern zu unſerm lieben, bewaͤhrten Freunde, dem 
Herrn Paſtor Dr. Winkler, der es einer ſorgfaͤltigen Reviſion 
unterworfen, die zeither eingegangenen zahlreichen, zum Theil 
ſehr ſchoͤnen und ſeltenen Pflanzen einrangirt und es uns 
in beſter Ordnung zuruͤckgeſendet hat. So iſt es uns denn 
durch vielfache gemeinſchaftliche Bemuͤhungen gelungen, das 
einſt durch reinen, uneigennuͤtzigen Eifer fuͤr die reizendſte 
aller Wiſſenſchaften gegruͤndete und mit ſeltner Ausdauer 
fortgefuͤhrte Werk weſentlich weiter zu foͤrdern und unter— 
ſtüutzt von dem ſchoͤneren, günftigeren Locale in unſerm Mus 
ſeum eine Ordnung und Zweckmaͤßigkeit herzuſtellen, deren 
ſich daſſelbe noch nie zu erfreuen gehabt. Auf dieſem Grunde 
wird ſich kuͤnftig mit weniger Beſchwerde und mit lohnen— 
derem Erfolge fortbauen laſſen. 

Unabweislich draͤngt ſich uns aber hier die Frage auf: 
Für wen find denn eigentlich dieſe Sammlungen? Vielleicht 
für Männer von Fach und namhafte Naturforfcher ? — 
Meine Herren! Wenn alle die Maͤnner, die unſern Verein 
bilden und die uns nicht blos in hoͤflichen Worten, ſondern 
durch thaͤtige Beweiſe bezeugt haben, daß ſie uns anzuge— 
hoͤren ſich zur Ehre und Freude rechnen, wenn dieſe alle in 
unſerer Stadt verſammelt lebten, dann duͤrften wir uns kuͤhn 
mit den meiſten Anſtalten dieſer Art meſſen. Allein dem 
iſt ja nicht ſo, und den Kern und die Seele der Geſell— 
ſchaft bilden immer nur die einheimiſchen Mitglieder und 


mu. 


die Verwaltung. Blicken wir nun auf dieſen kleinen Kreis, 
ſo begeben wir uns gern mit einzelnen Ausnahmen, die 
namhaft zu machen eben fo unnöthig, als verletzend fein 
dürfte, des Anſpruches auf wiſſenſchaftliche Geltung. Sollte 
demnach unfre Sammlung nur für dieſe Minderzahl beſtimmt 
fein, dann legte fie aller ihrer Vorzüge ungeachtet unwider⸗ 
ſprechlich Zeugniß ab von einer Unweisheit, die bedeutende 
Mittel zu beſchraͤnkten Zwecken verſchwendet. Oder ſind 
unſre Sammlungen für die große Menge? Dann koͤnnte 
man uns mit Gukkaſtenmaͤnnern vergleichen, die artige Bil— 
der und allerlei huͤbſche oder ſonderbare Saͤchelchen aufſtellen, 
um damit die Schauluſt neugieriger und muͤßiger Gaffer zu 
befriedigen. Dies wird niemand von uns erwarten und 
verlangen. Wiewohl eine ſolche Sammlung iſt im Kleinen, 
was die Natur im Großen. Jeder ſchaut mit feinen 
Augen hinein und nimmt mit ſich hinweg, was er empfin⸗ 
den und begreifen kann, und wie nun einmal der beſchraͤnkte, 
kleinliche Sinn iſt, ſchon mancher wurde durch die Bes 
trachtung eines einzelnen, durch Schoͤnheit oder Sonderbar⸗ 
keit ausgezeichneten Geſchoͤpfes von Ahnungen ergriffen und 
zu Gefühlen bewegt, die er dort im großen, heiligen Tempel 
der Ratur kaum noch ſo lebhaft empfunden. Wir haben 
daher nie jemand, der Intereſſe für dieſe Gegenſtände ver— 
rieth, den Eintritt in unſre Sammlung verſagt, wenn er 
nachgeſucht wurde und unter den durchaus nothwendigen 
Rüͤckſichtsnahmen und Beſchraͤnkungen Statt finden konnte. 
Das Publicum alſo, für welches unſre Sammlungen am 
nuͤtzlichſten werden koͤnnen, find die gebildeten Naturfreunde 
unſers Vaterlandes, die hier ſich erheitern, ihre Kenntniſſe 
vermehren und ſich über einzelne Raturgegenſtaͤnde oder über 
Raturgeſchichte im Allgemeinen unterrichten wollen. Auf fie 
haben wir daher immer beſondere Ruͤckſicht genommen und 
ihnen den Beſuch des Kabinets auf jede Weiſe zu erleich— 
tern geſucht. Konnte dies dennoch nicht immer ganz fo ge— 
ſchehen, wie wir wuͤnſchten, ſo lag die Schuld gewiß nicht 
an unſerm Willen, ſondern theils in den Garantieen, unter 
welchen allein der Beſuch ſolcher Kabinette geſtattet werden 


— 2 


kann, theils im Mangel an Zeit der Mitglieder, um die 
Betrachtung dieſer Sammlungen oͤfters moͤglich und zugleich 
lehrreicher zu machen. Dieſem Publikum galt denn auch 
das ohnlaͤngſt gemachte Anerbieten, einzelne Theile der Samm— 
lungen zu gewiſſen feſtgeſetzten Stunden, verſteht ſich unent— 
geltlich, zu beſuchen und ſich dort über die aufgeſtellten. 
Gegenſtaͤnde zu belehren. Es iſt uns ſehr erfreulich gewe— 
ſen, daß man von dieſem Anerbieten Gebrauch gemacht 
hat. Wir werden auch kuͤnftig dieſen Beſuch gern geſtatten, 
das Kabinet in gleicher Weiſe oͤffnen und die zum Beſuch 
beftimmten Tage vorher im hieſigen Amts- und Nachrichtss 
blatte oͤffentlich bekannt machen. Auch Jugendlehrern, welche 
ihren Schuͤlern durch eigene Anſchauung von den im Un— 
terricht geſchilderten Gegenſtaͤnden gern lebendigere und blei— 
bendere Vorſtellungen verſchaffen moͤchten, wird das Kabinet 
auf Verlangen gern geöffnet. Da jedoch die Jugend nicht 
ſelten zum Begreifen mit der Hand geneigter iſt, als zum 
Begreifen mit dem Verſtande, fo kann immer nur einer Fleiz 
neren Anzahl von Kindern der Zutritt geſtattet werden. 

Unſere Verbindungen mit auswaͤrtigen Freunden ſind 
in dem verfloſſenen Jahre ziemlich lebhaft geweſen. Wir 
haben nicht nur oͤfters ſchaͤtzbare Zuſchriften erhalten, ſondern 
manche von ihnen haben auch Abhandlungen von großem 
Intereſſe eingeſandt, die in den Monatsſitzungen mitgetheilt 
worden ſind. Auch haben uns mehrere auswaͤrtige natur— 
wiſſenſchaftliche Vereine fortwaͤhrend durch Ueberſendung ihrer 
Geſellſchaftsſchriften ihre Theilnahme bewieſen. 

Wenn wir nun die Summe des Intereſſanten und 
Wiſſenswerthen, was im Verlaufe eines Jahres in unſern 
Verſammlungen zur Sprache gebracht wird, uͤberblicken und 
bedenken, daß es doch nur zur Kenntniß der wenigen Mit⸗ 
glieder Aelungk; welche in den Verſammlungen gegenwaͤrtig 
waren, ſo müſſen wir allerdings beklagen, daß wir noch 
kein Mittel beſi iten, durch welches dieſe Gegenſtaͤnde zur 
Kunde auch der entfernteren Mitglieder gebracht werden 
koͤnnten, ich meine keine Geſellſchaftsſchriften. Dieſes Be— 
dürfniß wurde denn auch im vergangenen Jahre fo lebhaft 


— 29 — 


empfunden, daß die vom Herrn Kammerrath Waitz ange⸗ 
regte Idee, es möchten ſich die drei hieſigen Vereine, der 
Kunſt⸗ und Handwerksverein, der pomologiſche Verein und 
die Raturforſchende Geſellſchaft zu gemeinſchaftlicher Heraus⸗ 
gabe einer Zeitſchrift vereinigen, ziemlichen Anklang fand. 
In der Hauptſitzung den 9. Maͤrz dieſes Jahres beſchloß 
daher die Naturforſchende Geſellſchaft, zweien ihrer Mitglie- 
der, dem Herrn Dr. Brand und mir als dem Secretaͤr der 
Geſellſchaft, den weitern Betrieb dieſer Angelegenheit zu 
übertragen. Herr Kammerrath Waitz übernahm es, die Pos 
mologiſche Geſellſchaft und den Kunſt- und Handwerksverein 
zu veranlaſſen, ein Gleiches zu thun; dann koͤnnten dieſe 
ſechs Committenten zuſammentreten, das Ob? und Wie? 
berathen und den drei Geſellſchaften das Reſultat ihrer Be— 
rathungen mittheilen. Dieſe Verſammlung fand denn auch 
ſpaͤter unter Vorſitz des Herrn Kammerrath Waitz im Lo— 
genhauſe Statt. Es ſtellten fi) da freilich mehrere bedeus 
tende Schwierigkeiten heraus. Abgeſehen davon, daß Zweck 
und Publikum, ſomit auch innere Einrichtung dieſer Zeitſchrift 
fo zu beſtimmen, daß man ſich von ihr ein Gedeihen vera 
ſprechen duͤrfe und doch die Intereſſen, welche jede einzelne 
Geſellſchaft bei der Herausgabe einer ſolchen Zeitſchrift zu 
verfolgen habe, bewahrt werden koͤnnten, — abgeſehen alſo 
davon, daß dies keine leichte Sache ſei, fo konnte auch die 
Naturforſchende Geſellſchaft bei ihren jetzigen finanziellen 
Verhaͤltniſſen ſich nicht zu einem einigermaßen bedeutenden 
Aufwand fuͤr dieſen Zweck entſchließen. Indeß erklaͤrte ſie 
ſich mit der Zweckmaͤßigkeit eines ſolchen Unternehmens voll— 
kommen einverſtanden und zur Befoͤrderung deſſelben nach 
Kraͤften bereit. 

Roch. habe ich uͤber die Perfonalveränderungen zu bes 
richten, welche im Verlaufe dieſes Jahres Statt gefunden 
haben. Im Beamtenperſonal in der Hauptſitzung am zwei⸗ 
ten Mai iſt nur eine Veraͤnderung beliebt worden, wie ſie 
nach unſern Statuten eintreten mußte. An die e 
lich des ftatutenmäßig aus dem Directorium aus ſcheidenden 
Herrn Kammerraths Waitz wurde Herr Vicepräſident Geute⸗ 


bruͤck zum Director erwaͤhlt. Da Herrn Oberfteuerbuchhalter 
Meyer ſeine Amtsgeſchaͤfte nicht erlaubten, die Kaſſe noch 
ferner zu verwalten, ſo uͤbernahm dies Geſchaͤft Herr Senator 
Dr. med. Brandt. Sonach fungiren jetzt folgende Beamte: 


Herr Sekretaͤr Bechſtein. 

„Kammerherr und Lanzjaͤgermeiſter 
Graf von Beuſt. 

„ Vicepraͤſident Geutebrück. 
„ Gpymnaſialprofeſſor Dr. Apetz. Secretaͤr. 
„ Medicinalrath Dr. Winkler. Bibliothekar. 
„Senator Dr. med. Brandt. Caſſirer. 
⸗Gelbgießer Schlegel. Aufſeher der Sammlungen. 


Von einheimiſchen Mitgliedern wurde uns Herr Zehnd⸗ 
ner, Beſitzer des Gaſthofes zum rothen Hirſch durch den 
Tod entriſſen. Vier einheimiſche Mitglieder traten aus vers 
ſchiedenen Gründen aus unſerer Mitte, naͤmlich: 1) Herr 
Dr. med. Bernhardi. 2) Herr Gutsbeſitzer Heinke 
in Gardſchuͤtz. 3) Herr Rathsaſſeſſor Hempel und ) 
Herr Forſtcommiſſaͤr Kamprad. Dagegen wurden unter 
die einheimiſchen Mitglieder im Verlaufe dieſes Jahres auf⸗ 
genommen: 1) Herr Generalſuperintendent und Conſiſtorial⸗ 


Directorium. 


rath Dr. Heſekiel. 2 Herr Landſchaftsſyndicus Haupt. a 


3) Herr Landesjuſtizrath Wagner. 


Auch ein auswaͤrtiges Mitglied verloren wir durch den 
Tod, Herrn Advorat Baͤske zu Schmolln. 


Von unſern Ehren- und correſpondirenden Mitgliedern 
iſt auch fo manches heimgegangen, unter ihnen der ehrwuͤr— 
dige Veteran deutſcher Naturforſcher, der Geheimerath von 
Paula -Schrank zu Muͤnchen, einer der Sterne erſter 
Groͤße am naturwiſſenſchaftlichen Himmel, deſſen erregende 
und überall hin Licht verbreitende Wirkſamkeit in die Zeit 
fiel, mit der jener gewaltige Umſchwung der Naturwiſſen⸗ 
ſchaften begann, in deſſen Folge ſie die glaͤnzende Hoͤhe er⸗ 
reicht haben, auf welcher ſie ſich namentlich auch in Deutſch⸗ 
land jetzt befinden. f 


I 
1 


— 4 — 


Neu aufgenommen wurden als Ehrenmitglieder: 
1) Herr von Boͤninghauſen, terme zu 
Muͤnſter. 
2) Herr J. J. von Littrow, Director der K. K. 
Sternwarte und Profeſſor der Aſtronomie zu Wien, 
als correſpondirende Mitglieder: 
4) von Bulmerincq, kaiſerlich ruſſiſcher Hofrath, Dr. 
med. und Ritter ꝛc. 
2) Herr Dietz, Silberbewahrer Sr. Majeſtaͤt des Koͤ— 
nigs Otto I. von Griechenland zu Athen. 
3) Herr Genth, Forſtcandidat von der Platte bei Wies— 


baden. 
4) Herr Harzer, Kupferſtecher und Entomolog zu 
Dresden. N f 


5) Herr Kuͤſter, Raturforſcher zu Erlangen. 8 

6) Herr K. L. von Littrow, Aſſiſtent bei der K. K. 
Sternwarte zu Wien. 

7) Edler von Roſthorn, Mineralog A eee 
in Kaͤrnthen. 

8) Herr Wirtgen Lehrer zu Koblenz. 

Bei dem Reichthume des vorliegenden Stoffes konnten 
in dem diesjaͤhrigen Berichte nur Andeutungen gegeben wer— 
den; ich hoffe jedoch nichts uͤbergangen zu haben, deſſen Er— 
waͤhnung an dieſer Stelle entweder dem Einzelnen oder dem 
Vereine wuͤnſchenswerth ſein mußte. Sie ſehen aber aus 
dieſen theils an Erlebtes erinnernden, theils die Weiſe und 
den Erfolg unſerer Thaͤtigkeit bezeichnenden Andeutungen, daß 
ein reiches und in Wahrheit gluͤckliches Jahr beſchloſſen 
worden iſt. Sie ſehen, die Beamten der Geſellſchaft find bes 
müht geweſen, das in ſie geſetzte Vertrauen zu rechtfertigen, 
rechnen aber auch auf guͤtige Rachſicht, wenn ihnen Pflich⸗ 
ten des Amtes und Hauſes es unmöglich machten, in dem 
Umfange und ſo puͤnktlich die Geſchaͤfte der Geſellſchaft zu 
beſorgen, als ſie es wuͤnſchten und als es das Intereſſe 
des Vereins wohl erfordert haͤtte. Gern wollen ſie auch 
ferner, ſo weit ſie es vermoͤgen, dazu beitragen, daß die 
Achtung, welche die Raturforſchende Geſellſchaft des Ofter- 


— 


Pan. 


landes zu Altenburg weithin genießt, ferner beſtehe, daß 
die Schaͤtze, welche ſie erworben hat, erhalten und vermehrt 
werden, daß ihre wiſſenſchaftliche Thaͤtigkeit ſich mehr und 
mehr erhoͤhe und an Fruchtbarkeit gewinne, und ſie ein 
für Stadt und Land erfreulicher Beweis ſei, daß in ſich 
wuͤrdige Zwecke, wenn ſie mit reinem Sinne aufgefaßt und 
mit einer Begeiſterung, die von kleinlicher Selbſtſucht weit 
entfernt iſt, verfolgt werden, meiſt auch ſolche Beſtrebungen 
belohnende Reſultate herbeifuͤhren. Allen denen, die uns in 
dieſen Bemühungen, auf welche Weiſe es immer fein mochte, 
ſo eifrig unterſtuͤtzt haben, wie es früher kaum noch geſche— 
hen iſt, ſagen wir im Namen der Geſellſchaft den aufrich— 
tigſten Dank, bitten Sie aber auch, uns ferner dieſen Bei— 
ſtand zu leiſten, da der wachſende Umfang dieſes Inſtituts 
auch die Geſchaͤfte auf eine Weiſe vermehrt, daß nur ge— 
meinſchaftliche Kraͤfte ihnen gewachſen fein koͤnnen. 


V. 
Aus dem Protokolle 


uͤber den Sommer-Convent der Pomologiſchen Geſellſchaft 
am 11. Juli 1836. 5 


Bei dem diesjaͤhrigen Sommer-Convente waren im e 


29 Mitglieder und Gaͤſte gegenwaͤrtig. 

Zuerſt beſchaͤftigte das Auge und die Aufmerkſamkeit 
der Blumenliebhaber eine ziemliche Anzahl ausgeſtellter 
blühender Topfgewaͤchſe und Blumen, welche außer 
dem Kammerrath Waitz, dem Hofgaͤrtner Kunze, dem Kunſt— 
gaͤrtner Hauck, dem Kunſtgaͤrtner Reißig und andern Geſell— 
ſchaftsmitgliedern vorzuͤglich auch unſer verehrter Gaft, Kam— 
merherr von Bachoff auf Dobitſchen eingeſendet hatte. 

Die Verhandlungen begannen mit einer Eroͤffnungs— 
rede des Kammerrath Waitz, in welcher derſelbe eine Pa— 


rallele zog zwiſchen dem Zuftande der hieſigen 


Gartenkunſt vor 50 Jahren und gegenwaͤrtig. 
Hierauf lenkte derſelbe die Aufmerkſamkeit der Anweſenden 
auf die Veraͤn derungen, welche unſere Geſellſchaft ſeit 
dem letzten Fruͤhlings-Convente theils durch den Tod des 
Geh. Raths von Brand in Dresden, der unſer Ehrenmit— 
glied war, theils durch den Beitritt des Advokaten Toͤpfer 
hier, des Brauers Koſel in Ehrenberg und des Diakonus 
Hoͤckner in Treben erfahren hat, und knuͤpfte daran das 
Verſprechen, daß in den naͤchſten Wochen ein berichtigtes 


Mitgliederverzeichniß gedruckt und vertheilt werden 
- 3 


* 


ſolle. Auch ſchlage er zur Aufnahme in die Geſellſchaft 
1) den Dr. Rittler hier und 2) den botaniſchen Gaͤrtner 


Baumann in Jena hiermit vor; welcher end allgemeine 


Beiſtimmung fand. 

In Beziehung auf den ſchon früher in Anregung ge— 
brachten Plan, gemeinſchaftlich mit dem hieſigen Kunſt -und 
Handwerksvereine und mit der Naturforſchenden Geſellſchaft 
gegenwaͤrtige Mittheilungen herauszugeben, wurde der 
Vorſchlag des Vorſitzenden, zur theilweiſen Deckung der Ko— 
ſten dieſer Quartalſchrift die Jahres beitraͤge der wirk— 
lichen Mitglieder von 1 Rthlr. Saͤchſ. auf 1 Rthlr. 8 Gr. 
Saͤchſ. zu erhoͤhen, von den Anweſenden gebilligt und die 
weitere Betreibung dieſer Angelegenheit dem Direktorium 
anvertraut. 


Hierauf wurde ein Schreiben unſeres Ehrenmitglie⸗ 


des des regulirten Chorherrn Schmidberger zu St. Flo⸗ 
rian bei Linz vorgeleſen und dabei das vierte Heft ſeiner 
ſchaͤtzbaren, auf ſelbſt gemachte Erfahrungen gegründeten 
Beitraͤge zur Obſtbaumzucht, welches uns derſelbe 
zum Geſchenk uͤberſandt hat, zur vorlaͤuſigen Anſicht herum⸗ 
gegeben; wobei zugleich erwaͤhnt wurde, daß im Laufe des 
letzten Vierteljahres von unſerer Seite unſere früher heraus— 
gegebenen Annalen ſowohl der Gartenbaugeſellſchaft 
in Hannover als dem Landwirthſchaftlichen Vers 


eine im Großherzogthum Baden in Austauſch gegen 


die jenſeitigen Schriften uͤberſendet worden ſeien. ' 
Hieran ſchloß fih ein Vortrag des Candidaten 
Lange über die Reſultate feiner, drei Jahre hindurch forte 
geſetzten Apfelblüthenbeobachtungen, über welche 
derſelbe eine Ueberſichtstabelle zugleich herumgehen ließ, die 
dann zu den Acten genommen wurde. ) Zur Beſtaͤtigung 
des Satzes, daß große und. frühzeitig entwickelte Bluͤthen 
keineswegs alle Mal eine große oder frühe Fruchtſorte be⸗ 
zeichneten, führte der Steuerrath Wagner an, daß die groͤßten 


*) Vortrag und Tabelle find weiter unten abgedruckt zu finden, 


I 


— 33 — 
Sorten ſeiner Pfirſchen meiſt unbedeutende Bluͤthen zeigten 
und daß die fruͤhzeitigeren Pfirſichſorten in der Regel ſogar 
ſpaͤter bluͤheten als die anderen. 

Ebenſo veranlaßte der darauf folgende Vortrag des 
Profeſſors Lange uͤber die Gewinnung neuer 
Culturpflanzen ) einige weitere Verhandlungen, indem 
der Vorſitzende die Vermuthung ausſprach, daß unſe re 


Getreidearten urſpruͤnglich vielleicht einer früheren Erd⸗ 


periode angehoͤrten und deshalb eben nicht mehr wild ange⸗ 
troffen werden koͤnnten. Wahrſcheinlich waͤre das Getreide 
bei einer der fruͤhern Erdkataſtrophen nur im Samen gerettet 
und von da an als Culturpflanze bis auf unſere Zeiten er— 
halten worden. Selbſt die erſt vor mehreren Jahrzehnten 
nach Europa uͤbergeſiedelten Kartoffelarten, deren jetzt in 
Chile noch wild vorkommende Sorten wegen ihrer Bitterkeit 
ganz ungenießbar wären, dürften durch die, dem ganzen 
Andengebirge vorzugsweiſe eigenthuͤmlichen neuern Erdrevolu⸗ 
tionen in ihrer urſpruͤnglichen Heimath untergegangen und 
in ihren eßbaren Arten nur durch ihre fruͤhere Verpflanzung 


nach Europa erhalten worden ſein. Dagegen machte der 


Profeſſor Lange bemerklich, daß wenigſtens ſeit der Ueber⸗ 
ſiedlung der Kartoffeln nach Europa keine Erdrevolution von 
ſolcher Ausdehnung in Amerika Statt gefunden habe, daß 
dadurch der Untergang einer weit verbreiteten Pflanzenart 


wahrſcheinlich werde; und daß, wenn unfere eigene Erfahrung, 
3. B. bei den Georginen und bei verſchiedenen neuern Obſt⸗ 
und Kartoffelſorten, einen weſentlichen Einfluß der Cultur 


auf Umänderung der bisherigen, durch Samen vermehrten 
Pflanzenarten unabweislich darthaͤten, man gewiß berechtigt 
ſei, aͤhnliche Urſachen und Wirkungen auch da vorauszuſetzen, 


wo ſich dieſelben nicht fo unmittelbar nachweiſen ließen. 


AJTn Bezug auf den Wunſch endlich, mit welchem der 
erwaͤhnte Vortrag ſchloß, daß naͤmlich jedes Mitglied, ſo 
weit es feine Verhaͤltniſſe geſtatten, Aus ſaaten von allerhand 


) Iſt gleichfalls unten abgedruckt. Es 


in BE 


vorzüglichen Frucht- und Beerenſorten unternehmen, die 
Früchte der erhaltenen Saͤmlinge abwarten und dann der 
Geſellſchaft darüber Bericht erſtatten möge, meinte der Vor⸗ 
ſitzende, daß vielleicht eine Beſchraͤnkung der Einzelnen auf 
das Ausſaͤen einer einzigen ihnen gerade beſonders angeneh— 
men oder nahe liegenden Fruchtſorte den Vortheil einer groͤ— 
ßeren Sicherheit bei der Beſtimmung des Samens, von 
welchem die etwa neu entſtehenden Spielarten abſtammten, 
darbieten wuͤrde; indeß muͤſſe Alles dem Eifer und der 
Reigung der einzelnen Mitglieder uͤberlaſſen bleiben, und 
die Geſellſchaft würde gewiß jede ihr vorgelegte derartige 
Erfahrung mit Theilnahme und Dank vernehmen. 

Hierauf führte der Vorſitzende im Namen der blumis 
ſtiſchen Commiſſion diejenigen vorzüglichen Blumenarten 
an, welche feines Wiſſens in den letzten Jahren von vers 
ſchiedenen Geſellſchaftsmitgliedern und andern Gartenfreuns 


den neu nach Altenburg verpflanzt worden ſeien 


Hund empfahl darauf zur kuͤnftigen Beachtung lilium exi- 
mium, viola altaica, primula arborea, quisqualis indica 
und nicotiana nyctaginiflora, welche jedoch zum Theil ſchon 

hier in Vermehrung zu haben waren. 

Auf die Anfrage des Vorſitzenden, ob auch anderen 
Anweſenden ihre diesmaligen Hoffnungen auf einen 
ſchoͤnen Roſenflor durch das Abkneipen zahl» 
reicher Knoſpen, beſonders der Pimpinellroſen oder durch 
das ſchnelle Verderben derſelben, in Folge von Sonnenre⸗ 
gen und andern atmoſphaͤriſchen Einflüffen zerftört worden 
ſeien, fuͤhrte der Adjunctus Ranft aus Treben, dieſe Erfah⸗ 
rung beftätigend, an, daß er dieſes Jahr häufig einen ſtroh⸗ 
halmbreiten, langen, ſchwarzen Kaͤfer beobachtet habe, welcher 
die Roſenknoſpen vor dem Erbluͤhen abkneipe; was wiederum 
den Kammergutspachter Loͤhner aus Wilchwitz veranlaßte, 
feine Beobachtungen uͤber den kleinern, ſtahlblauen Käfer | 
mitzutheilen, welcher die jungen ſaftigen Schoͤßlinge der Obſt— 
baͤume abkneipe, nachdem er oberhalb dieſes Schnittes ſein 
Ei in dieſelben gelegt habe. 

Zuletzt theilte der Vorſitzende aus einer engliſchen Zeit⸗ 


5 


. 


ſchrift ein Verfahren mit, wie nach Raſh die Paconia 
Moutan auf die Knollen gewöhnlicher Paͤo nien gepfropft 
werden koͤnnte und forderte die Anweſenden auf, geordnete 
Sammlungen von getrockneten Obſtbaumblaͤt— 
tern anzulegen, um in ihnen für jede Jahreszeit einen Ans 
haltepunkt mehr zur Beſtimmung und Prüfung. der vorhan⸗ 
denen Obſtſorten zu gewinnen. 

Schon war 1 Uhr voruͤber, als der Vorſitzende nach⸗ 
fragte, ob irgend Jemand noch etwas in Vortrag zu brin⸗ 
gen habe; worauf der Profeſſor Lange, als Geſellſchafts— 
Secretair, erwähnte, daß unſer anweſendes Mitglied, Ritter— 
gutsbeſitzer Teichmann aus Muckern ihm heute fruͤh einige 
beachtenswerthe „Vorſchlaͤge zur Sammlung von Auſfſaͤtzen 


und Rachrichten, welche die Obſtbaumkunde betreffen und 


in Zeitſchriften mannigfaltigen Inhalts vorkommen,“ ſo wie 


auch ſchon einen Beitrag zu einer ſolchen Sammlung übers 
geben habe. Da jedoch die Zeit ſchon fo weit vorgeruͤckt 


ſei, fo hoffe er die Zuſtimmung ſowohl des Herrn Teich— 
mann ſelbſt, als der übrigen Anweſenden zu erhalten, wenn 
er dieſe dankenswerthen Gaben einſtweilen zu den Acten 


nehme, um fie in einer der naͤchſten Monatsverſammlungen 


zunaͤchſt den hieſigen Mitgliedern und dann beim nächiten: 
Herbſt⸗Convente der ganzen Geſellſchaft zur weitern 19 1 
tung vorlegen zu koͤnnen. 

Da man mit dieſem Vorſchlage einverſtanden war, je 
ſchloß der Vorſitzende die Sitzung nach r auf 2 Uhr, worauf 


die Anweſenden nochmals zu den im großen Sale ausge⸗ 


ſtellten Blumen, Kirſchen, Erdbeeren und Gurken zurück⸗ 
kehrten und daſelbſt ein e Fr ein⸗ 


nahmen. 


. 


VI. 


Ergebniſſe aus mehrjähriger Beobachtung 
der Aepfelblüte. 
Mitgetheilt beim Sommerkonvent der pomologis 
ſchen Geſellſchaft 1836 
von 
Vobert Lange, Cand, th. 


Meine Herren! 


Einer früheren Aufforderung unſeres Herrn Direktors 
gemäß, lege ich Ihnen heute einige Ergebniſſe der Blütens 
beobachtungen vor, welche ſeit einigen Jahren von meinem 
Bruder und mir in den ſaaraiſchen Gaͤrten gemacht wurden. 
Nebenbei gebe ich noch eine tabellariſche Zuſammenſtellung 
uͤber die Beobachtungen zu den Akten, damit Jeder ſehen 
koͤnne, in welcher Weiſe dieſelben angeſtellt wurden. 

Indem ich nun auf dieſe ſpezielleren Angaben hinweiſe, 
beſchraͤnkte ich mich jetzt darauf, einige allgemeinere Ergebs 
niſſe kurz zuſammenzuſtellen. Was zunaͤchſt das Verhaͤltniß 
der Bluͤte zur Frucht anlangt, ſo zeigt ſich in Hinſicht auf 
die Farbe keineswegs als erwieſen, daß dunkelrothe Bluͤten— 
blaͤtter vor dem Aufbluͤhen, und roͤthliches Geaͤder oder ein 
roͤthlicher Anhauch bei dem Bluͤhen ein ſicheres Kennzeichen 
für eine rothe Frucht zur Reifezeit abgeben. Vielmehr ents 
faltet der rothe Stettiner ſtets eine ſchoͤne, weiße Bluͤte. 
Inzwiſchen hat die Mehrzahl der rothen Aepfel dennoch 
haufig geroͤthete Blüten. 

Aber auch die Annahme, daß behaarte Griffel, ahnlich 
wie bewollte Blaͤtter, auf eine feinere Frucht deuteten, er— 
ſcheint als unbegründet, wenn man zwei ſehr gute Sorten, 
den edlen Winterborſtorfer und die lange, rothgeſtreifte, 
grüne Reinette, genauer pruͤfet und findet, daß beide glatte 
Griffel haben, ſo wie ſie auch beide glatte Blaͤtter treiben. 


wre 


Ein großes Blatt, behauptet man ferner, deutet auf 
eine große Frucht. Warum alſo koͤnnte nicht noch cher 
eine große Blüte auf eine große Frucht deuten? Darum 
wenigſtens gewiß nicht durchgaͤngig, weil der ſchon anſehn⸗ 
liche Safferapfel eine ganz kleine und unanſehnliche Blüte 
zeigt; kleinere Aepfel e wie der Winterſtreifling, große 
Bluͤten bilden. N 

In gleicher Weise uind auch durch meine Beobach⸗ 
tungstabelle die Meinung widerlegt, daß ‚frühzeitige Aepfel 
auch früher blühen müßten, Im Gegentheil: Muskatrei⸗ 
nette und Stettiner entwickeln ihre Blüten viel früher als 
der Suͤßfranke und Safferapfel, und gleichwohl kommen 
jene beiden alle Mal ſpaͤter zur Reife. 

Hieran laſſen ſich noch folgende für den praktiſchen 

Pomologen nicht unwichtige Bemerkungen knuͤpfen, daß 1) 
in dieſem Jahre bei einer, im mittleren Durchſchnitt 14 bis 
16taͤgigen Blütezeit ſich ziemlich viel Früchte anſetzten, waͤh⸗ 
rend man doch behauptet, daß bei ihrer gewoͤhnlich kuͤrzeren, 
etwa acht bis zehntaͤgigen Dauer ein reicherer Obſtgewinn 
zu erwarten ſtehe, weil bei dieſer die Witterung guͤnſtiger 
ſcheine und der uͤble Einfluß von Inſekten beſchraͤnkt ſei; und 
daß 2) viele dauerhaften und groͤberen Sorten, wie der 
Johannisapfel, Stettiner und andere uͤberaus empfindlich 

gegen die heurige Kaͤlte waren, und meiſt erfrorene Griffel, 
ſeltner auch braune Staubfaͤden hatten, waͤhrend doch im 
Widerſpruch zu ihnen die für edler und zaͤrtlicher gehaltes 
nen Sorten, der engliſche Goldpiping, der Winterborſtorfer 
und unſer von Diel unpaſſend ſogenannter Pigeon blanc 
von der Kaͤlte kaum beruͤhrt wurden und ſich recht reichlich 
mit Fruͤchten behaͤngt haben. 

Wir alle haben ferner bemerkt, daß viele Aepfelarten 
kaum einen, andere Arten hinwider 10 und mehr Kerne 
in ſich ſchließen. Woher nun ruͤhrt jener Mangel? Aus 
einem zu großen Mißverhaͤltniß zwiſchen Staubfaͤden und 
Griffeln, bei dem dann, zumal wenn die Griffel ſehr weit 
getheilt ſind, immer die in nig in Maste Weiſe 
ſtattfinden kann. 


— 


a 
— 240 — 


Run noch die Angabe, daß wir in dem Pfarrgarten 
zu Saara unter dem Namen Schmalzapfel einen Baum 
ſtehen haben, welcher wie der Feigenapfel ohne Bluͤte, oft 
gar kein, oft nur ein oder zwei, ſelten aber fünf Blütens 
blaͤtter ausbildet. Dies uͤber eine feltnere Spielart. 
Fur einige Hauptarten aber laſſen ſich gewiß auch 
nach der Zeit ihrer Blüte und der Belaubtheit bei derſelben, 
nach Griffeln und Staubfaͤden, nach Kelchblaͤttern und Blu— 
menblaͤttern mancherlei Merkmale aufſtellen, durch welche 
dieſe oder jene Sorte fuͤr den rechten Pomologen auch ohne 
Früchte kenntlich werden kann. Indeß bin ich auch vollkom— 
men uͤberzeugt, daß eine etwaige Eintheilung der Aepfelſor— 


ten nach der Blüte ganz unraͤthlich fein würde, da ſaͤmmt⸗ 


liche Verſchiedenheiten der Bluͤtenbeſtandtheile wenig in die 
Augen fallen, und da von Ratur zuſammengehoͤrige Arten 
bei dieſem einſeitigen Eintheilungsgrund abermals aus eins 
ander geriſſen werden muͤßten. 

Rehmen Sie, meine Herren, dieſe kurze, loſe verbun— 


dene Zuſammenſtellung von Angaben mit Guͤte auf, und 


ſchenken Sie auch der mehr geordneten Tabelle, welche ich 
hiermit zu den Akten gebe, eine freundliche Rachſicht. 


* 


VII. 
Ueber die Gewinnung neuer Culturpflanzen. 


Vorgetragen am 11. Juli 1836 beim Sommer-Con⸗ 
vent der Altenburgiſchen Pomologiſchen Geſellſchaft, 


von 
Eduard Lange. 
Um die Menge der Culturpflanzen zu vermehren und da— 
durch den Ertrag des Bodens zu ſteigern, ſtehen der Kunſt 


— 


Zu Seite 40. 
lüten 1836 incl. 
VSS T. m—: 


ne Er 
tiele, Grifiel, 


— —— —— —— — EEE eu 
Ing, vorſtehend uͤber die Staubfaͤden, weit 
zurdtheilt, im Theilungspunkt behaart, gruͤnlich, 
empfindlich gegen Kaͤlte. 


ng, mit 
beſetzt. 


kunz getheilt, 4 behaart, gegen Kaͤlte empfind— 
lich. 


zuruͤcetwas vorſtehend, gruͤnlich, oben roͤthlich, 
Idnabgetheilt, und weit herauf behaart, gegen 

Kaͤlte wenig empfindlich. 

etwa lang, etwas hervorragend, duͤnn, gruͤnlich, 

lang, inabgetheilt, bei der Theilung ſehr ſtark und 
r Haͤlfte herauf abnehmend behaart, gegen 

die Kaͤlte faſt nicht empfindlich. 


u. Bat, ih, kurz, zuruͤckſtehend, gruͤnlichgelb, weit ge— 
ehaart. ſchlgeilt, von unten bis zur Haͤlfte behaart. 


ing. 


heiß be⸗ziemlang und ſtark, etwas vorſtehend, bis zur 
getheilt, nicht behaart, gegen Kaͤlte ſehr 
empfindlich. f 


l ſehrh, + ungetheilt, im Theilunaspunkt dicht 


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Tabel 


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ſche Ueberſicht der Apfelbl 


Zu Seite 40. 


ütenbeobachtungen vom Jahre 1833 bis 1836 incl. 


| Gemeintchaft- g 
name der Sorte Zeit d 1 Belaubtheit Einzelne 
. er Blüte, ; licher W A 5 5 en 
01 0 75 911 1 11 Blumientiele. Kelchblätter. Blumenblätter. Staubfäden. Grillel. 
1. Sobannisapfel, (Ham) 1g. 2 ff. 17 8 fc dh. Au IE . ed d d 
e . —— 9 . —37 Y üc 5 R 1 NE er- ing, 0 e aͤde b 
zialname.) 1836. 3 20 0 reich belaubt. behaürt. lang, duͤnn, behaart. zuruͤckgeſchlagen, groß. aber ſich Dr En Größe dennoch ziemlich lang. hinabgetheilt, im Theilungspunkt behaart, grünlich, 
: 20. » eckend. empfindlich gegen Kaͤlte 

2. Rother Stettiner (nach 1833. 8 — 16. Mal. it di ö f f 8 
ee 1834. — ; f 5 kurz, mit dichter Wol- kaum mittellang, mit : vi dli dh ‚ 8 85 Een Ban: : 
Diel). 18555 . 055 19 5 dicht belaubt. ele befeßt. Wolle dicht beſcgt. kurz, braungeſpitzt. ( N 110 fn groß mit den Griffeln gleichlang. faſt ganz getheilt, = e gegen Kälte empfind⸗ 

3. Neukircher Süßapfel 1833. 10 — 17. Mai, 0 länglich, außen ein wenig rü em⸗ 0 pst f Senti 
0 ch . e 2 ; „ en uruͤckgeſchlagen Iich auß enig roͤthlich, ziem- lang, etwas vorſtehend ruͤnlich, oben röthlich 
(Provinzialname.) 1826 Ex 13. 1 ziemlich belaubt. kurz. mäßig lang. 170 9 lich entfaltet, Wen ſich bisweilen ziemlich lang. weit hinabgerheift, und weit herauf behaart, gegen 

5 2. ® deckend. Kälte wenig empfindlich. 

4. Pigeon blane (nach Diel).| 1833. 11 — 17. Mai etr lie ßig! 5 hervorrage \ uni 
e Die 8 . was zuruͤckgeſchlage : € en 0 mäßig lang, etwas hervorragend, duͤnn, gruͤnlich, 
Zuckerhuͤcchen. (Provinzial 1834. 6 — 13. Mai. ziemlich belaubt. kurz. kurz. lang, Kind A heil klein, ſchön, Länglichrund, bauchig, AG) kurz, oder doch wenig lang. wat Oinabgerhuft, bei dar Sheitung fahr fat und 
name.) 1836. 6—23. Mais braungefpigt. zum Theil deckend. br > wenig lang. bis zur Hälfte herauf abnehmend behaart, gegen 

ee die Kälte faſt nicht empfindlich. 

5. Muskatreinette b 1833. 10 — 17. Mai. 1 e eg, vor dem Erbluͤhen lichtziegelroth, dann ö 5 ey f 
Diel). (nach 1834. 6 — 15. Mai. zziemlich belaubt. lang. 1 Air 1 ni . zurückge⸗ weiß mit ſchwach en Schein ziemlich lang, duͤnn. ziemlich kurz, zurückſtehend, grünlichgelb, i ekt 

1836. 8 — 26. Mai. z u. weiß behaart.] ſchlagen, rothgeſpitzt. länglich, ſich ſelten deckend 90 theilt, von unten bis zur Hälfte behaart. 

6. Lange, rothgeſtreifte, 0 IR - - 

95 ai 1833. 10 — 17. Mai f | \ 
grüne Reinette (nad) a 5 0 5 mäßig lang, ſtark um- maͤßig lang, weiß be- ziemlich lang, ſpitzig, zu ze A Ä mittellang und ſtark, etwas vorſtehend, bis zur 
inge (Pro⸗ 1846 4 — 5 De reich belaubt. laubt. Big haatt. 5 zie 1 0 3 länglich, bauchig, feinroth geadert. maͤßig lang und ſtark. Hälfte getheilt, nicht a? gegen Kälte fehr 
vinzialname. 1 5 5 empfindlich. 

= und 1833. 10 — 17. Mai. fe ei gründet, längli ie N er bſtehendſgruͤ ! the im Theilungs 

7. Kofentſpund (nad) Agri— { 1 >38 2 577 5 170 ſehr ungleich zugerundet, laͤnglich, wieſlang, duͤnn, merklich vorſtehendſgruͤnlich, X ungetheilt, im Theilungspunkt dicht 

cola). 3 1834. 7 — 14. Mai. belaubt. dick und kurz. (lang, kraͤftig, wollig. ie eine Fiſchkelle geſtaltet, oft rothe Fleckenſuͤber die Griffel, weniger als dieſmit weißer Wolle beſetzt, gegen die Kaͤlte ziemlich 
1836. 6 — 23. Mai. 7 25 angehaucht. Griffel gegen Kälte empfindlich. empfindlich. 
8 x 833. 10 — 17. Mai weiß, länglichrund, nicht weit entfaltet, 

S. Schmalzapfel. (Provinz 1 AR ckaofchli daher fi ech die B ei ehr ei N 8 ı ei 
i 3 1834. 7 14. Mai. emlich-befaubt. k 8 1 5 1, died zuruͤckgeſch agen, daher ſich deckend und die Blume ſchein— AR ſehr lang, meiſt oben geröthet, X ungetheilt, am 
zialname.) 1836. en liemlich belaubt. kurz, ſtark, unbelaubt.“ ſehr kurz, Die ſehr ſchmal, rothgeſpitzt.ſbar klein. Mangeln oft ganz oder fin— mäßig lang. Theilungspunkt behaart. . 

den ſich nur 1 oder 2. 
a 28. 1833. 11 — 17. Mai. N N 0 f f Be ittelſ in wenig vorſtehend, fehr Tichtgrü 

s. Grau: Buch ⸗ oder Käs⸗ 8 17775 kurz, dick, mit dichterſkurz, dick, mit dichterſl kgeſchl 5 e dl le e eee eue „eh üchehnt⸗ 

1 5 5 1834. st \ R kurz, dick, dichte z, dick, mit dichterflang, zuruͤckgeſchlagen, groß, weiß, rundlich, mit violettem iemli i ö . e e 8 12 
apfel. (Gemeiner Name.) 186 555 55 5 5 g et Wolle beſetzt. Wolle beſetzt. ohne rothe Spitzen. f Geͤder, bauchig, oft gefraufet. ziemlich kurz, oft ungleich. J ungetheilt, nur eee ſchwach be— 

1 A a8 1833. 11 —ı7. 5 1 zuruͤckgeſchlagen, braun⸗ ! 5 1 , 

10. Engliſcher Goldpiping 1834. 7 — 15 10 ziemlich befaubt ſehr kur, ſehr ungleich in ihrerſgeſpitzt, dicht behaart, fehr laͤnglich, bisweilen roth angehaucht, ziemlich kurz, ungleich vorſtehend, lang, dünn, 3 ungetheilt, faſt ganz 

(nach Diel). 1836 8 — 23. Mai. h 5 3 Länge, mehr kurz. ſſchmal und ſpitzauslau- ziemlich entfaltet, ſich ſehr ſelten deckend. A 5 glatt. Gegen Kälte ſehr wenig empfindlich. 
J 27 5 fend. 
1833. 10 — 18. Mai. lang, zuruͤckgeſchlagen, e — 0 75 = ungetheilt, biswrilen nicht vollzaͤhlig, nur im 

11. Pigeon rouge (nach Diel)“ 1834. 7 — 15. Mai. reich belaubt. kurz. kurz. zum Theil braungeſpitzt, e brad hauchig, ſich kurz. — Theilungspunkt und dann nach und nach bis oben 

1836. 9 — 25. Mo R fhmal. oft deckend: abnehmend behaart, über die Staubfäden vorſtehend. 

22. Edler Winterſtreifling 77e ö 5 ſeetwas zuruͤckgeſchlagen, laͤnglich, weiß, mäßig entfaltet, bis— 0 8 ſehr lang, duͤnn, gruͤnlich, zur Hälfte getheilt, beim 

(nach Diel). 1% De Aa reich belaubt. ſehr kurz. kurz, dick, ungleich. e gen, laͤnglich, wel ech en, ’ duͤnn, mittellang. Theilüngspunkt“ mäßig behaart, 


Süß franke (nach Chriſt). 
Fränkiſcher Suͤßapfel. (Pro⸗ 
vinzialname.) 


13. 


1833. 12 — 19. Mai. 
1834. 9 17. Mai. 


1836. 14. Mai — 2. Juni. 


Edler Winterborſtor⸗ 
fer (nach Diel). 


14. 


1833. 13 — 21. Mai. 
1834. 10 — 21. Mai. 
1836. 12 — 30. Mai. 


ſo ziemlich be— 
laubt. 


mäßig belaubt. 


1833. 13 — 21. Mai. 


Safranapfel (nad) Chriſt). 


1834. 11 — 22. Mai. 
1836. 12 — 29. Mai. 


wenig belaubt. 


kurz. 


kurz und duͤnn. 


lang, dicht und kurz 
behaart. 


kurz. 


ſehr verſchieden, bei 
vollkommnen Bluͤten 
lang. 


maͤßig lang. 


zuruͤckgeſchlagen, roth⸗ 
geſpitzt. 


weiß, klein, unregelmäßig, ziemlich ent⸗ 
faltet, nur bisweilen ſich deckend. 


mäßig lang, die längften etwas 


uͤber die Griffel vorſtehend. 


gruͤnlich, ſehr weit getheilt, unten behaart. 


0 


zuruͤckgeſchlagen, roth⸗ 


geſpitzt. 


ſetwas zuruͤckgeſchlagen, 


| kurz, braungeſpitzt. 


röthlich geadert, ziemlich groß, rundlich, 
unregelmäßig, ziemlich entfaltet, meiſt 
ſich deckend. 


weiß, klein, bauchig, unter ſich ungleich, 
ſich oft deckend. 


kaum mittellang, ziemlich ftarf 


mittellang. 


ſehr hellfarbig, zur Hälfte ungetheilt, unbehaart, vor⸗ 
ſtehend uͤber die Staubfäden, gegen Kälte wenig 
empfindlich. 
hellgrinlich, mit den größten Staubfäden gleich⸗ 
lang, weit hinabgetheilt, beim Theilungspunkt ſtark 
behaart. 


— 41 — 


hauptſaͤchlich zwei Mittel zu Gebote. Sie find 1) die Ue- 
berſiedelung fremder, dem Klima angemeſſener, Pflan— 
zen in Gegenden, denen die Natur dieſe urfprünglich verſagte 
und 2) die Gewinnung und Pflege neuer vorzüglicher 
Spielarten aus dem Samen ſchon vorhandener Gewaͤchſe. 
Beiden Wegen haben wir die vorzuͤglichſten bisherigen 
Fortſchritte im Land- und Gartenbau zu verdanken, und beide 
koͤnnen uns, wenn wir ſie auch ferner mit Umſicht und 
Aufmerkſamkeit fortſetzen, noch viel weiter bringen. Wie 
ſehr hat ſich nicht z. B. die ganze Pflanzenwelt unſeres 
deutſchen Vaterlandes veraͤndert, ſeit die altroͤmiſchen Legionen 
im Teutoburger Walde ebenſo ſehr der Wildheit eines wal— 
digen, ſumpfigen, uncultivirten Bodens, als der Tapferkeit 
unſerer, mit dieſen Schwierigkeiten vertrauten Vorfahren er— 
lagen! Damals gab es in Deutſchland weder Weizen, noch 
Roggen, weder Kartoffeln, noch Klee. Damals war der 
Weinſtock und Wallnußbaum noch nicht einmal bis zum 
Rheine vorgedrungen, an deſſen Ufern wir jetzt faſt unmwills 
kuͤrlich ihre deutſche Heimath erblicken. Auch beſaß Deutſch— 
land damals ſchwerlich Aepfel, Birnen, Pflaumen und Sirs 
ſchen; oder haͤtte es deren auch ſchon beſeſſen, ſo waren ſie 
gewiß noch von der groͤßten Wildheit. Und wie duͤrftig 
mag vollends die bunte Blumenwelt ausgeſtattet geweſen 
ſein, da wir von den beliebteſten unſerer jetzigen Gartens 
blumen wiſſen, wie kurze Zeit ſie ſich erſt unter uns befin— 
den, und wie ſie erſt in neuerer Zeit aus allen Theilen der 
Erde zu uns verpflanzt worden ſind! Denn ſind auch nicht 
alle fo große Neulinge wie die Camellien, Zinnien und Geor— 
ginen; ſo reichen doch auch Tulpen, Kaiſerkronen, Tuberoſen, 
Amaryllen, Aſtern, Irisblumen, Pelargonien, Kakten und 
Syringen nicht in's deutſche Alterthum hinauf; ſo wie ja 
überhaupt, nad) Beckmann, die ganze moderne Blumenlieb— 
haberei erſt im 6. een von Perſien über Conſtan— 
tinopel nach Europa verpflanzt worden ſein ſoll. Ebenſo iſt 
auch der Blumenkohl erſt zu Ende des 16. Jahrh. aus der 
Levante nach Italien und von da erſt nach Deutſchland 
üͤbergeſiedelt worden, deſſen Botaniker ſelbſt den Kohlrabi 


erft im 16. Jahrh. erwähnen. Unter unſern Bäumen end⸗ 
lich hatte vor 300 Jahren noch niemals ein Deutſcher unſere 
gewoͤhnlichen Roßkaſtanien, Platanen, Tulpenbaͤume und 
Weihmuthskiefern geſehen. 

Wie Unrecht haben wir alſo, wenn wir, traͤg an bei 
Bieherigen hangend, uns dabei auf das Beiſpiel unſerer 
Vorfahren berufen, die uns ja den Schatz deſſen, was ſie 
vorfanden, ſo außerordentlich vermehrt und erweitert uͤber— 
liefert haben! 

Es iſt aber auch noch die zweite Seite ihrer Thaͤtigkeit 
für Vervielfaͤltigung der Pflanzenarten zu betrachten übrig, 
wie fie namlich durch aufmerkſame Fortpflanzung der ſchoͤn— 
ſten und beſten, oft durch bloßen Zufall, aus Samen neu 
gewonnenen Spielarten die einzelnen, ſchon vorhandenen 
Pflanzengattungen in ſich veredelt und vervollkommnet ha— 
ben. So wie es naͤmlich in der neueſten Zeit gelungen iſt, 
die Georginen, welche urſpruͤnglich nur ungefuͤllte Blumen 
brachten, zuerſt halb und dann bald auch ganz gefuͤllt zu 
erhalten, ſo daß jetzt bei der großen Schoͤnheit ſo vieler ge— 
füllter Spielarten derſelben die ungefuͤllten kaum noch beach— 
tet werden, und ſo wie die Tulpen, Nelken, Primeln und 
Roſen durch ſorgfaͤltige Samenvermehrung und kunſtvolle 
Pflege in ihren Spielarten bis zur hoͤchſten Mannigfaltigkeit 
geſteigert ſind und noch immer geſteigert werden, ſo haben 
wir wahrſcheinlich die dermalige Vollkommenheit faſt aller 
unſerer Culturpflanzen kuͤnſtlicher Pflege und ſtets fortgeſetzter 
ſorgfaͤltiger Samenvermehrung aus den beſten der ſchon vor— 
handenen Spielarten zu verdanken. Selbſt unſer Getreide, 
dieſe edelſte und mehlreichſte Grasart, duͤrfte urſpruͤnglich 
ſchwerlich in ſo zahlreichen Spielarten vorhanden geweſen 
ſein, noch auch ſo große und gehaltreiche Koͤrner beſeſſen 
haben, wie jetzt, nach mehr als tauſendjaͤhriger, ununter⸗ 
brochener Cultur. Wenigſtens waͤre ſonſt bei den zahlreichen 
Reiſen naturkundiger Maͤnner in die verſchiedenſten Laͤnder 
der Umſtand ganz unbegreiflich, daß noch keiner derſelben 
die urſprüngliche Heimath unferes Getreides mit Sicherheit 
aufgefunden und nachgewieſen hat, da dieſes doch, wenn es 


anders nicht durch langdauernde fortgeſetzte Cultur wefents 
liche Veraͤnderungen erfahren haͤtte, daſelbſt jedenfalls noch 
wild wachſen und leicht erkannt werden müßte. Roch wes 
niger aber wird wohl Jemand auf den Gedanken verfallen, 
die Heimath jeder einzelnen unſerer dermaligen Kartoffelſor⸗ 
ten, als ſolcher, in Amerika zu ſuchen. Im Gegentheile 
wiſſen wir recht gut, daß noch immer neue Spielarten ders 
ſelben durch Ausſaͤen ihrer Samenbeeren gewonnen werden. 
Wenn wir ferner leſen und immer wieder leſen, wie van 
Mons, Diel, Schmidberger und viele andere Pomologen 
neue vortreffliche Obſtſorten von unveredelten Kernlingen ers 
halten und fie dann durch Uebertragung auf andre Kerns 
linge vermehrt haben, und wenn wir ſelbſt wiederholt beobs 
achten, wie jeder Obſtkern einen Baum liefert, der ſich vom 
Urftamme, von dem der Kern war, mehr oder weniger una 
terſcheidet, dennoch aber durchaus nicht immer gegen denfels 
ben zuruͤckſteht; ſo werden wir gewiß nicht glauben, alle 
Kernlinge ſeien urfprünglich gleich wild und lieferten als 
ſolche nur ſogenannte Holzapfel, Holzbirnen, Vogelkirſchen 
u. ſ. w., weshalb ſie eben mit einer guten Obſtſorte veredelt 
werden muͤßten. Woher ſollten denn auch am Ende dieſe 
guten Sorten ſtammen, wenn mit jeder Samen vermehrung 
ſolche Ausartung unzertrennlich verbunden waͤre? Wahr⸗ 
ſcheinlich unmittelbar aus der Zeit der Schoͤpfung ſelbſt? 
Dann müßte aber Adam oder doch einer feiner naͤchſten 
Nachkommen ein großer Meiſter im Pfropfen oder Oculiren 
und im Beſitz von mancherlei kuͤnſtlichen Inſtrumenten ges 
weſen ſein, um die neu aufſchoſſenden Samenwildlinge ſo— 
gleich wieder mit den erſt geſchaffenen guten Sorten zu 
veredeln und die Letzteren ſomit unverfaͤlſcht der Nachwelt 
zu erhalten. 

ö Demnach ſcheint feſtzuſtehen, daß alle unſere verfchies 
denen Aepfel⸗, Birnen⸗, Pflaumen, Kirſchen⸗, Pfirſchen⸗, 
Aprikoſen⸗, Ruß⸗, Stachelbeer -, Johannisbeer-, Wein⸗, 
Himbeer⸗ und Erdbeerſorten nur als Spielarten einer oder 
einiger weniger urſpruͤnglicher Hauptarten der genannten 
Fruchtſorten zu betrachten ſind. Gleichwohl zieht man aber 


ne 


in der Regel die Veredlung der Obſtbaͤume, fo wie die 
Fortpflanzung der uͤbrigen genannten Fruchtſorten durch Steck— 
linge oder Wurzelableger theils wegen des ſchnellen Erfolgs, 
theils aber auch darum der Vermehrung durch Ausſaat des 
Fruchtſamens vor, weil man bei der erſten Vermehrungsart 
ſchon im Voraus die zu erwartenden Fruͤchte kennt und als 
gut betrachtet, bei der Erziehung unveredelter Saͤmlinge aber 
in einen Gluͤckstopf greift, wobei man um ſo weniger Wahr⸗ 
ſcheinlichkeit hat, die ſchon vorhandenen Sorten durch noch 
beſſere neue zu überbieten, je vorzuͤglicher die erſteren und 
aus einer je groͤßeren Menge von Kernlingen ſie, eben ihrer 
Vorzuͤge willen, nach und nach ausgewählt und beim Abz 
ſterben der übrigen bis auf uns durch immer erneuertes 
Fortpflanzen erhalten worden find. Allein fo gut, wie ehe- 
dem aus einem unſcheinbaren Obſtkerne unſer jetziger, weit 
verbreiteter Borsdorfer oder unſere Altenburger Petersbirne 
entſtehen konnte, eben ſo muß es auch jetzt noch moͤglich 
ſein, aus den Fruchtkernen unſerer, durch ſolche Vermehrun— 
gen vervollkommneten Obſtſorten abermals neue vorzuͤgliche 
Spielarten zu gewinnen. Und wenn der Handelsgaͤrtner 
ſich fuͤglich damit begnuͤgen kann, die beſten vorhandenen 
Obſtſorten durch haͤufige Veredlung und Vermehrung aͤcht 
und zuverlaͤſſig fortzupflanzen und immer mehr zu verbreiten, 
ſo ſollte dagegen der wiſſenſchaftliche Pomolog und uͤber— 
haupt der denkende Freund des Gartenbaues bemuͤht ſein, 
auch ſeiner Seits die vorhandenen Fruchtſorten praktiſch zu 
vervielfaͤltigen und zugleich theoretiſch die Naturgefeze zu er— 
forſchen, nach welchen das Entſtehen neuer Spielarten erfolgt. 
Wen freilich nichts aus ſeiner gewohnten Unthaͤtigkeit reißt 
als die Ausficht auf Gelderwerb, oder wer in ſelbſtgefaͤlli— 
gem Duͤnkel Alles als Spielerei betrachtet, was nicht klin⸗ 
genden Gewinn bringt oder durch langjaͤhrige Gewohnheit 
geheiligt iſt, der muß alle derartigen Anforderungen als uns 
nuͤtze Hirngeſpinſte zuruͤckweiſen. Allein dadurch wird weder 
gegen die Einfuͤhrung neuer fremder Culturpflanzen, noch 
gegen die Gewinnung neuer Spielarten aus Samen etwas 
entſchieden. Auch iſt es nicht gerade noͤthig, daß die neu⸗ 


Ab; 


gewonnenen Obſtſorten durchaus feiner und ſchmackhafter 
ſeien als die beſten bisherigen, ſondern wenn ſie nur an 
ſich gut und dabei entweder tragbarer oder haltbarer oder 
den Krankheiten der Baͤume, der Kaͤlte und andern klima— 
tiſchen Einflüffen weniger unterworfen find als die meiſten 
gegenwaͤrtigen Fruchtſorten, ſo iſt ihre erſte Erzielung und 
Verbreitung immer ſchon ein Gewinn. 

Freilich gehoͤrt zu allen wiſſenſchaftlichen Verſuchen 
dieſer Art im Gebiete der Pomologie große Genauigkeit und 
Geduld. Genauigkeit in der Aufzeichnung der Fruchtforten, 
aus deren Kernen die einzelnen Sämlinge abſtammen, und 
Geduld im vieljaͤhrigen Warten auf die erſten Früchte der 
verſchiedenen Kernlinge. Indeß wenn man auch im In— 
tereſſe der Wiſſenſchaft bei ſeinen Verſuchen nie zu ſorgfaͤl— 
tig und genau verfahren kann, ſo laͤßt ſich doch das Warten 
auf entſcheidende Erfolge um viele Jahre abkuͤrzen. Man 
braucht naͤmlich nur die gewonnenen Saͤmlinge auf Johan- 
nisſtamm oder Quitte veredelnd uͤberzutragen, oder auch bei 
dem Kernobſte den ſogenannten Bauberring anzuwenden, um 
4 oder 5 Jahre nach der Ausſaat eine Entſcheidung zu 
gewinnen. 

Uebrigens mag es wohl wahr fein, daß wir die mei⸗ 
ſten unſerer dermaligen guten Obſtſorten dem Zufalle und 
nicht dem abſichtlichen Ausſaͤen ausgezeichneter Fruchtkerne 
verdanken; daraus folgt aber keinesweges, daß wir auch 
fünftig alles nur dem Zufalle überlaffen müßten. Am we— 
nigſten aber darf dieſes eine Geſellſchaft wie die unſrige, 
wenn fie ſich nicht zugleich ſelbſt für überflüffig erklaͤren und 
auf eine geachtete ſelbſtſtaͤndige Stellung neben andern ver⸗ 
wandten Geſellſchaften verzichten will. 

Wenn Sie alſo, meine Herren, darin mit mir, "übers 
einſtimmen, daß alle unfere verfchiedenen Culturpflanzen und 
ganz beſonders auch unſere zahlreichen Obſtſorten nur als 
Spielarten ihrer Hauptgattungen zu betrachten fi nd „ und 
daß ſolche neue Spielarten niemals aus Edelreißern, Steck— 
lingen oder Wurzelauslaͤufern, ſondern nur durch Kernſaaten 
entſtehen, ſo billigen Sie vielleicht auch meinen e und 


Vorſchlag, daß jedes Mitglied unſerer Geſellſchaft, ſo weit 
es ihm ſeine Verhaͤltniſſe geſtatten, Ausſaaten von allerhand 
vorzüglihen Frucht- und Beerenkernen unternehmen, die 
Früchte der Saͤmlinge abwarten und dann der Geſellſchaft 
uͤber die gewonnenen Ergebniſſe Bericht erſtatten moͤge. 
Zuvoͤrderſt aber wüͤnſche ich, meine Behauptungen von der 
Geſellſchaft noch genauer gepruͤft und eroͤrtert zu ſehen und 
bitte deshalb unſern Herrn Direktor, die geeigneten Ver⸗ 
handlungen daruͤber zu veranlaſſen. 


VIII. 


Aus dem Protokolle 


uͤber den Herbſt-Convent der Pomologiſchen Geſell— 
ſchaft am 20. Oktober 1836, 


Dem diesjaͤhrigen Herbſt-Convente der Pomologiſchen 
Geſellſchaft wohnten im Ganzen 42 Mitglieder und Gaͤſte bei. 

Vor dem Beginne der eigentlichen Verhandlungen be— 
trachteten die Anweſenden zuerſt die zahlreichen, zur Aus⸗ 
ſtellung gebrachten Blumen und Fruͤchte, unter 
denen die Georginen durch ihre Zahl und Farbenpracht den 
erſten Rang behaupteten. Es hatten deren naͤmlich nicht 
allein unſere beiden Mitglieder, Hofgärtner Kunze und Kunſt⸗ 
gaͤrtner Hauck in beſonderer Groͤße und Schoͤnheit, ſo wie 
auch in zahlreichen aus 140 und 200 verſchiedenen Sorten 
ausgewaͤhlten Exemplaren zur Ausſtellung gebracht; ſondern 
auch unſer Gaſt, Herr Kunſtgaͤrtner Deegen aus Koͤſtritz, 
hatte die Muͤhe nicht geſcheut, aus ſeinen 400 Sorten die⸗ 
ſer Prachtblume, Repraͤſentanten der Mehrzahl auszuwaͤhlen 
und zur heutigen Ausſtellung zu bringen. Außerdem erfreute 
ſich das Auge noch an einer Anzahl verſchiedener bluͤhender 


tachmittage 2 Uhr. 


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bl. W. ori ®. 
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Meteorologiſche Tabelle auf die Monate: October, November, December 1836 von W. Bechfteim 


— —̃ — — 
3 Det to Daest, N o v e m b in De e m DR, 
5 Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. 
(il | I —̃ k— 5 s 
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17 10,8 9,0 tr. N. ©.» 10,7 10, 0 ftr. N. 17 5, — 2,0 bie S. 38 f 2,0 belle N. En 1, 25 Neg. S. W. . 75 2 750 tr. W. 
18 | 10,7 8,75 tr. N. 2.|: 10,5. | 10, 5 ftr. N. 2. 18 1,0 |+ 23,5 wik. S. 26 11,0 | 5,7ölnıe. ©. Js 90 20 me. S. 92 3,5 wk. ©. . 
19 10,4 10, Ur. S. 9,7 13, 0 hie S. 19 |= 0,3 1, 25 belle S. 27 08 4,0 wlk. W CCC 4,0 nebl. S. = 
2010, 80 ne. W = 9,6 9 0x. W. 20 0.9 0,5 Schn. W. 09 1 25 Schn. W. 20 |= 8,8 0,258. |e 90 1. 75ſtr. ©. . 
219,5 6,0 tt. N. W. 10,0 8, 6 wik. N. 114 5 2,0 m N. 005 3,5 ftr. S. Erne 9,3 75 wulf. S. W 
22 |= 11,8 6,0 tr. W. 28 6,0 8,25 ne. N. 32 6,6 2, 25 Nbl. W. 62 3,25 Reg. W 22 90 | Re 4,0 mie. W. 
23 = 10,0 4, 75 fr. S. W. 27 9,0 9, O lk. W. 23 4. 4 2,0 ftr. S. 17 35 ve S. 2. 25 20,8 J, 25 Neg. S W. — 1,3 2.0 |tr. . 
5,7 7,5 Red. W. 9,0 9, 0 tr. N. W. 2 2, 0 ele S-. 00) 3,0 Reg. . A 25 — 10.8. 2 , ot. N. 
2351|: 89 9, 25 fr. W. 8,8 11,25 mE W. 25 1,0 1,5 Reg. S. 24 25 Reg. Ned. R. 25 1 5,75 Sch. N O. 14 4,75 Schn. Stem. N. O 
26 |: 7,9 9,5 Neg. W. 7,2 9 5 Neg. N. W. 2h e 15 — 0, 5 folk. O. 126 |» 709 e N . 0,8 45 kt. N. D. 
27 8, 25[tr. S. 2,5 F777 . |» 227708 SW. RE 5,0 [m N. 8. %0 47 2 
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1 £ helle W. 1, 8 | | re 31 60 10,25 San. W. 6,5 6, 75 Schn. W. 


oder ſeltener Topfgewaͤchſe, worunter ſich einige aus Mexiko 
und mehrere bluͤhende Kamellien befanden, erſtere von den 
Kunſtgaͤrtnern Hauck und Reißig, und letztere vom Hofgaͤrt⸗ 
ner Kunze eingeliefert. Dazu kamen ſerner mancherlei Arten 
Weintrauben, von den Gärtnern Heller, Reißig, Kunze, 
Oſchatz und namentlich vom Steuerrath Wagner eingereicht, 
welcher Letztere ſpaͤter, beim Mittagsmahle, allein 20 ver- 
ſchiedene Sorten Wein, ſo wie auch Fruͤchte von Pyrus 
ovalis, Pyrus Botryapium, Pyrus pruniſolia fr. rubr. 
und von mehrern Nußſorten zur Anſicht und Probe herum— 
gehen ließ. 
Rur in Bezug auf die eigentlichen Baumfruͤchte war 
die Ausſtellung aͤrmer als die in den meiſten frühern Jahren. 
Denn außer 38 verſchiedenen Kernobſtſorten der Gebrüder 
Lange und ungefaͤhr 20 Sorten aus dem Garten des Kauf— 
mann Beſſer, hatte Paſtor Hempel aus Zedtlitz nur einige 
intereſſante Obſtſorten z. B. den flachen fuͤnfeckigen Torten⸗ 
apfel eingeliefert, ſo wie auch von dem Rittergutsbeſitzer 
Schellenberg aus Zuͤrchau, dem Pachter Loͤhner aus Wilch— 
witz und einigen andern thaͤtigen Mitgliedern zwar zum 
Theil vorzuͤgliche, aber doch weit weniger Fruͤchte vorlagen, 
als in früheren Jahren. Als einen durch liebliche Weinſaͤure 
ausgezeichneten Apfel zeigte und empfahl der Kammerrath 
Waitz die Frucht eines von ihm aus Samen des Pigeon 
rouge gezogenen Kernlings und machte zugleich auf eine 
Wallnuß mit weicher, lederartiger Schale aufmerkſam, von 
der er mehrere Exemplare zur Anſicht und Probe bereit hatte. 
Die regelmaͤßigen Verhandlungen der Geſellſchaft 
begannen gegen halb 12 Uhr mit einer Eroͤffnungsrede 
des Kammerrath Waitz als Vorſitzenden, worin derſelbe, 
die eigenthuͤmlichen Schönheiten des Herbſtes im Vers 
gleich mit den übrigen Jahreszeiten und namentlich mit 
dem Frühjahre hervorhebend, zugleich Winke für die Anle⸗ 
gung von Partien ertheilte, in welchen das mannigfaltige 
Farbenſpiel der verſchiedenen Pflanzen im Herbſte, ſich ge⸗ 
genſeitig hebend, zum reizenden ae ee wer⸗ 
den Nane! ih Mrz 391% 19 


2 


Auf den dermaligen Stand der Geſellſchaft über 
gehend, bemerkte derſelbe hierauf, daß ſeit dem Abdrucke des 
neuen, heute unter den Anweſenden vertheilten Mitglie- 
der-Verzeichniſſes die Geſellſchaft keinen Theilnehmer 
verloren habe, indem der Schullehrer Scherf zu Borns— 
hain, welcher durch ein Verſehen darin noch als Mitglied 
aufgeführt werde, ſchon vor mehr als einem Jahre feinen 
Abgang von der Geſellſchaft erklaͤtt habe. Dagegen aber 
ſei der Lieutenant von Witzleben hier ſeitdem als Mitglied 
aufgenommen worden, und er habe für heute den Kauf— 
mann Louis Ranniger hier und den Kunſtgaͤrtner Wagner 
aus Gera zu gleichem Zwecke in Vorſchlag zu bringen. 
Dieſen Beitrittserklaͤrungen ſchloß ſich alsbald auch unſer 
Gaſt der Kunſtgaͤrtner Deegen aus Koͤſtritz an, und es ſol— 
len ſaͤmmtlichen neuaufgenommenen Mitgliedern ihre Diplome 
ſeiner Zeit zugefertigt werden. 

Hierauf wendeten ſich die Verhandlungen zu dem ſchon 
in vorigem Protokollauszuge erwähnten Vorſchlage des. 
Rittergutsbeſitzers Teichmann aus Muckern, daß 
nämlich eine Sammlung don Aufſätzen und Nach— 
richten, welche die Obſtbaumkunde betreffen und in Seite 
ſchriften mannigfaltigen Inhalts vorkommen, angelegt werden 
moͤge. Man erkannte das Zweckmaͤßige dieſes Vorſchlags 
durchgängig an und beſchloß in der von Herrn Teichmann 
begonnenen und vom Profeſſor Lange fortgeſetzten Sammlung 
einſtweilen ohne eine ausſchließende Ordnung fortzufahren, 
bis durch die Thätigkeit der damit beauftragten pomologiſchen 
Commiſſion der Geſellſchaft, die hieher gehörigen befannteren 
Zeitſchriften in ein Vetzeichniß zuſammengeſtellt und jedem, 
dazu erboͤtigen Mitgliede eine oder einige derſelben zur naͤ . 
hern Beachtung zugewieſen worden fei. 

Der Herbſteonvent iſt durch die Statuten zur Wahl 
der Geſellſchaftsbeamten beſtimmt, von denen der bisherige 
Direktor allein nicht wieder wählbar iſt. Ehe man jedoch 
zu dieſem Wahlgeſchaͤfte überging, 0 vereinigten ſich die An⸗ 
weſenden auf den Vorſthlag des Vorfisenden dahin, daß 
die, bisher ohnehin nicht beobachtete Beſtimmung des §. 9 


— 1 — 


unſerer Statuten, nach welcher dem Geſellſchaftsbibliothekar 
eine Remuneration zukommen wuͤrde, aufgehoben werden 
und der Bibliothekar, gleich allen andern Beamten, künftig 
auch ſtatutenmaͤßig ohne Entſchadigung der Geſellſchaft feine 
Dienfte widmen ſolle. Bei den hierauf erfolgenden Wa h⸗ 
len gaben im Ganzen 35 Mitglieder Stimmzettel ab, 
und es wurde dabei der Steuerrath Wagner zum Direktor, 
der Paſtor Hempel aus Zedtlitz zum Vicedirektor, der Pros 
feſſor Lange zum Secretair, der Kammerrath Haſe zum 
Rechnungsführer und der Toͤchterſchullehrer Rogge zum Bi— 
bliothekar der Geſellſchaft durch Stimmenmehrheit ernannt. 
5 In Betreff gegenwaͤrtiger Quartalſchrift wurden hiers 
auf unter Annahme aller dieſelbe betreffenden Vorſchlaͤge 
des gemiſchten Pruͤfungs⸗Comité's 120 Exemplare derſelben 
als hinreichend für unſere Geſellſchaft erklaͤrt und endlich 
der Kammerrath Waitz und der Steuerrath Wagner. zu Theis 
nehmern an der gemeinſchaftlichen Redactions-Commiſſion 
ernannt. 
Nach Erledigung dieſer Geſchaͤftsfragen trug der Paſtor 
Hempel aus Zedtlitz einen Aufſatz über Luſtgartenge— 
ſchmack vor, worin er den holländifchen, franzoͤſiſchen und 
engliſchen kurz charakteriſirte und anhangsweiſe noch Einiges 
über orientaliſchen Gartengeſchmack beifügte. 
Daran ſchloß ſich unmittelbar ein Vortrag des Pro⸗ 

or Lange uͤber das Aufplatten oder das Veredeln 
junger Obſtbaͤume mit dem Klebreiß, welches letztere am 
Zweckmaͤßigſten durch ſtrohhalmbreite, mit Baumwachs übers 
ſtrichene Papierſtreifen mit dem Grundſtamme verbunden wers 
den koͤnne. Dabei ließ derſelbe nicht allein mehrere ſo zu⸗ 
geſchnittene, zum Theil ſchon durch Papierſtreifen zuſammen⸗ 
gefügte Grundſtaͤmme und Edelreißer, ſondern auch ein im 
letzten Fruhjahre auf dieſe Art veredeltes Staͤmmchen, bei 
welchem nur noch ein Streifen junger Schale die voͤllig 
verwachſene Veredlungsſtelle anzeigte, zur Anſicht und Er⸗ 
läuterung herumgehen, und der Kammerrath Waitz bemerkte, 
daß dieſe Veredlungsart beſonders in Frankreich haͤufig an⸗ 
gewendet werde. 

4 


U 


— . — g 


Hierauf gab die Nachfrage des Vorſitzenden nach 
der Menge und Güte der diesjaͤhrigen Baumfrüchte 
in der Heimath und Umgegend der anweſenden Mitglieder 
zu mancherlei intereſſanten Mittheilungen und Eroͤrterungen 
Anlaß, nach denen man fuͤr unſere ganze Pflege zu der 
Annahme berechtigt ſein duͤrfte, daß in dieſem Jahre nur 
die Reine Claude reichlich, alle übrigen. Obſtarten aber nur 
maͤßig oder ſpaͤrlich mit Fruͤchten behangen geweſen ſind. 
Dennoch hat es durchaus nicht an Knoſpen und Bluͤthen 
gefehlt; allein die ſpaͤten Froͤſte und die Ueberzahl 
der Maikaͤfer brachten großen Nachtheil. Auch war der 


Sommer zu trocken und, beſonders die Naͤchte, zu kalt, 
um die vorhandenen Fruͤchte in voller Guͤte zu reifen, wes⸗ 


halb die Hauspflaumen ſehr ſchrumpften, die Birnen große 
Reigung zur Gries- und Steinbildung zeigten und alle 
Fruͤchte ohne Ausnahme nicht denjenigen Grad gewuͤrziger 
Suͤßigkeit erreichten, welcher ſie in guten Jahren charakteriſirt. 
- Hierauf ſprang die Unterhaltung theils auf die Schaͤd— 
lichkeit der Maikaͤfer und die Mittel, ihre Ueberzahl zu vers 
tilgen, theils auf die noch immer nicht beſtimmt nachgewie- 
ſenen Urſachen der Taſchenbildung bei den Haus— 
pflaumen über, und man beſchloß, namentlich die letztere 
Frage für den Sommer- oder Herbſt-Convent naͤchſten Jah⸗ 
res im Andenken zu behalten, um dann die Anſichten und 
Erfahrungen daruͤber zu ſammeln und in weitere Erwaͤgung 
zu ziehen. Vor der Hand wenigſtens konnte man ſich nicht 
daruͤber einigen, ob dieſe Mißbildung mehr als die Folge 
der Verletzung durch ein Inſekt, wie bei den Gallaͤpfeln, 
oder als das Ergebniß einer unvollſtaͤndigen Befruchtung 
zu betrachten ſei. 
Eine zweite Frage, welche der Vorſitzende den Anwe— 
ſenden zur Sammlung beſtimmter und zahlreicher Erfahrungen 
empfahl, betraf die jetzt haufig. in Abrede geſtellte Nutz- 
lichkeit des ſogenannten Geizens am Weine und 
zwar in Hinſicht 1) auf das Wachsthum und Y auf die 
Tragbarkeit der Weinſtoͤcke. 


Als dritte Frage endlich ſtellte derſelbe, beſonders fuͤr 


die Blumenliebhaber, folgende auf: Liefern beim Lena 
koi die untern oder die obern Schoten mehr 
Samenkörner, welche im naͤchſten Jahre ge⸗ 
füllte Blumen bringen? und warum? 1019 
e Die Geſellſchaft ſprach ihre Theilnahme fuͤr alle dieſe 
Fragen aus und theilte den Wunſch des Vorſitzenden, ſie 
bei einem ſpaͤteren Convente durch mehrfache Beobachtungen 
und Erfahrungen gelöft und beantwortet zu ſehen. 
Mit dieſem Wunſche und in dieſer Hoffnung ſchloß 
der Vorſitzende die heutigen Verhandlungen nach 1 Uhr. 
Wie die Verſammlung, ſo war auch das gemeinſame 
Mittagsmahl zahlreicher beſetzt als gewoͤhnlich und die 
meiſten Stimmen ſprachen ſich in jeder Beziehung mit * 
Fern ai EN zufrieden gute 


4 a — N 
n moren 

elt rt IX. 

Wen e n Ange ie e dae 
nde Notizen und Miscellen. 


” gm December dieſes Jahres wurden in der Umgegend 
Altenburgs und im Forſtamte Kloſterlausnitz viele Tannen⸗ 
heher Corvus caryocatactes Linn. bemerkt und davon drei 
Stück vom Herrn Baron von Poͤllnitz auf Oberloͤdla, Herrn 
Faſanenjaͤger Herold von Ehrenberg und Herrn Foͤrſter Or⸗ 
phal von Tautenhayn zur Sammlung der Naturforfchenden 
Geſellſchaft als freundliche Gaben eingeliefert. Dieſer Vogel 
lebt im gemaͤßigten noͤrdlichen Europa und im nördlichen 
Aſien, kommt nur in geringzaͤhligen Flügen auf dem Zuge 
im:m mittleren und ſuͤdlichen Deutſchland — jedoch nicht. all 
jahrlich — vor und hat ſich ſeit mehreren Jahren nicht bei 
uns ſehen laſſen. In dieſem Jahre aber ſoll er dem Ver— 
nehmen nach in hieſiger Gegend ſich in großer Anzahl ein— 
gefunden haben. 
Ein noch ſeltnerer Gaſt in unſerer Gegend, ein roth— 
kehliger Seetaucher, Colymbus septentrionalis Linn. 
wurde vom Herrn. Grenzſchütz Clauder in Heyersdorf der 


ei 


Naturforfhenden Geſellſchaft für ihre Sammlung verehrt. 
Er war am 14. November dieſes Jahres matt vom Zuge 
geſchoſſen worden und war allein geweſen. Es iſt ein zwei⸗ 
bis dreijaͤhriges Weibchen und hat die Groͤße einer bald 
ausgewachſenen jungen Gans. Dieſer Seetaucher bewohnt 
den Norden von Europa, Aſien und Amerika. Im Herbſt, 
mehr aber im Winter erſcheint er als Zugvogel haͤufig an 
den Kuͤſten von England, Frankreich und Holland. Junge 
Voͤgel dieſer Art beſuchen auch während des Zuges die Kuͤ⸗ 
ſten der Nord» und Oſtſee, auch ſogar die offenen Stellen 
der Fluͤſſe und Seen des nördlichen, mittleren, ja ſogar ſuͤd⸗ 
lichen Deutſchlands, wiewohl einzeln und ſeltner. 

Eine auffallende Erſcheinung war am 26. November 
dieſes Jahres ein Flug von etwa 50 —60 Stuck Waſſer⸗ 
voͤgeln, welche ſich auf dem in der unmittelbaren Nähe hie⸗ 
ſiger Stadt gelegenen großen Teiche niedergelaſſen hatten, 
immerwaͤhrend tauchten und unbekuͤmmert um die Spatzier⸗ 
gänger ſich luſtig herumtrieben, dabei aber oͤfters aufſtiegen. 
Nachmittags machten drei Schuͤtzen Jagd auf ſie, wobei 
ſich eine große Anzahl von Zuſchauern einfanden, und waren 
fo gluͤcklich, fünf Stuck zu erlegen, von denen drei Stück zur 
Sammlung der Ratutforſchenden Gefellſchaft gekommen find. 
Es waren Schellenten, Anas clangula Linn., die uns aus 
ihrer Heimath, dem Norden der alten Welt, auf ihrem 
Durchzuge durch unſere Gegenden einen Beſuch abſtatteten. 
Bemerkenswerth iſt die große Anzahl, in der ſie vereinigt 
waren, da ſie nach den bisherigen Erfahrungen der Orni⸗ 
thologen nur in ſchwachen Fluͤgen in unſre Gegenden kom⸗ 
men, for wie auch, daß dieſe ſonſt ſo ſcheuen Vogel auf 
unſerm ſo offen und frei liegenden großen Teiche verweilten. 
Dieſe Entenart ſchwimmt und fliegt ſehr raſch und vr 
am ese unter allen Enten. 2 „l N l 


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welche viele Pflaumen⸗ und Zwetſchenfrͤchte in den erſten 
Tagen des Monats Juni zum Abfallen bringt, beſchreibt 


= = 


Dr. Zinken, genannt Sommer, in Braunſchweig nach Nr. 23 
der Gemeinnützigen Blätter für Deutſchland im Weſentlichen 
etwa folgendermaßen. Sie iſt ungefaͤhr halb ſo groß als 
eine gewohnliche Stubenfliege, pechſchwarz, glänzend und hat 
gelbe Beine mit ſchwarzen Hinterſchenkeln. Die "Fühler 
find fadenfoͤrmig, grau und beſtehen, mit Einſchluß des Wur⸗ 
zelgliedes, aus neun Gliedern. Die vier haͤutigen Fluͤgel 
ſind glasartig, durchſichtig mit ſchwarzem Geäder, und 5 
Narbe am Vorderrande der obern iſt grau. 
Die Lebenszeit der Zwetſchenblattweſpe faͤllt in 10 
Monat Mai, in die Zeit, wo die Pflaumen und Swetſchen 
abgebluͤht und eben Früchte angeſetzt haben, wo dann wahr⸗ 
ſcheinlich das Weibchen ſeine Eier entweder auf die Ober⸗ 
flaͤche der kleinen Früchte abfegt, oder auch wohl mittelſt 
ſeiner Legeſcheide unter die Oberhaut der Fruͤchte verſenkt. 
Aus dieſen Eiern entwickelt ſich bald ein Raͤupchen, welches 
fi) in den Koͤrper der Frucht einfrißt und von ihrem 
Fleiſche ernaͤhrt. Dieſes Raͤupchen iſt nackt, weißlich, wie 
Speck glänzend, hat einen braͤunlichen Kopf und wie die 
verwandten Arten 20 Fuͤße, die jedoch ſo klein ſind, daß 
7 Wan fie nur mit bewaffnetem Auge gewahr wird. 
Gegen Ende des Mui oder zu Anfange des Juni, wo 
b die Raupe erwachſen iſt, mißt ihre Laͤnge etwa zwei Linien, 
und die von ihr bewohnten Fruͤchte, welche nun etwa die 
Größe einer ſtarken Erbſe erreicht haben, fallen, oft in gro⸗ 
ßer Menge, ab, und man ſieht ſich dadurch in ſeiner Hoff⸗ 
MRS auf eine reichliche Pflaumenernte gar bald betrogen. 
Betrachtet man die abgefallenen Früchte genauer, ſo 
wird man an ihnen einen ſchwarzen Punkt bemerken, und 
wenn man ſie mit einem Meſſer zerſchneidet, noch oft den 
verſteckten Bewohner darin entdecken. Doch muß man zu 
dieſem Behufe die Unterſuchung noch an dem Tage vorneh⸗ 
men, an welchem die Früchte. abgefallen find; denn die 
Raupe kriecht bald darauf aus der Frucht heraus und begibt 
ſich in die Erde. In dieſer bereitet ſie ſich von ſeidenarti⸗ 
gen Faͤdchen ein ziemlich dichtes, mit Erde bekleidetes Tönnchen, 
verwandelt ſich darin zur Puppe und bringt in dieſer Ges 


— 84 — 


ſtalt zehn Monate lang bis zum Mai des folgenden Jahres 
zu; wo alsdann die zurückkehrende Frühlings warme ſie als 
vollkommnes Inſekt wieder hervorruft aus der Erde, um 
das Geſchaͤft der Fortpflanzung von neuem zu beginnen. 

0 Zur Verminderung deſſelben und ſeiner 88 uh 
ſchlaͤgt Dr. Zinken vor, die abgefallenen Früchte, bevor noch 
die Raͤupchen heraus in die Erde kriechen, im Juni zuſam⸗ 
men zu kehren und zu vernichten. Es wuͤrde dieſes taͤglich, 
am Beſten gegen Abend, geſchehen muͤſſen. In Grasgaͤr⸗ 
ten würde aber ſchon zu Ende Mais das Gras unter den 
tum ünmen abzumaͤhen ſein. 


340 m ind wilder Pflanzen. 


(Maltens Bibliothek neueſter Weltkunde. Jahrgang 1836. 
Thl. 6.) 1 


Die Verſuche, welche der ſranndſiſche Kunſtgaͤrtner Vil⸗ 
morin ſeit 1832 mit Zaͤhmung mehrerer wilder Pflanzen 
angeſtellt, haben Ergebniſſe dargeboten, die nicht unbeachtet 
zu bleiben verdienen. Am beſten ſind ſie mit wilden Moͤh— 
ren gelungen. Ihr Same, in maͤßig fetten Boden verſetzt, 
hat Pflanzen gegeben, die bereits ſehr von den erſten ver— 
ſchieden waren. Der davon gewonnene Same erzeugte 
ſchon recht ſchmackhafte Möhren, die nicht mehr weiß, ſon⸗ 
dern gelblich und violett waren. Andre hatten violette 
Flecken auf weißem Grunde. Keine zeigte jedoch die dunkel— 
gelbe Farbe unſerer gewoͤhnlichen Moͤhren. Dem ungeachtet 
waren ſie zum haͤuslichen Gebrauch vollkommen entſprechend. 
ui won 7 I: g ö 
Zu Anfange des Jahres 1834, des Jahres, wo die 
Auswanderungen in unſerm Vaterlande haͤufiger Statt fanden, 
als je, entſchloß ſich Herr Otto Friedrich, Beiſtand in der 
chemiſchen Fabrik ſeines Herrn Vaters, theils um ſich durch 
eigne Anſchauung von den Erfolgen dieſer Auswanderungen 
zu unterrichten und, wenn es mit Vortheil geſchehen ne 


N — 33 — 

ein Etabliffement zu gründen, theils um feine Wißbegierde 
zu befriedigen und die Wunder der tropiſchen Natur kennen 
zus lernen, zur Reiſe nach Amerika. Seine Reife wurde aufs 
Sorgfaͤltigſte vorbereitet, nicht mit chimaͤriſchen Hoffnungen, 
nicht ohne Mittel unternommen, und verſprach in jedem Falle, 
auch wenn ſie als Ueberſiedelungsverſuch die gehegten Wuͤnſche 
nicht befriedigen ſollte, ein belohnendes Reſultat. Im Juni 
1834 ſegelte er auf der Virginia von Bremen nach Balti⸗ 
more, von da mit einem Dampffchiffe nach Philadelphia und 
Neu York, den Hudfon hinauf zum Niagarafall und zurück 
nach Reu York. Im Oktober dieſes Jahres reiſte er zu 
Lande durch die Staaten Reu York, Pennſylvanien, Dela— 
ware, Maryland, über Friedrichstown durch Virginien nach 
Wheeling. Hier ſetzte er uͤber den Ohio, ging nach Zane— 
ville, Cliligothe, Columbia, ſchiffte auf dem Eriekanal nach 
Portsmouth, dann den Ohio herab nach Cincinnati, Louis— 
ville, Paducka, von der Mündung des Tenneſee den Mifjis 
ſippi hinauf nach St. Louis, beſuchte Illinois und kehrte 
nach St. Louis zuruͤck. Hierauf ſchiffte er den Miſſiſippi 
herab nach Neuorleans. Von hier aus ſegelte er durch 
den Meerbuſen von Mexiko und die Campechebai nach Vera⸗ 
cruz, und reifte zu Lande auf dem Camino real tiber Santa 
Fee, Paſſa des ovegas, durch das wuͤſte Land von Jovo 
Kur die Ruinen von Cameron nach el Mirador. 


Dort fand Herr Friedrich endlich einen Ruhepunkt — 
0 ſich auf dem Gebiete von Chilcuatla am weſtlichen Ab⸗ 
hange der Cordilleros des los Andes auf dem trachytiſchen 
Knoten von Anahuoc eine Kaffeeplantage an. Die hier am 
Fuße des Orizaba und Ciltaltepetl von ihm gemachten Beo= 
bachtungen und Erfahrungen ſind ungemein intereſſant und 
ich darf den Leſern a Blaͤtter zu Walebrchten aus 
Mexiko Hoffnung machen. 


Oſtern 1836 kehrte Herr Friedrich uͤber die weſtindi⸗ 
ſchen Inſeln nach Nordamerika und von da nach Europa 
zuruck. Wenn er hier die beabſichtigten Zwecke erreicht ha⸗ 

ben wird, gedenkt er, ſich wieder nach Mexiko auf ſein 


8 IDRU 


r tzthum, das er einftweilen Freundeshaͤnden anvertraut 
hat, zu begeben. 

Dieſer unternehmende Mann hat denn auch eine ans 
ſehnliche Sammlung von Naturalien, vornehmlich von Lepi⸗ 
doptern, über 1000 Stuͤck, und ſicher 1 5 unter 300 Species, 
unter denen eine große Anzahl neuer Arten, mitgebracht. 
Schon im Vaterlande trieb er mit Eifer Lepidopterologie und 
hatte eine ſchoͤne Sammlung zuſammengebracht. Mit aus⸗ 
gezeichnetem Erfolge hat er daher in Mexiko, wenn auch nur 
eine kuͤrzere Zeit, geſammelt und eine Menge der ſchaͤtzbar⸗ 
ſten Beobachtungen gemacht. Das Intereſſanteſte, was er 
mitbrachte, duͤrften wohl lebende Puppen geweſen ſeyn, aus 
denen hier prachtvolle mexikaniſche Tagfalter und Spinner 
ausſchluͤpften. Eine Zucht von letztern konnte ſich, wie vor⸗ 
auszuſehen, nicht an europaͤiſches Futter gewoͤhnen und ging 
zu Grunde. Ueber dieſe Schmetterlinge, ſo wie uͤber die 
mehr gelegentlich geſammelten Kaͤfer, welche Herr Friedrich 
zum Theil Herrn Magiſter Dehne in Penig, zum Theil mir 
zu uͤberlaſſen die Güte gehabt hat, kuͤnftig mehr. Für jetzt 
möchte ich nur die Coleopterologen auf einen neuen intereſſan⸗ 
ten Passalus aufmerkſam machen. Er weicht von allen von 
Percheron beſchriebenen Arten durch die Mandibeln ab, welche 
ſich nicht in mehrere Zaͤhne, ſondern in eine ungetheilte 
ſtumpfe Spitze endigen. Ich habe ihn deshalb Passalus 
nodus genannt, und gebe vorlaͤufig eine kurze Diagnoſe: 

Passalus niger, elypeo tuberculato, mandibulis in- 
eurvatis, acutis, thoroce subtilissime, vage punctato. 


— — 


X. 


Das Stiftungsfeit des Kunſt⸗ und Gand⸗ 
werks „Vereins 1857. 


— 


Das diesjährige Stiftungsfeſt des Kunſt- und Handwerks⸗ 
Vereins wurde, da der 4. Februar auf einen Sonnabend 
fiel, erſt am 7. Februar gefeiert. Ihm wohnten in Folge 
ergangener Einladung etwa 40 Vereins mitglieder und Gaͤſte 
bei. Doch konnten wir uns dieß Mal nicht der Ehre er⸗ 
freuen, Seine Durchlaucht, den Herzog Joſeph, unſern 
erhabenen Protektor, oder andre Glieder ſeines hohen Fuͤrſten⸗ 
hauſes in unſerer Mitte zu ſehen, was wir um ſo mehr 
bedauerten, als dazu das Unwohlſein einiger der Letzteren 
die betruͤbende Veranlaſſung war. Dagegen erfreuten uns 
Seine Excellenz der Herr Geheimerath von Braun und meh— 
rere Mitglieder der kuͤrzlich wieder n Land⸗ 
ſchaft durch ihre Theilnahme. 

Zuerſt nahmen die Anweſenden eine von mehreren 
Freunden des Vereins veranſtaltete kleine Aus ſtellung 
verſchiedener Kunſt⸗ und Gewerbsgegenſtände in Augenſchein. 
Darauf wurde die Feſtſitzung in Abweſenheit des erſten 
Direktors, des Herrn Baurath Geinitz, von dem Herrn 
Hofrath Brümmer als Vicedirektor durch den nachfolgenden 
unter XI. abgedruckten Vortrag eröffnet, worauf die Se— 
eretaire des Vereins und der Kunſt- und Handwerksſchule 
hier die unter XII. und XIII. folgenden Jahresberichte 
vorlaſen. Hierauf hielt unſer geſchaͤtztes Mitglied, Herr 
Dr. Gleitsmann aus Wildenhain, einen recht belehren 
den und durch zahlreiche Experimente erlaͤuterten Vortrag 

5 


; — — 


über das Platin, nachdem er zuvor die Verſammelten 
benachrichtigt hatte, wie Herr Hofrath Dr. Doͤbereiner 
in Jena ihn beauftragt habe, dem Vereine heute ſowohl 
deſſen neueſtes Werk: „Zur Chemie des Platins, in wiſſen— 
ſchaftlicher und techniſcher Beziehung“, als einige ſchoͤn pla- 
tinirte Glasgefaͤße und eine unter XVI. abgedruckte An⸗ 
weiſung zur Anfertigung von Runkelruͤbenzucker in ſeinem 
Ramen zu übergeben. Für dieſe ſchoͤne Zuſendung fühlten 
ſich die Anweſenden dem guͤtigen Geber um ſo mehr zu 
Danke verpflichtet, als auch Herr Dr. Gleitsmann ſeinen 
Vortrag nur als einen veranſchaulichenden Aus zug deſſen 
gelten laſſen wollte, was ſein abweſender Freund in dem 
obengenannten Werke zur Belehrung 2 Anwendung nieder⸗ 
gelegt habe. 

Nachdem der Vorſitzende die Feſſ itzung mit einigen 
Worten geſchloſſen hatte, nahmen ungefaͤhr 60 Perſonen 
im Gaſthauſe zum Hirſch ein gemeinſames Mittags mahl 
ein, das durch feſtliche Geſaͤnge und ſi innreiche Trinkſpruͤche 
nicht wenig gehoben wurde. Abends war wie gewohnlich 
Ball, der nur gerade ſo zahlreich beſucht war, wie es 
die Behaglichtei und der unbeengte Genuß der umveſeden 
eee wachten. 


20 In? 


XI. 
Vorgetragen zur Einleitung des Stiftungsfeſtes des 
Kunſt⸗ und Handwerks-Vereins den 7. Febr. 1837 
5 f vom N W 
Mofrath Brümmer. 


189857 
80 


© ſtehen wir denn wieder an den Marken eines verflofs 
fenen und wieder eintretenden Jahres „ fur unſern Verein 
des zwanzigſten! 

Wenn wir, wie ein jeder rechtliche Hausoater 66 muß, 
an dieſem Markſtein einer zukuͤnftigen Zeit, einen Ruͤckblick 
auf den zuletzt durchlaufenen Zeitraum werfen, ſo erblicken 
wir mit dankerfuͤllten Herzen eine ſchuͤtzende Vorſehung, die 
unſer Wirken mit Segen begluͤckt, und unſern Verein nun⸗ 
mehr neunzehn Jahre mit immer gedeihlichem Wachsthum 
hat fortbeſtehen laſſen, ſo daß er ſich dem kraͤftigen Mannes⸗ 
alter immer mehr naͤhert; eine Hoffnung, die wir a nei 
voll zu naͤhren uns berechtigt fühlen. 

Wie ſchnell find fie uns doch entflohn, dieſe Tage der 
ngenheit, ſeit unſerm letzten Zuſammenſein an dieſer 
unſeren Zwecken geweiheten Staͤtte! „ 
2 Ungeftört haben unſere Beſtrebungen, fuͤr das Ganze 
und deſſen nuͤtzliche Zwecke nach Kraͤften zu wirken, Statt 
gefunden, und mit Beruhigung koͤnnen wir ruͤckwaͤrts ſchauen 
und uns ſagen, daß wir nicht ſtill geſtanden, ſondern 
ohne Widerrede dem uns ae Ziele näher . 
men ſind. 
5 ** 


— 


Nicht allein wir ſtreben nach dem Ziele einer Verbeſ— 
ſerung im Kunſt- und Gewerbweſen, ſondern wir ſehen, 
dem von uns gegebenen Vorbilde zum Theil folgend, auf 
vielfache Weiſe im In- und Auslande dieſen nuͤtzlichen Zweck 
in ähnlichen Vereinen thaͤtig verfolgen. Lobenswerth md» 
gen nur hier die mit regem Eifer das erwaͤhnte Ziel ſich 
zum Gegenſtand ihrer Beſtrebungen geſetzten Schweſter— 
Staͤdte unſeres Landes: Schmoͤlln und Ronneburg, genannt 
werden, wahrend wir die Bemuͤhungen unſerer Vereinsmit— 
glieder zu Eiſenberg, Roda, Cahla und Lucka, die ſie der 
Stiftung und dem gedeihlichen Fortbeſtehen von Handwerks- 
ſchulen widmen, und denen wir, und mit uns jeder Patriot, 
den beſten Erfolg wünſchen muͤſſen, ebenfalls hier dankbar 
erwähnen und anerkennen. Wie nuͤtzlich und für das prak— 
tiſche Leben unentbehrlich inſonderheit dieſe Schuleinrichtungen 
ſind, wird der nicht leugnen koͤnnen, welcher die Anſpruͤche, 
die der Geiſt der gegenwaͤrtigen Zeit an Kunſt⸗ und Ge⸗ 
werbsgenoſſen macht, zu begreifen im Stande iſt. 

Unaufhaltſam ſchreitet er vorwaͤrts in alen Bien 
des menſchlichen Willens. 

Reue Erfindungen, Verbeſſerungen fruͤher ſchon; im Ge⸗ 
brauch geweſener Arten der Betreibung des Gewerbweſens 
ſind an der Tagesordnung, und ein Land, eine Stadt thut 
es in dieſer Hinſicht dem oder der anderen zuvor. Roͤthigt 
dieſes nicht zur allgemeinen Anſtrengung, das Beſſere und 
anerkannt zweckmaͤßige Reue, oder nuͤtzlicher geſtaltete Ael⸗ 
tere, ſich anzueignen, und ſo mit dem Laufe der Dinge 
Schritt zu halten? Wir brauchen den Blick nicht in eine 
allzuferne Vorzeit zu wenden, um leicht zu finden, welche 
Menge neuerer Gegenſtaͤnde, denen das bürgerliche Gewerks⸗ 
oder geſellſchaftliche Leben Rutzen und Bequemlichkeiten dankt, 
von dem Forſchungsgeiſte nachdenkender Menſchen theils 
ganz neu erfunden, e e eingerichtet wor⸗ 
den ſind. 1 gau ea 
Welches Intereſſe haben dicht alkin fuͤr das handel⸗ 
treibende Publikum, ſondern auch fuͤr jeden Gewerbs verkehr 
die neuen und neueſten Einrichtungen in Bezug auf, die 


. 


— Mh — 


Erleichterung und ſchnellere Foͤrderung des Transports, de— 
ren ich nur folgende erwaͤhnen will: Chauſſeen und ſchnel— 
lere und bequemere Geſtaltung des Poſtweſens, zu Lande 
Waſſercommunicationen durch Canaͤle, und auf dem Waſſer 
ſelbſt Dampfſchifffahrt, wozu in der neueſten Zeit die mit 
Dampfwagen befahrnen Eiſenbahnen kommen. 

Von allen dieſen wußten unſte Vorfahren nichts. 
Doch wollen wir dieſerhalb uns nicht über fie erheben, 
denn welche unſchaͤtzbare Entdeckungen, vorzüglich in wiſſen⸗ 
ſchaftlicher Hinſicht, danken wir ihnen nicht? Haͤtte Eos 
lumbus die neue Welt, welche ſeit laͤnger als 300 Jahren 
fo großen Einfluß auf den Stand der Dinge in der bürgers 
lichen Geſellſchaft in Europa geaͤußert hat, und es noch thut, 
haͤtte dieſer kuͤhne Schiffer Amerika wohl entdeckt, wenn 
ihm nicht die tiefften Kenntniſſe in der Aſtronomie, mathes 
matiſchen Geographie, der Rautik und den Wirkungen der 
Magnetnadel den Weg dahin durch entfernte und unbekannte 


Meere gezeigt haͤtte? Danken wir nicht Guttenberg und 


Fauſt die Erfindung der unſchaͤtzbaren Buchdruckerkunſt, die 
den unberechenbarſten Einfluß auf Verbreitung des Lichts 
und der Aufklaͤrung in jedem Fache des menſchlichen Wiſ— 
ſens gehabt hat? N 5 . 
Wie vieles nicht minder Wichtige waͤre hier von den 
Erfindungen und Entdeckungen unſerer Zeit und Tage noch 
aufzuzaͤhlen, wenn der Elektricitaͤt, des Galvanismus, der 


Luftſchifffahrt, der arteſiſchen Brunnengraͤberei, der Gas⸗ 


beleuchtungseinrichtungen, der neuentdeckten Vortheile in der 
Mechanik und Chemie und dem Maſchinenweſen, beſonders 
durch die in ſo vielen Branchen der Fabrikinduſtrie nutzbar 
anwendbaren Dampfmaſchinen, Erwähnung gethan werden 
wollte, wozu gegenwaͤrtig die Zeit mangelt; wie Großes 


iſt doch der menſchliche Geiſt zu leiſten im Stande? was 


hat er bereits geleiſtet, was leiſtet er alltaͤglich unter unſern 
Augen, und was laͤßt ſich von ihm in der Folgezeit nicht 
noch erwarten, ſo lange Talent, Kenntniſſe und Beharrlichkeit, 


verbunden mit einem unerſchüͤtterlichen Willen, ihm beiwohnen 


und ihn für eine zu verfolgende Idee begeiſtern? 


_— wi - 


Es darf daher auch nicht Einer ſich abſchrecken laſſen, 
dem Beſſeren immer und immer unablaͤſſig nachzuſtreben, 
denn in Aller Gewalt ſteht es, zu unterſuchen, zu forſchen 
und vorwärts zu ſchreiten. — Darum ſei es eines Jeden, 
dem die Vorſehung durch gluͤckliche Anlagen den Beruf auf⸗ 
erlegt hat, hohe Pflicht zu wirken, die Hand nicht in den 
Schooß zu legen und bei dem alten Hergebrachten bequem 
ſtehen zu bleiben, ſondern das Neue oder Verbeſſerte in ſich 
aufzunehmen, reiflich zu unterſuchen und bei anerkanntem 
Werth und Zweckmaͤßigkeit, mit Wegwerfung jeden Vor⸗ 
urtheils, es ſelbſt nicht nur anzuwenden, ſondern es auch 
auf moͤgliche Weiſe zu verbreiten. — Redlich laſſen Sie, 
m. v. M. des Vereins! uns dieſes erfüllen. Fällt es auch 
Manchen ſchwer, ſich von dem Alten, Angewoͤhnten loszu— 
reißen, ſieht er auch nicht fuͤr den Augenblick das Werk 
der Verbeſſerung bis zur Vervollkommnung gebracht, mag 
ihm auch vielleicht Manches nicht gelingen, oder ſpringt 
ihm der gehoffte pecuniaͤre Vortheil nicht auf der Stelle 
ins Auge, er laſſe ſich dieſes nicht irre machen, der Lohn 
beharrlicher Anſtrengung kommt ſeiner Zeit gewiß, und ſollte 
es ihm auch gehen, wie dem beruͤhmten Boͤttcher in Dres— 
den, der auf dem Wege der Goldmacherei die treffliche 
Maſſe des Meißner Porzellains erfand, das ſeit dem Jahre 
1709, uͤber ein Jahrhundert, eine Goldgrube fuͤr Sachſen 
geweſen iſt. f 

Aber nicht allein für ſich ſelbſt fol der fortſtre— 
bende Künftler und Gewerke dieſen Weg des Forſchens und 
Beſtrebens nach Vervollkommnung feiner Werke und Erzeug⸗ 
niſſe verfolgen, ſondern auch dieſes in fich aufgenommene 
Beſtreben ſeinen Kindern, ſeinen Lehrlingen und Mitarbei- 
tern einpflanzen. 7 

O wie Mancher wird und muß ſich im Stillen ge— 
ſtehen, daß es hoͤchſt bedauerlich ſei, in ſeiner Jugend nicht 
die Gelegenheit gehabt oder ſie verſaͤumt zu haben, das, 
was die gegenwaͤrtige Zeit von ihm fordert, zu erlernen 
und es ſich zu eigen zu machen, da es ihm an Führung 
einer tüchtigen Feder, an ausreichender Kenntniß in der 


ni 
Rechnenkunſt, im Zeichnen, in den Huͤlfswiſſenſchaften der 
Geographie und Geſchichte des Landes, ſo wie an der Ge— 
ſchicklichkeit, einen deutlichen Aufſatz zu fertigen, fehlt, was 
in gegenwaͤrtiger Zeit bei jedem zeitgemaͤß gebildeten Hand— 
werksmann und Kuͤnſtler unbedingt erfordert wird. 

Daher verdienen wohl mit Recht die in neueſter Zeit 
in unſerm theuern Vaterlande entſtandenen Lehranſtalten fuͤr 
junge Künftler und Handwerker eine beſondere Beruͤckſichti— 
gung. und alle mogliche Aufmunterung, und nichts kann 
dringender empfohlen werden, als die Benutzung und der 
fleißigſte Beſuch dieſer durch das uneigennuͤtzige Bemühen 
der Lehrer 98655 achtbaren Anſtalten. Ich fuͤrchte nicht, 
daß Einer unter Ihnen dieſe ſi ich darbietenden Gelegenheiten 
zur Bildung der Jugend verkennen oder wohl gar ſeinen 
Untergebenen den Beſuch und die Benutzung derſelben vers 
leiden oder erſchweren und jenen hier und da wohl noch 
gehoͤrt werdenden Ausruf beſchraͤnkter, einſeitiger Meiſter: 

„Hat mein Vater und ich beſtanden, ſo braucht mein 

Sohn oder Lehrling auch nicht mehr zu lernen“, 
nachahmen werde. 

Dieſe Saat, fällt fie in "etptebipes Land, kann und 
wird fuͤr die Zukunft und auf künftige e . hinaus 
die herrlichſten und erſprießlichſten Früchte für Stadt und 
Land tragen, und fie. wird es ſicher unter Gottes Schutz 
und Segen. 

Ich breche ab, um meinen e zu überfaffen, 
flicstpemäfe nähere Auskunft über unſer Streben und Wir⸗ 
ken in den Vereinsſitzungen, ſo wie in der Kunſt- und 

Handwerksſchule, waͤhrend des verfloſſenen Jahres mitzuthei⸗ 
len; empfehle hiernaͤchſt noch die von mir geſprochenen 
flüchtigen Worte allen verehrten Goͤnnern und Mitgliedern 
unſers Vereins zur Prüfung und Beherzigung angelegentlich. 

Und ſo moͤge das neue zwanzigſte Jahr mit Luſt und er⸗ 
neueter Kraft zu Foͤrderung alles Guten, unter Gottes Se— 
gen und unter unſers erhabenen landes vaͤterlichen Protectors 
Schutz, um deſſen huldvolle Fortſetzung wir, gegenwärtig 


_— 08 — 


ehrfurchtsvoll bitten, begonnen werden, und für uns und 
unſre Nachkommen die cep AR pp 
— tragen. 


Nr iir Hr 


Jahresbericht über das neunzehnte Jahr 
des Kunſt⸗ und Handwerks⸗ Vereins 


W är il wi a BA den 7. Februar 1837 


m Dina 
Eduard Lunge. 


24 


Mich der Freude, Gutes zu thun, gibt es wohl kaum 
noch eine ſchoͤnere und reinere als die, Gutes zu ſehen und 
aus freier Ueberzeugung anzuerkennen. 

Dieſe Freude, hochzuverehrende Anweſende, erwaͤchſt 
mir jetzt aus der Pflicht, uͤber das Leben und Wirken un— 
ſeres Kunſt- und Handwerks Vereines Bericht zu erſtatten; 
und vielleicht gelingt es mir, durch treue und ungeſchminkte 
Darſtellung deſſen, was waͤhrend des letzten Vereinsjahres 
in demſelben erſtrebt und geleiſtet wurde, auch in Ihnen 
aͤhnliche Empfindungen zu erwecken. 

Ein neues, reges Leben beginnt unſern Verein zu 
durchſtromen und zeigt, daß wie in einem Urwalde die ein— 
zelnen Baͤume zwar altern und dahinſinken, der Wald ſelbſt 
aber dennoch in ungeſchwaͤchter Kraft fortlebt, eben ſo auch 
ein geſelliger Verein von Menſchen als ſelbſtſtaͤndiges Gans 
zes in ſtets erneuter, nie erfchöpfter Jugendkraft grünen und 
blühen koͤnne, wenn gleich die einzelnen Theilnehmer deſſel— 


ben dem Looſe der Vergaͤnglichkeit nicht entzogen werden 
können. r de nen eee nn. 
So hat auch unſer Verein im Laufe feines eben be— 
ſchloſſenen neunzehnten Lebensjahres zweiundzwanzig feis 
ner bisherigen Mitglieder *) theils durch freiwillig erflärs 
ten Austritt, theils durch den Tod verloren. Unter den 
Verſtorbenen nennen wir mit beſonders dankbarer Ans 
erkennung zunaͤchſt den geſchickten Bildner und Modelleur 
Sprenger, der auch in unſerer Kunſt- und Handwerks- 
ſchule ſich bis zu feinem Tode viele Jahre hindurch als Lehe 
rer im Zeichnen und Modelliren verdient gemacht hat; dann 
den beſcheidenen und ſtill thaͤtigen Leinwebermeiſter Kratz ch, 
der, wie Sprenger, wohl nie eine unſerer Kunſt- und Ges 
werbeausſtellungen voruͤbergehen ließ, ohne ſie durch ein 
Erzeugniß ſeines Fleißes und ſeiner Geſchicklichkeit zu unters 
ſtuͤtzen, und endlich den auch in groͤßern Kreiſen mit Ach— 
tung genannten Probſt Dr. Stieglitz in Leipzig, deſſen 
Bemühungen um deutſche Sprach-, Bau- und Alterthums— 
kunde auch fuͤr unſere Bibliothek nicht ohne bleibende Früchte 
geblieben ſind. Was 
Haben auch dieſe Verluſte unſere Reihen etwas gelich— 
tet, fo find uns doch Muth und Vertrauen nicht entſchwun⸗ 
den, zumal da ſich im Laufe eben dieſes Jahres vierzehn 
neue Mitglieder **) unſerem Vereine angeſchloſſen und 


— 


) Ihre Namen find: 1. Bayer, Amtszimmermeiſter in Ronneburg; 
2. Bechſtein, Confiftorial = Speretair hier; 3. Blumenau, Weinhaͤndler 
bier, 4. Doͤbernitz, Gaſthofbeſitzer hier T; 5. Doll, Hauptmann hier; 
6. Kircheiſen, Amtsactuar hier; 7. Kratzſch, Leinwebermeiſter hier 1; 
8. Lux, Maurermeiſter in Ronneburg; 9. Muͤller, Juſtizrath hier; 
10. Neefe, Polizeiexpedient hier; 11. Pietſch, Commerzienrath hier 1; 
12. Ranniger, Kaufmann und Handſchuhfabrikant hier; 13. Schmidt, Guͤrr⸗ 
ler in Eiſenberg; 14. Schuhmann, Maler in Ronneburg; 15. Schuſter, 
Rath hier; 16. Sprenger, Bildner und Zeichenlehrer hier +5 17. Streit, 
Hofadvokat in Ronneburg; 18 Tiſchlermeiſter Ulbricht hier +; 19. Vo⸗ 
gel, Stadtgerichtsdirektor hier; 20. v. Wangenheim, Kammerherr und 
Forſtmeiſter in Hummelsbain; 21. Stieglitz, Dr., Probſt in Leipzig 1; 
22. Doͤll, Hofgaͤrtner in Eifenberg. * 7 
) Ihre Namen finds, 1. Dr. Back, Stadtſchreiber in Eiſenberg; 
2. Bilger, Inſtrumentenmacher hier; 3. Boͤhme, Hofſchloſſer hier; 4. 
Erler, Steinſetzermeiſter hier; 5. Hager, Advokat hier; 6, Huth, Kamm⸗ 


N 


= m — 


denfelben zum großen Theile ſchon durch die regſte Theils 
nahme erfreut und gefördert haben. Rechnen wir hierzu 
noch, wie auch nicht wenige von den aͤltern Mitgliedern in 
dieſem Jahre ihre Thaͤtigkeit verdoppelt und ihre neuerwachte 
Liebe fuͤr unſere Zwecke durch haͤufigeren Beſuch der Ver— 
ſammlungen und durch die bereitwilligſte Uebernahme von 
Muͤhen und Arbeiten für die gemeinſamen Zwecke bethaͤtigt 
haben; gewiß! dann duͤrfen wir nicht zweifeln, daß das 
eben beſchloſſene Jahr im Ganzen ein gutes war, und uns 
eben ſo ſehr zur Freude und Dankbarkeit wie fur Hoffnung 
fuͤr die Zukunft auffordert. 
Und wie überall auf Erden jede geifliges eynge auch 
äußerlich ſich ankuͤndigt und geltend macht, ſo haben ſich 
in Folge des neuerwachten guten Geiſtes in dieſem Jahre 
nicht allein unſere Hauptverſammlungen bis auf vier⸗ 
zehn vermehrt, ſondern es iſt auch die Durchſchnitts— 
zahl der Theilnehmer an jeder derſelben von zehn bis 
auf zwanzig geſtiegen, ſo wie auch die der Lecture und 
freien Unterhaltung gewidmeten Wochen verſammlungen 
nicht allein, wie bisher, im Winterhalbjahre, ſondern ohne 
Unterbrechung im ganzen Jahre tegelmäßiger als 
jemals beſucht waren. 

AUnſere Verbindungen mit verwandten Geſelſchaf⸗ 
ten dauerten fort, und wir wurden von mehrern Seiten 
durch dankenswerthe Zuſen dungen erfreut. 


Mit Aus zeichnung nennen wir unter dieſen die fünf - 


erſten Lieferungen der Verhandlungen des Ver- 
eins zur Beförderung des Gewerbfleißes in 
Preußen vom vorigen Jahre, die Hefte 30 — 34 von 
den Schriften der oͤkonomiſchen Geſellſchaft 
in Sach ſen, den ſechsten Jahresbericht des Bres— 


1 hier; 7. Lange, Candidat der Theologie hier; 8. Loth, Schneider⸗ 
meiſter hier; 9. Steinbach, Leinwebermeiſter hier; 10 Kaufmann, Aku⸗ 
ſtiker in Dresden; 11. Dr. Lindner, Profeſſor in Leipzig; 12. Lurgenftein; 
Kammfabrikant i in Lei zig; 13. Preusker, Rentamtmann in Großenhain ' 
14. Rottig, Guͤrtler i eipzig. 


lauer Gewerbvereines, von einem Ausſtellungsver⸗ 
zeichniß und einem Liederbuche begleitet, die gedruckten Mit— 
theilungen und Berichte uber die vielumfaſ⸗ 
ſende Thaͤtigkeit der Frankfurter Geſellſchaft 
zur Beförderung nützlicher Künſte und deren 
Hilfswiſſenſchaften und das dritte Heft vom 
zweiten Bande der Weſtphaͤliſchen Provinzial⸗ 
blätter, deſſen Zuſendung wir der Mindener Geſell⸗ 
ſchaft zur Beförderung vater laͤndiſcher Cultur 
verdanken. Außerdem gab uns der Gewerb verein in 
Weimar durch Ueberſendung ſeiner Statuten und mehrerer 
Blaͤtter mit Zeichnungen, die verſchiedene neue techniſche 
Erfindungen und Verbeſſerungen darſtellen, einen wiederholten 
Beweis ſeiner ruͤhmlichen Thaͤtigkeit, und der mit reger 
Jugendkraft auftretende Gewerbverein in Saalfeld 
ließ uns nur noch vor wenigen Wochen ſeinen erſten ge— 
druckten Jahresbericht und einige Vorſchlaͤge zur Gruͤndung 
eines thuͤringiſchen Geſammtgewerbvereines und eines gewerb⸗ 
lichen Centralblattes zukommen, welche von unſerer Seite 
gewiß recht bald reifliche Erwaͤgung finden werden. 

Rur andeutend darf ich hierbei noch des brieflichen 
Verkehrs erwaͤhnen, zu welchem uns die freundlichen Nachbar⸗ 
verhaͤltniſſe mit dem Kunſt- und Gewerbvereine und der 
polytechniſchen Geſellſchaft in Leipzig und mit 
den verſchwiſterten Gewerbvereinen in Ronne⸗ 
burg und Schmoͤlln Veranlaſſung gaben. Denn trotz 
ſeiner actenmaͤßigen Beglaubigung tritt dieſer Briefwechſel 
doch gegen den lebendigeren perfönlichen Verkehr und gegen 
die gaſtliche Aufnahme, welche mehrere Mitglieder unſeres 
Vereines bei den Verſammlungen und Feſten der genannten 
Geſellſchaften fanden und in unſern Sitzungen dankend und 
ruͤhmend anerkannten, von ſelbſt beſcheiden in den Hinter⸗ 
grund. 39030 
Auch verdienen die ehrenden Beweiſe fortgeſetzter Theil⸗ 
nahme von Seiten einiger unſerer auswaͤrtigen Mitglieder 
um ſo mehr unſere dankbare Anerkennung, je ſeltener wir 
dermalen überhaupt ſolche Beweiſe empfangen. So erhiel⸗ 


N * 66 — 


ten wir im Laufe des verfloſſenen Jahres von dem Herrn 
Regierungs⸗ und Schulrath von Turk in. Potsdam eine ge⸗ 
druckte Anleitung sum Pflanzen und zur Pflege der Maul⸗ 
beerbäume, von dem deren Baurath Dr. Vorherr in Mün⸗ 
chen einige gedruckte Berichte über das erfreuliche Gedeihen 
der auf Förderung ununterbrochener Atbeitſamkeit vorzugs⸗ 
weiſe berechneten Münchener Baugewerksſchule und‘ über die 
Fortſchritte der Landesverſchönerung und des Sonnenbaues 
in Bayern, „und unſer Ehrenmitglied, Herr Rentamtmann 
Preusker in Großenhain, erfreute uns durch Zuſendung ſei⸗ 
ner beiden neueſten Werke, naͤmlich der „Foͤrderungs⸗ 
mittel der Volkswohl fahrt“ und des „Herdero⸗ 
lithen.“ Endlich verdanken wir noch der Guͤte eines un⸗ 
ſerer hieſigen Mitglieder den Beſitz der vielbeſprochenen Schrift 
des Dr. Bley: über die. „Zuckerbereitung aus Rune 
kelrüben in ihrer Beziehung zur deutſchen 
Landwirthſchaft“, welche, wie die uͤbrigen genannten 
| Schriften, unter den Mitgliedern in Umlauf geſetzt und ge— 
wiß von vielen mit Aufmerkſamkeit geleſen worden iſt. 
Was nun die Veränderungen im Innern un⸗ 
feres Vereins ſelbſt anlangt, ſo hat, um zuerſt die im 
Beamtenperſonale zu erwaͤhnen, Herr Kammerſecretair 
Hempel. mit dem Anfange des eben beendigten Vereinsjahres, 
wie ſchon früher angekündigt worden iſt, das Amt eines 
Caſſirers aus den Händen des Baucontroleurs Winkler uͤber— 
nommen und bisher mit anerkannter Ordnungsliebe verwal⸗ 
tet; und an die Stelle des Herrn Siegellacksfabrikanten 
Barth, deſſen große Verdlenſte für erhoͤhte gemeinnuͤtzige 
Wirkſamkeit unſeres Vereines und für Belebung ſeiner Ver⸗ 
ſammlungen alle moͤgliche Anerkennung verdienen, iſt am 
Schluſſe des Vereinsjahres Herr Kupferſchmiedemeiſter Wag⸗ 
ner ſtatutenmaͤßig zum zweiten Vereins vorſteher ernannt 
worden. 
Auch die innere Einrichtung des Vereins blieb 
nicht ohne weſentliche Verbeſſerungen „indem der Verein 
durch die von Herrn Barth zuerſt in Vorſchlag gebtachte 


Errichtung von einzelnen Sektionen, für die verſchie⸗ 


— 


— 


0 


denen Gewerbszweige ein neues nützliches Organ zur 
Pruͤfung und Begutachtung von eingereichten gewerblichen 
Gegenftänden oder WVorſchlägen und zur Vorbeteitung 5 


maͤßiger Vereinsbeſchlüſſe gewonnen bat. 510 


Nach dem von einigen damit beauftragten Mitgliedern 
ausgearbeiteten und ſpaͤter vom Vereine angenommenen Ent⸗ 
wurfe beſitzen wir dermalen fünf ſolche Sectionen, nämlich ; 
4. eine für Urproduktion und dhl Gewerbe, 
deren Vorſteher Herr Steverrath Wagner iſt; 2. eine fuͤr 
Bauweſen mit Herrn Stadiſyndikus Schnuphaſe als Vor⸗ 
ſteher; 3. eine fur Kunſt, welche ke Leitung des Herrn 
Oberzollinſpectors Meißner ſteht; 4. eine für Fabrikation 
oder für alle diejenigen Gewerbe, welche vorzüglich in Feuer 
arbeiten, deren Verhandlungen Herr Hofoptikus Liebing zu 
leiten hat, und 5. eine Section fuͤr Manufakte, mit Herrn 
Oberſteuerbuchhalter Meier an ihrer Spitze. 1% 
Diͤe große Zweckmaͤßigkeit dieſer neuen Einrichtung hat 
ſich beſonders bei Gelegenheit der letzten, am 27. Auguſt — 
als dem Geburtstage unſers burchlauchtigſten Protectors — 
eröffneten und am 11. September geſchloſſenen Kunſt⸗ 
und Gewerbeausſtellung bewaͤhrt, indem ſich die 
Mitglieder dieſer fuͤnf Sectionen mit bereitwilligem Eifer 
und großer umſicht der Prüfung und gutachtlichen Beurthei⸗ 
lung der einzelnen, ihnen zugewieſenen Ausſtellungsgegenſtaͤnde 
unterzogen und die Ergebniſſe ihrer Eroͤrterungen ſpaͤter dem 
Vereins directorium zur Zuſammenfaſſung, und durch dieſes 
dann dem geſammten Vereine vorlegten, welcher nun, auf 
den Grund dieſer reiflich erwogenen Gutachten mit groͤßerer 
Sicherheit und Leichtigkeit über die zuzuerkennenden Aus zeich⸗ 
nungen der mancherlei ee neee 
* konnte: iminnas Pin 

Nur ungern verſage ich 68 mir, ebesſo wohl im: Br 
si ichtigung der mir geſteckten Grenzen, als betroffen von 
der unverkennbaren Schwierigkeit der Auswahl, Einiges aus 
dieſen trefflichen Sections gutachten mitzutheilen, deren 
ganzer Werth freilich auch nur den Gegenftänden der Bes 
sang ſelbſt gegenüber vollkommen einleuchten würde. 


— 


12 


Die Ausſtellung ſelbſt erfuͤllte zwar nicht alle un⸗ 
Ser Wuͤnſche und Hoffnungen; allein der innere Gehalt, 
wenn auch nicht die Zahl der ausgeſtellten Gegenſtaͤnde, 
ſchien doch die ihr zunaͤchſt vorhergehenden Ausſtellungen 
ede nie er SARAH zum Beſſern zu be⸗ 
zeichnen. 55 
Denn meines Wiſens hatte keine unſerer fruͤhern Aus⸗ 
ſtellungen inlaͤndiſche Seidengewebe enthalten, waͤhrend dieſe 
von Herrn J. Fr. Fuchs in Eiſenberg nebſt mehreren Pro⸗ 
ben ein Stück Gros de Raples aufzuweiſen hatte, welches 
von der Section für Manufakte als gut und preis würdig 
anerkannt wurde. Und obgleich die Gebrüder Geyer in Ei⸗ 
ſenberg ſchon ſeit mehreren Jahren ſaͤmiſch- und lohgahre 
Inſtrumentleder fertigen und ſelbſt in groͤßern Quantitaͤten 
abſetzen und verſenden, ſo war dieſes doch die erſte unſerer 
Ausſtellungen, welche uns durch den Augenſchein ſelbſt von 
det Vorzuͤglichkeit dieſes inlaͤndiſchen Erzeugniſſes überzeugte, 
Desgleichen enthielt fie in einem Barokrahmen vom Ver⸗ 
golder Herrmann Brauer hier die erſte wahrhaft gelungene 
inlaͤndiſche Arbeit dieſer Art, zu deren Hervorbringung uns 
ſer Verein ſelbſt INA: vor 7 Jaßkin aufgefordert 
1 NN. 

Wollten wir nun ae lbb wie viele der un⸗ 
ten. 168 Nummern im Ausſtellungsverzeichniſſe aufgefuͤhrten 
Gegenſtaͤnde wir, zwar nicht als die erſten, wohl aber als 
vorzüglich gelungene Erzeugniſſe ihrer Art, ruͤhmen und aus⸗ 
zeichnen konnten, und wie viel Freude uns einige kunſtvolle 
Inſtrumente unſeres geſchickten Mechanikus Kalkoff oder 
die anſprechenden Gemaͤlde unſerer beiden hoffnungsreichen 
jungen Kuͤnſtler Kießling und Vogel bereiteten, anderer treff⸗ 
licher Leiſtungen nicht zu gedenken, ſo wuͤrden wir noch 
lange kein Ende finden, um wenigſtens die Namen derer 
zuſammenzuſtellen, welchen in Folge der Ausſtellung 
oͤffentliche Aus zeichnungen vom Vereine zuer⸗ 
kannt wurden. Dieſe Auszeichnungen beſtanden in ſilber⸗ 
nen und bronzenen Verdienſtmedaillen und in zwölf verfchies 
denen Geldpreiſen, die zuſammen 150 Thaler in Golde be⸗ 


u = 


trugen. Die Silberne Verdienſtmedaille wurde 
Herrn J. Fr. Fuchs in Eiſenberg, Herrn Kammfabrikant 
Lurgenſtein in Leipzig und den Herren Gebruͤder Geyer in 
enberg zuerkannt. Die bronzene Verdienſtmedaille 
er der Kammmacher Karl Huth hier und der Brauer 
Hagen in Eiſenberg. Die zwoͤlf oͤffentlich ausge— 
ſetzten Metenterſe aber By ee cg. ver⸗ 
theilt: ' 191765 H ILS, 
Den erſten preis (ſechs gouisdior) erhielt der Maler 
Franz Kießling aus Altenburg, den zweiten (funf Louis⸗ 
d'or) der Vergolder Herrmann Brauer hier, den dritten 
(vier Louisd'or) der Maler Louis Vogel hier, den vierten 
(drei Louisd'or) der Tiſchlermeiſter Doͤll in Eiſenberg, den 
fünften (ebenfalls drei Louisd'or) die Frau Schullehrerin 
Gaͤnß in Eiſenberg, den ſechſten (zwei Louisd'or) der Me⸗ 
chanikus Kalkoff hier, den ſiebenten Preis (ebenfalls zwei 
Louisd'or), der Glaſermeiſter Petzold in Ronneburg und die 
fuͤnf letzten Preiſe (jeder einen Louisd'or) der Hofoptikus 
Liebing hier, der Zeugſchmied Thieme in Eiſenberg, der 
Schullehrer Hofmann in Zoͤllnitz, der Buͤrſtenmacher Kunze 
hier und der Architektur-Befliſſene Schmidt aus Altenburg. 
Ueber alle dieſe Auszeichnungen ward von Seiten des 
Vereins eine öffentliche, Bekanntmachung erlaſſen, aus wel⸗ 
cher ich mir, beſonders im Betreff det Geldpraͤmien, noch 
folgende Stelle zu wiederholen erlaube 
ak Allerdings ſind dieſe Geldpreiſe, namentlich die letz⸗ 
ten, nur gering und fuͤr den, welcher ſie nur nach ihrem 
Metallwerthe ſchaͤtzen wollte, kaum der Beachtung werth. 
Allein eine ſolche Anſicht iſt auch ohne Sweifel einſeitig und 
befangen. Denn nicht der Geldwerth, ſondern die oͤffentlich 
anerkannte Preiswuͤrdigkeit der durch dieſe Praͤmien ausge⸗ 
zeichneten Gegenſtaͤnde iſt die Hauptſache, ſo wie ja auch 
bei den Verdienſtmedaillen nicht der Werth ihres Metalles 
und Gepraͤges, ſondern die mit demſelben verbundene oͤffent⸗ 
1 Auszeichnung das Weſentliche iſt und ſein ſoll. 
Und nachdem nun noch in dieſer Bekanntmachung ‚meh: 
rere andere gelungene Arbeiten und ihre Verfertiger na⸗ 


w Gi 


mentlich aufgefuͤhrt fi m ſchließt dieſelbe aut feed 
Worten: 

„Uebrigens ſi nd wir von dem Wahne der untrüglichkeit 
in unſern Urtheilen und Beſchlüſſen weit entfernt, ob wir 
gleich, was den Willen, nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen 
zu entſcheiden, anlangt, mit gerechtem Selbſtvertrauen vor 
das Publikum treten. Sollten wir alſo dennoch einem ges 
ſchickten Manne nicht diejenige Anerkennung zuertheilt haben, 
die er, frei von eitler Selbſtüberſchaͤtzung, verdient zu ha— 
ben glaubt, ſo moͤge er ſich dadurch nicht irren laſſen, ſon⸗ 
dern mit uns fortfahren zu wirken und zu ſchaffen und das 
gute gemeinſame Werk unſerer oͤffentlichen Ausſtellungen zu 
foͤrdern und zu unterſtützen. Dann wird ihm zuletzt die 
gerechte Beachtung ſeines Strebens und ſeiner Leiſtungen 
gewiß nicht entgehen, ſo wie auch wir in unſerm Wollen 
und Wirken bei unſern Mitbuͤrgern noch allgemeinere ha 
kennung und Unterftügung zu finden hoffen.“ 

Laſſen Sie uns feſthalten an dieſer Hoffnung und aus⸗ 
dauern in unſern Beſtrebungen für den heimiſchen Gewerb⸗ 
fleiß, ſollten dieſe auch nicht uͤberall durch ſchnelle Erfolge 
gekroͤnt werden! Der Obſtbaum laßt den Pflanzer oft viele 
Jahre auf die gewuͤnſchten Früchte warten; aber je länger 
dieſe. ausbleiben, deſto Fräftiger wird in der Regel der Stamm 
und deſto reicher ſeine ſpaͤteren Ernten. Darum verlieren 
wir den Muth nicht, wenn die von uns oͤffentlich ausge⸗ 
ſetzten Preiſe, wenn die unſerer Cafe zur Laſt fallenden, 
dieß Mal durch die freiwilligen Eintrittsgelder der Be⸗ 
ſuchenden nicht gedeckten Ausſtellungskoſten und wenn die 
vielfachen Bemühungen unſerer Mitglieder ng ſagleich von 
ſichtbaren Erfolgen begleitet erſcheinen. g Ä 

Auch hielt ſich Mancher unter uns: für alle Bembhun⸗ 
gen, ſchon hinlaͤnglich entſchadigt, wenn er berechnen konnte, 
daß durch die Praͤmien und die Verkaͤufe unmittelbar bei 
der Ausſtellung und ſpaͤter zum Behuf der Verlooſung von 
neunzig ausgewaͤhlten Gegenſtaͤnden gegen 400 Thaler in 
die Hände derjenigen unſerer Mitbürger übergegangen: was 
ren, welche unſere Ausſtellung und ſomit auch die Feier 


des 27. Auguſt durch gemachte Einſendungen gefoͤrdert 
hatten. 

Wie nach außen hin, ſo war der Verein nicht minder 
thätig. in feinen Verſammlungen. Denn ungeachtet ihrer 
vermehrten Zahl reichten dieſe doch kaum hin, die Fulle 

der Gegenftände zu berathen und zu beſprechen, welche der 
erneuerte Eifer der Mitglieder in Anregung brachte. Außer 
der Beſorgung der laufenden Geſchaͤfte und der Bericht— 
erftattung über den ſchon erwähnten Verkehr mit auswaͤrti⸗ 
gen Perſonen und Geſellſchaften wurden in den vierzehn 
Hauptverſammlungen des Vereines mancherlei muͤndliche und 
ſchriftliche Vorträge gehalten, deren Hauptergebniſſe fi in 
den Protokollen und Acten des Vereines niedergelegt finden. 

So trat Herr Barth gleich im Anfange des vorigen 
Jahres mit einigen Vorſchlaͤgen, unſerm Vereine eine durch⸗ 
greifendere und nuͤtzlichere Wirkſamkeit zu verſchaffen, hervor, 
welche unverkennbar einen wohlthaͤtigen Einfluß hatten. Auch 
ließ derſelbe keine Meſſe in Leipzig voruͤbergehen, ohne uns 
nach feiner Rückkehr durch eine Aehrenleſe aus den Verhand— 
lungen der uns verwandten dortigen Vereine zu erfreuen 
und zu fortgeſetzter und erhoͤhter Thaͤtigkeit zu ermuntern. 
Dann ſprach ſich Herr Zeichenlehrer Moß dorf, zur 
Begutachtung eines uns durch den Herrn Rath Klein übers 
gebenen Entwurfs uͤber Anlegung eines Waarenmagazines in 
Hildburghauſen aufgefordert, uͤber Zweck und Plan dieſer 
Anſtalt zwar beifaͤllig aus, verhehlte jedoch nicht, daß ihm 
in Bezug auf die kleine Bewohnerzahl und die geringe Leb 
haftigkeit des Verkehrs in Hildburghauſen mancher Zweifel 
für die andauernde Fortführung dieſes Unternehmens aufge⸗ 
ſtiegen ſei. Ferner war fuͤr die Errichtung der ſchon erwaͤhn⸗ 
ten fünf Sectionen unſeres Vereines, außer Herrn Barth, 
beſonders Herr Knammerſecretair Hempel wiederholt 
thätig, indem er, unterftügt vom Herrn Regierungsſecretair 
Kanold, die Antraͤge des Erſteren begutachtete und dann 
einen ausführlichen Statutenentwurf anfertigte und vortrug, 
auf welchen dann die weitere Einrichtung der Sectionen be⸗ 
gründet wurde. In das Gewerbsweſen ſelbſt unmittelbar 

6 


“ 


ME: 


einſchlagend war ein Vortrag des Herrn Handſchuhfabrikanten 
Brengel uͤber Bereitung der zur Handſchuhfabrication nda 
thigen Felle, fo wie eine Mittheilung des Herrn Bauver— 
walters Jecke uͤber einige, dem Vereine dabei zur Anſicht 
vorliegende thoͤnerne Waſſerleitungsroͤhren, welche Herzogliche 
hohe Kammer zur Probe vom Fabrikanten Glaſer in Karls⸗ 
bad hatte verſchreiben laſſen. Man fand dieſelben dem 
aͤußern Anſehen auch, beſonders im Verhaͤltniß zu ihrem 
Preiſe am Erzeugungsorte ſelbſt, vorzüglich, und ſieht mit 
Theilnahme den Ergebniſſen der praktiſchen Pruͤfung ihrer 
Haltbarkeit und Dauer entgegen. Auch bemerkte man mit 
vielem Vergnuͤgen, wie ſpaͤter die beiden hieſigen Toͤpfer— 
meiſter, Winter und Heidner, aͤhnliche Roͤhren zu brennen 
verſucht hatten, die zwar, aus Mangel einer Preßmaſchine 
minder dicht erſchienen; dennoch aber bewieſen, daß unſerm 
Lande weder das Material noch die Ruͤhrigkeit und Geſchick— 
lichkeit der Techniker abgeht, auch in dieſer Beziehung ſich 
kundgebende Beduͤrfniſſe zu befriedigen. 
l Ein Vortrag des Berichterſtatters über das 
Roͤſten des Flachſes iſt ſeitdem ſchon gedruckt ?) in 
die Hände unſerer Vereinsmitglieder gelangt, von denen viela 
leicht einige die Gelegenheit, die darin aufgeſtellten Saͤtze 
und Erfahrungen zu pruͤfen, fuͤr unſere kuͤnftige Belehrung 
nicht unbenutzt laſſen werden. Eine im Münchener Kunſt⸗ 
und Gewerbeblatt enthaltene Vorſchrift, hanfene Spritzen 
ſchlaͤuche durch Kautſchuckaufloͤſung waſſerdicht zu mar 
chen, wurde erſt in der letzten Verſammlung zur Pruͤfung 
und Berichterſtattung an die Section fuͤr Manufakte abge— 
geben, und ein weitlaͤuftig motivirter Vorſchlag des Referenten, 
eine Wanderpraͤmie fuͤr ausgezeichnete Schuͤler unſerer 
Kunſt⸗ und Handwerksſchule zu gründen, wurde ſpaͤter 
vom Herrn Rath Klein ausführlich begutachtet und darauf 
mit einigen Modificationen angenommen. Sehr anſprechend 
fand man einen vom Herrn Profeſſor Doͤll aus dem 


) Heft I. S. 13 gegenwaͤrtiger Mittheilungen. 


Kunſtblatt entlehnten Vortrag über das Weſen der Kunſt 
und die Beſtimmung der Kuͤnſtler, indem derſelbe die hoͤhere 
Bedeutung beider in einer edeln und doch leicht verſtaͤnd— 
lichen Sprache hervorhob. Was ich endlich noch ſelbſt uͤber 
den Haushalt der Natur zur Anregung und Unterhals 
tung der Anweſenden vorgetragen habe, befindet ſich eben— 
falls ſchon gedruckt“) in den Händen der verehrten Mitglie- 
der, die ich jetzt nur noch erſuche, an dieſe beſcheidene Gabe 
ja keinen hoͤhern Maßſtab anlegen zu wollen. 

Schon habe ich zum zweiten Male Veranlaſſung gehabt, 


Rauf unſere neu begründete Vierteljahrſchrift hin— 


zudeuten, der wir den Namen von Mittheilungen aus 
dem Oſterlande beigelegt haben. Keine Wiederholung 
über ihre Entſtehung und Beſtimmung, nur den aufrichtigen 
Wunſch für ihre Zukunft, daß fie für die zu ihrer Heraus 
gabe verbundenen drei hieſigen, fol ich ſagen, wiſſenſchaft— 
lichen oder gemeinnuͤtzigen, Geſellſchaften ein Band der Liebe 
und Eintracht und fuͤr jede einzelne ein Foͤrderungsmittel 


veredelnder Thaͤtigkeit werden möge ! 


Dann ſind die Opfer, welche ſaͤmmtliche drei Geſell⸗ 
ſchaften und ganz vorzüglich auch unſer Verein dieſem Unter⸗ 
nehmen bringen, gewiß nicht zu groß, und Zeit und Muͤhe 
von Seiten der gemeinſchaftlichen Redactionscommiſſion nicht 
nutzlos verſchwendet. Wo gediehe überhaupt etwas Gemein⸗ 
ſames ohne Opfer und wo beſtaͤnde ein menſchlicher Verein, 
der ihrer nicht bedurfte! Und bringen wir dem unſrigen 
überhaupt nicht Alle ſolche Opfer, moͤgen ſie auch in ihrer 
Beſchaffenheit noch ſo verſchieden ſein! Darin wenigſtens 
ſind ſie einander alle gleich, daß ſie demſelben Zwecke mit 
derſelben Liebe und Bereitwilligkeit dargebracht werden. 

Mag daher auch die Zahl unſerer Mitglieder und der 
Jahresuͤberſchuß der Einnahmen über die Ausgaben, ja moͤ⸗ 
gen ſelbſt die baaren Caſſenbeſtaͤnde eine Zeit lang abneh⸗ 
men, dennoch bleiben wir ſtark und reich, ſo lange der 


) Heft 1. S. 7 der Mittheilungen. 
6 * 


a 


gute Geift der Thaͤtigkeit, Ordnung und Gemeinnüßigkelt 
unter uns waltet. Wenn aber dieſer entfloͤhe, wenn die 
gemeinſamen Angelegenheiten, ſtatt mit Liebe gepflegt, nur 
wie ein laͤſtiges Geſchaͤft abgemacht und beſeitigt würden, 
dann wären wir arm und ſchwach, felbft wenn auch unfere 
Caſſen reichlich gefuͤllt und unſere Mitgliederverzeichniſſe mit 
den achtbarſten Namen geſchmuͤckt wären, Denn nur der 
Geiſt iſt es, der lebendig machet. 


XIII. 


Jahres bericht des Vorſtandes der Kunſt⸗ 

und Gewerbsſchule hier in Altenburg am 

15. Stiftungsfeſte derſelben den A, Februar 
1857. 


Vorgetragen von dem Secretaire nn 
G. V. d 


Sie begehen mit uns, hoͤchſt- und hochzuverehrende hier 
Verſammlete, nach zwoͤlf vollendeten Jahren das drei— 
zehnte Wiegenfeſt unſerer Kunſt- und Gewerbs-Vereins⸗ 
Schule. Im bürgerlich = chriftlichen Leben ein nicht unwich—⸗ 
tiges Jahr für die Jugend, welches nun fchon einen bedeus 
tenden Abſchnitt in der Bildung und Stellung 98 jungen 
Menſchen bezeichnet. 

Es ſei mir, dem Berichterſtatter, eben deshalb vergoͤnnt, 
einige vergleichende Blicke ruͤckwaͤrts auf die Schule zu thun, 
auf das, was ſie in den fruͤhern Jahren war, und was 


3 


ſie gegenwaͤrtig iſt, Hoffnung gebend zu noch erfreulicherem 
Auf⸗ und Fortbluͤhen. 

Ihre erſte Kindheit uͤbergehend, laſſen Sie uns nur 
auf ſechs Jahre zurückſehen! Damals, am ſiebenten Stif⸗ 
tungs feſte, den 4. Februar 1831, zaͤhlte ſie nicht mehr als 
Br im verfloſſenen Schuljahre und fo eben jetzt 60 Schuͤ⸗ 
er. Von dieſen gehören 

25 der erſten (oberſten) Claſſe, 
21 der zweiten — und nun noch 
14 einer dritten (unterſten) an. 

Dieſe dritte, neu eingerichtete Claſſe iſt eine uns, 
den Lehrern und Pflegern der Schule, nicht unwichtige 
Veraͤnderung, ein Vorſchritt im verfloßnen Jahre. 

In der bemerkten fruͤhern Zeit befanden ſich ſaͤmmtliche 
jene 23 Schüler zuſammen in nur einer einzigen Claſſe 
ſechs Stunden woͤchentlich, in dreien naͤmlich Sonntags tech— 
niſchen, und in eben fo vielen Montagsabendſtunden wiſſen⸗ 
ſchaftlichen Unterrichts theilhaftig werdend. Der Belang 
ſaͤmmtlicher Stunden durchs Jahr war damals mehr nicht 
als 210. Der im vorigen Schuljahre, die Claſſenſtunden 
zuſammengezogen, erſtreckte ſich auf 4093 in dem zu beſchlie⸗ 
ßenden gegenwärtigen auf 642, 

Erlauben Sie mir, Hoͤchſt- und Hochverehrte, dieſe 
Wachsthumsperioden zu verfolgen und theilweiſe zu bezeich- 
nen. — Zu den urſpruͤnglichen Unterrichtsſtunden kam im 
Sommer 1831 noch eine vierte ſonntaͤgliche (am frühen Mor⸗ 
gen oder Mittags nach Tiſche) zur praktiſchen Anweiſung 
im Modelliren, fuͤr ungefaͤhr ſechs bis acht dazu geeignete 
‚Schüler, Nach des verdienten Sprenger's Tode hat Herr 
Bildhauer Heß es übernommen, dieſe Unterweiſung fortzu⸗ 
ſetzen, und wir duͤrfen glauben, mit gutem Erfolge. 5 
HOſtern 1832 wurde für die beim wiſſenſchaftlichen 
interrichte Vorgerüͤckten eine neue, höhere Claſſe eingerichtet, 
deren Schüler Dienſtags und Donnerstags Abends von 6 
bis 8 Uhr in Geographie, im Rechnen, Rechtſchreiben und 
in ſchriftlichen Aufſätzen, fo wie auch in der Geometrie uns 
terwiefen werden. 


1 


Oſtern 1834 fand die erſte öffentliche Prüfung Statt. 
Zur Aufmunterung wurden den Schuͤlern, die ſich im Laufe 
des Jahres ausgezeichnet hatten, Praͤmien zugetheilt. Dieſe 
Prüfung iſt in gleicher Art jährlich wiederholt worden. 
Fuͤrſtenhuld hatte die Preiſe im vorigen Jahre vermehrt 
und verſtaͤrkt. Wir haben zahlreichen Zuſpruch von Vaͤtern 
und Meiſtern, aber auch von andern wuͤrdigen und hoch⸗ 
verehrlichen Maͤnnern dabei zu ruͤhmen gehabt. 

Einen neuen, hoͤchſt erfreulichen Zeitabſchnitt feierten 
wir aber Oſtern 1835, als unſerer Schule das ſchoͤne, helle, 
geraͤumige Local in dem neuen, ſtattlich erbauten Toͤchterſchulen⸗ 
gebaͤude mit zwei großen Lehrzimmern von den Behoͤrden 
wohlwollend eingeraͤumt wurde. Nicht ohne bedeutenden 
Aufwand hatten wir ſie fuͤr unſere Zwecke einzurichten. — 
Aber nun erſt war es eine Freude zu lehren und zu lernen! 
Ein beſſerer Erfolg des Unterrichts gegen fruͤher, groͤßere 
Aufmerkſamkeit und anſtaͤndigeres Benehmen der Schuͤler 
war die unmittelbare Wahrnehmung der Nahen; _ nun 
neuen Muth gewannen, 

Mit der erweiterten Raͤumlichkeit konnten nun aber 
auch neue Einrichtungen Platz greifen. Die ſonntaͤgliche 
Unterweiſung im Schoͤnſchreiben, ſo wie in beiderlei Zeich⸗ 
nen, dem freien Hand- und dem Bauzeichnen, wurde nun 
zu gleicher Zeit in zwei Claſſen betrieben. Wir gewannen 
fuͤr jedes dieſer Faͤcher noch einen zweiten Lehrer, indem 
die Herren Mosdorf und Porzig den Unterricht im Zeichnen, 
nicht weiter bloß aushelfend, (unentgeldlich) übernahmen; 
ſo wie Herr Steinbach die Lehrſtunde im Schoͤnſchreiben 
(gegen ſehr maͤßige Entſchaͤdigung) nicht abwies, in welchem 
unſer alter treuer Lehrer und Mitgehuͤlfe, Herr Kerſten, 
ſich den Elementarunterricht nicht hatte nehmen laſſen, eben 
weil auf dieſem, gründlich entwickelt, das Fort- und Aus⸗ 
ſchreiben der Haͤnde wie auf einem Grundbaue beruht. Als 
freie Huͤlfslehrer im Zeichnenunterricht erwieſen ſich die Schuͤ⸗ 
ler Herrn Profeſſors Doͤll, die Herren Kießling und Vogel, 
ingleichen beim architektoniſchen Zeichnen 70 u ee 
Wach bereitwillig thaͤtig. 


Pe 


Neuer Trieb und neues Leben! 

Beim Einordnen von 39. neuen Schuͤlern zu Oſtern 
vorigen Jahres fand unſer hochverdienter Wiſſenſchaftslehrer, 
daß es, um dem Zwecke der Schule zuzuſtreben, bei der 
immer hoͤher geſtiegenen Menge und Verſchiedenartigkeit der 
Schüler unmöglich ſei, ferner noch mit zwei Claſſen abzus 
kommen. Es mußte verſucht werden, noch eine Ele men— 
tar⸗Claſſe einzurichten, in welche diejenigen zuvoͤrderſt 
zu weiſen wären, welche, aus den untern Claſſen der Bürs 
ger⸗ oder Dorfſchule entlaſſen, als in Wiſſenſchaft und Bil— 
dung Verſaͤumte ſich darſtellten oder welche nach mehrjaͤhri— 
gem Entbehren und Vernachlaͤſſigen alles Unterrichts nun 
das Bedürfniß des Rachholens um ſo ſchmerzlicher fühlten. 
Mit den Geüͤbtern in eine Claſſe vereinigt, würden fie dieſe 
eben ſo geſtoͤrt und zuruͤckgehalten haben, als ſie ſelbſt auch, 
jenen beſchaͤmt gegenuͤber, des zum Gelingen ſo noͤthigen 
Muthes entbehrt haben duͤrften, um mit den Vorbereitetern 
fortzukommen. Fuͤr dieſe dritte, untere Claſſe verwendet 
nun der Wiſſenſchaftslehrer Mittwochs Abend noch zwei 
ſich ſelbſt angeſonnene Stunden. Vorher (von 5 bis 6 Uhr) 
ertheilt den Schuͤlern derſelben Herr Schreiblehrer Kerſten 
eine Schreibſtunde, mit einfachen Sprachuͤbungen verbunden. 
Zu dem ſonntaͤglichen Unterrichte im Schreiben und Zeichnen 
werden dieſelben, ihrem Wunſche zu Folge, außerdem noch 
zugelaſſen, wenn noch Raum fuͤr ſie vorhanden iſt. Sie 
ruͤcken, natürlich), nach, und die Lehrer find ſehr zufrieden 
mit ihrem guten Willen und Fortſchritten, da das Gefühl 
der Schwaͤche und Untüchtigkeit ihren Eifer, nachzukommen, 
ſpornt, und indem ſie das Verſaͤumte durch mitgegebene 
Schreibe- und Rechnenuͤbungen auch zu Haufe nachzuholen, 
nicht erfolglos, wie zu ruͤhmen, angewieſen werden. 
In den beiden andern und hoͤhern Claſſen blieb der 
Unterricht im Weſentlichen derſelbe wie voriges Jahr. Das 
Ausſcheiden der ſchwaͤchſten Schüler in eine, die fo eben 
bemerklich gemachte, dritte Claſſe hat allerdings die heilſame 
Folge bemerken laſſen, daß unter den ſich gleicher geſtellten 
Schuͤlern alle Uebungen beſſer von Statten gingen als fruͤher⸗ 


in: RE 


hin. Dennoch mußte im Rechnen jede Claſſe wieder in zwei 
Unterabtheilungen geſchieden werden, um alle, ſo viel moͤg⸗ 
lich, nach dem Maße ihrer erlangten Kraͤfte weiterzuführen. 
Die erſte Abtheilung der zweiten Claſſe uͤbte, das Rech⸗ 
nen betreffend, zuerſt die gemeinen Bruͤche aller Arten, zu⸗ 
letzt auch in zuſammengeſetzten Aufgaben (ungefähr achtzig) 
in der Regel-de-Tri mit Anwendung auf Zins⸗, Disconto⸗, 
Agio⸗ und Rabatrechnung, waͤhrend die untere ſich in den 
ſogenannten vier Speciesrechnungen benannter und unbe⸗ 
nannter Zahlen in einfachen und zuſammengeſetzten Aufgaben 


einübte und im Bruhn bis zur mien fort⸗ 


Aden Eu 
In der uten Coberften). Claſſe endlich wu Sen ſtatt 
des bisherigen Unterrichts in der Erdbeſchreibung, wel⸗ 
cher, um mit der ſo knapp zugemeſſenen Zeit hauszuhalten, 
nur in der zweiten Claſſe fortgeſetzt wird, Abſchnitte aus 
der Naturlehre vorgetragen, und namentlich wurde die 


Lehre von den feſten Koͤrpern beendigt und die von den 


tropfbar⸗fluͤſſigen angefangen. In der Geometrie be⸗ 


ginnt wegen der neu eintretenden Schuͤler jedes Jahr zu 


Oſtern fur die erſte Abtheilung ein neuer Curſus, welcher 


gegenwaͤrtig bis zur Körperlchre und namentlich bis zur Be⸗ 


rechnung des Prisma's fortgeſetzt wurde. Die Uebungen im 
Rechtſchreiben und in ſchriftlichen Auffaͤtzen blie⸗ 
ben feſte Punkte des Unterrichts. Beim forgfaͤltigen Durch⸗ 
gehen zahlreicher Dictate, wie auch freier Auffäße von Sei⸗ 
ten des Lehrers zu Haufe, hat dieſer oͤfteres das Vergnügen 
gehabt, beſonders an einige ausgezeichnetere Schuͤler, die 
Buͤcher fehlerfrei gefunden zuruͤckgeben zu koͤnnen. Im Rech⸗ 
nen ferner wurde die untere Abtheilung der erſten Claſſe 
in der zuſammengeſetzten Regel⸗de⸗Tri, der Ketten⸗ und 


Geſellſchaftsrechnung, in Decimalbruͤchen und im Ausziehen 


von Quadratwurzel geuͤbt. Die obere in noch andern, 


ſchwierigern Rechnungsarten. ee fie, bugleic dan | 


Abstrahiren und zum Denken angeführt. 5 
Was die Schuler im Schoͤnſchreiben, im — Hand⸗ 


zeichnen, im Bau- und Decorationszeichnen und auch (ſieben 


1 


bis acht derſelben) im Modelliren unter Anleitung und Auf⸗ 
ſicht ihrer ausharrenden, ſo vorzuͤglichen Lehrer und Meiſter 
leiſteten, die mit ihren Erfolgen im Ganzen ſich zufrieden 
aͤußern, davon werden die Proben zu einer ſchicklichern Zeit 
als heute, in der der nahe bevorſtehenden jährlichen Pruͤ⸗ 
fung, vorliegen. Leider, daß auf jede Art dieſer Unterwei⸗ 
ſungen woͤchentlich nur eine einzige Stunde — oder viel⸗ 
mehr nach einer gut befundenen Einrichtung eine Woche 
um die andere, auf einen Sonntag zwei — demnach recht 
wenig und zu bedeutenden Fortſchritten kaum genügend, vers 
wendet werden kann. Aber es wird doch das Talent, wo 
es vorhanden iſt, geweckt und erkannt und auch die ſchwaͤch— 
ſten Schüler, wenn ſie nur übrigens des guten Willens 
nicht ermangeln, nen 2 mit . e We 
griffen bekannt. Fan 

Eine — mit der Stunde des Schrelbeunternichts 
am Sonntage, dieſe von Morgens 9 bis 10 Uhr auf 1 bis 
2 Uhr Nachmittags verlegt, erſchien den Lehrern und Vor⸗ 
ſtehern nicht recht guͤnſtig und anſprechend. Sie konnten 
aber nicht in Abrede ſein, daß die zeither gewoͤhnliche Stunde 
von Seiten kirchlicher Anordnungen Ausſtellung zuließ und 
daß befoͤrderter Kirchenbeſuch, ſo wie nicht verleugnete Ach⸗ 
tung fuͤr das Geſetz ſo mahnend als beruhigend den Zwei⸗ 
feln "gegenüber ſtand. — Es hat uns, leider, dieſe Ver— 
aͤnderung fuͤr die verlegte Stunde den Verluſt unſers viel 
jahrigen Schreiblehrers gebracht. Der Toͤchterlehrer, Herr 
Bauch, iſt mit Ann 178 e an fine Ani ge⸗ 
tretennd “ 3351 13 
Wenn ich durch ui, bin, Mitheifungen fir ſch für 
ihre Zwecke intereſſirenden wackern Lehrer entnommene Dar⸗ 
legung unſers Unterrichtsweſens ermuͤdet zu haben fuͤrchten 
muß, ſo erlaube ich mir nur noch als Einzelnes heraus zu⸗ 
heben, daß ungefähr ein Sechstel der Schüler, Dorfbewoh— 
ner ſind und an Sonn- und Wochentagen, unverdroſſen 
und ſehr regelmaͤßig, ein bis zwei Stunden weit her zum 
Unterrichte ſich einfinden, den Werth deſſelben um ſo mehr 
erkennend und nuͤtzend, als ſie ihn nur mit Schwierigkeiten 


ie 


zu gewinnen haben, die ſtaͤdtiſchen Schülern wohl nicht — 
ee werden duͤrften. 

Im Andenken ruht es, darf ich vorausſetzen, daß ei 
1 Jahren ſchon eine tleine Buͤcherſammlung zum freien 
Leſen für die Schuͤler beſtand, geeignet dem Bedüͤrfniſſe 
zweckmaͤßiger Unterhaltung für fie daheim. Sie iſt auf uns 
gefaͤhr 68 Baͤnde angewachſen, und das darin angelegte 
kleine Capital traͤgt, ſchmeicheln wir uns, auch ferner gute 
Zinſen, indem beſſere die ſchlechtere Unterhaltung in freier 
Zeit ausſchließt oder doch ſchmaͤlert und der Samen des 
Guten und Rützlichen weiter wohl noch, als wir meinen, 
ausgeſtreut wird. 

Sollte das von unſerm Kinde, der ein Jahr aͤlter 
gewordenen Schule, entworfene Bild, wie wir wenigſtens 
nicht beabſichtigten, vielleicht doch geſchmeichelt erſcheinen, 
ſollten des Schattens, der Flecken, der Muttermaͤhler zu 
wenige an ihm zu ſehen ſein, ſo moͤchten wir uns mit dem 
Vorgange guter Maler entſchuldigen, welche, der Treue ih— 
rer Bilder unbeſchadet, doch nicht jeden Flecken wiedergeben. 
Schattenſeiten, auch wohl erkannte Maͤngel, ſo wie nicht 
immer erfuͤllbare Wünſche fehlen auch hier nicht; aber fie 
ſind das Mindere, die Ausnahme von den angenehmen, 
den Lehrern insbeſondere zu einiger Zufriedenheit mit ſich und 
ihrem Wirken verhelfenden Erfahrungen. Mit gutem Auge 
angeſehen und geſtuͤtzt von unſerm uns wahrhaft gnaͤdigen 
Fuͤrſten und Fuͤrſtenhauſe — unſer ehrerbietigſter Dank ſoll 
auch nicht von fern der Schmeichelei gleichen — begünſtigt 
von den hochachtbaren Ständen unſres Landes, wie von 
ehrfurchtsvoll hier begrüßten hoͤchſten und hohen Behoͤrden, 
iſt uns auch das jaͤhrlich vernehmbarere Anerkennen von 
Seiten unſerer Mitbuͤrger, namentlich des Gewerbſtandes, 
der ſeine Soͤhne und Lehrlinge uns immer williger uͤberlaͤßt, 
ja zufuͤhrt, ein ſehr werthgehaltenes Pfand der Zufriedenheit 
mit Wollen und Wirken unſererſeits. Es ermuthigt fortzu⸗ 
fahren und den goͤttlichen Segen im Gedeihen des Werkes 
zu fühlen, das wir, ungeachtet dreizehnjaͤhrigen Beſtehens, 


a 


doch für ein noch lange nicht vollendetes gelten laſſen 
Wi 


Es ſei mir vergoͤnnt, als ein ner gunſtiger Be⸗ 
urtheilung, der ſich dieſes Werk, auch ſo wie es eben ft, 
von oben herab zu erfreuen hat, auch zu erwähnen, daß 
im Laufe dieſes Schuljahres landesherrlich verordnet worden 
iſt, den Wanderbüchern der jungen Gewerken es beizuſchtei⸗ 
ben, ob und mit welchem Erfolge ſie in einer Gewerksſchule 
des Landes Unterricht genoſſen haben. 


unſerer Schweſter⸗ Schulen „der (beam 1 Alter 0 
hier folgend) 
1. in, Eiſenberg mit 32 


n aan erg ce Ai Schülern 

3. Luckau i nach neuſten Mittheilun⸗ 
4. „ Cahla 2h gen der Vorſtaͤnde 
ede een A ; isch 

6. ⸗Schmoͤllen = 75 


e in Summe 


in freundlicher Anerkennung ihres gemeinnützigen Beftreheng 
hier noch zu gedenken, darf von mir nicht verabſaͤumt wer⸗ 
den. Denn nur im Verbande mit ihnen und durch den 
Eifer und den Enthuſtasmus der wackern Maͤnner, die dem 
in der Mehrheit ihrer Mitbürger erwachten Bedlrfniffe von 
. zur That und zu Erfolgen verhalfen, kann 
aner genug gelingen, in unſerm vor vielen geſegne⸗ 
ter Lande auch den Boden des Gemuͤths und geiſtigen Ver⸗ 
ſtandniſſes im Gewerksſtande nachhelfend ſo anzubauen, daß 
er in Bluͤthe und Frucht eben fo reich fi ich roch als der 
irdiſche an Halmen und Fruͤchten. ae 
Ein mit tiefgefuͤhltem Danke zu —— 0 
Landtagsbeſchluß, von unſerm huldreichſten Fuͤrſten beantragt 
und mit Freuden beſtaͤtigt, hat auch den ſpaͤtern Gewerbs⸗ 
ſchulen Luckau und Schmoͤllen die e REIN von 
20 und 40 Thlen, zugeſichert. 


- 84 —- 


Die genannten Provinzial-Gewerkſchulen ſind freilich, 
mit weniger Ausnahme (Eiſenberg und Schmoͤllen), nur 
noch Sonntagsſchulen. Aber Geſchick und Eifer der Mans 
ner, die auch am Ruhetage ihren Samen ſtreuen, kann 
Vieles wirken, nuͤtzen, und der Himmel wird einen gutge⸗ 
meinten Anfang ſegnen. Erfinderiſches Nachdenken und die 
Beharrlichkeit ſich ſelbſt bindender Berufstreue darf auf Ers 
folge rechnen, geeignet, die Zeit- und Ortsgenoſſen zu wecken 
und zu gewinnen. Anerkenntniß und Zuſammenwirken von 
Seiten dieſer wird den geiſtigen Turnplatz ihrer männlichen 
Jugend immer mehr erweitern, und unter der Anführung 
bewährter Turnmeiſter, ſo wie beachtet und gefördert von 
ſich in dem Ehrenamte freiwilliger Aufſicht gefallenden Maͤn⸗ 
nern, wird bald genug und immer mehr ſich uns dieſe maͤnn⸗ 
liche Jugend des Gewerkſtandes als in gutem Wiſſen und 
tuͤchtigem Können geübt und erſtarkt erweiſen. Den tuͤchti— 
gen Schulen des Landes nur nachzuhelfen, ſie fortzuſetzen 
thut es Roth, um Anſtand, Sitte und ſittliches, wie chriſt— 
lich »religiöfes Gefühl — nicht myſtiſches und froͤmmelndes 
Gefuühlsweſen — da zu foͤrdern oder es in Wachsthum 
und Entwickelung zu ſchuͤtzen, wo der Menſchenfreund es 
oft noch ſchmerzlich vermißte. — 


Schule, Markt und Leben, dieſe drei Begriffe 
fi ind unter ſich verwandt und bedingen einander, wenn wir 
ein richtiges, ein vollftändiges Menfchenleben uns vorſtellen 
oder es darſtellen, es verwirklichen wollen. Die Schule 
macht den Anfang, fie öffnet, aber ſchließt ſich nicht. Sie 
bereitet die Zukunft vor, die beſſere, oder läßt — verſaͤumt, 
a vernachlaſſigt — die ſchlechtere hereinbrechen. 


Aus ihr geht es zum Markte, zum Markte des 
Lebens, im bildlichen Sinne des Wortes. Namentlich Ihr, 
meine Gewerken, Ihr ſeid am und auf dem Markte zu 
Hauſe. Geſchicklichkeit, Anſtelligkeit, die Ihr in Schule 
und Lehre und wieder in der Schule erwarbt, ſie erweitert 
und veredelt das erlernte Gewerbe; dabei erwies es ſich, 


— 83 — 


daß, da am Markte es auch — oft hoͤrte ich's ausſprechen — 
Politiſchſein gilt, Rechtſchaffenheit, einbegriffen die Tüͤchtig⸗ 
keit und Zuverlaͤſſigkeit, die allerbeſte Politik iſt. 

und das Leben! — hoͤre ich fragen — iſt nicht 
Schule und Markt ſchon von dem Leben bedingt und in 
ihm enthalten? — Ja, eben ſo wie der Saͤugling auch 
lebt, der die erſten Zuͤge athmet. Aber es gibt ein Leben, 
welches erſt beginnt, wenn wir verſtaͤndiger geworden ſind, 
wenn wir begreifen lernten, daß alle Mittel, auch die be⸗ 
dachteſten, die gewaͤhlteſten, nur immer erſt zum naͤch ſten 
Zwecke verhelfen und daß wir oft genug das Mittel mit 
dem Zwecke verwechfeln. Das höhere Leben iſt das zu 
erſtrebende Ziel. In der Schule — war dieſe nur rechter 
Art — iſt es uns aufgegangen. Der Markt ſoll es ſtaͤr⸗ 
ken, durch Erfahrung laͤutern. Freier wird die Ausſicht, 
der Horizont erweitert ſich. Der Blick nach den Bergen 
Gottes erhebt uns uͤber Gewinn und Verluſt, und das 
Waare zum Platze foͤrdern, das Feilſchen uber Werth und 
Unwerth, es wuͤrde toͤdtlich ermuͤden und uns ſelbſt' feil 
und zur Waare machen, wenn nicht der Blick von dem 
Boden, wo alles das vorgeht, ſich erhoͤbe und Ausſicht 
und Ferne ſuchte. Der Markt wird nun ſtiller; aber das 
Herz froher und freier. Auch über die Berge hinaus, die 
ja jedes Auge, jedes Gemüth anziehen — iſt es nicht blöde 
und matt oder dieſes verwahrloſ't — jenſelts der blauen 
Ferne gibt es ein Land, dem unſer beweglicher Markt, 
unſer Karavanenzug ſich täglich naͤhert, ein Land, welches 
wir nur der Ahnung und heiliger Sage nach kennen; in 
welchem aber zuverläſſi g nur der Geſchickte und Tüchtige, 
der Beharrliche im Wollen und Vollbringen des Guten, 
Schönen und Rechten ſich feiner Ankunft und Ueberſi De 
nad) Verhältniß „ zu erfreuen haben duͤrfte. * 51 
Auch in unſern Vorbereitungsſchulen moͤge der Sinn 
fuͤr das hoͤhere Leben nicht ungeweckt bleiben und die, 
übrigens wohl des Dankes werthe Fortbildung zum Markt⸗ 
geſchaͤfte nicht die ausſchließende ſein! — Jedenfalls aber 


u Mi 


und unbezweifelt wird der gereinigte Boden beſſere und ed⸗ 
lere Früchte tragen ' als der Diſtel- und Queckenacker. 


Ich kann mir es nicht verſagen, mit dem Spruche 


eines chriſtlich-indiſchen Dichters zu ſchließen: 


„Wenn das Erhabne ſtaunt die junge Menſchheit an, 
Spricht ſie im hellen Traum: das hat der Gott gethan! 
Und wenn fie zum Gefühl des Schönen dann erwacht, 

Bekennt fie freudig-ſtolz: das hat der Gott vollbracht! 
Und wenn zum Wahren einſt fie reift, wird fie erkennen: 
Es thut's im Menſchen Gott, der nicht von ihm in trennen.“ 


— 


XIV. 
Abhandlung über die Brounfobleulager 
unweit Altenburg, 


vorgetragen am Stiftungsfeſte der naturforſchenden 
maten 5 2 Oſterlandes am 6. Juli 1836 
von 
Julius Zinkeisen. 


Hochgeehrteſte Verſammlung! 
5 Die in ber unmittelbaren Nähe hieſi iger | Stadt faft überall 


hervortretende Porphyrformation und fo bedeutenden Braun⸗ 
kohlenablagerungen ſind beide fuͤr unſer gluͤckliches Laͤnd— 


chen zu wichtig, als daß fie nicht einer näheren Beleuch⸗ 


tung, eines Ueberblicks uͤber dieſe uns von der guͤtigen 


Vorſehung in fruͤheſter Vorzeit beſcheerten reichlichen Gaben 


verdienten, und ich gebe mir daher die Ehre, Ihnen in Be— 


— 82 — 


ziehung auf letztere gegenwaͤrtig Einiges vorzutragen und 
dabei die Anſichten Anderer und meine eigenen Wahrneh⸗ 
mungen daruͤber, ſoviel wie es meine beſchraͤnkte Zeit erlaubt 
hat, mitzutheilen und rechne dabei auf Ihre nachſichtvolle 
Beurtheilung. 

Der Laie in der Geologie und Geognoſie, welche Wiſ⸗ 
ſenſch aften leider in hieſiger Stadt ſo wenig Anklang finden, 
daß auf gegenſeitige Mittheilungen, Ideenaustauſch und Be— 
lehrung faſt gar nicht zu rechnen iſt, und der dieſen in 
neuerer und neueſter Zeit mit Rieſenſchritten vorwärts eilens 
den Lehren kaum zu folgen vermag, macht nicht gerade auf 
einen wiſſenſchaftlichen Werth gegenwärtigen Vortrags Anz 
ſpruch, ſondern iſt hinlaͤnglich entſchaͤdiget, wenn Sie, Hoch— 
geehrteſte, nur einiges uns näher beruͤhrendes Intereſſante 
davon herausfinden, was vielleicht doch der Zuſammenſtel— 
lung, Riederſchrift und Hinterlegung werth iſt, um in ſpaͤ— 
terer Zeit wieder darauf fortbauen zu koͤnnen, denn all un— 
ſer Wiſſen und Trachten iſt ja nur Stuͤckwerk, und eben 
aus ſo kleinen Stuͤckchen iſt ja die ganze Ga und 
pee e luſammengeſetzt. a il Nunlänncd 


7 — = 9 


Hat die faft überall uns umgebende Porphyrformation 
durch ihre nach den neueren geognoſtiſchen Unterſuchungen 
belehrte plutoniſche Erhebung aus der Tiefe vielleicht zur 
Entſtehung unſerer fruchtbaren Hügel, Hänge und Thaͤler 
Veranlaſſung gegeben und durch Zerſetzung der oberen 
Schichten mittelſt Einwirkung der Atmoſphaͤrilien, die unſere 
naͤhere Umgebung ſo ſehr auszeichnende humusreiche Damm⸗ 
erde erzeugt, und haben wir dieſen Porphyren auch den 
unerſchütterlichen Grund unſerer Gebaͤude und die unſer Ge⸗ 
biet in ziemlicher Anzahl durchſchneidenden feſten Chauſſeen 
groͤßtentheils zu verdanken, und ſind ſie deshalb unſerer 
Aufmerkſamkeit vorzüglich werth, ſo kann doch der denkende 
Menſch eben fo wenig, wie der forſchende, aufmerkſame 
Geognoſt bei unſern Braunkohlengruben voruͤbereilen, ohne 
ſinnend ſtehen zu bleiben und über dieſe hier in fruͤheſter 


-_ 


Zeit abgelagerten ungeheueren Brennmaterialienvorraͤthe in: 
ernſtes Rachdenken zu verfallen. Da die ſchwache menſch⸗ 
liche Ratur jedoch nur zu ſehr geneigt iſt, an den alltaͤg⸗ 
lichen Erſcheinungen, ohne daruͤber Eroͤrterungen anzuſtellen, 
voruͤberzugehen, eben weil auch die auffallendſten Erſchei⸗ 
nungen durch ihr ͤfteres Beſchauen alles Auffallende she: 
ren, ſo erlaube ich mir gegenwaͤrtig Ihre Aufmerkſamkeit 
auf dieſe fur uns fo überaus wichtigen Braunkohlenlager 
hinleiten und einige Zeit damit beſchaͤftigen zu dürfen. 

Die erſte Frage, die ſich uns hierbei unwilkührlic ent⸗ 
gegendraͤngt, iſt die: 

„Woraus entſtanden die Braunkohlenlager, wie kamen 
ſie auf die Stellen, wo ſie ſich jetzt befinden, und 
welcher Periode der Bildung unſerer Erde BER deren. 
Urfprung wohl an?“ 

und Sie ſetzen jedenfalls voraus, daß dieſelbe von mir 
bei dem im Eingang und Verfolg dieſer Abhandlung geprie⸗ 
ſenen raſtloſen Fortſchreiten der ſcharfſinnigſten geognoſtiſchen 
Unterſuchungen neueſter Zeit ſehr ſchnell mit wenigen Wor⸗ 
ten gründlich werde beantwortet werden koͤnnen, und be— 
kommen von den ihnen vielleicht theilweiſe nicht vollig be⸗ 
kannten Begriffen beider Wiſſenſchaften: : 
der Geognoſie, 
der Lehre, welche ſich mit Unterſuchung der feften Rinde 
unſeres Planeten, nach ihrer jetzigen Beſchaffenheit, ihren 
Gebirgsarten „deren Lagerungsfolgen und daraus muth⸗ 
maßlich hervorgehenden Altersbeziehungen befchäftigetz 
eien 
der Geologie, 1 
der wiſſenſchaftlichen Darlegung von der Entſtehung un⸗ 
ſers Erdkoͤrpers und den Aenderungen und Umwandlun⸗ 
gen, die er erfahren, 
keine große Idee, wenn ich Ihnen ſagen muß, daß darüber 
verſchiedene Hypotheſen zwar, aufgeſtellt, eine durchaus halt⸗ 
bare Meinung aber noch nicht allerſeits angenommen wor⸗ 
den. Die Herren Gelehrten ſind, wie in ſo vielen Stücken, 
auch hierin verſchiedener Anſichten; denn obgleich die kuͤh⸗ 


a. = 


nen Geognoften und Geologen mit verwegenen Fingern an 
die feſt verſchloſſenen dunkeln Pforten der Vorzeit anklopfen 
und unerſchrocken die Graͤber untergegangener Schoͤpfungen 
umwühlen und durch Vergleichung ihrer Reſte mit den Erd— 
ſchichten worin ſie vorkommen, ihre phyſiſche Beſchaffenheit 
und ihr Alter, ja den geographiſchen Umeiß der Landſtriche, 
wo jene Geſchoͤpfe und Gewaͤchſe einſt ſich befanden, nach⸗ 
dem ſie durch gewaltige Kataſtrophen untergegangen, in Ge⸗ 
danken wenigſtens, mit Wahrſcheinlichkeit zu ermitteln be⸗ 
müht find, unbekuͤmmert den Ausſpruch des großen Haller: 
„Ins Innere der Natur dringt kein erſchaffner Geiſt“, 
als veraltet, hoͤhniſch verwerfend, ſo iſt es ihnen doch noch 
nicht gelungen, über die Entſtehung der Braun ⸗ und 

Schwarzkohle (der Steinkohle) ſich fo zu vereinigen, daß ges 

gen die aufgeſtellten Meinungen hieruͤber keine Einwendun⸗ 

gen mehr gemacht oder a ‚gründlich widerlegt wer⸗ 
den koͤnnten. 

In Dr. Glocker's, Pr der Mineralogie in Bres⸗ 
lau, Handbuch der Mineralogie „Nurnberg 1831, ©. 361, 
eißt es: 

„Ueber die Entſtehung der Braunkohle aus Pflanzen⸗ 
theilen kann gar kein Zweifel ſein, nicht ſelten ent⸗ 
halten die Braunkohlen erdige, wenig veraͤnderte 
Pflanzenreſte, Stengel, Blaͤtter, Samenkapſeln, 
oft ſelbſt ganze Staͤmme, an denen die Rinde und 
Holzringe noch deutlich zu erkennen, man findet 

Stücke, an denen der Uebergang oder die Umwand⸗ 

lung vom wirklichen Holze in Braunkohle augen⸗ 
ſcheinlich iſt. Der Torf legt gleichſam den Grund 
zur Bildung der Braunkohle, in welche man ihn 
ſehr oft übergehen ſieht.“ 

Der durch viele geognoſtiſche, wie oryktognoſtiſche Schrif⸗ N 
ten rühmlichſt bekannte Geheimerath Ritter von Leonhard, 
Profeſſor an der Akademie zu Heidelberg, ſagt in ſeiner 
Geognoſie, Stuttgart 1835, S. 298, über Braunkohlen: 

7 Die Braunkohlen oder wenigſtens ein großer Theil 

derſelben ſind Haufwerke von Baͤumen, die durch 

5 7 


u AM 


Ueberſchwemmungen, durch Felſenſtuͤrze und durch 
andere gewaltſame Kataſtrophen, welche die Erd- 
rinde erlitten, unter Lagen von Thon und Sand. 
begraben wurden. Durch den Druck aufliegender 
Maſſen ſcheinen die Holztheile gewiſſe Grade vege⸗ 
tabiliſcher Gaͤhrung und zugleich weniger oder mehr 
bedeutende Aenderungen erlitten zu haben, denn 
- bald ſieht man Stämme, Zweige und Blätter, ja 
850 Fruͤchte unter der Geſtalt, welche die begrabenen 
- Baͤume und deren Theile hatten noch vollkommen 
N erhalten, bald iſt das Vegetabiliſche in e 
55 oder groͤßerem Maße verſchwunden.“ \ 
und S. 404 deſſelben Werkes uͤber die Steinkohlen: 1 
„Die Gegenwart ſo vieler vegetabiliſcher Ueberbleibſel 
in dieſer Formation, das häufige Auftreten derſel— 
ben in der Nahe der Steinkohlenlagen; das Ueber⸗ 
einftimmende der Stein- mit den Braunkohlen 
(auch was die chemiſche Beſchaffenheit betrifft, fin⸗ 
det zwiſchen beiden ein ſo vollkommener Uebergang 
Statt, daß ſich in jener Hinſicht keine Grenze zwi⸗ 
ſchen beiden ziehen laͤßt), die Analogien endlich 
im chemiſchen Beſtande von Pflanzen und Kohlen 
und andere Thatſachen ſprechen dafuͤr, daß wir in 
den Stein- und Braunkohlen zuſammengeſtuͤrzte 
und begrabene Waͤlder zu erkennen haben, wenn 
auch die Art geringerer oder größerer. Umwand⸗ 
lungen, die Weiſe, wie chemiſche und andere Ges 
walten waͤhrend langer Zeit auf jene unermeßlichen 
Haufwerke von Hölzern und Pflanzen einwirkten 
und deren Zerſetzung herbeifuͤhrten mehr oder we— 
niger neh bleibt und unſern Blicken ere 
8 iſt. 1 
ne An, De — und aͤltere Geologen 
blen die Kohlen fuͤr Torflager, auf welchen Bäume 
und andere Pflanzen gewachſen und verſunken ſeien; 
nach Sternberg, Boué und Conſtant-Prévoſt 
ſollen die zerſetzten vegetabiliſchen Materien anfaͤnglich 


„ 1. 


u WE 


vom Waſſer getragen und in wechſelnden Lagen mit den 
Schiefern und Sandſteinen abgeſetzt worden ſein. 
N Parrot war bemüht zu zeigen, 

* die Steinkohlen ſich weſentlich vom Torfe unterſchie— 
den; nach ihm entſtanden fie nicht aus Continentalpflan⸗ 
zen, ſondern aus Gewaͤchſen, die ſich unter dem Meere 
befanden, die Gaͤhrung, welche die Steinkohlen hervor⸗ 
brachte, muͤſſe unter dem Drucke des großen Oceans ents 

ſtanden ſein, wodurch die enen der Gasarten ver⸗ 
hindert worden. 
- Der K. S. Lieutenant und Adjutant Auguſt von Gut⸗ 
bier in Zwickau ſchließt ſich in feiner, geognoſtiſchen Bes 
ſchreibung des Zwickauer Schwarzkohlengebirges vom Jahre 
1834 der Hypotheſe Adolphe Brogniart's an, 
nach welcher die Kohlenfloͤtze als urweltliche Torfmoore, 
entſtanden aus den Gewaͤchſen, deren Reſte wir finden, 
Wen durch eine ungleich hoͤhere feuchte Temperatur 

und durch aus der Atmoſphaͤre e wee Kohlenstoff 
1 du betrachten ſind. 

Eine ganz neue, etwas eſuchte⸗ mir 5 5 hoͤchſt un⸗ 
wahrscheinliche Hypotheſe ſtellt der Pfarrer Franz Schulze 
von Eisdorf bei Halle in ſeinem Schriftchen vom Entliehen 
. Braunkohle, Halle 1826, hieruͤber auf, 1 

indem er das Entſtehen ber Braunkohle aus Holz, Baus 
men, Waldungen und Vegetabilien, durchdrungen von 
Erdharzen, geradezu ableugnet und die Behauptung durch⸗ 
zuführen ſucht, fie ſei aus irgend einer mit leichtem Sand 
vermiſchten Erdmaſſe, wobei allerdings auch Vegetabilien 
geweſen, durch Hinzukommen irgend eines brennbaren, 
fluͤſſigen Weſens, wie Bergoͤl, Raphtha, Aſphalt „ent⸗ 
ſtanden, und laͤßt jenes Bitumen oder Erdharz in ganz 
flüffigem Zuſtande von unten herauf jene thonige Erd— 
maſſe innigſt durchdringen. Zum Beweis, daß dieſes 
moͤglich, ja hoͤchſt wahrſcheinlich ſei, führt er das Auf⸗ 
quellen der Raphtha in Perſien, am kaspiſchen und tod⸗ 
ten Meere ꝛc. bis auf die Erdoberflaͤche an, und laͤßt 
dieſes Erdöl ſelbſt erſt aus der Entwickelung von Kohlen⸗ 
72 


a , 

ſtoff und Waſſerſtoff, was die Hauptbeſtandtheile des 
Bergoͤls nach Kaſtner, Buchholz und Leonhardt ſeien 
aus dem thonigen Sand, der die Unterlage der Brauns 
kohle ausmache, nach fett eines gewiſſen Grades 
von Waͤrme, wie ein deus ex machina erſt entſtehen. 
So weit die Meinungen der Raturforſcher und Gelehr⸗ 

ten aͤlterer und neuerer Zeit über die Entſtehung der Braun⸗ 

kohle „denen ich mich nur theilweiſe buſchliußen e 20 

meine eigene Anſicht daruͤber: 

Nach vielfachen Betrachtungen uͤber dieſe, ſaſt moͤchte 
man ſagen, unerklaͤrliche Erſcheinung der Braunkohlen⸗ 
ablagerungen kann ich dieſelben auch auf keine Weiſe 
den Holzſtaͤmmen allein zuſchreiben, zuſammengetrieben 
durch ungeheuere Ueberfluthungen, abgeſetzt und zuſammen⸗ 
geſchoben, auf verſchiedenen Punkten vermifcht mit andern 
Gewachſen ‚ und fo unſere Braunkohlen durch ſpaͤtere 
chemiſche Zerſetzungen bildend, denn ſollten bei ſolchen 
bedeutenden Holzanſchwemmungen nicht auch viele Staͤmme 
doch vereinzelt worden ſein und ſich hier und da unter 
der Erdrinde vorfinden, wo ſie vielleicht, in Lehm, Thon 
oder Kies liegend, ganz unveraͤndert angetroffen werden 
müßten? Dem iſt aber keineswegs ſo, ſondern nur in 
der Braunkohle finden ſich ganze Staͤmme oder Theile 
derſelben, waagerecht oder auch aufrecht ſtehend ir. in 
großer Anzahl, außerdem aber nur ſelten. 

g Ich leite daher deren Entſtehung nur aus antedilu⸗ 
vianiſchen Torfmooren, gebildet aus Riedgraͤſern, Pinſen, 
rieſenhaften vorweltlichen, vielleicht in heißen Klimaten 
erwachſenen Schilfen und Sumpfgewaͤchſen, Halden und 
dichten Moosarten ab, worauf nach deren Bildung ganze 
Waͤlder erwachſen, wie dieſes jetzt noch haͤufig der Fall 
iſt, fo z. B. namentlich nach Daus Handbuch uber 
das Torf, Leipzig 1823, S. 31, bei Stade auf dem 

Kedinger Moor, welcher 5 —6 Stunden lang und eine 
Stunde breit iſt und ſich wie ein langer Hügel uͤber 
das platte Land erhebt., 

Dieſe Waͤlder nun f nd durch fpater wieder hinzutre— 


tende Gewaͤſſer, die die Moore in ihrer natürlichen Bes 
ſchaffenheit ſo ſtets enthalten, vielleicht durch ihre eigene 
Schwere in den ſchwammigen Boden, gerade eingeſunken 
oder durch Sturmwinde umgeſtuͤrzt und in der Tiefe bes 
graben worden, ſo finden ſich namentlich nach Daus eben 
angeführtem Handbuche S. 35 und 46 in einem Sumpf⸗ 
moore in der Schweiz in Rüti, welches 32 Jucharten 
. Loh Morgen) groß iſt, und einen 2 Meile langen 
und & Meile breiten dergleichen Moore im Holſteiniſchen, 
21 Meilen von Altona, und in vielen andern Mooren 
eine große Menge von Erlen⸗, Birken⸗, Eichen⸗ „ meiftens 
dheils aber Kiefern- und Fichtenſtammen, Wurzelſtoͤcken und 
Aeſten, 8 bis 12 Fuß tief von bedeutender Staͤrke vor, 
welche bereits in einem aͤhnlichen Zuſtande der Verkoh⸗ 
lung oder chemiſchen Zerſetzung befindlich ſind, wie das 
gegenwärtig in unſeren Braunkohlengruben vorkommende 
bitumindſe Holz. 
Spaͤter riſſen ſich große Stücke dieſer Moore, viel⸗ 
leicht an den Kuͤſten der Meere gebildet, los, oder es 
glitten dieſelben von den Hoͤhen der Gebirge, wo ſie 
Fr na ‚haufig vorkommen, wie ich mich davon auf dem 
Dre und Rieſengebirge felbft uͤberzeugt habe, in die 
von den Meeren beſpuͤlten Tiefen herab, wovon Leonhardt 
in ſeiner Geognoſie S. 221 — 223 merkwürdige Beiſpiele 
in Irland vom Jahr 1745 und 8. Juli 1821 aufführt, 
und ſo entſtanden ſchwimmende Inſeln „wie deren heut 
* zu Tage noch nach Daus Handbuch S. 63, 65 und 97, 
ja ſogar noch mit Baͤumen bewachſen, im Holſteiniſchen, 
a, Schweden, Norwegen und anderen Orten vorkommen, 
und dieſe wurden bei der gewaltigen Kataſtrophe der Er⸗ 
hebung unſerer Gegenden aus der Tiefe des Oceans, 
worauf ich ſpaͤter zurüͤckkomme, bei dem furchtbaren Wett⸗ 
ſtreit des Feuers mit dem Waſſer, wo das erftere doch 
den Sieg davongetragen zu haben ſcheint, wer weiß 
aus den entfernteſten Tropenlaͤndern herbeigeführt, worauf 
die fremden Palmenarten und Früchte, die uͤberall in 
der Braunkohle gefunden werden, hinzudeuten ſcheinen, 


+ 


5 18 


und an den Abhaͤngen der Huͤgel abgelagert, ſo wie dieſe 
nach und nach aus dem Waſſer zum Vorſchein kamen; 
und ſo waͤre denn wenigſtens das Vorkommen der Braun⸗ 
kohlen mit dem darin ſich findendem Holze auf einen ge⸗ 


wiſſermaßen ſehr eingeſchraͤnkten Raume mehr wahrſchein⸗ 


licher dargeſtellt, als es mir bei den übrigen Hypotheſen 
darüber der Fall zu ſein ſcheint, wo man die auf den 
Fluthen zerſtreut herumtreibenden Baumſtaͤmme und Vege— 
tabilien ſi ich ſelbſt zuſammenfinden und vereinigt ablagern 
laͤßt. 

Rach dieſer gewaltigen Zerſtoͤrungsperiode, welcher wir 
nach den aͤlteren und neueſten geognoſtiſchen Meinungen 
die Bildung der Floͤtzgebirge oder ſogenannten tertiaren 
Gebirgsarten verdanken, zu welcher auch die Braunkohle 
der plaſtiſche Thon und überhaupt alle Gebirgsarten, die 
jünger als die Kreide find, gehören, trat nun erſt die 
völlige chemiſche Zerſetzung dieſer großen Vegetabiliendepots, 
die jedenfalls ſchon eine große Zerſtoͤrung erlitten hatten, 
ein, nachdem ſie die durch die vulkaniſchen Erſcheinungen 
auf den ganzen Erdkreis verbreiteten ſchwefel- und phos— 
phorſauren Daͤmpfe und nach den Riederſchlaͤgen aus 


den Gewaͤſſern ſich nach und nach erzeugende zerftörende 
pfuhlige Sumpfluft, vielleicht durch ihre lockere Conſiſtenz 


vor den übrigen Niederfchlägen am erſten theilweiſe aus⸗ 
getrocknet und zur Aufnahme dieſer Gaſe empfänglich ge⸗ 
macht, begierig eingeſaugt hatten. 

Spaͤter erfolgende große Fluthen bedeckten unſere Braun⸗ 
kohlenlager mehr oder weniger wieder mit Thon, Kies, 
Sand ꝛc. und vollendeten jedenfalls durch die große Zu⸗ 
ſammenpreſſung der ganzen filsartig conſtruirten Maſſe, 
woher die überall ſich findenden breitgedruͤckten Hölzer 
ihren Urſprung haben, durch hinzutretende unterirdiſche 
Wärme, welche die Humusſaͤure entwickelte und in 


den verſchiedenſten Holzgattungen etwa enthaltenen Harze 


und Saͤuren aufloͤſte und entband, deren Zerſtoͤrung, 
woran die allmaͤchtige Zeit jetzt immer noch arbeitet; 
und ſo finden wir daher jetzt die zaͤrteren Vegetabilien 


und vielleicht auch weicheren Hölzer ganz zu ſtaubartigen 
Theilen aufgeloſt, während die haͤrteren Holzgattungen 

noch theilweiſe in unzerſtoͤrterem Zuſtande uns vor Aus 
. N 


EN Der Haupteinwurf, den man meiner eben aufgeftellten 
potheſe machen koͤnnte und den ich keineswegs ganz aus 
em Wege zu räumen im Stande bin, iſt der, daß alle 
bekannte Hoch⸗ und andere Moore, ſo viel mir bekannt iſt, 
nicht von einer Höhe von 25 Ellen, wie bei uns ſchon 
Braunkohlenlager gefunden werden, vorkommen, waͤhrend 
dieſelben natürlich nach ihrer Trockenlegung, Zerſetzung und 
Zuſammenpreſſung vielleicht auf mehr als die Haͤlfte ihrer 
Hohe reducirt werden mußten, aber 


1. glaube ich annehmen zu koͤnnen, daß die urwelt auch 
maͤchtigere Torflager durch die Jahrtauſende ungeſtoͤrt 
fortwirkende Vegetabilienzerſetzung hervorgebracht haben 
möge, als es jetzt noch der Fall iſt, da alle Erzeug⸗ 
niſſe der Urwelt, ſei es aus der Pflanzen- oder 
Thierwelt, auf rieſenhafte Productionen hinzudeuten 
ſcheinen; 

2. ſind dieſe ſchwimmenden Moore jedenfalls durch innige 
Diurchdringung von Erdarten immer mehr verdichtet 

worden, ſo daß ſie vielleicht doch weniger von ihrem 
Volumen verloren haben, als man denkt; 

3. kann man dem Einwand, daß ja auch Ueberreſte 
von Fiſchen in dieſen Torflagern aufgefunden werden 
müßten, wenn ſie ſich laͤngere Zeit ſchwimmend auf 
den Fluthen herumgetrieben haben ſollten, dadurch 
eentgegnen, daß deren auch allerdings und namentlich 

Gebeine von Wallfiſchen in neuefter Zeit bei Monteith 
in Irland nach Leonhardt's Geognoſie S. 213 entdeckt 
wurden, auch Graͤten von andern Fiſchen darin vor⸗ 
kommen; wiewohl man aber hauptſaͤchlich hierbei an⸗ 
nehmen kann, daß dieſe leicht zerſtoͤrbaren Fiſchuͤberreſte 
bei der mächtigen chemiſchen Zerſetzung e 
untergegangen. 


5 
Fur die eben von mir nme Hyratheſe weiß 


ferne noch: 


daß die Braunkohlenlager ſehr bäuſſh dieselben Shichte⸗ 
bildungen zeigen als das Torf, wie ſich daſſelbe nach 
und nach uͤber einander erzeugt hat, auch in der Mitte 
der ganzen Lager gewoͤhnlich die größte Maͤchtigkeit ha⸗ 
ben, aber an den Enden abfallen, welche Erſcheinung 
auch faſt an allen Mooren wahrgenommen wird, beſcheide 
mich dabei aber ſehr gern, daß auch dieſe Meinung nicht 
alle Zweifel loͤſt, welche ſich dagegen aufwerfen laſſen, 
und bin keineswegs 1 ſtolz, fie. für die einzig richtige 


ur Faushegebeit 


Ich komme jet auf die Zeitperiode zurück, in welcher 


unſere Braunkohlenlager aus ihrem ſchwimmenden Zuſtande 


hie und nach auf die aus den 1 00 ſi 0 che 


der tertiären De 


genannt, und hat man ſich den damaligen Umriß der Laͤn⸗ 
der nach den neueſten geologischen Annahmen eines Lyell, 
Praͤſident der geologiſchen Geſellſchaft in London, und an⸗ 
derer berühmten Gelehrten ungefähr. alſo vorzustellen: y 


Der ganze ungeheuere Raum, der das nördliche Europa 
und Aſien umfaßt, oſtwaͤrts von Holland bis an die 


Tartarei, nordwaͤrts von Sachſen bis nach Schweden 


und an den Ural, lag noch unter Waſſer, eben ſo ein 


Drittheil von Frankreich, die britiſchen Inſeln waren be⸗ 


reits ganz aus dem Waſſer emporgeſtiegen, mit Ausnahme 
des Kalkbaſſins von London, an den Fuß des Harzes, 
Erzgebirges, Fichtelgebirges, ja vielleicht Thuͤringer Wal⸗ 
des, welche als Eilande aus den Gewaͤſſern hervorragten, 
ſchlugen die Wellen der Rordſee und begannen ſchon ihre 
Ablagerungen. Italien beſtand nur aus einem langen 


ſchmalen Gebirgsruͤcken, der einen Auslaͤufer der Alpen 


vorſtellte. Die Turkei und Griechenland ſuͤdlich von der 


Donau lagen bereits trocken, und ein langes Hochland 
erſtreckte ſich von den Vogeſen durch Mitteldeutſchland, 


— 97 — 


Böhmen und das nördliche Ungarn und Wer ſich viel⸗ 
leicht an den Balkan. 

Plötzlich zogen ſich die Gewaͤſſer des Oceans zuruck, 

Preußen, Daͤnemark, Holland, Oſtfriesland, kurz ganz 

Mord Deutſchland und das noͤrdliche Aſien mit ſeinen 
a weiten Ebenen ſtieg aus den Wellen, durch gewaltige 
a unterirdiſche Bewegungen ‚gehoben empor; „aber Manu 

leer war die neue Schoͤpfung. 

Nachdem dieſe neue Welt durch eine lange Reihe von 
Jahren ſich herangebildet, eine kraͤftige Vegetation entwickelt 
und mit Thieren der verſchiedenſten Art ſich bevoͤlkert hatte, 
ereignete ſich eine ähnliche zerſtoͤrende Kataſttophe, deren 
a nach und nach mehrere gefolgt ‚fein mögen, große 

aſſerfluthen zerſtörten abermals dle ganze kraftige Pflanzen⸗ 
und animaliſche Vegetation und überſchütteten unſete Braun⸗ 
kohlenablagerungen mit Thon, Kies, Sand ꝛc., worunter 
die groͤßten Bloͤcke von Granit, Gneus ꝛc. vorkommen, vers 
miſcht mit den verſchiedenartigſten Ueberreften jener Thier⸗ 
und Pflanzenwelt, wovon ſich auch bei uns merkwürdige 

Belegſtuͤcke gefunden haben und noch finden, worauf ich 
ſpaͤter zurückkomme; daran nur die Bemerkung anhängend, 

daß die eben erwaͤhnten großen Bloͤcke, welche groͤßtentheils 
aus dem hohen Norden herzuruͤhren Keinen welche unſern 
Herren Geologen ſchon viel Kopfzerbrechens verurſacht haben, 
nach den neueſten geologiſchen Hypotheſen, in großen Eis⸗ 
maſſen eingeſchloſſen, auf den Fluthen herangetrieben und 
nach und nach in den keene mit abgeſest Ware 
ſein ſolle. 

Nur allzulange 1 ich mich bei der keflens gage 
über die allgemeine Entſtehung der Braunkohlenlager auf⸗ 
gehalten und kehre daher jetzt zur genaueren Betrachtung 
dieſes merkwuͤrdigen enen in lee wa en 
ziuruͤck. e 
Saͤmmtliche Braunkohlenlager ü. in der Angchigz Alten⸗ 
burgs ſind groͤßtentheils an den Abhaͤngen unſerer frucht⸗ 
baren Huͤgel befindlich, und deren Maͤchtigkeit ſteigt faſt 
ſtets bergaufwaͤrts, nach dem Thale zu gehen ſie oͤfters zu 


A 


Tage aus, in der Thalſohle ſelbſt fehlen fie aber in der 
Regel ganz; möglich daß dieſelben durch die ſpaͤteren Flu— 
then in den Niederungen wieder weggeſchwemmt worden. 

Die Bedeckung dieſer Lager beſteht groͤßtentheils, je 
nachdem ſie auf dem Berge ſelbſt oder nach dem Thale zu 
vorkommen, aus mehr oder minder maͤchtigen Schichten von 
Dammerde, Lehm, Thon, Kies und groͤberem, nee 
aber feinem, bis ganz feinem weißen Sand. 

Ueber der Braunkohle unmittelbar kommt ſtets eine 
Schicht weißer, auch graulich-ſchwarzer Thon oder weißer 
feiner Sand, in den niedrigſt gelegenen Gruben auch Lehm, 
mit Kies vermengt, vor, namentlich find die Braunkohlen— 
lager allhier bei Hrn. Thurm und Haack mit 8 — 10 Ellen 
Thon bedeckt, eben ſo in Dippelsdorf, Kleinmecka, Ober⸗ 
zetſcha, Gröba und beim Hrn. Rittergutsbeſitzer Gleitsmann 
in Wildenhayn, und iſt dabei vorzuͤglich bemerkenswerth, - 
daß darin, namentlich in den Braunkohlenlagern hinter dem 
ſonſt v. Thuͤmmelſchen Garten, circa 10 Ellen uͤber der Kohle, 
eine £ bis 1 Elle mächtige Braunkohlenſchicht ſich vorfindet, 
welche uͤber das ganze Hauptlager gleichfoͤrmig hinſtreicht, 
eben ſo wechſeln in Oberzetſcha zwiſchen dem Thonlager 
Braunkohlenſchichten von 2 — 3 Ellen Maͤchtigkeit einigemal 
ab, und ſcheinen dieſe minder mächtigen Braunfohlenablages 
rungen auf Anſchwemmungen von groͤßeren Braunkohlendepots 
hinzudeuten. Weißer, meiſtentheils feiner Sand bildet das 
gegen faſt durchgaͤngig die Decke der Braunkohlen in Ober— 
loͤdla, Untermolbitz, Treben, Serbitz, Threna und ewe 
dorf. 

Die Unterlage unter den Braunkohlen beſteht in — 
Regel wiederum aus weißem Sand oder blaulich-grauem 
mit Bitumen geſchwaͤngertem Thon, unmittelbar, darüber 
liegt in den meiſten Gruben eine 1 Elle maͤchtige Schicht 
von dem großen Dtuck des ganzen Braunkohlenlagers und 
Abraums ſehr feſt zuſammengepreßte Kohle von lichtgelber 
Farbe, von dünnen ſchwarzen Pflanzenſtengeln oder fein— 
geaͤderten Wurzelreſten in allen Richtungen durchzogen, wie 
das vorliegende Stuͤck von Poͤppſchen beweiſt. Dieſe letzte 


0 


feſte Kohlenſchicht der Braunkohlenlager wird von den Ars 
beitern Grundkohle genannt, laͤßt ſich nicht ſtreichen, 
ſondern wird in großen Stuͤcken, wie fie eben heraus⸗ 
gehauen wird, fuderweiſe verkauft, da ſie gut brennt, ſo 
in Poͤppſchen, faſt in allen andern Gruben iſt fie mehr 
oder weniger mit weißem, ganz feinem Sand innigſt gemengt 
und weniger von Pflanzenreſten durchzogen, ſehr hart, brennt 
ſchlecht oder gar nicht, wird daher taube Kohle genannt 
und meiſtentheils in den Gruben gelaſſen, zumal da die 
Grubenwaſſer ſehr haͤufig nicht allein dieſe, ſondern auch 
die unterſten guten Kohlenſchichten Gert: vers 
hindern. 
N In den uͤber der Braunkohle unmittelbar ee 
Thonſchichten „ nie aber in der Braunkohle ſelbſt, finden ſich 
nun faſt, wie uͤberall in den auf dem ganzen Erdkreis ver— 
breiteten Braunkohlenlagern, zwei Ellen über bis unmittel- 
bar zwiſchen dem Thon und der Braunkohle die denkwuͤr— 
digſten urweltlichen Ueberreſte der Land-, Thier- und Pflan⸗ 
zenwelt, wovon die beſten aufgefundenen Exemplare hieſiger 
Gegend aus der Sammlung unſerer Geſellſchaft und meiner 
eigenen vorliegen, ſie gehoͤren groͤßtentheils dem Mammuth, 
vorweltlichem Rhinoceros, Elephant, Maſtodon, Dinotherium, 
Pferd, Hirſch, Elenn- oder Rennthier ꝛc., und ſo weit fie 
zum Pflanzenreiche gehoͤren, den Palmen ‚ Pinusarten, ja 
vielleicht allen bei uns noch vorkommenden und vielen un⸗ 
bekannten Holzgattungen an. 

Die groͤßte Merkwuͤrdigkeit hierbei iſt die, daß, bb. 
gleich uͤber der Braunkohle Landthieruͤberreſte von faſt allen 
Geſchlechtern in den angeſchwemmten Schichten ziemlich haͤufig 
vorkommen, doch bis hierher noch keine Menſchenknochen 
darin, wie überhaupt in dem aufgeſchwemmten Lande, ge⸗ 
funden worden, und hat man daraus den Schluß gefolgert, 
daß bis zu der Periode, wo die urweltlichen Thiere in der 
großen Fluth untergegangen, die Urwelt noch nicht von 
Menſchen bewohnt geweſen ſei. Auch das Auffinden foſſiler 
Menſchenknochen zugleich mit Mammuths- und andern ur⸗ 
weltlichen Thieruberreſten in der Gegend von Koͤſteritz durch 


„ 


— 00. — 


unſer hochgeehrtes Mitglied, Herrn Hofrath Dr. Schottin 
in Koͤſteritz, was unter den Geologen ein ungemeines Auf⸗ 
ſehen erregte, hat obige Hypotheſe bis hierher noch nicht 
umzuſtoßen vermocht, da man fpäter doch zu der Ueberzeus 
gung gekommen iſt, wie v. Schlottheim in den Rachtraͤgen 
zu ſeiner Petrefactenkunde dargethan, daß dieſe Menſchen— 
knochen durch ſpaͤtere Fluthen mit jenen Mammuths - ꝛc. X 
Knochen zuſammengeſchwemmt worden fein moͤchten. 

Von den aufgeſtellten Thieruͤberreſten, welche der na— 
turforſchenden Geſellſchaft von den Braunkohlengrubenbeſitzern 
gefällig uͤberlaſſen worden, haben ſich die größeren Schen— 
kelknochen neben vielen kleineren oder größeren Knochenfrag— 
menten und Stuͤcken von Hirſch- oder Elenngeweihen in der 
Grube des Herrn Feldwebels Haack, unweit hieſiger Stadt, 
nach und nach in den Jahren 1824 und 1827, und eben⸗ 
daſelbſt der ſchoͤn erhaltene, merkwürdige, Backenzahn im 
Jahre 1825, welchen letzteren die kunſtfertige Hand des ſe— 
ligen Sprenger ſo taͤuſchend nachgemacht hat, wovon ich 
mich ohne Ruͤckſichtnahme auf die Schwere zu überzeugen 
bitte, zwiſchen den Thon- und Lehmlagern, ungefaͤhr 4 El⸗ 
len uͤber der Braunkohle, aufgefunden. : 

Der ſchoͤne Elephantenſtoßzahn rührt aus derſelben Ab⸗ 
lagerung der Grube des Wiefebauers Abraham Muͤller von 
Wieſemuͤhle. Er iſt im Jahre 1819, etwa 1 Elle über der 
Braunkohle, 8 Ellen unter der Erdoberfläche, gefunden wor— 
den und maß beim Auffinden 217 Zoll in der Länge, nach 
der Kruͤmmung gemeſſen, und war 3 Zoll am einen und 
14 Zoll am andern Ende, wo die Spitze abgebrochen war, 
ſtark. Außerdem ſind auch vorzuͤglich viele Knochenreſte in 
der erſten Grube in der Thalſohle bei Oberloͤdla rechts am 
Monftaber Wege, Melchior Ronneburger von Monftab ge— 
hoͤrig, unter andern mehrere Hirſchgeweihe, wovon ich She 
nen eine, im Herbſt 1835 ausgegrabene, zerbrochene Stange 
aus meiner und mehrere Bruchstücke aus der REINER 
ſammlung vorzuzeigen erlaube, vorgekommen. 

Ein ſchoͤner, derartiger, wohlerhaltener Fund iſt im 
Mai 1836, wenige Pochen vorher, ehe ich mich gerade 


— 101 — 


zu genauer Beſichtigung der Gruben dort befand, in Dip⸗ 
pelsdorf, unweit Ehrenhayn, in der Braunkohlengrube des 
Bauers und Anſpanners Michael Rauſchenbach von Priefel 
gemacht worden, es iſt dies die vorliegende ſtarke linke 
Stange eines Hirſches von ungefaͤhr 8 — 10 Enden. Sel⸗ 


bige hatte kaum + Elle über der Braunkohle im weißen 


= 


Thone, ungefähr 9 Ellen von der Erdoberfläche, gleich 
neben einem horizontalliegenden ſtarken Baumſtamme von 
circa 14 Ellen Diameter, der noch aus ſeiner Lagerſtaͤtte 
herausragte und von den dortigen Arbeitern für eine Kiefer 
oder Fichte gehalten wurde, gelegen; ſie iſt außer einzelnen 
abgebrochenen Enden ziemlich gut erhalten und bis auf das 
innere Knochenzellgewebe noch von feſter Conſtructur. 
Ich gehe nun zu den bei uns aufgefundenen Reſten 
der urweltlichen Pflanzenwelt, welche ich mir Ihnen anbei 
vorzuzeigen erlaube, über, Außer verſchiedenen Holzgattun— 
gen, welche aber groͤßtentheils zwiſchen der Braunkohle ſelbſt 
abgelagert ſind, daher hier davon noch nicht die Rede iſt, 
indem ich immer noch von den Lehm-, Thon- und Sand⸗ 
ſchichten über der Braunkohle ſpreche, ſind naͤmlich in der 
Braunkohlengrube des mehrgedachten Herrn Thurm, hinter 
dem ſonſt v. Thuͤmmelſchen Garten, die groͤßtentheils ſchon 
bekannten, nach v. Schlottheim und v. Sternberg unter dem 
Ramen Carpolithen aufgeführten merkwürdigen, „den Man⸗ 
deln oder Cacaobohnen aͤhnlichen Früchte in großer Anzahl, 
ſeltener aber Samenzapfen bent einer Schwatzholſgattung, 
vorgefunden worden. 
Die erſteren, wovon belfelgendes Kaͤſtchen mehrere Ce’ 
emplare enthält, find in beſagter Grube im J. 1832 einige 
30 Ellen tief unter der Erdoberflache in einer graulich⸗ſchwar⸗ 
zen mit Sand gemiſchten Thonſchicht eine halbe Viertelelle 
über der Braunkohle, umlagert von vielem bitumindſem 
Holze, in ſehr großer Anzahl auf einem verhaͤltnißmaͤßig 
kleinen Naume, ſonſt aber in der ganzen Grube nicht vor⸗ 
gekommen, kommen jetzt nicht mehr vor, und machen fich 
daher mit jedem Tage ſeltener. Das gegenwärtige mit vie⸗ 
lem bituminoͤſem Holze vermiſchte Stuͤck ſolchen graulich⸗ 


— 8 — 


ſchwarzen Thones, worin ſich viele dergleichen mandelartige 
Früchte eingedruͤckt finden, welches in der Grube ſelbſt mit 
Porſicht herausgearbeitet worden, zeigt die Lagerungs verhaͤlt⸗ 
niſſe deutlicher. Herr Profeſſor Dr. Zenker in Jena hat 
in ſeinen „Beitraͤgen zur Raturgeſchichte der Urwelt, Jena 
1833, dieſe Früchte genau beſchrieben und davon auch 
beiliegende ziemlich treue Abbildung geliefert. Er haͤlt ſie 
fuͤr wirkliche Beeren oder Fruͤchte von palmenartigen Ge⸗ 
waͤchſen, welche urſpruͤnglich mit einem Fruchtfleiſche umge» 
ben geweſen und wahrſcheinlich unreif und grün ſchon ver⸗ 
ſchuͤttet, nachher aber bei dem allgemeinen unterirdiſchen 
Zerſtoͤrungsprozeß durch bituminoͤſe Subſtanzen, unter Hinzus 
tritt gewiſſer Waͤrmegrade, wie das dabei gefundene Holz, 
in ihren jetzigen Zuſtand umgewandelt worden, und belegt 
ſie, je nachdem ſie mehr groß und glatt oder kleiner und 
runzlicher vorkommen, mit den Namen Baccites cacaoides 
und Baccites rugosus, kakaoaͤhnliche und runzliche Beeren⸗ 
frucht. 

Das dabei haͤufig in derſelben Schicht aufgefundene Holz 
rechnet er zu der Familie Conilerae (zapfentragende Ges 
waͤchſe), und belegt es wegen Aehnlichkeit feiner Holzſtruc⸗ 
tur mit den Pinusarten und der dabei aufgefundenen Rin⸗ 
denſtuͤcke mit Kiefern- oder Tannenrinde, in Beruͤckſichtigung 
der zwiſchen den Zellenwaͤnden angeblich entdeckten harzigen 
Subſtanz, mit dem Namen ee e pityodes, kieſer⸗ 
aͤhnlicher Harzbaum. 

Richt weniger merkwuͤrdig als jene kakaobohnenähn⸗ 
lichen Fruͤchte ſind die 1834 in derſelben Grube Herrn 
Thurm's im weißen Sande aufgefundenen, jedoch ſehr fels 
ten vorkommenden Samenzapfen einer Pinusart, wovon ich 
Ihnen in beifolgendem Kaͤſtchen einige vorzuzeigen die Ehre 
habe, die ich theils im Abraume ſelbſt gefunden, theils der 
Güte Herrn Thurm's verdanke; fie ſcheinen die oben ange⸗ 
führte Meinung des Herrn Profeſſors Zenker, der von ih— 
rem Vorkommen bei Abfaſſung feiner mehrerwaͤhnten Ab 
handlung noch nichts wußte, da ſie erſt ſpaͤter aufgefunden 
worden ſind, zu beſtaͤtigen und darauf hinzudeuten, daß 


— 18 — 


die in unſern Braunkohlenlagern vorkommenden Holzarten 


= 


meiftentheild aus mehreren Gattungen der Schwarzhölzer bes 
ſtehen, ſelbſt die beiden Samenzapfen aus meiner Samms 
lung in den zwei mit Glas verſchloſſenen Kaͤſtchen gehoͤren, 


bei genauer Betrachtung, nicht einer und derſelben Art an 


und laſſen weſentliche Verſchiedenheiten von einander wahr⸗ 
nehmen, wozu ich nicht allein das Breitgedruͤckte des einen 
gegen das weniger Zuſammengepreßte des andern rechne. 


Cine aͤhnliche pinusartige Frucht iſt kuͤrzlich in der 


faſerigen Holzkohle bei Paziols im Aude-Departement in 
Thon⸗ und Sandſchichten, wie bei uns, entdeckt worden 
und ſoll dort eben fo, wie bei uns, das bitumindfe Holz 
oͤfters mit Schwefelkies übergogen und Ti eg gefuri⸗ 
ns werden. 

Auch ein ſolcher Samenzapfen, ganz in Schwefelfics 
ebe wurde unſerer Geſellſchaft durch die gefaͤlligie 
Guͤte Henn Thurm's verehrt, leider aber zerfallen der 
artige Schwefelkieſe beim Zutritt der Luft ſehr bald, unid - 
ſo erging es auch jenem im Mae ſehr 60 erhaltener: 
Zapfen. 

Ueber den Fundort dieſer N muß ich 913 ) 
das Eigene bemerken, daß Herr Thurm behauptet, fie ha⸗ 
ben ſich ſtets nur in der unter den Braunkohlen abgelagerter! 
weißen Sandſchicht, nicht aber über dem Braunkohlenlagei: 
im Sande, wofür die größere Wahrſcheinlichkeit zu ſprechen 
ſcheint „ vorgefunden, und läßt ſich bis hierher daruber nicht‘ 
in Gewißheit kommen, indem dieſe Zapfen ſich ſtets nur 
unter dem herausgeſchafften Abraum oder Braunkohle, nicht 
aber in der Grube ſelbſt haben auffinden laſſen. ö 
Unſere Braunkohlenlager ſelbſt, auf die ich nun ſurück⸗ 
komme, beſtehen, wie jedermann bekannt iſt und im Eins 
gange dieſer Abhandlung bereits mehrfach dargethan wor— 
den, aus mehr oder weniger ſtaubartigen oder feſten, 
licht- oder dunkelbraunen, zerſtoͤrten vegetabiliſchen Thei⸗ 
len, worin faſt überall eine große Menge noch nicht voͤl⸗ 
lig zerſetztes bituminoͤſes Holz, ja ganze Stämme davon, 
vorkommen. Die obere und unterſte Schicht des Kohlen— 


— 104 — 


lagers iſt öfters E bis 1 Elle ſehr mit dem feinſten wei⸗ 
ßen Sand geſchwaͤngert, wie in Oberloͤdla, Poͤppſchen, 
Dippelsdorf, brennt deshalb faſt gar nicht, wird taube 
oder Sandkohle genannt und kann meiſtentheils nicht 
benutzt werden. Daß die Beſtandtheile aller Braun⸗ 
und Schwarz- oder Steinkohlenlager aber, eben ſo wie 
bei den Torflagern, Vegetabilien geweſen, geht aus den 
chemiſchen Analyſen noch deutlicher hervor, naͤmlich die 
Hauptbeſtandtheile aller degktabillſchen Koͤrper fi nd be⸗ 
kanntlich: 
Kohlenſtoff, Sauerſtoff, Waſſerſtoff, wenig Alkalien 
und Erden. 

Dieſelben Beſtandtheile finden ſich auch in obigen Kohlen 
und dem bituminöfen Holze, nach Leonhardt's Orykto⸗ 
gnoſie S. 374 und 375, in folgenden quantitativen Ver⸗ 
haͤltniſſen vor, naͤmlich: 


1. In der 2. Im 
Braunkohle, bitumindͤſen Holze 
Kohlenſtoff 77,19 4 54,97 
Sauerſtoff 19,35 26,47 
Waſſerſtoff 2,55 4,31 
Erdige Theile 1,00 14,25 
100,00 100,00 


3. In der Blaͤtterkohle 
a) aus dem Eſſen⸗Werthenſchen, b) aus Rewaaſtle 


Kohlenſtoff 73,88 84,26 
Sauerſtoff 20,47 3 
Waſſerſtofff 2,76 3,21 
Erdige Theile 2,88 5 2,86 

99,99 100,0 

4. In der Kanelkohle 

Kohlenſtoff 74,47 
Sauerſtoff 19,61 
Waſſerſtoff 5,42 


Erdige Theile 0,50 
100,0 


3 105 FR 


Unſer verehrtes Mitglied, Herr Rittergutsbeſitzer Gleitös 
mann von Wildenhayn, fruͤher Apotheker hier, fand nach 
einer unſerer Geſellſchaft bereits am 3. Juli 1821 vorgeleg⸗ 
ten chemiſchen Unterſuchung der Braunkohle aus der hinter 
dem Schloßgarten damals eröffneten, aber nicht fortgebaus 
ten herrſchaftlichen Grube in 100 Gewichtstheilen gut aus⸗ 
Muhen Aſche 

10 Theile Kalkerde 
12 „ Thonerde 
78 feinen Sand; 
merkwürdig genug, daß die Torfaſche, nach Daus mehr⸗ 
angeführtem Handbuche S. 175, aus denſelben Beſtand— 
theilen zuſammengeſetzt iſt; es enthaͤlt naͤmlich, nach Buch⸗ 
holzens Unterſuchungen, 100 Theile Torfaſche von verſchie— 
denen Lagern ˖ 
Kalkerde 94 Theile 10 12 66] jedoch keine Spur von 
Thonerde 3 = 29 18 13 ( Kali, was vorzüglich 
Kieſelerde 2 ⸗ 60 62 10 ( bemerkenswerth er⸗ 
Eiſen 1 „124 33 — ſcheint 
und giebt meiner oben aufgeſtellten Hypotheſe der Entſtehung 
unſerer Braunkohle aus Torflagern immer mehr Wahrſchein⸗ 
lichkeit. 


Unſere Braunkohle brennt ſchon, fo wie fi e aus der 
Grube herauskommt. Mit Waſſer und theilweiſe einiger 
Braunkohlenaſche, wodurch ſie mehr Conſiſtenz erhalten ſoll, 
vermengt, wird fie in auf beiden Seiten offenen Kaſtenfor⸗ 
men zu vier Stuͤck Ziegeln, auch, wie z. B. in Oberloͤdla 
und Poͤppſchen, in Kaſtenformen mit Boͤden zu 6 und 8 Stuͤck 
Ziegeln auf Tiſchen geſtrichen, brennt, nachdem ſie ganz 
trocken iſt, mit lichter, lebhafter Flamme, hitzt ſehr gut 
und hält die Warme ſehr lange, da die Aſche, deren fie 
eine bedeutende Menge zuruͤcklaͤßt, 24, ja 48 Stunden gluͤ⸗ 
hend bleibt, entwickelt jedoch beim Verbrennen einen eigenen 
brenzlichen, bitumindͤſen, unangenehmen Geruch, der aber 
durch die gute Conſtruction unſerer jetzigen Weg lacht, mehr 
ſo bemerkbar wird, wie fruͤher. 

8 


— Mk 


Als fremdartige Beſtandtheile finden ſich une unſerer 
Braunkohle: 

1. Schwefelkies in rundlichen, uhbefstinien Stücken, 
wovon ich Ihnen eine eigene Bildung aus meiner 
Sammlung vorlege, ziemlich haͤufig, oft als Ueberzug 
oder Ausfuͤllung des bituminoͤſen Holzes, iſt in groͤ⸗ 

ßeren Stuͤcken nicht ſehr, zum Verwittern oder Vitrio⸗ 
lesciren, als Ueberzug oder Holzausfuͤllung aber ſehr 
dazu geneigt, und ſcheint auf die bei der Zerſetzung 
der Braunkohlenſubſtanzen thaͤtig geweſenen ſchwefel⸗ 
und phosphorſauren Daͤmpfe, deren Erzeugniß er jeden⸗ 
falls auch iſt, hinzudeuten; 

2. Retinit oder Retinaſphalt kommt bei uns faſt 
in allen Gruben in mehlichem Zuſtande neſterweiſe von 
lichte ſchwefel- oder gruͤnlich- gelber Farbe ziemlich 
haͤufig vor, zerfaͤllt aber beim Berühren augenblicklich 
in Staub und verbreitet beim Reiben einen ganz eige⸗ 
nen ſehr ſtarken, kraͤftigen, nicht unangenehmen, har⸗ 
zig⸗ſchwefeligen Geruch. 

Auch in kleinen, ſtumpfeckigen, rundlichen, feſten 
Stücken mit graulicher, rauher Oberflaͤche bis zur 
Groͤße eines Taubeneies, von letzterer aber ſehr ſel⸗ 
ten und uͤberhaupt nicht haͤufig kommt derſelbe bei 

uns, vorzüglich in Poͤppſchen, von ſchneeweißer, gelber 
und brauner Farbe von faſt allen Nüancen, ja faſt 

ganz ſchwarz, vor, hat beim Anſehen eines Pflanzen- 
harzes Glas- oder Wachsglanz, iſt leicht zerſprengbar 
mit flachmuſcheligem Bruch, Strich unveraͤndert, durch⸗ 
ſcheinend bis undurchſichtig und entwickelt beim Ver⸗ 
brennen, wo er lichte Flamme giebt, einen dem Bern⸗ 
ſtein, dem er überhaupt ſehr verwandt iſt, aͤhnlichen 
aromatiſchen Geruch. 

Nach Glocker's Handbuch der Mineralogie iſt der 
Retinit wahrſcheinlich aus vegetabiliſchem Harz ent⸗ 
ſtanden. „Die ringfoͤrmigen Zeichnungen,“ ſagt er, 
„die beſonders der maͤhriſche zeigt, die ich auch, obs 
gleich ſeltener, bei den unſrigen wahrgenommen habe, 


- 101 -— 


laſſen feinen früheren flüfigen Zuſtand, in welchem 
er gewiſſe Räume ausgefüllt hat, leicht erkennen. 
Da des erdigen Retinits in keinem mineralogiſchen 
Werke, ſoviel mir bekannt iſt, gedacht wird, derſelbe 
aber ſich von dem feſten weſentlich unterſcheidet, ſo 
ſtelle ich zuerſt zwei verſchiedene Arten des Retinits 
hiermit auf und belege den ſtaubartigen mit dem 
Namen f 
Mehlretinit oder erdigen Retinit, 
den feiten aber mit f 
Wachs- oder Glasretinit, g 
und trage darauf an, ihn fo für die Zukunft in den 
Syſtemen aufzunehmen. 
Auch Bernſtein und Honigſtein fol ſich in uns 
ſern Braunkohlengruben, ja ſogar erſterer von der 
Größe einer ftarfen Fauſt, in Ober- und Untetloͤdla 
gefunden haben, von den Arbeitern aber, wie mir 
der verſtorbene Diakonus Duͤrr, früher in Kohren, 
ein ſehr thätiger Mineralog „ mehrmals verſichert, zer⸗ 
ſchlagen worden ſein. Ein davon erhaltenes ziemlich 


02 


großes Stück habe ich felbft bei ihm mehrmal ges 


ſehen. 

Mir iſt von beiden Gattungen, ſo oft ich auch 

Nachfrage darnach gehalten habe, nichts zugekommen. 
Rachdem ich mich über unſere Braunkohlenlager 


und deren Lagerungsverhaͤltniſſe im Allgemeinen und über 


..n 


2 5. 
. 


die verſchiedenen Vorkommniſſe darin und darüber aus⸗ 
fuͤhrlich verbreitet habe, gehe ich auf die Betrachtung der 


einzelnen Braunkohlenlager in unſerer Nähe uͤber, ſoweit 
ſie in Betrieb ſtehen oder geſtanden haben. 


Wir finden deren neun, naͤmlich: 
1. In Altenburg ſelbſt, 
2. Oberloͤdla, 
3 Untermolbitz bis Oberzetſcha, 
4 Poͤppſchen bis Bocka, 8 
Freben, Serbitz und Threna er 


2 


Waltersdorf, 


. 


* 


8 
„* „ * 


8 * 


— 108 — 


7. In Groͤba, wahrſcheinlich bis Wildenhayn, Teuritz, 
Hageneſt und Luckau fortſtreichend, 

8. = Dippelödorf und 

9. 2 Kleinmecka nach Runsdorf zu. 


um nicht noch weitlaͤufiger zu werden, wie es bereits 


ſchon geſchehen iſt, beziehe ich mich auf die von mir gefer⸗ 


tigten genauen Beſchreibungen jeder dieſer einzelnen Braun⸗ 


kohlenlager, worüber ich mir vielleicht ſpaͤter der verehrten | 
Geſellſchaft einen Vortrag zu machen erlaube, und füge das 


her nur noch Einiges im Allgemeinen über unſere fammts 


lichen Braunkohlenlager, deren Betrieb und Ertrag, bei, 


was uͤberraſchende Reſultate liefert und zu mancherlei Zu— 
fammenftellungen und Betrachtungen Veranlaſſung giebt. 


Nach den genaueſten von mir meiſtentheils an Ort 
und Stelle ſelbſt eingezogenen Erkundigungen werden gegen— 
waͤrtig im Amtsbezirke Altenburg im Ganzen 
56 Braunkohlengruben 
betrieben, und zwar davon 
37 Gruben durch Abbau vom Tage herein und 


19 — bergmaͤnniſch mittelſt Schachtabſenkung; hier⸗ | 


1 befinden ſich: 


6 1 Grube hier in Altenburg bei Herrn Gaſthofsbeſitzer 
49155 Thurm, die Grube des Herrn Feldwebels | 


Haack ruht ſeit 18355 


. 12 * in Oberloͤdla, Wieſemühle bis Schlaudis; | 


2 

3. 8 — Uuntermolbitz bis Oberzetſcha; 

4. 14 — von Poͤppſchen bis Bocka; 

5. 10 — in Bocka ſelbſt, meiſtentheils in den Gaͤr⸗ 


ten der Bauern; 
6. 5 — in Treben, Serbitz und Threna; 
1 — in Waltersdorf, eben erſt eroͤffnet, doch 
in vollem Gange, drei find außerdem in 
der Ae began 93 


— — * 


| 
| 

) Jetzt beim Abdruck dieſer Abenden ſin ind kasiis feit dun 1836 
6 Gruben in eien in Betrieb. 


— 9 — 


8. 1 Grube in Groͤba, die herrſchaftliche, eine zweite 
wird jetzt in Gang gebracht; 


9. enn Dippelsdorf und 
10. 2 — in Kleinmecka. 


Schon im Jahr 1739 fand ein gewiſſer Major Lorenz 
in ſeinem Garten bei der Rathsziegelſcheune, dem jetzigen 
Kaufmann Fiſcherſchen Garten, als er nach Steinkohlen 
graben ließ, Braunkohle, und benutzte ſie, wie wir jetzt, 
nach Meyner's Zeitſchrift, Jahrgang 1795, S. 395, fand 
aber keine Abnehmer, ſelbſt noch vor dreißig Jahren, im 
Jahr 1806, waren erſt zwei Gruben im Gange, in Groͤba 
und Meuſelwitz, wovon letztere wieder eingegangen, jedoch 
wußte man, nach einem Bericht herzoglicher Kammer hier 
an Sereniss. elementiss. Goth, vom 4. Dec. 1804, wel⸗ 
cher uͤber die herrſchaftliche Braunkohlengrube bei Groͤba er— 
ſtattet worden, ſchon von Braunkohlenlagern in Meuſelwitz, 
Neudorf und Niederleupten, doch heißt es darin, fie ſeien 
nicht bauwuͤrdig. 

Rach den von mir aufgefundenen Nachrichten war die 

herrſchaftliche Grube im Kammerforſte die erſte gangbare 
Grube im hieſigen Amtsbezirk, 1785 begann die Torf— 
graͤberei bei Groͤba durch Herrn Geheimerath von Gries— 
heim, kurz darauf ward die Braunkohlengrube im Kam— 
merforſte durch denſelben entdeckt, denn 1788 ward fie 
ſchon verfallen gefunden, 1795 erhielt er einen Muth- 
ſchein auf dieſelbe, 1808 trug er auf deren Abbau auf 
Aaetien an, fand aber keine Abnehmer derſelben und trieb 
ſelbige daher auf eigene Koſten bis 1813, wo er ſtarb, 
mit unermuͤdlichem Eifer und Aufopferungen aus ſeinem 
Vermoͤgen fort, da er den Werth der Braunkohle wohl 
erkannte, obgleich er nirgends Unterſtützung fand und 
mit vielen Schwierigkeiten ſtets zu ſtreiten hatte. 1809 
ward die erſte Grube in Oberloͤdla bei dem Wieſebauer 
Abraham Müller von Wieſemuͤhle, 1811 die gutsherrs 
ſchaftliche daſelbſt, 1823 die bei Herrn Feldwebel Haack 
hier, 1824 die in Dippelsdorf, 1834 die bei Threna, 
und 1836 erſt die bei Waltersdorf eröffnet, 


— 110 — 


Die Maͤchtigkeit der verſchiedenen Kohlenlager iſt uͤber⸗ 
haupt zwiſchen 3 — 25 Ellen, und kann man die mittlere 
Maͤchtigkeit derſelben auf 

5 bis 7 Ellen in Poͤppſchen, Bocka, Groͤba und Klein⸗ 
mecka, 
8 „25 2 hier, in Oberloͤdla, Untermolbitz „Serbitz, 
Threna, Waltersdorf und Dippelsdorf 
annehmen. 


Bei allen vorgenannten 56 Gruben ſind im Ganzen 
172 Streichtiſche in dieſem Jahre (1836) in Thaͤtigkeit 
und zwar: 

5 Tiſche hier, 
— in Oberlödla ꝛc. 

in Untermolbitz und Oberzetſcha, 
Poͤppſchen und Bocka, 
Treben, Serbitz und Threna, 
3 — in Waltersdorf, 
3 — in Gröba, 
in Dippelsdorf und 
in Kleinmecka; 
auf jeden dieſer Streichtiſche fertigen taglich zwei Mann, 
einer zum Ziegelſtreichen, der andere zum Einſuͤmpfen und 
Zufahren gerechnet, 3 bis 4000 Stuͤck, oder woͤchentlich 
20 bis 24,000 Stuͤck Siegel, mithin alljaͤhrlich, da man 
die Streichzeit vom Mai bis October, circa auf 20 Wochen 


N 
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8 8 8 


0 
Il 


ungefähre allgemein annimmt, während dieſer 20 Wochen 


auf jeden Streichtiſch 
300,000 Stuͤck Ziegel zwei gewoͤhnliche, 
500,000 — aber zwei ausgezeichnet fleißige 
Arbeiter, f 
fo daß man im Durchſchnitt vielleicht 
400,000 Stuͤck Ziegel auf jeden Tiſch 
alljährlich wohl rechnen kann, woruͤber alle Arbeiter in den 
Gruben und Braunkohlenwerksbeſitzer, fo viel ich auch hier⸗ 


ſind. 


über Erkundigungen eingezogen habe, einſtimmiger Meinung 


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5.2 
es Tr 


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Ungabe 


Es werden daſ. Gruben 


Abraum findet 


— — —— —— u— ¼—¼—⅛ — — — — 


betrieben: ſich 
No. des 
Braunkohlenlagers. 0 und zwar bei den in den 
im durch | berg: || Tage: Schach⸗ 
Ganzen Tage- maͤn⸗ bauten | ten 
bau niſch Ellen | Ellen 
1 [Altenburg 1 «& 1 « 38—40 
2 [Oberloͤdla 12 5 7 || 124 15—56 
3 [Untermolbitz b. Ober: 8 4 4 ||7—8 15-35 
z e hz ſch a 
Aa.[Poͤppſchen bis Bockaf 14 14 — 6-15 — 
b. Im Dorfe Bocka ſelbſt 10 10 — 16-9 — 
5 [Treben, Serbitz, 5 3 2 [8-10 34 
Threna 
6 [Waltersdorf 1 — 1 — 15-17 
7 [Groͤba 1 — 1 — 31 
8 [Dippelsdorf 2 1 1 9-10] 12 
9 [[Kleinmecka 2 5 2 « 18-28 


Ganzer Betrag 


5 


19 
1836, 
vor 30 
Jahren 
1806 
nur 2 in 
Groͤba u. 
Meuſel⸗ 
witz. 


VDaup f- Tabelle 


über ſaͤmmtliche Braunkohlengruben im Bezirke des Kreisamtes Altenburg, entworfen im Juni 1836, ſowohl hinſichtlich ihres Vorkommens als ihres Betriebs 


von 


Julius Zinkeiſen. 5 
/ y !!!!!! P ———ãv . ———ꝛꝛ— 


17 


2 


ö 
e 


Zu Seite 111. 


68800000 Std. 
zu 400,000 Stck, Ijaͤhr. 
od. circa 3,000 St. taͤgl. 

br. Tiſch 


nur zu 300,000 Stck. 1j, 
od. 2,000 Ste, tägl. 
od. 15,000 Stck. circa 
woͤchentl. gerechnet - 
pr. Tiſch 
fertigen alljaͤhr. 
51’600,000 Std, 


82/560,000 Std, 


« 4 


woͤchentl. pr. Tiſch 


nur zu 2,000 Stck. 
tägl. oder circa 


pr. Tiſch 
an Streicherlohn 
12,900 Thlr. von 
172 Tiſchen. 


1720 | « | « || 20,640 
zu 3,000 Std, tägl. 

od. circa 20,000 St. 

15,000 Stck. woͤchtl. 


68,966 


An Ziegeln werden geftrichen Streicher lohn 5 >, 
Kohlen- (Streich: 20 Wochen all. vom Mai bis Octbr. von jedem Tiſch zu 2 Mann 6 Gr. E inna hm 5 8 en 
Maͤchtigkeit z; im Durchſchnitt angenommen br. 1000 Stck. Ziegel auf 20 Wochen von ſaͤmmtlichen ver⸗ Verkaufs- von 5 a 
Tiſche in 1 Jahre allj. gerechnet kauften Ziegeln in Preis u a in 
— 8 — T r. ahre 
gang⸗ zu 3,000 Stck. tägl. zu 4,000 Stck. taͤl. zu 3,000 Stck. tägl. zu 4,000 Stck, tägl. 1 Iabre 0 F 
über: [mittlere | bar | 20,000 - wöchen 24,000 = 15 20,000 = wicht) 24,000 — woͤchtl. zu 3,000 Stck. tägl. zu FUN 0 tägl. 
haupt durch⸗ 400,000 = pr. 20 480,000 - pr. 2015 Thlr. ie 6 f nern a pr. Tiſch pr. Tiſch 
ſchnittl. 1836 Wochen Wochen für jeden Tiſt ür jeden Ti 
Ellen | Ellen fuͤr jeden Tiſch 0 100 Thlr. pr. 20 W. 120 Thlr. pr. 20 W.] Thlr. [Gr. Pf. Thlr.“ Gr. Thlr. Gr. Pf. 
i —̃ H— F — —̃— 
3—10 8 10 4000,000 Ste, 4800000 Stck. 1,000 |«| «|| 1,900 «„ 5,333 8 K« 18 6,00 «|« 
6—24 10 50 20'000,000 * 24'000,000 « 5,000 | « | « || 6,000 «| « 20,000 | « | « 1 | «| 24,000 |« | « 
18 
5—25 12 22 8.800,00 * 10560000 «& 23200 „ «„ 2,640 4« 4 770 „„ « 21 9,240 | 4 4 
25 a 
4-9 7 41 16,400,000 4 19/680000 « 4,100 „„ 4,920 |«|« || 16400 „ «|| 1 „ 19,680 | «| « 
3—8 5 14 5’600,000 4 6˙0 720000 « 1,400 |« | «|| 1,680 |« | «|| 560 „„ 1 „ 6720 „ 
4—12 10 15 6’000,000 4 7200000 « 1500 | « | «|| 1,800 „44 5,250 |« | «|| « 21 6,300 | « | « 
12—15| 14 3 1200,00 4 1440 00 4 300 „ 4 360 ¼ «„ «„ 1,100 «„ « 22 1,320 |« | « 
5—8 5 3 1200,00 « 1440000 « 300 41 360 K 1,050 «„ «„ 21 1,260 |< |« 
8—12] 10 5 2000,00 4 2400000 « 500 [KE 600 „ «„ 2,3338 K« 14 2800 | «|« 
5—6 6 9 3,000,000 « | 4320000 4 90 „ „ 1,080 «„ 4,200 I«|« | 14 5040 [„ 
- | 


82,760 


— 111 er 


Rach dieſer unbeſtrittenen Annahme werden von den 
genannten 172 Streichtiſchen alljährlich während 20 Wochen 
im hieſigen Amtsbezirke im Ganzen 
zen Stüd Braunkohlenziegel, zu 400,000 Stüd 

alljaͤhrlich oder circa 3000 Stück taͤg⸗ 
lich pr. Tiſch, 
mer gering gerechnet 
51,600,000 Stück, wenn man alljährlich nur 300,000 Stück 
oder 2000 Stück taͤglich, die niedrigſte 
Annahme, auf jeden Tiſch rechnet, 
angefertiget, und berechnet ſich die Einnahme dafuͤr nach einer 
von mir hierüber entworfenen Haupttabelle, welche ich mir die 
Ehre gebe der Geſellſchaft vorzulegen (abgedruckt am Schluſſe 
dieſes Heftes), nach den verſchiedenen Preiſen von 1000 Stuͤck 
Braunkohle zu 21 Gr. bis zu 1 Thlr. 8 Gr. alljaͤhrlich 
auf die bedeutende Summe von 
68,966 Thlr. 16 Gr. von erſteren 68,800,000 Stüd 
Braunkohle und auf 
51,000 — — circa von letzteren 51,600,000 Stüd 
Braunkohle. 
Es ergiebt ſich ferner aus meiner vorliegenden Tabelle, 
daß die bei den 172 Tiſchen beſchaͤftigten 344 Ziegelſtreicher 
in allen Gruben, welche faſt allgemein 6 Gr. pr. 1000 Stuck 
Ziegel zu reihen bekommen, ungerechnet — 1 Gr. , was 
ſie in vielen Gruben aufden fuͤr das Einfahren in die 
Schuppen oder das Aufladen pr. 1000 Stück gezahlt er⸗ 
halten, wodurch ſich zwei gewöhnliche Arbeiter 12 — 18 Gr. 
täglich, fleißige aber 1 Thlr. bis 1 Thlr. 6 Gr. täglich ver⸗ 
dienen koͤnnen, alljährlich während der zwanzigwoͤchentlichen 
Streichzeit vom Mai bis October 
17200 Thaler Streicherlohn von den zuerſt genannten 
u 68,800,000 Stück Ziegeln zu 3000 Stück 
* \ täglich pr. Tiſch, oder 
12,900 — dergl. von den letzteren 51,600,000 Stuͤck 
Ziegeln, wenn man auch blos 2000 Stuͤck 
täglich für jeden Tiſch rechnet, 
bone galt erhalten. 


* 


= DM 


Welche eintraͤgliche Beſchaͤftigung den aͤrmeren Hands 
arbeitern, deren Weiber und Kinder dabei auch mit gebraucht 
werden konnen, hierdurch an die Hand gegeben iſt, leuchtet 
ein, und traͤgt es vorzüglich zur Ordnung und Regſamkeit 
derſelben bei, daß der fleißige Arbeiter ſich taͤglich faſt noch 
einmal ſoviel verdienen kann, als der faule. 

Aber nicht allein im Frühjahr, Sommer und Herbſt 
beſchaͤftigen die Braunkohlengruben viele Arbeiter, ſondern 
auch den ganzen Winter hindurch und das zeitige Fruͤhjahr 
findet eine große Anzahl derſelben durch Herausſchaffen der 
Kohle, wobei man bei Schachtenfoͤrderung 8 Gr. fuͤr das 
Material zu 1000 Stuͤck Ziegeln, mithin jaͤhrlich von 
300,000 Stuͤck pr. Tiſch 100 Thaler Foͤrderlohn rechnet, 
und Abraͤumen des Abraums bei den Tagebauten ꝛc. aus⸗ 
reichend eintraͤgliche Arbeit, und ſind ſo hierdurch gegen 
Mangel und Verarmung mit Frau und Kindern und gegen 
die Kälte durch das ſelbſt gefertigte, vorzüglich gute, wohl— 
feile Brennmaterial, was, bei der immerwaͤhrenden Auf— 
findung neuer Braunkohlenlager, immer wohlfeiler und be— 
liebter wird, hinlaͤnglich geſchuͤtzt. 

ITch gehe nun zum Schlußſtein meiner ganzen Arbeit 
uͤber, ſie liefert naͤmlich das erfreuliche Reſultat, daß unſer 
glückliches Laͤndchen, namentlich die nähere Umgebung unſe— 
rer Reſidenzſtadt, vielleicht auf undenkliche Zeiten gegen Holz— 
mangel und Holztheuerung durch dieſe Braunkohlengruben 
geſchuͤtzt iſt; denn es gewaͤhrt nicht nur die Maͤchtigkeit der 
bis hierher entdeckten Gruben noch auf ſehr lange Zeitraͤume 
Braunkohle im Ueberfluß, ſondern es ſind auch noch ſehr 
mächtige Depot's dieſes Heitzungsſurrogats unter unſerer Erd— 
oberflaͤche verborgen, die theils ſchon durch Bohrverſuche und 
Brunnen aufgeſchloſſen ſind, theils ſich nur vermuthen laſ— 
ſen, und erwaͤhne nur eines einzigen dieſer großen, vielleicht 
erſt blos an den Grenzen aufgeſchloſſenen Lagers, naͤmlich: 
nach vielfach eingezogenen Erkundigungen und Vergleichung 
der Lagerungsverhaͤltniſſe in den bereits gangbaren Gruben 
zu Waltersdorf, Groͤba, Wildenhayn, und einer wieder 
eingegangenen zu Haſelbach, glaube ich mit vieler Wahrz 


— 15 — 


ſcheinlichkeit die Behauptung aufſtellen zu konnen, daß ſich 
ein ungeheueres Braunkohlenlager von 4 bis 20 Ellen Mach» 
tigkeit von Reubraunshayn und Waltersdorf über Luckau, 
Teuritz, Wildenhayn, Groͤba unter dem ganzen Kammerforſt 
weg bis nach Haſelbach erſtreckt, ja ſich bie bis nach 
Treben, Serbitz und Threna hinzieht. 

Zum Beweis des eben erwaͤhnten Reſultats, daß wir 
durch unſere Braunkohlengruben hinlaͤnglich gegen Brennholz— 
mangel auch für die Zukunft geſchuͤtzt find, füge ich noch 
eine Berechnung bei, wie ſich der Ertrag der gegenwaͤrtig 
in Betrieb ſtehenden Braunkohlengruben gegen den Ertrag 
ſaͤmmtlicher herrſchaftlicher Waldungen im Forſtamte Altens 
burg nach einer zwanzigjaͤhrigen Duc ſchnittaberchuung ver⸗ 
haͤlt, naͤmlich: 

Rach der allgemein fuͤr richtig angenommenen Meinung 
ſoll die Feuerung einer Klafter ſechsviertlicher Scheite 1000 Stück 
Braunkohle gleich fein; ich halte dieſes für zu wenig und nehme 
dafür an, daß 1500 oder 2000, ja 3000 Stuͤck Braunkohle 
einer Klafter achtviertlicher Scheite gleich ſei; hieraus ergiebt 
ſich, daß die mittlere Aunaßme der im Jahr 1836 gefer⸗ 
tigten 

eee Stuͤck Braunkohlen \ 


gti find 
45,866 Klaftern zu 1500 Stuͤck Kohle pr. Klafter . 
400 — „2000 — — — 
aas Eee 


oder der niedrigſte Satz der gefertigten 
51,600,000 Stuͤck Braunkohle 
im Jahr 1836 immer noch dem überaus hohen Ertrag von 
34,400 Klaftern zu 1500 Stuͤck Kohle pr. Euer 
25,800 — „2000 — — — 
00 ee OR a ee 
gleich find. 
Halte ich nun hiergegen 
69573 Klaftern als den einjährigen Ertrag der ſaͤmmt⸗ 
lichen herrſchaftlichen Waldungen im hieſigen Forſtamte 
nach einer zwanzigjaͤhrigen Durchſchnittsberechnung, excl. 


— 114 — 


des Stockholzes, welches bei dieſer Berechnung unberuͤck⸗ 
ſichtigt geblieben, wobei 
340,490 Kubikfuß als einjaͤhriges Derbholz und 
355 ‚249 — — Reißigertrag 

in Anſatz gebracht ſind, 
ſo ergiebt ſich daraus, daß die Braunlohlengruben, wenn 
ich auch nur 3000 Stück Kohle einer Klafter Holz gleich 
rechne und den niedrigſten Ertrag der gedachten Gruben da— 
gegenhalte, letztere beinahe dreimal mehr Brennmaterial all⸗ 
jährlich liefern, naͤmlich f 

17,200 Klaftern 
als ſaͤmmtliche herrſchaftliche Waldungen im hieſigen Forſt⸗ 
amte, indem nur 

69575 Klaftern 

als Ergebniß des Ertrags derſelben auf ein Jahr nach obi⸗ 
ger Durchſchnittsberechnung angenommen werden koͤnnen, 
und folgert ſich daraus weiter, daß auf Steigerung der 
Brennholzpreiſe in der näheren Zukunft wohl nicht zu rech⸗ 
nen ſein duͤrfte, da die Auffindung und Betreibung der 
Braunkohlengruben noch im Zunehmen iſt, die Anwendung 
der Braunkohlen faſt auf jede Art wirthſchaftliche und tech— 
niſche Feuerung immer mehr in Gebrauch kommt, und bei 
den vielfachen Verbeſſerungen der Feuerungsapparate und 
der Wohlfeilheit des Materials, das ſich bei der hoͤchſten 
Annahme von 3000 Stuͤck Kohle zu 1 Thlr. pr. 1000 Stuͤck 
gleich einer Klafter achtviertlicher Scheite immer noch wie 
3 zu 5 verhaͤlt, der Holzfeuerung jedenfalls vorgezogen wer⸗ 
den muß. 


XV. 
ueber Luſtgartengeſchmack. 


Vorgetragen beim letzten Herbſteonvente der pomolo— 
giſchen Geſellſchaft von deren Vorſtande, 


dem 
Pfarrer Mempel in Zedtlitz. 


Die äußere aͤſthetiſche Form, welche man bei der Anlage 
von Luſtgaͤrten darzuſtellen ſucht, war und iſt bei den ver⸗ 
ſchiedenen Rationen mannigfachen Abwechſelungen unters 
worfen. 

Bei dem hollaͤn diſchen Luſtgae teng eich mak 
iſt der angenehme Eindruck eines bunten, abſtechenden, bril⸗ 
lanten Farbenſpieles das hoͤchſte erſtrebte Ziel und die vor⸗ 
herrſchende Eigenthuͤmlichkeit. Hier findet man die Beete 
in geſchlaͤngelten Formen mit Buchsbaum eingefaßt und das 
Innere derſelben ſtatt mit lebendigen Gewaͤchſen oft mit 
todten Materialien, mit bunten Steinen und Muſcheln auss 
gefullt. Die Gänge find mit ſchoͤnem rothen, gelben und 
weißen Sand beſtreut. Von Blumen ſieht man hier haupt⸗ 
ſachlich ſolche von niedrigem Wuchſe, beſonders Zwiebel 
gewaͤchſe, Tulipanen, Hyazinthen, Narziſſen, Tazetten, Jon⸗ 
quillen, in deren Cultur die Holländer es unter allen Ras 
tionen am weiteſten gebracht haben, auch wohl Aurikeln 
und Primeln. Oefters finden ſich hier bei einer geeigneten 
Lage auch Baſſins und Springbrunnen. 

Einen wie angenehmen Eindruck auch ein Garten im 
hollaͤndiſchen Geſchmack durch das bunte, prachtvolle Farben⸗ 
ſpiel beim erſten Anblick auf das Auge macht, fo fuͤhlt 


- 6 — 


man doch bald auch feine weite Entfernung von der leben— 
digen Natur und das darin herrſchende Todte, Kalte und 
Steife; und keine Farbenpracht, ja ſelbſt die durchaus ſicht— 
bare Zierlichkeit, Rettigkeit und Reinlichkeit vermag die na— 
tuͤrlichen Reize der frei und ungezwungen ſich entfaltenden 
Pflanzenwelt zu erſetzen. Daher iſt dieſer Geſchmack jetzt 
immer mehr aus der Mode gekommen und nur noch ſelten 
in kleineren Gaͤrten an aͤlteren Schloͤſſern zu beobachten. 
Beim franzoͤſiſchen Luſtgartengeſchmack hat 
die gerade Linie die Oberherrſchaft. Die Natur erſcheint 
hier durch die Kunſt ſymmetriſch geregelt und die Pflanzen 
durch die Scheere in ſymmetriſche Formen gezwungen. Das 
ganze Terrain bildet, wo moglich, ein Quadrat oder Ob— 
longum; die Hauptpartien ſind wieder in Vierecke abgetheilt, 
deren Beete abermals in kleinere regelmaͤßige mathematiſche 
Figuren zerfallen, welche mit kuͤnſtlich geordnetem Laubwerke 
in mancherlei Formen ausgefuͤllt ſind. Das Gartenhaus 
oder Schloß ſteht in der Mitte des Ganzen, dem Eingange 
gerade gegenuͤber, von welchem ein breiter Hauptgang heran⸗ 
fuͤhrt, in deſſen Mitte ein Rundtheil entweder mit einem 
Blumenſtuͤck oder ein Baſſin mit einem Springbrunnen ers 
ſcheint. Die geraden Laͤngen- und Queergaͤnge ſind mit 
hohen Hecken von Buchen, Corneliuskirſchen u. ſ. w. eins 
gefaßt, welche, ſtreng in egalem Schnitt erhalten, gruͤne 
Waͤnde zu Spaziergängen bilden. Alle Baume in freiem 
Lande oder in Zöpfen find der Scheere unterworfen und 
werden durch kuͤnſtlichen Schnitt zu Kugeln, Pyramiden, 
Faͤchern, Kegeln, Spinnrocken geformt, ja der Taxus muß 
ſelbſt die Geſtalt von Thieren, von Delphinen, liegenden 
Stieren u. ſ. w. ſich aufdringen laſſen. Rundtheile, Baſſins, 
Springbrunnen, weiße ſteinerne Statuͤen heidniſcher Götter 
und Goͤttinnen kommen haͤufig vor. Es herrſcht demnach 
in den Gängen und Alleen die mathematiſche Regelmaͤßigkeit 
der geraden Linie, und in den kuͤnſtlichen Formen und Ge⸗ 
ſtalten der Pflanzen die Symmetrie mathematiſcher Koͤrper 
vor, welche nur bisweilen bis zu kuͤnſtlichen Rachahmungen 
aus der Thierwelt ſich ſteigert. Die aͤlteren großen Luſt⸗ 


= Mr = 


gärten in Frankreich, Deutfchland, Schweden und Dänemarf 
waren und ſind zum Theil noch in franzoͤſiſchem Geſchmack 
angelegt, der neuerdings immer mehr von dem engliſchen 
verdraͤngt wird. 

Denn obgleich in den Gärten nach franzöfi ſchem Ge⸗ 
ſchmack mehr Pflanzenwerk und natürliches Leben vorhanden 
iſt, als in denen nach hollaͤndiſchem Geſchmack, ſo ſteht 
doch auch bei ihnen die Natur noch ganz unter der beengen— 
den Herrſchaft ſteifer Formen, und fie behalten daher ſtets 
den Charakter des Gekuͤnſtelten und Gezwungenen. 
Beim engliſchen Luſtgartengeſchmack herrſcht 
die dem Auge wohlgefaͤllige Wellenlinie vor. Dieſe legt der 
Natur keinen beengenden Zwang an, ſondern laͤßt den zweck— 
maͤßig zuſammengeſtellten Bäumen) Straͤuchern und Pflan⸗ 
zen ihren freien und ungeſtoͤrten Wuchs, deren Eigenthuͤm⸗ 
lichkeit von der Kunſt wohl benutzt, aber nicht kuͤnſtlich ab— 
geaͤndert wird. Man findet daher in den engliſchen Gaͤrten 
ſich ſchlaͤngelnde, durch Abwechſelung in den Umgebungen 
und Ausſichten uͤberraſchende Gaͤnge neben oder zwiſchen 
Rabatten mit bunten Blumen, ſchoͤn blühenden oder mit 
bunten Früchten behangenen Straͤuchern und Baͤumen aller 
Art. An dieſe ſchließen ſich Waͤldchen von Birken, Akazien 
und Fichten an, untermiſcht mit anderem einheimiſchen und 
fremden Gehoͤlze. Jede Schönheit der Ratur iſt hier bes 
nutzt, z. B. die Anhoͤhen zu freundlichen Ausſichten, die 
Felſen zu Grotten, die Baͤche zu Waſſerfaͤllen und die ſchoͤn— 
ſten Baumgruppen zu einladenden Ruheplaͤtzen. So ſucht 
hier die Kunſt die Reize der Natur durch zweckmaͤßige Ver⸗ 
einigung derſelben zu erhöhen und fie in einer: edleren aͤſthe— 
tiſchen Form auszupraͤgen. Einſiedeleien, Kloͤſter und Tem⸗ 
pel uͤberraſchen in ihrer Verſtecktheit um ſo mehr, und uͤber 
die grünen Raſenplaͤtze mit weidenden Thieren, fo wie über 
die ſtillen Weiher mit umherſchwimmenden Waſſervoͤgeln iſt 
eine Fuͤlle wohlthuender laͤndlicher Ruhe ausgegoſſen. So 
gibt die Kunſt der Pflanzennatur freien Spielraum „ihre 
ganze Schoͤnheit zu entfalten, zwingt ſie aber nie, ihr 
fremde Geſtalten anzunehmen. 


— 119 — 


Der engliſche Gartengeſchmack iſt jetzt der herrſchende 
und hat in Folge ſeiner Uebereinſtimmung mit dem jetzigen 
Zeitgeiſte den hollaͤndiſchen und franzoͤſiſchen faſt überall vera 
draͤngt. Ihm huldigen die meiſten neuern Luſtgaͤrten und 


Anlagen in der Naͤhe größerer: Städte, Doch erfordern 


die engliſchen Luſtgaͤrten ein großes Terrain, das faſt un⸗ 
benutzt bleibt und blos dem Vergnuͤgen gewidmet iſt. Auch 
iſt die Unterhaltung derſelben ſehr koſtſpielig, weßwegen man 
viele der ſchoͤnſten engliſchen Gaͤrten hat wieder verwildern 
und eingehen laſſen. 

Einzelne Gartenliebhaber haben daher die Herrſchaft 
der Natur in ihren Gaͤrten zwar beibehalten und die Wel⸗ 
lenlinie des engliſchen Gartengeſchmackes dabei nachgeahmt, 
allein zur Bildung der gefaͤlligen Partien nur zugleich auch 
Rutzen gebende Pflanzen und Baͤume ausgewaͤhlt, welche mit 
der Schönheit der Bluͤthen nuͤtzliche Früchte verbinden und 
den noͤthigen Aufwand außer dem aͤſthetiſchen Genuß auch 
durch ihre materielle Nutzbarkeit verguͤten. Dieſen koͤnnte 
man wohl den deutſchen Gartengeſchmack nennen, da er 
fuͤr unſere minder reiche Ration der angemeſſenſte iſt. 

Rur kurz werde hier noch der tuͤrkiſche oder orientali⸗ 
ſche Gartengeſchmack erwaͤhnt, der eine Fuͤlle von Blumen 
und bluͤhenden wohlriechenden Straͤuchern zeigt, die ohne 
alle geregelte oder kuͤnſtliche Anordnung bunt durch einander 
ſtehen. Hier findet man beſonders Jasminen, Liguſtern, 
Syringen, Aurikeln, Primeln, Cyklamen, Geisblatt, Lilien, 
Fritillarien, Tulpen und andere Lieblingsblumen der Orien— 
talen. Auch ſind die Schneeballen, ee, und Sei⸗ 
denroſen bei ihnen ſehr beliebt. 


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h 2 |: 81 5,0 ftr. S. W. 70| 10 tr. W. 1,25 alk. . |» 106 f I. 5. f. W. re ee n e . ®. 

31: 6414 05 N. W. 5,6 f 1, 5 ftr. W. 0,5 [Nebl. N. 28 _0,8 — 1,25 tr. N. 3 80 1,0 ftr. N. 7,0 7 0, 25 ft. N. W 
= 10 Schn. W. 10, 0 — 0,25 mik. N. ® 8,25 ff. N. 5. 12 35 r. 8. [5 Sqhn. N. 20 f 1,0 tr. N. 

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i 91% 10,7 0,5 helle ©, |= 10,0 | 1,5 Ibee S. W. 4,0 helle S. 0,3 | + 23,25 belle S. 9 701405 ftr. S. W. zo 3,0 f. S W 
10 7,2 1,0. S. W. 5,0 23,0 ſwik. Stim. 2,75 hie S. 27 10,8 | + 3,0 belle ©. 110]: 6565| 25 . S. W. 5, 45 bel, S. 
I= 455 — 10 wie. W. 5,7 — 0,5 [ne W. 0,5 belle S. 70 f 5 Ik S. W. 11 372 2 25 belle S. 3,0 70 wi S. 
12 8,0 2,0 beue W. 6,3 1,0 belle. W. +20 fc. S. W 40 4,5 fr. S. W. 2 5,0 2,25 oi S. 2 0550 S 
613 3,8 3,0 San. S. 10| 0,5 Schn. ©. 1,5 In ©. |= 20 30 Neg. S. W. 13 53|, 10 helle S. W. 44| 55 wk. N. W 
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27 3,9 1,0 tr. N. O. 1,0 05 ff. O. 20 Son. S. 6,8 0 wit. W. 27 43 T1275 deu: S. . 5 #5 lk. S. W. 
1383): 5,8 — 1, Dit. N. B. 6,6 — 230 fr. O. 6,0 ele S. B. 7,0 f I. lk. N. S. 28 85, — 0,5 belle S. W. 8,0 325 belle S. W 

6 72 4,5 ftr. O. 1 2,75 wlk. N. O. Gi 1291 69) 471,25 helle S. 6,0 6,5 ſbelle S. 1 
30 83 2,0 ftr. N. 8,8 7 0,25 Schn. N. 3 30 |: 40 | 3,25 kr. S. W. 4,0 6,75 wie. S. W 

731 — 92 0,5 [tr. S. 9,0 f 1, 25 ftr. ©. —— — 1311-49 0,75 Schn. N. FRE ET 
I Bemerkungen: Am 18. Februar zeigte ſich Abends zwifchen 7 und 8 Uhr in Nord = Oft und Nord Wet ein großes Nordlicht, deſſen Dauer ſich bis nach 11 Uhr, erſtreckte und faſt \ 
i in ganz Europa gefehen wurde. — So war auch ein auffallendes Steigen und Fallen am Barometer im Monat Februar zu bemerken, indem daſſelbe von 23 2,0 (d. 6.) bis auf 


— —— —— — — zz ——— 


26“ 8,7 (d. 24.) herabfiel. 


Erklärung der Abkürzungen, Reg. Regen, tr. trübe, wolk, wolkig, Schn. Schnee, St., Stm. Sturm, Neb. Nebel, neb. nebelicht, h. helle, O. Oſt, S. Suͤd, W. Weſt, N. Nord. 


XVI. 


Döbereiner's Verfahren der Darſtellung 
des Zuckers aus Nunfelrüben. 


Dieſes Verfahren beſteht darin, daß der Saft der Ruͤben 
mit rs feines Gewichts Kalkhydrat (geloͤſchter Kalk) bis 
zum anfangenden Sieden erhitzt, dann mit 22s ſchwefel⸗ 
ſaurer Thonerde (Alaune) vermiſcht, hierauf nach gehoͤrigem 
Umrühren durch Sand filtrirt und das Filtrat mit 4 Pro⸗ 
cent gut ausgegluhter und ausgelaugter Knochenkohle ſiedend 
andelt wird, ſo lange bis die Haͤlfte des Saftwaſſers 
verdampft ift. Das Evaporat wird durch Filtriren geklaͤrt 
und zuletzt in ganz flachen Gefäßen bis zur Kryſtalliſation 
eingedickt. Das Reſultat iſt ein faſt ganz farbeloſer Zucker, 
vermengt mit nur ſehr wenig Schleimzucker, welcher von 
erfterem nach Boͤttger's Methode leicht zu trennen iſt. 


XVII. 


Miscellen und Notizen. 


Ueber den Kaffee 


enthalten die Verhandlungen des Vereins zur Befoͤrderung 
des Gewerbfleißes in Preußen, Jahrgang 1836, Liefer. 4, 
einen ausfuͤhrlichen Aufſatz, dem wir einige kurze Notizen 
entnehmen. 

Der Kaffee war zur Zeit der Kreuzzuͤge ſelbſt in Sy— 
rien noch nicht gekannt. Aber 1554 kannte man ihn in 
Conſtantinopel; im folgenden Jahrhundert auch im uͤbrigen 
Europa. Rach Leipzig wurde der erſte ungebrannte Kaffee 
1691 gebracht. N 
ö Zu Ende des 15. Jahrhunderts wurde der Kaffeebaum 
aus Aethiopien ins ſuͤdliche Arabien verpflanzt, wo er nun 
einheimiſch iſt. Von da wurde er nach Weſtindien, Oſtin— 
dien und Braſilien uͤbergeſiedelt. Jetzt gedeiht er in allen 
Tropenlaͤndern. Unter den Handelsvoͤlkern Europa's machten 
ſich beſonders die Hollaͤnder um die Verbreitung des Kaffees 
baumes verdient. Die Hauptorte fuͤr die Gewinnung des 
Kaffee's ſind jetzt Braſilien, Kuba, Oſtindien, Hayti, Ceylon. 


XVIII. 


Gutachtlicher Bericht 
über den, von dem hieſigen Kunſt⸗ und 
Handwerksverein in Gemeinfchaft mit zehn 
Landwirthen, im Jahre 1855 aus der Acker: 
geräthe⸗ Fabrik des landwirthſchaftlichen 
Suftitntes zu Großhohenheim bezogenen 
belgiſchen Stelzenpflug. 


Der Ackerbau im Herzogthum Altenburg, beſonders im 
oͤſtlichen Theile deſſelben, bildet unſtreitig die Grundlage 
der Ausbildung und des Wohlſtandes ſeiner Bewohner, 
fo wie er jedenfalls auch mit als Hebel dient zu einfluß— 
reicher Ausbreitung des Handels und zu Unterftüßung und 
Vermehrung der Gewerbe. Er iſt der nie verſiegende Quell 
des Reichthums, unerſchoͤpflicher und reicher als alle Gold— 
minen der alten und neuen Welt. Je ergiebiger aber der 
Ackerbau iſt und jemehr dadurch der Wohlſtand und die 
hierdurch erzeugte Ausbildung zunimmt, deſto mehr wird 
man auf die Vervielfaͤltigung und Vervollkommnung der 
Werkzeuge bedacht ſein, deren man ſich bei ſeinen Arbeiten 
bedient. Hierzu gehoͤren beſonders gute und brauchbare 
Ackerwerkzeuge, welche in der Regel wohl da am beſten 
zu finden ſind, wo der Ackerbau im Allgemeinen die mei— 
ſten Fortſchritte gemacht hat; einzelne Muſter- und Vers 
ſuchswirthſchaften ausgenommen. Dies gilt wohl auch in 
Bezug auf unſer altenburger Laͤndchen. Obwohl aber der 
altenburger Stadenpflug unter die beſten der uns bekann— 
ten Ackerpfluͤge gehoͤren mag, ſo wird doch der denkende, 
9 


ra > 


weiter ftrebende Landwirth hierbei nicht ftehen bleiben und 
denfelben für vollkommen und unverbeſſerlich halten oder 
dafür ausgeben wollen. Er wird im Gegentheil bemüht 
ſein, ſolche Ackerwerkzeuge ſich anzueignen, die ihm von an— 
dern Gegenden her als gut und brauchbar empfohlen ſind. 
Dies war der Fall mit dem belgiſchen Stelzenpfluge. Die, 
von geachteten Landwirthen gemachten und wiederholten 
Anpreiſungen dieſes Pfluges ließen von ihm viel Gutes 
erwarten und machten bei einigen Bauern hieſiger Gegend 
den Wunſch rege, einen ſolchen Pflug zu beſitzen. Jedoch, 
wie es in ſolchen Faͤllen zu geſchehen pflegt, ein Einzelner 
ſcheuet oft die Koſten der Anſchaffung eines Werkzeuges, 
von deſſen Brauchbarkeit er nicht vollig überzeugt if, Das 
her erging im Fruͤhjahr 1835 vom hieſigen Kunſt- und 
Gewerbverein eine Aufforderung an einige Landwirthe wegen 
Anſchaffung eines ſolchen Pfluges, wobei der genannte 
Verein ſich erbot, die Hälfte der Koſten deſſelben zu bes 
ſtreiten. Alle Landwirthe, an welche der Antrag geſtellt 
wurde, traten bei und Referent übernahm die Beſorgung 
und wendete fi) deshalb an den Director des landwirth—⸗ 
ſchaftlichen Inſtituts zu Großhohenheim, aus deſſen Acker— 
geraͤthe-Fabrik man ihn am billigſten und vollfommenften, 
zu erhalten glaubte. Schon im Monat Auguſt deſſelben 
Jahres langte der Pflug hier an und wurde ſogleich den 
theilhabenden Landwirthen zum Verſuchen und zum Beur— 
theilen zugeſchickt. Jedoch die in demſelben Sommer an— 
haltende große Duͤrre und wohl auch das Ungewohntſein 
in der Handhabung dieſes Pflugs erſchwerten das von 
jedem Einzelnen verſuchte Probeackern, ſo daß man zu 
einem zuverlaͤſſigen Reſultate nicht gelangte und deshalb 
ein beſtimmtes Urtheil uͤber denſelben auszuſprechen nicht 
wagte. Nur davon uͤberzeugte man ſich, daß er in feſtem, 
voͤllig ausgedorrten Boden, ohne uͤbermaͤßige Anſtrengung 
des Zugviehes und ohne große Gefahr fuͤr den Pflug, noch 
zu gebrauchen ſei, wo der Stadenpflug ſeine Schuldigkeit 
gar nicht mehr oder doch ſehr unvollkommen that. Erſt 
im Herbſt vorigen Jahres, nachdem von dem Directorium 


1 


— 1 — 


des oben genannten Vereins ein Auftrag an die, in die— 
ſem Verein gebildete Section für Bodencultur und Ur— 
production zu Abſtellung eines ſchriftlichen Gutachtens er— 
gangen war, wurde auf Veranlaſſung des Referenten, als 
eines zu dieſer Section gehörenden Mitgliedes, ein noch⸗ 
maliges Probeackern vorgenommen, und zwar in Vereinigung 
aller mit betheiligten Landwirthe. Am 28. October vori⸗ 
gen Jahres fanden ſich ſaͤmmtliche Theilnehmer, namentlich 
die Herren Landwirthe: 

Hager aus Saara, 

Hager ⸗ Meucha, 


Heinke ⸗ Cosma, 
Heinke - Gartſchuͤtz, 
Heinke s Keimnitz, 
Kirmſe = Modern, 
Köhler ⸗ Selleris, 
Loͤhner - Wilchwitz, 
Meiſter - Schloͤpitz, 


Melzer ⸗ Lopitz, . 
nach zuvor an fie ergangener Einladung, zu dieſem Ber 
hufe in dem Gute des Herrn Hager in Saara ein. Zus 
gleich waren, als das Probeackern begann, noch einige 
Landwirthe aus der Nähe zugegen, um ſich ſelbſt mit von 
der Brauchbarkeit des Pfluges zu uͤberzeugen. Es wurde 
der Verſuch in verſchiedenem Ackerboden gemacht, wie das 
auch früher von Jedem einzeln geſchehen war. Der Ers 
folg entſprach aber nur zum Theil den gemachten For- 
derungen, indem, beſonders in der Fuͤhrung deſſelben, 
Manches zu wünfchen übrig blieb. Nach thats und ſach— 
gemaͤßer Herausſtellung der von dieſem Stelzenpfluge be⸗ 
merkten Eigenſchaften war man einſtimmig der Ueberzeugung, 
daß er, in ſeiner jetzigen Beſchaffenheit, ſchwerlich dem alten 
burgiſchen Stadenpfluge vorzuziehen ſei, viel weniger dens 
ſelben verdraͤngen werde. Ehe wir aber ſeine Eigenſchaften 
herausheben und unſer Urtheil über denſelben im Einzelnen 
ausſprechen, wollen wir zuvor eine, wenn auch nicht voͤllig 

detaillirte Beſchreibung des Pflugs ſelbſt geben. 

9 * 


— 


Der belgiſche Pflug, wie wir ihn in Wirklichkeit von 
Großhohenheim erhalten und zu naͤherer Beſichtigung jetzt 
im Modell vor uns haben, ruht mit dem Grindel (Pflug— 
baum), an welchem zugleich das Zugvieh angeſpannt wird, 
auf einer, mit einem Regulator verſehenen Stelze, und 
wird deshalb Stelzenpflug genannt. Die Stelze hat unten, 
wo ſie auf der Erde aufgeht, eine Schleife (Schuh) und 
dient als Vordergeſtell und zugleich dazu dem Gange des 
Pfluges ſeine Richtung zu geben. 

Der Koͤrper des belgiſchen Pfluges weicht durch Grin— 
del, Kriechſaͤule, Schaar, Streichbret und durch ſeine ganze 
uͤbrige Bauart weſentlich von dem Stadenpfluge ab. Der 
Grindel iſt ganz gerade und dient deswegen dazu, die 
Zuglinie, die an ihm befeſtigt iſt, in eine mehr horizontale 
Lage zu bringen, die ſonſt zu ſehr aufſteigen und den 
Pflug aus der Erde heben würde, Die Kriechſaͤule vers 
bindet den Grindel mit der Pflugſohle und iſt unter dem 


Grindel, ſtatt wie bei dem Stadenpfluge etwas nach vorn, 


nach hinten geneigt und unten, wo das Streichbret an— 
liegt, etwas nach dieſem geformt. Die Stuͤrze Guͤſter, 


Handhabe), deren der belgiſche Pflug blos eine hat, ver— 


bindet den Grindel am hintern Ende noch feſter mit der 
Sohle. Sie ſteigt, nach hinten geneigt, uͤber den Grindel 
in die Hoͤhe und dient dazu, den Pflug, wenn er ab— 
weichen will, ſo weit es dem Ackermann moͤglich iſt, in 
ſeiner gehoͤrigen Richtung zu erhalten. Die Sohle, als 
Baſis des Pfluges, hat nach vorn einen Zapfen (Haupt), 
an welchem letztern das Schaar mit ſeinem Oehr einge— 
laſſen und befeſtigt wird. Das Schaar bildet eine ge— 
woͤlbte Fläche, welche fi) bis dahin, wo das Streich bret 
aufliegt und mit demſelben in Verbindung tritt, etwas 
erhebt. Der wichtigſte Theil des belgiſchen Pfluges iſt 
unſtreitig das aus Eiſen geſchmiedete Streichbret, welches 


durch einen Bolzen mit der Kriechſaͤule und durch eine 


Klammer mit der Stuͤrze und mit dieſer am hintern Ende 
des Grindels befeſtigt iſt. Es bedeckt einen großen Theil 
des Schaares, hebt da an, wo des Schaares Woͤlbung 


— 126 — 


aufhört und bildet in fortgeſetzter, windſchief aufſteigender, 
nach hinten oben überhängender Richtung, eine concave 
Flaͤche. FEN, 

Das Sech (Pflugmeffer) iſt ganz dem des Staden— 
pfluges gleich. Es wird in den Grindel eingelaſſen, be— 
feſtigt und etwas links uͤber des Schaares Spitze geſtellt, 
ſo daß die Spitze deſſelben etwas nach vorn und der obere, 
uͤber den Grindel hervorragende Theil nach hinten geneigt iſt. 

Wollten wir den in Rede ſtehenden Pflug blos nach 
den Grundſaͤtzen der Theorie bemeſſen, ſo wuͤrden wir ohne 
Weiteres uns veranlaßt finden, ihn als ein ſehr vollkomme— 
nes Ackerwerkzeug zu empfehlen; vergleichen wir dies aber 
mit dem, was ſich bei der praktiſchen Anwendung ſo offen— 
bar herausſtellte, ſo koͤnnen wir nicht umhin, mit unſerm 
beifaͤlligen Urtheil etwas an uns zu halten; trotz ſeiner 
lobenswerthen Leiſtungen in einzelnen Theilen. 

Durch die keilfoͤrmige Form des Pfluges findet er 
bei Weitem weniger Widerſtand im Acker, als Pfluͤge mit 
nach unten ruͤckwaͤrts ſtehender Kriechſaͤule und ſenkrecht 
geſtelltem Streichbrete. Indem Schaar und Streichbret in 
füolgerechter Verbindung wie ein Keil in den Acker eins 
dringen und dadurch der, vom Schaar und Sech abgeloͤſte 
Erdſtreifen allmaͤhlig und ohne viel Widerſtand gehoben 
wird, mindert ſich bedeutend die Zugkraft. Denn je leich— 
ter die Furche gehoben, durch das Streichbret uͤberdreht 
und abgelegt wird, deſto weniger Widerſtand hat der Pflug 
zu überwinden. Je weniger Kraftanſtrengung aber das 
Zugvieh braucht, deſto anhaltender und foͤrderlicher wird 
die von ihm zu leiſtende Arbeit ſein. Eine andere, in 
die Augen fallende Eigenſchaft des belgiſchen Pfluges be— 
ſteht darin, daß er die vom Schaar und Sech abgeldſte 
Furche in Folge des gewoͤlbt geformten Streichbretes völlig 
und ſo vollkommen umwendet, wie es unter gleichen Um— 
ſtaͤnden von dem altenburger Stadenpfluge, der noch dazu 
durch dieſe Eigenſchaft ſich vor vielen empfiehlt, nicht leicht 
geſchieht. Roch glaubten einige Landwirthe, den Stelzen— 
pflug zum Rajolen empfehlenswerth zu finden, indem man 


— 


ohne weitere Schwierigkeit, als die vermehrter Zugkraft, 
in der ſo eben gepfluͤgten Furche zum zweitenmale pfluͤgen 
und dieſelbe 3 bis 4 Zoll tief untergreifen koͤnne. f 
Dies wären unſtreitig ſehr empfehlenswerthe Eigens 
ſchaften, die der belgiſche Stelzenpflug vor dem altenburgi⸗ 
ſchen Stadenpfluge voraus haͤtte, wenn ſie nicht durch 
offenbar daraus hervorgehende Nachtheile, welche wir unten 
naͤher berühren werden, gemindert und zum Theil aufgeho— 
ben würden. Darum auch konnten die anweſenden Land- 
wirthe dieſem Pfluge, ungeachtet der oben erwähnten ein— 
zelnen Vorzuͤge, in feiner jetzigen Beſchaffenheit nicht unbe- 
dingt ihren Beifall geben, wenigſtens nicht in der Weiſe, 
daß man ihn ſtatt des bis jetzt gebrauchten Stadenpfluges 
einzuführen empfehlen koͤnnte. Manche unerlaͤßliche For 
derungen blieben unbefriedigt, und manche Schwierigkeit 
bei der ſicheren Fuͤhrung deſſelben war nicht in der Weiſe 
zu beſeitigen, wie es wohl zu wuͤnſchen war. Denn ein 
guter Pflug ſoll nicht nur, wie der belgiſche, wenig Zug— 
kraft erfordern und die Furche voͤllig umkehren, ſondern 
er ſoll auch die Erde gehoͤrig zertheilen und lockern, einen 
gerade Linie haltenden, nicht wankenden Gang haben und 
ohne viel Anſtrengung und Beihuͤlfe des Führers, zu flaches 
ren oder tieferen, ſchmaͤleren oder breiteren Furchen zu 
ſtellen und zu lenken ſein. Dieſen Anforderungen entſpricht 
der belgiſche Pflug faſt ohne Ausnahme weniger als der 
unſerige. Denn er zertheilt und lockert die Erde weniger, 
indem, wie ſchon oben erwaͤhnt, die abgeloͤſte Furche keinen 
Widerſtand findet und daher weniger zertheilt und gelockert, 
als blos umgewendet wird. Der Pflug vertritt die Stelle 
des Spatens und je mehr die damit geleiſtete Arbeit der 
des Spatens gleich kommt, deſto vollkommener muß ſie 
fein. In zähem Boden oder bei etwas naſſer Witterung, 
wo der altenburger Stadenpflug noch mit Vortheil zu ge— 
brauchen iſt, indem er die Furche bricht und lockert, muß 
ein bloßes Umwenden der Furche jedenfalls nachtheilig fuͤr 
die Beſtellung ſein, denn der gepfluͤgte Acker wird dann 
zum großen Theil mit Schollen und Schwarten bedeckt 


* 


. 


werden und den wohlthatigen Einwirkungen der Witterung 
bei weitem weniger zugaͤnglich gemacht, als dies wohl unter 
gleichen Umftänden mit dem Stadenpfluge geſchieht. Zum 
Theil zwar, aber bei ſchnell eintretender Trockenheit nicht 
immer, kann dies durch vermehrtes Pfluͤgen, Eggen und 
Walzen nachgeholt werden. Was wird dann aber durch 
die beim Ackern erſparte Zugkraft gewonnen, wenn die 
Arbeit auf andere Weiſe nachgeholt und verdoppelt werden 
muß? Es wird dann nur noͤthig ſein, um ſo viel mehr 


Eggen und Walzen und vielleicht noch andere koſtſpieligere 


Ackerwerkzeuge anzukaufen und zu unterhalten, ja wohl gar 
das Zugvieh zu vermehren. Dies mag wohl bei Verſuchs⸗ 
oder Muſterwirthſchaften hingehen, wo alljährlich bedeutende 


Summen, als Zuſchuͤſſe, zu Anſchaffung und Unterhaltung 


ſolcher Geraͤthſchaften verwendet werden, wo es nebenbei 
auf ein Geſpann und einen Knecht mehr eben ſo wenig 
ankommt, als auf einen durch einfachere, zweckmaͤßigere 
Beſtellung zu gewinnenden Vortheil. Hierdurch wollen wir 
aber keineswegs die erwaͤhnten Vorzuͤge des belgiſchen Pfluges 
voͤllig in den Hintergrund ſtellen und geben recht gern zu, 
daß in Gegenden, wo die Ackerwerkzeuge im Allgemeinen 
von wenigerer Vollkommenheit ſind als anderswo, dieſer 
Pflug zu den beſten gehoͤrt; nur glaubten wir darthun zu 
muͤſſen, daß der fo geruͤhmte Vorzug, verminderte Zugkraft 
zu erfordern, durch die theilweis daraus hervorgehenden 


Nachtheile, nicht wenig gemindert wird. Im Gegentheil 
ſind wir geneigt, den belgiſchen Pflug zu wiederholter und 


naͤherer Prüfung zu empfehlen und die oben angedeutete 
Eigenſchaft, ſo weit es ohne andere Nachtheile geſchehen 
kann, unſerem Pfluge anzueignen und letztern dadurch mehr 
zu vervollkommnen, was im Weſentlichen ſchon voͤllig ge— 
lungen iſt, indem der Schmied Trautluft zu Heiligenleich— 
nam durch Vereinigung des belgiſchen und altenburgiſchen 
Pfluges ein Ackerwerkzeug hergeſtellt hat, das die beiden 
erwähnten Pfluͤge nach dem einſtimmigen Urtheile aller 
ſachverſtaͤndigen Landwirthe, weit hinter ſich laͤßt. Wir 
behalten uns vor, eine Beſchreibung und unſer urtheil uͤber 


a 


den Trautluftſchen oder den verbeſſerten Stadenpflug in 
einem beſondern Auſſatz auszuſprechen. 

Ein guter Pflug muß ferner eine gerade Linie hal⸗ 
tenden, nicht wankenden Gang haben und ohne viel Anz 
ſtrengung und Beihuͤlfe des Fuͤhrers, zu flacheren oder 
tieferen, ſchmaͤleren oder breiteren Furchen zu ſtellen ſein. 
Hier ſtoßen wir abermals auf eine, und zwar auf die 
Hauptſchwierigkeit, welche der ausgebreiteten Einführung des 
Stelzenpfluges entgegentritt. Da er kein Vordergeſtell hat 
und mit dem Grindel blos auf einer Stelze ruht, ſo iſt 
es wohl leicht begreiflich, daß er einen ſehr ſchwankenden, 
unſicheren Gang haben muß, welcher nur zum Theil durch 
einen ſichern Gang der Pferde und große Aufmerkſamkeit 
des Ackermanns ausgeglichen werden kann. Da nun aber 
ein großer Theil unſerer Ackerknechte aus jungen Burſchen 
beſteht, die erſt das Ackern erlernen und unſere Pferde, in 
der Regel jung und muthig, ſelten aber ſo eingeuͤbt und 
zahm ſind, daß auf ein regelmaͤßiges, ungeſtoͤrtes Gehen 
derſelben mit Sicherheit zu rechnen iſt, ſo wird der mit 
dem Stelzenpfluge zubereitete Acker nicht leicht von der 
Beſchaffenheit ſein, daß er den Wuͤnſchen der Landwirthe 
im Altenburgiſchen entſpricht, zumal da dieſe von jeher an 
den mit dem Stadenpfluge in der Regel ſehr ebenmaͤßig 
bereiteten Acker gewoͤhnt ſind. Der Grindel erhaͤlt naͤmlich 
durch ſeine Lage auf einer bloßen Stelze oder auf einem 
Rade, einen zu unſichern Ruhepunkt und ein ſtetes Wan⸗ 
ken des Pfluges iſt davon die unvermeidliche Folge. Jedes 
Hinderniß im Acker und jede Seitenbewegung der Pferde 
wirkt zu unmittelbar, oft unabwendbar auf den Gang des 
Pfluges und verlangt eine Geſchicklichkeit und Aufmerkſam— 
keit des Pfluͤgers, die wohl nur ausnahmsweiſe zu bean⸗ 
ſpruchen iſt, wenn naͤmlich der gepfluͤgte Acker mit ſolcher 
Gleichheit und Ebenmaͤßigkeit zubereitet ſein ſoll, wie es 
bei uns ein guter Landwirth verlangt und wie es mit 
dem altenburger Stadenpfluge ohne große Anſtrengung und 
bei weniger Geſchicklichkeit geſchehen kann. Am bemerk— 
barſten muß das beim Herausackern des Miftes und beim 


— 129 — 


Ruhren nicht voͤllig verfaulter Stoppeln hervortreten, wo 
auch bei der groͤßten Geſchicklichkeit und Aufmerkſamkeit des 
Pflugers die Ungleichheiten nur ſehr unvollkommen aus— 
geglichen werden koͤnnen. Ja, es iſt dies um fo ſchwieri— 
ger, da der belgiſche Pflug blos einen Ruͤſter hat, mithin 
der Ackermann den Pflug nicht ſo in ſeiner Gewalt hat, 
als einen Pflug mit zwei Ruͤſtern, wo die Kraft mehr 
vertheilt iſt, indem der Ackermann zwiſchen beiden Ruͤſtern 
geht und in jeder Hand einen haͤlt, wie dies beim Staden— 
pfluge der Fall iſt. Wer da weiß, mit welcher Aufmerk— 
ſamkeit, ja mit welchem Eigenſinn der Landwirth im Alten— 
burgiſchen ſeinen Acker beſtellt, wie ſelbſt der Ackerknecht, 
wenn er nur einigermaßen die Fuͤhrung des Pfluges in 
ſeiner Gewalt hat, was bei dem Stadenpfluge nicht ſo 
gar ſchwer iſt, jedes Hinderniß zu beſeitigen und jede kleine 
Unebenheit auszugleichen ſucht, dabei oft ſtolz auf feinen 
ebenmaͤßig bereiteten Acker iſt; der wird ſich bald übers 
zeugen, daß der belgiſche Stelzenpflug in Bezug auf die 
Sicherheit des Pfluͤgens und die Güte des zubereiteten 
Ackers dem altenburger Stadenpfluge bei Weitem nach— 
ſtehen muͤſſe. Freilich konnte man uns hierauf erwiedern, 
daß dies ein zu wenig haltbarer Grund ſei, um damit der 
allgemeinen Einfuͤhrung des Pfluges entgegen zu treten; 
man muͤſſe ſich nur die praktiſche Bildung der Ackecknechte, 
die den Pflug zu fuͤhren haben, ernſtlich angelegen ſein 
laſſen! Die Handgriffe wollen allerdings eingeübt fein, 
und wir geſtehen wohl zu, daß ein gut eingeuͤbter Acker— 
mann mit einem ſichern Geſpann auch durch dieſen Pflug 
einen ſchoͤnen ebenmaͤßigen Acker liefern koͤnne. Damit 
aber iſt keineswegs etwas gewonnen, da jedenfalls unter 
weniger guͤnſtigen Verhaͤltniſſen daſſelbe, ja vielleicht noch 
Vollkommneres mit dem altenburgiſchen Stadenpfluge ers 
reicht werden kann. Der letztere ruht mit dem Grindel 
auf einem zweirädrigen Vordergeſtell. Dieſes dient zugleich 
als Regulator, welcher das unregelmaͤßige Gehen der Pferde, 
Ungleichheiten im Acker und andere Schwierigkeiten und 
Hinderniſſe zum Theil von ſelbſt ausgleicht, oder es doch 


— 150 — 


dem Führer ohne große Anſtrengung moͤglich macht, der⸗ 
artige Schwierigkeiten ohne Beeintraͤchtigung des Ackers zu 
uͤberwinden. 

| H. Ezold. 


XIX. 
Der Frühlingsconvent der pomologiſchen 
Geſellſchaft zu Altenburg 1837. 


Der 20. April, welcher oͤffentlich ergangener Einladung 
zufolge zum dießjaͤhrigen Fruͤhlingsconvente unſerer pomos 
logiſchen Geſellſchaft beſtimmt worden war, gehoͤrte zwar 
nicht, wie die beiden erſten Wochen im April, zu den 
rauhen und unfreundlichen Nachzüglern des dies Mal unge— 
woͤhnlich langen Winters; allein ſein truͤber Himmel und 
ſeine feuchten Rebel ließen ihn auch eben ſo wenig als will— 
kommnen Vorboten des lang erſehnten Frühlings erſcheinen. 

Aber was die freie Natur verſagte, das gewaͤhrte 
uns die Kunſt der Gärtner in dem für die Blumen— 
Ausſtellung uns gütig eingeraͤumten Logenhausſaale. 
Hier vereinigten zarte Maiblumen ihren Wohlgeruch mit 
dem der Hyazinthen, Syringen, Roſen und Levkoien; hier 
prangten neben den Alpenroſen vom Kaukaſus und aus 
Nepaul, vielfarbige Kamellien aus Japan und große, viel 
geſtaltige Kakten, die zum Theil erſt Fürzlih aus Mexiko 
angekommen, zum Theil auch gepfropft waren, wodurch 
die große Mannigfaltigkeit ihrer Bildungen und Formen 
nur noch auffallender hervortrat. Doch weilte das Auge 
der Beſchauer nicht mit dem ausdauernden Wohlgefallen 


— — 


auf ihren bisweilen wahrhaft architektoniſchen Gliederungen, 
wie auf der ſchoͤnen Bluͤthe eines Cactus epiphyllum hibri- 
dum, welchen Herr Hofgaͤrtner Kunze eingeliefert hatte und 
der in einem eben fo reichlich, als ſchoͤn blühenden Rho- 
dodendron arboreum Nepaulense Schmidtii, welches der 
Geſellſchaft ſelbſt angehörte und dem Herrn Hofgaͤrtner biös 
her zur Pflege übergeben war, einen gefaͤhrlichen Reben— 
buhler hatte. i 

Ueberhaupt waren zur diesmaligen Blumen » Ausftellung 
Beiträge geliefert worden: 1) vom Herrn Hofgaͤrtner Kunze; 
2) vom Herrn Eigenthumsgaͤrtner Hauck; 3) vom Herrn 
Kunſtgaͤrtner Wagner in Gera; 4) vom Herrn Kunſtgaͤrt— 
ner Heller; 5) vom Herrn Kunſtgärtner Preßler; 6) vom 
Herrn Advocat Adam und 7) aus dem Garten des Herrn 
Kaufmanns Beſſer hier. N 

Außerdem hatte der Regierungsrath Wagner und der 
Unterzeichnete eine Partie wohl erhaltener Aepfel einge— 
reicht, wozu noch von dem Letztern mehr als 60 mit Namen 
ſorgfaͤltig verſehene Arten Pfropfreiſer verſchiedener, 
hier meiſt noch ziemlich ſeltener Kernobſtſorten zur beliebigen 
Auswahl der Liebhaber hinzukamen. 

Die Verhandlungen der Geſellſchaft, denen im 
Ganzen 34 Mitglieder und Gaͤſte beiwohnten, eroͤffnete 
nach 11 Uhr der Director, Herr Regierungsrath 
Wagner, mit einer kurzen Rede, worin er auf die Ge— 
fahren, Hinderniſſe und Verzögerungen hinwies, welche der 
geſammte Gartenbau ſeit dem vorigen, uͤberaus trocknen 
Sommer durch die immer neu wieder zuruͤckkehrende, mit 
vielem Schnee verbundene Kaͤlte des letzten Winters er— 
fahren habe. 

Hierauf forderte derſelbe den unterzeichneten Secretair 
der Geſellſchaft auf, über den gegenwärtigen Perſonal— 
beſtand derſelben Auskunft zu ertheilen; wobei ſich fand, 
daß die Zahl der Geſellſchaftsmitglieder feit 
5 Jahren beſtaͤndig zugenommen und ſich der— 
malen bis auf 199 erhoͤht habe. Namentlich hat die Ge— 
ſellſchaft ſeit dem letzten Herbſteonvente nur ein Mitglied, 


— Ma — 


den Defonom Schmidt in Schmoͤlln, durch den 
Tod verloren und dagegen in den Herren: 

1) Tuchmachermeiſter Mühlig hier; 2) Pads 

ter Fahr in Goͤhren; 3) Anſpannguts be⸗ 

ſitzer Gabler in Goͤhren; 4) Chirurg erſter 

Claſſe Kerſten in Dobitſchen und 5) An- 

ſpanngutsbeſitzer Winkler in Prehna, 
fünf neue Mitglieder gewonnen. Auch fand der Vorſchlag 

des Unterzeichneten, den eifrigen und erfahrenen Pomolor 
gen, Herrn Superintendent Oberdieck zu Su— 
lingen im Königreich Hannover zum Ehrenmitgliede 
unſerer Geſellſchaft zu ernennen, um ſo mehr allgemeinen 
Beifall, je mehr man ſich demſelben fuͤr Ueberſendung er— 
betener Edelreißer von 226 bewaͤhrten Aepfel- und Birn— 
ſorten, welche in dieſem Jahre bei dem Unterzeichneten und 
zum Theil auch im Beſſerſchen Garten hier aufgeſetzt und 
zur weitern Vertheilung vermehrt werden ſollen, zu dank— 
barer Anerkennung verpflichtet erachtete. 

Hierauf erwaͤhnte der Herr Vorſitzende, wie auch in 
dem verfloſſenen Winter zahlreiche Zufammenfünfte 
der hier anweſenden Mitglieder unſerer Geſellſchaft Statt 
gefunden und zu mancherlei Beſprechungen und Mitthei— 
lungen Gelegenheit geboten haͤtten. Auch ſei man damit 
beſchaͤftigt, die durch Ankaͤufe und Geſchenke vermehrte 
Bibliothek der Geſellſchaft neu zu ordnen und 
einen vollſtaͤndigeren Katalog daruber zu verabfaſſen; 
welches Geſchaͤft jedoch nur mit dem Eintritte milderer 
Witterung zu beendigen ſein werde, weil das Local unſerer 
Bücherſammlung nicht geheizt werden koͤnne. Dieſer neue 
Katalog ſoll dann, einem heute gefaßten Geſellſchaftsbe— 
ſchluſſe gemaͤß, in 300 Exemplaren gedruckt und unter die 
Mitglieder vertheilt werden. Bei dieſer Gelegenheit be— 
merkte zugleich der Viee-Director der Geſellſchaft, Herr 

Pfarrer Hempel aus Zedtlitz, daß ihm unſer heute abs 
weſendes Mitglied, Herr Teichmann auf Muckern, fuͤr 
unſere Bibliothek ein altes, 1696 gedrucktes „Dreifaches 
Gartenbüchlein“ übergeben habe, welches mit Dank 


— — 


und mit dem Wunſche angenommen wurde, daß dieſes 
Buch irgend einem Mitgliede Veranlaſſung werden moͤchte, 
zu einer Vergleichung der damaligen und der jetzigen Gar— 
tenkunſt. 

Nachdem hierauf der Herr Director kuͤrzlich erwähnt 
hatte, was bisher zur Ausfuͤhrung der fruͤhern Geſellſchafts— 
beſchluͤſſe in Betreff der nunmehr ins Leben getretenen 
Herausgabe gegenwaͤrtiger Mittheilungen aus 
dem Oſterlande geſchehen ſei, erinnerte er nochmals daran, 
daß demgemaͤß nun auch die Erhoͤhung der jaͤhrlichen 
Mitgliederbeitraͤge von 1 Thlr. Conv. auf 1 Thlr. 
8 Gr. Conv. eintrete, wogegen jedes zahlende Mitglied 
jaͤhrlich 4 Heftchen dieſer Zeitſchrift unentgeltlich bekomme 
und die Geſellſchaft zugleich in den Stand geſetzt ſei, aus- 
waͤrtigen Geſellſchaften, welche uns die von ihnen heraus— 
gegebenen Verhandlungen zukommen ließen, eine Gegengabe 
zu bieten. 

Auf die vor Kurzem vom Herrn Kammerrath Haſe, 
als Rechnungsfuͤhrer der Geſellſchaft, ausgefertigte und vom 
Herrn Rath Klein revidirte Jahresrechnung, welche 
mit dem letzten Maͤrz 1837 ſchließt, uͤbergehend, bemerkte 
hierauf der Herr Vorſitzende, daß die geſammte Einnahme 
ſich, mit Einſchluß von 50 Thlr. Conv., die man aus der 
hieſigen Sparkaſſe zuruck genommen habe, auf 190 Thlr. 
20 Gr. 9 Pf. hieſ. Curr. belaufe. Dagegen betrage die 
geſammte Ausgabe 158 Thlr. 9 Gr. 8 Pf. hieſ. Curr., 
wovon 110 Thlr. 16 Gr. 3 Pf. allein auf die Geſell— 
ſchaftsbibliothek zu rechnen waͤren. Desgleichen haͤtten auch 
die haͤufigeren Verſammlungen, die Blumen -Ausſtellungen 
des vorigen Jahres und ein in der diesjaͤhrigen Rechnung 

zum erſten Male vorkommender Miethzins von 10 Thlr. 
Conv. fuͤr das ihr zugeſtandene Local zur Vermehrung der 
Ausgaben beigetragen. Es ſei aber keine Zeit zu verlieren, 
ſie mit den regelmaͤßigen Einnahmen ins gehoͤrige Gleich— 
gewicht zu ſetzen, um ſo mehr, da die neue Vierteljahrs— 
ſchrift die Ausgaben der Geſellſchaft mit einer neuen, nicht 
geringen Poſt vermehren werde. Da nun die Aufwaͤnde 


- — 


für die Bibliothek und die Ausſtellungen mit den Zwecken 
der Geſellſchaft in unzertrennlicher Verbindung ſtaͤnden, ſo 
muͤſſe man das naͤchſte Augenmerk auf die Verminderung 
der durch den Miethzins und die monatlichen Zufammens 
künfte verurſachten Ausgaben richten. Die Geſellſchaft war 
mit dieſer Anſicht durchgaͤngig einverſtanden und ermaͤchtigte 
den Herrn Vorſitzenden, hierzu die geeigneten Schritte zu 
thun, damit der Vermoͤgensbeſtand der Geſellſchaft, der 
beim Schluſſe der vorigen Jahresrechnung 466 Thlr. 15 Gr. 
6 Pf. betrug und jetzt ſchon auf 427 Thlr. 3 Gr. 4 Pf. 
herabgeſunken iſt, ſo viel als moͤglich erhalten werde. 

Rach Erledigung dieſer finanziellen Fragen hielt zuerſt 
Herr Kammerrath Waitz einen Vortrag uͤber Ein— 
faffung der Rabatten, welcher zu mancherlei Nach— 
fragen und Bemerkungen Veranlaſſung gab und woran 
Herr Pfarrer Hempel aus Zedtlitz einen ausführs 
lichen Aufſatz über die Obſtbaumblüͤthe knuͤpfte. 

Hierauf berichtete der unterzeichnete Geſeliſchafts-Secre— 
tair, daß das erſte Heft unſerer Mittheilungen bereits an 
den Verein zur Befoͤrderung des Gartenbaues in Berlin, 
an den Gartenbauverein in Hannover, an die pomologi— 
ſche Geſellſchaft in Zittau, an die oͤkonomiſche Geſellſchaft 
in Dresden und an die maͤrkiſche oͤkonomiſche Geſellſchaft 
in Potsdam verſendet worden ſei und unter Genehmigung 
der Geſellſchaft zugleich mit dem zweiten Hefte noch an, 
den landwirthſchaftlichen Verein in Karlsruhe, an den 
thüringer Gartenbauverein in Gotha und an die dͤkonomi— 
ſche Geſellſchaft in Ranis überfendet werden ſolle. Ueber— 
haupt war man der Anſicht, daß die Anknuͤpfung neuer und 
die Wiederbelebung fruͤherer Verbindungen ſehr wuͤnſchens— 
werth ſei und auf alle Weiſe gefordert werden muͤſſe. 

Außer den an den Herrn Bibliothekar regelmaͤßig 
eingehenden Zeitſchriften, z. B. dem land wirthſchaft— 
lichen Wochenblatte des großherzogl. badenſchen 
land wirthſchaftlichen Vereins, wurden von dem 
Unterzeichneten noch ue, Zuſendungen namhaft 
gemacht: 


7 


1) Von unſerm correſpondirenden Mitgliede, dem Herrn 
Regierungsrath von Türf in Potsdam, zwei 
Schriften uͤber Maulbeerbaumzucht und Seidenbau, 
nebſt einigen intereſſanten Nachweiſungen über die 
ausgebreitete Thaͤtigkeit dieſes, fuͤr Eroͤffnung und 
Erweiterung neuer Erwerbsquellen ſtets eifrigen Pas 

f trioten. 

2) Die 24. Lieferung der Verhandlungen nebſt dem 
Mitgliederverzeichniſſe des Vereins zur Befoͤr— 
derung des Gartenbaues in den preußi— 
ſchen Staaten. 

3) Das 5. Heft der Verhandlungen des Gars 
tenbauvereins für das Koͤnigreich Han— 
nover. 

4) Die 35. und 36. Lieferung der Schriften und 
Verhandlungen der oͤkonomiſchen Geſell— 
ſchaft für das Koͤnigreich Sachſen. 

5) Ein Schreiben unſeres Ehrenmitgliedes, des Herrn 
geh. Finanzraths von Flotow in Dresden, an den 
Unterzeichneten nebſt Edelreißern von 12 neuen 
Aepfel- und Birnſorten, die bereits an einige Ge— 
ſellſchaftsmitglieder vertheilt worden ſind. 

6) Von unſerm Mitgliede, Herrn Schullehrer Voͤg⸗ 
ler in Leeſen, mehrere dankenswerthe Auszuͤge 
aus der Fraundorfer Gartenzeitung, nebſt kurzen Be— 

merkungen des Herrn Einſenders über den Inhalt 
derſelben. 

Die vier erſten Eingaͤnge werden durch den Herrn 
Bibliothekar zunaͤchſt in Umlauf geſetzt und dann der 
Bibliothek einverleibt; die letzte Eingabe hingegen ſoll in 
den künftigen Monatsverſammlungen naͤher beſprochen und 
dann zu der von Herrn Teichmann in Vorſchlag gebrachten 
und begonnenen Sammlung von Aufſaͤtzen und 


Rotizen über Pomologie genommen werden, welche 


der Secretair dermalen in Verwahrung hat. 
Rachdem hierauf der Herr Director die im letzten 
Herbſtconvente in Anregung gebrachten Fragen wieder— 


— Be — 


holt und für die mit dem neuen Fruͤhjahre möglich wer⸗ 
dende weitere Pruͤfung empfohlen hatte, fuͤgte derſelbe noch 
zur baldigen Beantwortung folgende neue Frage hinzu: 

Welchen Einfluß aͤußert die Ausrodung von 
Holzungen auf das Klima und die Vegeta⸗ 
tion einer Gegend? 0 

Das allgemeine Intereſſe, welches dieſer Gegenſtand 
in Anſpruch nimmt, beurkundete ſich ſchon in den mancherlei 
Aeußerungen, welche dieſe erſte Anregung augenblicklich herz 
vorrief, weßhalb die Hoffnung auf ausfuͤhrlichere Eroͤrterun— 
gen dieſer Frage, nicht ohne Erfuͤllung bleiben duͤrfte. 

Nachdem der Herr Vorſitzende nun noch Ritter's 
Schluͤſſel der praktiſchen Gartenkunſt zur Anſicht herum— 
gegeben hatte, ſchloß derſelbe die Sitzung gegen + auf 
2 Uhr, worauf die Anweſenden im Saale ein gemein- 
ſchaftliches Mittagsmahl einnahmen. Hierbei kam 
die von Hoher Herzogl. Landesregierung geſtattete, allein 
im Zweifel am Gelingen ſchon halb aufgegebene Blumen— 
auslooſung wieder zur Sprache, und die Anweſenden 
nahmen ſogleich zuſammen 90 Looſe zu + Gr. In Folge 
des hierauf auch dem Publikum zugeftandenen 
Eintritts in die Ausſtellung wurden noch an— 
dere 119 Looſe abgeſetzt, ſo daß es am 22. April Rach⸗ 
mittags durch die vereinigten Bemuͤhungen mehrerer Geſell— 
ſchaftsmitglieder, beſonders des Herrn Kunſtgaͤrtners Hels 
ler, moͤglich wurde, über 209 Töpfe mit Blumen, 
zuſammen im Werthe von 35 Thlr. 12 Gr., oͤffentlich zu 
verlooſen. 


Eduard Lange, 
Secretair der pomologiſchen Geſellſchaft. 


m * 
Nabil, 712 )> 147 


1 17 


DN 
eee 
Heber Einfaffungen der Rabatten 


und Beete. 


Bei Anlage von Blumen- oder Biergärten fordert die 
Einfaſſung der Beete und Rabatten eine ganz vorzuͤgliche 
Beruͤckſichtigung des Gaͤrtners. Alle bis jetzt angewendete 
Mittel, um die Rabatten oder Beete von den Wegen aba 
zuſcheiden, haben ihre Vortheile und Nachtheile, und es 
kommt daher bei der Wahl der Einfaſſung hauptſaͤchlich 
nur darauf an, die größtmöglichften Vortheile zu gewinnen, 
ohne große Nachtheile zu erleiden. Einfaſſungen von Lats 
ten, Backſteinen, Schiefer u. dgl. tragen nichts zur Vers 
ſchoͤnerung bei, und ſind durch Feuchtigkeit und Froſt ſehr 
vergaͤnglich, dagegen halten ſie die Erde feſt und es 
m Abſchwemmen derfelben in die Wege. 2 

Unter den Einfaſſungen durch Gewaͤchſe, gab man 
—— Zeit vor allem dem Buchsbaum den Vorzug, 
und es iſt nicht zu verkennen, daß gut gehaltene Einfaſſun⸗ 
gen von Buchsbaum, beſonders in kleinen zierlichen Blu— 
mengaͤrten, ſehr viele Vortheile gewaͤhren, da ſie immer 
grün ſind, die Erde feſthalten und dem Ganzen etwas 
Nettes verleihen. Allein der Buchsbaum muß öfters ums 
gelegt werden, ſaugt den Boden ſehr aus und gibt den 
Schnecken einen willkommnen Aufenthalt, auch verbreitet 
er bei warmen Sommerabenden oͤfters einen widerlichen 
Geruch, der beſonders nervenſchwachen Frauenzimmern uns 
ausſtehlich iſt. Einfaſſungen von Erdbeeren oder Veilchen 
liefern zwar nuͤtzliche Fruchternten oder ſuͤßduftende Blüs 

10 


Rahrungsſtoff des Bodens bald verzehren, in wenig Jah- 


X 


— 138 — 
then, haben aber den Nachtheil, daß ſie, weil ſie den 
ren weggenommen und mit einer andern Einfaſſung vers 
tauſcht werden muͤſſen, und daß ſie eine ſtete Auſſicht und 


Vertilgung der weit wuchernden Auslaͤufer verlangen, weil 
ſie außerdem leicht zum beſchwerlichſten Unkraut werden, 


welches ſchnell die Rabatten uͤberzieht und die Blumen⸗ 


gewaͤchſe verdraͤngt. Vortheilhafter ſind die Sorten des 
gefuͤllten Tauſendſchoͤnchen (Bellis perennis) zu Einfaſſungen, 
da ſie die Erde befeſtigen und einen dichten Raſen bilden, 


der, wenn er in gehoͤriger Breite abgeſtochen wird, im 


Fruͤhjahr, wo er mit den lange dauernden Blumen bunt 


geſchmückt iſt, eine ſehr zierliche Einfaſſung gewaͤhrt, aber 


freilich den Rachtheil hat, daß wenn die Stoͤcke nicht alle 


zwei Jahre vertheilt und umgeſetzt werden, die Pflanzen 


leicht ausgehen und bei nackten Froͤſten im Februar oder 
Maͤrz oft ganz verderben, wodurch die Einfaſſung große 
Luͤcken bekommt und ſtets ergaͤnzt werden muß. 

Gleiche Nachtheile haben die Einfaſſungen von Pri⸗ 
meln (Primula elatior und acaulis), ſo wie von Auri⸗ 
keln (Primula Auricula), die zwar im Fruͤhjahr durch 
ihre buntfarbigen Bluͤthen den Garten ſchmuͤcken, aber auch 
ſehr eigenſinnig auf den Standort ſind, und in leichtem 
Boden oder in ſehr ſonniger Lage bald ausgehen und ab— 
ſterben. Einfaſſungen von Federnelken (der gefuͤllten Ab⸗ 
art von D. caesius oder D. plumarius) gewaͤhren wegen 
der ſchoͤnen blaugruͤnen Farbe des den Winter ausdauern⸗ 
den Laubes und der dichten raſenfoͤrmig beiſammenſtehenden 
Stengel, ſo wie durch die roͤthlichen, weit duftenden Blu— 
men einen angenehmen Anblick, allein ſie nehmen ſehr viel 
Raum ein, muͤſſen oͤfters umgelegt werden, beherbergen eine 
Unzahl von Schnecken und ſchaͤdlichen Inſecten, und koͤn⸗ 
nen nicht leicht mehrere Jahre lang in einem gleichbreiten 
Raum erhalten werden. 

Roch ſchwieriger iſt es, eine Einfaſſung von der 


Gentianella (Gentiana acaulis) in gutem Stand zu er⸗ 


halten, da nur ſelten es gelingt, dieſen Bewohner der 


— mw — 


Alpen in unſern Gaͤrten zu zaͤhmen und an unſere Boden⸗ 
arten zu gewoͤhnen. Rur in dem botaniſchen Garten zu 
Jena habe ich einen großen Theil der Beete damit eins 
gefaßt gefunden und die Pracht der tief azurblauen Blus 
men bewundert. Das ſogenannte Gartenvergißmeinnicht 
(omphalodes verna) kann auch zu Einfaſſungen, beſonders 
in großen Naturgaͤrten, benutzt werden, und erregt mit feis 
nen frühzeitigen, freundlichen, himmelblauen Bluͤthen eine 
ſtille Ruhe in der Seele des Beſchauenden; allein ſie ver⸗ 
langen eine größere Breite und ihre häufigen, weit wucherns 
den Ausläufer fallen dem Gärtner ſehr zur Laſt. Die Eins 
faſſungen von Grasnelken (Statice Armeria und maritima) 
ſind vorzüglich auf einem trocknen ſandigen Boden anwend— 
bar und geben ſowohl in der Bluͤthe durch ihre blaß— 
oder dunkelpurpurrothen Blumenkoͤpfe, als auch nach der 
Bluͤthe, durch die dichten Polſter ihrer grasaͤhnlichen Bläts 
ter, einen freudigen Anblick, doch werden ſie leicht von 
Inſecten angegriffen und leiden 2 oͤfters von Na Feuch⸗ 
tigkeit des Winters. 
Die in neuern Zeiten zu Einfaſſungen empfohlene 
Oxalis tetraphylla Cav. gewaͤhrt durch das freudige Gruͤn 
ihrer Blaͤtter, ſo wie durch die roͤthlichen Blumen, eine 
dem Auge gefällige Einfaſſung, allein ſie dauert nur die 
Sommermonate hindurch bis zu dem Anfange des Herbs 
ſtes, haͤlt die Erde nicht zuſammen und fehlt im Fruͤhjahre 
ganz, auch macht die Aufbewahrung und das Legen der 
Wurzelknollen jahrlich Mühe und die Bluͤmchen find einen 
großen Theil des Tags oder bei naſſer Witterung ganz 
geſchloſſen. Die nachtheiligſten Einfaſſungen aber ſind die 
von geſtochenem Raſen, einestheils weil ſie bedeutend breit 
ſein muͤſſen und daher viel Raum wegnehmen, anderntheils 
weil man ſehr leicht in dem Raſen weit kriechende Grass 
arten, wie z. B. Quecken, in den Garten bekommt, die 
in den Blumenbeeten wuchern und kaum wieder zu ver⸗ 
tilgen ſind. Auch wird, wo ſie nicht ſehr oft abgemaͤht 
werden, die Einfaſſung ſtets unordentlich ausſehen, und 
wenn der Samen reifen ſollte, eine nicht verſiegende Quelle 
10 * 


des Unkrauts abgeben; daher ziehe ich allen andern Ges 
waͤchſen, welche gewoͤhnlich zu Einfaſſungen benutzt werden 
koͤnnen, die kleine Leberblume (Hepatica triloba De Cand.) 
vor, denn fie gewährt ſehr viele Vortheile, ohne die früher. 
gerügten Nachtheile zu haben. Die Pflanzen ſind bei der 
allgemeinen Verbreitung dieſes niedlichen Gewaͤchſes durch 
ganz Dentſchland faſt überall leicht und wohlfeil zu er— 
langen, kommen faſt uͤberall (nur nicht in duͤrrem Sand 
oder in einer zu ſonnigen Lage) gut fort, bluͤhen zu einer 
Jahreszeit, wo der Blumengarten, außer dem Schnee— 
gloͤckchen, der Merzenblume, dem Crocus und der freund⸗ 
lichen Eranthis, noch erſtorben ſcheint und gewaͤhren durch 
die vielfache Faͤrbung ihrer Blumen, durch blau, roth oder 
weiß, eine dem Auge wohlgefaͤllige Abwechſelung, die durch 
fleißigere Cultur dieſer Pflanze ſich gewiß noch ſehr ver⸗ 
mehren laſſen wird, indem ein Gartenliebhaber zu Halber⸗ 
ſtadt ſchon 23 verſchiedene Sorten davon in ſeinem Gar⸗ 
ten gezogen haben ſoll. Ueberdies iſt das Laub ſelbſt im 
Winter grün, und verhindert wegen feines dichten Wuchſes 
das Abſchwemmen der Erde von den Rabatten in die 
Sandwege. Auch bedarf dieſe Art Einfaſſung faſt gar 
keiner Pflege, da die Stoͤcke keine Auslaͤufer treiben und 
nicht viel Nahrung aus dem Boden ſaugen, weshalb fie 
auch bis fünf, Jahre ſtehen koͤnnen, ohne verſetzt werden 
zu muͤſſen. Rur bei anhaltend trockener Witterung, oder 
auf einem der Sonne ſehr ausgeſetzten Standort iſt es 
nothwendig, die Einfaſſung im Sommer zuweilen in den 
Abendſtunden zu gießen, dagegen hat ſie das Gute, daß 
ſie ſelbſt unter dem Schatten der Baͤume oder in einer 
Lage nach Mitternacht, wo ſelten andere Pflanzen eine 
fortdauernd dichte Umfaſſung gewähren, recht gut gedeiht, 
und ſchon bei dem Erwachen des Fruͤhlings durch ihre 
reichen, mit dem lebhafteſten Farbenwechſel geſchmuͤckten 
Bluͤthen dem Garten einen Schmuck und Reiz gewaͤhrt, 
welcher den Gaͤrtner mit froher Hoffnung auf die ſich nun 
taͤglich mehr entfaltende Pracht der Pflanzenwelt erfüllt 
und erhebt. Einfaſſungen von einjaͤhrigen Pflanzen, oder 


| 


= M = 


fogenannten Sommergewaͤchſen, wie z. B. vom italienifchen 
Ritterſporn (Delphinium Ajacis), Stiefmütterchen (Viola 
tricolor, grandiflora oder altaica), Bauernſenf (Iberis 
umbellata), dreifarbiger Winde (Convolvulus tricolor), 
weißem Vergißmeinnicht (Omphalodes linifolia), dreiblaͤt⸗ 
terigem Loͤbenmaul (Linaria triphylla) oder Seelevkoi 
(Mathiola maritima De Cand.), fönnen zwar waͤhrend der 
Bluͤthe den Garten zieren, fehlen aber im Fruͤhjahr und 
laſſen die Rabatten nackt und unbegrenzt gegen die Wege. 
Sie koͤnnen daher in der Regel nur da angewendet wer⸗ 
den, wo ſchon eine Einfaſſung von Latten oder Bretern 
ſich vorfindet und nuͤtzen daher nur dazu, die ſteife und 
unzierliche aͤußere Einfaſſung im Sommer mit ihren Blüs 
thenranken dem Auge zu verbergen. Ich glaube hierdurch 
dargethan zu haben, daß die Leberblume Hepatica tri- 
loba vorzüglich zur Einfaſſung von Rabatten geeignet iſt 
und Vortheile gewaͤhrt, welche bei andern . bi 
mangeln. Waitz. a 


XXI . 
Jahresbericht, 
vorgetragen zum Stiftungsfeſte der naturforſchen— 
den Geſellſchaft des Oſterlandes den 5. Juli 1837 
N vom 


Professor Apett, 
Secretair der Geſellſchaft. 


Verehrte Anweſende, 


Unter fo manchen gluͤcklichen, die Beſtrebungen unſers Ver⸗ 
eins foͤrdernden und belohnenden Ereigniſſen, auf welche uns 
ein Rückblick auf das zuruͤckgelegte Jahr hinleitet, feſſelt 
vor Allem eines unſere Aufmerkſamkeit, die bedeutende, für 


= Mm 


das Beſtehen und das Gedeihen unſers Inſtitutes fo uͤber⸗ 
aus wichtige Unterſtuͤtzung, welche demſelben durch die 
Gnade unſers Durchlauchtigſten Herzogs und das freunds 
liche Wohlwollen einer verehrten Landſchaft im Verlaufe 
des letzten Landtages zu Theil geworden iſt. Als naͤmlich 
das Mifverhältnis zwiſchen dem wachſenden Umfange unfes 
res Vereines und den zu feiner Verfügung ſtehenden Mit⸗ 
teln immer fühlbarer wurde, und das Schwanken und die 
Unſicherheit des groͤßten Theils dieſer Zufluͤſſe die ernſtlich⸗ 
ſten Beſorgniſſe fuͤr die Zukunft erregten, da wagten wir 
es endlich eines Theils im Bewußtſein unſerer uneigen⸗ 
nuͤtzigen Abſichten, fo wie des nuͤtzlichen Einfluſſes, den 
dieſe Anſtalt auf Stadt und Land gewinnen koͤnnte, andern 
Theils aber im Vertraun auf die vielen Beweiſe gnaͤdigſter 
Theilnahme von Seiten unſers Durchlauchtigſten Landes- 
vaters und aller Glieder unſers Erhabenen Fuͤrſtenhauſes 
und auf freundliche Beruͤckſichtigung von Seiten der Mit- 
glieder einer verehrten Landſchaft beim Anfang des letzten 
Landtages unſere Wuͤnſche und Beduͤrfniſſe in einem Ge— 
ſuch um eine landſtaͤndiſche Verwilligung am Throne des 
Fuͤrſten niederzulegen. Und ſiehe, unſere Wuͤnſche wurden 
in einer Weiſe erfuͤllt, wie wir es kaum zu hoffen gewagt 
hatten. Denn durch einen Miniſterialerlaß vom 23. Decem⸗ 
ber voriges Jahres wurden wir in Kenntnis geſetzt, daß 
ſich Sr. Herzogl. Durchlaucht in vorgaͤngigem Einvers 
ſtaͤndnis mit verehrlicher Landſchaft bewogen gefunden, der 
naturforſchenden Geſellſchaft des Oſterlandes zur Sicherung 
ihres Beſtehens und zur Foͤrderung ihrer nuͤtzlichen Wirk 
famfeit 

1) den Miethzins für die felbiger im Landesbank⸗ 
Gebäude uͤberlaſſenen Raͤumlichkeiten, ſofern nicht etwa das 
gegen noch ein beſonderes Bedenken von dem Herzogl. 
Finanz⸗ Collegium gemacht werden wuͤrde, und unter den 
in der Natur der Sache liegenden Beſchraͤnkungen gänzlich 
zu erlaſſen, 

2) zu Gunſten der Geſellſchaft nicht nur ein für 
alle Mal eine Summe von 100 Thalern zur Beſtreitung 


— 143 — 


vorübergehender Ausgaben aus der Steuer-Hauptkaſſe ab⸗ 
geben zu laſſen, ſondern auch die geſchehene Verwilligung 
einer jährlichen Beihuͤlfe von gleichem Betrage enden 
u zu genehmigen. 

Die Folgen dieſer Verwilligung ſind zu wichtig, als 
baß ſie nicht von ſelbſt in die Augen ſpringen ſollten. 
Durch ſie iſt uns eine Anerkennung zu Theil geworden, 
welche das Intereſſe fuͤr unſer Inſtitut durch das ganze 
Land wecken und ſteigern muß. Ihr verdanken wir das 
beglückende Gefühl der Sicherheit, mit der man feine Kräfte 
einem guten Werke widmet, was auf einer feſten Baſis 
ruht. Sie hebt uns uͤber eine Menge kleinlicher Sorgen 
und Rückſichten hinweg, die fo oft der beſſern Sache 
Unheil drohen und nicht ſelten ſchon den regſten Eifer 
in ſtarre Feſſeln ſchlugen, und laͤßt uns hoffen, daß wir 
nach und nach das Ziel erreichen werden, das wir bei 
einem weiſen Erwaͤgen der Beſtimmung unſeres naturwiſſen⸗ 
ſchaftlichen Vereins uns ſelbſt zu ſtecken haben. Dank 
darum, innigen Dank dem Erhabenen Fuͤrſten, der jede 
hoͤhere Richtung des Lebens gern in ſeine Obhut nimmt 
und fie, fo weit es ſich mit feinen Regentenpflichten vers 
tragt, beguͤnſtigt. Dank feinen hohen Räthen und Minis 
ſtern, die ſelbſt von edelm Sinn fuͤr Wiſſenſchaft und 
Kunſt erfüllt, bereitwillig dem Dienſte dieſer hehren Goͤt— 
tinnen ihr einflußreiches Fuͤrwort leihen. Dank einer ver⸗ 
ehrten Landſchaft, welche unter dem allgewaltigen Druck 
der materiellen Intereſſen unſerer Zeit den Grundſatz feſt⸗ 
haͤlt, daß der Geiſt mehr iſt, denn der Leib, und dieſen 
Grundſatz, wie ſie immer vermag, zu bethaͤtigen weiß. 
Und nicht fo leicht dürfte es die hochverehrte Direction 
Herzogl. Landesbank zu bereuen haben, daß ſie uns ſo 
freundlich in ihren ſchoͤnen, unſern Vereinszwecken ſo wohl 
entſprechenden Raͤumlichkeiten aufnahm. 

Gewiß fuͤhlen Sie aber auch, verehrte Anweſende, 
tief mit mir die Verpflichtungen, die uns dieſe Beguͤnſti⸗ 
gung auflegt. Möge der Geift nie aus unſerer Mitte 
entweichen, dem wir ſie verdanken, und es unſern verein⸗ 


ten, fortgeſetzten Bemühungen gelingen, das in uns geſetzte 
Vertrauen vollkommen zu rechtfertigen. 

Ein anderes fuͤr unſere Geſellſchaft ſehr wichtiges 
Ereigniß iſt die Herausgabe einer Zeitſchrift, welche ſeit 
dem Januar dieſes Jahres unter dem Titel: Mittheilungen 
aus dem Oſterlande, in Vierteljahrheften erſcheint. Das 
Beduͤrfniß eines ſolchen Organs, durch welche die in den 
Hauptſitzungen gehaltenen Vortraͤge, die in ihnen zur 
Sprache gebrachten Gegenſtaͤnde und niedergelegten Erfah⸗ 
rungen und Beobachtungen auch in dem weitern Kreiſe 
ihrer Mitglieder und Freunde verbreitet werden koͤnnten, 
war laͤngſt gefühlt, oft beſprochen und im vorigen Jahre 
wieder ernſtlich in Berathung gezogen worden. me 

Bereits am Stiftungsfefte des vorigen Jahres hatte 
ich die Ehre, Ihnen zu berichten, was bis dahin in dieſer 
Sache geſchehen war. Seitdem hat die Redactionscom⸗ 
miſſion in mehreren deshalb gehaltenen Conferenzen die 
Nüslichfeit des Unternehmens geprüft, die ihm entgegen- 
ſtehenden Schwierigkeiten, fo wie die Mittel zu deren Bea 
ſeitigung erwogen, einen Plan entworfen und dieſen den 
betheiligten Geſellſchaften vorgelegt, und da dieſer allſeitig 
und durchaus gebilligt wurde, ſo konnte im Januar das 
erſte Vierteljahrheft ausgegeben werden. Zwei Hefte find 
in Ihren Händen, am dritten wird eben gedruckt. Sie 
koͤnnen alſo beurtheilen, in wie weit die Redactionscom—⸗ 
miſſion ihre Aufgabe geloͤſt hat. Eines der geachtetſten 
und geleſenſten kritiſchen Journale hat ſich auch bereits 
nicht unguͤnſtig uͤber das erſte Heft ausgeſprochen. Das 
fernere Gedeihen der Mittheilungen wird nun hauptſaͤch— 
lich von der Thaͤtigkeit der Redactionscommiſſion und von 
der Theilnahme der Vereinsmitglieder abhaͤngen. Was 
jene betrifft, ſo darf ich Ihnen die Verſicherung ertheilen, 
daß die Commiſſion nach Kraͤften bemuͤht ſein wird, dem 
in ſie geſetzten ehrenvollen Vertrauen zu entſprechen, und 
es wird ihr um ſo ſicherer gelingen, je mehr wir in unſerm 
Vereine Maͤnner beſitzen, die uns aus dem reichen Schatze 
ihres Wiſſens und ihrer Erfahrungen intereſſante Beitraͤge 


— 143 — 


liefern konnen. Dabei muͤſſen wir rühmend erwaͤhnen, 
daß der Herr Verleger Alles gethan hat, um dieſe Zeit— 
ſchrift in einem anſtaͤndigen und gefaͤlligen Gewande — 
Leben einzufuͤhren. N 

Unſere Verſammlungen haben einen muntabrochenen 
Fortgang gehabt. Es ſind 12 Hauptſitzungen und einige 
Extraſitzungen gehalten worden. In ihnen find, wie früher, 
die wichtigſten Erſcheinungen und Fortſchritte in den Naturs 
wiſſenſchaften, in ſo weit ſie zu unſerer Kunde gelangten 
und fuͤr uns Intereſſe haben konnten, beachtet worden 
und des Wiſſenswürdigen iſt viel zur Sprache gekommen 
ſo daß ſie die Mitglieder, welche ſie beſuchten, nie ohne 
vielſeitige Belehrung und Anregung verlaſſen haben. Es 
konnten in dieſen Verſammlungen manche intereſſante Abs 
handlungen vorgeleſen werden, da wir in dieſem Jahre ſo 
gluͤcklich geweſen ſind, auch von auswaͤrtigen Freunden 
oͤfters Aufſaͤtze eingeſendet zu erhalten. Ich kann mir das 


Vergnuͤgen nicht verfagen, hier nur an einen eben fo lau- 


nigen, als gehaltvollen Aufſatz des Herrn Paſtor Martin 
in Schoͤnberg zu erinnern, der ſich uͤber die Ehrenbergiſche 
Entdeckung verbreitet, daß Kieſelgur nichts iſt, als ein Con- 
glomerat von den foſſilen Panzern gewiſſer Infuſorien, und 
zwei andere gruͤndliche und intereſſante Abhandlungen er— 
hielten wir vom Herrn Bergmeiſter Schmidt in Szaska 
zugeſandt, naͤmlich 1) Beitraͤge zur Kenntniß des bannater 
Erzgebirges, und 2) uͤber die Sprengung der Felſenmaſſen 
in der Donau in der Gegend des eiſernen Thores, mit 
Karten und Plaͤnen. Von letzterm ſagt der kenntnißreiche 
Verfaſſer: „Herr Architekt Daniel von Novack hat dieſe 
meine Relation, die ich im Jahre 1833 auf Allerhoͤchſte 
Anordnung an die Landes-Oberbau-Direction in Peſth 
eingeſendet hatte, vermuthlich aus dem Archiv entlehnt und 
durch die wiener Zeitung 1836, 22. Januar, 25. Januar, 
27. Januar, 3. Februar, 4. Februar der Oeffentlichkeit 
uͤbergeben.“ Das Reſultat ſeiner auf die gruͤndlichſten 
Unterſuchungen geſtuͤtzten Berechnung iſt folgendes: Es würs 
den, vorausgeſetzt, daß waͤhrend eines Jahres an 66 Tagen 


— M6 — 


gearbeitet werden koͤnnte, und eine ſo große Anzahl von 
Arbeitern verwandt wuͤrde, als es, ohne daß ſie einander 
hinderlich waͤren, geſchehen duͤrfte, mit einem Koſtenauf— 
wande von 3,460,000 Fl., 90 Jahre zur Beendigung 
des Unternehmens erforderlich ſein. Das Wichtigſte des 
Vorgetragenen wird nach und nach in den Mittheilungen, 
in ſo fern es der beſchraͤnkte Raum dieſer Blatter geſtat⸗ 
tet, bekannt gemacht werden. 

Von den vielen, zum Theil ſchoͤnen und — — 
Bereicherungen, weiche in dem verfloſſenen Jahre unſern 
Sammlungen zu Theil geworden find, haben Sie ſich dies 
fen Morgen durch eigne Anſchauung überzeugen koͤnnen. 

Die werthvollſte Sendung erhielten wir vom Koͤnigl. 
Muſeum zu Leyden, als Aequivalent fuͤr eine an daſſelbe 
abgeliefert. Sendung naturhiſtoriſcher Producte des Vaters 
landes. Es beſtand dieſelbe in 111 Stuck exotiſcher Thiere, 
gröͤßtentheils oſtindiſcher Voͤgel, unter denen ſich manche 
durch ihre große Seltenheit, andere durch die Pracht ihres 
Gefieders, oder auch durch ein beſonderes Intereſſe, wie 
das herrliche Paͤrchen von Gallus Bankiva dadurch, daß dieſe 
Thiere nach des berühmten Ornithologen Temminf Anficht. 
die Stammeltern unſerer Haushuͤhner ſind, auszeichnen und 
unſerer Sammlung zur Zierde gereichen. Einen andern 
wichtigen Beitrag zu unſerer ornithologiſchen Sammlung 
verdanken wir der Guͤte unſers verehrten Mitgliedes, des 
Herrn Kammerherrn von Poͤllnitz, indem uns derſelbe ſeine 
ausgezeichnete Sammlung von Raubvoͤgeln zum Geſchenk 
gemacht und dadurch ſeine rege Theilnahme fuͤr unſern 
Verein abermals bethaͤtigt hat. Es ſind dies faſt durch— 
gehends ausgezeichnete Exemplare zum Theil ſehr feltes 
ner Vögel, durch welche manche Lucke in unſerer Samm⸗ 
lung ausgefuͤllt wird. Einige ſchoͤne Nectarinen erhielten 
wir unter einer werthvollen Sendung von dem durch ſeine 
naturhiſtoriſche Reiſe in Sardinien und naturwiſſenſchaft⸗ 
liche Schriften ruͤhmlich bekannten Herrn Kuͤſter, Lehrer 
am Realgymnaſium zu Erlangen. Außerdem wurde unſere 
Voͤgelſammlung durch viele einzelne Voͤgel, Gaben thaͤtiger 


u 1 


Freunde und Mitglieder bereichert. Es würde jetzt ers 
müden, wenn ich Ihnen alle dieſe Geſchenke einzeln auf— 
zaͤhlen wollte. Indem ich hiermit den verehrten Gebern 
im Auftrag der Geſellſchaͤft verbindlichſt danke, erlaube ich 
mir zu bemerken, daß ein ſpecielles Verzeichniß aller waͤh— 
rend des verfloſſenen Jahres eingegangenen Geſchenke in 
den Mittheilungen abgedruckt und fo die dankbare Ans 
erkennung der Geſellſchaft oͤffentlich ausgeſprochen wer⸗ 
den wird. 

AUnſere Mineralienſammlung hat ebenfalls wieder ans 
ſehnliche Bereicherungen durch unſere ungariſchen Freunde 
erhalten, naͤmlich zwei Sendungen vom Herrn Bergmeiſter 
Schmidt in Szaska, eine Sendung Gold- und Gilbers 
ſtufen vom Herrn Cooperator Schloſſer in Schemnitz, und 
eine Sendung vom Herrn Szaibeli in Rezbanga. Alle 
dieſe Sendungen, vorzüglich die des Herrn Szaibeli, enthal⸗ 
ten ſchoͤne, zum Theil ſehr ſeltene Stucke. Ferner empfingen 
wir vom Herrn Grafen von Muͤnſter zu Baireuth eine 
ſchoͤne Suite Petrefacten der Jura- und Liasformation 
zur Vervollſtaͤndigung der uns von unſerm Durchlauchtigſten 
Herzog zum Geſchenk gemachten und im vorigen Jahres— 
bericht erwaͤhnten Sammlung von Petrefacten der genann— 
ten Formationen. Sodann erhielten wir eine Sammlung 
Mineralien, meiſt vulkaniſche Producte aus Italien, durch 

die Güte des Herrn Kaufmann Laspe in Gera, eine an— 
dere von Mineralien aus der Gegend von Gera durch 
Herrn Adjunct Eifel daſelbſt; ferner eine Suite wuͤrtem— 
bergiſche Felsarten vom Herrn Architekt Bruckmann zu 
Ulm, und Mineralien aus der Gegend von Dresden vom 
Herrn Artilleriearzt Präöfe und Herrn Kupferſtecher Harzer 
daſelbſt. Uebrigens haben alle unſere Sammlungen theils 
durch Geſchenke, theils durch Tauſch Zuwachs erhalten. 
Ich kann einen Beweis fuͤrſtlicher Huld nicht unerwaͤhnt 
laſſen. Seiner Durchlaucht unſer gnaͤdigſter Prinz Eduard 
ſandte uns naͤmlich zu Ende des vorigen Jahres von einem 
Schreiben begleitet einen von Riſi bei Sparta gebürtigen 
Hund, ſpartaner Race, alſo von einer Race, welche ſchon 


* 


— 148 — 


im Alterthume ihrer Spuͤrkraft und Schnelligkeit wegen 
beruͤhmt war. Dieſes ftattliche Thier hatte von einem 
boshaften Palikaren mit einem dreiſchneidigen Dolche zwei 
Wunden erhalten, in Folge deren er unſaͤgliche Leiden 
auszuſtehen gehabt hatte, ſo daß ſich endlich der Durch— 
lauchtigſte Prinz bewogen gefunden, ihn toͤdten zu laſſen, 
um ihn von ſeinen Schmerzen zu erloͤſen. Dieſes ziemlich 
gut ausgeſtopfte Thier iſt denn glücklich angekommen und 
hat durch ſeinen ſchoͤnen Bau, wie durch ſeine angenehme 
Farbe allgemeine Bewunderung erregt. Es gereicht mir 
zur beſondern Freude, Ihnen berichten zu koͤnnen, daß 
unſere verbeſſerten Finanzen uns in den Stand geſetzt 
haben, zur Herſtellung entomologiſcher Sammlungen ent— 
ſchiedene Maßregeln zu ergreifen. Ich weiß wohl, daß 
nicht wenige Vorſteher von öffentlichen Muſeen Bedenken 
tragen, Zeit und Mittel an entomologiſche Sammlungen 
zu verſchwenden, die doch „wie ſie fagen, wenn die Hand, 
die ſie ſchuf, ablaͤßt, in wenigen Jahren in Verfall ges 
rathen und eine Beute der Raubinſecten werden. Indeß 
koͤnnen fie nicht in Abrede ſtellen, daß der Mangel ders 
ſelben eine gewaltige Luͤcke verurſacht, da die Zahl der 
Genera, auch wenn man nicht der Zerſplitterungsmethode 
der neuern Zeit huldigt, und noch mehr die Zahl der 
Species dieſer Thierklaſſe alle uͤbrigen weit uͤbertrifft. Sie 
läugnen nicht, daß die Inſecten für die Syſtemkunde von 
hoͤchſter Wichtigkeit ſind, und die Phyſiologie einer ge— 
nauern Unterſuchung und Beobachtung dieſer Thiere die 
wichtigſten Aufſchluͤſſe verdankt. Sie geben zu, daß gerade 
unter dieſen Thieren die merkwuͤrdigſten und außerordent⸗ 
lichſten Kunſttriebe wahrgenommen werden. Bald iſt es 
ihr wunderbarer Bau, der uns in Staunen verſetzt, bald 
die Pracht ihrer Farben und Zeichnungen, die uns ent— 
zuckt. Hier liefern fie einen Stoff, welcher Millionen 
Beſchaͤftigung und Nahrung gibt und eine Induſtrie ins 
Leben ruft, deren Bluͤthe den Wohlſtand ganzer Laͤnder 
begruͤnden, deren Sinken aber auch maͤchtige Reiche er- 
füttern kann, wie es die Schreckensſcenen zu Lyon bes 


— 149 — 


wieſen haben. Dort ſehen wir ſie Ernten vernichten und 
große Waldungen verwuͤſten, wie erſt im vorigen Jahre 
nach Zeitungsberichten, um den Verheerungen eines kleinen 
Holzkaͤfers, des Scolytus pygmaeus, Einhalt zu thun, 
in den Waͤldern von Vincennes 25,000 Eichen umgehauen 
werden mußten. Und uͤberall, wohin unſer Auge blickt 
und unſer Fuß tritt, auf Bergen und Thaͤlern, in Wald 
und Flur, im glaͤnzenden Sonnenſchein, wie im daͤmmern— 
den Zwielicht, an den bunten Kelchen duftender Blumen, 
wie in dem Moder dumpfiger Keller und Gewoͤlbe, begeg— 
nen uns dieſe Thiere und dringen uns ihre Raͤthſel auf. 
Warum ſollten ſie alſo nicht eines Blattes in unſern Re— 
giſtern werth ſein zur Nachweiſung fuͤr Lehrende und Ler— 
nende? Allerdings fordert die Anſchaffung des dazu noͤthigen 
Inventariums einen nicht unbedeutenden Aufwand und die 
erſte Anlage iſt muͤhſam. Hat man aber einmal jenen 
uͤberwunden und dieſe zu Stande gebracht, dann bedarf 
es nur der Vorſicht bei der Aufnahme fremder Inſecten 
in die Sammlung, und man wird ſie vor Verfall und 
Zerſtoͤrung geſichert ſehen. Dies Alles beherzigend und in 
der Ueberzeugung, daß es rathſam fein möchte, die guͤn⸗ 
ſtige Zeit zu benutzen, indem gerade jetzt auch unter uns 
ein reges Intereſſe fuͤr die Entomologie lebendig wird, haben 
wir denn für die Anſchaffung zweier Inſectenſchraͤnke ges 
ſorgt und ſie vornehmlich fuͤr die Schmetterlinge beſtimmt, 
damit der ſchon vorhandene große Schrank zu andern In— 
ſecten angewendet werden koͤnne. Sie ſehen, daß fie ſolid 
gebaut, im Innern zweckmaͤßig eingerichtet und von einem 
geſchmackvollen Aeußern find, fo daß mit Anſchaffung aͤhn- 
licher Schraͤnke, wenn ſie noͤthig werden ſollten, fortgefah— 
ren werden kann. In Herrn Privatlehrer Schlenzig haben 
wir fur die Lepidoptern einen kenntnißreichen, thaͤtigen 
Freund gewonnen, der bereits gezeigt hat, wie viel dieſer 
Theil der Sammlung ihm zu danken haben wird, und ich 
darf Ihnen vorläufig ſagen, daß wir bei unſern entomo⸗ 
logiſchen Excurſionen fortwaͤhrend auf die Sammlungen der 
Geſellſchaft bedacht find, Auch habe ich von mehreren 


a \ 


namhaften Entomologen die erfreuliche Zuſicherung erhalten, 
daß fie, in fo fern es ihnen möglich iſt, Originalexemplare 
ihrer Entdeckungen in unſere Sammlung liefern wollen, 
und ein Mitglied unſerer Geſellſchaft, mein lieber Freund, 
Herr Cantor Maͤrkel in Stadt-Wehlen, hat mir zugeſagt, 
daß er nicht allein Exemplare der vielen von ihm entdeck⸗ 
ten und benannten Inſecten, ſondern auch alle in der ſaͤchſi⸗ 
ſchen Schweiz vorkommenden Species in unſere Sammlung 
geben will. Und wer wuͤßte nicht, wie reich dieſe Gegend 
an ſchoͤnen und intereſſanten Inſecten iſt? 

Unſere Bibliothek iſt in dem vergangenen Jahte theils 
durch Ankauf, theils durch Geſchenke anſehnlich vermehrt 
worden. Noch in jüngfter Zeit haben wir in Naumann's 
klaſſiſchem Werke über die Vögel eine ſehr ſchaͤtzbare Acqui 
ſition gemacht, die uns beſonders lieb ſein muß, da die 
ornithologiſche Sammlung einen Haupttheil unſerer Samm⸗ 
lungen ausmacht. Auch haben wir manches gute Buch, 
zum Theil von den Herrn Verfaſſern ſelbſt, zum Geſchenk 
erhalten. Dieſe Gaben ſollen ebenfalls in den Mitthei⸗ 
e neee gemacht' werden. 

ie Verbindungen mit unſern auswaͤrtigen Freunden 
find, wie ſchon aus dem Mitgetheilten erhellt, lebhaft unterz - 
halten worden. Die Frucht dieſer Bemühungen war manches 
werthvolle Schreiben, durch das uns in unſern ee 
Belehrung und Unterhaltung gewährt wurde. i 

Die lebhafteſte Theilnahm erregte vergangenes Jahr 
unter uns die Verſammlung deutſcher Aerzte und Natur- 
forſcher zu Jena. Mancher von uns, dem die Verhaͤlt⸗ 
niſſe nicht geſtatten, in ferngelegene Staͤdte zu reiſen, um 
dieſer, wenn anders nicht blos wichtige politiſche Ereig⸗ 
niſſe, ſondern auch Ereigniſſe, welche in der Geſchichte der 
Wiſſenſchaften Epoche machen, welthiſtoriſch genannt wer— 
den dürfen, welthiſtoriſchen Verſammlung beizuwohnen, — 
mancher von uns ſchaͤtzte ſich glücklich, mit einem geringes 
ren Aufwande von Zeit und Geld ſich einige Tage in 
jenem außerordentlichen Conflux von Ideen und Kräften 
des Geiſtes zu bewegen, deſſen Wellenſchlag mit unwider⸗ 


— 131 — 


ſtehlicher Gewalt erregend und belebend auf jedes fuͤr den 
hehren Segen der Wiſſenſchaft empfaͤngliche Gemuͤth ein— 
wirkt, ihm einen Impuls fuͤr das ganze Leben gibt und 
nie verloͤſchende Erinnerungen der wohlthaͤtigſten Art ihm 
einpraͤgt. Fuͤr uns Oſterlaͤnder wird dieſe Verſammlung 
um ſo unvergeßlicher ſein, mit je freudigerem Selbſtgefuͤhl 
wir jene denkwuͤrdige Stiftung vernahmen, welche unſer 
Durchlauchtigſter Herzog zum Gedaͤchtniß jener Verſamm— 
lung geſtiftet hat, und die ſo ganz dem Geiſte und dem 
Zwecke jener Verſammlung angemeſſen iſt, daß ſie fuͤr alle 
Zeiten in der Geſchichte dieſer Vereinigung ein Lichtpunkt 
bleiben wird. Fuͤr unſere Geſellſchaft aber hatte die Naͤhe 
dieſer Verſammlung noch den Vortheil, daß auf der Reiſe 
nach Jena mancher beruͤhmte, mancher uns befreundete und 
unſerm Herzen theure Naturforſcher in unſere Stadt kam, 
und, wenn auch nur fluͤchtige Stunden, unter uns weilte, 
und daß die in Jena anweſenden Mitglieder Verbindungen 
anknüpfen konnten, die Früchte tragen werden. 
Es bleibt mir nur noch uͤbrig, Sie mit den Perſonal⸗ 
veraͤnderungen bekannt zu machen, welche ſich im Verlaufe 
des vergangenen Jahres zugetragen haben. In der den 
9. Mai gehaltenen Hauptſitzung wurde an die Stelle des 
ſtatutenmaͤßig ausſcheidenden Directors, des Herrn Secre— 
tair Bechſtein, Herr Kammerrath Waitz zum Director ers 
waͤhlt. Eine weitere Veränderung im Beamtenperſonal 
an. nicht beliebt. 

In einer Extraſitzung den 16. Auguſt 1836 beſchloß 
die Geſelſchaft, dem Herrn Forſtrath Cotta zu Tharand 
zum 20. Auguſt, als dem Tage feiner 50jaͤhrigen Amtsjubels 


feier, als Zeichen achtungsvoller Anerkennung ſeiner Ver⸗ 


dienſte das Diplom eines Ehrenmitgliedes zu uͤberſenden. 
Zu Ehrenmitgliedern hat außerdem die Geſellſchaft 
ernannt: 
Herrn Dr. juris eto. etc. Hammerſchmidt zu Wien, 
nl und 
Herrn Obermedicinalrath Dr. Roͤſer, Leibarzt des Koͤ⸗ 
nigs Otto I. von Griechenland, zu Athen. 


— 132 — 


Es ſahen ſich folgende einheimiſche Mitglieder: 
1) Herr Amtsactuar Kircheiſen, 
2) ⸗Jiuſtizrath und Kreisamtmann Müller, 
3) Chirurg Reißig, 
4) = Rogge, Lehrer an der Döchterſchule, 
5) Abdvocat Toͤpfer, 
durch verſchiedenartige Verhaͤltniſſe bewogen, ihren Austritt 
aus der Geſellſchaft anzuzeigen. 
Dagegen wurden zu einheimiſchen Mitgliedern auf⸗ 
genommen: 1 
1) Herr Paſtor Blumentritt zu Oberloͤdla, 
2) ⸗Candidat Gersdorf, und 
3) - Privatlehrer Schlenzig. 
Zu correſpondirenden Mitgliedern wurden aufgenommen: 
1) Herr Dr. med. et chir. Streintz, kaiſerl. koͤnigl. 
wirklicher Regierungsrath und Protomedi— 
cus des Erzherzogthums ob der Ens, ſo 


wie des Herzogthums Salzburg. 10 
2) „ Cooperator Schloſſer zu Schemnitz n 
f Ungarn. 


3) „ Burgk, Profeſſor der hoͤhern Mathematit 
amm polytechniſchen Inſtitut zu Wien. 

Was ich Ihnen mitgetheilt habe, verehrte Anweſende, 

ſind Andeutungen und allgemeine Reſultate, die wohl ein 
nicht unguͤnſtiges Zeugniß ablegen dürften von dem Sinn 
und Erfolg, mit welchem der Verein auch in dem ver— 
floſſenen Jahre ſeine Thaͤtigkeit fortgeſetzt hat. Moͤge das 
neue Jahr ihm wuͤrdig ſich anreihen. Wir hoffen dies 
mit Zuverſicht. Zwar hat auch das entſchwundene Jahr 
unſern Kreis gelichtet und mehrere hochgeehrte Maͤnner, die 
uns theuer waren, ſind von uns geſchieden. Und wie 
manchen edlen reichen Geiſt haben wir ſchon, ſeitdem die— 
ſer Verein beſteht, ſchmerzlich betrauern muͤſſen! Allein 
wir ſehen die Lücken gefuͤllt, ſein Umfang hat ſich erwei— 
tert, ſeine Kraft iſt erſtarkt und ſeine Wirkſamkeit iſt nur 
noch umfaſſender und ſichtbarer geworden. Wie? So 
wenig iſt alſo am Individuum gelegen? So leicht wird 


es entbehrt und erſetzt. So verfließt ſein Wallen und 
Streben in den Wellen, die ſelbſt in den das geiſtige All 
umgürtenden Ocean zerrinnt? — Doch fo fragt der 
beſſere Menſch nicht. 

Fuͤr ihn hat der Gedanke, daß die Geſammtheit 
nicht um des Individuum willen da iſt, ſondern daß das 
Individuum nur im Fortſchreiten in der Richtung, in 
welcher eine allwaltende Vorſehung die Menſchheit ihrer 
Beſtimmung entgegenfuͤhrt, fein Heil finden kann, etwas 
Erhebendes, Begeiſterndes. Durch ihn erhebt er ſich uͤber 
die Veraͤnderlichkeit der Form zum unvergaͤnglichen Weſen, 
über die Truggeſtalten der Erſcheinungen zur unwandelbas 
ren Idee, und ſchwingt ſich empor von dem dunkeln Pla— 
neten, wo der Sterblichen Fuß uͤber dem Staube ſeit 
Jahrtauſenden zerfallener Koͤrper wandelt, zu jenem ewigen 
Reiche des Lichts, in dem ſich Zeit und Raum in die Uns 
endlichkeit verlieren und nicht die Gewalt und der Erfolg 
von Thaten die Palme gewinnt, ſondern der Wille und 
das Opfer mit Ehren gekroͤnt wird. Wenn wir, Verehrte, 
in ſolchen Geſinnungen unſerm Verein angehoͤrend, wenn 
jeder nach dem Maaße, das ihm verliehen, ſeine Kraft 
ihm widmend, für die Idee lebt, die ihn beſeelt, und 
nicht die Idee individuellen Zwecken untergeordnet wird, 
dann wird er beſtehen und gedeihen, und Fruͤchte tragen, 
l au er en Cyclus durchlaufen hat. 


11 


XXII. 


Veitstanz, beobachtet bei einem 
Fringilla septentrionalis, 


mitgetheilt 
durch 
Dr. Richter in Roda. 


Im April dieſes Jahres, wo von Hunger und Kaͤlte 
verfolgt ſo viele Voͤgel ermattet gefangen wurden, kam 
unter andern auch dieſe Fringilla septentrionalis in 
meine Haͤnde. Es iſt ein ſehr ſchoͤnes altes Maͤnnchen, 
und meine an ihm gemachte Beobachtung iſt von der Art, 
daß es wohl der Mühe werth iſt, ſie aufzuzeichnen. 

Kaum einige Wochen in dem Bauer, als er ſich 
wieder erfräftigt hatte durch gutes und reichliches Futter, 
bemerkte ich an dieſem Vogel Bewegungen von ganz ſon⸗ 
derbarer Art. Er wendete ſeinen Koͤrper immer nur nach 
der linken Seite, drehte den Kopf, tief ſich niederbückend, 
gleichfalls links ſo ſtark, daß die Kehle nach oben, der 
Scheitel ganz nach unten zu ſtehen kam; er ging den 
ganzen Tag gleichfam tanzend auf den Springſtangen umher. 

Nach einigen Tagen verfiel er in allgemeine Convul— 
fionen, die regelmäßig des Abends acht oder neun Uhr, 
eintraten, kuͤrzere oder laͤngere Zeit anhielten und immer 
dann am ſtaͤrkſten wiederkehrten, wenn Jemand genau vor 
den Bauer trat. 

Oefterer machte er Spruͤnge von einer Elle weit, 
wobei er ſich ruͤcklings uͤberſchlug und dann mit einem 


= 185 — 


Male ganz erſchoͤpft und zuſammengedruͤckt ſitzen blieb, bis 
nach einigen Minuten das Tanzen und Drehen wieder 
losging. Dieſes Spiel dauert bereits alſo ſchon volle 
zwei Monate und iſt immer anhaltender und ſtaͤrker geworden. 
f Deſſen ungeachtet putzt ſich der Vogel, er frißt 
und ſaͤuft; auch iſt er ſehr wohlgenaͤhrt und weder das 
Auge noch die Federn haben ihren natuͤrlichen Glanz 
verloren. 

In der Hoffnung irgend doch eine Veränderung. zu 
erzielen, öffnete ich ihm eine Vene am Oberarm; allein 
es zeigte ſich gar nichts darauf. 

Vor einigen Tagen nahm ich das Thierchen heraus 
aus ſeinem Bauer und wollte nur ſehen, wie er ſich be— 
tragen wuͤrde, wenn er frei herumfliegen koͤnnte; er konnte 
ſich aber nicht uͤber einen oder zwei Fuß hoch uͤber die 
Erde erheben, drehte ſich fliegend in dieſer Hoͤhe etliche 
mal herum und fiel immer wieder zur Erde. 

Igndeß nahm er immer alle aͤußern Gegenſtaͤnde wahr, 
und weder ſeine Sinneswerkzeuge, noch das wenige geiſtige 
Leben, was in ſo einem Thiere wohnt; war auf irgend 
eine Art getruͤbt. 

Er kannte genau den, der ihm bein Futter gab, 
badete ſich fleißig und immer mit großem Wohlbehagen. 
Seine Stimme habe ich in den zwei Monaten nur einige⸗ 
mal gehort. 

Gerne haͤtte ich ihn noch laͤnger behalten, allein er 
dauerte mich zu ſehr in dieſem Zuſtand, der ihn weder 
Tag noch Nacht ruhen ließ; daher toͤdtete ich ihn vor 
einigen Tagen durch Erſtickung unter Waſſer. Auch war 
ich neugierig, ob bei der Unterſuchung ſeiner innern Theile 
etwa ſich ein Umſtand entdecken ließe, der einiges Licht 
über dieſe ſonderbare Krankheit verbreiten koͤnnte. 

Zuerſt legte ich das ganze Hirn nebſt dem verläns 
gerten Hirnmark vorſichtig bloß; das Adergeflechte ſtrotzte 
von noch fluͤſſigem Blut, eine Erſcheinung, die lediglich dem 
Erſaͤufen angehoͤrt; das Hirn ſelbſt hatte ſeine natürliche 

* 


Conſiſtenz und kein Theil Senke zeigte * hen 
fo auch das verlängerte Ruͤcenmark. 


Die Eingeweide der Bruſt waren ebenfalls geſund. 
Als ich den Unterleib oͤffnete, nahm ich zuerſt den Magen 


mit dem ganzen Darmacnal heraus, um dieſen letztern 
genau zu unterſuchen, weil ich vermuthete, daß vielleicht 
Wuͤrmer den Krankheitszuſtand veranlaßt haben moͤchten. 


Denn es iſt eine bekannte Sache, daß viele Voͤgel, 


z. B. der Glandarius epileptiſchen Zuckungen aus dieſer 
Urſache unterworfen ſind. Ich fand meine Vermuthung 
jedoch nicht beſtaͤtigt, ich fand keine Spur von Wuͤrmern; 
aber eine andere Erſcheinung zeigte ſich meinem unterſuchen— 
den Blick. Es hat naͤmlich dieſer Vogel ſo ſehr vergroͤ— 
ßerte Teſtikel, weit uͤber das Maaß, wie man ſie bei 
einem Vogel von dieſer Groͤße zur Paarungszeit entwickelt 
findet. Jeder Hode hatte reichlich die Größe von beige— 


ſetzter Figur. Als ich die Textur eines dieſer Hoden“) 


unterſuchen wollte, ſo fand ich nicht mehr ein eigentliches 
organiſches Gewebe, ſondern das Ganze war nur eine 
zarte gefaͤßreiche Huͤlle, die einen milchrahmartigen Stoff, 
welcher alsbald auslief, umſchloß. Alle uͤbrigen Eingeweide 
waren geſund. 


Sollte bei dem reichlichen Futter der unterdrückte 


Geſchlechtstrieb wohl, worauf die ſo ſehr vergrößerten 3 


Hoden hinweiſen, diefe Krankheit erzeugt haben? Die 
Veraͤnderung in der Textur, dieſes Fluidiſirtſein dürfte ein 
Beweis dafuͤr ſein. Warum ſollte man auch daran zwei⸗ 
feln, daß eine Veranderung der Art an einem ſo wichti⸗ 
gen Organ nicht einen krankhaften Effect auf das Rer⸗ 
venſyſtem ausüben koͤnnte? — 


Ich laſſe jedoch dieſe Frage von fo -difficiler Art 


*) Den Aude Siben habe ich in et aufbewahrt und 


werde ihn ſpaͤter dem Muſeum überſenden. 


y 


welle Abels unbeantwortet — auf jeden Fall iſt die 
hier gegebene Erſcheinung von der Art, daß ſie noch ver⸗ 
ſchiedene Folgerungen zulaͤßt und geſtattet uns einen Blick 
* in das geheimnißvolle Geſchlechtsleben. 


24 
. 


XXIII. 
ueber den Humus. 


e Aufgefordert vom Direetorium des Kunſt⸗ und Hand⸗ 
werksvereins, hielt Herr Rittergutsbeſitzer Dr. Gleitsmann 


aus Wildenhain am 9. Juni 1837 einen durch mehrere 


Experimente veranſchaulichten Vortrag über den 
Humus, welchen derſelbe als das Erzeugniß der Ver— 
weſung von Pflanzen- und Thierſtoffen erklaͤrte. Man 
habe ihn daher als das im Boden ruhende Capital des 
untergegangenen Lebens zu betrachten, von dem die Ge— 
genwart zehre und das fie einſt zum Rutzen der Zus 
kunft vermehren werde. Der Humus ſei entmiſchter Pflan⸗ 
zen⸗ und Thierſtoff, auf dem die ‚gegenwärtigen. Pflanzen 
Nahrung ſaugend empor wachſen, wie die Miſtel auf dem 


6 


Obſtbaume oder wie die Knospe und der aus ihr ſich 


entwickelnde junge Trieb auf dem alten Holze. Entſtand 
der Humus durch Zerſetzung thieriſcher Gebilde, ſo waltet 
neben dem Kohlenſtoff auch der Stickſtoff, ſtammt er aber 
von Vegetabilien her, ſo waltet nur der Kohlenſtoff in 
0 ihm vor. Ueberhaupt hat der Humus weniger Sauerſtoff 
und Waſſerſtoff, aber mehr Kohlenſtoff und Stickſtoff als 
die Gewaͤchſe, aus denen er entſtand und die aus ihm 
ihre Nahrung aufſaugen. Seine dunkle Farbe rührt vom 
Kohlenſtoff her, der wohl auch in Berührung mit der ats 
moſphaͤriſchen Luft in Kohlenſäure übergeht, welche fuͤr die 
Rinde und Blaͤtter der Pflanzen einen eben ſo wichtigen 
Rahrungsſtoff bildet, wie der Humus, welchen das Erdreich 


— 138 — 


enthaͤlt. Denn die gewoͤhnlichen Erdarten als Thon, Kieſel, 
Kalk u. ſ. w. dienen an ſich nicht ſowohl zur Ernährung 
der Pflanzen als dazu, ihre Wurzeln zu befeftigen und 
vor der austrocknenden Luft zu bewahren. Ja ſelbſt der 
ihnen beigemiſchte Humus iſt an ſich im Waſſer 
zu wenig löslich, als daß fein Vorhandenſein im Bo⸗ 
den ſchon allein deſſen Fruchtbarkeit beſtimmen koͤnnte. 
Dieſen Satz bewies der Herr Vortragende dadurch, daß er 
eine Quantitaͤt gewoͤhnlichen Ackerlandes eine Zeit lang 
mit Waſſer kochte und die truͤbe Fluͤſſigkeit darauf filtrirte. 
Haͤtte das kochende Waſſer nun Humus in irgend einer 
betraͤchtlichen Quantitaͤt aufgeloͤſt, ſo wuͤrde es nicht ſo 
klar aus dem Fließpapier hervorgekommen ſein, wie es 
doch wirklich der Fall war. Run aber nahm Herr Dr. 
Gleitsmann dieſelbe Erdart und that zu dem Waſſer, wo⸗ 
mit er ſie kochte, aͤtzendes oder kohlenſaures Kali 
(Pottaſche), und als er nun das truͤbe Waſſer abermals 
filtrirte, war daſſelbe ganz braun von dem Humus, 
welchen die alkaliſche Fluͤſſigkeit aufgeloͤſt hatte. Dieſelben 
Erſcheinungen zeigten auch Torf, Braunkohle und 
Steinkohle, zuerſt blos mit Waſſer und dann mit 
irgend einem Alkali z. B. Kali, Natron, Ammoniak oder 
Kalk gekocht und dann filtrirt. Der Humus hat naͤm⸗ 
lich das Verhalten einer Saͤure und bildet mit Alkalien 
ein im Waſſer loͤsliches Salz, weshalb eben die Alka⸗ 
lien das beſte Aufſchließungsmittel für den 
im Boden enthaltenen Humus abgeben. Iſt nun ſo der 
Humus des Erdreichs in der Bodenfeuchtigkeit aufgeloͤſt, ſo 
koͤnnen ihn die Pflanzenwurzeln in ſich aufnehmen und 
von ihm diejenigen Stoffe wiederum abſcheiden, deren ſie nicht 
zur Ernaͤhrung der Pflanzen beduͤrfen. Wie unentbehrlich 
aber hierzu die Alkalien als Auflöfungsmittel ſeien, ging 
aus einem zweiten Experiment hervor, indem Herr Dr. 
Gleitsmann die bisher angeſammelte Quantitaͤt von hu— 
musſaurem Kali in ein einziges Glas zuſammenbrachte 
und durch Salzſaure zerſetzte. Dieſe, als die 
ſtaͤrkere Saͤure trennte den Humus wieder vom Kali und 


— 19 — 


verband ſich mit demſelben zu ſalzſaurem Kali. Der Hu⸗ 
mus aber konnte nun nicht mehr im Waſſer aufgeloͤſt 
bleiben, ſondern bildete braune Flocken, die ſich nach 
Bun auf dem Boden abſetzten und die Flüffigfeit 
hell und klar zurückließen. Wenn daher auch der 
Humus das Hauptnahrungsmittel aller Arten Pflanzen 
bildet, ſo wird er dieſes doch erſt in ſeiner ganzen Kraft 
durch das Hinzutreten irgend eines alkaliſchen Stoffes, in 
deſſen Verbindung er im Waſſer loͤslich gemacht wird. 
Solche alkaliſche Stoffe find in der Landwirthſchaft 1) Holz⸗ 
aſche, aus welcher ja erſt das Kali der Pottaſche aus⸗ 
geſchieden wird, und die daher, je nach ihrem Kaligehalte, 
mit humushaltigen Stoffen eine mehr oder weniger ge— 
färbte Aufloͤſung bildet; 2) geloͤſchter Kalk und Mer⸗ 
gel, die zwar an ſich ebenfalls kein Duͤngungsmittel ſind; 
allein in humus reichem Boden darum ſehr reiche 
Ernten veranlaſſen, weil fie eben den vorhandenen Hu— 
mus aufſchließen und aufloͤslich machen. Wendet man 
fie. aber haͤufig an, fo erſchoͤpfen fie äuch den Bo⸗ 
den gaͤnzlich, indem ſie ſeinen Humusvorrath in wenigen 
Jahren den Pflanzen zuführen, und ihn fo aus mergeln, 
daß es mehrjaͤhrige Anſtrengungen erfordert, um ihm durch 
Auffahren guten, humusreichen Landes oder reichlichen Duͤn⸗ 
rs wider ſeine alte Kraft zu geben. Endlich ſind auch 
9 friſch er Stalldünger und Jauche Aufſchlie- 
ßungsmittel des vorhandenen Humus und zwar 

1 2 beſten von allen; weil ſie nicht allein durch ihren Ge⸗ 
halt an thieriſchem Alkali oder Ammoniak den vor⸗ 
handenen Humus aufloͤſen und nutzbar machen, ſondern 
dieſes Capital zugleich auch ſelbſt für die Zukunft wieder 
vermehren, indem durch die Verweſung des Stallduͤngers 
neuer Humus entſteht. Auch koͤnnen Braunkohle und 
Torf, deren chemiſche Zuſammenſetzung der des Humus 
gleicht, mit Vortheil als Duͤngungsmittel angewendet wer⸗ 
den, wenn man ſie durch Miſchung mit Land und etwas 
geldſchtem Kalk zu Compoſthaufen verwendet und dieſe, 
nachdem ſich ihr Humus durch den Kalk und durch das 


— 160 — 


Ammoniak, welches in häufig aufzugießender Jauche ent⸗ 
halten iſt, gehoͤrig entwickelt und aufgeſchloſſen hat, zur 
Verbeſſerung des Bodens auf die Felder bringt. Nament⸗ 
lich würde die Braunkohle, auf die angegebene Weiſe 
blos mit Kalk behandelt, nach einer brieflichen Be⸗ 
merkung des Herrn Hofrath Doͤbereiner in Jena, ein 
vorzügliches Düngungsmittel für Zucker⸗ 
Runkeln abgeben, weil dieſen alle thieriſchen Düngungs⸗ 
ſtoffe nachtheillig find, indem fie den Zuckerſaft der Ruben 
durch ſchaͤdliche Salze verunreinigen. A 


Miscellen und Notizen. 


Nachdem die von den beiden Herren Caſſirern des Kunſt⸗ 
und Handwerks = Vereins und der Kunſt- und Handwerks- 
ſchule vorgelegten und durch den Herrn Rath Klein ge— 
prüften Rechnungen auf das Vereinsjahr 18357 
richtig befunden und juſtificirt worden ſind, theilen wir 
hiermit zunaͤchſt die Hauptergebniſſe derſelben mit. 
Es betrug naͤmlich f 
a) beim Kunſt⸗ und Handwerks vereine ſelbſt 
im letzten Jahre f 
die Summe aller Einnahmen f 2 
770 Thlr. 7 Gr. 5 Pf. hieſ. Curr. 
die Summe aller Ausgaben 588 „ 14 - 3 970 
Demnach der Caſſebeſtand 181 Thlr. 17 Gr. 2 Pf. hieſ. Curt. 


* 


= 161 — 


b) bei der Kunſt⸗ und Sandwerfsfäule: 
de Summe fämmtlicher 115. 
Einnahmen.. . 843 Thlr. 20 Gr. 1 Pf. Die Curr. 
die Summe ſaͤmmtlichet 
Ausgaben. . 719 18 3 


Mithin der Caſſebeſtand 124 T5 124 Thlr. 1 Gr. 10 Pf. hieſ. Curr. 
Der ganze Vermögensbeſtand des Vereins beläuft ſich auf 
1191 Thlr. 2 Gr. 2 Pf. 

Der ganze Vermoͤgensbeſtand der Schule auf 
8 Thlr. 12 Gr. 9 Pf. 


Mit Dank bezeugen ferner die beiden nachbenannten 
Geſellſchaften den richtigen Empfang nachſtehender ſchaͤtz⸗ 
baren Zuſendungen und Geſchenke. 

a) Der Kunfts und Handwerksverein erhielt 
ſeit ſeinem letzten Stiftungsfeſte, das am 7. Februar 
1837 gefeiert wurde: 

1) Eine Fuſchrift von feinem Ehrenmitgliede dem 
Herrn Rentamtmann Preusker in Großenhain nebſt 
dem gedruckten Katalog der dortigen Buͤrgerbibliothek, 
welche mit der Sonntagsſchule und dem Gewerbverein das 
ſelbſt in enger, wohlthaͤtiger Verbindung ſteht. 


2) Von einem hohen Herzogl. Miniſterium 


hier ein Exemplar des „Amtlichen Berichtes uͤber die 
Verſammlung deutſcher Naturforſcher und Aerzte zu Jena 


im Septbr. 1836. 


. * 74 


3) Von ſeinem Borfi genden „dem Herrn Hofrath 
Brümmer hier ein gedrucktes Heftchen, betitelt: Das 
erſte Baujahr der Leipzig » Dresdner Eiſenbahn. 

4) Von der oͤkonomiſchen Geſellſchaft in 
Sachſen ein Schreiben, begleitet von der 35. und 36. 
Lieferung ihrer gedruckten Schriften und Verhandlungen. 


— 162 — 


5) Von ſeinem Mitgliede Herrn Chemiker Houpe 
in Dresden ein Schreiben, Mittheilungen über die Wirk 
ſamkeit des Steinkohlentheers zur Bertreibung bd 
Inſekten enthaltend. 

6) Von feinem Mitgliede, Herrn o a Harl 
in Erlangen, deſſen Allgemeines alphabetiſches Repertorium 
des Reueſten, Wiſſenswürdigſten und Anwendbarſten aus 
den gemeinnützigſten und wichtigſten Wiſſenſchaften 3 Bde. 

7) Von ſeinem Mitgliede, Herrn Magiſtrats⸗ 
rath Stoͤttner in Ruͤrnberg, eine Zuſchrift nebſt 16 
verſchiedenen Baumfruͤchte-Nachbildungen, verfertigt von 
W. Fleiſchmann in Nürnberg. 

8) Von der Geſellſchaft zur Befoͤrderung 
nüsliher Künſte und deren Huͤlfswiſſenſchaf⸗ 
ten zu Frankfurt a. M. ein Schreiben nebſt gedruckten 
Mittheilungen über dieſe Geſellſchaft, den in ihr gebildeten 
Gewerbverein und die von ihr gegruͤndete Sparcaſſe. 

9) Vom Vereine zur Befoͤrderung des Ger 

werbfleißes in Preußen, die erſte diesjaͤhrige Lie⸗ 
ferung der Verhandlungen deſſelben. 
5 10) Von der Direction des Gewerbvereines 
für das Koͤnigreich Hannover, ein Schreiben, 
worin unter Ueberſendung der bis jetzt ſeit 1834 erſchie⸗ 
nenen 11 erſten Lieferungen der gedruckten Mittheilungen 
dieſes Vereins, der von uns ausgeſprochene Wunſch, einen 
regelmaͤßigen Austausch der gegenſeitigen Vereins cheiftep 
eintreten zu laſſen, genehmigt wird. 

11) Ein Dankſagungs-Schreiben des Gewerbe⸗ 
vereines in Weimar fuͤr Ueberſendung des Fig 
Heftes unſerer Mittheilungen. 

12) Von der polytechniſchen Geſellſchaft in 
Leipzig, zwei gedruckte Heftchen unter dem Titel: Die 
polytechniſche Geſellſchaft und ihre Wirkſamkeit 1834 und 
1836. 

13) Vom Herrn Geh. Rath von Braun Exc. 
das erſte Heft der Nürnbergifchen Kuͤnſtler, geſchttzürt nach 
ihrem Leben und Ihren Werken. 


ee = 


14) Ein Schreiben des Kunſt⸗ und Bewerb» 
vereins in Coburg nebſt einem Mitgliederverzeichniſſe 

von 1836, einem Jahresbericht (1836), einem Ausſtellungs⸗ 
veeicnif (1836) und einem Exemplar von Dr. Amthor's 
Beiträgen zu Coburgs und Gotha's Annalen. 
15) Ein Schreiben des Gewerbvereins zu An⸗ 
Wäbers; begleitet von dem Gewerbeblatte (1 — 29) und 
elnigen andern die MER . Vereins een 
Wuſchriſten. 


b) die Pomologiſche Geſellſchaft erhielt ſeit 
dem letzten Fruͤhlings-Convente: 

1) einen Brief ihres correſpondirenden Mitgliedes 
des K. Ruſſiſchen Krongärtners Dollinger zu Nikita 
in der Krimm, welcher nach Vollendung einer Reiſe 
in die transkaukaſiſchen Provinzen Rußlands 
uns aus Odeſſa eine Partie auf jener Reife ger 
ſammelten Samens von Sesamum orientale, Ru- 
bia tinctorium, Cydonia arborea und Mespitus germa- 
nica fructu maximo überſendet. Dieſe Saͤmereien find 
bis auf einen Vorrath von Sesamum orientale und von 
‚Rubia tinctorium unter mehrere Geſellſchaftsmitglieder und 
an einige auswaͤrtige Geſellſchaften vertheilt worden und 
wir hoffen, daß die Ausſaaten derſelben vielleicht ſchon in 
dieſem, jedenfalls aber, wenn es in dieſem Fruͤhjahr zu 
ſpaͤt dazu geweſen ſein ſollte, doch im folgenden Jahre 
nicht ohne erwuͤnſchten Erfolg bleiben werden. Aus dem 
intereſſanten Brief Herrn Doͤllinger's heben wir hier⸗ 
bei nur noch aus, daß das in Imeretien einheimiſche 
Rubia tinctorium ſich als Faͤrberkraut ganz vorzüglich 
bewährt haben ſolle, daß die Quitte in Abaſien 
Früchte von zwar kurzer Haltbarkeit, aber ſo groß als die 
portugieſiſche Birnquitte bringe und — was merkwuͤrdig iſt — 
dort nur als 20 — 30 Fuß hoher, oft 1 Fuß dicker 
Baum vorkomme; daß die Miſpel in Abaſien nur 
durch Samen oder Auslaͤufer, nie aber durch Veredlung 
fortgepflanzt werde und Fruͤchte von vorzuͤglicher Güte und 


m. 


anderthalb Zoll Durchmeſſer liefere. Der Seſam end» 
lich werde als Oelpflanze vorzüglich in Armenien 
gebaut, beſonders bei Eriwan, in deſſen Steppenlande 
man ungeheure Strecken damit beſtellt antreffe. Das aus 
demſelben gewonnene Oel ſei ganz rein von Geſchmack 
und dürfte, etwas beſſer als bei den Tataren behandelt, 
dem Baumol beinahe gleich kommen. Die Pflanze breite 
ſich ſehr aus und in Armenien erhalte jede eine Quadrat⸗ 
arſchine oder 4 Quadratfuß Raum und erreiche ſo die 
Höhe von 3 Fuß. Uebrigens würden dieſe Pflanzungen 
von den Armeniern und Tataren ſo gut als ihre Waizen⸗ 
aͤcker bewaͤſſert. Die erſten Blumen fallen ab, ohne Sa- 
men anzuſetzen und erſt die zweite Bluͤthe bringe Früchte 
und zwar ſo reichlich, daß man beinahe den tauſendfachen 
Ertrag rechnen koͤnne. Der Einſender glaubt, man wuͤrde 
die Pflanzen in Deutſchland in Beeten aufziehen und dann 
yasni müſſen, um reifen Samen zu erhalten. 

2) Von dem Gartenbauverein für das Koͤ⸗ 
nigreich Hannover die 5 erſten diesjaͤhrigen Monats⸗ 

hefte ſeiner gedruckten Mittheilungen. 

3) Von ſeiner Durchlaucht dem Herzog Jos 

ſeph von Sachſen Altenburg eine Partie kuͤnſtlicher 1 
nachbildungen. 
Von unſerm Ehrenmitgliede dem Freiherrn von 
Speck⸗Sternburg zu Lütfhena ein Schreiben nebſt 
einer Partie Druckſchriften, welche theils unter die Geſell— 
ſchaftsmitglieder vertheilt, theils der Bibliothek der en 
ſchaft einverleibt werden ſollen. 


c) Die an die Raturforſchende Gefellſchaft 
eingegangenen Zuſendungen und Geſchenke ſollen in 
einem ſpaͤteren Hefte der Mittheilungen aus dem 
Oſterlande aufgeführt Panel 


Heeg ed al Darlamentggtied für Tiverton in 
der Grafſchaft Devon, hat ſich durch die Anwendung des 
Dampfes auf die Bewegung des Pfluges, große Verdienſte 


— 163 — 


um die Landwirthſchaft erworben. Der von ihm erfun⸗ 
dene Dampfpflug arbeitete, auf einem vorher noch nie bes 
ackerten Moorboden und warf, nach der Verſicherung zahle 
reicher Augenzeugen, mit großer Leichtigkeit Furchen von 
18 Zoll Breite und 9 Zoll Tiefe auf, wobei die ganze 
Oberflaͤche völlig umgekehrt wurde, und das Vorſchneide— 
eiſen alle im Wege eee Auen 8 een 
Welte ö 


Mehrere oͤffentliche Blätter berichten, daß der Era 
trag der Kartoffeln bedeutend vermehrt werde, 
wenn man ihnen ihre Bluͤthentrauben, ſobald dieſelben 
zum Vorſchein kommen, wegbricht, ſo daß ſie nicht bluͤhen 
und Samen tragen koͤnnen. Vielleicht iſt dieſe kurze 
Notiz hinreichend, einige denkende Landwirthe zu veran- 
laſſen, bei einem Theile ihrer Kartoffeln dieſen Ver⸗ 
ſuch zu machen, um ſich durch eigene Erfahrung zu übers 
zeugen, was an der Sache iſt. Uns aber wuͤrde eine 
Mittheilung uͤber den Erfolg zur Antigen Wezdffeuttichan 
ſehr unbem men ſein. N 
EZ r 
Beim Ausroden alter Kopfweiden im Herbſte 1834 
war mir ſchon öfter die große Menge Engerlinge 
(Maikaͤferlarven) aufgefallen, welche ſich in der faulen 
Weidenerde innerhalb der hohlen Weidenbaͤume vor— 
fanden und offenbar von dieſer Erde lebten. Das brachte 
mich am 19. Octbr. zu dem Entſchluſſe, beim Herausneh⸗ 
men der Weidenerde aus einem beſonders ſtarken, oben 

nen, unten aber im Wurzelſtocke noch durch Holz ge— 
Be; Weidenbaume die Engerlinge zu zaͤhlen, welche 
ſich in der Weidenerde dieſes einzigen Baumes bisher gut 
genaͤhrt zu haben ſchienen. Ich fand deren nicht weniger 
als 118, diejenigen noch ungerechnet, die ich beim Heraus: 
nehmen von mehr als 4 Altenburger Scheffel Weidenerde 
uͤberſehen oder zerdruͤckt haben mochte. Faſt alle waren 


— 166 — ' 


ziemlich äusgewachſen und gehörten wahrſcheinlich zu der 
Brut vom Jahre 1832, welche im Fruͤhjahre 1836 uns 
fo lange als Maifäfer belaͤſtigten und deren ich ſchon im 
Spaͤtherbſte 1835 eine Menge als vollkommen ausgebildete 
Kaͤfer beim Graben in der Erde vorgefunden habe. 

Uebrigens duͤrfte die Weidenerde, welche dieſe Larven 
ſchon zwei Jahre reichlich genaͤhrt zu haben ſchien, einer 
forgfältigen chemiſchen Unterſuchung wohl werth fein, damit 
man ihren Gehalt an Humus ermittle und einen Schluß 
auf ihre Entſtehung aus Holz machen koͤnne. Da ſie 
hauptſaͤchlich beim Kopfholze vorkommt, ſo duͤrfte man viel⸗ 
leicht zu dem Schluſſe berechtigt ſein, daß das an der Ve— 
getation nur noch geringen Antheil nehmende alte Holz im 
Innern der Baͤume im Fruͤhjahre, wenn denſelben alle 
Aeſte abgeſchlagen worden find, von dem häufigen empor— 
ſteigenden waͤſſerigen Pflanzenſafte durchdrungen und in 
faulige Gaͤhrung verſetzt werde, welche unterſtuͤtzt von der 
Sonnenwaͤrme und durch das nach 4 bis 6 Jahren wie— 
derholte Abſchlagen aller Aeſte, das alte abgeſtorbene Holz 
beſonders in den ſchwammigeren Zellenſchichten nach und 
nach in Humus verwandelt. Iſt dieſe Vermuthung bes 
gründet, fo würde fie der Regel, daß man nie die vorhan⸗ 
denen Aeſte alle gaͤnzlich n ſolle, wohl einige Un⸗ 
Ne gewaͤhren. 


Nach den Beobachtungen des Plantagenmeiſters Metz 
zu Herrenhauſen (vergl. Verhandl. des Gartenbauvereins 
für das Koͤnigr. Hannover, Heft 4. S. 137. ff), rührt 
der verderbliche Einfluß des Berberitzen⸗ 
ſtrauchs auf nahe ſtehendes Getreide nicht von 
dem Bluͤthenſtaube deſſelben, ſondern von einem auf der 
untern Flaͤche der Berberitzenblaͤtter haͤufig vorkommenden 
Schwammgewäͤchſe her, deſſen Staub, vom Winde fortges 
tragen, die Blaͤtter und Halme des Getreides anfrißt und 
zerftört, auch neuen Roſtſtaub an denſelben erzeugt, wel⸗ 


— 167 — 


cher abermals vom Winde fortgeführt, beſonders bei trocke⸗ 
nem Wetter ſeine Verheerungen immer weiter ausbreitet. 
Ein im Frühjahr 1825 aufgegangener, freudig wach⸗ 
ſender Apfelbaum trug (nach den Verhandl. des Gartens 
bauvereines für das Koͤnigr. Hannover, Heft 4. S. 210. 
ff.) ſchon im Herbſte 1828, alſo erſt 3 Jahre alt, ſechs 
Früchte; 1829 trug er das zweite Mal, und 1831 hatte 
er abermals Bluͤthen angeſetzt, welche jedoch durch Spaͤt⸗ 
froͤſte zerſtoͤtt wurden. Im Herbſte 1831 zum zweiten 
Male verſetzt, brachte er 1832 und 1834 abermals meh⸗ 
rere Früchte, wobei ſich die auch ſonſt ſchon oft gemachte 
Erfahrung wiederholte, daß dieſelben an Geſchmack die 
Fruͤchte der erſten Jahre weit uͤbertrafen, wenn ſie auch 
noch immer nicht vorzüglich zu nennen waren. Der Baum 
behielt dabei immer ein ſehr gutes Wachsthum. 


n J 
bei Roggen 

wurde laut dem Auslande Nr. 203. Jahrg. 1836 im vo⸗ 
rigen Jahre am Johannistag geſaͤet und gab gegen den 
Herbſt zwei Mal gruͤnes Mähe = Futter. Dieſes Jahr 
gedieh derſelbe nun ſo, daß er einen Monat vor der Ernte 


7 Fuß Hoͤhe hatte. 


Feine Birnen zu backen. 


at Um Tours foll man, um feine Birnen zu backen, 
die mürbe gewordenen Birnen (Beurré plane, Beurré 
gris und andere Tafelſorten ) in einen Keſſel mit ſiedendem 
Waſſer ſchütten „ eine kleine halbe Stunde darin laſſen, 
bis ſie erweicht ſind, dann herausnehmen, auf Horden 
oder Kuchendecken ablͤhlen, hierauf ganz fein ſchaͤlen, die 
obere Haͤlfte des Stieles abſchaben und dann die untere 
abſchneiden. Beim Schaͤlen haͤlt man die Birnen über 


ein Gefäß, um den heraustraͤufelnden Saft nicht zu vers 
lieren. Nun ſetzt man die Birnen, mit dem Stiele auf⸗ 
waͤrts, auf wohl gereinigte Horden und bringt ſie in einen 
Ofen, ſo heiß wie beim Herausnehmen hausbackener Brode. 
Da bleiben fie 24 Stunden. Nun druͤckt man fie ges 
woͤhnlich platt und taucht ſie ſo nach und nach in den 
Saft, den ſie beim Schaͤlen verloren, und der mit Zucker 
zur Sirupsdicke eingekocht worden iſt. So kommen fie 
wieder auf die Horden und in den Ofen, der jetzt weniger 
heiß iſt als zuvor. Nach einiger Zeit nimmt man. fie aber⸗ 
mals heraus, und taucht ſie wieder in den Sirup, was 
man auch noch ein drittes Mal wiederholt. Im Ofen 
werden nun die Birnen feſt, ohne hart zu fein, licht: 
kaffeebraun, durchfcheinend, und erhalten einen ausgekeichnet 
hen, ſußen Geſchmack. N 


Die Schildlaͤuſe 


entfernte nach den Verhandlungen des Vereins zur Befoͤr— 
derung des Gartenbaues in Preußen Liefer. 24. der Kam⸗ 
merherr von Poſen auf Dombſel bei Poln. Wartenberg von 
ſeinen damit beſetzten Orangenbaͤumen dadurch, daß er dieſe, 
als fie. durſtig geworden, mit dem Abgange der Kartoffel⸗ 
brennerei (Schlempe) begießen ließ. Zwei Tage nad) dies 
ſem Guß hatten alle Schilder losgelaſſen und waren todt. 


Regenwuͤrmer 


weichen nach einem Aufſatze in derſelben Lieferung diefer, 
Verhandlungen aus Blumentoͤpfen oder ſterben, ſobald man. 
deren Erde bis etwas über 30 Grad Neaum. erwaͤrmt, 
was ohne Benachtheiligung der meiſten Pflanzen dadurch 

geſchehen kann, daß man die Aeſche eine Zeit lang in 
Waſſer ſetzt, das bis 33 Grad erwaͤrmt iſt. 


3 L 1 


— 

2 
|| 
| 

l 


| Nachmittags Nachmittags 2 Uhr. 


1 

Stand des Stand des 
Baro-⸗Thermo⸗ 
| meters. | meters. 
1 7" 6 6,3 


Stand des 
Thermo⸗ 
meters. 
+ 14,0 wilk. 12 75 f[wik. W. 
6,5 | 15,25 ihellel 10,0 wit. W. 
K 45 | 1825 |ie. € 9,75 m. S. W 
= 23,3 | 10,0 [Reg. 9,75 tr. W. 
IN 5 48 . 9,0 tr. W. 
e 13,5 ne. W. 
I: 6553 5,25 wie. 11,5 wk. N. 
„ 4,7 11, 25 belle 15,5 25 (helle O. 
2 6 1 11,5 wi. 15, 25 we O. 


Zuſtand des 
Wetters. 


al 


0,9 1 0,9 [Reg 17,5 wk. W. Gew. v. w. 
5,5 BETEN Reg 17,0 I G. 8. O. Gew. v. w 
N ». 6,9 _. 675 |te. $ tr. 1 15,0 Reg. NW. w. v. w. v. w. 
| : 6,2 | 123,0 wk. 19,0 wk. N. 
li: 48| 13,5 In 23,5 wk. S. Gew. v. ww 
— 5,0) 10,3 m 118,5 Te N. 
| : 5,01 10,0 Reg Reg 19,0 19,0 helle N. O. 
I= 5,0 10,0 tr. 19, 19,5 helle B. 
475, 8 11 wie. 19,0 belle belle S. en 
7 54] 10,0 15,0 wik. W. 
I #2) 15,0 je. | 17,0 e NJ — 
| Fr 19,5 wk. O. 
E 2.2 9,5 20, 75 belle N. 
612,25 20, 25 belfe N. 

20.55 Ih N. S. 


22 


Meteorologiſche Tabelle auf Be a April, Mai, , 


8 

& 
970 11 “4 6,% 
T 27° 5 0,75 hen W 127" N 3,5 |bele ©. W. 27" 6,1 710,0 ſpbele S. W. 26,3 
7217 16 T 0,5 ſwik. S. W. 4,9 425 wik. W. 25,6 10 r ec 
Te 3 
4 
5 


2|- 42 | 80 me W. 4,6 | 10,0 mie. W. 
55 52| 795 wf. W. 5,1 9,75 f. S. B. 
5.5 7,0 Neg. W. — 6,7 9,75 f. W. | 


N hi . Ma i. r | 

Früh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr, \ 

— {m — —— — H— — ß; ̃ — — — ——-—̃ Ä—-. — 

8e Stand des Stand des] Zuſtand Stand des Stand des“ Zuſtand des Stand des[ Stand des) Zuſtand Stand des Stand des] Zuſtand des 82 Stand des Stand des] Zuſtand Stand des Stand des I 
j S Baro⸗ Thermo⸗ des Baroz Thermo⸗ ch Baro- | Thermo- des Baro⸗ 8 Wetters S Baro= | Thermor des Baroz | Thermios Zuſtand des 
( " I meters. | meters. |Wetters|meters.| meters. re meters.] meters. Wetters. meters] meters. i meters. | meters. Wetters. meters. | meters. Be 
| 

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W. 15,25 halle W. helle W. 
200,8 2,0 delle . 5 6,5 zelle O. r RN = 4,5| 14,25 kr. F O. 
28 4,0 ftr. S. 3 6,0 ftr. S. 


+14,0 nit. ©. W. 1 127" 5, / 9,25 wit. W. 27° 4,5412 75 mie, W. 
= 43| 975 |. ©. |» 2,3 | 10,0 jmgm 


S 
D 


5 36) #0 wikf. 8. 3,1 75 wit. N. 5. — 50| 475 fr. N. W. 48) 80 e | 5] 80] 6,75 f. N. W. 5,5 9,0 kr. W. 
ö oT Pr een: 5 439| 50 Neg. W. . 5,3 75 wk. N. W. 6 7,5 9,0 belle W. 6,7 18,5 wl. W 
FF |enn®|: 23,2 + 30 |. ©. ©. _7|: 62 |, 55 | 3 | 6,8| 8,25 mie 8 7 7127701070 je MW. EI O joe re 
I 3)» #1 02 fr. W. 5 F e STE . n 7.0 helle S. 12 helle S. W. N 79,0: belle B. 7,0 13, 25 helle O. I 
0 91: 51 — 30 Schn. NW. . 5,3 — 0,5 Schn. W. 9. 30| 80 . S. W. — 26 11,5 wit. S. W. 9 5, 10,5. f. 5. 5,515, 25 wf. S. — 
Fr eee r .  _ |10|, 56 | 140 W&.S.- 5,2 | 17,5 Int. Gm. v.m 
II = 52)£10 mik. N. W 46| 30 m N. A|: 3.0. Nut W. . 55. 75. Neg. N. 11 = 5. 15,25 belle S. 6, 17.0 Neg. O. Gew. v. w. 
[2 1,25 f. N. 8 3,9) 3,0 | N. 9 12 5.5. 5. 25 f. .. 5 9,75 f. W. 12 Tan 15,0 belle W. . 6,9 | 15,0 Ng. NW. Gw. v. w. 
EA, 2 en |: 175 fr. W. 13 72| 82 sale © |» 62| 12.0 |n. ©. 15 — 6. 180 6.© |- 63| WO wf. N. | 
ö DDD 145,1 9, 75 [helle S. 48 13,5 folk. S. W. 14 |= 6,0 | 17,25 belle S. 5,4 25,55 lk. S. Gew. v. w 
‚25 [mE S. B. #2) 7,25 belle N. 2. 15 |» 4#9| 80 ftr. |= 5,0 10,25 ftr. N. O. 151,64 | 17,75 pf. W. 6,9. 18,5 lk. N. 
belle B. 26 11,6 13,0. belle O. 16 |; 5,1 875.9, 5,0 10,0. Neg. N. 16 1, 7,0 15,75 heile R. 6,5. 190 belle N. 
25 be S. 27 2, 1 8,0 ſwlk. ©. 175 3 82 wlk. S. W. = 60| 100 ftr. W. 17 = 65 15,0 helle S. 6,3 19,5 belle O. ö 
5. fr. W. 45| 45 . W. 18 4,5 5,0. wf. . 8 10,0 wit. W. 18 BEER ERS! bele N. 5,5 19,0 hie ©. — 
Bew |, Hi 5A (191,60 75 MR. Di, 54 100 MD | 1015 84] 12,75 [me |> 52,150 mem 1 
75 fr. W. 5,0 6,25 Neg. W. 20 5,2 5,5 kr. N. . T II. e. NIS. 20 |= 6,9 12.0 [nt W. 8,1 II. 0 If. N. N 
CCC 85 mM. jer2,%| 11,5 ja.mom. 21] 80, 15.75 ble N. S. . 76| 19,5 me. S. 
5 helle ©. |» 5,2 11,5 wk. N. 2 200270 7,0 tr. W. „ 2,2 95 ve W. 22 8.9 | 17,75 bele N. 9,0 | 20,75 belle N. N 
75 belle ©. |; 45 13, 75 ve. O. 23 = #0| 95 belle ©. |: 46 | 12,25 wie. W. 23 |» 98 17,75 belle N. |» 9,5| 20,25 bee | 
0 ftr. N. 45 | 11,75 ſwik. NO. Gew. v. w. 24 | = 5,8 | 10,0 belle N. 5,3 | 13,25 nk. W. 222 90! 16,5 ble . 80 | 20,25 hie N. | 
3,25 alk. W. 5,6 | 13,0 mik. O. Gew. v. w. 25 5,1| 5,75 Reg. N. W. 5, 1 7,5 Neg. W. F pen m, |» 6.8| 21,5 joe. if 
0 ne S W. 70| 15,25 In W. 3% |: 66| 10,5 belle S. W. = 70| 145 In. ©. FFF r m 
ö 0 ne S. 5,0 13, 25 f. S. W. 27 5,1 11,75 bee S. 8 U 16,5 bee ©. 27.9120 mn. |; 87| 17,25 wk. N. ; 
) 5 fr. N. O. 4,6 9,5 je W. 28 58,5 13,0 helle S. B. 8,0 18,5 belle O. 28 5,6 | 110 ele S. = 8,3 | 19,0 belle N. | 
25 bele N. W. 3,5 | 13,0 wf. S. 29 7,8| 14,25 belle S. 5 75 18,25 belle NW. 29 8,1 16,25 hele S. W 7,8 | 20,25 belle N. I 
130 | 2,9| 975 \Rg ©. |» 3,6| 330 wE.@.W  |30|- 72] 145 ele S. 6,6 | 19,0 di N. Gem. v. w.] 30 |» 70| 170 bee S. 7,1 | 1975 belle N. ! 
j 31 |» 77) 135 ſwif. W. 7,1 14,0 Int. W. Gew. v. w. 
ö Bemerkungen: Der hoͤchſte Barometerſtand war den 23. Juni = 27“/ 9,8. | 


Der tiefite Barometerftand war den 17. April = 26“ 11,4. 
Der waͤrmſte Tag den 14. Juni = 235,5. 


Ekklaͤrung der Altingen, Reg. Regen, tr. truͤbe, wlk. wolkig, Schn. Schnee, h. helle, O. Oſt, S. Sid, W. Weſt, N. Nord, Gew. v. w., Gewitter von weitem. 


n 


3 XXV. 
Die Metalle und ihre Erze. 


Vorgetragen in der Sitzung des Kunſt- und Hands 
werksvereins am 1. Septbr. 1837 


von 


Eduard Tange. 
7 


Auch die Mineralien, die man gewohnlich fuͤr todt 
und bewegungslos anſieht, haben unter einander ver— 
ſchiedene Grade der Anziehung und Verwandt- 
ſchaft, ſo daß mehrere derſelben, einander gehoͤrig nahe 
gebracht und ſonſt zweckmaͤßig behandelt, ſich alsbald vers 
binden, oder wohl auch ihre bisherige Verbindung, von 
noch ſtaͤrkerer Anziehung überwunden, aufgeben, um dafuͤr 
eine neue, noch engere und ſchwerer loͤsliche zu knuͤpfen. 
Will man fie aber in ihrer verſchiedenen Natur ken⸗ 
nen lernen, fo muß man fie zunaͤchſt im Zuſt ande der 
Reinheit und Unvermifchtheit betrachten, und das iſt 
der metalliſche Zuſtand. Doch darf man darum 
nicht etwa glauben, daß dieſes ihr natürlicher Zu⸗ 
ſtand ſei. Vielmehr treffen wir die Metalle, mit nur 
wenigen Ausnahmen, in der Natur ſtets mit andern Stof⸗ 
fen verſetzt an, eben weil ſie zu denſelben ſo große Ver⸗ 
wandtſchaft haben, daß ſie ſich, wo ſie nur ihrer habhaft 
werden koͤnnen, mit ihnen verbinden und zwar ſo eng 
verbinden „daß oft die weitläufigften und kuͤnſtlichſten Ars 
beiten dazu gehören, fie wieder rein und unvermiſcht su 
Ben 
12 


— 1 


Das führt uns zu der Frage: In welchem Zus 


ſtande kommen die verſchiedenen Metalle in der Natur 


vor, und wie viel hat man bis jetzt uͤberhaupt verſchie— 
dene Metalle kennen gelernt und aus ihren Erzen dargeſtellt? 
Im Ganzen 41, obwohl im Gewerbsweſen nicht die 
Haͤlfte derſelben im metalliſchen Zuſtande 8 und 


benutzt wird. 


Einige dieſer Metalle, namentlich die wegen ihrer 
großen Beſtaͤndigkeit und geringen Verwandtſchaft zum 
Sauerſtoff ſogenannten edlen Metalle findet man in 
der Ratur nicht ſelten rein und gediegen vor. So 
das Gold, in mancherlei Formen ins Geſtein eingeſprengt 
oder nach deſſen Verwitterung in feinen Koͤrnern dem 
Sande beigemiſcht, aus dem man es wegen ſeiner Schwere 
als Waſchgold abſcheidet; ſo das Silber, bald in baum⸗ 
und moosartigen Gruppirungen, bald in kleinen Platten 


und Körnern ins todte Geſtein eingeſchloſſen; fo das Pla— 


tin, mit einigen andern ſeltenen, ihm nahe verwandten 
Metallen zu platten, rundlichen oder eckigen Koͤrnern vera 
bunden; und endlich das Queckſilber, in flüffigen Kügela 
chen herabrollend aus dem Geſtein, welches daſſelbe, ‚ges 


woͤhnlich vermiſcht mit Zinnober, enthaͤlt. Es finden ſich 


wohl auch bisweilen Kupfer, Wismuth, Arſenik und ſelbſt 
Eiſen und einige andere Metalle gediegen in der Natur 
vor; allein ſolche Faͤlle ſind doch nur als Ausnahmen von 
der Regel zu betrachten, indem dieſe Metalle meiſt in 
Verbindung mit Sauerſtoff, Schwefel und andern. ver 
wandten Koͤrpern auftreten. 

Man nennt dieſe Verbindungen bei vielen Metallen 
Erze, und kann die metalliſchen Erze, je nach den Zu— 
ſaͤtzen, welche ihre Metalle enthalten, wieder unter. vers 
ſchiedene Claſſen bringen. 

Da nun alle Metalle ſi ich mit Sauerſtoff gebied, 
koͤnnen, ſo kommen auch in einer großen Anzahl Erze die 
Metalle 1) als Oxyde d. i. in Verbindung mit Sauer⸗ 
ſtoff vor, ob man gleich die Sauerſtoffverbindungen der 


erſt neuerdings entdeckten Metalle nicht leicht als Metall⸗ 


1 


0 * 


erze aufzuführen pflegt. Es beſtehen nämlich der Kalk, 
Gips, Thon und überhaupt faſt alle unſere Stein -und 
Erdarten im Weſentlichen ebenfalls aus Verbindungen 
irgend eines Metalles mit Sauerſtoff, welcher gerade zu 
dieſen Metallen die größte Verwandtſchaft hat. Als Bei— 
ſpiele der gewöhnlich ſogenannten Erze aber, die Metall⸗ 
oxyde enthalten, fuͤhre ich zunaͤchſt nur die ſaͤmmtlichen zur 
Eiſengewinnung brauchbaren Eiſenerze, den Braunſtein als 
Manganerz, den Galmei als Zinkerz, den Bleiſpath, den 
Zinnſtein, das Rothkupfer- und Kupferlaſurerz an. 

Sehr groß iſt aber auch 2) die Verwandtſchaft der 
meiſten Metalle zum Schwefel, deſſen Zuſatz auch viele 
eiſenhaltige Erze fuͤr die Eiſengewinnung ganz unbrauchbar 
macht. Hierher gehoͤren die Zinkblende, der Zinnkies, der 
Bleiglanz, der Kupferglanz, Kupferkies und mehrere andere 
Kupfererze, der Zinnober als Queckſilbererz und endlich der 
Silberglanz oder das Glaserz fuͤr die Silbergewinnung. 
Man unterſcheidet übrigens dieſe Schwefelmetalle in 


Kieſe und Blenden, von denen die erſteren undurch⸗ 


ſichtig und metallglanzend, die letzteren aber 6 
und ohne Metallglanz ſind. 
3). Auch mit Chlor verbinden ſich viele Male 
gern, wie zum Beiſpiel das Silberhornerz zeigt. Zu 
Endlich zeigen auch 4) viele Metalle eine gro 
Verwandtſchaft zu andern Metallen, fo daß 
zum Beiſpiel, um nicht die 4 ſeltneren Metalle, welche 
ſtets das Platin begleiten, anzufuͤhren, Silber und Gold, 
Silber und Blei, Kupfer und Silber, Mickel, Kobalt und 
Arſenik faſt ſtets verbunden in der Ratur vorkommen. 
Bereitet man ſolche Verbindungen verſchiedener Metalle 
kuͤnſtlich, ſo nennt man fie Legirungen, mit Aus⸗ 
nahme derjenigen, in welchen Queckſilber vorkommt, und 
die Amalgame genannt werden. Merkwuͤrdig if, daß 
diefe Legierungen felten genau denſelben Raum einnehmen, 


welchen die beiden Metalle vorher zuſammen erfüllten. 


Gewöhnlich wird derſelbe etwas kleiner, fo daß die Legi⸗ 
rung etwas ſchwerer iſt, als man nach ihrer Zuſammen⸗ 
12 * 


* 


ſetzung ſchließen ſollte; doch fol er auch bei einigen Legi⸗ 
rungen des Zinnes mit Blei etwas groͤßer werden, ſo daß 
das ſpecifiſche Gewicht derſelben kleiner erſcheint, als or 
nach der Zuſammenſetzung vermuthen wuͤrde. 

Kehren wir nun zurück zu den mancherlei 1 

er zen, fo finden wir dieſelben meiſt in den Uebergangs⸗ 
und Floͤtzgebirgen und zwar theils in Gaͤn gen d. h. 
als Ausfuͤllungen großer in der Urzeit entſtandener Ges 
birgsſpalten, theils in Floͤtzen d. h. als Zwiſchenſchichten 
verſchiedener, uͤber einander gelagerter Gebirgsarten, theils 
im Sande der Fluͤſſe oder anderen aufgeſchwemmten 
Sandlagern, wohin dieſelben wohl erſt aus den beiden 
erſten Lagerſtaͤtten durch maͤchtige Fluthen, welche das 
verwitterte Geſtein zerſtoͤrten geführt fein mögen. 
Soll nun aber aus dieſen verſchiedenen Erzen das 
reine Metall ausgeſchieden werden, ſo ſind dazu, 
nachdem das Erz ſelbſt aus dem Innern der Erde ans 
Licht gebracht worden iſt, gar mancherlei, nach einander 
folgende Arbeiten noͤthig. 

Zuerſt muͤſſen die harten Erzftüden, fo viel als 
moͤglich zerkleinert und aufgeſchloſſen werden, 
wozu ſowohl Poch-Quetſch- und Mahlwerke, 
als auch wiederholte Roͤſtungen angewendet werden. Die 
letztern dienen zugleich auch dazu, aus ſchwefelhaltigen 
Erzen einen Theil des Schwefels zu verbrennen und ſo 
die Maſſe des Fremdartigen zu vermindern. Wenn nun 
die Erzmaſſen gehoͤrig zerkleinert ſind, ſo laſſen ſich auch 
durch verſchiedene Schlemmvorrichtungen die ſchweren, 
metallhaltigen Koͤrnchen dieſes Erzmehles von den ubrigen 
tauben und leichten Koͤrnchen als Schliech abſondern, um 
es bei den folgenden Arbeiten nur mit kleinern, aber um 
ſo gehaltreicheren Quantitaͤten zu thun zu haben. ) 
Nachdem nun dieſer Schliech bisweilen ſogar wies 
derholt den Einwirkungen des Feuers ausgeſetzt oder ges 
roͤſtet worden iſt, ſo beginnt der eigentlich chemiſche Theil 
der Ausſcheidung oder das Zugutemachen des Metalls. 
Dabei muͤſſen nicht allein die noch uͤbrigen Geſteintheilchen 


- 495 — 


zu Schlacken geſchmolzen, ſondern auch die ken ‚Bus 
ſaͤtze als Sauerſtoff, Schwefel und fremdartige Metalle von 
dem Metalle, um deſſen Gewinnung es ſich eigentlich 
handelt, abgeſchieden werden. Dieſes iſt aber nur dadurch 
moͤglich, daß man die Verwandtſchaft, welche dieſe Stoffe 
an das zu gewinnende Metall bindet, durch eine ſtaͤrkere 
Verwandtſchaft uͤberwindet. Darum ſetzt der Huͤttenmann 
feinen auszuſchmelzenden Erzen ſogenannte Fluͤſſe z. B. 
Flußſpath, Quarz, Kalk u. ſ. w. zu, welche mit dem Ge⸗ 
ſtein der Erze leicht zuſammenſchmelzen und mit ihm eine 
flüffige, glasartige Schlacke bilden, die das ausgeſchmol⸗ 
zene Metall bedeckt und von Zeit zu Zeit durch große 
Haken oben abgezogen wird. 

' Der Schwefel aber wird zum Theil verbrannt 
d. h. mit dem Sauerſtoff der Luft verbunden und vers 
fluͤchtigt, zum Theil ebenfalls durch Aufnahme von Sauer⸗ 
ſtoff in Schwefelſaͤure verwandelt, welche mit dem oxydir⸗ 
ten Metalle zuſammen Vitriol bildet, der nun durch 
Waſſer aufgelöft, gereinigt und abgedampft, ein nuͤtzliches 
Huͤttenproduct liefert. 

. Am einfachſten aber iſt die Abſcheidung des Sauer⸗ 
ſtoffes, weil derſelbe in der Hitze zum Kohlenſtoff noch 
groͤßere Verwandtſchaft beſitzt als zu den Metallen. Um 
dieſe alſo von ihm zu befreien, ſchichtet man das gehoͤrig 
zubereitete Erz mit Kohlen und zuͤndet dieſelben an. 
Waͤhrend dieſe nun brennen, verbindet ſich ihr Kohlenſtoff 
nicht allein mit dem Sauerſtoff der atmoſphaͤriſchen Luft, 
welche dem Schmelzraume zugefuͤhrt wird, ſondern auch 
mit demjenigen Sauerſtoff, welcher bisher in dem Fin 
mit dem Metalle verbunden war. 

Die fremdartigen Metalle endlich, welche de 
Erze bisweilen enthalten, werden entweder 1) durch das 
Feuer verflüchtigt, wenn fie, wie das Arſenik, nicht 
viel Hitze vertragen koͤnnen, oben; 2) durch den Sauerſtoff 
der Luft, welche man mit der Stichflamme uber die glü⸗ 
hend⸗ fluͤſſige Legirung hinſtroͤmen läßt, oxydirt und ſo 
in eine Art fluͤſſiger Schlacke verwandelt, die nun wie 


U 


— 174 — 


. B. die Bleiglaͤtte vom bleihaltigen Silber immer oben 
abfließt, fo daß das flüffige, edle Metall ſelbſt dadurch 
immer reiner und reiner wird. Oder man ſcheidet auch 
wohl 3) die beiden Metalle, wenn fie zum Schmelzen vers 
ſchiedene Hitzgrade erfordern, wie z. B. Kupfer und Blei, 
dadurch von einander, daß man die Legirung einer ſolchen 
Hitze ausſetzt, daß nur das eine leichtfluͤſſige ſchmilzt, 
abtropft und in einer ſchraͤgen Rinne abfließt, das 
andere, ſtrengfluͤſſige Metall aber, gleich einem 
durchloͤcherten, ſtarren Schwamme auf dem ſchraͤgen Heerde 
zuruckbleibt, wie dies z. B. beim Saig ern des 
ſilberhaltigen Kupfers der Fall iſt, wenn das vorher ab— 
ſichtlich zugeſchmolzene Blei mit dem Silber abtropft und 
das Kupfer als ſogenannter Kienſtock zurückbleibt. 5 

Uebrigens verſteht es fi) von ſelbſt, daß jedes Mes 
tall, ja ich moͤchte faſt ſagen, jedes Erz ein verſchiedenes 
Verfahren der Abſcheidung erfordert, und keines dieſem all— 
gemeinen Ueberblick vollkommen entſpricht. Denn bald 
hat man große bald kleine Quantitaͤten zu verarbeiten, 
bald muß man dieſen, bald jenen fremdartigen Koͤrper 
entfernen, bald iſt dieſes bald jenes Metall die Hauptſache, 
bald dieſes bald jenes Brennmaterial das billigere und 
zweckmaͤßigere. Darum ſind auch ſehr verſchiedene 
Arten Oefen in Gebrauch, von den gewaltigen Eifens 
hohoͤfen bis herab zu den kleinen Gefaͤßoͤfen, in denen erſt 
wieder Tiegel, Muffeln und Retorten die zu bearbeitenden 
Maſſen enthalten. 

Zum Schluſſe nur noch einen fluͤchtigen Blick auf 
die große Verſchiedenheit der Metalle, von de— 
nen eines, das Queckſilber, erſt in der groͤßten Kaͤlte feſt 
und haͤmmerbar wird, waͤhrend andere, z. B. das Platin, 
durch keine Ofenhitze zum Fluß gebracht werden koͤnnen, 
Dagegen hat das Platin, wie das Eiſen, die Eigenſchaft 
in der Hitze geſchmeidig und zum Zuſammenſchweißen ge⸗ 
eignet zu werden, waͤhrend andere Metalle, z. B. Chrom 
und Arſenik, ſtets ſproͤd bleiben wie kaltes Glas. Einige, 
namlich das Kalium und Natrium, find leichter als Waſſer, 


— 173 — 


auf dem fie ſchwimmend ſich ſogleich ſelbſt entzuͤnden, 
waͤhrend Gold mehr als 19, Platin mehr als 21 und Irid, 
nach Breithaupt, ſogar mehr als 23 Mal ſo ſchwer iſt 
als Waſſer. Die meiſten Metalle endlich ſind von Farbe 
weiß oder grau, allein das Gold iſt gelb und Kupfer und 
Titan roth. 

Kurz auch hier, in der Welt der ſtarren Metalle, 
herrſcht ungeachtet der großen Uebereinſtimmung in vielen 
weſentlichen Punkten, doch eben ſo gut, wie in der freieren 
Pflanzen⸗ und Thierwelt eine intereſſante Mannigfaltigkeit, 
die ſich um fo größer erweiſt, wenn wir bedenken, daß 
nicht die Metalle ſelbſt, getrennt und geſondert, ſondern 
ihre bunten, weit zahlreicheren und mannigfaltigeren Erze 
die eigentlichen Naturproducte ſind, in denen wir nicht 
menſchliche Kunſt, ſondern unmittelbar die Hand des Schoͤp⸗ 
fers erblicken. 


XXVI. 


Auszug aus dem Protokolle über den 
Sommerconvent der os Ge 
ſellſchaft. 


Mitgetheilt von Eduard Lange. 


Oogleic der diesjaͤhrige Sommerconvent der Pomelegiſchen 
Geſellſchaft erſt den 2. Auguſt gehalten wurde, ſo waren 
doch in Folge des rauhen Wetters, die Stachelbeeren, 
deren außer dem Gaͤrtner Reisig, der Kammer- 
gutspachter Loͤhner aus Wilchwitz allein 77 ver⸗ 
ſchiedene, mit Ramen bezeichnete Sorten zur Ausſtellung 


— 6 — 


gebracht hatte, groͤßtentheils noch nicht hinlänglich reif, um 
neben ihrer Größe auch ihren Wohlgeſchmack gehörig beur⸗ 
theilen zu koͤnnen. Dagegen hatte eine große Melone 
vom Hofgaͤrtner Kunze und ein Sortiment Kirſchen 
ebenfalls vom Pachter Lohner die volle Reife erreicht, 
wenn ſie auch, wie man dies Jahr allgemein klagt, ſich 
etwas waͤſſerig von Geſchmack zeigten; und die Er dbee— 
ren des Hofgaͤrtners Kunze waren in ihren ſchoͤnſten 
und vollkommenſten Früchten ſchon voruͤber. 

Außerdem waren noch vom Hofgaͤrtner Kunze und 
aus dem Befferf chen Garten mancherlei Gemuͤſepflan⸗ 
zen — Gurken, Krauthaͤupter und Blumenkohlkoͤpfe — 
ausgeſtellt, ſo wie auch die Gärtner Hauck und Kunze, 
jeder ein Sortiment Georginenblumen und der Gätts 
ner Walther aus dem Beſſerſchen Garten, ſowie die 
Gärtner Heller und Reißig mancherlei blühende 
Topfgewaͤchſe zur Anſicht eingeliefert hatten. 

Waͤhrend ſich nun die Anweſenden mit der Betrach— 
tung dieſer Gegenſtaͤnde unterhielten, fanden ſich nach und 
nach auch die uͤbrigen Geſellſchaftsmitglieder und Gaͤſte ein, 
fo daß deren an den nach 11 Uhr beginnenden Verbands 
lungen im Ganzen 33 Antheil nahmen. 5 

Dieſe eroͤffnete der Vorſitzende, Regierungsrath 
Wagner durch einige Begruͤßungsworte, nach denen er 
auf den dermaligen Perſonalbeſtand der Geſellſchaft 
uͤbergehend erwähnte, daß die Zahl unſerer ſaͤmmtlichen 
Mitglieder auf 201 angewachſen ſei, indem ſeit dem letzten 
Convente nur der Polizeiexpedient Reefe freiwillig abge— 
gangen und dagegen der Gaͤrtner Seyfarth in 


Ponitz als wirkliches und der Magiſtratsrath Stöttner _ | 


in Nürnberg als correſpondirendes Mitglied aufge⸗ 
nommen worden ſei. 

Auch unſere Sammlungen vermehren ſich fortwaͤhrend. 
So war das neu gedruckte Riezich nit unſerer 
Buͤcher, welches heute verteilt wurde, 3 Bogen ſtark, 
waͤhrend das fruͤhere blos einen Viertelbogen einnahm. 
Leider vermißte man aber noch mehrere Baͤnde 


iR 


aus dem früheren Verzeichniß, weshalb der Vor⸗ 
ſitzende den Wunſch ausſprach, daß diejenigen, welche ſie, 
vielleicht vor langer Zeit, geliehen haͤtten, nachſehen und 
ihre Zurückgabe nicht länger verſchieben möchten, N 
Ob übrigens der aus unſerer Caſſe im vorigen Jahre 
zum erſten Male bezahlte Localmiethzins auch kuͤnftig 
werde gefordert werden, darüber waren die noͤthigen Vers 
handlungen zwar bereits eingeleitet, eine entſcheidende Ant⸗ 
wort aber noch nicht erfolgt. l 
Hatte man ſchon in Betreff der Benutzung der Ge⸗ 
ſellſchaftsbibliothek für nothwendig erachtet, dem neuen Ka⸗ 
taloge derſelben beſtimmte Regeln vordrucken zu laſſen, 
welche beim Entleihen der Bücher zu beobachten find, fo 
hielt man auch in Beziehung auf die Art der Abſtim⸗ 
mung über neu aufzunehmende Mitglieder nä⸗ 
here Beſtimmungen für wuͤnſchenswerth und vereinigte ſich 
zu dem Beſchluſſe, daß kuͤnftig über Jeden, der zum wirfs 
lichen Mitgliede vorgeſchlagen werde, nicht wie bisher 
mündlich, ſondern durch Kugelung abgeſtimmt werden ſolle. 
Als hierauf die Fragen, welche bei fruͤhern Conventen 
den Mitgliedern zur Beantwortung empfohlen worden wa— 
ten, vom Director wieder in Anregung gebracht wurden, 
entfpann ſich zunaͤchſt über die Taſchenbildung bei 
den Pflaumen eine belebte Unterhaltung, deren Haupt⸗ 
ergebniß in Folgendem beſtehen moͤchte: 
1) Da ſehr viele Taſchen von einem Inſekte oder 
einer Verletzung durch ein ſolches keine Spur zeigen, ſo 
dürften auch die Wuͤrmchen, welche man bisweilen, zumal 
in aͤlter gewordenen Taſchen findet, nicht als die Urſache 
dieſer Mißbildung, ſondern als eine zufaͤllige oder erſt 
ſpaͤter hinzugekommene Rebenerſcheinung zu betrachten ſein. 
2) Der Hauptgrund dieſer heuer beſonders haͤufig 
vorkommenden Ausartung ſcheint dagegen eine unvoll— 
ſtaͤndige Befruchtung zu ſein, verbunden mit einem 
zu uͤppigen Wachsthume, welches die aͤußere Huͤlle der zur 
Fortpflanzung unfaͤhigen Frucht in eben dem Maße ats 
ſchwellt, wie der eigentliche Keim eines kuͤnftigen indivi⸗ 


— 18 — 


duellen Baumlebens — der Kern — verkuͤmmert und 
ohne lebensfaͤhige Entwicklung bleibt. j 


J) Ob nun aber dieſe unvollftändige ift die 
Folge zu üppiger, oder naſſ ſer, oder kalter, oder windiger 
Witterung ſei, oder auch in Folge von Sonnenregen wähs 
rend der Bluͤthezeit eintrete, darüber waren die Anfi ichten 
ſehr getheilt und darum noch mehrjaͤhrige ſorgfaͤltige und 
allſeitige Beobachtungen der Obſtfreunde wuͤnſchenswerth. 
Ja vielleicht iſt ſelbſt ein Mißverhaͤltniß zwiſchen Griffel 
und Staubfaͤden bei ſonſt unguͤnſtigen aͤußern Verhaͤltniſſ en 
von einigem Einfluß, weil die Taſchenbildung nur bei den 
laͤnglichen Pflaumen z. B. bei der Hauspflaume, gluͤhenden 
Kohle, Eier- und Kaiſer-Pflaume, keineswegs aber bei der 
Reine - claude, der Herrenpflaume und andern runden 
Pflaumen vorkommt. 


In Bezug auf die zweite beim letzten Convent in 
Anregung gebrachte Frage, namlich über den Einfluß, 
welchen das Ausroden der Waldungen auf das 
Klima und die Vegetation einer Gegend habe, las 
hierauf der Berichterſtatter den nachfolgenden Aufſatz vor, 
bei deſſen gewuͤnſchter Veroͤffentlichung zugleich, wie hiermit 
geſchieht, zu weitern Eroͤrterungen dieſes Gegenſtandes auf— 
gefordert werden ſoll. Dann wird vielleicht auch noch 
wiſſenſchaftlich nachgewieſen, ob das angenehme Gefühl, 
welches wir im Schatten gruͤner Baͤume empfinden, noch 
andere Urſachen habe, als die Lebensluft, welche ſich, be— 
ſonders im Sonnenſcheine, aus dem Laube grüner Pflan- 
zen entwickelt und als die Kühle, welche theils durch das 
Abhalten der Sonnenſtrahlen, theils durch das allmaͤhlige 
Verdunſten des Pflanzenſaftes aus den Blaͤttern und 
theils durch den leiſen Luftzug entſteht, der ſeinen Grund 
entweder in der verſchiedenen Dichtigkeit der von der Sonne 
durchwaͤrmten und der kuͤhleren Luftſchichten im Baums 
ſchatten, oder auch wohl darin hat, daß die Baumkronen, 
zumal in Alleen, die Luft oben aufhalten und ſo auch die 
ſanfteſte Bewegung derſelben unter dem Baume leichter 


* 


fühlbar machen, als es ohne dieſe Vetengung ihrer 
Bahn der Fall ſein wuͤrde. 1 ö 
In Betreff der beiden uͤbrigen zur Beantwortung 
vorgelegten Fragen naͤmlich über das Geizen beim Weine 
und uber die Erzielung eines gefüllte Blumen liefernden 
Levkoiſamens mußte man ſich, da die Zeit, Erfahrungen 
darüber zu ſammeln, bisher zu kurz war, fuͤr dies Mal 
damit begnügen, dieſelben abermals in Erinnerung zu 
bringen. 
a Als nun die Verhandlungen zu Han Eingängen, Zus 
fendungen und Geſchenken übergingen, vernahmen 
die Anweſenden zuvoͤrderſt mit dankbar freudiger Theile 
nahme, wie Sr. Durchlaucht, unſer Herzog, die 
Geſellſchaft durch das Geſchenk einer zur Anſicht vorliegen⸗ 
den Partie Fruchtnachbildungen geehrt und wie 
unſer correſpondirendes Mitglied, der kaiſerlich ruſſi iſche 
Krongaͤrtner Doͤllinger fuͤr unſere Geſellſchaft in den 
transkaukaſiſchen Provinzen Rußlands nahe 
an der Perſiſchen Graͤnze Samen geſammelt und ſich die 
Geſellſchaft auch noch durch andere intereſſante Mittheilun⸗ 
gen zu Danke verpflichtet habe. 
Indeß bedurfte es nun einer kurzen Erwaͤhnung die⸗ 
ſer und anderer Zuſendungen und Geſchenke, da dieſelben 
im 3. Hefte unſerer Mittheilungen S. 163 und 164 auf⸗ 
gezählt find, was nur in Betreff der am Tage des Con⸗ 
ventes ſelbſt angekommenen 25 Lieferung der ſchaͤtzbaren 
Verhandlungen des Vereins zur Befoͤrderung 
des Gartenbaues in den K. Preußiſchen Staaten 7 
mehr moͤglich war. 

Hierauf brachte der Vorſitzende noch zur Sprache 
daß die Elektricitaͤt das Keimen der Pflanzenſamen weſent⸗ 
lich beſchleunige, zahlte kurzlich die wichtigſten Benutzungs⸗ 
arten des Obſtes und einiger andern Gartenfrüchte auf 
z. B. das Kuͤrbis zu Syrup, erſuchte die Anweſenden zum 
naͤchſten Herbſtconvente, außer Georginen und andern 
Herbſtblumen, nicht nur recht viele Fruchtſorten einzuliefern, 
ſondern denſelben auch, ſo weit es nur moͤglich ſei, Rum⸗ 


— 180 — 


mern und Namenverzeichniſſe beizugeben und hob zuletzt 


nach 1 uhr die Sitzung auf, an welche ſich nun noch, 
wie gewoͤhnlich, ein gemeinſames Mittagsmahl anſchlaßt 
woran ungefaͤhr 36 Perſonen Theil yabatn: 4 


V 


Welchen Einfluß hat das Ausroden der 
Waldungen auf das Klima und die Vege⸗ 
| tation einer Gegend? n 5 


Wend egen gen beim Sam bier emed der o 
ſchen Geſellſchaft den 2. Auguſt 1837 


von 
Eduard Lange. 


Wenn der neuere Geſchmack bald durch Riederreißen be⸗ 
engender Stadtmauern und finſterer Thore, bald durch An⸗ 


legung ſchattiger Alleen und freundlicher Luſtwaͤldchen in 


den Staͤdten oder ihren Umgebungen das ſtille Pflanzen⸗ 
leben dem lauten Menſchengewuͤhle naͤher zu ruͤcken ſich 
beſtrebt; ſo tritt dagegen auf der andern Seite die Liebe 
zum Gewinn und der auch im Landmann ſich immer mehr 
entwickelnde Speculationsgeiſt taͤglich entſchiedener gegen 
die einzelnen Baumgruppen und Waldungen auf, in de⸗ 
nen die Naturfreunde bisher eine Hauptzierde jeglicher Land⸗ 
ſchaft zu erblicken pflegten. , 

Die Welt ift nun einmal nicht zum Stilſtehen ge⸗ 
ſchaffen, und der feſte Punkt außer ihr, den Archimedes 


— 1 = 


ſuchte, um fie aus ihren Angeln zu heben, würde auch 
noͤthig ſein, um ſie in ihrem Laufe zu hemmen und zum 
Feſtſtehen zu bringen. Genug, wenn wir nur ſehen, wo⸗ 
hin unſer Lauf fuͤhrt, um nicht an ein Ziel zu gelangen, 
das wir nicht ſuchten oder wohl gar geradezu vermeiden 
wollten! Und ſpricht es nur Jeder frei und unverholen 
aus, was er auf der eingeſchlagenen Bahn nah oder fern 
vor ſich erblickt, dann richten die Fuͤhrer des Zuges, Alles 

Rumſichtig erwaͤgend, den Lauf wohl auch einmal etwas 
weiter rechts oder links, und wir gelangen, wie einſt Cos 
lumbus hinuͤber in die neue Welt, ſo hinuͤber in die neue 
Zeit, auf unbekannten Bahnen 0 Umgeſtaltung zu Um⸗ 
‚geftaltung vorwärts ſchreitend. 

„welchen Einfluß hat das Ausroden der Waldungen 
auf das Klima und die Vegetation einer Gegend?“ So 
lautete die eben ſo intereſſante als ſchwierige Frage, welche 
uns unſer verehrter Director im letzten Convente zur Pruͤ⸗ 
fung und Beantwortung empfahl. Daß es ſich dabei 
nicht von den Urwaͤldern Amerikas, auch nicht von den 
großen Waldungen Polens oder Rußlands, ſondern zunaͤchſt 
nur von den kleineren Gehoͤlzen unſerer Gegenden handle, 
wurde dabei noch ausdrücklich erwaͤhnt, wenn auch dadurch 
keineswegs jeder vergleichende Blick auf das, was die 
. in groͤßerem Maßſtabe darbietet, verwehrt Werden ſollte. 

„Mit der Abnahme der Wälder verſiegen auch un⸗ 
ſere Quellen mehr und mehr, und die Fluͤſſe ſchwinden 
zu Baͤchen, die ſchiffbaren Ströme zu ſchwachen Flüffen 
zuſammen. Unſer ganzes Klima wird mit jedem Jahre 
trockner und unſer Boden, der gehoͤrigen Feuchtigkeit era 
mangelnd, unfruchtbarer, wenn dem bisherigen Ausroden 
der Waldungen nicht bald kraͤftig geſteuert wird.“ Das 
habe ich oft gehoͤrt und geleſen, zumal in den letzten Jah⸗ 
ren, welche dieſe Anſichten ſo ſehr zu rechtfertigen ſchienen. 
Warum, ſo fragen die Aengſtlichen, warum liegt das noͤrd⸗ 
liche Afrika jenſeit des Atlas unter einer endloſen traurigen 
Sandwuͤſte begraben, waͤhrend das füdliche Amerika, ganz 
in der Raͤhe des Aequators vom groͤßten Strome der 


— 162 — 


Erde durchzogen wird? Und die Antwort, welche ſie ſich 
ſelbſt geben, lautet: Weil in Amerika ausgedehnte Wal⸗ 
dungen die Feuchtigkeit anziehen und bewahren, anſtatt daß 
in den kahlen Wuͤſten Aftika's kein Baum die Wolken 
des Himmels zum Regnen einladet oder die ſengenden 
Sonnenſtrahlen abhaͤlt, dem lockeren Boden auch die letzte 
Spur der Feuchtigkeit zu entziehen. Hat man nun noch 
die Trockenheit und das druckende Klima des innern Spas 
niens, ſo wie die großen Schwierigkeiten, welche dem Ans 
bau einiger Steppen des ſuͤdoͤſtlichen Rußlands entgegen⸗ 
ſtehen, zur Beſtaͤtigung angeführt, ſo haͤlt man den aufge⸗ 
ſtellten Satz fuͤr erwieſen und über jeden Zweifel erhaben. 

Alle dieſe Thatſachen aber, ſo richtig ſie auch an ſich 
ſein moͤgen, beweiſen den aufgeſtellten Satz nicht viel 
beſſer als die Behauptung, daß es nur darum in dem 
Harzgebirge ſo viel rauher ſei als am Rheine, weil man 
in demſelben nicht Wein baue. Es ſtehen naͤmlich dieſe 
Thatſachen allerdings mit den daraus abgeleiteten Erſchei⸗ 
nungen in einem unverkennbaren Zuſammenhange; allein 
die Sahara iſt nicht deßhalb trocken, weil ihr ausgebreitete 
Waldungen abgehen, ſondern ihr fehlen vielmehr darum die 
Waldungen, weil ſie ſo trocken iſt. Auch ſind in den 
letzten Jahren bei uns viele Quellen verſiegt, und viele 
ſchiffbare Stroͤme auffallend waſſerarm geworden; allein 
daran hat das Ausroden einiger Waldungen in ihrem Ge— 
biete gewiß nicht viel mehr Antheil, als die zahlreichen 
Ueberſchwemmungen im letzten Fruͤhjahre etwa neu ange- 
pflanzten Holzungen zugeſchrieben werden koͤnnen. Wohl 
zeigen ſich die waldigen Gipfel der Gebirge haͤufig von 
Wolken umhuͤllt, bevor der Himmel feinen Regen, über die 
weiten Niederungen ausgießt; allein nicht den Bäumen 
ſondern den Fühlen Höhen, auf denen fie ſtehen, ges 
hoͤren dieſe Wolkenkronen an, wie ja ſchon daraus 
erhellt, daß dieſelben im Alpengebirge in der Regel ſich 
zuerſt auf diejenigen Gebirgsgipfel niederſenken, deren ewiger 
Schnee alle Waldungen entfernt haͤlt. Und ſollten auch 
in Folge ae Ausſtroͤmungen die zahlreichen Laub⸗ 


— 183 — 


ſpitzen der Waldungen nicht ganz ohne Einfluß auf die 
Bildung oder Anziehung der Wolken fein, fo} dürften dies 
fen Einfluß doch auch niedrigere Pflanzen, welche den Bo2 
den der Wieſen oder Fruchtaͤcker bedecken, ausüben, und 
derſelbe mithin nicht an das Daſein der Baͤume, ſondern 
der Vegetation uͤberhaupt gebunden ſein, ſo daß nur dann 
das Ausroden der Waldungen bedenklich fein würde, wenn 
man ihren bisherigen Grund und Boden gefliſſentlich bur 
kahlen, pflanzenloſen Einoͤde umgeſtaltete. 
Ueberhaupt muß man ſich huͤten, dem We 
Augenſcheine ohne weitere Begründung und Nachweiſung 
des nothwendigen Zuſammenhanges zu große Beweiskraft 
beizulegen, Ein dichter Rebel deckt nach einer unruhigen 
Gewitternacht die ganze Gegend; endlich zertheilt er ſich; 
die Sonne ſtrahlt uͤber die feuchten Aecker, und aus dem 
dampfenden Waldhange ſteigen einzelne weiße Wolken em⸗ 
por. Kaum iſt der Mittag herangekommen, fo. rollt der 
Donner, und der Regen ſtuͤrzt in Strömen herab auf die 
üppigen Fluren. Daſſelbe Schauſpiel wiederholt ſich viel— 
leicht am folgenden Tage, und der, welcher es beobachtet, 
iſt in der Regel ſchnell fertig mit ſeiner Theorie, die ſich 
auf ſelbſt gemachte Erfahrungen ftüßt. Er ſah ja ſelbſt 
die im Walde entſtandenen Wolken empor ſteigen und ſich 
am Horizonte aufthuͤrmen, bis die Gewitter heraufkamen 
und ihre Fluthen unter Blitz und Donner über die ganze 
Gegend ausgoſſen. Nun ſtreitet's ihm Riemand aus, daß 
die Wolken ſich in den Waͤldern bilden, weil er es ſelbſt 
geſehen hat; waͤhrend die, welche ſie aus vorher unſichtba⸗ 
ren, durch Abkuͤhlung oder erhoͤhten Druck ſich verdichten⸗ 
den Waſſerdaͤmpfen entſtehen laſſen, dieſe unſichtbaren 
Waſſerdaͤmpfe niemals ſehen konnten und ſich dabei Übers 
haupt nur auf die kuͤnſtlichen Verſuche der Gelehrten be⸗ 
rufen. Aber was ſind dieſe ſchwachen Wolkengebilde oder 
vielmehr Ueberreſte des bisherigen Rebels, die er empor⸗ 
ſteigen ſah, gegen die Regenmaſſen, welche ihnen folgten 
Und wo kam die viele Feuchtigkeit hin, welche gleichzeitig 
von der Oberflaͤche des ſchnell trocknenden Bodens ver⸗ 


— 184 — 


ſchwand? Oder ſieht er etwa im Winter die feuchten 
Duͤnſte in ſeinem Zimmer, welche ſich dennoch an den 
Fenſterſcheiben in Folge der hier Statt findenden Abkuͤh⸗ 
lung als fluͤſſiges Waſſer abſetzen? Auch wird es dem 
aufmerkſamen Beobachter ſolcher Erſcheinungen nicht entges 
hen, wie diefe auffteigenden Wolkengebilde unter den wärs 
menden Sonnenſtrahlen in der Regel immer ſchwaͤcher und 
durchſichtiger werden, und ſich ſelbſt oft noch in der Nähe 
der Erde in voͤllig unſichtbare Daͤmpfe aufloͤſen; ſo daß 
aus dieſem ganzen Vorgange ſchwerlich etwas mehr folgt, 
als daß der theils durch Erwärmung der Sonne in uns 
ſichtbare Daͤmpfe ſich aufloͤſende, theils durch elektriſche 
Abſtoßung in Wolkengeſtalt emporſteigende Nebel ſich im 
fühlen Walde oder in der tiefen Thalſchlucht zuletzt aufs 
loͤſen und empor heben mußte, weil hier die Sonne am 
ſchwierigſten durchdringen und ihn durchwaͤrmen konnte. 
Ebenſo iſt auch der Schutz, welchen man von fihats 
tigen Waldungen fuͤr die einmal vorhandene 
Feuchtigkeit des Bodens erwartet, wohl nur ein 
ſcheinbarer. Denn was der aͤußerſten Oberflaͤche des 
Bodens durch Abhaltung der wärmenden Sonnenftrahlen 
und der trocknenden Winde erhalten wird, das und viel— 
leicht noch mehr entziehen die Wurzeln der Baͤume den 
darunter liegenden Erdſchichten, und die Blaͤtter ihrer 
Kronen, von Luft und Sonne umfloſſen, uͤbergeben es den 
Winden als unſichtbaren Dampf. Wie kraͤftig aber hierin 
die Blaͤtter wirken, weiß Jeder, der einmal von abgeſchnit⸗ 
tenen Oculirreißern, die er nicht alsbald benutzte, die 
Blaͤtter zu entfernen vergaß, und nun nach kurzer Zeit 
findet, daß die Augen in Folge der durch dieſelben bewirk— 
ten Saftverdunſtung ſich nicht mehr loͤſen laſſen; das be— 
ſtaͤtigte auch in den letzten trockenen Jahren die uͤbergroße 
Duͤrre unter den Baͤumen z. B. unter den Pappeln an 
den Landſtraßen, welche dem anſtoßenden Ackerboden offen- 
bar mehr Feuchtigkeit entzogen, als fie ihm auf der ans 
dern Seite durch ihren Schatten zu erhalten vermochten. 
Demnach duͤrfte der Einfluß der Waldungen auf den 


— 485. — 


Feuchtigkeitszuſtand des Bodens und Klimas hauptſaͤchlich 
nur ein mittelbarer fein. Wo naͤmlich große oder zahl—⸗ 
reiche Waldungen den Boden decken, da pflegt auch die 
Hand des Menſchen noch nicht die mancherlei Vertiefungen 
und Suͤmpfe, welche bei naſſer Witterung eine Menge 
Waſſer aufnehmen und daſſelbe wegen der vielerlei Hin— 
derniſſe des Abfließens nur nach und nach den Baͤchen 
und Quellen zukommen laſſen, ausgeglichen oder durch Abs 
zugsgraͤben entwaͤſſert zu haben. Wird dagegen ein ſolcher 
Wald gelichtet und urbar gemacht, ſo duldet der thaͤtige 
Landwirth dieſe traͤgen Waſſerſammler und Vertheiler nicht 
länger, ſondern ebnet fie aus, oder durchzieht fie mit Gräs 
ben, welche von nun an den Ueberfluß der Feuchtigkeit 
faft eben fo ſchnell abfuͤhren, als er entſteht, und nicht 
mehr ſparen fuͤr die entfernten Quellen im Thale und fuͤr 
die ſpaͤteren Tage der Duͤrrung. 

So wenig ich alſo den Waldungen, bloß deshalb, 
weil man es behauptet, einen weſentlichen Antheil an den 
in ihrer Nahe häufiger als anderwaͤrts vorkommenden Has 
gelwettern zuſchreiben moͤchte, ebenſo wenig halte ich 
auch die Anſicht, daß ihr Daſein zur Erhaltung der gehoͤ⸗ 
rigen Luft⸗ und Bodenfeuchtigkeit nothwendig ſei, fuͤr hin⸗ 
reichend begründet und erwieſen, ohne damit im Mindeſten 
uͤber die Ergebniſſe weiterer Forſchungen und gründlicherer 
Nachweiſungen abſprechen zu wollen. 

Roch weniger aber duͤrften wir in Beziehung auf 
die Waͤrme des Klimas von dem Ausroden der 
Waldungen zu befürchten haben. Denn wenn fie auch 
an ſich, nicht fo viel als man gemeinhin glaubt, dazu beis 
tragen ſollten, eine Gegend rauh und unfreundlich zu mas 
chen, fo ſchreibt ihnen doch wenigſtens Niemand den ent— 
gegengeſetzten Einfluß zu. Auch ſcheinen dieſelben gegen 
Ende des Winters dadurch, daß fie den Sonnenftrählen 
und den waͤrmeren Winden den Zutritt erſchweren, wefents 
lich zur Verzögerung des Fruͤhjahres beizutragen. Ob fie 
dagegen auch das Hereinbrechen des Winters verzoͤgern, 
indem fie. die vorhandene Luft- und Erdwärme durch er⸗ 

13 


— IM — 


ſchwerte Ausſtrahlung und durch Hemmung des Zutritts 
kaͤlterer Winde erhalten, iſt immer noch die Frage, weil 
bei dem Verdunſten des vorhandenen Pflanzenſaftes, bei 
dem Gelbwerden und Abfallen der Blaͤtter, wie bei jedem 
Uebergange eines feſten oder fluͤſſigen Körpers in den luft⸗ 
foͤrmigen Zuſtand, leicht eine größere Abkuͤhlung der bishe—⸗ 
rigen Temperatur Statt finden oder — was daſſelbe iſt — 
leicht eine groͤßere Quantitaͤt vorhandener freier Waͤrme 
gebunden werden duͤrfte, als auf der andern Seite einer 
baum⸗ und waldreichen Gegend erhalten werden mag. 
In Betreff der Winde und Stuͤrme dagegen 
dürften die Waldungen, zumal in weit ausgedehnten Ebe- 
nen und bei gehoͤriger Vertheilung, einen wohlthaͤtigen Eins 
fluß ausüben, der mit der Entblößung größerer Landſtrecken 
hinwegfallen würde, Denn vermögen fie auch den Stuͤr— 
men in den hoͤhern Luftſchichten kein Hinderniß entgegen 
zu ſetzen, fo laſſen fie dieſelben doch in den untern Re— 
gionen nie volle Kraft gewinnen, und ſchuͤtzen die Mens 
ſchen und ihre Wohnungen gegen ihre heftigſten Anfaͤlle. 
Vielleicht iſt es aber wahr, daß die Stuͤrme nicht blos 
die Luft miſchen, ſondern auch reinigen, und dann kann 
uns wenigſtens der Glaube troͤſten, nun um ſo reinere 


Luft zu athmen, je heftiger und unangenehmer wir 9 


die Gewalt ihres Stroͤmens empfanden. 
Bisher habe ich blos von dem Einfluſſe geſprochen, 


welchen das Ausroden der Waͤlder auf die Feuchtigkeit, 
Waͤrme und Lufterneuerung einer Gegend hervorbringen 
mag, der Vegetation aber dabei, wenigſtens unmittel⸗ 


bar, nicht gedacht. Wenn man aber darunter nicht ſowohl 
die Mannigfaltigkeit und den Reichthum der verſchiedenen 
Pflanzen⸗Gattungen und Arten, ſondern nur das er— 


wünſchte we n fe. der vorhandenen Pflanzen, 
ielen oder wenigen Geſchlechtern, Gat⸗ 


moͤgen ſie nun zu 
tungen und Arten gehoͤren, im Auge hat, ſo iſt auch dieſe 
Frage mittelbar ſchon beantwortet; indem die aͤußern Be⸗ 
dingungen ihres Wachsthumes, Feuchtigkeit und Waͤrme 
in Erwaͤgung gezogen worden ſind. Dagegen verſteht es 


— 187 — 
ſich aber von ſelbſt, daß mit der Verminderung der Waͤl⸗ 
der auch die Menge der den Waldungen eigen⸗ 
thümlichen Pflanzen ſich vermindern muͤſſe, und 
daß mit der Austrocknung der in ihnen da und dort vor⸗ 
kommenden Sumpfungen, auch die Sumpfpflanzen ihren 
Standort verlieren. Das iſt aber uͤberhaupt das Loos der 
Natur, inſofern ſie der Cultur entgegenſteht, daß ſie ihrer 
jüngern Schweſter weichen und ſich durch dieſelbe modifici⸗ 
ren laſſen muß; fo daß wir z. B. jetzt kaum noch anges 
ben koͤnnen, was bei uns urſpruͤngliche und rohe und was 
durch Kunſt und menſchliche Thaͤtigkeit umgeſtaltete Natur 
ſei. Nicht blos in unfern Gärten und auf unſern Aeckern, 
auch auf unſern Wieſen und in unſern Waͤldern ſind man⸗ 
cherlei Pflanzen heimiſch, ja ſelbſt zum unvertilgbaren Un⸗ 
kraut geworden, deren urſpruͤngliche Heimath in weiter 
Ferne ſich befindet. Und ſo wie es mit unſerm ganzen 
koͤrperlichen und geiſtigen Zuſtande in offenbarem Wider⸗ 
ſpruch ſtehen, ja eine wahrhaft naturwidrige Kuͤnſtelei und 
Unnatur ſein wuͤrde, wenn wir unſere Wohnungen und 
Kleider aufgeben und mit Gewalt einen — ich weiß nicht, 
welchen — natürlichen Urzuſtand wieder herſtellen wollten; 
ſo wuͤrde auch ein krankhafter botaniſcher Puritanismus 
dazu gehoͤren, wenn wir den mehl- und ſaftreichen Cul⸗ 
turpflanzen darum ihre fernere Ausbreitung und Vermeh⸗ 
rung mißgoͤnnen wollten, weil dieſes nur moͤglich iſt durch 


e der beſcheidenen Kinder Flora's, welche ch 


von jeher im Schatten der, Wälder verbargen. 

Sieht daher der Freund der ſchoͤnen Ratur nur ie) 
Bedauern manche ſchoͤne Baumgruppe fallen, an der er 
ſein Auge ſeit vielen Jahren zu weiden gewohnt war, ſo 
weilt ſein Blick doch auch wieder mit Wohlgefallen auf 
mancher ſchattigen Allee, auf manchem heitern Luſtwaͤld⸗ 
chen, vielleicht auch auf manchem neuen, aus Obſtpflan⸗ 
zungen hervorſchimmernden Hauſe oder Dorfe, an deren 
Stelle ehedem einfoͤrmige Aecker, Wieſen und Waldungen 
oder wohl gar kahle, unfruchtbare Abhaͤnge oder ungeſunde 
Sumpfungen fü ich befanden. Und wenn wir im ganzen 

13 * 


— 188 — 
Leben an Leiſtung und Gegenleiſtung gewöhnt find, warum 


wollten wir hier allein Fortſchritte ohne entſprechende 
Opfer verlangen? 9 


XXVIII. 
ueber die Grabhügel in der Leina. 
Vorgeleſen z um Stiftungsfeſte der Naturforſchen- 


den e een des Oſterlandes zu Altenburg 
am 6. Mai 1837 


von 


Dr. Gotthold Friedrich Minkler, 
Pfarrer zu Lohma a. d. Leina. 


Vorbemerkung. 


Wenn ich in gegenwaͤrtigem Vortrage es wage, der höch⸗ 
ſten“) und hohen anſehnlichen Verſammlung eine Ueber— 
ſicht über die neuerdings ſtattgefundenen Ausgrabungen in 
der Waldung, Leina genannt, zu geben, ſo hoffe ich 
zwar einen nicht unintereſſanten Gegenſtand erwaͤhlt zu 
haben, einen Gegenſtand wenigſtens, der in dem Munde 
Vieler in der Nähe und Ferne geweſen iſt und zu den 
abentheuerlichſten Erzaͤhlungen Stoff gegeben hat; aber ich 
muß auch zugleich bekennen, daß meine Erfahrungen in 

ſolchen Angelegenheiten noch nicht bedeutend genug find, 
um gelehrte Bemerkungen einzuſtreuen, vielleicht neue Auf⸗ 
ſchluͤſſe zu geben, oder Theorien aufzuſtellen, oder falſche 
Anſichten zu berichtigen. Ich bin indeß, was 1 6055 


je 


) Sr. Durchl. der regierende Herzog zu Sachſen Altenburg ge⸗ 
ruhten ſelbſt, an der Verſammlung Theil zu nehmen. 


— 189 — 


dankbar anerkenne, durch gütige Unterftüßung meiner hohen 


Goͤnner doch in den Stand geſetzt, Einiges zu beurtheilen 
und hoffe, mit Aufmerkſamkeit, und ſoweit es meine Amts⸗ 


geſchaͤfte erlaubten, mit Fleiß beobachtet zu haben, ſo daß 
ſich bei der einfachen Darſtellung, wie ich ſie zu geben 
gedenke, doch vielleicht das Eine oder das Andre ergeben 
dürfte, was der gründliche Kenner weiter verarbeiten wird. 

Mit dieſen Worten ſpreche ich Ihre freundliche Rach⸗ 
ſicht an. 


Veranlaſſung zur Aufgrabung der Hügel. 


Es find nun ſchon mehrere Jahre, als bei einem 
Geſpraͤch zwiſchen Herrn Foͤrſter Bonde in Wilchwitz, 
damals noch in Zſchernichen, und mir die Rede auf ſoge⸗ 
nannte Huͤnen betten oder Hünengraber kam. Die⸗ 
ſer an wiſſenſchaftlichen Unterhaltungen ſtets gern Antheil 
nehmende Forſtmann glaubte auch dergleichen Graͤber in 
der Leina geſehen zu haben, und wir verabredeten uns, 
eines derſelben gemeinſchaftlich oͤffnen zu laſſen. Eine 
langwierige Krankheit und der Wegzug des Herrn Foͤrſters 
ließ uns dies vergeſſen. Bei einem Beſuche in der merf- 


wuͤrdigen und neuerer Zeit ſehr verſtaͤndig und geſchmack⸗ 


voll geordneten Herzogl. Ruͤſtkammer theilte ich jene No⸗ 


tiz dem Aufſeher derſelben, Herrn Auctionator Bratfiſch 


= 


mit, und dieſer, ſich für altenburgiſche Alterthuͤmer mit 
großer Lebendigkeit intereſſirende Mann verſaͤumte nicht, 
ſogleich bei Sr. Herzoglichen Durchlaucht davon Meldung 
zu thun, fand auch, wie es bei dem für jede Wiſſenſchaft 


ſo regen Sinne dieſes Erlauchten Fuͤrſten nicht anders zu 
erwarten war, alſobald gnaͤdigſtes Gehoͤr und Unterftügung. 
Mit den erſten Tagen der darauf folgenden Woche am 
6. Juni wurde der eine Huͤgel vom Holze entblößt. Am 
7. Juni geruhten Sr. Herzogl. Durchlaucht in Begleitung 
Hoͤchſt Ihrer Familie die Hügel in Augenſchein zu nehmen, 
die Aufgrabungen zu befehlen und mir die Oberauſſicht 
und Leitung derſelben gnaͤdigſt zu übertragen. Am 9. Juni 


* 


— 190 — 


wurde der erſte Hügel geoͤffnet und die Ausgrabungen 
wurden mit Unterbrechung von wenigen Tagen bis Sonn⸗ 
abends den 24. Juni fortgeſetzt, wo auf einige eit Ne 
eintrat. 


Das Aeußerliche der Huͤgel. 


Die Stelle der Huͤgel iſt von Lohma a. d. L. un⸗ 
gefaͤhr 2400 Schritte in nordweſtlicher Richtung entfernt, 
noͤrdlich vom ſogenannten Stadtſteig oder langenleubaer 
Fußſteig, ſuͤdlich vom breiten Wege, einem Holzfuhrwege 
auf einem bedeutungsvoll genug Himmelreich benannten 
Hau. Hier erheben ſie ſich auf ziemlich ebenem Boden im 
Umkreiſe von ungefähr 400 Schritten, 4*) an der Zahl, 
von denen der eine aber ein Doppelhuͤgel iſt. Der Vor⸗ 
derſte, von Lohma aus gerechnet (Rr. 1), maß von einem 
Ende zum andern ſowohl von Morgen nach Abend als 
von Mittag nach Mitternacht zwiſchen 30 — 40 Schritte, 
im Umfang aber gegen 90. Die Hoͤhe betrug vom Boden 
gegen 55 Elle. Der Hügel Nr. 2, lag etwas weſtlich, hatte 
gegen 4 Ellen Höhe und zwischen 70 — 80 Schritte 
Umfang. Der Huͤgel Nr. 3, lag ſeitlich mittaͤglich vom 
erſten, war ziemlich lang, maß mehr als 90 Schritte, war 
nur ungefähr 22 Ellen hoch. Mehr noͤrdlich lag ein gro— 
ßer 5 Ellen hoher, durch einen 25 — 30 Schritt langen 
Erdruͤcken mit einem andern Hügel von ziemlich gleicher 
Hoͤhe verbundener, Nr. 4 a und b, welcher gegen 110 
Schritte im Umfang hatte.“) Bei den meiſten war noch 


*) Soviel waren zur Zeit der Vorleſung entdeckt; einige Wo⸗ 
chen darauf wurden in nicht großer Entfernung von ihnen noch meh- 
rere gefunden. Die ziemlich ſtarke, mit dem wine Laube ge⸗ 
ſchmuͤckte Waldung erſchwerte das Auffinden. 


*) Dieſe Maaße konnten wegen der ſumpfigen unten und 
wegen des hindernden Holzes nur oberflaͤchlich genommen werden. 


— 191 — 
ein kleiner Vorhuͤgel. Alle waren mit Laubholz bewachſen; 
am Rande von Nr. 1, ſtand eine 150 bis 200 Jahr alte 
Eiche, die, waͤre ihr auch die Gabe der Sprache verliehen, 
über das Alter der Hügel doch keine Auskunft hätte geben 
koͤnnen. 


Ausgrabungen und Verfahren dabei. 


Am 9. Juni Morgens gegen 11 Uhr wurde ich be⸗ 
nachrichtigt, daß 3 Herzogliche Holzhauer zum Aufgraben 
befehligt waͤren, und ich fand ſie beſchaͤftigt, den Huͤgel 
Rr. 2 vom Holze zu befreien. Sie ſchlugen von der 
Morgengegend aus ein, fanden aber nicht eher etwas, als 
bis ſie die Mitte des Keſſels ſo ziemlich erreicht hatten. Wir 
nahmen einige Geraͤthſchaften, wovon weiter unten die 
Rede fein wird, heraus und wendeten uns nach dem Huͤ⸗ 
gel Nr. 1, der nach der Länge und Breite durchſtochen 
wurde, aber auch erſt im Keſſel ſeine Ausbeute gab. Wir 
hatten hierbei das Gluͤck, Sr. Herzogl. Durchlaucht Hoͤchſt⸗ 
ſelbſt gegenwärtig zu ſehn. Hoͤchſt Sie geruhten ihre Zus 
friedenheit und Theilnahme gnadigft durch Wort und That 
zu erkennen zu geben. Hierauf ging man zum 4. Huͤgel 
uͤber, der von oben her in der vermuthlichen Richtung des 
Keſſels abgetragen wurde. Die Ausbeute war ſehr ergiebig 
Rund vorzuͤglich auch gluͤcklich zu nennen, weil fie im Bei⸗ 
ſein der angeſehenſten Maͤnner Altenburgs zugleich unbe⸗ 
ſchaͤdigter, als aus andern Huͤgeln zu Tage gefoͤrdert wurde. 
Rachdem der Huͤgel Nr. 2 vollends aufgearbeitet war, 
ſchlugen die Arbeiter noch am andern Ende des Huͤgels 
Nr. 4, (4) von oben herein, und nach Aufraͤumung 
deſſelben wurde fuͤr jetzt geruht. Der Huͤgel Nr. 3 iſt 
noch ganz unberührt. — ueberall grub man bis auf den 
natürlichen gewachſenen Boden, der ſich von dem übrigen 
Theile des Huͤgels ſehr deutlich unterſchied, und unter wel⸗ 
chem man, wie ſich's bei einem Verſuche, tiefer zu gehn, 
entdeckte, Quellwaſſer fand. 


— — 


Die Ausgrabungen waren nicht ohne Schwierigkeiten. e 
Von oben und außen herein hatten die Arbeiter mit viel 
Wurzeln zu kaͤmpfen, namentlich bei der Eiche am Huͤgel 
Nr. 1. Dieſe Wurzeln waren, was auch bei Ausgrabun⸗ 
gen an andern Orten Statt gefunden hat, in die Gefaͤße, 
die urſpruͤnglich nicht die Haͤrte unſers jetzigen Porzellans 
oder ſonſtigen guten Topfergeſchirrs gehabt haben mögen, 
tief eingedrungen und hatten ſie zum Theil zerſprengt, wo— 
durch die oben aufliegende Erde ſie vollends zerdruͤcken 
konnte. Die Wurzeln konnten um der Gefaͤße willen 
nicht geſchont werden, wir haͤtten ſonſt ein unentwirrbares 
Gewebe gefunden, das zuletzt mehr Schaden gebracht hätte. 
Wir brauchten nur die Vorſicht, ſobald wir die Spur 
eines Gefaͤßes hatten, es in einem ziemlich weiten Umkreiſe 
zu umgraben und ſo nach und nach ganz blos zu legen. 

So entfernten wir den weiteren Schaden der einge⸗ 
drungenen Wurzeln. In der Nähe der Gefaͤße ſelbſt 
wurde erſt ein kleiner Spaten, dann ein kurzes ſtarkes 
Meſſer zum Abraͤumen angewendet. Ueberhaupt war ich 
durch Hilfe der mir gütigft mitgetheilten Schriften unters 
richtet, welche Theile ſolcher Huͤgel mit groͤßerer Sorgfalt 
behandelt werden mußten. Die in den Urnen befindliche 
Erde habe ich zwar nicht, wie angerathen wurde, durchges 
ſiebt, aber doch jederzeit genau genug unterſucht, als daß 
mir irgend ein Gegenſtand von irgend einer Bedeutung 
haͤtte entgehen koͤnnen. Soll ich nun noch hinzuſetzen, 
daß ich die Auffeher keinen halben Tag unbeaufſichtigt ges 
laſſen, bei wichtig erſcheinenden Stellen ſelbſt Hand ans 
Werk gelegt habe, ſo hoffe ich darzulegen, daß ich nicht nach⸗ 
laͤſſi var oder unbedachtſam dieſe Angelegenheit betrieben 8 


U 


Das Innere der Huͤgel. 


Saͤmmtliche Hügel beſtanden aus aufgehaͤufter Eibe, 
ungefaͤhr der Art, wie ſie auch jetzt noch die hieſige Acker⸗ 
krume bildet, wenn auch vielleicht etwas zaͤher. Es iſt zu 
ſchließen, daß der Umkreis der Gegend die Materialien zum 


— 193 — 


Aufſchütten zwar hergegeben, man aber dabei den tie⸗ 
ſer liegenden, hier bei uns vorherrſchenden Lehm mit bes 
nutzt habe. Bisweilen fanden ſich dunklere Stellen, als 
der hieſige Lehm geben kann. Die Haͤrte des Landes 
war verſchieden, obenher durch die Wurzeln locker, tiefer 
gewoͤhnlich haͤrter, auf dem Boden, wo die Gefaͤße ſtan⸗ 
den, oft feuchter. Obſchon eine anſehnliche Maſſe Landes 
zu den Hügeln erforderlich geweſen fein, mußte, fo fand 
man doch, fo viel man wegen des umſtehenden Holzes er— 
kennen konnte, nirgends Spuren von tiefabgefahrnem oder 


hinweggenommenem Lande. Die Wurzeln der obenaufſte⸗ 


henden Bäume oder Sträucher waren bis in das Tieſſte 
hinabgedrungen. Beim Auswerfen bekam die Erde ein 
weißgrauliches Anſehn, wie von beigemengter Aſche. Den 
oͤfters hier zuſprechenden Landleuten erſchien fie. ungemein 
fruchtbar. Spuren von Kohle fanden ſich uͤberall. Sie 
ſchien einen weitern oder engern Kranz um den Keſſel ge⸗ 
bildet zu haben, von hartem, eichenem oder buͤchenem Holze 
zu ſein, und fand ſich wohl in geringer NEN — 
unten auf dem Grunde. 


Weiter zeigten ſich Spuren von welcher ende, 
Sand mit Thon vermengt in verſchiedener Richtung und 
Staͤrke, gewoͤhnlich in der Nahe des Keſſels. In Nr. 1 
war ſie wie aufgeſchwemmt, in abwechſelnden dunklern und 
hellern Schichten, und hatte auf den erſten Anblick Anſehn 
von verſteinertem, weichem Holze mit deutlichen Jahres rin— 
gen. Wie dieſe Lage entſtanden, wozu ſie beſtimmt war, 
ob Menſchenhaͤnde hierbei auch thaͤtig geweſen, iſt für 1 
dunkel, bleibt aber immer merkwürdig. 


Ferner fanden ſich verſchiedene ſchlackenattige Maſſen 
Im Hügel Nr. 2 vorzüglich häufig, „ in Nr. 1 in einzel⸗ 
nen Stücken entdeckte man eine breccienartige Maſſe, die 
aus einer Menge Roͤhren und anderen Knochen von klei- 
nen Voͤgeln oder andern kleinen Thieren zuſammengebacken 
ſchien. Der Grundteig dazu war etwas dunkler, als die 
uͤbrige Erde, zwar nicht ſo hart, wie gebackne Steine, aber 


— 194 — 


doch auch feſter, als an der Sonne getrocknete und ver⸗ 
haͤrtete Erde. Die unregelmäßig liegenden Knoͤchelchen hat⸗ 
ten Anfangs eine lebhaft dunkelgelbe (ockergelbe) Farbe, 
die ſich nach einigen Tagen faſt ganz in Grau verlor“) 
Sie lag meiſt nur 12 Elle tief unter der Oberflache und 
dicht zuſammen. Dieſe Maſſen hatten einige Aehnlichkeit 
mit dem Gewoͤlle der Raubvoͤgel, nur daß ihnen meiſt die 
runde oder walzenfoͤrmige Geſtalt fehlte. Hierbei muß 
bemerkt werden, daß einer meiner in der Pflanzenkunde 
wohlerfahrnen Freunde fie für verſteinerte Fucusarten ans 
ſehen wollte, daß endlich bei einer Aufgrabung in Ranis 
zwiſchen Poͤsneck und Saalfeld auch Vogelknochen (ob in 
ähnlicher Form?) gefunden worden find. 

Im Hügel Nr. 1 fand ſich in einer ſtarken Lehm⸗ 
ader unweit des Keſſels ſehr haͤufig eine Schlacke. Sie 
beſtand aus irdener Maſſe (ohne thieriſche Spur), war 
ziemlich ſchwer, oft ſehr durchloͤchert und hatte der Geſtalt 
nach Aehnlichkeit mit Eiſenſchlacke. Offenbar iſt bei ihrer 
Entſtehung heftiges Feuer wirkſam geweſen. Sie ſoll noch 
einer naͤhern Pruͤfung unterworfen werden. Jedenfalls 
ſcheint daraus hervorzugehen, daß bei Errichtung dieſer 
Grabhuͤgel Feuer thaͤtig geweſen iſt. 


Alterthuͤmliche Ausbeute. 


Gewoͤhnlich fand man ungefaͤhr 12 Elle tief unter 
der Oberflaͤche einige Scherben, die aber, wenn ſie auch 
nach Verhaͤltniß anderer irdenen Gefäße gut erhalten ges 
nannt werden konnten, ſich niemals zu einem Ganzen, oder 
auch nur fo weit, daß man die Form des Gefaͤßes hatte 
erkennen koͤnnen, vereinigen ließen, dann die Schlacken und 


) ungemein merkwürdig ift es N daß 70 dieſer faſt bis auf's 
Kleinſte gleichende Knochenbreccie in Sardinien gefunden worden iſt, 
wovon ein Exemplar in dem Kabinette der N. G. des O. aufbewahrt 
wird und bei der Vorleſung dieſes Aufſatzes vorgezeigt wurde. 


\ — 193 — 


ihnen nahe verſchiedene Gefäße, Urnen, ‚größere und klei⸗ 
nere Toͤpfe mit und ohne Henkel (oder eigentlich Toͤpfe und 
Becher), Kruͤge, Naͤpfe u. ſ. w. einige ſtehend, einige lies 
gend, den einen Becher ſogar gerade umgekehrt mit der 
Oeffnung nach unten, verſchieden in Form, Zeichnung, 
Maſſe, einige vielleicht ohne, andere wohl mit Hilfe der 
Toͤpferſcheibe gemacht. Faſt jedesmal fanden ſich in der 
Nähe dieſer Gefäße ſteinerne Geraͤthſchaften, ſogenannte 
Streitaͤrte, Opfermeſſer, Donnerkeile, Streithaͤmmer mit 
einem durchgebohrten Loche, Opfermeſſer aus Feuerſtein 
und endlich in allen Huͤgeln auf dem tiefſten Grunde 
Menſchenknochen.“) 


A. Urnen 


Die Länge der Zeit hatte die mehrſten Urnen fehr 
muͤrbe werden laſſen, und die Schwere des oben aufliegen 
den, durch Naͤſſe weich und noch laſtender gewordenen 
Erdreichs hatte die noch uͤberdies durch die Wurzeln zer⸗ 
triebenen voͤllig zerdruͤckt, ſo daß leider kein einziges dieſer 
zum Theil gut geformten Gefaͤße ganz rs N su 
Tage gefördert werden koͤnnen. 

Die am beften in der Erde rbätkene und herausge⸗ 
hobene, zugleich anſehnliche Urne wurde am 21. Junius 
aus dem Hügel Nr. 47 genommen. ) Mehrere andere 
wurden nur in Scherben herausgebracht und harren noch 
ihrer Zuſammenſetzung, welche hoffentlich noch geſchehen 
kann, da es nicht allein dem Herrn Dr. Wilhelm in 
Roßleben gelungen iſt, aus 32 Scherben wieder ein Ganz 
zes zu bilden, ſondern auch mit hier gefundenen daſſelbe 
wit ee verfügt worden iſt. 55 Dimenſionen 12 


*) 8 in dem neueroͤffneten a Nr. 5 nicht. 


) Sie ſtand, wie einige früher ſchon gefundene, mühſam zu⸗ 
ſammengeſetzte, nebſt andern in den Graͤbern gefundenen Merkwuͤr⸗ 
digkeiten in dem Verſammlungszimmer aufgeſtelt. 


— 


und der andern Gefaͤße werden ſpaͤter erſt genommen 
werden koͤnnen. 

Im Ganzen hatten die Urnen Bach Verhaͤltniß chrer 
Groͤße und ihres Umfangs einen ſehr kleinen aber ganz 
richtig berechneten Boden und 2, ſelten 4 Henkel, welche 
wohl mehr zum Verzieren, als zum Angreifen beim Heben 
derſelben dienten; denn durch die Oeffnung der Henkel 
konnte man oft kaum einen Bindfaden durchziehen. 

Die Maſſe, woraus ſie gefertigt ſind, iſt zwar alle⸗ 
mal Thon, aber ſehr verſchieden. Bei einigen ungemein 
grob mit viel unzerſchmolzenem Kies und nur wenig ‘ges 
brannt, bei andern wieder feiner und mit augenſcheinlicher 
Sorgfalt bearbeitet, bei einigen Thon, der auch beim Brenz 
nen eine ſchoͤne rothe Farbe beibehielt, bei andern eine 
durchaus ſchwarze, vielleicht mit Graphit vermiſchte Maſſe, 
wie man auch bei den Gefaͤßen, die anderer Orten ausge⸗ 
graben worden, bemerkt hat. Bei noch andern war die 
eine Hälfte der Scherben ſchwarz, die andere roͤthlich, oder 
vielleicht nur mit dicker rother Farbe aͤußerlich uͤberſtrichen, 
wie man ebenfalls anderwaͤrts bemerkt hat. Endlich fans 
den ſich auch noch Scherben mit dreifacher Lage, innerlich 
und aͤußerlich ſchwaͤrzlich, dazwiſchen roth. Sollten dieſe 
Gefaͤße durch Hitze von innen und von außen, wobei die 
mittlere Lage weniger Einwirkung erfahren hat, gebrannt 
worden ſein? 

Die Zeichnungen, die gewoͤhnlich, wo ſie ſich fanden, 
vom Halſe an bis auf des Bauches Mitte herabgingen, 
waren verſchieden. Einige ſchienen nur mit dem Fingerna> 
gel, andere mit einem Hoͤlzchen gemacht zu ſein, und wenn 
auch in ihren aͤußeren Umriſſen weniger, doch in der Mitte 
ziemlich unregelmaͤßig. Bei einigen waren fie deſto faus 
berer und zeigten von mehr Kunſtfertigkeit, die Linien wa⸗ 
ren nicht mehr einfach, ſondern aus lauter kleinen dem 
lateiniſchen S aͤhnlichen Figuren zuſammengeſetzt. 

Ob nun dieſe verſchiedenen Maſſen und Zeichnungen 
das höhere oder jüngere Alter ihrer Verfertigung, oder der 
hier begrabenen Perſonen, oder den verſchiedenen Rang der 


— 197 — 


letztern, oder nur die größere und geringere Geſchicklichkeit 
und Sorgfalt der Verfertiger anzeigen moͤgen, wage ich 
nicht zu beſtimmen. Auf eins von dieſen zeigen ſie wohl hin. 
Gewoͤhnlich nimmt man an, daß die groͤßeren Urnen 
für Erwachſene, die kleineren für Kinder beſtimmt geweſen 
wären. Denn auch letztere wurden in ſolchen Hügeln beis 
geſetzt, wie das in Nr. 47 gefundene Gerippe und eine 
Ausgrabung im Preußiſchen, wo ſich der Zahn eines 1 jaͤh⸗ 
rigen Kindes fand, deutlich genug zeigt. Dieſer Anſicht 
ſcheint aber das fo eben erwähnte Gerippe in Nr. 47, zu 
widerſprechen, bei dem man eine ziemlich große Urne fand. 
Woher die Materialien zu dieſen Gefaͤßen ſind? In 
unſerer naͤchſten Umgebung findet ſich keine Lehm- oder 
Thonart, welche aͤhnliches rothes oder ſchwarzes Geſchirr 
gaͤbe. Auffallend verſchieden iſt das Waldenburger Ge⸗ 
ſchirr, das aus Frohnsdorfer Thon (1 Stunde von Lohma) 
gefertigt wird, eben ſo das Kohrener, wozu Kohrener und 
Mardersdorfer Thon (3 Stunden von Lohma) kommt, und 
auch die in hieſi ger Nähe verfertigten Ziegel find der Farbe 
nach den gefundenen Gefäßen nicht ähnlich. 
Sollten ſich dort nicht auch ſchon Orte oder Gegen⸗ 


— 


den gefunden haben, wo man ſich mit Verfertigung von 


Toͤpfergeſchirr beſonders abgab? 
B. Toͤpfe, Näpfe uf w. 
Auch dieſe waren hinſichtlich der Maſſe, Groͤße, 


Form und Zierlichkeit ꝛc. verſchieden, wie die Urnen; alle 


waren nach unten zu mehr oder weniger bauchig; der 
obere Theil war bei den einen mehr in die Laͤnge gezogen, 
bei anderen weniger, und mehr oder weniger ausgeſchweift; 
einige waren behenkelt, andre nicht. Stand und Lage 
ließen nicht immer eine beſtimmte Ordnung wahrnehmen; 


ſie ſtanden oder lagen neben den Urnen unregelmaͤßig ohne 


beſondere Ruͤckſicht auf Größe, ) auch ohne genaueres 
) In dem am 27. Auguſt aufgegrabenen Hügel Nr. 5 lag ein 


topfartiges Gefaͤß ſchraͤg auf dem Halſe einer groͤßern Urne, 4 an⸗ 


dere lagen in einer Reihe abwaͤrts gegen Morgen zu. 


a 


Verhaͤltniß zu den Knochenuͤberreſten. Einige zeichneten ſich | 
durch geſchmackvolle Form aus. 8 9 


C. Steinerne Geraͤthe. 


In jedem bisher geoͤffneten Grabe fanden ſich auch 
verſchiedene Kunſtwerke aus Stein. Zuerſt mehr keilfoͤr— 
mige, vorn ſchnell zulaufende und hier auf der Kante 
merkwuͤrdig ſcharfe Steine, dann ein ſogenannter Streits 
hammer, vorn nicht in der Queere, ſondern in der Laͤnge 
zugeſchaͤrft, die Maſſe beider ſchien Weißſtein zu fein, fer— 
ner noch ein überaus forgfältig gearbeiteter, nach vorn in 
eine mehrflaͤchige, ſtumpfe Spitze auslaufender Streitham— 
mer, hinten mit dickerem Kopfe aus Serpentin “). Endlich 
noch mehrere meſſerartige Inſtrumente von Flintenſtein, 
auf beiden Seiten ſcharf, in der Mitte mit einer erhöhten 
Kante, unten ganz flach. 8 

Ich moͤchte hier Einiges uͤber den muthmaßlichen 
Zweck obiger Dinge beifuͤgen. Die Urnen, bei denen wir 
aber keine Deckel, oder nur ganz unmerkliche Spuren da— 
von gefunden haben, ſind nach allgemeiner Meinung zur 
Aufnahme von verbrannten Knochen und Holz beſtimmt 
geweſen. Auch die um und in unſern Urnen befindliche 
Erde hatte aſchfarbiges Anſehn, faͤrbte auch das Waſſer, 
in dem ſie abgewaſchen wurde, gleichfarbig. Allein ein 
verehrtes Mitglied der Naturforſchenden Geſellſchaft, Herr 
Stadtapotheker Baumann, hat bei chemiſcher Unterſuchung 
nichts von Knochenaſche gefunden.“ “) Ob ſich nun über 


) Von Allem dieſem fand ſich im Hügel Nr. 5 nichts. 


**) Er ſchreibt: „Ich gluͤhte eine Quantitaͤt im Platinalöffel 
und erhielt eine ſproͤde, zerreibliche, gelbrothe, an der Zunge klebende 
Maſſe, dem gebrannten Lehme gleich. Nun loͤſte ich eine beſtimmte 
Quantitat mit Schwefelſaͤure auf, ſaͤttigte fie mit wenigem Ammo⸗ 
nium, ließ die Fluͤſſigkeit bei gelinder Waͤrme verdunſten und fand 
am Morgen einige kleine, eiſenhaltige Alaunkryſtalle, welche ich mit 
Reagentien weiter behandelte und beſtaͤtigt fand, daß u. ſ. w. 


* 


haupt keine findet, oder ob mein verehrter Freund zufällig 
nur die obere Lage eines gefuͤllten Gefaͤßes, welche viel— 
leicht nur Erde enthielt, von mir empfangen hat, bleibt ſo 
lange unentſchieden, bis einmal die ganze Fuͤllung nament— 
lich einer Urne wird unterſucht worden ſein, welches bald 
erfolgen wird. Wuͤrde dann die ſtattgefundene chemiſche 
Analyſe beſtaͤtigt, dann würde dies Urtheil über die Hügel 
zu einem merkwuͤrdigen Reſultate führen, und die Urnen 
wuͤrden blos als einfache Ehrenzeichen anzuſehen ſein. 
Schwieriger jedenfalls iſt die Beſtimmung der Fleines 
ren Toͤpfe zu ermitteln. Manche wollen ſie fuͤr Gefaͤße 
halten, worin die Thraͤnen der bezahlten und unbezahlten 
Leidtragenden geſammelt worden waͤren und man berief 
ſich auch wohl auf einige Hoͤhlungen, die man in etlichen 
Toͤpfen gefunden haben wollte. Aber dann wuͤrde man 
auch gewiß die Thraͤnen ſich nicht mit Erde haben vermiſchen 
laſſen, wie das bei unſern durchaus mit Erde angefuͤllten 
Toͤpfen der Fall geweſen ſein muͤßte; die letztern waͤren 
ja dann auch zu groß geweſen und haͤtten die Thraͤnen 
eines ganzen Heers aufnehmen koͤnnen, wenn fie fo ſpar— 
ſam gefloſſen waͤren, als heut zu Tage. Uebrigens iſt der 
Gebrauch des Thraͤnenſammelns wohl bei keinem Volke 
geſchichtlich unbezweifelt. Daß ſie zur Aufbewahrung von 
Todtenaſche insbeſondere von Kindern beſtimmt geweſen, 
iſt wohl moͤglich; aber es iſt zu vermuthen, daß man da— 
zu auch Urnenform, wo die engern Haͤlſe die Fuͤllung mehr 
ſichern, gewaͤhlt haben wuͤrde. Wahrſcheinlicher bleibt es, 
daß ſie entweder die im Leben gebrauchten Trinkgefaͤße der 
Beigeſetzten, ihnen zur Ehre ins Grab mitgegeben (wie 
Waffen und Schmuck), oder mit Getränfen angefuͤllte Ges, 
faͤße geweſen find, welche den Verſtorbenen, wie bekanntlich 
die alten Deutſchen durſtiger Natur waren, die lange Reife 
nach Walhalla erleichtern ſollten. Dem letztern ſcheint 
freilich die umgeftürzte Stellung, in welcher ſich, wie oben 
angegeben, mehrere befanden, zu widerſprechen. Doch hat 
man dort wohl die Erde fo behutſam aufgeſchuͤttet, daß 
kein aufgeſtelltes Gefäß verruͤckt worden wäre? Daß es 


— 200 — 


die im Leben gebrauchten Trinkgefaͤße geweſen fein: koͤnnen, 


findet Beſtaͤtigung durch das Erſcheinen kleinerer Becher 
bei dem kleinern, und groͤßerer bei dem groͤßeren Gerippe. 

Zu welchem Behufe die keilfoͤrmigen Steine gedient 
haben moͤgen? Zum Abhaͤuten der geſchlachteten oder 
ſonſt getoͤdteten Thiere bedurften fie nicht der großen, muͤh— 
ſam von den Alten zu gewinnenden Schaͤrfe; die verſchie— 
dene Groͤße dieſer Inſtrumente koͤnnte aber wohl dieſen 
Gebrauch bei groͤßeren und kleineren Thieren wahrſcheinlich 
machen. Zu Waffen, die man in geballter Hand fuͤhrte, 
ſcheinen auch die groͤßten zu klein geweſen zu ſein, da man 
den alten Germanen, wenn auch eben nicht bedeutend grös 
ßere Koͤrper, aber doch ſtaͤrkere und kraͤftigere Glieder als 


uns zuſchreibt und die Steine dann wohl wenig aus der 


Hand hervorgeragt haben wuͤrden, um noch kraͤftige Streiche 
damit zu fuͤhren. Ebenſo iſt namentlich der eine Streit— 
hammer (aus Serpentin) eine hoͤchſt unvollkommene Waffe, 
beſonders wenn man bedenkt, daß ſchon zu Caͤſars, ja zu 
Marius Zeiten die Deutſchen Schwerter, und zwar ſehr 
lange, geführt haben. Sollten dieſe verſchiedenen Stein— 
geraͤthe nicht Amulette zur Sicherung der Todten im Un— 
terreich geweſen ſein? 0 

Die Feuerſteinmeſſer ſind offenbar nichts anders, als 
wiewohl ganz unvollkommene Schneidewerkzeuge, vielleicht 
nur bei heiligen Geſchaͤften, bei Opfern angewendet. 


D. Todtengerippe. 


In allen geoͤffneten Hügeln fanden ſich Todtengerippe. *) 
Ueber das muthmaßliche Alter der hier begrabenen Perfos 
nen ſtehet noch ein Urtheil der Herren Aerzte zu erwarten. 
Rur von dem einen, das in Nr. 4 gefunden wurde, gab 
der eben gegenwärtige Herr Dr. und Landphyſikus Wag— 
ner an, daß es einem Knaben angehoͤre, der im Zahn⸗ 


) Nur in Nr. 5 nicht. 


= DE 


wechſel begriffen geweſen wäre, was man an einem aus⸗ 
gegrabenen Stuͤck Kinnlade ſehr deutlich wahrnehmen konnte. 

Die Lage der Gerippe war verſchieden. Zwei im 
Hügel Nr. 1 waren mit dem Geſicht gegen Morgen ge— 
richtet, ſchienen aber in ſehr gekruͤmmter Stellung zu ſein, 
was wir auch im Huͤgel Nr. 2 bemerkten, und was mit 
den anderwaͤrts gemachten Erfahrungen auch uͤbereinſtimmt. 
In Nr. 47 lag das Gerippe umgekehrt. Alle dieſe Ge— 
rippe hatten nur von der Zeit gelitten. In mehrern 
Grabhuͤgeln anderer Gegenden hat man die Entdeckung 
gemacht, daß eine Art Lemming (georychus, vielleicht mi- 
gratorius) eingedrungen war und die kleinern Gebeine 
zernagt hatte; es ſind ſogar noch Gerippe dieſer Thiere 
entdeckt worden. Bei uns zeigte ſich davon keine Spur. 
Vielleicht war das Erdreich zu feſt; hatten doch die kraͤf— 
tigen Grabſcheite meiner Arbeiter nicht immer die ge— 
wuͤnſchte Kraft. Von allen gefundenen Menſchengerippen 
iſt keins vollſtaͤndig geweſen. Deſto bewundernswuͤrdiger 
iſt der Schmalz der in den Huͤgeln Nr. 1 und 47 ent⸗ 
deckten Backen⸗ und Schneidezaͤhne. 


Andere Merkwuͤrdigkeiten. 


Bei vielen andern Grabhuͤgeln alter Germanen hat 
man einen von Steinen, oft von großen, centnerſchweren 
Bloͤcken gelegten Kranz, entweder am aͤußerſten Rande, 
oder im Innern naͤher an dem Keſſel, oder auch an beiden 
Stellen zugleich bemerkt. Bei unſern Hügeln nichts von 

Beidem. Allerdings fanden ſich auch einige, im Ganzen 


vielleicht kaum 12 groͤßere oder kleinere Steinchen vor. 


In Nr. 1 lagen deren 3, Quarzſtuͤcke, in einem Zirkel oder 
Dreieck, wie man es nennen will, ungefähr 1 Ellen uns 
ter der Oberflaͤche. Sie ſchienen die Stelle zu bezeichnen, 
auf welcher tiefer unten das Gerippe lag. Ein anderes 
Steinchen lag gerade uͤber einem Streithammer, noch ein 
andres nahe an einem Topfe. Mehrere andre moͤgen 
wohl auch uͤber Geraͤthſchaften oder Gerippen gelegen 
14 


* 


— 202 — 


haben, und ſolcher Weiſe Anzeichen, gleichſam Wegweiſer 
geweſen ſein; aber wir wurden nicht gleich Anfangs dar⸗ 
auf aufmerkſam, vergaßen jedoch nicht, ſpaͤter genau auf 
ſie zu achten, um wo moͤglich neue Entdeckungen zu machen. 
1 Ferner ſoll in manchen alten Graͤbern der Boden des 
Keſſels theils durch Brand, theils durch Stampfen vielleicht 
mit breiten Holzſtuͤcken feſter, als der übrige Grund des 
Huͤgels gemacht und gefunden worden ſein. Eine ſolche 
Haͤrte, wie etwa durch obenauf angezuͤndetes Feuer be— 
wirkt ſein koͤnnte, fanden wir nirgends, und wenn es auch 
ſchien, als ob der natürliche Boden in Nr. 1 etwas haͤr⸗ 
ter waͤre, ſo war es doch zu unbedeutend, als daß wir 
auf abſichtliche Verhaͤrtung haͤtten ſchließen koͤnnen. Haͤtte 
aber hier auch dieſe Statt gefunden, ohne daß vielleicht 
Haͤrte eines, wenn auch nur ſchwach gebrannten Ziegels 
erfolgt wäre, fo wuͤrde der ſich immer etwas feucht hal⸗ 
tende Boden ſich allmaͤhlig zu gewöhnlicher Härte wieder 
erweicht haben. 8 

Wohl aber fand fi) im Hügel Rr. 1 ungefaͤhr eine 
Elle uͤber dem Hauptlager ein ziemlich vollſtaͤndiger Kranz 
von Lehm mit Kohlen und den obenangegebenen Schlacken, 
was auf ein hier angezuͤndetes ziemlich heftiges Feuer, aber 
nicht unter, ſondern, wie bemerkt, uͤber der eigentlichen 
Grabſtaͤtte hindeutet. 

Merkwuͤrdiger noch bleibt der Fund von Gerippen 
neben und unter den Urnen. Enthalten dieſe, was aber 
bis jetzt noch nicht erwieſen iſt, Menſchen- oder vielmehr 
Knochenaſche, ſo waͤre dieß ein Beweis, daß wirklich hier 
Leichenverbrennungen und dabei zugleich andre Beerdigungen 
Statt gefunden haͤtten, was zugleich Beſtaͤtigung der Be— 
hauptung gaͤbe, daß bei Beiſetzungen vornehmer Perſonen, 
und ſolchen ſollen ja vorzüglich die aufgethuͤrmten Hügel 
gelten, auch noch andere Perſonen geopfert worden find. *) 
An ein Familienbegraͤbniß moͤchte ich auch bei dem Huͤgel 


*) Knochen größerer Thiere haben wir übrigens nicht gefunden. 


= 203 — 


mit 2 Gerippen nicht denken. Offenbar ſind dieſe Huͤgel 
auf einmal, nicht zu verſchiedenen Zeiten verfertigt; nun 
laͤßt ſich nicht erwarten, daß um eines vielleicht ſpaͤter eins 
getretenen Todesfalles willen dieſelben wieder geoͤffnet wor— 
den waͤren. Auch war es nicht gewoͤhnlich, daß die Soͤhne 
der Anfuͤhrer immer in die Fußtapfen der Vaͤter traten; 
ſie konnten daher auch auf die Ehre ſolcher Begraͤbniſſe 
nicht Anſpruch machen. Nur in dem Falle, daß zwei 
Glieder einer Haͤuptlingsfamilie zugleich ſtarben, vielleicht 
in einem Treffen blieben, wäre ein vornehmes Doppelbe⸗ 
graͤbniß denkbar. 

Eine andere Anſicht gewinnt man von den Huͤgeln, 
wenn ſich keine Spuren von Leichenverbrennungen finden; 
dadurch wuͤrde ihre Erbauung auf ein ſehr hohes Alter, 
(Tacitus redet von Verbrennung) zugleich auf eine unge- 
woͤhnliche Begraͤbnißart deuten. Ich halte mein Urtheil 
zuruͤck; vielleicht finden ſich noch Spuren, die, weiter ver⸗ 
folgt, auch mehr Aufſchluß geben. 

Weiter lenke ich die Aufmerkſamkeit der hoͤchſten a 
hohen verehrten Verſammlung auf die in den Huͤgeln ge— 
fundenen Steine. Als Felsarten intereſſirt uns kein einzis 
ger; Quarz, Sandſtein, Feuerſtein, Serpentin u. A. ſind 
bekannt genug. Wenn auch unſere Gegend ſteinarm iſt 
(vielleicht ein Grund, warum jene Steinkraͤnze unſern Hüs 
geln fehlen), ſo findet ſich doch hier und da ein Kiefelfteins 
chen und dergl. Sie bleiben in den Graͤbern nur als 
Wegweiſer zur Ausbeute merkwuͤrdig. Merkwuͤrdiger ſchei⸗ 
nen mir in einer andern Beziehung die aus Feuerſtein ges 
bildeten Meſſer zu ſein. Sie finden ſich auch in anderen 
Fluren, z. B. bei Reichſtädt, und hier haͤufig genug. Wo⸗ 
her man dieſe Feuerſteine nahm? Der naͤchſte Fundort 
derſelben iſt mir unbekannt, nur ſoviel weiß ich, daß die 
naͤhern Umgebungen von Lohma keine ſo reinen Feuer⸗ 
(Flinten =) ſteine geben, und daß man fie wohl von weis 
tem wird haben herholen muͤſſen. Ferner, wenn die als 
Abhaͤuteinſtrumente bekannten Steine von Weißſtein, der 
zuerſt gefundene Streithammer aber von Serpentin iſt, ſo 

14 * 


= 


dürfte der erſtere ſich aus der Muldengegend, namentlich 
von Penig, der letztere aber, wenn auch nicht gerade von 
Zoͤblitz, doch von Limbach herſchreiben, und dadurch wuͤrde 
ein Handel mit jenen Gegenden eben nicht unwahrſcheinlich. 
Endlich darf ich eines Sandſteines aus dem Hügel Rr. 1 
nicht vergeſſen. Er war grobkoͤrnig, hatte aber auf der 
einen Seite eine kuͤnſtlich bewirkte Ausſchweifung, ein Keilz 
ſtein lag mit feiner Schaͤrfe nach dieſer Ausſchweifung zur 
gerichtet nahe daran, und man moͤchte wohl glauben, daß 
er zur Schaͤrfung jener Inſtrumente gedient habe. 

Sehr auffallend iſt es, daß von metallnem Geraͤthe 
bis jetzt auch nicht das mindeſte gefunden worden iſt. 
Als Spuren von Eiſen kann ich hoͤchſtens einige eiſenroſt— 
artige Stellen in einigen Hügeln, beſonders in Nr. 4 b 
annehmen; ſie koͤnnten aber nur zur Roth auf ein vom 
Roſt aufgefreſſenes ſchwaches Inſtrument hindeuten. Es 
laſſen ſich aber auch, wenn es Eiſenſpuren ſind, noch 
vielerlei andere Urſachen derſelben denken. — Eine andre 
metalliſche Spur, aber auch weiter nichts fand ſich im 
Huͤgel 4b. Hier fanden wir naͤmlich eine ungefaͤhr 1 
Quadratfuß haltende Flaͤche, deren Obertheil ſich leicht ab— 
ſpaltete. Der untere Theil zeigte metalliſch gruͤne (wie 
Malachit) mit weißlichen und braunen abwechſelnde Strei— 
fen. Ungeachtet aller Muͤhe, die wir uns gaben, mehr zu 
finden, oder auch das Gefundene ungebroͤckelt zu erhalten, 
war beides unmoͤglich. Was dies geweſen ſein mag, war 
und blieb uns unbekannt. Roch eine Kupferſpur fanden 
wir in Nr. 2, namentlich Knochen, deren zufaͤllig bewirk— 
ter Laͤngsbruch gruͤnſpanig ausſah. 
| Zuletzt gedenke ich noch einer braunen, pechartigen 
N Maſſe, die ſich an einem Toͤpfchen klebend und in einigen 

kleineren Stuͤcken in Rr. 2 fand. Beim Feuer brannte 
ſie mit viel Ruß und einem dem Bernſteingeruche nicht 
unaͤhnlichen Dufte.) Ich will hierbei erwähnen, daß bei 


*) Ueber die chemiſche Unterfuchung ſchreibt obgenannter Phar⸗ 
maceut: „Die Maſſe iſt weder im Waſſer, noch im abſoluten Alcohol 


= 


den Ausgrabungen, die bei Ranis 1826 Statt fanden, 
man eine freiliegende, der Beſchreibung nach unſrer aͤhn— 
liche Maſſe fand, die vam Herrn Apotheker Stoͤßner in 
Jena chemiſch unterſucht und für ein Ueberbleibfel eines 
Stuck Gehirns in Mumienform erklaͤrt wurde. Jedenfalls 
iſt dieſer Fund von Bedeutung, und es iſt zu wuͤnſchen, 
daß mehrere Vergleichungen mit aͤhnlichen Gegenſtaͤnden aus 
andern Gräbern angeſtellt werden koͤnnten. Denn nur 
ſo laͤßt ſich ein beſtimmtes Reſultat erzielen. 


Muthmaßliches Alter diefer Hügel, 


Wie alt diefe Hügel ſeien und weß Volks ſie ſein 
moͤgen, iſt ſchwer zu entſcheiden, wenn man ſich nicht mit 
der freilich unſtreitbaren Antwort begnuͤgen will: Sie ſind 
uralte, heidniſche Begraͤbniſſe. Einige Auskunft fönnen 
uns Form und Inhalt derſelben geben. Die neuefte Zeit, 
die man ihnen und ihres Gleichen zuſchreiben kann, iſt 
die der Slaven, die nach dem 6. Jahrhunderte ſich in 
Deutſchland feſtſetzten, bis zum 12. Jahrhundert Heiden 
blieben, vielleicht aber ſpaͤter noch die fruͤhere Art, ihre 
Todten zu begraben, beibehielten; wie denn auch Kall der 
Große ſeinen mit Gewalt bekehrten Chriſten ausdrücklich 
noch das Verbrennen ihrer Todten verbieten mußte. Die 
aͤlteſte Zeit ſolcher Begraͤbnißhuͤgel anzugeben, iſt wohl 
unmoͤglich. Einige Angaben früherer Schriftſteller und die 
zeither gewonnenen Anſichten geben einige, wiewohl nicht 
immer ganz ſichere Anhaltepuncte. 


auflöelich. Nur Schwefelaͤther loͤſte etwas mehr, als die Hälfte auf 
und bildete eine braune Tinctur. Im Pfatinalöffel über die bren⸗ 
nende Spirituslampe gehalten, ſchmolz ſie ſehr leicht, gab einen dem 
Bernftein Ähnlichen, Geruch und verkohlte. Eine kleine Quantität in 
einem 8 zolligen Probierglaͤschen erhitzt, gab Spuren von brenzlichem 
Oel, welches mit Bernſteinoͤl viel Aehnliches hatte. Daß dieſe Maſſe 
balſamiſcher und reſinoͤſer Abkunft iſt, beweift die Spur Oel, die mit 
thieriſchem Oel nichts gemein hat.“ 


— 200 — 


Klemm in ſeinem Handbuche der germaniſchen Alter⸗ 
thumskunde behauptet, daß die Slaven ihren Todten keine 
Geraͤthe, wenigſtens keine aus roͤmiſchen Fabriken mitgege— 
ben haͤtten, weil ſie mit den Roͤmern ohne Verbindung 
geweſen waͤren. So würden unfte Gräber allerdings auf 
Slavenzeit hinzeigen, und wenn Prof. Daneil in Salze 
wedel ſpricht, daß die aͤlteſten Graͤber der Deutſchen mit 
einem Kranze von ganz großen Steinbloͤcken, die juͤngern 
aber mit einem dergleichen von gewöhnlichen Steinen um⸗ 
geben, jene dafur ſchmuckloſer, dieſe deſto ſchmuckreicher im 
Innern geweſen waͤren, ja ſelbſt ohne Steinkranz, ſo 
ſpricht das eine wenigſtens abermals fuͤr eine ziemlich junge 
Zeit, aus welcher unſre Todtenhuͤgel ſtammten. Indeß 
koͤnnte man ſie doch immer wenigſtens auf 600 Jahr, und 
ſtammten fie aus früheſter Slavenzeit, doch gegen 1100 Jahr 
alt rechnen. Das Verbrennen oder Nichtverbrennen der 
Todten entſchiede nichts; denn wenn auch das Eine viel— 
leicht die gewoͤhnlichere Art der Leichenbeſtattung war, ‚fo 
fand das Andre doch auch Statt. Wenn aber, wie be- 
hauptet wird, die Slaven das Schmelzen und Gießen der 
‚ Metalle verſtanden, dabei in Friedenszeiten wenigſtens ein 

haͤusliches, gewerbſames Leben fuͤhrten, dabei alſo wohl 
auch ſich metallner Geraͤthe bedienten, in unſern Graͤbern 
aber kein einziger Gegenſtand auf ſtaͤrkern Metallgebrauch 
hinweiſt, vielmehr ſich nur ſteinerne Geraͤthe entdecken ließen, 
ſo moͤchte man wohl unſre Grabhuͤgel der Slavenzeit ent— 
ruͤcken und ihnen ein hoͤheres Alter anweiſen. Die Graͤber, 
oder Brandhuͤgel, wie fie Klemm wegen häufig beigemiſch—⸗ 
ter (Holz- oder Knochen-?) Aſche nennt, die Graͤber, 
welche Dr. Wagner bei Schlieben im Kreiſe Schweinitz des 
koͤnigl. preußiſchen Regierungsbezirks Merſeburg fand, und 
wie ihrer auch anderwaͤrts gefunden wurden, hatten, mit 
Unterſchied der Erdart, die Beſchaffenheit der unſeren; doch 
führen fie Metallgeraͤthe. Sie werden über das Zeitalter 
der Slaven hinaufgeſetzt und für altgermaniſch gehalten. 
Und die unfrigen ſtehen ihnen an Alter wohl nicht nach. 
Der Mangel an Metallgeräthen dürfte ihnen eine ſolche 


= we — 


Stellung zuſichern. Entweder hatte man dort noch nichts 
Metallenes, was aber unwahrſcheinlich iſt, oder dieſe Ge⸗ 
raͤthe waren zu ſelten und darum zu koſtbar, als daß man 
fie den Todten mitgegeben hätte, oder fie find, was aber 
auch nicht wahrſcheinlich iſt, durch die Laͤnge der Zeit und 
die Feuchtigkeit der Erde aufgezehrt. Bei dem Allen 
ſcheint dort der Gebrauch des Eiſens nicht ganz unbekannt 
geweſen zu ſein. Sollte man ſo hartes Geſtein, wie das 
zu den Streitaͤrten und Streithaͤmmern, ohne eiſerne Ins 
ſtrumente fo glatt haben durchbohren konnen? Guths⸗ 
muths ) meint, man habe einen metallnen Cylinder dazu 
gebraucht, auf den man während des ſchnellen Herumdre— 
hens auf dem Steine mit Haͤmmern geſchlagen habe und 
legt darauf, daß man Streitaͤrte mit bloßen Anfaͤngen 
ſolcher Löcher gefunden habe, für feine Meinung einen bes 
ſonderen Werth. Sollte man insbeſondere auch den fer 
pentinenen Streithammer ohne andere Meſſer, als jene von 
Feuerſtein, fo zierlich haben ſchneiden konnen? Wären jene 
aus lauter S fürmigen Figuren zuſammengeſetzte Linien 
ohne metallenen Stempel ſo ſcharf, als ſie bei genauerer 
Betrachtung erſcheinen? Sollte man die Baͤume zum 
Todtenbrande haben faͤllen, ſelbſt die Grabhuͤgel haben 
auftreiben koͤnnen, ohne alles metallne Geraͤth? Der Ges 
brauch des Eiſens iſt ja uralt, und wenn verſchiedene 
nordamerikaniſche uncultivirte Voͤlkerſchaften, deren Sitten 
denen der alten Deutſchen zum Theil ungemein aͤhnlich 
‚find, ohne Eiſen lebten und noch leben, fo darf man um 
jener Aehnlichkeit willen doch keinen Ruckſchluß auf unſre 
Vorfahren machen. Die alten Germanen lebten doch we— 
nigſtens in entfernter Verbindung mit Eiſen fuͤhrenden 
Voͤlkerſchaften. 

Eine andre Urſache des Mangels an Metaltgeraͤthen 
koͤnnte in der Gleichguͤltigkeit gegen die Verſtorbenen liegen; 
dann aber würde man auch weder Grabhuͤgel aufgeworfen, 


„) In einem Aufſatze im Morgenblatte. 


noch Gefäße beigeſetzt haben. Ueberhaupt hat wohl die 
Achtung der Todten bei allen Voͤlkern Statt gefunden und 
findet noch Statt. 
Fur ein hohes Alter der Grabhuͤgel in der ing 
ſprechen ferner die Knochenuberreſte. Allen Beſchreibungen 
nach haben ſich anderwaͤrts die Knochen viel beſſer erhalten, 
als hier, wo man, namentlich in dem Hügel Rr. 4b nur 
unter den Fingern zerfallende Brocken von Gebeinen fand. 
Endlich mögen auch wohl die gefundenen Gefäße: Zeugniß 
ablegen. Das ganz rohe Material, die ganz kunſtloſe 
Zeichnung, die oft nur mit dem Fingernagel, oft nur mit 
einem Stuͤckchen Holz gemacht ſcheint, der Mangel einer 
Toͤpferſcheibe, was ſich, wenn auch nicht bei allen, doch 
bei einigen Gefaͤßen herausſtellt, deutet, ſelbſt bei der meiſt 
gefaͤlligen Form derſelben, doch auf eine ſehr alte Zeit 
und ſehr jugendliche Bildung hin. Man thut daher wohl 
nicht zuviel, wenn man dieſe Grabhügel dem Zeitalter Aus 
guſtus, vielleicht des Caͤſar zuſchreibt, wo die Verbindung 
mit den Roͤmern, wovon ſich in unſern Graͤbern keine 
Spuren finden, noch gar nicht, oder nur ſehr ſchwach 
Statt fand. Wenn einſt die ſich mehrenden alterthuͤmli⸗ 
chen Sammlungen in Deutſchland genauer nach Ort und 
Umſtaͤnden werden verglichen ſein, wird ſich uͤber die noch 
zweifelhaften Puncte ein ſicheres Urtheil faͤllen laſſen. 
Welcher von den Huͤgeln aber der aͤlteſte ſein mag? 
Vielleicht Nr. 4b; in ihm befanden ſich die muͤrbeſten 
Knochen und die am ſchlechteſten gezeichneten Gefäße, *) 


8 Schlußbemerkung. 


Roch ſollen auf demſelben Hau, ferner am bockaer 
Fußſteig, wie auf dem großen Berghaue aͤhnliche Huͤgel 


* Am 17. und 27. Auguſt 1837 wurde der eine der neuentdeck⸗ 
ten Huͤgel Nr. 5, in Gegenwart einer anſehnlichen Geſellſchaft aus 
Altenburg geoͤffnet; man fand 3 Urnen und 5 kleinere Gefaͤße, von 
welchen insbeſondere 2 Urnen gut erhalten waren, einige Feuerſtein⸗ 
meſſer, aber weder Gerippe, noch Streitaͤrte, noch Opfergeraͤthe. 


— 209 — 


ſich finden, und noch geftern wurden mir auf dem Pfaf⸗ 
fenfteigshau deren wohl 10 — 12 gezeigt. Sr. Herzogl. 
Durchlaucht hoͤchſter Befehl iſt, daß ſie nach und nach 
geöffnet werden ſollen. Wurdigt Sr. Herzogl. Durchlaucht 
mich auch ferner des gnaͤdigſten Vertrauens, dieſe Unter— 
ſuchungen zu leiten, ſo werde ich Alles aufbieten, die 
glücklichſten Reſultate zu erlangen und nicht ermangeln, die 
gemachten Entdeckungen auch hier vorzulegen. 
Roch liegt in der ſteinarmen Leina auf dem Fuchs⸗ 
bergshaue unweit Langenleuba-Niederhain ein großer 33 
Ellen langer, 22 Ellen breiter, 2 Elle dicker Stein, von 
dem ein Bruchſtück mitzunehmen mich ein Regenguß hin— 
derte. Unter ihm ſollen der Sage nach die Einwohner 
von Langenleuba einſt einen großen Schatz verborgen haben. 
Künftigen Herbſt wird, wie ich hoͤre, der Holzſchlag dort— 
hin kommen, wobei ſich die ſchoͤnſte Gelegenheit, den Stein 
zu heben, finden wird. Zwei andre große Steine ſollen 
jenſeits der neuen Chauſſee auf dem Zweiſteinhau liegen. 
Unter ihnen liegt nach der Meinung alter Leute der 
Huſſitenkoͤnig begraben. Hoffentlich werden wir auch dieſe 
Steine umwaͤlzen und ſehen, ob wir den guten Mann 
mit feiner goldnen Krone und Scepter finden. 

N Nun habe ich Ihnen wohl vielerlei mitgetheilt und 
dadurch Ihre Geduld auf harte Probe geſtellt. Aber noch 
habe ich nichts geſagt von der großen kupfernen Brau- 
pfanne mit 4 Henkeln, angefuͤllt mit lauter Speciesthalern, 
die wir uns wohl gern, was ſonſt nicht der Fall iſt, zu 
1 Thlr. 10 Gr. pr. Cour. anrechnen ließen, nichts von 
den metallenen Saͤrgen, die hier ſtehen ſollen, nichts von 
dem großen ſilbernen Sarge mit vier goldenen Füßchen 
und dergleichen Handhaben, den zu ſehen mehrere Leute 
kamen, nichts endlich von den 13000 Thlr. in koͤnigl. 
preuß. Louisd'oren, die wir gefunden haben ſollen. Ich 
hoffe wohl, daß Sie Alle die Freude uͤber einen ſolchen 
Fund mit uns würden getheilt haben. Aber leider! uns 
iſt davon nichts zu Geſichte gekommen. Vielleicht finden 
wir unter jenen Steinen den Schatz von Langenleuba oder 


— 210 — 


den Schmuck des Huſſitenkoͤnigs und machen dann ” 
gewuͤnſchte Ausbeute. 

Meine ſchoͤnſte Aus beute aber wird fein, e mein 
gnaͤdigſter Fuͤrſt mit meinen geringen Leiſtungen nicht ganz 
unzufrieden iſt, und wenn ich mir ſchmeicheln darf, heute 
etwas Weniges zur Unterhaltung der hoͤchſten und hohen, 
hochgeehrten Verſammlung beigetragen zu haben. 


XXIX. 


Die Frage: „Iſt eine Beſteuerung der 
Singvögel nothwendig und rathſam?“ 


Beantwortet vom Herrn Pfarrer Brehm 
zu unterrenthendorf. 


Sf eine Beſteuerung der Singvoͤgel nothwen⸗ 
dig und rathſam? — 


Es if bekannt, daß in unſerm Herzogthume die Rach⸗ 
tigallen, Sproſſer, Gras muͤcken und Mönde 
einer Beſteuerung unterworfen ſind. Das dazu ermaͤch⸗ 
tigende Geſetz iſt von den Landſtaͤnden ausgegangen und 
nicht ohne Widerſpruch durchgeſetzt worden. Die Abſicht, 
welche dieſes Geſetz ins Leben gerufen, iſt gewiß ſehr gut. 
Man will dadurch die Vermehrung der Singvoͤgel und 
die weitere Verbreitung der herrlichen Rachtig allen bes 
foͤrdern, indem man es ſchmerzlich empfindet, daß die 
ſchoͤne Reſidenzſtadt, die herrliche Leina und viele andere 
Laubwaͤlder ohne Rachtigallen find, und Orte anfuͤhrt, 
an denen ſonſt Nachtigallen lebten, jetzt aber, weil 
man glaubt, fie ſeien weggefangen, gaͤnzlich fehlen. Auch 
kann man anfuͤhren, daß die Singvoͤgel viele den Baͤu⸗ 


= 2 


men und Gemüſen ſchaͤdliche Inſecten verzehren und das 
durch ſehr nuͤtzlich werden. Endlich ſucht man geltend zu 
machen, es ſei eine wahre Grauſamkeit, die lieben Voͤgel, 
welche ſich ihres Lebens und ihrer Freiheit freuen wollten, 
in einen engen Käfig zu ſperren und fo zu einer ewigen 
Gefangenſchaft zu verurtheilen. 

Von dieſen Anſichten ausgehend glauben die Verthei— 
diger des obenerwaͤhnten Geſetzes vollkommen recht zu ha— 
ben; allein dennoch iſt die Wahrheit nicht auf ihrer Seite. 
Man wird mir erlauben, Einiges dagegen zu bemerken. 
Zuvor aber muß ich, damit man mich nicht der Parthei— 
lichkeit beſchuldige, anfuͤhren, daß ich kein eigentlicher Freund 
von Stubenvoͤgeln bin, nur ein Mal eine Nachtigall, 
ein Mal eine Gartengrasmücke oder einen Moͤnch 
gehalten habe und eben jetzt gar keinen Stubenvogel beſitze, 
alſo durch das obenerwaͤhnte Geſetz in keiner Art beſchraͤnkt 
werde. Ich hoffe, man wird das Nachfolgende mit der 
Ruhe aufnehmen, mit welcher es niedergeſchrieben wurde. 

Ich fange mit dem Letzten an. Mit Recht verbietet 
man den Sclavenhandel; denn die Sclaverei iſt eine Ent⸗ 
wuͤrdigung der Menſchheit, weil fie freie, vernünftige We⸗ 
ſen nicht nur zu einer dauernden Knechtſchaft verdammt, 
ſondern ſogar zu einer Waare herabwuͤrdigt. Allein ſelbſt 
der Menſch gewoͤhnt ſich an die Herabwuͤrdigung ſeiner 
ſelbſt und empfindet ſie deshalb weniger ſchmerzlich. Und 
welch ein Unterſchied findet zwiſchen einem vernünftigen 
und unvernünftigen Geſchoͤpfe Statt! Die letzten koͤnnen 
kein Gefühl ihrer Entwuͤrdigung oder ihres Ungluͤcks in 
ſich bewahren, im Gegentheile, wenn ſie einmal den Schmerz 
über den Verluſt ihrer Freiheit überwunden haben und 
eingewohnt ſind, befinden ſie ſich in der Gefangenſchaft 
bei guter Behandlung recht wohl und ſehen ſich durch die 
Liebe ihres Herrn fuͤr die ihnen mangelnde Liebe ihres 
Weibchens entſchaͤdigt. Das Letztere haben viele nicht 
einmal noͤthig, weil man ihnen ein Weibchen mit in die 
Gefangenſchaft giebt. Daß ſich die Voͤgel in dem Kaͤfige 
bei guter Abwartung wohl fuͤhlen, beweiſt der Umſtand, 


— 212 — 


daß viele freiwillig in ihn, oder in das Zimmer zurück⸗ 
kehren, und alle wohlgehaltenen Maͤnnchen durch ihren 
Geſang ihr Wohlſein ausdrücken; denn ein Vogel, welchem 
das Geringſte fehlt, ſingt nicht. Da alſo die Stubenvd⸗ 
gel in der Regel weit mehr, als in der Freiheit ſingen 
und zuweilen, wie ein Edelfinke in Berlin 27 Jahre 
im Kaͤfige leben, koͤnnen fie ſich nicht ſchlecht befinden und 
nicht ſich ungluͤcklich fuͤhlen. 

Ich kann aber hier bei der großen Empfindſamkeit 
mancher zarten Seelen einen Umſtand nicht unberuͤckſi ichtigt 
laſſen, welcher in die Augen faͤllt und beweiſt, daß man 
auch hier Mücken ſeiget und Kameele verſchlucket. Das 
Loos der Stubenvoͤgel findet man hart; allein ſie koͤnnen 
frei herumſpringen, genießen Licht und Sonne, ſoviel dieſes 
ihnen gut iſt, werden geliebt und geliebkoſ't und bis an 
ihren Tod gefüttert. Dagegen bindet man Kühe, Ochſen, 
Pferde, Eſel und Ziegen ſo an, daß ſie ſich nicht herum— 
drehen, ja kaum niederlegen koͤnnen; man ſperrt Hunderte 
von Schaafen in einen Stall, in welchem ſie ſehr wenig 
Raum haben; man ſteckt Schweine in kleine dunkle 
Schweinskoven; man haͤngt Hunde an die Ketten und ſetzt 
Maſtgaͤnſe, denen man durch Einſchieben von Pfroͤpfen 
das Freſſen zur Strafe macht, in die Schweber; man 
ſpricht von der Stallfuͤtterung als von etwas ganz Vor 
trefflichem, und die meiſten dieſer Thiere behandelt man auf 
dieſe Art grauſam im Leben, um ſie dann todtſchlagen, 
oder, wie die Schweine, langſam todtſtechen zu laſſen. 
Die nicht eßbaren Thiere, die Pferde und Eſel belaſtet man 
mit Bürden, welche fie kaum fortzubewegen im Stande 
ſind, — in Berlin muß ein abgemagertes Pferd von da 
nach Charlottenburg und zuruck oft mehrmals in einem 
Nachmittag 12 Perſonen fahren, und auf unſern Straßen 
ſchafft man mit 4 Pferden 150 Centner fort, wobei na⸗ 
türlich die armen Thiere geſchunden werden, — man treibt 
die Pferde vor Kutſchen, Schnell- und Extrapoſten ſo an, 
daß ſie nicht ſelten todt niederfallen, — das Alles findet 
man in der Ordnung, und den im gutgehaltenen freien Kaͤſige 


— 


215 ) 
heiter herumſpringenden und fröhlich ſingenden Stubenvos 
gel beklagt man?? 

Woher kommt das? 1) daher, daß man von Ju⸗ 
gend auf an dergleichen Dinge gewoͤhnt iſt, und 2) den 
Magen auf eine Art in Ehren haͤlt, uͤber welche man 
ſtaunen muß. Dieſem Goͤtzen Alles ohne Barmherzigkeit 
zu opfern, traͤgt man kein Bedenken. 

Ich komme nun auf den Hauptpunkt, naͤmlich auf 
die behauptete Verminderung der Singvoͤgel durch die 
Stubenvoͤgelliebhaberei und den daraus erwachſenden Rach— 
theil fuͤr Waͤlder, Gaͤrten und Felder. In der ganzen 
Natur entzückt mich Richts mehr, als die Bevoͤlkerung 
durch die Voͤgel. Dies geht bei mir ſoweit, daß ich in 
dieſem Fruͤhjahre, (Junius 1837), in welchem meine Lieb— 
linge in den Waͤldern, auf den Bergen und in den Fel— 
dern fehlen, mit einem kaum zu bewaͤltigenden Gefuͤhle 
der Trauer die freie Natur betrete. Die Voͤgel ſind es, 
welche die Waͤlder, die Gaͤrten, die Wieſen, die Felder, die 
Teiche und Fluͤſſe, ja ſelbſt die Luft beleben und dem 
Frühjahre den eigentlichen Zauber verleihen. Bei dieſer 
meiner Anſicht wuͤrde eine durch die Stubenvdgelliebhaberei 
bewirkte Verminderung der Singvoͤgel gerade mir, weil 
ich jeden Lockton kenne und jeden vorzüglichen Geſang zu 
unterſcheiden, ja zu genießen im Stande bin, hoͤchſt ver— 
drießlich, ja ſogar wahrhaft betruͤbend fuͤr mich ſein, und 
das herrliche Italien wuͤrde dadurch, daß dort durch das 
allgemeine Fangen und Schießen der Voͤgel dieſe lieben 
Thierchen in manchen Gegenden faſt ausgerottet ſind, viel 
von, feinem Reize für mich verlieren. Ich würde alfo, - 
wenn ich uͤberzeugt waͤre, daß die Stubenvoͤgelliebhaberei 
die Zahl der Singvoͤgel wirklich verminderte, mich ſehr 
ſtarl gegen fie erklaͤren; allein dies iſt in Wahrheit wenig⸗ 
ſtens im Allgemeinen durchaus nicht der Fall. Ich will 
zugeben, daß an beſtimmten Orten, z. B. in fuͤrſtlichen 
Gärten, in der Nahe großer Städte, in denen es viele 
Vogelſteller giebt, durch dieſe die Zahl der Singvoͤgel vers - 
mindert, ja auffallend vermindert werden kann. Denn es 


— 


— 214 — 


iſt natürlich, daß, wenn an ſolchen Orten die erſte Nach⸗ 
tigall, welche ſich hoͤren laͤßt, weggefangen wird, und dies 
der zweiten, dritten und vierten auch fo ergeht, endlich 
keine mehr uͤbrigbleiben kann. 

Darum verbiete man an ſolchen Orten, an denen der 
Geſang dieſer herrlichen Voͤgel beſonders angenehm iſt, 
und nur von wenigen Individuen ertoͤnt, das Fangen der 
Nachtigallen, wohl auch das der Gartengras⸗ 
mücken und anderer vorzuͤglichen Sänger, obgleich dies 
bei den letztern wegen ihrer großen Anzahl weniger nöthig 
iſt, ſtreng. Ebenſo bin ich der Meinung, daß man im 
ganzen Lande den Knaben das Ausnehmen der Neſter — 
hier ſehr bezeichnend Ausſchinden genannt, — ſtreng 
unterſagen muß, und es freut mich deswegen ſehr, daß 
der hieſige Schullehrer jeden Knaben, welcher muthwillig 
ein Vogelneſt zu Grunde richtet, abſtraft; denn dieſes Aus⸗ 
ſchinden der Vogelneſter macht das Gemuͤth hart und ge— 
fuͤhllos gegen Thiere, dadurch ſpaͤter gegen Menſchen, und 
vermindert die Vermehrung der Voͤgel auf eine hoͤchſt auf⸗ 
fallende Weiſe. Darum ſehe man ſtreng darauf, daß die 
Knaben nicht auf dieſe Art Gottes Werkſtatt zu Grunde 
richten. Dann vermindere man nach Moͤglichkeit die Raub⸗ 
voͤgel, welche ſich vorzugsweiſe von Vögeln ernähren, das 
hin gehoͤren in unſeren Gegenden vorzuͤglich die Habichte, 
Sperber und Baumfalkenz; denn die andern freſſen, 
wie die Eulen, Fuͤchſe, Marder und Ittiſſe, ſehr viele 
Maͤuſe und werden dadurch nuͤtzlich. 

Allein die Stubenvoͤgelliebhaberei vermindert die Zahl 
der Singvoͤgel im Allgemeinen nicht. Ein genaueres Eins 
gehen in die Sache wird dies zeigen. Ich zweifle ſehr, 
daß bisher im ganzen altenburgiſchen Lande 100 Nachti⸗ 
gallen, 300 Gartengrasmuͤcken, 400 Moͤnche, 500 Feld- 
lerchen u. ſ. w. gehalten worden ſind. Auch der Betrag 
der Steuer wird fo gering fein, daß durch ihn obige Bes 
rechnung ihre Beſtaͤtigung finden wird, ſelbſt unter der 
Vorausſetzung, daß wegen dieſer Steuer jetzt weit weniger 
Stubenvoͤgel vorhanden ſind. Was iſt die oben bemerkte 


250 — 


Zahl gegen das Ganze und gegen den Abgang, welchen 
die Menge der Voͤgel durch andere Umſtaͤnde erleidet? 
Ein einziges Sperberpaar faͤngt in einem Tage, wenn es 
3 bis 4 Junge hat, wenigſtens 12, zuletzt oft 20 Voͤgel, 
und zwar faſt lauter Singvoͤgel. Berechnet man nun 
die Ernährung dieſer Jungen durch die Alten auf 5 Wo⸗ 
chen — dies muß man annehmen, weil die jungen Sper⸗ 
ber ſehr ſpaͤt allein freſſen, noch ſpaͤter fangen lernen — 
und nimmt man taͤglich nur 10 Singvoͤgel an, fo iſt dies 
eine Zahl von 350. Bedenkt man nun ferner, daß jedes 
der Alten außer der genannten Zeit, in welcher ſie die 
Jungen ernähren. muͤſſen, taͤglich nur 1 Singvogel vers 
zehrt, — ich ſetze die Zahl derſelben ſo niedrig, weil ſie 
im Winter viele Sperlinge freſſen, — ſo giebt dies, ohne 
die vielen Voͤgel, welche die Jungen, nachdem ſie zur 
Jagd geſchickt ſind, fangen, auch nur in Anſchlag zu brin⸗ 
gen, 1010 Voͤgel. Rimmt man nun die von den Jun⸗ 
gen noch geraubten Voͤgel mit hinzu: ſo iſt es keinem 
Zweifel unterworfen, daß 2 Sperberpaare fo viele Sing— 
voͤgel fangen, als im ganzen Herzogthume Altenburg gehals 
ten werden. Und dieſe fangen ſie großen Theils von den 
Eiern und Jungen weg, welche dann auch zu Grunde 
gehen muͤſſen, und alle in einem Jahre, während die Stu- 
benvögel 10 Jahr und länger in der Gefangenſchaft am 
Leben bleiben, man alſo annehmen muß, daß die Zahl 
der jaͤhrlich fuͤn das Zimmer gefangenen Stubenvögel viel 
geringer iſt, als die derer, welche gehalten werden. So 
leuchtet von ſelbſt ein, daß 2 Sperberpaare den Singvoͤ⸗ 
geln gefaͤhrlicher ſind, als alle Stubenvoͤgelliebhaber des 
ganzen Herzogthums zuſammen genommen. Und doch habe 
ich nur von 2 Sperberpaaren, noch nicht von den vielen 
andern, welche im Herzogthume Raum, noch nicht von den 
Habichten, Baumfalken und andern Raͤubern ge⸗ 
ſprochen. 1 
Und was few ich 10 von der ungeheuern Menge 
der lieben Singvoͤgel, welche gefangen und verſpeiſt wer⸗ 
den! Ein einziger Vogelſteller in Greiz fing in einem 


— 216 — 


Herbſte 63 Schock Meiſen; in Hummelshain wurden in 
einem Herbſte 53 Schock Krammets vögel — bekanntlich 
faſt lauter Singvoͤgel erbeutet; beim Lerchenſtreichen wer⸗ 
den, wenn der Zug gut iſt, an einem Abende, in einer 
einzigen Stallung 300 — 400 Stück gefangen, eine gute 
Schneuße liefert taͤglich im Durchſchnitte 30 Stuͤck Voͤgel. 
Welch eine zahlloſe Menge von lieben Voͤgeln werden 
durch alle dieſe Fanganſtalten zu Grunde gerichtet! Und 
warum ſagt man dazu nichts? Warum beſteuert man 
ſolche Fanganſtalten nicht? Weil dieſe unzähligen Schlacht— 
opfer dem Magen dargebracht werden, und dieſer eine ſo 
unumſchraͤnkte Herrſchaft übt, daß ihm Niemand gern in 
den Weg tritt. 8 0 
Wer ſieht nicht ein, daß bei dieſer ungeheuern Vers 
minderung der Voͤgel, gegen welche gar Niemand etwas 
einwendet, die wenigen, welche gehalten werden, nicht in 
Betracht kommen? Dieſe ſchaden der Vermehrung der 
Singodgel auch aus dem Grunde nichts, weil weit 
mehr Maͤnnchen als Weibchen bei den Voͤgeln, 
wie bei allen andern Thieren vorhanden find. 
Wer das bezweifelt, gebe Achtung auf die Kaͤmpfe der 
Maͤnnchen um die Weibchen, welche ohne jene Annahme 
nicht denkbar ſind, und unterſuche die Fluͤge ſolcher Voͤgel, 
unter denen man die Maͤnnchen und Weibchen leicht un— 
terſcheiden kann, z. B. die der Edelfinken, Berg fin- 
ken, Zeiſige u. a., und er wird dann leicht bemer⸗ 
ken, daß die Zahl der maͤnnlichen Voͤgel ſtets groͤßer iſt, 
als die der weiblichen. Und wenn Einer ſich davon im⸗ 
mer noch nicht uͤberzeugen koͤnnte, ſo frage er die Jaͤger oder 
Jagdbeſitzer, welche ganze Voͤlker von Feldhühnern in Gar— 
nen fangen, ſie werden dem Zweifler die Gewißheit geben, 
daß es unter jeder Familie Feldhuͤhner mehr Haͤhne als 
Hennen giebt. So iſt es im Allgemeinen und zwar aus 
dem einfachen, von der goͤttlichen Weisheit zeugenden 
Grunde, damit die Schwaͤchlinge unter den Maͤnnchen 
nicht zur Paarung kommen, und der Kraͤftigkeit des Ge⸗ 
ſchlechts (gens, nicht genus) keinen Eintrag thun koͤnnen. 


— ' iR — 


Unter dieſen Verhaͤltniſſen iſt es klar, daß eine gegen das 
Ganze gehaltene unbedeutende Verringerung der Zahl der 
männlichen Voͤgel, der Fortpflanzung und Vermehrung ders 
ſelben gar keinen Eintrag thut; denn auch bei ihr kom— 
men die ganz Schwaͤchlichen immer noch nicht zur Begats 
tung, bringen alſo dem kraͤftigen Gedeihn der Art noch 
keinen Schaden. Alſo auch nach dieſen richtigen, auf den 
ſicherſten Thatſachen beruhenden Grundſaͤtzen iſt die Stu⸗ 
benvoͤgelliebhaberei der lieben Voͤgelwelt keineswegs unheil⸗ 
bringend. — 


Aber, wird Mancher ſagen, warum giebt es denn bei 
Altenburg in der ſchoͤnen Leina und in andern Laubhöls 
zern und buſchreichen Stellen keine Nachtigallen, waͤhrend 
man ſie bei Leipzig haͤufig findet? Aus demſelben Grunde, 
aus welchem fie bei Baireuth, Muggendorf, Erlangen, 
Nürnberg, Fürth, Forchheim, Bamberg und Kloſter Banz 
obgleich alle dieſe Orte mit ihren ſchoͤnen Umgebungen 
dieſen Meiſterſaͤngerinnen einen ſchoͤnen Aufenthalt darzus 
bieten ſcheinen, gaͤnzlich fehlen, da ſie doch bei Coburg im 
Thiergarten und an der Straße nach Bamberg, nicht aber 
in Roſenau, ſo ſehr man ſie dort anzufiedeln geſucht hat, 
haͤufig ſind. Wenige Voͤgel ſind in der Wahl ihres 
Aufenthaltsortes ſo eigenſinnig, daß ſie nur auf ganz be⸗ 
ſtimmte Gegenden beſchraͤnkt ſind. Offenbar werden ſie 
dazu durch gewiſſe, ihnen zur Rahrung dienende, Inſecten 
beſtimmt; aber noch iſt es mir fo wenig, als einem Ans 
dern bis jetzt gelungen, dieſe Inſectenart auszumitteln und 
zwar aus dem einfachen Grunde, weil es meinem Herzen 
immer zu wehe gethan hat, ſchoͤn ſchlagende Rachtigal— 
len an dem Standorte zu erlegen und ihre Nahrung ge— 
nauer zu unterſuchen, Ja, es kann geſchehen, daß Rachti⸗ 
gallen, ſo gut wie die Wiedehopfe, welche ſonſt in 
unſern Thaͤlern bruͤteten und ſie jetzt gaͤnzlich verlaſſen 
haben, aus unſern Gegenden weichen. Sonſt brüteten 
einzelne hier um Renthendorf, bei Altendorf unweit Kahla 's, 
ja bei Schönau vor dem Thuͤringerwalde, an allen dieſen 

15 


— 213 — 


Orten findet man, ob fie gleich nicht weggefangen onen, 
kein einzige mehr. 

Es iſt alſo, wenn nicht befondere Umftände 8 
gar nicht zu erwarten, daß bei der Beſteuerung dieſer ſchoͤ⸗ 
nen Saͤngerinnen jene von ihnen verlaſſenen Orte ſich 
wieder mit ihnen anfuͤllen werden. Ebenſo wenig werden 
wir, wenn nicht die den Nachtigallen vorzugsweiſe zur 
Rahrung dienenden Inſecten in der Raͤhe von Altenburg 
heimiſch werden, jemals dieſe herrlichen Voͤgel dort bruͤten 
ſehen. Alſo wird die Beſteuerung der Nachtigallen in 
Bezug auf die Vermehrung und weitere Verbreitung im 
Altenburgiſchen von gar keinem Einfluſſe ſein. Man wird 
auf der Welmſe bei Drakendorf und an den wenigen an⸗ 
dern Orten des Landes, an denen es bisher Nachtigallen 
gab, auch inskuͤnftige nicht mehr, als früher und an an⸗ 
dern Orten keine antreffen. Auch in Bezug auf die faſt 
überall ſehr häufigen Gras mucken und Moͤnche wird 
es beim Alten bleiben; denn daß die wenigen, welche bis⸗ 
her gehalten wurden, in Bezug auf das Ganze von keinem 
Belang ſind, habe ich hinlaͤnglich bewieſen. Auch iſt bei 
Unterlaſſung, oder wie wir gewiß hoffen, bei Wieder-Auf⸗ 
hebung der Steuer nicht zu fuͤrchten, daß ſich die Zahl 
der Freunde der Stubenvögel, allzuſehr vermehren werde. 
Das Halten derſelben, zumal der Inſectenfreſſenden koſtet 
ſo viele Muͤhe, daß es nur Wenige giebt, welche ſich der⸗ 
ſelben unterziehen moͤgen; alſo iſt auch von dieſer Seite 
gar nichts zu befürchten. — 

Es geht alſo aus dem Vorhergehenden, was auf den 
Ergebniſſen einer vieljaͤhrigen und ſehr ausgebreiteten Er⸗ 
fahrung beruht, unwiderſprechlich hervor: „nothwendig 
war das Geſetz der Beſteuerung der Singvdͤ— 
gel durchaus nicht.“ Es wird, ich ſage es mit Zu⸗ 
verſicht keine Vermehrung oder weitere Verbreitung dieſer 
lieben Thierchen bewirken? Vielleicht aber iſt dieſes Geſetz 
rathſam? Bringt es der Staatskaſſe viel ein? Das 
wird ſich bald zeigen; allein es laͤßt ſich mit Gewißheit 
vorausſagen „daß der Betrag des Ganzen kaum der Rede 


— 1 — 


werth fein wird. Denn es iſt natürlich, daß nur wenige 
Menſchen bei den ohnehin in jeder Hinſicht theuern Lebens⸗ 
bedürfniſſen die Luft haben werden, die hohe Steuer für 
Singvoͤgel zu entrichten; ſie werden es machen, wie es 
viele meiner Bekannten ſchon gethan haben, ſie ſchaffen 
ihre Lieblinge ab. Dadurch geht nicht nur ihnen, ſondern 
Vielen, welche um ſie wohnen, ein großer Genuß verloren. 
Schon als ich Schüler war, arbeitete ich am liebſten im 
Frühjahre da, wo ich 2 herrliche im Kaͤfige befindliche 
Nachtigallen ſchlagen hörte. Wie freute ich mich, als ich 
in Kahla den erſten Sproſſer bewundern konnte! Mit 
welchem Vergnuͤgen horchte ich in jeder Stadt, durch 
welche ich reiſte, auf die Singvoͤgel, beſonders auf die 
Sproſſer und Nachtigallen, guten Finken und 
dergleichen. In Wien iſt es flr den Freund des Vogel⸗ 
geſangs das größte Vergnügen, im Frühjahr Abends in 
den Straßen ſpazieren zu gehn, und die herrlichen Sprofs 
fer, Rachtigallen, Blau- und Steindroſſeln, 
Baſtard-Rachtigallen, Gartengrasmuͤcken und 
dergleichen zu hoͤren. Ein ſolches Vergnuͤgen wuͤrde der 
ganzen Stadt durch ein einziges und noch dazu ganz uns 
noͤthiges Geſetz alſo ohne allen Grund entzogen. Aber 
wen trifft die Haͤrte dieſes Geſetzes ganz beſonders? etwa 
die Reichen oder Vornehmen? Sie bezahlen die Steuer 
und fühlen die wenigen Thaler bei den vielen andern, 
welche fie ausgeben, nicht. Allein jenen Gedrückten, welche 
auf die Freude des Genuſſes der freien Natur verzichten 
und ihre ganze Lebenszeit die Nadel oder den Pfriemen 
führen, oder hinter dem Weberſtuhl ſitzend den die Bruſt⸗ 
werkzeuge zu Grunde richtenden Garnſtaub einathmen müſſen 
und wegen der durch ihre Lebensart herbeigefuͤhrten Kraͤnk⸗ 
lichkeit des Leibes oft krank am Geiſte oder wenigſtens 
ſplenſüchtig werden, ihnen, den ohnehin Bedauernswerthen 
entzieht man ſchonungslos die lieben Saͤnger, welche in 
das traurige Einerlei ihres armen Lebens etwas Abwechs⸗ 
lung bringen und fie über ihr unglückliches Loos täuſc 1% 
und dadurch, daß ſie den Geſang der Auen in ihrem Zim⸗ 


mer ertönen laſſen, auf Viertelſtunden wenigſtens ſich in 
die freie Ratur hinzaubern koͤnnen! O, Ihr Vaͤter des 
Vaterlandes, hättet. Ihr an dieſe Bedauernswerthen ges 
dacht, Ihr hättet gewiß das obenerwaͤhnte Geſetz nicht ge> 
geben, Ihr haͤttet den Armen die Freude ihrer Einſamkeit 
nicht geraubt und ihnen die ſingende Gras mucke, den 
flötenden Moͤnch und die ſchlagende Nachtigall ges 
laſſen! Da es nun jetzt mit Recht allgemeiner Grund» 
ſatz iſt, die menſchliche Freiheit ſo wenig als moͤglich zu 
beſchraͤnken, und Jedem ein erlaubtes Vergnuͤgen nicht zu 
verkuͤmmern: ſo glaube ich gewiß, daß man das Geſetz 
der Beſteuerung der Singooͤgel nach reiflicher Erwägung 
und gewonnener vollkommener Einſicht in die Natur der 
Sache zurücknehmen und dadurch alle Freunde der Stuben— 
voͤgelliebhaberei zu lebhafter Dankbarkeit verpflichten wird. 


XXX. 


5 Bemerkungen zu dem Auf fatze: 
Die Frage: „Iſt eine Beſteuerung der 
Singvögel nothwendig und rathſam? “ zc. 


Hon einem landschaftlichen Abgeordneten. ö 


Die Frage: 


Iſt eine Beſteuerung der Singodͤgel nothwen— 
dig und rathſam? 


iſt von dem Herrn Pfarrer Brehm in einer beſondern 
Abhandlung verneint worden. Doch ſcheint mir dieſe Ab— 
handlung nicht ganz frei zu ſein von mehr oder minder 
bedeutenden Vorurtheilen und Irrthuͤmern, welche mit we⸗ 


- IM — 


nigen Worten näher: ins Licht zu ſetzen und zu widerlegen, 
ich verſuchen will. Schon die Frage an und fuͤr ſich iſt 
ihren Worten nach weiter geſtellt, als es ſein ſollte. Denn 
es iſt bekannt, daß der allgemein verehrte Landſchaftspraͤ— 
ſident Miniſter von Lindenau ſchon im Jahre 1832 nach 
Seite 33 der landſch. Mitth. das Halten der Rach ti— 
gallen zu beſteuern beantragte, ein Antrag, welcher dann 
ſpaͤter im Jahre 1837 landſchaftlicher Seits erneuert und 
landesherrlich zum Geſetz erhoben und zugleich auch auf 
das Halten von Grasmuͤcken, Sproſſern und Platt⸗ 
moͤnchen ausgedehnt wurde, aber auch nur auf dieſe vier 
Species, und deshalb nicht auf alle Singvoͤgel bezogen 
werden darf. Haͤlt man dieſes feſt, ſo wird man bald 
finden, daß viele von dem Verfaſſer obgedachter Abhand⸗ 
lung zu Vertheidigung ſeiner Anſicht aufgeſtellte Schein⸗ 
gründe als unpaſſend von ſelbſt wegfallen, weil er dabei 
nicht blos die vier genannten Arten, ſondern die Singvoͤ⸗ 
gel im Allgemeinen ins Auge gefaßt hat, was um fo aufs 
fallender iſt, da er in den erſten Zeilen feines Aufſatzes 
ſelbſt die vier Arten namhaft aufluͤhrt. 

Eben fo irrig iſt auch die von dem Verfaſſer im Eins 
gang ſeines Aufſatzes ausgeſprochene Meinung, daß das 
auf die Beſteuerung der Voͤgel bezuͤgliche Geſetz nicht ohne 
Widerſpruch durchgeſetzt worden ſei. Denn dagegen ſpre⸗ 
chen ganz beſtimmt die in den, wie es nach dieſem Bei— 
ſpiele ſcheint, von dem Herrn Pfarrer Brehm nur fluͤch⸗ 
tig geleſenen landſchaftlichen Mittheilungen vom Jahr 1837 
S. 617 enthaltenen angegebenen Worte, woraus klar und 
deutlich hervorgeht, daß nicht nur kein Widerſpruch, ſondern 
allgemeines Einverſtaͤndniß von Seiten der Landſchaft Statt 
gefunden hat. Gehen wir nun weiter, ſo bemerken wir 


ferner, daß der Verfaſſer die fonderbare Meinung aufſtellt, 


daß ſich dieſe Thierchen, (wie in gewiſſem Grade ſogar die 
Menſchen !?) fobald fie einmal an die Gefangenſchaft ge⸗ 
woͤhnt ſind, alsdann waͤhrend derſelben bei guter Be⸗ 
handlung recht wohl befaͤnden, ein Satz, welchem ich durch⸗ 
aus nicht beipflichten kann, da abgeſehen von dem Truͤ⸗ 


— 222 — 


geriſchen der menſchlichen Beobachtung in Beziehung auf 
thieriſche Gefuͤhle, einerſeits ein großer Theil derer, welche 
ſich dergleichen Voͤgel halten, nicht im Stande iſt, ihnen 
die gehoͤrige, gute Behandlung zu geben, weil das Futter, 


welches ſich dieſe Thiere im Freien ſelbſt ſuchen konnen, 


ihrer Ratur gewiß beſſer zuſagen wird, als das aus geriebenen 
Semmeln, Moͤhren, Gries und dergleichen kuͤnſtlich berei⸗ 
tete, andrerſeits uns die taͤgliche Erfahrung lehrt, daß die 
meiſten dieſer Voͤgel entweder waͤhrend der erſten Zeit ihres 
Eingeſperrtſeins, oder wenigſtens in wenig Jahren darnach 
ſterben, ſo daß das Beiſpiel von dem Edelfinken in Berlin, 
welcher in den Käfig eingeſchloſſen ein Alter von 27 Jah⸗ 
ren erreichte, nur als ſeltene Ausnahme, nicht als Regel 
gelten kann. 

Wie ſonderbar und unſtatthaft ferner der zwiſchen 
den Singvoͤgeln und zwiſchen Ochſen, Pferden, Ziegen, 
Schaafen und andern Hausthieren gezogene Vergleich iſt, 
dies weiter auszufuͤhren, moͤchte wol kaum irgend wer fuͤr 
noͤthig erachten, da es denn doch platt genug vorliegt. 
Denn abgeſehn davon, daß uns die einen, ohne daß wir 
dem Magen dabei als Goͤtzen froͤhnen, zu unſerm Lebens— 
unterhalt ganz unentbehrlich ſind, waͤhrend die andern 
mehr eine Art von Luxusartikel ausmachen, ſo ſind ſie 
ſchon ihrer natuͤrlichen Beſchaffenheit nach und der Art 
ihrer Behandlung gemaͤß, zu ſehr von einander verſchieden, 
als daß ſie hier neben einander geſtellt werden koͤnnten. 

Das betruͤbende Gefuͤhl, welches unſern Verfaſſer 
— wie er verſichert — bei dem Gedanken ergreift, daß 
in Italien, ſo wie auch bei uns in der Naͤhe von Reſi⸗ 
denzſtaͤdten und fuͤrſtlichen Gartenanlagen dieſe lieblichen 
Saͤnger der Natur durch Wegſchießen und Wegfangen faſt 
gaͤnzlich ausgerottet wuͤrden, wozu noch das auf dem 
Lande (trotz des ſtrengen Verbots) haͤufig vorkommende 
Ausnehmen und muthwillige Zerſtoͤren der Vogelneſter durch 
böfe Buben ſehr viel beitraͤgt; dies Gefuͤhl iſt nicht nur 
ein ſehr natuͤrliches, ſondern ganz vorzuͤglich ein dem Cha⸗ 
rakter eines Predigers vollkommen entſprechendes. Rur 


— 2 — 


ſcheint mit jedoch die von dem Verfaſſer worgllegte Be⸗ 
rechnung (deren Richtigkeit ſich auch noch gar ſehr be⸗ 
zweifeln ließe) weniger fir ſeine Anſicht als vielmehr für 
die meinige zu ſprechen. Denn wenn er ſelbſt zugiebt, 
daß durch die Raubvoͤgel viele dieſer Singvoͤgel aufgefteſ⸗ 
ſen würden; ſo ſollten wir um ſo mehr uns dringend 
veranlaßt fühlen, den von der Natur ſelbſt erzeugten Ver⸗ 
luſt nicht durch abſichtliches Wegfangen und Einſperren 
noch zu vermehren, ſondern dadurch, daß mehrern Hunders 
ten dieſer Motacillen, welche eingeſperrt waren oder es 
werden ſollten, die Freiheit gegeben oder gelaſſen wird, 
zur Belebung und Verſchoͤnerung der freien Natur wenigſtens 
ſo viel nur immer moͤglich mitzuwirken. Hierzu kommt 
auch noch, daß von Seiten der Rachbarſtaaten, welche 
ſchon ſeit längerer oder kuͤrzerer Zeit, ohne ſich durch 
Scheingruͤnde laͤngſt vorgebrachter Art gegen ein derartiges 
Geſetz befangen und einnehmen zu laſſen, gleiche Verord- 


nungen gegen die noth- und nutzloſe Verminderung freier 


Singvoͤgel mit Erfolg und zu aller Wohlmeinenden Freude 
eingeführt und beibehalten haben, mehrfache Klagen daruͤber 
eingelaufen ſind, daß die in ihren Laͤndern ſich aufhalten⸗ 
den Nachtigallen, von Zeit zu Zeit durch Altenburgiſche 


N Einwohner ſchonungslos und gewinnſüchtig weggefangen 


und hier im Inlande verkauft wuͤrden. 

Faßt man nun, um nicht nutzlos weitläufig zu werden, 
das hier Erwiderte zuſammen, ſo wird man die Frage: 
„Ob eine Beſteuerung der Nachtigallen, Grasmuͤcken, 
Sproſſer und Plattmoͤnche unbedingt nothwendig ſei?“ 
allerdings mit „Rein“ beantworten koͤnnen, da weder 
durch die bejahende noch verneinende Beantwortung dieſer 
Frage der Staat in ſeinen Grundfeſten eine weſentliche 
Erſchuͤtterung erlitten haben und der Gewinn fuͤr die 
Staatskaſſe von gar keinem Belang geweſen ſein dürfte, 
Aber rathſam und gut moͤchte dies Geſetz wohl ſein 
und bleiben, wenn uns nicht nur der in der Zukunft vor⸗ 


ausſichtliche, von dem Verfaſſer der hier kuͤrzlich beleuchte⸗ 


ten Schutzſchrift fur die Einſperrung der Nachtigallen ꝛc., 


2 


nicht ſo ohne Weiteres abzuſprechende Erfolg, ſondern auch 
ſchon jetzt die Zufriedenheit und Freudigkeit den beſten Be⸗ 
weis giebt, welche nicht nur von vielen Bewohnern der 
Reſidenzſtadt, ſondern auch von denen der Provinzialſtaͤdte 
bei Annahme des Geſetzes lebhaft an den Tag gelegt 
wurde, eines Geſetzes, welches ſeit einer Reihe von Jahren 
in Wort und Schrift von jedem unbefangenen Freunde der 
Natur gewünſcht und erwartet worden iſt. 

Daher bin ich denn auch feſt überzeugt, daß die Als 
tenburger Landſchaft ſich nicht veranlaßt finden wird, dem 
Verfaſſer zu Gunſten, oder auf. feine eigenthümlichen nach 
Erfolgen unbewaͤhrten Anſichten unuͤberzeugt eingehend, den 
Antrag zu ſtellen, das Geſetz Über Beſteuerung der Rach— 
tigallen, Sproſſer, Grasmuͤcken und Plattmoͤnche nothlos 
und zweckwidrig zuruͤckzunehmen. Mag der Verfaſſer der 
beleuchteten Schutzſchrift bei ſpaͤterm Widerzuſammentritte 
der Landſchaft einen hierauf abzweckenden Antrag an ſie 
richten, um deſſen unwillige Ablehnung ſelbſteigen zu 
erfahren. ö 


Schlieslich noch einige ſpecielle Bemerkungen: 


1) Der Herr Verfaſſer ſcheint außer Acht gelaſſen 
zu haben, daß ein großer Theil, namentlich der eingefan— 
genen Rachtigallen ſtirbt, und nur ein kleinerer die Ges 
fangenſchaft überlebt, nämlich nur die, die nicht ſchon ges 
paart haben, und die allein man daher in den Käfig thun ſollte. 

2) Die Rückſicht, daß dem fleißigen Handwerker, der 
an die Stube gebannt iſt, die Unterhaltung durch Stuben— 
voͤgel nicht entzogen werden ſollte, iſt bei den landſchaft⸗ 
lichen Berathungen nicht außer Acht geblieben. Deshalb 
wurden nur die Singvoͤgel beſteuert, die im Zimmer ſchwer 
lebend zu erhalten ſind, im Freien viel mehr Vergnuͤgen 
gewähren, deren Abwartung beſondere Mühe und Koften 
macht, und die man e nur äußerſt ſelten in jenen 
rn findet, AR 

0) Da das Halten nut besteuert, „ nicht betbeln it, 


— 2253 — 


koͤnnen mehrere Nachbarn zuſammentreten und durch Ver⸗ 
theilung der Steuer ſich den Genuß noch immer gewaͤhren. 
Der Wohlhabende wird, iſt er wirklich Liebhaber, unge⸗ 
achtet der Abgabe fi) feine Nachtigall fort halten. 

4) Es iſt Thatſache, daß Rachtigallen durch das 
Wegfangen aus einer ganzen Gegend verſcheucht werden. 

5) Eben ſo iſt es Thatſache, daß an Orten, wo ſie 
ſich weggewoͤhnt hatten, unter dem Schutze der Steuer, 
wieder welche angeſiedelt worden ſind, und ſich wohl halten. 
So diene zur Berichtigung und zugleich zur allge⸗ 
meinen Aufmunterung, daß ſie in der Roſenau bei Coburg 
vor noch nicht langer Zeit angeſiedelt und jetzt haͤufig ſind. 
(Man laͤßt eine Anzahl noch nicht lange gefangner im 
Frühjahr nach Verfluß der Zugzeit an einem ruhigen Orte 
frei und fuͤttert ſie mit Mehlwuͤrmern und Ameiſenpuppen. 
Man thut wohl, ihnen dabei die 3 oder 4 erſten Schwung⸗ 
federn abzuſchneiden und eine ſchlagende Nachtigall ans 
Fenſter zu bangen). — Wuͤrden auf dieſe Weiſe an meh— 
rern Orten wieder Nachtigallen angeſiedelt, fo glaube ich, 
daß ſelbſt die, welche ſie vordem im Zimmer hielten, 
bliebe ihnen die Wahl des Einen oder des Andern den, 
wenn auch nicht taͤglichen Genuß, fie im Freien zu hoͤren, 
vorziehen. 

6) Es iſt wahr, daß eine iſolirte Beſteuerung der 
Rachtigallen ꝛc. im Herzogthum Altenburg für den Haupt- 
zweck nicht viel helfen wuͤrde, weil ſie von Fremden ein⸗ 
gefangen werden wuͤrden. Allein meines Wiſſens beſteht 
die Beſteuerung im Weimarſchen, Rudolſtaͤdtiſchen, Mei⸗ 
ningenſchen und Coburg⸗Gothaiſchen. Im Weſten ſchließt 
ſich Altenburg unmittelbar an. Beſtaͤtigt ſich nun die 
Hoffnung, daß das Beſteuern das Wegfangen mindern und 
die ganz aus einer Gegend Verſcheuchten ſich wieder einge⸗ 
woͤhnen laſſen, fo. darf man hoffen, daß auch andere Laͤn⸗ 
der ſich dem Vorgang der oben genannten anſchließen und 
die Abſicht deſto ſicherer werde erreicht werden. 

) Hat der Herr Vertheidiger der Singvogelſclaverei, 
wenn er meint, Do mit dem von ihm angefochtenen. a 


— 126 — 


feße eine Finanz⸗ Operation, ein Gewinn fuͤr die Staats⸗ 
kaſſe bezweckt worden ſei, in feinem Eifer das Geſetz übers 
fliegend, gänzlich uͤberſehen, daß nicht der Staatskaſſe, ſon⸗ 
dern der Armenkaſſe der Gemeinde, in deren Bezirke der 
Beſitzer des ſteuerbaren Vogels wohnt, der Ertrag der Abs 
gabe zugewieſen worden iſt; auch tritt dieſer Zweck, der 
eines Zuſchuſſes zu Bedeckung des Armen-Verſorgungs⸗ 
Auſwandes, fo in dem landſchaſtlichen Antrage wie im 
Geſetze offenbar als ein ſecundaͤrer, gelegentlicher, der Haupt⸗ 
zweck aber, „das Einfangen der bezeichneten Singodͤgel 
moͤglichſt zu beſchraͤnken und deren Anſiedelung im Freien 
zu befördern, auf eine Weiſe hervor, welche wahre und 
uneigennuͤtzige Freunde der belebten Natur nothlos nicht 
verunglimpfen oder verdaͤchtigen werden. 


XXXI. 
Miscellen und Notizen. 


Mit Dank bezeugen die beiden nachbenannten Geſellſchaf⸗ 
ten den richtigen Empfang folgender Zu ſendungen und 
Geſchenke. Seit dem Abdruck des dritten Heftes dieſer 
Mittheilungen erhielt 

a) der Kunſt⸗ und Handwerksverein: 

1) Von der Frau Schullehrerin Gaͤnß in Eiſenberg, 
eine Partie veredelten Flachs, um mit dem Verſpin⸗ 
nen und Weben deſſelben weitere Verſuche wergalaſſen, du 
koͤnnen. 

2) Die zweite und dritte diesjaͤhrige Lieferung der 
Verhandlungen des Vereins zur Befoͤrderung 
des Gewerbfleißes in Preußen begleitet von einer 


— MM 


3) Abhandlung über Cohaͤſions⸗ und 
Elaſticitaͤts verhaͤltniſſe, einiger nach ihren Dimen⸗ 
ſionen beim Baue der Hangebrüden in Anwendung kom⸗ 
menden Eiſendraͤhte des In- und Auslandes. Vom Sahne 
kencommiſſionsrath Brix in Berlin. N 

4) Die 11. und 12. Lieferung der Mittheilun⸗ 
gen des Gewerbvereins für das Koͤnigreich Hannover. 

5) Ein Schreiben des Herrn Rentamtmanns Preus-⸗ 
ker in Großenhain, begleitet von deſſen neueſter Schrift: 
Ueber Jugendbildung, Heft 1. 

6) Ein Schreiben des Herrn Maſchinenbaumeiſters 
Doͤring in Freiberg, nebſt 4 großen Blaͤttern Zeichnun⸗ 
gen und dazu gehoͤriger Beſchreibung einer vom Maſchinen⸗ 
baumeiſter Brendel in Freiberg conſtruirten Dampfmaſchine. 

7) Vom Herrn Profeſſor Doͤbler in Hamburg, 21 
Hefte Verzierungen aus dem Alterthume von Baͤßler. 

8) Vom Herrn Hofrath Dr. Harl in Erlangen: 
Vorſchlaͤge in Beziehung auf die ſittliche Bef> 
ſerung der Gefangenen. Erlangen 1832. 

9) Vom Herrn Freiherrn von Speck-Sternburg 
auf Luͤtſchena ꝛc., deſſen mit Kupfern geſchmuͤcktes zwei— 
tes Verzeichniß der Gemaͤlde ſammlung ic. 

10) Vom Herrn Geheimen Rath von Braun 
Exe. das 2. 3. und 4. Heft der Nuͤrnbergiſchen 
Kuͤnſtler, geſchildert nach ihrem Leben und ihren Werken. 

11) Vom Herrn Baurath Dr. Vorherr in Muͤn⸗ 
chen eine gedruckte Mittheilung über die Koͤnigliche Baus 
gewerksſchule in Münden 18. 


b) die Pomologiſche Geſellſchaft: 


1) Vom Herrn Franz Grafen von Hohen— 
wart, K. K. Kaͤmmerer und Gubernialrathe zu Laibach, 
ein Schreiben nebſt einem mit vielen Kupfern gezierten 
Exemplar ſeines Wegweiſers für die Wanderer in 
der Adels berger und eee een 
Grotte. 3 Hefte. 

2) Von der Koͤnigl. maͤrkiſchen oͤkono miſchen 


— 228 — 


Gefellſch aft zu Potsdam, ein Schreiben nebſt dem 
14. Jahrgang ihres Monatsblattes. 

3) Von der landwirthſchaftlichen Geſell— 
ſchaft zu Ranis, ein Schreiben nebſt einer Copie ihres 
reichhaltigen legten Jae und einem Exemplar 
ihrer Statuten. 


Bereits ſeit den Jahren 1808 oder 1809 wurden in 
Altenburg und zwar in dem Garten des Oberſteuerraths 
Wagner Georginen gezogen, wozu der Saamen aus der 
Handlung von Gotthold und Comp. hierher gelangte. In 
den erſten Jahren waren die Farben meiſt gelb, braͤunlich 
und roth von lilla bis carmin, erſt ſpaͤter erſchienen dunkle 
Farben. Nachdem dieſer Bau und die Anzucht neuer 
Knollen durch ſelbſt gewonnenen Saamen mehrere Jahre 
hindurch fortgeſetzt worden war, fiel im Jahre 1811 oder 
1812 die erſte ziemlich rein weiße, leere Georgine, und im 
Jahre 1812 die erſte gefüllte Georgine und zwar dieſe von 
braͤunlich gelber Farbe aus. 


8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. 
— 
d des Zuſtaßtand des 


wg des ga ro⸗ 


Wett ſeters. 
„0 Reg. 3, wie, S. 


Stand des 
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meters. 


Zuſtand des 
Wetters. 


Ba S 14,5 wif. S. W. 
25 ſbelle 14,5 nie, N. O. 


3 2 1 alk. N. | 
20 el RZ, 6 10,5 Neg. N. 
‚25 Neg. N 6,0. 12,0 wk. N. 


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‚25 f. N. 7,2 II. 25 wk. RD. 0 
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In Commiſſion der Schnuphaſe'ſchen Buchhandlung. 


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Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr 
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0 8 Baros Thermo⸗ des Baroz | Thermo: Anh 1 8 Baro⸗ Thermo⸗ des Baro= | Thermo: Manz es 8 Baroz Shermo⸗ N 1 8 1 Zuſtand des 
N meters. | meters. |Wetters.| meters.| meters. e meters. meters. Wetters. meters. meters. Wetters = meters. Ware. Nerd Ales 1 8 Wetters. 
| 37 2 77 + 12 7 - - . 4 | 
N 127 9,77 + 10, 75 ftr. N. 27" 903 15,0 ſwik. N. 1 127% 6,3+12,25 ftr. W. 27 6,400 +17,0 wit. O. 1 127" 2,0% + 11,0 Reg. S. 27“ 1,3,/% + 11,0 [Reg. S. | 
\ 217 9,0 |) 123,0 be N. |» 88 | 16,5 mit. W. 21: 56) 30 Neg. ©. |» 60| 17,5 lk. W. 2 — 975 iS W . . 1,0 mt. 
0 5 , 11, 75 fr, N. W . 78 160 mik. N. W. 3]: 70) 170 eee 6,9 | 22,25 elk. Ge. b. w. W. . 10, mf. S. W. e 0 
0,5 . 70 IU . ® r / Ele 551100 © III. B- uk. N. 5.— 
16|7|00 ns 00 jan 512 8,2 16,0 | R |5 8,5 | 180 | 5]5 3,0 | 100 ji. Mr e 
I 6 |= 8,0 2 5 wit. 5. 8.0 | 16,25 belle O. 5 5,2 13,25 Neg. N. 58,5 1 0 fr. N. W 6 5,8 10.0 — afk. N.— 12.0 — . m. — 
7 512,0 u S. 7,71 16,25 wil N. 12. 25 . N. 10,015, 5 mf. N. 8 lk. W. II. 25 mlt N. . 
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45. : 55 1555 wlk. 1 . Si W. Gew. 17 87| 1725 del: 5. 8, 235 wi. 5. 7 85 975 Kg. S. 82) 140 je W. Se 
10 150 l. 1. 2 5 5 re Meg, TB: 18 9,1 18,23 bie @ |; 9,2 23,0 wulf. N. Gm v. w. 18 8,0. 130 if. W. 80| 145 I . 
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Der höchſte 4 a Eb 
Der höchſte Barometerſtand den 8. Auguſt = 97” 10,6%. Mittlere Barometerhoͤhe = 27“ 5,55". g 
Der tlefſte Barometerſtand den 50. Auguſt = 27° 4,4. Der waͤrmſte Tag den 11. Auguſt = 23,239. i 
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Erllaͤuung der Abkürzungen. Reg. Regen, tr. truͤbe, wlk. wolkig, h. helle, O. Dit, S. Süd, W. Weſt, N. Nord, Gew. v. w., Gewitter von weitem, neb. nebelig. 


Mittheilungen 
aus dem Osterlande. 


Gemeinſchaftlich herausgegeben 


\ 


dem Kunst- und Handwerks vereine, der Natur- 
forfchenden und der Pomologiſchen Gefellfchaft zu 
Altenburg. 


Altenburg, 1838. 
Gedruckt in der Hofbuhdruderei. 
In Commiſſion der Schnuphaſe'ſchen Buchhandlung. 


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2 


Inhalt des zweiten Bandes. 


Das vegetabiliſche Kali. Vom Prof. Ed. Lange 
Der Herbftconvent der pomologiſchen Gefell- 
ſchaft. Ein Protokollauszug. Vom Prof. 
, Pr er 
Ueber Verzierung von Mauern, kuͤnſtlichen 
und natuͤrlichen Felſen in Gaͤrten durch im 
Freien ausdauernde Gewaͤchſe. Vom Regie⸗ 
tungsrath A. F. K. Wagner 
Beiträge zur Naturgeſchichte der Inſecten. 
Vom Privatlehrer Schlenzig. Mit einem 
Zuſatz vom Profeſſor Apetz . . 


V. Bemerkungen uͤber die Fortpflanzung der 


VII. 
VIII. 


Thiere und uͤber die kuͤnſtliche Fortpflanzung 
der Forellen. Vom Paſtor Brehm 
Letztes Wort uͤber die Beſteuerung einiger 
Singvoͤgel, zur Verſtaͤndigung mit einem 
landſchaftlichen Abgeordneten. Vom Paſtor 
e enen 
Miscellen und Notizen 
Das Stiftungsfeſt des Kunſt⸗ und Hand⸗ 
Werksvereins 1839. „ 
Jahresbericht uͤber das 20. Jahr des Kunſt⸗ 
und Handwerksvereins. Erſtattet vom Prof. 
eu nes, MER een 26a 
Jahresbericht des Vorſtandes der Kunſt⸗ und 
Gewerbsſchule. Vorgetragen vom Hofrath 
G. L. Klein “ + + * + + + * * + 
Jahresbericht der Kunſt- und Handwerks⸗ 
ſchule zu Altenburg. Vom Prof. Ed. Lange 
Ueber die Benutzung der Roßkaſtanie. Vom 
Oberſteuerſecretair Winkler. 


a. d. Leina. Vom Pfarrer Dr. Winkler daf. 
Bemerkungen uͤber Obſt- und Gartenbau auf 


Baſt⸗ und Vogelleimfabrikation in Lohma 


13 
21 


30 


40 
48 


53 
55 


65 
72 
80 
84 


einer Reiſe nach Suͤd-Deutſchland im Herbſt 


1835. Vom Regierungsrath A. F. K. Wagner 


XV. Das Aufplatten, eine zweckmaͤßige Veredlungs⸗ 


art für junge Obſtbaͤume. Vom Prof. Ed. Lange 
Die Imponderabilien. Vom Dr. Brand 
Eingegangen N 
Miscellen und Notizen oc 


87 


95 
99 
113 
114 


XIX. 


XXVII. 


XXXVVI. 


Erörterungen und Verſuche des Kunſt- und 
Handwerksvereins uͤber die Sicherung des 
Balkenwerkes der Gebäude gegen das Feuer- 
fangen. Zuſammengeſtellt vom Prof. Ed. Lange 
Der Fruͤhlingsconvent der pomolog. Geſellſchaft. 
Ein Protokollauszug vom Prof. Ed. Lange. 
Jahresbericht, vorgeleſen am Stiftungsfeſte der 
naturforſchenden Geſellſchaft des Hſterlandes 
vom Prof. Apetz, Secretair der Geſellſchaft. 
Ueber die Braunkohlenlager unweit Altenbu: 

Zweite Abhandlung. Vom Rath Zinkeiſen . 
Eine Luftſpiegelung, beobachtet vom Hand⸗ 
lungscommis Theodor Bergner 
Eingegangen ue Mie 
Miscellen und Notizen ee. . 
Preisvertheilung bei dem Kunſt⸗ und Hand⸗ 
werksvereine + “ir. 


Bemerkungen uͤber den Obſban in Böhmen 


und über die Garten-Cultur in Prag, der 
pomologiſchen Geſellſchaft mitgetheilt vom 
Kammerrath Waitz 

Der Sommerconvent der pomologiſchen Geſell⸗ 
ſchaft zu Altenburg 1838. Eine protokollariſche 
Mittheilung von deren Secretair, Ed. Lange 7 
Erfahrungen und Beobachtungen uͤber den 


Einfluß der großen Kälte des Winters 1837 


bis 1838 auf die Kernobſtbaͤume, zuſammen⸗ 
geſtellt vom Prof. Ed. Lange e da 
Fluͤchtige Bemerkungen über die Fortschritte 


der Gartencultur in unſern Gegenden ſeit den 


letzten 50 Jahren vom Reg. Rth. Wagner 
Ueber einige Alterthuͤmer des Pleißengaues, 
der naturforſchenden Geſellſchaft des Oſter⸗ 


landes zu Altenburg mitgetheilt vom Dr. Lobe 


Aus einem Briefe des W Dr. med - Rien 
in Roda . 


Der Erdfall bei Tetſchen, m an die natur 
forſchende Geſellſchaft des Oſterlandes ein⸗ 


geſandt vom Dr. H. B. Geinitz in Dresden 


Neue Entdeckung von Abdruͤcken urweltlicher 


Thier ⸗ Faͤhrten in Polzig ne 
Ueber einige den Obſtbaͤumen fo ce Inſecten 
Eingegangen 0 


Vier meteorologische Tabellen vom Conßiſtorial⸗ 


Secretair Bechſtein. 


117 


126 


131 
142 
155 
157 
157 


165 


168 


174 


177 


I. 
Das vegetabiliſche Kali. 


Ein Vortrag gehalten im Kunſt- und Handwerksvereine am 
6. October 1837. 


von 


Eduard Lange 


Die Welt iſt voll der Wunder; nur daß wir, an ihre 
haͤufige Wiederkehr gewoͤhnt, ſie nicht fuͤr ſolche halten. 
Im Frühjahr wandern wir unter Bluͤthenbaͤumen und 
wundern uns nicht, daß derſelbe Saft, der ſonſt nur 
Blätter und Holz bildet, hier farbige Blumen erzeugt, mit 
den feinſten und einflußreichſten Werkzeugen der Forte 


pflanzung begabt. Und wer kann es nachmachen oder 


nur genuͤgend erklaͤren, daß ſo viele Stoffe in der Erde, 
im Waſſer und in der Luft, die ſonſt nur als todte Mi— 
neralien neben einander ſchlummern oder als geſtaltloſe 
Luftgebilde uns umfließen, von einem ſchwachen Pflanzen⸗ 
keime zerſetzt und neu verbunden werden nach feiner Nas 
tur und ſeiner fuͤr immer beſtimmten Lebensform? 

Die geheimnißvolle Lebenskraft, der noch immer kraͤf⸗ 
tige Schoͤpfungsfunke, der dies Alles bewirkt, iſt vor uns 
ſern Augen verborgen. Rur ſein Wirken liegt uns vor 
und erfuͤllt uns mit Bewunderung, wenn wir ſehen, wie 


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Lebens. 
Das Holz und uͤberhaupt alle feſten Pflanzen⸗ 


er das Todte erwecket und einführt in den Kreis des 


fafern beſtehen im trocknen Zuſtande ungefähr zur 
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* 
* 
Haͤlfte aus Kohlenſtoff und zur Haͤlfte aus den 
Beſtandtheilen des Waſſers, naͤmlich aus Sauerſtoff 
und Wafferftoff, wozu ſich noch ein ſehr geringer 
Antheil verſchiedener Salze geſellet. Den Kohlen— 
ſtoff erhaͤlt es wahrſcheinlich zum Theil aus dem Humus 
der Erde, zum Theil aus der wenigen in der atmoſphaͤri— 
ſchen Luft enthaltenen Kohlenſaͤure, die aus Kohlenſtoff 
und Sauerſtoff zuſammengeſetzt iſt. Den Sauerſtoff kann 
es ſowohl aus der atmoſphaͤriſchen Luft als aus dem 
Waſſer aufnehmen, dem es auf jeden Fall auch ſeinen 
Waſſerſtoff verdankt. Das ſind die Hauptbeſtandtheile des 
Holzes, die, zum großen Theile aus der Luft aufgeſogen, 
auch bei der ſchnellen Zerſetzung deſſelben durch das Ver— 
brennen ſich wieder in luftige Gebilde auflöfen, fo daß 
von einem mächtigen Baume beim vollſtaͤndigen Verbren— 
nen nur ein kleines Haͤuflein Aſche als die Summe 
der übrigen Beſtandtheile zurückbleibt. War das Holz 
gehoͤrig getrocknet, ſo kann man, abgeſehen von der großen 
Verſchiedenheit der einzelnen Holzarten im Durchſchnitte 
vielleicht annehmen, daß aus 600 Ctr. Holz 1 Ctr. Aſche 
zuruͤckbleibt, mithin 599 Ctr. deſſelben in luftartige G 
bilde zerſetzt und aufgeloͤſt worden ſind. Allein auch die 
Aſche iſt in ſich keineswegs ein einfacher Stoff, ſondern 
ein Gemeng vieler theils im Waſſer loͤslicher, 
theils nicht loͤslicher Beſtandtheile. Die loͤsli⸗ 
chen ſind hauptſaͤchlich Kali- oder auch bisweilen Ratron⸗ 
ſalze, die UBER aber Kieſelerde, Kalk u. fa: we Rech⸗ 
net man J auf die Lößlichen und F auf die unloͤslichen 
Beſtandtheile der Aſche, ſo wuͤrde erſt der 3000 ſte Theil 
vom Gewichte des Holzes beim Auslaugen ſeiner Aſche in 
die Lauge uͤbergehen, deren weiterer Bearbeitung und Be⸗ 
nutzung ich heute eine überſichtliche Darſtellung zu widmen 
gedenke. Vorher aber will ich noch die Frage, woher das 
Holz dieſe feine feſten Beſtandtheile nehme, kurzlich beant⸗ 
worten. Jeden Falls aus dem Erdboden durch die Wur⸗ 
zeln, welche dieſe Stoffe zugleich mit dem Pflanzenſafte, 
von dem ſie wohl kaum 1 Milliontel ausmachen, aufneh⸗ 


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— 95 — 


men, und weiter führen, bis fie bei Verduͤnſtung eines 
großen Theiles des Saftes ſich im Stamme, Aeſten und 
Zweigen ablagern und zur Haͤrte und Feſtigkeit des ſich 
bildenden Holzes das Ihrige beitragen. Denn Kali, Kie— 
ſelerde, und Kalk finden ſich in mancherlei Verbindungen 
überall vor und brauchen blos erſchloſſen und auflösbar 
gemacht zu werden, um, freilich immer nur in geringen 
Quantitaͤten, ins Pflanzenleben übergeführt zu werden, 
was naturlich da am leichteſten geſchieht, wo der Boden 
ſchon Aſche oder auch verweſte Vegetabilien enthaͤlt, die 
eben auch darum ein gutes Duͤngungsmittel abgeben. 

Um nun aber wieder auf die Aſche zuruͤck zu kom 
men, fo wird dieſelbe, mag fie nun wie bei uns als Mes 
benproduct in den wirthſchaftlichen Feuerungen gewonnen 
oder wie in den holzreichen und menſchenarmen Gegenden 
Rußlands oder Amerika's als Hauptproduct betrachtet wer— 
den, um deßwillen man gleich in den Waͤldern Holz, 
Rinde und Laub der Baͤume und Straͤucher in dazu ge— 
machten Gruben verbrennt, da wo ſie nicht etwa als 

Duͤngungsmittel verwendet wird, gewoͤhnlich in Laugen» 
faͤſſer mit doppeltem Boden gebracht und auf 
einer Strohunterlage uͤber dem durchloͤcherten obern Boden 
feſtgeſtampft. Nun wird Fluß⸗ oder Regenwaſſer aufge⸗ 
goſſen, welches die aufloͤslichen Beſtandtheile leichter und 
Am größerer Menge aufnimmt als das in der Regel mit 
Kalk und anderen Salzen verſetzte Brunnenwaſſer. Bei 
Oeffnung des Hahnes über dem untern Boden des Aus⸗ 
llaugefaſſes zeigt fi) nun zwar die abfließende Fluͤſſigkeit 
ſcharf und aͤtzend, allein doch noch keineswegs von derje⸗ 
nigen Staͤrke, daß fie ohne Verſchwendung des Brennma⸗ 
teriales ſogleich abgedampft werden koͤnnte. Man benutzt 
daher dieſe duͤnne Lauge abermals als Aufgießfluͤſſigkeit 
‚für einen neuen Aſchenbottich, der vielleicht der Bequem⸗ 
lichkeit willen gleich terraſſenartig unter dem erſten Bottich 
aufgeſtellt iſt und unter ſich noch einen dritten hat, um 
die aus ihm abfließende ſtaͤrkere Lauge noch gehaltreicher 
zu machen. Erſt nachdem man ſich durch eine Senkſpin⸗ 
12 


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del überzeugt hat, daß die Lauge wenigſtens 20 Procent 
aufloͤsliche Salze enthalte, wird dieſelbe verſotten. 
Das Verſieden iſt eine allgewoͤhnliche Scheidungsart des 
Feſten und Fluͤſſigen und zwar eine Folge davon, daß das 
Waſſer in der Hitze ſich in leichte Daͤmpfe verwandelt, die 
emporſteigend diejenigen feſten Stoffe in den Siedepfan— 
nen zuruͤcklaſſen, welche ſich entweder gar nicht oder doch 


erſt bei einer hoͤheren Temperatur in Daͤmpfe aufloͤſen. 


So begierig daher auch das Waſſer im Auslaugebottich 
die aufloͤslichen Kaliſalze in ſich aufnahm und von den 
unloslichen Beſtandtheilen ausſchied, fo unfähig iſt es doch 
auf der andern Seite, dieſelben laͤnger feſt zu halten, ſo— 
bald es durch die Gewalt der Waͤrme in luftfoͤrmige Daͤmpfe 
verwandelt wird. Es bleibt alſo in der Siedepfanne 
rohe Potaſche zuruͤck, eine braune Salzmaſſe, die gern 
durch Anziehung von Waſſer an der Luft zerfließt und 
ihre dunkle Faͤrbung wahrſcheinlich von den Kohlenſtuͤckchen 
hat, welche in keiner Aſche gaͤnzlich fehlen und auch ſchon 
die Lauge etwas zu braͤunen pflegen. Dieſe rohe Pot— 
aſche wird nun caleinirtz was ehedem in eiſernen 
Toͤpfen oder Potten geſchah, von denen dieſes Salz noch, 
jetzt ſeinen Ramen hat. Jetzt hat man dazu beſondere 
Caleiniroͤfen, an dem einen Ende mit einer Roſtfeuerung, 
am andern mit einem Rauchfang und an der Seite unter 
dem Gewoͤlbe mit einer verſchließbaren Oeffnung zum Ein— 
bringen der rohen Potaſche verſehen. Waͤhrend nun die 
Flamme über die auf dem Heerde des Ofens ausgebrei— 
tete Potaſche hinſchlaͤgt, wird dieſe mit eiſernen Haken 
durchgearbeitet, ſo daß jedes Theilchen mit der Flamme 
in Beruͤhrung und die ganze Maſſe in Dickfluß geraͤth. 
Dabei werden nun auch die kleinſten kohligen Zuſaͤtze, 
welche die Maſſe braͤunen, verbrannt und das aufgeſogene 
Waſſer verfluͤchtigt, was jedoch nur mit dem Verluſt von 
+ bis & des bisherigen Gewichtes der Potaſche möglich 
iſt. So erhaͤlt man nun die kaͤufliche Potaſche, 
die, in Faͤſſer verpackt, bald mit einer blaͤulichen Faͤrbung 


als Perlaſche, bald mit einem roͤthlichen Schein, wie die 


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nordamerikaniſche Potaſche, bald mit blaͤulichen und gruͤn— 
lichen Flecken wie die weiße Danziger Potaſche in den 
Handel gebracht wird. Doch iſt dieſe Faͤrbung fuͤr ihre 
Güte von keiner großen Bedeutung, fo lange fie nur ſonſt 
reichhaltig an Kaliſalzen iſt. Der Hauptſache nach 
beſteht dieſelbe aus kohlenſaurem Kali, dem 
jedoch noch verſchiedene andere Kali- und Natronfalze, fer 
ner Waſſer, Kieſelerde, Kalkerde, Eiſen- und Manganoxyd 
beigemiſcht zu ſein pflegen. Die Potaſche wird im gan— 
zen noͤrdlichen und oͤſtlichen Europa, wo die Soda weit 
weniger in Gebrauch iſt als in Frankreich und England, 
zu ſehr vielen Zwecken angewendet. Man braucht 
fie zum Bleichen und Färben wegen der aufſchließenden _ 
und zerſetzenden Kraft ihres Kali's, das auch einen Haupt— 
beſtandtheil unſerer Seife bildet, indem es ſich von ſei— 
ner Kohlenſaͤure abſcheidet und dafuͤr mit den mancherlei 
Fett⸗ und Oelſaͤuren verbindet, welche in feiner Beruͤh— 
rung aus Talg, Oel und andern Fettigkeiten ſich entwickeln. 
Auch beim Glas machen wird die Kohlenfäure der Pot— 
aſche ausgetrieben und es tritt die Kieſelerde an ihre 
Stelle, die uͤberhaupt in der Hitze eine der kraͤftigſten 
Saͤuren bildet. Endlich kommt auch zum Berliner 
Blau und einigen andern Farbewaaren Potaſche, 
die jedoch auch hier ſtets zerſetzt wird, indem das Kali 
ſeine Kohlenſaͤure verliert und ſich mit andern Stoffen ver— 
bindet. Nicht alſo die Kohlenſaͤure ſondern das Kali iſt 
das eigentlich Wirkſame der Potaſche, und 
die Kohlenſaͤure nur deshalb in Verbindung deſſelben die 
willkommenſte Saͤure, weil ſie mit Leichtigkeit von ihm 
abgeſchieden und durch diejenigen andern Stoffe erſetzt 
werden kann, mit denen man das Kali zu verbinden be— 
abſichtigt. Auch kann die Kohlenſaͤure vom Kali 
abgeſchieden werden, ohne daß man dafuͤr eine andere 
Saͤure mit demſelben zu verbinden brauchte. Es beſitzt 
nämlich die Kohlenſaͤure eine fo große Verwandt⸗ 
ſchaft zum Kalk, daß ſie, in deſſen Naͤhe gebracht, ſich 
alsbald vom Kali abſcheidet, und ſich des Kalkes bemaͤch⸗ 


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tigt, von dem fie ſelbſt erſt durch das Brennen deſſelben 
abgeſchieden worden iſt, indem ſie bei großer Hitze nicht 
mehr in dem feſten Geſtein zuruͤckbleiben kann, ſondern 
gleich dem Waſſer in den luftfoͤrmigen Zuſtand uͤbergehen 
muß. Wenn man daher mit Potaſche verſetzte oder 
auch unvermiſchte Holzaſche mit gebranntem Kalk 
gehörig mengt und aus laugt, fo zieht dieſer von dem 
kohlenſauren Kali der Potaſche die Kohlenſaͤure an ſich 
und das Kali fließt als Aetzkalilauge aus dem Bots 
tich ab. Dieſe Aetzkalilauge iſt wirkſamer als die Lauge 
des kohlenſauren Kali und wird daher auch ſehr haͤufig 
zum Waſchen und Bleichen angewendet. Auch kann man 
das aͤtzende Kali ebenſo wie die Potaſche durch Ab— 
dampfen der Lauge in feſtem Zuſtande darſtellen; 
es zieht jedoch aus der Luft ſehr bald Waſſer und Koh— 
lenſaͤure an und zerfließt ſo zu einer Miſchung von aͤtzen— 
dem und kohlenſaurem Kali mit Waſſer; ja ſelbſt das 
feſte und aͤußerlich ganz trockene Aetzkali hat ſtets eine 
Quantitaͤt Waſſer gebunden bei ſich, ſo wie auch der ge— 
brannte Kalk beim Löfchen eine Menge Waſſer aufnimmt, 
ohne dadurch feucht zu werden. Soll dieſes aͤtzende Kali— 
hydrat — denn Hydrate nennt man alle ſolche Verbin— 
dungen mit Waſſer — trocken bleiben und nicht noch 
mehr Waſſer aus der Luft an ſich ziehen, ſo muß man 
daſſelbe ſogleich in trockene erwaͤrmte Glaͤſer 
bringen, und dieſe luftdicht verſchlöͤſſen halten. 
Es iſt ſo aͤtzend und ſcharf, daß es alle thieriſche Gebilde 
als Haut, Haare, Wolle, Seide, Horn u. ſ. w. zerſtoͤrt, 
wobei namentlich die Haut anfangs weich und ſchluͤpftig 
wird und ſich eigenthuͤmlich fettig anfuͤhlt, was man bei 
jeder aͤtzenden Lauge empfindet, wenn man ſie zwiſchen die 
Finger bringt und dieſe an einander reibt. Auch das 
Aetzkali, das für chemiſche Zwecke jedoch ganz rein dar 
geſtellt ſein muß, laͤßt ſich wiederum in zwei 
Stoffe zerlegen, wenn man daſſelbe, mit Kohlenſtoff 
gemengt, mit Ausſchluß aller atmoſphaͤriſchen Luft gluͤht. 
Es beſteht naͤmlich aus einem eigenthuͤmlichen Metall, 


ak Sale 


Kalium, und aus Sauerſtoff, der ſich in der Hitze 
mit dem beigemengten Kohlenſtoff zu Kohlenſaͤure und 
Kohlenoxydgas verbindet, waͤhrend das Metall in 
Dampfform durch eine luftdicht angefuͤgte kurze Roͤhre 
entweichend in einer mit reinem Steinoͤl gefüllten Vor 
lage aufgefangen und verdichtet wird. Steindl 
aber iſt dazu nothwendig, dieſe Kaliumdaͤmpfe aufzuneh— 
men, weil das Kalium jeden Stoff, der Sauerſtoff ent— 
haͤlt, ſogleich zerſetzt und dadurch wieder zu Kali wird. 
Iſt nun das Kaliummetall durch wiederholte Deſtil⸗ 
lation gereinigt und von allem mitgenommenen Kohlen— 
ſtoff befreit, fo zeigt es ſich als ein zinn weißes, glaͤn— 
zendes Metall, leichter als Waſſer, bei Eiſes⸗ 
kalte feſt und ſproͤd, aber bei etwas hoher Zim- 
merwaͤrme ſchon weich wie Wachs, fo daß es noch 
weit eher ſchmilzt als Waſſer kocht. An die Luft gebracht, 
verbindet es ſich ſogleich auf feiner Oberfläche mit Sauer 
ſtoff und verliert dabei allen Metallglanz; auf Waſſer 
gelegt, zieht es den Sauerſtoff deſſelben ſo heftig an, 
daß es ſich alsbald entzündet und funfenfprüs 
hend auf dem Waſſer umherfaͤhrt, bis es ſich 
gaͤnzlich mit Sauerſtoff verbunden und im Waſſer aufge— 
loͤſt hat, das dadurch einen Laugengeſchmack erhaͤlt. Man 
kann es daher nur unter Steinöl aufbewahren, weil dieſes 
keinen Sauerſtoff, ſondern nur Kohlen- und Waſſerſtoff 
enthaͤlt. So ſchwierig aber auch ſeine Darſtellung und 
Aufbewahrung iſt, ein fo vorzügliches Mittel iſt es auch, 
um andere chemiſche Stoffe, die mit Sauerſtoff verbunden 
find, rein darzuſtellen, indem es denſelben aus allen Ver— 
bindungen an ſich reißt, gleich als ob ihm nur in der 
Verbindung mit demjenigen Stoffe Ruhe werden koͤnnte, 
der von ihm auf der Stufenleiter der einfachen Stoffe am 
weiteſten entfernt ſteht. 


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II. 


Auszug aus dem Protokolle über den 
Herbſtconvent der pomologiſchen Geſell 
ſchaft. 


Mitgetheilt von 


Eduard Lange, Geſellſchaftsſecretaͤr. 


Oeffentlich ergangenen Einladungen zufolge war der 18. 
Octbr. für den diesjährigen Herbſtconvent unſerer pomolo⸗ 
giſchen Geſellſchaft beſtimmt. Allein die 10. Morgen⸗ 
ſtunde dieſes Tages ging voruͤber, ohne daß ſich in den 
dazu beſtimmten Raͤumen des Logenhauſes eine zahlreiche 
Geſellſchaft oder bemerkenswerthe Ausſtellungsgegenſtaͤnde 
eingefunden haͤtten. Deſto mehr aber haͤuften ſich dieſel— 
ben gegen 11 Uhr, ſo daß ungeachtet des ſpaͤten Begin— 
nens der eigentlichen Vortraͤge und Verhandlungen doch 
nicht recht hinreichende Zeit übrig war, die ausgeſtellten 
Blumen und Früchte genauer zu betrachten und durch ge— 
genſeitige Mittheilungen genauer kennen zu lernen. 

Von Topfgewaͤchſen waren im Ganzen nur 
wenige, aber ſchoͤne Exemplare aus dem Beſſerſchen Garten 
vorhanden, aus welchem auch eine Partie ſchoͤner Georgi— 
nenblumen und Kernfruͤchte eingegangen war. Größere 
Georginen-Sortiments aber hatten der Hofgaͤrtner 
Kunze und der Kunſtgaͤrtner Hauck eingeliefert, wozu ſpaͤter 
noch eine theils durch die Neuheit und Schönheit der 
Blumen theils durch deren Bezeichnung mit mehrern Nas 
men anweſender Geſellſchaftsmitglieder und Gaͤſte intereſſante 


— a 


Auswahl von Deegenſchen Georginen aus Koͤſtritz hinzukam. 
Trotz der Ungunſt des Jahres war bei allen dieſen Blu— 
men ein Fortſchreiten ihrer Cultur unverkennbar. 

Ganz beſonders reich war auch die Fruchtaus⸗ 
ſtellung, namentlich die der Kernfruͤchte. Es hatten naͤm— 
lich nicht allein die Herren Paſtoren Hempel aus Zedtlitz 
und Gleitsmann aus Zuͤrchau, ferner Herr Rittergutsbe— 
ſitzer Teichmann aus Muckern, und der abweſende Nitters 
gutsbeſitzer Schellenberg in Zuͤrchau einige ſeltnere Frucht— 
exemplare eingeliefert, ſondern es lagen auch gegen 40 vers 
ſchiedene Kernobſtfruͤchte aus dem Garten des Landes-Juſtizraths 
Wagner, ferner 20 mit Namen verſehene Sorten aus dem 
Garten des Regierungsraths Wagner, 25 benannte und 
mehrere nicht benannte Sorten Obſt vom Kammerguts⸗ 
pachter Loͤhner aus Wilchwitz und endlich 108 verſchiedene 
Sorten Aepfel und 9 verſchiedene Sorten Birnen, wo— 
von im Ganzen nur 5 ohne Namen waren, von den 
Brüdern Lange zur Anſicht vor; wozu noch 10 Sorten 
Wein aus dem Garten des Regierungsraths Wagner und 
eine Partie Pfirſchen aus dem des Kunſtgaͤrtners Heller 
hinzukamen. 

So kurz auch die Zeit zur Betrachtung und Beſpre— 
chung der ausgeſtellten Fruͤchte war, ſo konnte man doch 
auch hierin die gemachten Fortſchritte nicht verkennen, übers 
all aber tönte dabei die Klage über Ramenverwir— 
rung und Unzuverlaͤſſigkeit ſelbſt der anerkannten 
Pomologen hindurch, und man hielt bei dieſer Unſicherheit 
Ausſtellung und Selbſtpruͤfung der angeprieſenen Fruͤchte 
für ganz unerlaͤßlich. 

An den eigentlichen Verhandlungen der 
Geſellſchaft, welche der Vorſitzende, Herr Regierungs— 
rath Wagner, nach 11 Uhr durch einen kurzen Vortrag 
eröffnete, nahmen im Ganzen 44 Mitglieder und Gaͤſte 
Theil. Zuerſt vernahmen die Anweſenden mit Freuden, 
daß ſich die Mitgliederzahl unſerer Geſellſchaft ſeit 
dem letzten Convente von 201 auf 207 erhoben hat, in⸗ 
dem dieſelbe nur ein Mitglied, den Weinhaͤndler G. Blu⸗ 


3 


menau hier, durch den Tod verloren, dagegen aber in den 
Herren 1) Bamberger, Geſchaͤftsleiter des pomologi⸗ 
ſchen Vereins zu Prag, 2) Bentham, Seeretär der 
borticultural society zu London und 3) Grafen von 
Hohenwart, K. K. Kaͤmmerer, Gubernialrath und Praͤ— 
ſident der K. K. landwirthſchaftlichen Geſellſchaft in Krain, 
zu Laibach neue Ehrenmitglieder, fernerhin 4). in Herrn 
Georg Goͤttlich, Dechant und Oberpfarrer zu Georgs— 
walde bei Rumburg in Böhmen ein neues correſpondiren— 
des Mitglied und endlich in den Herren 5) Friedrich, 
Anſpanngutsbeſitzer in Göhren 6) Quas, Anſpannguts⸗ 
beſitzer in Selleris, und 7) Raͤßler, Rittergutsbeſitzer in 
Kertſchütz, neue wirkliche Mitglieder gewonnen hat. 
Hierauf wurden die ſchon früher geſtellten Fragen 
als 1) Welche Leokoiſchoten bringen in der Regel 
zahlreichere Samenkoͤrner, die gefüllte Blumen erzeu⸗ 
gen, die obern am Hauptſtengel oder die untern an den 
zuerſt blühenden Rebenaͤſten? und 2) Iſt das Geizen 
dem Weine in unſerer Gegend fuͤr die Gewinnung 
guter Beeren, für deren frühere Reife und für die Erzeu⸗ 
gung reifer, der Winterkaͤlte nicht unterliegender Reben 
vortheilhaft oder nicht? von neuem in Anregung 
gebracht und vielfach beſprochen, ohne jedoch dadurch ein 
ſicheres Reſultat zu gewinnen, welches allein aus mehrjaͤh— 
rigen vielſeitigen Beobachtungen und Erfahrungen hervor—⸗ 
gehen kann. Vielleicht fuͤhren unſere wiederholten Dis— 
cuſſionen noch ein ſolches herbei, wenn dabei auch die rein 
theoretiſche Frage, ob die gefüllte Blume des Lew 
koi's eine Vervollkommnung oder ein Ruͤck— 
ſchritt ſei, nicht zugleich zur Entſcheidung gebracht wer— 
den ſollte, ſo lange wenigſtens noch auf der einen Seite 
Botaniker und Pflanzenphyſiologen in der Blume vornehm— 
lich eine Durchgangsentwickelung der Pflanze zum Behuf 
der Hervorbringung neuer, die Gattung erhaltender Indivi⸗ 
duen erblicken, anſtatt daß auf der andern Seite Gaͤrtner 
und Blumenfreunde in ihr nur die hoͤchſte Entfaltung des 


vorhandenen Individuums ſuchen und dieſe um ſo voll⸗ 


ftändiger finden, je weniger fie ſich einem außer ihr lies 
genden Zweck, ſei es auch der, die Gattung fortzupflanzen, 
unterordnet, und je mehr ſie rein um ihrer ſelbſt willen 
da zu ſein ſcheint. Ueberhaupt ruft eine Frage gewoͤhn— 
lich eine Menge anderer hervor, und oft iſt der Verſuch 
zur Loͤſung der erſten nur eine Veranlaſſung, um noch 
eine zweite und dritte ungeloͤſte an die erſte anzureihen. 
So war es auch mit den Eroͤrterungen über das Geizen 
am Weine, indem die Einen daſſelbe vor der Bluͤthe, die 
Andern aber erſt nach der Bluͤthe angewendet wiſſen woll— 
ten, waͤhrend es wieder Andere nur mit großer Ein— 
ſchraͤnkung oder auch wohl gar nicht fuͤr zweckmaͤßig er⸗ 
achteten. Doch kamen am Ende Alle wieder in dem 
Wunſche uͤberein, Verſuche anzuſtellen und zwar an den— 
ſelben Weinſorten, in derſelben Lage und vielleicht auch 
ſogar, mit verſchiedenen Reben, an demſelben Stocke. 
Hierauf hielt Herr Kammerrath Waitz, aufgefordert 
vom Herrn Vorſitzenden, einen Vortrag über feine den 
Gartenbau betreffenden Beobachtungen waͤhrend ſeines letz⸗ 
ten Aufenthalts bei der Zuſammenkunft deutſcher Natur⸗ 
forſcher und Aerzte in Prag, und uͤbergab nach Beendi— 
gung deſſelben dem Berichterſtatter zur Begutachtung, dem 
»Wunſche des Verfaſſers gemäß, Diecker's Wandtafel für 
Freunde der Obſtbaumzucht. 
Nachdem der Berichterſtatter nun noch auf Veran— 
laſſung des Vorſitzenden die wichtigſten Eingaͤnge an unſere 
Geſellſchaft kurz bezeichnet und erwaͤhnt hatte, daß dieſel— 
ben wie bisher vollſtaͤndiger in unſern Mittheilungen aus 
dem Oſterlande aufgezaͤhlt werden wuͤrden, hielt Herr Re— 
gierungsrath Wagner ſelbſt noch einen ausführlichen Vor— 
trag über Verzierung von Mauern, Fünftlichen und natuͤr— 
lichen Felſen in Gaͤrten durch im Freien ausdauernde Ge— 
waͤchſe, wozu Herr Kammerrath Waitz bemerkte, daß in 
Woͤrlitz Robinia hispida auf einem Fünftlihen Felſen fo 
üppig wuchere, daß auch fie als eine paſſende Pflanze für 
Felſenpartien betrachtet werden koͤnne. Doch entgegnete 
der Vortragende, daß in ſeinem, an natuͤrlichen Felſen un— 


8 


7 


gewoͤhnlich reichen Garten die meiſten Exemplare dieſer 


Robinie wieder ausgegangen wären und ein gleiches Re- 


ſultat wie in Woͤrlitz, wie doch mit deren Anpflanzung 
beabſichtigt worden ſei, nicht gewaͤhrt haͤtten. Laͤngere 


und ausführlichere Discuſſionen geſtattete die Zeit nicht 


mehr, zumal da noch heute die ſtatutenmaͤßige Wahl der 
Geſellſchaftsbeamten vorzunehmen und bereits 1 Uhr vor— 
uͤber war. Es wurde daher ſogleich zu derſelben geſchrit— 
ten, und es hatten von 24 Abſtimmenden Herr Kammer⸗ 
rath Waitz als Direktor 22, Herr Regierungsrath Wagner 
als Vicedirektor 16, der Berichterſtatter als Secretaͤr 20, 
Herr Kammerrath Haſe als Rechnungsfuͤhrer 22 und der 
Toͤchterſchullehrer Rogge als Bibliothekar 21 Stimmen. 

Hiermit ſchloß die Sitzung, und die Anweſenden be— 
gaben ſich wieder in den groͤßern Saal zu der Blumen- 
und Fruchtausſtellung, wo nun eine Tafel ſervirt war, an 
welcher im Ganzen 48 Perſonen Platz nahmen. Da die 
Ausſtellung dies Mal nicht dem Publikum geöffnet werden 
ſollte, ſo ward dieſelbe bald nach Tiſche durch Austauſch, 
Aneignung und Ueberlaſſung der ausgeſtellten Blumen und 
Fruͤchte an die, welche ſich dafuͤr intereſſirten, e 
und aufgehoben. 


III. 


Ueber Verzierung von Mauern, künſtlichen 
und natürlichen Felſen in Gärten durch 
im Freien ausdauernde Gewächſe. 


Vorgetragen beim Herbſtconvent der pomologiſchen Geſellſchaft 
von 


A. F. K. Wagner, 


Nicht ſelten tritt bei Anlegung neuer, oder Umbildung 
aͤlterer Gaͤrten der Fall ein, daß Mauern, zu irgend einem 
Behufe, wie zur Verdeckung terraſſenartiger Abſtufungen 
oder kleinerer Abhaͤnge, in Gaͤrten durch die Kunſt gebil⸗ 
dete oder auch kahle, natuͤrliche Felſen mit Gewaͤchſen ver— 
ziert und belebt werden ſollen, ja oft muͤſſen, ſoll einerſeits 
die beabſichtigte Taͤuſchung nicht verloren gehen, oder ande— 
rerſeits der Felſen nicht eine dem Auge mißfaͤllige Leere 
darbieten. , 

Es ift daher dem Gartenliebhaber, wie dem Gärtner, 
wichtig und noͤthig, diejenigen Pflanzen kennen zu lernen, 
welche zu derartigen Anlagen ſich eignen. 

Hat nun zwar unſer beruͤhmteſter Gartenkuͤnſtler, der 
Koͤnigl. Baiernſche Hofgarten-Intendant Ritter von Skell 
zu Muͤnchen in ſeinen vortrefflichen Beitraͤgen zur bilden— 
den Gartenkunſt auch dieſen Gegenſtand nicht unbeachtet 
gelaſſen, ſo hat er ſich doch bei der Lehre uͤber Bildung 
kuͤnſtlicher Felſen und deren Bepflanzung faſt allein mit 
dem erſteren Theile befchaftigt, der zur Bepflanzung zu 
verwendenden Gewaͤchſe aber nur im Allgemeinen gedacht, 


\ 


„ 


und ſo fehlt uns, ſoweit mir wenigſtens bekannt, noch 
jetzt eine Anweiſung, welche uns diejenigen Pflanzen ken— 
nen lehrt, die in dieſer Hinſicht angewendet werden koͤnnen, 
und die uns mit der eiiien Art ihrer Anwendung 
bekannt machte. 

Eigner Bedarf hat mich legung meines Gar⸗ 
tens dahin gefuͤhrt, hierzu geeignete Pflanzen aufzuſuchen, 
auf ſolche zu achten und mit mehreren derſelben Verſuche 
anzuſtellen. 

Indem ich daher glaube, Manchen durch Mittheilung 
der in dieſer Beziehung von mir gemachten Erfahrungen 
nuͤtzlich werden zu koͤnnen, muß ich zugleich um guͤtige 
Rachſicht bitten, wenn ich nur eben das gebe, was ich als 
Dilettant in der Gärtnerei ſelbſt zu ſehen und wahrzuneh— 
men Gelegenheit fand, und es Andern überlaffen, dieſen 
Zweig der Gartenkunſt weiter zu verfolgen und auszubilden. 
Bei dem oben angegebenen Geſichtspunkte aber koͤnnen 
hier natürlich nur ſolche Pflanzen in Betracht kommen, 
welche weder eines kuͤnſtlichen Spaliers oder eines Anbin— 


dens an Staͤbe, noch einer fortwaͤhrenden Aufſicht und 


Abwartung beduͤrfen, und dieß um ſo mehr, als wir be— 
reits genugſame Anweiſungen beſitzen, welche uns uͤber die 
Bepflanzung von Spalieren, ſey es nun an freiſtehenden 
oder an Mauern befeſtigten, oder auch zur Bildung von 
Lauben belehren. 

Es kann aber eine ſolche Verzierung von, Mauern, 
Felſen und dergleichen Anlagen ſowohl durch holzartige, 
als durch krautartige, bei uns im freien Lande ausdauernde 
Gewaͤchſe erzielt werden, bei deren Anpflanzung wieder in 
Beruͤckſichtigung zu ziehen iſt, ob die Lage, an welcher 
die Pflanzung erfolgen ſoll, der Sonne ausgeſetzt oder 
ſchattig, ob dieſelbe feucht oder trocken iſt. 6 

Von den holzartigen Gewaͤch ſen würden hier 
nur ſolche in Anwendung kommen konnen, welche entweder 


durch die Ranken, welche ſie bilden, einen Gegenſtand uͤber⸗ 


ziehen, ohne daß dieſelben einer beſondern Vorrichtung 


hierzu beduͤrfen, oder welche bei unbedeutender Hoͤhe ihres 


* 


— — 


Stammes durch ihre herabhängenden Zweige den Boden 
zu bedecken vermoͤgen. 5 

Fuͤr den vorliegenden Zweck moͤchten die Gewaͤchſe 
dieſer Art in ſolche, welche an den Waͤnden emporſteigen 
und ſich ſelbſt durch Saugwurzeln, was meines Wiſſens 
nur bei holzartigen rankenden Gewaͤchſen ſtattfindet, an 
denſelben feſthalten, und in ſolche, welche oberhalb derſel— 
ben, oder zwiſchen einzelnen Steinen anzupflanzen ſind, 
und von ihnen, ſei es als Ranken, oder als Zweige her- 
abhaͤngen, einzutheilen ſeyn. 


Freien bei uns ausdauernde holzartige Pflanzen und 
moͤchten nur der Epheu in ſeinen verſchiedenen Arten 
(Hedera Helix und latifolia), die wurzelnde Trom⸗ 
petenblume (Bignonia radieans) und der ſogenannte 


8 Aus der erſten Abtheilung finden wir nur wenige 


wilde Wein (Vitis quinquefolia und vulpina) ſich 


hierzu eignen, und zwar der erſte an ſchattigen, daher feuch⸗ 
teren Stellen, die letzteren an ſonnigen, wenn nicht viel⸗ 
leicht noch einige Sumacharten (Rhus Toxieodendron 
und radicans) hierher zu rechnen wären, mit denen ich 
jedoch, vorzüglich ihrer giftigen Eigenſchaften Nr Ver⸗ 
rm nicht angeſtellt habe. 5 
Zahlreicher ſind dagegen die Pflanzen der welten 
Abtheilung, da hierzu faſt alle holzartigen rankende oder 
herabhaͤngende Zweige bildende Gewaͤchſe benutzt werden 
koͤnnen. Außer den bei uns ſchon hinlaͤnglich bekannten, 
zum Theil durch ihren Wohlgeruch ſich auszeichnenden 
Geisblattarten (Lonicera caprifolium, perielyme- 
num und sempervirens), den Teufelszwirn (Lycium 
barbarum) , den durch ihre reichen Blüthenmaſſen ſich 
hervorhebenden Waldrebenarten (Clematis viticella, 
canadensis, vitalba, flammula und Atragene alpina), 
den oft durch bunte Blaͤtter und mit verſchiedenfarbigen 
bald leeren, bald gefüllten Blumen gezierten Immergrüne 
arten (Vinca major und minor), und den großblaͤt⸗ 
terigen Oſterluzei (Aristolochia Sipho), die ſaͤmmt⸗ 
lich faſt in jeder Lage, ſind ſie einmal angewachſen, fort⸗ 


— 1 — 


kommen, und von denen wohl nur die beiden letztgenann⸗ 
ten einen etwas feuchteren Boden verlangen, glaube ich 
noch folgende, theils noch wenig zu dieſem Behufe in An— 
wendung gebrachte, theils hierzu noch verſuchsweiſe anzu= 
wendende Pflanzen erwaͤhnen zu muͤſſen, die ſich zumeiſt 
durch Bluͤthenfuͤlle oder Wohlgeruch auszeichnen, wie die 
gefüllte ſtrauchartige und die gemeine Brom— 
beere (Rubus fruticosus fl. pl. und caesius), einige 
Jasminarten (Jasminum ofliemale und fruticans), 
die griechiſche Schlinge (Periploca graeca), den 
Fletternden Baummoͤrder (Celastrus scandens), 
das Alpenciftusröshen (Cistus alpestris), einige 
Arten des Bohnenbaums (Cytisus elongatus und 
purpureus) und mehrere Roſenarten (Rosa scandens, 
capreolata, sempervirens), vielleicht ſelbſt den Wein⸗ 
ſtock (Vitis vinifera), welche indeſſen faſt ſaͤmmtlich, bis 
auf den Celastrus, eine mehr ſonnige, als ſchattige Lage 
verlangen, wogegen an paſſenden Orten in halbſonnigen 
Lagen die krautartige und die gemeine Heide 
(Erica herbacea und vulgaris), und wohl auch einige 
Arten der Alpenroſe (Rhododendron hirsutum und 
ferrugineum), der Andromede (Andromeda calyculata 
und polifolia) und des Felſenſtrauchs (Azalea vis- 
cosa) in Anwendung gebracht werden koͤnnten. 

Gehe ich nun auf die zweite Art von Gewaͤchſen, 
die zur Bepflanzung und Verzierung von Mauern und 
Felſen benutzt werden koͤnnen, die krautartigen aus— 
dauernden Gewaͤchſe uͤber, ſo bietet ſich uns hier 
eine große Zahl zur Auswahl dar. Bei ihnen aber iſt 
es noch noͤthiger, als bei den holzartigen Gewaͤchſen dar— 
auf zu achten, welchen Standort ſie verlangen, will anders 
man ſich nicht mehrfachen Verluſten ausſetzen. Ueberdieß 
iſt es in dieſer Beziehung vornaͤmlich noͤthig, diejenigen 
Pflanzen kennen zu lernen, welche bei uns auch in der 
groͤßten Sonnenhitze und in dem ſchlechteſten und mager— 
ſten Boden gedeihen. 

Beginnen wir mit dieſen die Reihe der aufzufuͤhrenden 


Mi = 


Pflanzen, fo finden wir hierzu vorzüglich die Fettpflanzen 
und dann ſolche Pflanzen, welche einen trockenen, meiſt 
holzigen Stengel, und minder ſaftreiche Blaͤtter beſitzen, 
am anwendbarſten. 

Z3au den erſteren gehören die Geſchlechter Sedum und 
Sempervivum, der Mauerpfeffer und die Haus- 
wurzel, beide decken den ſteinigen und felſigen Boden, 
wenn ſie nur eine geringe Unterlage von Lehm erhalten, 
bald, erſtere mit ihren maſtigen, an holzigen Stengeln nur 
loſe befeſtigten, breiten oder runden, pfriemenartigen Blaͤt— 
tern, letztere mit ihren aus ſaftreichen, meiſt herzfoͤrmig 
geſtalteten Blaͤttern gebildeten Roſetten. Beide Arten ge— 
deihen in der brennendſten Sonnenhitze und kaum iſt 
mir erinnerlich, daß ſelbſt bei der anhaltend trockenſten 
Witterung ſie irgend eine Beſchaͤdigung dadurch erlitten 
haͤtten. Sie zeichnen ſich uͤberdies durch meiſt maͤßig 
große, gelbe, weiße und rothe Blumen aus und es ſchei— 
nen mir unter ihnen Sedum acre, Telephium, populi- 
ſolium, hybridum, anacampseros, reflexum, Aizoon, 
album, Rhodiola rosea und Sempervivum tectorum, 
arachnoideum, globiferum und Wulfenii die am meiſten 
empfehlenswerthen zu ſein. 

Dieſen Fettpflanzen ſtehen hinſichtlich ihrer Ausdauer 
zunaͤchſt die Pflanzen aus den Geſchlechtern Dianthus 
(Nelke), Gnaphalium (Ruhrkraut) und Cerastium 
(Hornfraut), welche groͤßtentheils trockene, wenig faft— 
reiche Stengel haben, auf deren Spitze die bald gelben, 
bald rothen oder weißen Blumen ſich entwickeln. Von 
den Relken duͤrfte hier Dianthus glaucus, plumarius, 
monspessulanus, deltoides, barbatus und wohl auch 
japonicus; von den Ruhrkraͤutern mehrere in Deutſch— 
land wild wachſende Arten, wie Gnaphalium alpinum, 
arenarium, dioicum und von dem Hornkraut Üera- 
stium alpinum und tomentosum empfehlenswerth erſchei— 
nen. Auch die einheimiſche, dem Landmanne, wie dem 
‚Gärtner als Unkraut oft laͤſtige Ackerwinde (Convol- 
Ber arvensis) verdient in dieſer Hinſicht beachtet zu 

II. 2 


werden, da fie, einmal eingewurzelt, ganze Felſenflaͤchen 
mit ihren Ranken dicht uͤberzieht und mit Hunderten ihrer 
weiß und rothen Bluͤthen ziert. 

Naͤchſt ihnen möchten auf trockenen Stellen Pflanzen 
aus den Geſchlechtern Hypericum (Johanniskrauth, 
Hieracium Gabichts kraut), Linaria (Lö wenm auh, 
Silene (Leimkraut), Achillea (Schaafgarbe), Echium 
(Ratterkopf), und Potentilla (Füͤnffingerkraut) 
in Anwendung zu bringen ſein, unter denen vornaͤmlich 
wegen der ſchoͤnen goldgelben Bluͤthen Hypericum calyei- 
num, das in großen Maſſen bluͤhende einheimiſche Hype— 
ricum perforatum, und die mit ihren niedlichen Blättern 
und Blumen alle Ritzen der Mauern ausfuͤllende und uͤber— 
ziehende Linaria cymbalaria zu beachten ſein duͤrften. 

Zahlreicher noch ſind die Pflanzen, welche ſich zur 
Bepflanzung von ſonnigen, jedoch mit einigem fruchtreichen 


Boden verſehenen Stellen eignen. Hierher gehoͤren von 


rankenden Gewaͤchſen der Hopfen (Humulus Lupulus), 
die knollige Suͤßbohne (Glycine Apios), die breit— 
blaͤtterige und die knollige Wicke (Lathyrus la- 
tifolius und tuberosus), vielleicht auch das Bitter fuß 
(Solanum dulcamara), von den nichtrankenden meiſt den 
Boden durch niederliegende, oft kriechende Zweige bedecken— 
den Pflanzen aber die Flammenblumen mit ihren 
lieblichen Bluͤthen und mannigfaltigen Blattformen in 
mehreren Arten (Phlox verna, stolonifera, reptans, se- 
tacea, subulata, procumbens, welche ganze Flächen übers 
ziehen, und Ph. divaricata, pilosa, carnea, ovata, gla- 
berrima), der Lack (Cheiranthus cheiri), die Primeln 
(Primula elatior, acaulis, corthusoides, marginata), 


das krautartige Immergrün (Vinca herbacea) 


mit ſeinen ſchoͤnen blauen Blumen, das Speerkraut 
(Polemonium mexicanum, gracile und reptans), der 
Zieſt (Stachys lanata) mit feinen dicken wolligen Blaͤt⸗ 
tern, die verſchiedenen Arten des Erdrauchs (Corydalis 
lutea, bulbosa, aurea), die mit ihrem zierlichen Laube 
und niedlichen Blumen bald alle Spalten der Felſen aus— 


0 


füllen, der Storchſchnabel (Geranium sanguineum, 
striatum, Robertianum), das Gartenvergifmeins 
nicht (Omphalodes verna) mit feinen frühzeitigen him⸗ 
melblauen Bluͤthen, die verſchiedenen Arten der theils durch 
Wohlgeruch, theils durch lebhafte Farben ſich auszeichnen— 
den Veilchen (Viola odorata, altaica, tricolor, cana- 
densis), die Tauſendſchoͤnchen (Bellis perennis), die 
kleine Glockenblume (Campanula pulla), die Erda 
beere (Fragaria), die nicht nur zeitig durch ihre großen 
weißen Blumen, ſondern ſpaͤter noch durch ihre Früchte 
ziert, und die bei uns wildwachſenden Pflanzen Ly Si- 
machia nummularia mit ihren ſchoͤnen gelben Bluͤ— 
then und den regelmäßig gebildeten, reihenweiſe nebeneinan— 
der ſtehenden runden Blättern und die Glechoma he- 
deracea, die mit langen Ranken und ſchoͤnen blauen 
Blumen ganze Strecken uͤberzieht. Zur Anpflanzung an 
ſchattigeren und fruchtbaren Stellen möchten die An em o⸗ 
nen oder Leberblumen (Hepatica triloba, Anemone 
nemorosa, silvestris) mit ihren bald weißen, bald rothen 
oder blauen, leeren und gefuͤllten Blüthen, das Lun gen— 
kraut (Pulmonaria officinalis und virginiana), die 
Sumpf⸗Parnaſſie (Parnassia palustris) mit weißen 
anemonenartigen Blumen, einige Spierftauden (wie 
Spiraea filipendula, lobata), mehrere der Fleineren Arten 
der Schwertlilie (Iris biflora, graminea, notha, 
acuta), und die verſchiedenen Arten der Farrenkraͤuter 
empfehlenswerth erſcheinen. 

Zaͤrtlicher, und nur an geeigneten Stellen zu verwen— 
den, ſind die eigentlichen Alpenpflanzen, die zwar zwiſchen 
Steinbloͤcken meiſt ſehr gut gedeihen, aber eine beſondere 
Behandlung in Zubereitung der Erde, die ihnen zu geben 
iſt, und des Standortes verlangen. Von ihnen nenne ich 
hier nur den Leberbalſam (Erinus alpinus und his- 
panicus), das Alpengloͤckchen (Soldanella alpina), 
mehrere Arten des Enzian (Gentiana acaulis, eiliata, 
asclepiadea, cruciata, Pneumonanthe) und die Erd⸗ 
ſcheibe (Cyclamen europaeum und Coum). N 

2 ** 


— 20 — | 


Noch gehören zu dieſer Abtheilung mehrere Zwiebel— 
und Knollengewaͤchſe, die ebenfalls nur in beſondern Faͤllen, 
und wenn man ihnen einen Standort geben kann, wo ſie 
ihre Wurzeln in der erforderlichen Erde gehoͤrig auszubrei— 
ten vermögen, anwendbar find, Zu dieſen zahle ich den 
Saffran (Crocus vernus), die Herbſtzeitloſe 
(Colchicum autumnale), den Frauenſchuh (Cypripe— 
dium Calceolus), das Kiebitzei (Fritillaria meleagris), 
mehrere Vogelmilcharten (Ornithogalum nutans, 
pyrenaicum, umbellatum), die Meerzwiebel (Seilla 
cernua und amoena), die Muskathyacinthe 
(Hyacinthus Muscari), das Wein traͤubchen (Hya- 
einthus botryoides), den goldgelben Lauch (Allium 
Moly), die virginiſche Tradescantie (Tradescantia 
virginica), das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), 
die Maͤrzenblume (Levcojum vernum und aesü— 
vum) und die Maiblume (Convallaria Majalis.) 

Die ſchattigſten und feuchteſten Stellen aber bewahre 
man den mannigfaltigen Steinbrecharten (Saxifraga) 
auf, die mit ihren meiſt niedlichen, weißen und roͤthlichen 
Bluͤmchen bald ganze Flaͤchen mit ihren moosartigen Sten— 
geln und Blaͤttern bedecken, bald einen dichten Raſen bil— 
den oder in Form von Roſetten ſich zierlich hervorheben. 
Von dieſen aber duͤrften am meiſten Saxifraga sarmen- 
tosa, pyramidalis, umbrosa, punctata, hypnoides, 
granulata, geranioides, Geum, ceratophylla, und bei 
größerer Raͤumlichkeit 8. cordifolia und crassifolia ſich 
zur Anpflanzung empfehlen. 

Wohl duͤrfte es noch manches rankende Gewaͤchs, 
noch manches zierliche Pflaͤnzchen geben, das ſich zu ſol— 
chem Behufe anwenden laſſen wuͤrde, doch ich wollte nur 
eigne Wahrnehmungen und Erfahrungen geben und muß 
es Andern uͤberlaſſen, auf der von mir betretenen Bahn 
weiter fortzuſchreiten und uns fernere Mittheilungen uͤber 
dieſen Gegenſtand, vorzuͤglich auch uͤber die hierzu anwend— 
baren einjaͤhrigen Pflanzen, uͤber welche ich gar keine Er— 
fahrungen zu ſammeln Gelegenheit hatte, zu machen. 


Iv. 
Beiträge zur Naturgeſchichte der Jnſecten. 


Unter der zahlloſen Menge von Inſecten ſind es wohl 
die Schmetterlinge, welche zuerſt das Augenmerk der Men— 
ſchen auf ſich gezogen haben. Die entomologiſche Litera— 
tur habe ich zwar nicht genau vergleichen koͤnnen; aber 
doch möchte ich behaupten, daß zuerft über die Schmetter⸗ 
linge geſchrieben worden iſt. Auch jetzt noch ſind die En— 
tomologen meiſt Lepidopterologen, und betreiben ſie andre 
Zweige der Entomologie, ſo waren es gewiß die Lepidop— 
tern, durch die ſie ſich die Bahn brachen. Der Grund 
davon iſt wohl vernämlich in dem mannigfaltigen, pracht⸗ 
vollen Farbenſpiel zu ſuchen, womit dieſe Wunderthiere 
prangen. M 
Lange Zeit iſt man aber faſt nur beſtrebt geweſen, 
der Gattungen habhaft zu werden, ohne ſich ernſtlicher um 
die Raturgeſchichte dieſer Geſchoͤpfe zu bekuͤmmern. Es 
liegt dies in der Natur der Dinge. Des Anfaͤngers Aus 
genmerk geht nur auf die zu erlangenden Stuͤcke und auf 
die Ausfüllung der Luͤcken in ſeiner Sammlung, und dies 
nimmt die ganze Zeit ſeiner Muße in Anſpruch. Es waͤre 
freilich beſſer, wenn die jungen Entomologen die guten 
Lehren erfahrener Entomologen mehr beherzigten, und bei 
ihren Excurſionen ruhiger und vorſichtiger zu Werke gingen. 
Dann wuͤrde nicht nur in der Regel eine reichere Aus— 
beute zu erlangen ſein, ſondern es koͤnnten auch oͤfters 
wichtige Entdeckungen im Haushalt dieſer Thiere gemacht 
werden. Doch dieſe Ermahnungen ſind meiſt in den 


Wind geſprochen. Der Anfänger rennt und jagt, daß 
man meinen moͤchte, er ſuche einen Hirſch einzuholen. 
Dabei erlangt er nicht nur nichts, oder das Erlangte iſt 
ganz defect, ſondern er ſcheucht auch vieles Andere oft 
weit Koſtbarere fort. 

Auch ich beging in den erſten Jahren auf meinen Ex— 
curſionen dieſelbe T horheit. Herzlich muß ich noch lachen, 
wenn ich daran denke, wie ich an einem der erſten heitern 
Apriltage einem Maͤnnchen von B. Versicolora auf dem 
Todtenhau in der Leine ſo haſtig nachſetzte, daß ich vor 
Begierde eine breite und tiefe Waldlache nicht ſah, die 
ſich auf meiner Rennbahn mir entgegenſtellte. Einzuhalten 
war nicht moͤglich; ich ſetzte an, immer noch das Auge 
auf den Vogel gerichtet, ſchlug waͤhrend des Ueberſpringens 
darnach, erhaſchte es und erreichte auch den Rand. Welche 
Freude! N 

Nicht fo gluͤcklich ging es einem meiner Vorgänger, 
Dieſer jagte auf den Feldern an der Leine dem Podalirius 
nach, — der, beilaͤufig geſagt, bei uns hoͤchſt ſelten iſt, 
weil die huͤglige Flußgegend mit dem Schwarzdorn fehlt, 
und nur zuweilen einer aus der Gegend von Penig zu 
uns verſchlagen wird, — und ſo heftig, daß er einen 
Feldteich nicht ſieht, uͤber den der Podalirius ſeinen Flug 
nimmt. Jetzt ſchlug er mit einem großen Sprunge nach 
dem Schmetterlinge und rief: Ich hab' ihn! — ſtand 
aber auch bis unter die Arme im Waſſer. — Gewiß 
würden die geſammelten Fata der Parforcejäger erheiternd 
zu leſen ſein. Mit dieſen Hetzjagden iſt aber der ri md 
ſchaft nicht viel gedient. 

Seit langer Zeit mache ich es ganz anders. Auf 
meinen Excurſionen lauſche ich mehr, ſehe meiſt dahin, wo 
es kriecht oder gar ruht, und weniger dahin, wo es fliegt. 
Dabei nehme ich nur einen kleinern Theil des Waldes in 
Obacht, und finde dann immer viel und ſtoße auf dieſe 
und jene Merkwürdigkeit. 

Vorzuͤglich iſt meine Aufmerkſamkeit in den letzten 
Jahren auf den Inſtinet dieſer Thiere gerichtet geweſen, 


u. 


durch den dieſe vernunftloſen Geſchoͤpfe fo richtig und wuns 
derbar geleitet werden. Ich geſtehe, daß ich oft wuͤnſche, 
dieſem intereſſanten Gegenſtande mehr Zeit widmen zu 
koͤnnen; denn je mehr man die Brutplaͤtze dieſer Sipps 
ſchaften aus kundſchaftet, deſto leichter wird es, dieſe oder 
jene Art genauer zu beobachten und ſo nach und nach 
in ihren Haushalt einzudringen. 
f Schon oft habe ich ein Stuͤndchen daran gewendet, 
um die Weibchen mancher Inſecten zu beobachten, wenn 
ſie Eier legen wollen, und die Sicherheit bewundert, mit 
der fie von ihrem Inſtinct geleitet die oft nur einzige Fut⸗ 
terpflanze aufſuchen, um ihre Eier abzuſetzen. Sollte man 
nicht glauben, was den Schmetterlingen gut ſchmeckt 
— nämlich meiſt Nectar aus den Blumen — das muͤſſe 
auch den Raupen zufagen und alſo die Schmetterlinge bes 
ſtimmen, ihre Eier an die Blumen zu legen? Aber nein, 
der Inſtinct unterſagt es ihnen, indem dieſes Futter der 
Brut den Tod bringen wuͤrde; er noͤthigt ſie vielmehr, 
die oft ſehr verborgene Futterpflanze aufzuſpuͤren und die 
Eier daran abzuſetzen. Wie ein ſolcher Schmetterling die 
Futterpflanze ſeiner Brut von der ſeiner Rahrung ſo rich— 
tig unterſcheidet, wer mag das ergründen ? So ſah ich 
einem tief fliegenden, Eier legenden Weibchen von B. Tau 
zu, wie es ſich an allen Buͤſchen anfußte, an den Zweis 
gen hinaufflatterte und ſie gleichſam beroch. Nur an Bir⸗ 
kenruthen befeſtigte es die braunen Eier, nie aber an Has 
ſelſtaude, Faulbaum, Vogelbeerbaum, Wollweide, Erle und 
andre Straͤucher, die es auf feiner Wandrung traf. Zus 
letzt blieb es an einem Zweige einer Eiche ſitzen, legte das 
ſelbſt noch 2 Eier und ruhte aus. 
Richt aber das allein iſt zu bewundern, daß ſie mit 
einer Art von Untrüglichfeit die richtige Futterpflanze finden, 
ſondern auch, daß ſie ſolche Pflanzen waͤhlen, auf welchen 
ihre Brut einigen Schutz gegen ihre Feinde findet. So 
legt das Weibchen von N. Sicula ſeine Eier auf dieje⸗ 
nigen lindenen Buͤſche, welche am früheften gelbe Blätter 
bekommen, zumeiſt auf drei-, vier⸗ und fuͤnfjaͤhrige. Und 


— 


wu ME. 


warum? Weil die Raupen — an Geftalt einem Sees 
pferdchen nicht unaͤhnlich — gerade zu der Zeit auch die 
Farben der Blätter annehmen und fo nur aͤußerſt ſchwer 
von ihren Feinden auf denſelben aufgeſpuͤrt werden. Ich 
klopfe daher nur die Buͤſche mit gelben Blaͤttern ab und 
erhalte gewoͤhnlich eine reichliche Ausbeute, waͤhrend man 
auf den noch gruͤnen Buͤſchen vergeblich ſucht. Um an 
die drei-, vier- und fuͤnfjaͤhrigen Buͤſche die Eier abzule— 
gen, ziehen dieſe Thierchen faſt jaͤhrlich weiter, von Hau 
zu Hau. Wie iſt es nun dem Weibchen dieſer Sichel— 
eule moͤglich, dieſe Buͤſche, welche zuerſt gelbe n 
erhalten, herauszuſuchen? 25 

Eine nicht weniger intereſſante Aufgabe fuͤr den Schar 
ſinn des Menſchen iſt ferner die, das Mittel zu entdecken, 
wodurch das Maͤnnchen das oft in ſehr weiter Entfernung 


ruhende und auf Erloͤſung harrende Weibchen findet. Von 
einer Lockſtimme, wie es bei den Heimchen der Fall iſt, 


hört man nichts, und doch trifft ſich das Liebespaar zuver— 
laͤſſig, ſollten auch beide Theile eine halbe Meile auseinan— 
der ſein. Wer von beiden Theilen giebt dem andern das 
Zeichen, das nicht geſehen und gehoͤrt, und doch wahrge— 


nommen wird? Der Mann ſchwerlich, denn ſonſt wuͤrde 


das Weib ihn ſuchen. Wir ſehen z. B., wie die Maͤnn— 
chen von B. Versicolora, vornämlich aber von B. Tau 
unaufhoͤrlich dahin ſchießen und vor Liebeseifer oft blind 


ſind, indem manche bei dem unausgeſetzten Flug durch die 


Büfhe an den Stämmen ſich die Köpfe einſtoßen, oder 
ihren Kopfputz, die herrlichen gekaͤmmten Fuͤhler beſchaͤdigen. 
Das Männchen von B. Rubi fteuert hoch und tief, 
ſchwankend oder wellenartig, verwirrt ſich oft in einem 
Grasbuſche und faͤllt ſo in die Haͤnde eines Parforcejaͤgers, 
dem es ſonſt ſchwerlich gelungen ſein wuͤrde, es zu erja— 
gen. Das Weibchen muß alſo die Zauberin ſein; denn 
ſonſt wuͤrde der Mann ſich nicht ſo außerordentlich an— 
ſtrengen, die Geliebte aufzuſuchen. Doch worin beſteht ihr 
Zaubermittel und in wie weitem Umfange wirkt es? — 
Der Mann wird vermuthlich zuerſt durch eigne Bes 


gierde angetrieben, den Gegenſtand feiner Liebe aufzuſuchen, 
und daher ſchießt er immer vorwaͤrts. Uebermannt ihn 
die Muͤdigkeit oder uͤberraſcht ihn die Nacht, nun fo ruht 

er aus, um den folgenden Tag feine Streifzuͤge von 
neuem zu beginnen. Es iſt auch wohl anzunehmen, daß 
mancher Liebesabentheurer ſich zu Tode ſucht, wenn man 
bedenkt, daß die Zahl der Maͤnnchen weit bedeutender iſt, 
als die der Weibchen. Hat ſich nun das Maͤnnchen durch 
den Schlaf geſtaͤrkt, ſo ſteuert es den andern Tag aufs 
Neue ſeinem Ziele entgegen, bis es in den Kreis der 
Zauberin geraͤth. Jetzt ſchießt es nicht mehr pfeilſchnell 
dahin, ſondern es ſucht und zwar in kreisfoͤrmigem Fluge. 
Endlich trifft es den ſuͤßen Gegenſtand ſeiner Anſtrengun— 
gen und die Liebesſcene beginnt, ohne daß das Maͤnnchen 
ſich erſt durch viele Liebkoſungen angenehm zu machen 
ſucht, wie es die Maͤnnchen der Tagvoͤgel zu thun pflegen. 
Doch der arme Wolluͤſtling! Sind feine Kraͤfte erſchoͤpft, 
ſo findet er oft ſchon an Ort und Stelle ſeinen Tod, oder 
er taumelt noch eine Strecke, ſinkt dann hin und ſtirbt. 

Im Jahr 1829 war B. Plantaginis von der Kaͤrr⸗ 
nerbruͤcke bis zur Clauſe hinauf ſehr häufig. Eines Tages 
begab ich mich gegen 5 Uhr des Nachmittags an den Platz, 
wo hauptſaͤchlich B. Plantaginis flog; denn die Maͤnn⸗ 
chen dieſer Euprepie kommen nach 5 Uhr zum Vorſchein. 
und fliegen bis gegen 7 Uhr, und zwar im Juni und 
Juli. Ich ſtellte mich an der Straße auf eine kleine 
Wieſe, wo dieſe Herren vorbeiſauſten, und erhaſchte einen 
nach dem andern. Jetzt ſah ich wieder ein Maͤnnchen, 
das einen ziemlich großen Platz umkreiſte, den Kreis im— 
mer enger und enger zog und dann plotzlich niederftürzte, 
Ich eilte hinzu und zu meiner groͤßten Freude fa ich, 
wie es fein Liebchen gefunden hatte. 

Im Jahre 1832 ging ich mit Herrn Otto Friedrich 
auf einen Fangplatz in der Leine, der von jeher eine 
reiche Ausbeute gegeben hat und noch giebt. Gleich am 
Saume der Leine fing Herr Friedrich ein Weibchen von 
B. Cuercus und that es in feinen grobgeflochtenen Stroh⸗ 


. 


hut, in welchem es ſich oben anhakte. Wir gingen tiefer 
in den Wald hinein. Auf einmal umkreiſten uns zwei 
große Schmetterlinge. Da fie ſich mehr um Herrn Fries 
drich bewegten, ſo bat ich ihn, ſtill zu ſtehn. Sogleich 
ſteuerten ſie auf den Strohhut zu und ich ſah, daß es 
Maͤnnchen von B. Quercus waren. Daß Eine feste ſich 
auf den Hut und umflatterte ihn. Jetzt kamen noch 4 
Maͤnnchen herbei und alle flatterten um den Strohhut. 
Es war aͤußerſt intereſſant, es mit anzuſehen. Ich bat 
Herrn Friedrich, er moͤchte ganz ſacht den Hut in die 
Hoͤhe heben. Er that es, und ſogleich liefen 2 von den 
6 Maͤnnchen hinein. Eins natuͤrlich nur konnte das be— 
gluͤckte ſein und die Sehnſucht der Braut ſtillen. Als— 
bald ging der Begattungsact vor ſich, die uͤbrigen Maͤnn— 
chen aber entfernten ſich ſchleunigſt und keines ließ u 
wieder feben. 

Hierbei drängt ſich natürlich die Frage auf: Woher 
wußten die Maͤnnchen, daß in dem Hute ein Weibchen 
ihrer Art war? Ganz gewiß durch einen Duft, den das 
Weibchen verbreitet und durch den die Männchen herbei— 
gelockt werden. Da nun das grobe Geflecht des Hutes 
viele kleine Oeffnungen hatte, ſo konnte dieſer Duft leicht 
hindurchdringen und ſich in weitem Umfreife verbreiten. 
Daß der Lockungsſtoff ein Duft ſein mag, laͤßt ſich auch 
daraus ſchließen, daß beim Beginn des Begattungsactes 
die übrigen Maͤnnchen davon flogen, weil nun jener we— 
gen ſeiner Feinheit im Freien leicht ſich verfluͤchtigende 
Duft nicht mehr ausſtroͤmte und ſo die andern Maͤnnchen 
keinen Fuͤhrer mehr hatten. Seit dieſem Begegniſſe hab' 
ich Hunderte von verſchiedenen Spinnerweibchen in meinem 
Felbelhute gehabt, aber nie iſt mir etwas Aehnliches vor— 
gekommen, und es konnte dies auch nicht ſein, da jener 
Duft durch einen ſolchen Hut nicht hindurchdringen kann. 
Wie weit aber ein ſolcher Duft ſich verbreiten und an— 
locken kann, iſt freilich im Gebuͤſch ſchwer zu erforſchen. 
Daß er aber durch den Wind weit fortgefuͤhrt werden 
kann, ſcheint folgendes Beiſpiel zu beweiſen. 


u 


ITnm Jahre 1829 hatten wir, Herr Friedrich und ich, 
eine große Zucht von B. Versicolora. Die Maͤnnchen 
krochen alle zuerſt aus und dann die Weibchen. Eines 
von den letzten Weibchen ſetzte Herr Friedrich vor das 
Fenſter nach dem Garten zu, um zu ſehen, wie lange es 
ſitzen bleiben moͤchte. Doch wie erſtaunte er, als am ans 
dern Tage ein Maͤnnchen daneben ſaß! Dies hatte einen 
Weg von wenigſtens 2 Stunde gemacht; denn ſo weit 
liegt das knauſche Holz entfernt, die naͤchſte Waldung in 
der Umgegend, wo B. Versicolora vorkomm. 

Zum Schluß dieſer Bemerkungen noch eine Beobach⸗ 
tung des Herrn Friedrich. Dieſer hatte im Sommer deſſel⸗ 
ben Jahres eine weibliche Puppe von B. Dispar in die Stube 
gethan. Kaum iſt der Schmetterling ausgekrochen, ſo kommt 
ein Maͤnnchen zum offenſtehenden Fenſter hereingeflogen und 
begattet ſich mit dem Weibchen. Dies legt nun in ein 
offen ſtehendes Schubfach einer alten Commode, in wels 
chem auch der Begattungsact geſchehen war, ſeine Eier. 
Herr Friedrich nimmt das Weibchen, wirft es zum 
Fenſter hinaus und kratzt die Eier meiſtens ab, laͤßt 
aber das Fach noch offen ſtehen und geht dann aus. Als 
er wieder nach Haufe kommt, fragt ihn feine Mutter: 
„Sage mir nur, was haſt Du denn dort in Deinem 
Fache? Alle Augenblicke kam ein Schmetterling zum Fen- 
ſter herein und flog in dieſes Fach.“ Herr Friedrich giebt 
nun ſelbſt Acht, und ſiehe da, ein Disparmaͤnnchen nach 
dem andern kommt durch das Fenſter, fliegt in das Schub⸗ 
ſach, flattert darin herum und ſteuert endlich wieder zum 
Fenſter hinaus. Dieſes Spiel trieben dieſe Thierchen noch 
einige Tage fo for. Was war es denn hier, was fie 
anlockte? — Vielleicht derſelbe Duft, der ſich mit den 
abgeſetzten Eiern verbunden hatte und ſich deshalb 15 
fo ſchnell verflüchtigte, 


Schlenzig. 


. 


Ich kann es mir nicht verſagen, obigen intereſſanten 
Beobachtungen noch eine eigene hinzuzufuͤgen. 
Als ich im Jahr 1820 aus der Schweiz in's Vaters 


land zuruͤckkehrte, geſtattete es mir die ungewoͤhnlich fruͤh 


eingetretene Fruͤhlingswitterung, einen Ausflug in das 
Oberhasli zu machen. Seit 3 Tagen hatte der Fon ges 
ſtürmt. Auf dem Wege nach Meyringen konnte ich mich 
von den ſeltſamen Eigenſchaften dieſes Windes uͤberzeugen. 
Er hatte durchaus keine ſtetige Richtung, ſondern blies 


ſtoßweiſe jetzt in das Geſicht, und im naͤchſten Augenblick 


wieder in den Nacken; zuweilen ſchien er in ſenkrechter 
Linie von oben auf den Scheitel herab zu brauſen, und 
ruckweis fühlte man ſich wie von lauwarmem Athem ums 
goſſen. In wenigen Tagen war ſeiner erwaͤrmenden Kraft 
der Schnee in den Thaͤlern und ſelbſt auf niedrigen, ſon— 
nigen Alpen gewichen. In Meyringen bluͤhten Kirſch— 
baͤume an den Waͤnden der Haͤuſer und eine der 
niedrigen Alpen unterhalb der Gadmerflur war mit den 
Bluͤthen von Crocus vernus und mit den lieblichen 
rothen Gloͤckchen von Soldanella alpina überzogen, und 
doch hatten wir erſt den 9. April. Die ſammtnen goldgelb— 
gefleckten ſchoͤnen Raupen von Papilio Apollo ſonnten ſich 


auf den hoͤheren felſigen Vorſpruͤngen der langen Felswand, 


welche das Gadmerthal von der Suͤdſeite einſchraͤnkt, und 
fraßen begierig von Sedum album. Leicht haͤtte ich 
eine große Menge einſammeln koͤnnen. Eine kleine Zahl 
führte ich in meiner Botanifirbüchfe mit fort, wo ſie ſich 
auch verpuppten. In Wien krochen ſie ſpaͤter aus; es 
war die dunkle, berußte Varietaͤt, wie ſie in Hochge⸗ 
birgen vorkommt. f 
Auf einem Ausfluge von Meyringen in das urbach⸗ 
thal ſah ich in den Vormittagsſtunden im warmen Son— 
nenſchein eine große Anzahl einer Psyche (hirsutella?) 
über dem noch wenig Leben zeigenden Raſen umher— 
ſchwaͤrmen. Alle, die ich fing, waren Maͤnnchen. Ich 
gab nun genau Achtung und ſah bald, wie ſich ein Maͤnn— 
chen ins Gras niederließ. Als ich hinzukam, fand ich es mit 


* 


— 82 — 


einem aber noch in der Puppenhuͤlſe eingeſchloſſenen Weib— 
chen in Paarung. Es gelang mir nun leicht durch Beob— 
achtung der Stellen, wo ſich die Maͤnnchen niederließen, 
eine Anzahl ſolcher Weibchen aufzufinden. Eben hatte ich 
eines auf der flachen Hand liegen, um es genauer zu be— 
trachten, als ein Maͤnnchen herbeigeflogen kam, ſich auf 
meine Hand ſetzte, auf die Puppenhuͤlſe kroch, den Hinter— 
theil ſeines Leibes durch die Oeffnung am hinteren Ende 
derſelben hineinbrachte und mit dem in dem Sack ſtecken— 
den Weibchen die Paarung auf meiner Hand vollzog. 
Der Kundige weiß, daß die Weibchen von manchen Sack— 
traͤgern die Puppenhülſe nie verlaſſen, ſondern als ſehr 
unvollkommen entwickelte Schmetterlinge wie lebendig in 
dieſem Sarge begraben die Ankunft eines Maͤnnchens ru⸗ 
hig erwarten muͤſſen, und nach der Paarung in dieſer 
Huͤlſe auch die Eier legen. Wenn dieſe ausgekrochen ſind, 
ſo kommen ſie aus der Puppenhuͤlſe hervor und leben und 
ernaͤhren ſich nach Art anderer Sacktraͤger. Da die 
Psyche plum. wo ſie einmal vorkommt, ſehr haͤufig iſt, 
ſo duͤrfte ſie ſich beſonders dazu eignen, um genauere Be— 
obachtungen über dieſe merkwuͤrdigen Thiere anzuſtellen. 


A ple t. 


V. 


Einige Bemerkungen über die Fortpflan⸗ 

zung der Thiere und über die künſtliche 

Fortpflanzung der Forellen, nebſt einer 
naturwiſſenſchaftlichen Einleitung. 


Mitgetheilt von Brehm. 


Kiefer ſagt in ſeiner merkwuͤrdigen Eroͤffnungsrede der 
Verſammlung der Naturforfcher in Jena, daß alle Wiſſen— 
ſchaften in den Naturwiſſenſchaften wurzeln muͤſſen, und 
wer ſollte ihm nicht beiſtimmen. Wie viele Behauptun— 
gen, welche wiſſenſchaftlich begruͤndet ſchienen, und lange 
gegolten hatten, fielen ſogleich, als man erwies, daß ſie 
mit erkannten Wahrheiten der Naturwiſſenſchaften unver— 
einbar ſeien. Und wie viele Behauptungen der Geſchicht— 
ſchreiber und Dichter haben erſt in neuerer Zeit durch die 
Naturwiſſenſchaften ihre Beſtaͤtigung erhalten! 

Allein nicht blos die hoͤhern, ſondern auch die niedern 
Wiſſenfchaften haben ſchon ſehr viel von den Naturwiſſen— 
ſchaften entlehnt und werden immer mehr von ihnen ent— 
lehnen muͤſſen. Ich bin feſt uͤberzeugt, daß unſer Feldbau 
noch unendlich viel von den Naturwiſſenſchaften annehmen 
muß, um auf die Hoͤhe, auf welche er kommen kann, ge— 
bracht zu werden. Rur wenn man die Erfahrungen der 
Geognoſie zur Erforſchung der Erdarten und die Chemie 
zur Pruͤfung der Duͤngungsmittel gehoͤrig angewendet, und 
die botaniſch verſchiedenen Getraidearten, von denen der 
Paſtor Krauſe in Taupadel bei Jena 154 beſitzt — ich 


ſah fie ſelbſt bei ihm in größter Schönheit zur Zeit der 
Reife — und in einem ſchoͤnen Werke mit Abbildungen 
bekannt macht, auf den an Erdarten hoͤchſt verſchiedenen 
Boden der verſchiedenen Aecker verſucht haben wird: kann 
man hoffen, dieſen nothwendigſten Zweig alles menſchlichen 
Wiſſens recht zu foͤrdern. Und wie viel wird die Zucht 
der Hausthiere und die Zaͤhmung mancher jetzt noch gar 
nicht zu Hausthieren gewordener Geſchoͤpfe von der Natur- 
geſchichte noch entlehnen, wie viel die Kochkunſt noch von 
der Chemie erborgen! Es wuͤrde viel zu weit fuͤhren, das 
hier nur Angedeutete gehoͤrig auseinander zu ſetzen und das 
Geſagte fol nur dazu dienen, um eine geuͤbtere Feder, als 
die meinige iſt, zu einer Abhandlung uͤber dieſen Gegen— 
ſtand zu veranlaſſen. Rur, wenn ſich dieſe nicht finden 
ſollte, werde ich es vielleicht kuͤnftig ein Mal verſuchen, 
Etwas darauf Bezuͤgliches mitzutheilen. Jetzt nehme ich 
nur ein Beiſpiel heraus, um an ihm zu zeigen, mit wel— 
chem Gluͤck die Naturgeſchichte der Zucht der Fiſche an die 
Hand geht. Es iſt bekannt, daß bei den verſchiedenen 
Thierklaſſen die Ausbildung des Foͤtus und die Belebung 
deſſelben nach ganz verſchiedenen Geſetzen erfolgt. Bei den 
Saͤugethieren iſt ohne vorhergegangene Begattung die Aus— 
bildung des Foͤtus unmoͤglich, ſein Entſtehen beginnt erſt 
nach derſelben, und ſobald dieſes einmal angefangen hat, 
ift eine fernere Begattung nicht nur unnöthig, ſondern ſo— 
gar oft nachtheilig. Ganz anders iſt es bei den Voͤgeln, 
bei ihnen bildet ſich, wie jede arme Frau, welche aus Er— 
ſparniß einige oder auch nur ein Paar Hennen ohne Hahn 
haͤlt, genau weiß, ein Ei nach dem andern aus und wird 
mit vollkommener Schaale gelegt; aber es iſt nicht befruch— 
tet, und wird deswegen durch die Brutwaͤrme nicht belebt, 
ſondern zu Grunde gerichtet, d. h. faul. Daß dieſes Eier— 
legen nicht blos bei zahmen Voͤgeln, ſondern auch bei wil— 
den, die in der Gefangenſchaft gehalten werden, vorkommt, 
beweiſen viele von Weibchen im Kaͤfige ohne Zuthun eines 
Maͤnnchens gelegte Eier. Meine Sammlung enthaͤlt ein 
von einem gezaͤhmten Steinadler gelegtes Ei. — Die 


Eier der Vögel erhalten wahrſcheinlich den Tag vorher, 
ehe ſie gelegt werden, ihre eigentliche Befruchtung. Wie 
es bei den Monotremen (den Schnabelthieren, na— 
mentlich Ornithorhynchos paradoxus und der Echidna 
hystrix) verhaͤlt, wiſſen wir nicht, ich glaube aber, daß 
es ſich bei ihnen faſt wie bei den Amphibien fein wird. 
Bei dieſen z. B. bei den froſchartigen (Batrachiern) bil— 
den ſich die Eier aus, werden aber von dem Maͤnnchen 
noch im Leibe des Weibchens befruchtet. Ich moͤchte glau— 
ben; daß es bei den Schlangen anders ſei, ich vermuthe 
nämlich, daß die Eier dieſer Thiere ſehr fruͤhzeitig ihre Bea 
fruchtung erhalten, denn es iſt bekannt, daß manche von 
ihnen lebendige Junge zur Welt bringen. Dieß waͤre 
nicht moͤglich, wenn die Begattung bei ſchon ſtark ausge— 
bildetem Eie vor ſich ginge: daß aber manche Schlangen, 
namentlich unſere Kreuzottern, Vipera berus (Coluber 
berus, Linn.) lebendige Junge gebaͤhren, habe ich erſt 
im September 1836 an einer, welche ich bekam, geſehen: 
die Sache verhaͤlt ſich naͤmlich ſo. Die Jungen ſind im 
Mutterleibe ſehr ausgebildet, aber natuͤrlich noch ganz von 
der Eihaut umſchloſſen, die meiſten derſelben ſprengen dieſe, 
waͤhrend ſie geboren werden, und ſo ſind denn die kleinen 
ſchaͤndlichen Ottern ſogleich fertig und ich glaube, daß ſie, 
wie Alles, was ein Haͤkchen werden will, bei Zeiten ſich 
kruͤmmt, das Beißen ſehr bald lernen. Man ſollte die 
Beſitzer der Menagerien auf dieſen Punkt aufmerkſam ma— 
chen. Da man jetzt junge Rieſenſchlangen zieht, duͤrfte 
man nur auf die Zeit ihrer Begattung und ihres Gebaͤh— 
rens aufmerkſam ſein, um uͤber den fraglichen Gegenſtand 
Gewißheit zu erlangen. Bei den Inſekten iſt es ſehr ver— 
ſchieden, und bei ihnen giebt es noch viel zu beobachten. 
Jeder Schmetterlingsſammler weiß, daß ſeine aus Puppen 
gezogenen Schmetterlingsweibchen Eier legen, ohne daß ein 
Maͤnnchen zu ihnen gekommen, er weiß aber auch, daß 
dieſe nicht auskriechen. Dieſe Eier verhalten ſich gerade 
wie bei den Voͤgeln; ſie muͤſſen befruchtet werden, wenn 
ſie Leben bekommen ſollen. Deswegen wendet der Schmet— 


1 


— 33 — 


terlingsſammler das etwas grauſame Mittel an, um von 
ſeinen ausgekrochenen ſeltenen Schmetterlingsweibchen be— 
fruchtete Eier zu erhalten. Er ſteckt fie an eine Nadel 
und ſetzt ſie an den Ort, an welchem ſich dieſe Schmet— 
terlinge aufhalten, aus. Die Maͤnnchen kommen dann zu 
dem Weibchen, begatten ſich mit ihm und fo erhält der 
Sammler Eier, welche bald auskriechen. — Ganz anders 
iſt es bei den ſtechenden Inſekten. Es iſt bekannt, daß 
alle maͤnnlichen Hummeln, Horniſſen und Wespen 
im Herbſte ſterben. Wer daran zweifeln ſollte, der unters 
ſuche im Spaͤthherbſte die in der Erde befindlichen Wes— 
penneſter. Diejenigen, welche von den Fuͤchſen, Wespen— 
buſſarden, Gruͤn- und Graufpechten verſchont geblieben 
ſind, enthalten noch die maͤnnlichen Wespen. Dieſe leben 
auch noch kurze Zeit, nachdem ſie zuletzt geflogen ſind; 
aber bald darauf findet man die ganze Wespengeſellſchaft 
erſtarrt und nicht lange nachher todt. Etwas ſpaͤter, ſo— 
bald die Feuchtigkeit des aufgethauten Schnees eindringt, 
verfaulen die Wespen und die Hüllen des Reſtes Töfen- 
ſich auf und verſchwinden. Unterſucht man die Wespen 
in dem Reſte genau: dann bemerkt man bald, daß nur 
die Maͤnnchen, welche ſich bekanntlich durch ihre geringe 
Groͤße auszeichnen, zuruͤckgeblieben ſind. Die Weibchen 
haben ſich entfernt und in Baumritzen oder andern Schlupf— 
winkeln verkrochen, um den Winter in ihnen zuzubringen. 
Diejenigen in ihnen, welche nicht von den Spechten auf⸗ 
gezehrt oder durch andere Urſachen umgekommen ſind, fan— 
gen im darauf folgenden Fruͤhjahre ein Reſt an, d. h. 
jede einzelne fuͤr ſich. Deswegen findet man Anfangs 
ganz kleine Reſtchen mit einer Zelle in der Mitte, und ſo 
viel andere um dieſe herum, als ſie Seiten hat, und in 
jeder ein Ei. Ganz auf aͤhnliche Weiſe machen es die 
Horniſſen (Pferdehorniſſen) nur mit dem Unterſchiede, daß 
dieſe ihre Reſter in hohlen Baͤumen, verlaſſenen Bienen— 
koͤrben und Gebaͤuden, hoͤchſt ſelten in der Erde anbringen. 
Bei den Hummeln verhaͤlt es ſich etwas anders; die. 
1 derſelben kommen im Herbſte gewoͤhnlich auf 
0 3 


us 


die Art um, daß ſie auf den fpat blühenden Blumen 
ſitzen bleiben und erſtarren. Woher nehmen aber die 
Weibchen dieſer ſtechenden Inſekten im Frühjahre ihre be— 
fruchteten Eier? Es giebt nur eine Erklaͤrung dieſer Er— 
ſcheinung, naͤmlich die Annahme, daß die Eier im Herbſte 
befruchtet, und im Fruͤhjahre gelegt werden. Natürlich 
finden wir eine aͤhnliche Erſcheinung bei den Bienen. Es 
iſt bekannt, daß alle Arbeitsbienen weiblichen Geſchlechts 
und eigentlich verkruͤppelte oder, richtiger geſagt, nicht zur 
Vollkommenheit gelangte Weiſebienen ſind. Dies ſieht 
man daraus, daß aus jedem Bienenei, wenn es in eine 
große Zelle getragen, reichlich genaͤhrt und recht erwärmt 
wird, eine Weiſelin werden kann, was jeder Bienenliebha— 
ber weiß. Eben fo bekannt iſt es, daß die Eier der Droh⸗ 
nen (maͤnnlichen Bienen) nur von den Arbeitsbienen gelegt 
werden. Ein Bienenſchwarm, welcher vor mehrern Jah— 
ren in der Nähe von Hummelshain in einem Baume ge— 
funden wurde, ſetzt dieſe Behauptung außer allen Zweifel. 
Jener Schwarm wurde, nachdem der Baumſtrunk, in wel— 
chem er ſich befand, ausgeſaͤgt worden war, zu den ‚ans 
dern Stoͤcken des Foͤrſters geſtellt; aber er gedieh nicht. 
Als man nach 14 Tagen nachſah, fand man ihn weiſel— 
los, dennoch hatte der Schwarm nicht nur gebaut, ſondern 
auch viel Brut, aber lauter Drohnenbrut, ein deutlicher 
Beweis, daß die Arbeitsbienen nur Drohneneier legen. 
Allein wann werden dieſe Eier und die der Weiſelin 
ſelbſt befruchtet? Jedermann weiß, daß die Drohnen im 
Spaͤtſommer von den Arbeitsbienen umgebracht werden, 
und dennoch legen die Arbeitöbienen wie die Weiſelinnen 
im Winter ſchon Eier. Sie muͤſſen alſo vom vorigen 
Sommer her befruchtet geweſen ſein. So viel iſt alſo 
gewiß, alle Inſekteneier werden im Leibe des Weibchens 
befruchtet. — (nat; : 

Auf Ähnliche Weiſe verhält, es ſich bei den Würmern, 
denn man ſieht die Regenwuͤrmer paarweiſe oft feſt anein- 
ander gedruckt: doch muß ich offen geſtehen, ich habe ‚über 
die Wuͤrmer in dieſer Beziehung ſo wenig Beobachtungen 


— 
— 30 — — 


angeſtellt, daß ich es nicht wage, hier mehr daruͤber zu 
ſagen. — 

Ganz anders iſt es bei den Fiſchen und deswegen 
ſpreche ich von ihnen zuletzt, ob ich gleich recht gut weiß, 
daß ſie als Thiere mit Wirbelſaͤule gleich hinter die Lurche 
(Amphibien) zu ſtellen ſind. Bei den Fiſchen nämlich 
findet der ganz merkwuͤrdige Fall Statt, daß die geleg— 
ten Eier außerhalb des Leibes der Mutter 
befruchtet werden. Sie werden naͤmlich von dem 
Weibchen auf den Grund ſeichten Waſſers gelegt, und 
dann auf die Art befruchtet, daß das Maͤnnchen uͤber 
ihnen hinſtreicht, und die Milch (semen) auf ſie fallen 
laͤßt. um ſo merkwuͤrdiger iſt die Eigenheit des See— 
haſen, Cyclopterus lumpus, welche Faber in ſeiner 
Raturgeſchichte der Fiſche Islands erzählt, naͤmlich die, 
daß das Maͤnnchen dieſer Fiſchart ſich vor die vom Weib— 
chen gelegten Eier hinſetze, ſie bewache und mit Vergnuͤgen 
anſehe. Dieß iſt um ſo auffallender, weil bei den andern 
Fiſchen beide Geſchlechter ſich um die Rachkommenſchaft 
gar nicht bekuͤmmern, ja, wie wir ſehen werden, die Al⸗ 
ten ihre Jungen alt felten verzehren, Ri 

Auf diefe Wahrnehmung nun, nämlich auf die, daß 
die Eier der Fiſche (der Roggen) außerhalb des Leibes der 
Mutter befruchtet werden, gruͤndet ſich das Verfahren der 
Tünftlichen Fortpflanzung der Forellen. Wir haben 
im mittlern Deutſchlande 2 Arten dieſer ſchoͤnen und wohl- 
ſchmeckenden Fiſche, naͤmlich die Stein- und Lachs⸗ 
forellen. Nur die erſtere, Salmo Fario iſt bis jetzt 
genau beſchrieben und ich behalte mir vor ins Künftige 
beide Arten und ihre kuͤnſtliche Fortpflanzung in dieſen 
Blättern oder in der Iſis mit Hülfe eines benachbarten 
Freundes aus fuͤhrlich zu ſchildern. Fuͤr jetzt bemerke ich 
uͤber ſie nur Folgendes: die Lachs- und Steinforelle: 
find in ihrem Aeußern einander ſehr aͤhnlich, allein die 
erſtere wird viel größer — ich ſah eine von 6 Pfund Ges 
wicht — und hat gekocht ein roͤthliches und zarteres, wei⸗ 
cheres Fleiſch, als die Steinforelle, welche viel kleiner 

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bleibt, und gekocht ein haͤrteres, trockneres und weißes 
Fleiſch hat. In Bezug auf den Werth des Fleiſches iſt 
der Geſchmack verſchieden. Einige ziehen die Lachs-, Ans 
dere die Steinforellen vor. Ihr natürlicher Aufent— 
haltsort iſt nicht ein und derſelbe; die Steinforelle 
liebt die Gebirgswaſſer. Auf dem thuͤringer Walde und 
dem Erzgebirge findet man nur die Steinforelle, in 
unſerer Roda kommen beide Arten vor, aber an verſchiede— 
nen Stellen. Die Steinforelle lebt nur da, wo ſie 
durch waldige Thaͤler fließt und zwar in ihrem linken Arme, 
waͤhrend die Lachsforelle in dem rechten Arme na— 
mentlich unter Lippersdorf gefunden wird. Es geht aus 
dem Vorhergehenden hervor, welche von beiden Arten ſich 
am beſten für die Teiche eignet, naͤmlich die Lachs fo— 
relle. Es wuͤrde zu weit fuͤhren, die Beſchaffenheit der 
Teiche genau zu ſchildern, in die man Forellen mit gu— 
tem Erfolge ſetzen kann. Ich bemerke daruͤber nur, daß 
ſie Quellen in ſich oder nicht weit von ſich, welche ſich in 
ſie ergießen, haben, damit ſie im Winter nicht zufrieren, 
und reich an Waſſerſchnecken fein muͤſſen. In dieſen Teis 
chen Brut zu ziehen, iſt unmoͤglich; denn in denen, welche 
nicht flach ausgehen und an dieſen Stellen ſandigen Bo— 
den haben, laichen die Forellen gar nicht, und in denen, 
welche von der genannten Beſchaffenheit ſind, kommen die 
Jungen nicht auf, weil fie von den Alten gefreſſen werden; 
denn die Forellen ſind bekanntlich Raubfiſche. Daher 
rührt es, daß die Forellenbrut, weil fie in Teichen nicht 
gezogen werden kann, in Baͤchen nicht ſehr haͤufig iſt und 
von den Beſitzern der Fiſchereien ungern abgelaſſen wird, 


einen hohen Preis hat. Ich betrachte deswegen die Fünfte: 


liche Forellenzucht als einen wahren Fortſchritt, und freue 
mich, über fie vorläufig das Rothwendigſte mittheilen zu 
koͤnnen. In der letzten Hälfte des November oder in den 
erſten Tagen des December nimmt man große Laichforellen, 
welche man ſchon im Spaͤtſommer oder Fruͤhherbſte auöge- 
waͤhlt und in kleine Teiche, ſogenannte Haͤlter, gebracht 
hat, aus denen man ſie ſehr leicht, weil ſie in wenigen, 


oft in einer Stunde ablaufen, herausfangen kann. Zuvor 
hat man ein kleines, laͤngliches hoͤlzernes Gefäß, in der 
hieſigen Gegend Waͤnnchen genannt, herbeigebracht und 
etwa 2“ hoch mit Waſſer angefüllt. Ueber dieſes haͤlt 
man die weibliche Forelle mit der linken Hand, und 
ſtreicht ihr mit der rechten oder einigen Fingern derſelben 
ſanft uͤber den Unterleib, bis die Eier von ſelbſt aus dem 
After hervorkommen. Stecken dieſe ſo feſt, daß man ſie 
erſt durch ſtarkes Druͤcken hervorpreſſen muß, dann ſind 
ſie noch nicht voͤllig reif, und man muß mit der ganzen 
Operation noch einige Tage warten. Treten aber die 
Eier leicht aus dem After hervor: dann laͤßt man ſie in 
das Waſſer des Waͤnnchens fallen, bringt die weibliche 
Forelle in ihren kleinen Teich zurück, oder ſetzt fie in einen 
großen, und nimmt eine andere. Zu viel Eier haͤuft man 
nicht gern in ein Waͤnnchen zuſammen; hat man viele 
weibliche Laichforellen, dann nimmt man mehrere Waͤnn— 
chen oder wiederholt das Verfahren. Sobald eine hin— 
laͤngliche Anzahl Eier vorhanden ſind, nimmt man die 
maͤnnliche Forelle, ſtreicht durch ein aͤhnliches Verfahren, 
wie bei dem Weibchen die Eier, die Milch heraus, läßt 
fie in das Waſſer des Wännchens fallen, rührt Alles, d. h. 
die Eier, die Milch und das Waſſer unter einander, bringt 
die Männchen ebenfalls in die Haͤlter oder Teiche zurück, 
und ſchuͤttet den ganzen Inhalt des Waͤnnchens in den 
ſchon früher vorgerichteten Brutkaſten. Dies iſt ein Ka— 
ſten von Holz oder Stein, etwa 2 Ellen lang, 1 Fuß 
breit, 12 bis 15 Zoll tief, welcher unten etwa 2“ hoch mit 
Kies angefüllt iſt. Dieſer Kaſten hat einen Deckel, wel— 
cher genau ſchließen muß, und oben an einer Stelle eine 
mit einem ducchloͤcherten Eiſenblech verwahrte Oeffnung 
hat. Auf dieſe Oeffnung wird der Waſſerſtrahl gerichtet, 
welcher aus einer Quelle oder einem Teiche kommen kann, 
aber nie fehlen darf. Unten befindet ſich an der obern 
Seite des Kaſtens eine Rinne oder Roͤhre, welche inwen— 
dig auch mit einem durchloͤcherten Blech verſchloſſen iſt, 
und dazu dient, das Waſſer ablaufen zu laſſen. 


In diefen Kaſten werden die Eier aus dem Waͤnn— 
chen gebracht und ſo auf dem Kieſe, mit welchem der 
Boden des Kaſtens bedeckt iſt, ausgebreitet, daß keins das 
andere beruͤhrt, noch weniger eins das andere bedeckt. 
Der Waſſerſturz wird ſo eingerichtet, daß die Oberflaͤche 
des Waſſers im Kaſten in beſtaͤndiger Bewegung iſt, waͤh— 
rend der Kiesgrund mit ſeinen Eiern ganz ruhig bleibt. 
Das ſorgfaͤltige Verſchließen der Loͤcher im Kaſten durch 
Blechſiebe iſt aus dem Grunde dringend nothwendig, da— 
mit die Eier und ausgekrochenen Forellchen nicht eine 
Beute ihrer vielen Feinde werden. Die gefaͤhrlichſten in 
unſerer Gegend ſind die großen Waſſerkaͤfer Dytiscus la- 
tissimus, und die Waſſerſpitzmaͤuſe, beſonders die 
in unſern Gewaͤſſern haͤufige Bach- und grabende 
Waſſerſpitzmaus, Sorex rivalis et fodiens. Diefe 
Waſſerſpitzmaͤuſe drängen ſich durch ganz kleine 
Oeffnungen hindurch und freſſen oft in 2 Tagen alle Eier 
oder Forellchen in dem ganzen Kaſten auf. In Gegenden, 
in denen man Störungen von Seiten der Menſchen fuͤrch— 
tet, vernagelt oder verſchließt man den Deckel. Eine 
Hauptſache hierbei iſt, darauf zu ſehen, daß das in den 
Kaſten ſtuͤrzende Waſſer ganz rein ſei. Enthaͤlt es, wie 
dies auf moorigem Boden oft der Fall iſt, aufgelöfte Erde: 
dann legt ſich dieſe als ein ſchlammiger Ueberzug über die 
Eier, und richtet ſie dadurch zu Grunde. — 

Uebrigens thut es gar Nichts, wenn die ganzen Geis 
ten des Kaſtens mit Eiskruſten bedeckt ſind, nur das 
Waſſer in dem Kaſten darf nicht gefroren und das Ein- 
und Ausgangsloch nicht durch Eis verſchloſſen ſein; denn 
iſt dieſes, dann geht die Brut zu Grunde. In mittel— 
kalten Wintern kriechen die kleinen Forellchen nach 60 Ta— 
gen aus; in ſehr kalten dauert es einige Tage laͤnger und 
in ſehr gelinden zuweilen nur 48 Tage. Es erregt die 
höͤchſte Bewunderung, die allwaltende Kraft Gottes hier 
in einem dunkeln, oft rings mit Eis umgebenen Kaſten 
durch die geringe Waͤrme des eiskalten Waſſers das Le— 
ben in den zarten Eiern entwickeln zu ſehen. Nach 14 


Tagen bemerkt man fihon ſchwarze Punkte in den Eiern, 
naͤmlich die ſich ausbildenden Augen, ſpaͤter entwickelt ſich 
der Kopf und Leib, bis endlich das einer kleinen Steckna— 
del an Größe gleiche Fiſchchen die Eihaut ſprengt. Iſt 
die Entwickelung einmal zu einem gewiſſen Grad vorge— 
ſchritten: dann kann man einige Eier in ein Glas kaltes 
Waſſer bringen, und hier, wenn man das Waſſer taͤglich 
1 oder 2 Mal erneuert, die voͤllige Ausbildung der klei— 
nen Fiſchchen mit Augen ſehen. So lange die ausgekro— 
chenen Forellchen am Nabel noch eine Blaſe haben, aus 
welcher fie Nahrung einziehen, koͤnnen fie im Kaſten blei— 
ben; iſt aber dieſe verſchwunden: dann muͤſſen ſie in kleine 
Teiche oder Baͤche, in denen keine groͤßern Forellen 
ſtehen, gebracht werden. Hier oder in etwas groͤßern 
Teichen bleiben ſie, bis ſie die Laͤnge der gewoͤhnlichen 
Satzforellen erreicht haben. 

Roch muß ich bemerken, daß auch im beſten Falle 
nicht alle Eier auskommen; bei dem geringſten Verſehen 
gehen oft viele zu Grunde. Man kennt dieſe ſogleich; 
denn ſie ſind hellgelblich und ganz durchſichtig ohne die 
geringſte Spur eines dunkeln Fleckes. Alle dieſe werden 
bei einer Durchſicht des Kaſtens herausgeworfen. — 

Wie nothwendig es ſei, genau nachzuſehen, daß ſich, 
in den Teichen, in welchen man die Brut aufbewahrt, 
keine große Forelle befinde, mag Folgendes beweifen. Ein 
Teichbeſitzer der hieſigen Gegend beſetzte einen eben. gefifchz 
ten Forellenteich mit 30 Stuͤck Satzforellen. Als er nach 
2 Jahren denſelben Teich fiſchte, fing er anſtatt der 30 
Forellen nur eine einzige. Dieſe war naͤmlich von frühes 
rer Zeit her in einer mit Waſſer angefüllten Vertiefung, 
des Teiches zuruͤckgeblieben, und hat die ganze angekommene 
junge Geſellſchaft gefaͤlligſt in ſich aufgenommen, dadurch 
aber auch ein Gewicht von 10 Pfund erlangt. 

Schließlich muß ich noch geſtehen, daß wenn der 
Leſer an den Beobachtungen über die kuͤnſtliche Fortpflane 
zung der Forellen Intereſſe gefunden hat und ſich deöwes 


* 


— 40 — 


wegen bedanken will, er das nicht bei mir, ſondern bei 
einem benachbarten lieben Freunde, deſſen Namen zu 
nennen ſeine zu große Beſcheidenheit verbietet, thun muß. — 


VI. 


Brehm's letztes Wort über die Beſteue⸗ 
rung einiger Singvögel zur Verſtändigung 
mit einem landſehaftlichen Abgeordneten, 

ein Wort des Friedens.. vr 


Die Redaction hat durch die Aufnahme der Bemerkun— 
gen zu meinem Auffage über die Beſteuerung der Sing— 
voͤgel auch mich wahrhaft verbunden, wird mir aber erlau— 
ben, zu dieſen Bemerkungen ein Wort der Verſtaͤndigung 
und des Friedens hinzuzufügen. 

Der verehrliche Abgeordnete ſagt, ich haͤtte außer 
Acht gelaſſen, daß nur 4 Voͤgelarten verſteuert werden 
ſollen, und die Singvoͤgel im Allgemeinen in das Auge 
gefaßt. Es iſt wohl natürlich, daß ich von der Beſteue— 
rung einiger Arten auf alle andere Singvoͤgel geführt 
wurde, denn wenn einmal das Halten der Gras— 
müden und Plattmoͤnche verſteuert wird, begreift‘ 
man kaum, warum die herrlichen Sum pfſchilffaͤnger, 


*) Wenn die Redaction die Aufnahme gegenwaͤrtigen Aufſatzes 
ſeinem Herrn Verfaſſer ſchuldig zu ſein glaubte, ſo duͤrfte es ihr doch 
die erſte und naͤchſte Beſtimmung der ihr anvertrauten Vierteljahr⸗ 
ſchrift zur Pflicht machen, dieſe Entgegnung überhaupt fuͤr das letzte 
Wort in der beregten Angelegenheit zu erklaͤren. e 


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die kunſtreichen Baſtardnachtigallen, die trillernden 
Haidelerchen, die floͤtenden Amſeln und viele andere 
ausgeſchloſſen worden ſind. Sollte meine Abhandlung 
nicht ganz ohne wiſſenſchaftlichen Werth ſein, ſo mußte ſie 
ſich zugleich auf die übrigen Singvoͤgel erſtrecken; denn es 
iſt mit Gewißheit anzunehmen, daß wenn kuͤnftig in irgend 
einer Kammer der Abgeordneten von Beſteuerung der Sing— 
voͤgel die Rede ſein ſollte, es nicht bei dieſen 4 Arten 
ſein Bewenden haben wird. — Meine Meinung, daß 
das Geſetz uͤber die Beſteuerung nicht ohne Widerſpruch 
durchgeſetzt worden ſei, gründete ſich auf eine mündliche 
Ueberlieferung, nach welcher eine bedeutende Stimme gegen 
daſſelbe geſprochen haben ſollte. Dieß laͤßt ſich recht gut 
damit, daß nachher das Geſetz allgemeines Einverſtaͤndniß 
von Seiten der Landſchaft gefunden, vereinigen. Iſt 


es anders und bin ich falſch berichtet: dann laſſe ich mich 


recht gern belehren. — 
Der Herr Abgeordnete findet die Meinung, daß ſich 
die einmal an die Gefangenſchaft gewoͤhnten Voͤgel bei 


guter Behandlung wohl befaͤnden, fonderbarz ich bitte, 
die für dieſe Behauptung aufgeſtellten Gründe noch ein— 


mal nachzuleſen (Heft 4 des Jahres 1837 S. 211 — 212); 
wem das dort Geſagte nicht genügt, — daß es Vielen, 
ſelbſt einem Recenſenten genuͤgte, kann ich verſichern, — 
dem kann ich noch Mehreres zur Begruͤndung meiner Mei— 
nung anfuͤhren. Wenn aber der verehrliche Herr Abge— 
ordnete behauptet, ich haͤtte geſagt, daß ſich in gewiſſem 
Grade ſelbſt die Menſchen in der Gefangenſchaft wohl be— 
faͤnden und dazu ein Frage- und Ausrufungszeichen macht: 
ſo wird es mir erlaubt ſein, daruͤber einige Verwunderung 
zu aͤußern, wie man aus meinen Worten einen ſolchen 
Sinn herausbringen konnte. Sie lauten alſo: (S. 211) 
„Endlich ſucht man geltend zu machen, es ſei eine wahre 
Grauſamkeit, die lieben Voͤgel, welche ſich ihres Lebens 
und ihrer Freiheit freuen wollten, in einen engen Käfig 
zu ſperren, und ſo zu einer ewigen neee du 
verurtheilen.“ — — — 


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10 


Ich fange mit dem Letztern an. Mit Recht verbie— 
tet man den Sklavenhandel, denn die Sklaverei iſt eine 
Entwuͤrdigung der Menſchheit, weil ſie freie, vernuͤnftige 
Weſen nicht nur zu einer dauernden Knechtſchaft verdammt, 
ſondern ſogar zu einer Waare herabwuͤrdigt. Allein felbſt 
der Menſch gewoͤhnt ſich an die Herabwuͤrdigung ſeiner 
ſelbſt, und empfindet ſie deswegen weniger 
ſchmerzlich. Ich frage jeden Unbefangenen, ob in die— 
ſen unterſtrichenen Worten der Sinn, daß ſich die Men— 
ſchen in gewiſſem Grade in der Gefangenſchaft wohl be— 
faͤnden, liegen kann? Dies wäre nur möglich, wenn Et—⸗ 
was weniger ſchmerzlich empfinden, und ſich 
wohl befinden, einerlei waͤre. Der Herr Abgeordnete 
wird mir dieſe Auseinanderfegung verzeihen; fie hat nur 
die Abſicht, zu zeigen, daß er mir durch vor Auslegung 
unrecht gethan. 

Den Vergleich zwiſchen den Singvoͤgeln ub zwiſchen 
Ochſen, Pferden, Ziegen, Schafen und dergl. nennt der 


verehrliche Herr Abgeordnete ſonderbar und unſtatt⸗ 


haft, allein der geachtete Herr haͤtte erwaͤgen ſollen, daß 
ich dieſe Thiere gar nicht mit einander verglichen habe und 
als Raturforſcher — dieſen Namen glaube ich mit Recht 
mir beilegen zu dürfen — gar nicht mit einander vergleis 


chen kann. Ich ſpreche S. 212 von der großen Empfind⸗ 


ſamkeit mancher Menſchen, und fuͤhre an, daß dieſe bei 
einigen Erſcheinungen ſich zeigt, bei andern gar nicht vor— 
handen zu ſein ſcheint. Ich mache bemerklich, daß man 


einige Geſchoͤpfe bei einer nur ſcheinbar harten Behand⸗ 


lung bedauert, waͤhrend man andere geradezu mißhandelt, 
daß man alſo auch hier Muͤcken ſeige und Kamele ver— 


ſchlinge. Dieſe Auseinanderſetzung bin ich mir als Ra- 


turforſcher ſchuldig, damit man nicht glaube, der Brehm, 
welcher Fichten- und Gartenrothſchwaͤnze trennt, 
ſtelle Nachtigallen und Schweine neben einander. 
Daß der Herr Abgeordnete das Gefuͤhl der Trauer 
— er nennt es ein betruͤbendes, — welches mich bei der 
Leere an Singvoͤgeln ergreift, natuͤrlich und meinem Stande 


— 


gemäß Bo: freut mich, und dafür reiche ich ihm freund⸗ 
lich die Hand. — 

Ich kann es nicht hindern, wenn der Herr Abge— 
ordnete meine oben angefuͤhrte Rechnung von dem Scha— 
den, welchen ein einziges Sperberpaar anrichtet, an— 
fiht, und ihre Richtigkeit bezweifelt. Allein er wird mir 
erlauben zu bemerken, daß ich den Beweis ihrer Unrich- 
tigkeit verlangen muß, und dieſem ruhig entgegen ſehe; 
denn ich muß allerdings ſehr bezweifeln, daß irgend Je— 
mand in ganz Deutſchland uͤber das Betragen der Sper— 
ber bei dem Horſte genauere Beobachtungen, als ich, an— 
geſtellt habe; wenn mich in dieſer Beziehung Jemand be— 
lehrt, wird Niemand eine groͤßere Freude empfinden, als 
gerade ich, denn es lernt Niemand lieber und Niemand 
aus. — Der Schluß ubrigens, den der Herr Abgeord— 
nete aus meiner Berechnung zieht, ſcheint mir durchaus 
nicht richtig; denn wenn die Raubvogel, wie ich gezeigt 
habe, viele Tauſende von Singvoͤgeln verzehren: fo kom— 
men die wenigen Hunderte, welche durch die Befteuerung. 
der freien Natur erhalten werden, nicht in Betracht, um 
fo weniger, weil die uͤberzaͤhligen Männchen gefangen wer— 
den. Daß uͤbrigens die in die Freiheit gelaſſenen Stu— 
benvoͤgel, wenn fie ein oder mehrere Jahre im Käfig ges 
halten worden waren, zu Grunde gehen, bemerke ich nur 
beilaͤufig. — 

Der Herr Abgeordnete giebt mir den freundlichen 
Rath, „bei ſpaͤterm Wiederzuſammentritte der Landſchaft 
einen hierauf abzweckenden Antrag an ſie zu richten, um 
deſſen unwillige Ablehnung ſelbſteigen zu erfahren.“ Ich 
moͤchte mich gern fuͤr dieſen Rath bedanken, allein da er 
mir einen ſo ſchlechten Erfolg verheißt, und ich jetzt ſelbſt 
einſehe, daß eine hochachtbare Verſammlung ein Geſetz, 
das fie einſtimmig hervorgerufen, nicht wohl einftims 
mig wieder verwerfen, oder daß es abgeſchafft werde, be- 
antragen kann, ſo werde ich, nachdem ich uͤberdies meine 
abweichenden Anſichten vor aller Welt, auch der getreuen 
Landſchaft Augen offen dargelegt, mich wohl hüten, einen 


foldyen Antrag, deſſen unwillige Ablehnung mir mit 
ſolcher Zuverſicht voraus geſagt wird, zu machen. Ueber— 
dies betrifft dieſe Sache keine Lebensfrage des Staates 
und braucht nicht weiter eroͤrtert zu werden. 

Schließlich nun noch Etwas uͤber die ſpeciellen Be— 
merkungen des Herrn Abgeordneten. 

1) Glaubt derſelbe, ich habe außer Acht gelaſſen, daß 
ein großer Theil namentlich der gefangenen Nachtigallen, 
ſterbe, und nur ein kleiner die Gefangenſchaft (ſoll wohl 
heißen die erſte Zeit der Gefangenſchaft, oder die Einge— 
woͤhnung) überlebe, naͤmlich nur die, welche fi) noch nicht 
gepaart haben. Dies habe ich gar nicht außer Acht ge— 
laſſen; allein die Sache verhaͤlt ſich etwas anders. Jeder 


Liebhaber weiß, daß er Rachtigallen und andere Inſekten- 


freſſer nur mit Mehlwuͤrmern eingewoͤhnen kann. Darum 
ſchafft er ſich Faͤſſer voll von dieſen Larven an, giebt von 
ihnen einer friſchgefangenen Nachtigall, ſo viel ſie freſſen 
will, und hat die Freude, alle aufzubringen. Uebrigens 
iſt der Herr Abgeordnete im Irrthume, wenn er glaubt, 
daß die gepaarten Nachtigallmaͤnnchen bei der Eingewoͤh— 
nung ſterben; dies wuͤrde nur der Fall ſein, wenn das 
Weibchen ſchon Eier oder gar Junge hat; ſelbſt eine weib— 
liche, zufaͤllig gefangene Nachtigall, welche ein Ei im Kaͤ— 
fige legte, blieb am Leben, und wurde dann ausgelaſſen. 
Allein da eine Nachtigall in unſerer Gegend erſt zu Ende 
Aprils oder zu Anfang Mai's erſcheint, vor Mitte dieſes 
Monats zur Brut keine Anſtalt macht, alſo erſt zu Ende 
Mai's, ja nicht ſelten zu Anfang Juni's Eier hat: ſo iſt 
die Gefahr, daß die an den Eiern mit Sehnſucht haͤngen— 
den Nachtigallen beim Eingewoͤhnen ſterben, nicht groß; 
denn Niemand fängt zu dieſer Zeit noch, weil fie, da fie 
zu Ende Juni's verſtummen, nur kurze Zeit den Liebhaber 
ergoͤtzen wuͤrden. Er ſtellt ihnen auf dem Zuge oder ſo— 
gleich bei ihrer Ankunft am Brutorte nach, und eine zu 
dieſer Zeit eingefangene ſtirbt bei guter Behandlung nicht. — 

2) Behauptet der Herr Abgeordnete, man habe bei 
der Beſteuerung auf die fleißigen Handwerker allerdings 


Rüͤckſicht genommen, und deswegen nur die mit Mühe und 
Koſten zu haltenden Singvoͤgel einer Steuer unterworfen, 
welche man nur aͤußerſt ſelten in jenen Stuben (d. h. in 
den Stuben der Handwerker) finde. Ich glaube gern, 
daß die getreue Landſchaft dieſe Ruͤckſicht genommen, allein 
ich kann nicht bergen, daß ſie ſich dann in einem großen 
Irrthume befunden hat. Ich bitte, ſich in den Zimmern 
der armen Bewohner des thuͤringer Waldes, namentlich 
der von Schmiedefeld, Lauſcha und anderer Ortſchaften 
umzuſehen, und man wird finden, daß die lieben Mönche 
in den Zimmern der aͤrmſten Menſchen gehalten und gro— 
ßentheils mit Kartoffeln und Mehlwuͤrmern, alſo ganz 
wohlfeil gefuͤttert werden. 

In Roda und mehrern Doͤrfern der hieſigen igen 
den traf man fonft mehrere Nachtigallen und zwar faſt 
nur in den Stuben der Schneider an. Plattmoͤnche 
ſah man faſt nur bei dieſen Leuten, und ſie haben ihre 
Stubenvoͤgel ſo lieb, daß ein Tiſchler in Oberrenthendorf 
verſicherte, wenn im Weimariſchen das Halten der Moͤnche 
verboten werden ſollte, wuͤrde er ſich ſelbſt an den Groß— 
herzog wenden, und im Fall, daß feine Bitte unberuͤckſich— 
tigt bliebe, lieber ſeinen Wohnort veraͤndern, als ſeine 
Liebhaberei aufgeben. — 

Auch darin iſt die getreue Landſchaft im Irrthum 
geweſen, wenn ſie geglaubt hat, die beſteuerten Voͤgel 
ſeien nur mit bedeutenden Koſten zu erhalten. Seitdem 
mein geehrter Freund, der Herr Graf von Gourcy-Droit— 
aumont in Wien ein Futter erfunden hat, bei welchem 
der Quark die Stelle der Ameiſenpuppen vertritt, ſo daß 
dieſe nur zur Mauſerzeit gegeben zu werden brauchen, 
kann von Koſten nicht mehr die Rede ſein, und die Muͤhe, 
welche jene Handwerker auf die ihnen lieben Voͤgel wen— 
den, macht ihnen Freude und kommt bei den vielen an— 
dern Muͤhen ihres Lebens nicht in Betracht. 

9) Ich weiß recht gut, daß das Halten der genann⸗ 
ten Voͤgel nicht verboten, ſondern nur beſteuert iſt, und 
habe oben geſagt, daß der Wohlhabende oder vielmehr der 


=. WW 


Reiche die Steuer bezahlen kann; allein daß mehrere Rach⸗ 
barn zuſammentreten, gemeinſchaftlich einen beſteuerten Vo— 
gel halten, und die Steuer gemeinſchaftlich bezahlen ſollen, 
dieſer Rath iſt wohlgemeint, aber nicht beifallswuͤrdig. 
Wie laͤßt es ſich denken, daß alle oder auch nur einige 
Voͤgelliebhaber zuſammen wohnen und geneigt ſein werden, 
einen Vogel als ungetheiltes Gut zu beſitzen und zu verſteuern. 

4) Die Thatſache, daß Nachtigallen durch Weg— 
fangen aus einer ganzen Gegend verſcheucht werden, 
wuͤnſchte ich nicht nur behauptet, ſondern erwiefen zu ſehen. 

5) Mit der Anſiedelung der Rachtigallen wird es 
wohl gehen, wie mit dem Ortolangehege, welches der ſelige 
Bechſtein vorſchlug. Ich zweifle nicht, daß Nachtigallen, 
welchen man die erſten 3 oder 4 Schwungfedern abſchnei— 
det, an einem ruhigen Orte, zumal wenn ſie mit Ameiſen— 
eiern gefüttert ‘werden, bleiben; denn fie koͤnnen nicht flie— 
gen, und mein geehrter Freund, Herr Fehrmann in Ber— 
lin ſchoß auf einem Teiche der Mark im Sommer einen 
weißen Saͤger, welcher dem hohen Nordoften angehört, und 
nur wegen eines beſchaͤdigten Fluͤgels zuruͤckgeblieben war. 
Allein daß ſie das naͤchſte Fruͤhjahr an dieſen Orten wie— 
der erſcheinen und an ihnen bruͤten werden, iſt ſehr un— 
gewiß, ja unwahrſcheinlich. Wenn jetzt in Roſenau bei 
Koburg RNachtigallen find? — im Mai 1830 waren keine 
dort — und ſich dort fortpflanzen: fo find fie wahrſchein— 
lich von dem nahen Thiergarten dahin gekommen und nicht 
angeſiedelt; doch bitte ich in dieſer Beziehung um ganz 
genaue Nachrichten, denn es iſt in der Natur auch das 
Unwahrſcheinliche moͤglich, und der verehrliche Herr Abge— 
ordnete wird durch Mittheilung ſicherer Nachrichten uͤber 
den gluͤcklichen Erfolg der Anſiedelung der Nachtigallen 
viele Andere und beſonders mich ſehr erfreuen, und ich 
bin uͤberzeugt, man würde fie in dieſen Blättern gern leſen. 

6) Ob in allen den genannten Laͤndern die Nachti⸗ 
gallen beſteuert ſind, weiß ich in Wahrheit nicht. Uebri⸗ 
gens kann ſich Niemand mehr wuͤnſchen, als ich, daß ſich 
die, ae der getreuen Landſchaſt in Bezug auf die 


Lira 


Vermehrung und weitere Verbreitung der Nachtigallen bes 
ftatigen möge; allein ich muß fo lange daran zweifeln, 
bis ich dieſe herrlichen Saͤnger in den ſchoͤnen Umgebun— 
gen Altenburgs ſchlagen hoͤre. 

7) Gebe ich gern zu, daß ich mich in Bezug auf 
die Verwendung des Ertrags der Steuer von den Sing— 
voͤgeln geirrt habe. Ich hatte die Verhandlungen nicht 
vom Reuen angeſehen, und fand, als ich ſie nachſah, aller⸗ 
dings, daß der Ertrag dieſer Steuer nicht der Staat 
ſondern der Armenkaſſe zufließen fol. 

Zum Schluſſe ſagt der Herr ee „ der 
Hauptzweck jenes Geſetzes, das Einfangen der bezeichneten 
Singvoͤgel moͤglichſt zu beſchraͤnken und deren Anſiedelung 
im Freien zu befoͤrdern, trete auf eine Weiſe hervor, welche 
wahre und uneigennüßige Freunde der belebten Natur 
nothlos nicht verunglimpfen oder verdaͤchtigen werden.“ 
Wer mich und mein Streben nicht kennt, koͤnnte auf den 
Gedanken kommen, daß mein Gegner mich mit dieſen 
Worten gemeint habe. Das glaube ich aber auf keine 
Weiſe; denn der Herr Abgeordnete wuͤrde, wenn ſich das 
Geſagte auf mich beziehen ſollte, eine gaͤnzliche Unkunde 
meines Strebens und meiner geringen Leiſtungen an den 
Tag legen. Noch Riemand hat mich einen falſchen oder 
eigennützigen Freund der belebten Natur genannt, und 
eine Abhandlung von mir in der Iſis „die Naturfors 
ſchung in der freien Natur“ mußte auch den Bez 
fangenſten eines Andern belehren. Welche eigennuͤtzige 
Abſicht koͤnnte ich auch bei Abfaſſung jenes Aufſatzes ge— 
habt haben? Ich bin weder Voͤgelhaͤndler noch Beſitzer 
von Stubenvoͤgeln; nur weil mir Mehrere eine Stimme 
in dieſer Sache zutrauten, habe ich jene Abhandlung ge— 
ſchrieben, und ein Mann, welcher wie ich der Erforſchung 
der Voͤgel in der freien Natur viele Stunden des feuchten 
Morgens, des heißen Mittags, des kalten Abends, ja der fine 
ſtern Nacht gewidmet hat, kann getroſt von fich Bruns daß er, 
wie irgend Einer, ein wahrer und uneigennütziger 
Feeund der e Natur iſt und ſtets Min: wird. 


VII. 
Miscellen und Notizen. 


Seit dem Abdrucke des letzten Vierteljahrheftes vom Jahre 
1837, ſind den beiden nachbenannten Geſellſchaften folgende 
Zuſendungen und Geſchenke uͤbergeben worden, fuͤr 
welche dieſelben hiermit oͤffentlich danken. 

Es erhielt a) der Kunſt- und Handwerksverein: 

1) Die vierte und fünfte diesjaͤhrige Lieferung der Vers 
handlungen des Vereins zur Befoͤrderung des Ge- 
werbfleißes in den K. Preußiſchen Staaten, als 
Geſchenk des genannten Vereins. 

2) Das zweite Heft der Schrift des Rentamtmanns 
Preusker: Ueber Jugendbildung. Leipzig 1837, 
als Geſchenk des Herrn Verfaſſers. 

b) die Pomologiſche Geſellſchaft: 

1) Vom Herrn Teichmann auf Muckern, ein altes 
Werkchen, betitelt: das regelmaͤßige Verſetzen der 
Baͤume von Chr. J. Fr. v. Dieskau. Meiningen 
1776. | 

2) Vom Herrn Actuarius Kircheiſen hier: Reichenbach's 
Taſchenbuch fuͤr Gartenfreunde. N 

3) Vom Hannoͤverſchen Gartenbauverein deſſen Zeitz 
ſchrift und zwar die Hefte vom Juli, Auguſt und 
September. 

4) Vom Großherzogl. Badenſchen landwirthſchaftlichen 

Vereine in Carlsruhe, das Landwirthſchaftliche 
Wochenblatt für das Großherzogthum Baden 1837. 
Nr. 27 — 39. 


— MD — 


5) Vom Thüringer Gartenbauverein zu Gotha, eine ges 
druckte Nachricht von der Hauptverſammlung dieſes 
Vereins am 7. Auguſt 1837. 

6) Von der Medico-Botanical Society zu London: 
Address of Earl Stanhope president of the me- 
dico-botanical Society for the anniversary meeting. 
London 1837, 

7) Vom Vereine zur Beförderung des Gartenbaues in 
den Koͤnigl. Preuß. Staaten die 26. en * 
Verhandlungen dieſes Vereins. 


Ueber die Fortſchritte der brittiſchen Dampf— 
ſchifffahrt 


füreit die Allgemeine Zeitung aus London: „Manchem 
Leſer iſt es wahrſcheinlich noch unbekannt, daß das erſte 
im hieſigen Lande erbaute Dampfſchiff ins Jahr 1814 
faͤllt. Bis zum Jahre 1820 wuchs die Zahl der Dampf— 
ſchiffe auf 34, welche aber nur Paſſagiere fuhren; es fiel 
noch Niemand ein, den Guͤtertansport damit zu verbinden. 
Erſt im Jahre 1820 begann man die Reuerung und es 
verfloſſen dann noch 2 Jahre, bevor die wenigen nach 
dem Continente gehenden Schiffe ebenfalls Waaren zu 
fuͤhren begannen. Seit dieſer Epoche aber hat die brit— 
tiſche Dampfſchifffahrt ihren eigenthuͤmlichen hohen Schwung 
genommen. Von jenen 34 Schiffen mit 3018 Tonnen 
Gehalt im Jahre 1820 ſtieg die Zahl in 10 Jahren auf 
295 mit 30000 Tonnen Gehalt und am Ende des Jahres 
1836 beſaß Großbritanien eine Handelsflotte von 600 
Dampfſchiffen von 67,055 Tonnen Gehalt. Wie aber 
auch dieſe 600 Dampfſchiffe den Handel Englands befoͤr⸗ 
derten, beweiſt die wahrhaft Staunen erregende Thatſache, 
daß die Geſammtmaſſe des Waarentransports durch Dampf⸗ 
boote von 505 Tonnen im Jahre 1820 auf 101,744 Ton⸗ 
nen im Jahre 1822 und auf 5,429,226 Tonnen am 
R A Jahres 1836 geſtiegen war.““ 

; 4 


5 A. 


Wer hätte dieſe Erfolge 1820 vorausbeſtimmen koͤn⸗ 
nen? Und wer kann jetzt die ganze Bedeutung ermeſſen, 
welche die bereits entworfenen Eiſenbahnen nach 18 Jah⸗ 
ren fuͤr Handel und Verkehr haben werden? 


Die Frage, woher es komme, daß wenn man den 
Kern irgend einer edeln Obſtſorte z. B. eines 
Borsdorfers oder einer weißen Butterbirne ausſaͤet, man 
davon nicht wieder einen Kernſtamm derſelben Sorte, ſon— 
dern einen davon mehr oder weniger verſchiedenen 
Wildling erhalte, iſt von den Pomologen ſchon vielfach 
erörtert und ſehr verſchiedenartig beantwortet worden. Nach 
den Mittheilungen des franzoͤſiſchen Gaͤrtners Poiteau (vers 
gleiche Verhandlungen des Vereins zur Befoͤrderung des 
Gartenbaues in den K. Preußiſchen Staaten. Liefer. 28. 
S. 122 — 161) erklaͤrt der große Pomolog Van 
Mons, der bis jetzt vielleicht mehr edle Kernſorten durch 
ſeine Ausſaaten neu gezogen hat als irgend ein anderer 
Baumzuͤchter, dieſe Erſcheinung im Weſentlichen etwa auf 
folgende Art. 

Unſere edlen Obſtſorten ſind als ſolche faſt ſämmtlich 
alt und dadurch in ihrer Fortpflanzungsfäs 
higkeit geſchwaͤcht. Denn wenn wir auch die Fruͤchte 
von einem jungen kraͤftigen Stamme nehmen, um deren 
Kerne zu ſaͤen, ſo iſt doch das Edelreiß, welches auf 
dem jugendfriſchen Wurzelſtocke eines Wildlings wuchert, 
nichts als ein übertragener Zweig eines frem⸗ 
den, vielleicht vor vielen hundert Jahren zuerſt entſtan⸗ 
denen Stammes; und mag dieſes Edelreiß auf dem 
üppigen Grundſtamme auch noch ſo kraͤftig gedeihen, es 
iſt und bleibt doch nur ein Theil eines alten in 
feiner Fortpflanzungsfaͤhigkeit zurückgegan⸗ 
genen Baumin divid uums, deſſen Nachkommen eben 
darum mehr oder weniger ausarten und verwildern. 
Am dieſen Uebelſtand zu vermeiden, nahm Van Mons 
die erſten Fruͤchte ſeiner unveredelten ebenfalls verwilderten 


Kernlinge, ſaͤete deren Kerne ſogleich wieder aus und 
wartete nun von dieſer zweiten Generation die erſten 
Früchte ab. Die ausgeſaͤeten Kerne dieſer lieferten eine 
dritte und die erſten Kerne der dritten eine vierte Genera— 
tion u. ſ. w. Je mehr nun ein Saͤmling ſolche unun— 
terbrochene Generationen vor ſich hatte, um ſo 
edler erwies ſich dem Herrn Prof. Van Mons deſſen 
Frucht, und er war von der Güte der zu erwartenden Früchte 
von Kernlingen aus der vierten, fünften und ſechſten Gene— 
ration ſo lebhaft uͤberzeugt, daß er mit derſelben Zuver— 
ſicht ſolche durch mehrmalige ununterbrochene Zeugungen 
gewonnene Fruchtkerne verſenden zu koͤnnen glaubte, 
wie die Edelreißer ſchon bewaͤhrter Sorten ſelbſt. 
Uebrigens wurden dieſe Kernlinge mit jeder neuen 
Generation etwas früher trag bar, fo daß, wenn die 
erften Wildlinge gewöhnlich erſt nach 12 bis 15 Jahren 
ihre erſten Fruͤchte brachten, die Saͤmlinge der vierten Ges 
neration oft nur 6 bis 8 Jahre dazu brauchten. Zugleich 
ſchien ſich aber auch die individuelle Lebensdauer 
der neu gewonnenen edlen Fruchtbaͤume zu verringern, 
was vielleicht damit zuſammenhaͤngt, daß uͤberhaupt die 
Obſtbaͤume, welche ſehr jung Früchte bringen, ſelten eine 
kraftige und andauernde Vegetationskraft beſitzen. 
Wir geben dieſe allgemeinen Umriſſe der Theorie 
eines jedenfalls ausgezeichneten Pomologen, ohne alle weis 
tere Kritik, fo ſehr wir auch die dagegen erhobenen Zwei— 
fel theilen, und wuͤnſchen nur, daß mehrere junge Pos 
mologen dieſelbe durch ſorgfaͤltige praktiſche Ver— 
ſuche zu prüfen beginnen und fortfahren mögen. 
Denn aͤltere Maͤnner haben zu entſcheidenden Erfolgen wenig 
Hoffnung, weil ihr Erdenleben ſchwerlich hinreichen wurde, 
durch ſelbſtgemachte Erfahrungen dasjenige zu beſtaͤtigen 
oder zu widerlegen, was auf die Dauer faſt eines ganzen 
Menſchenlebens berechnet iſt. 


Schon oft wußten wir es uns nicht zu erklaͤren, wie 
man es in den Städten der Rordamerikaniſchen Freiſtaaten 


— , — 


anfange, um ſteinerne Wohnhaͤuſer auf den Straßen 
weiter einzurücken, ohne fie abzubrechen und neu zu 
erbauen. Jetzt gibt uns ein Bekannter, der das Verfah⸗ 
ren an Ort und Stelle ſah, ungefähr folgenden Auſſchluß. 

Das fortzuſchaffende Haus wird zuerſt von der einen 
Giebelſeite bis zur andern, bei einer Ecke anfangend, unges 
faͤhr 2 Ellen uͤber dem Boden, der Frontſeite entlang von 
der untern Mauer abgebrochen und hierbei ſogleich mit 
einem ſtarken, gleichmaͤßig viereckig behauenen Balken da 
unterfahren, wo die Frontmauer ganz, oder ſicherer, von 
innen heraus zunaͤchſt nur zu & weggebrochen if. So 
ſchiebt man nun gegen die andere Frontſeite fortruͤckend 
und die Giebel- und Zwiſchenwaͤnde dabei für jeden eins 
zelnen Balken neu durchbrechend eine Menge ſolcher gleich— 
laufenden Balken unter das ganze Gebaͤude ſeiner Laͤnge 
nach unter; fängt hierauf ebenſo wie zuerſt bei der Front— 
ſeite in der Ecke mit einer der Giebelſeiten an, dieſe um 
die Balkenſtaͤrke tiefer, entweder ganz oder beſſer nur etwa 
zu J pon innen abzubrechen und dabei die bereits eingezogenen 
gleichlaufenden Laͤngenbalken abermals in geringen Zwiſchen— 
raͤumen durch einen Roſt ſtarker, gleichmaͤßiger Querbalken 
zu unterfahren und verankert darauf beide Balkenlagen 
tüchtig mit einander. Run wird die ganze Mauer darun- 
ter vollends abgebrochen und dabei allmaͤhlig noch eine 
dritte Balkenſchicht der Laͤnge nach unter die Querſchicht 
untergeſchoben, Alles zuſammen feſt verbunden und auf 
dieſem Roſte das Haus mit Hilfe von Schrauben, Walz 
zen und andern mechaniſchen Hilfsmitteln langſam gehoben 
und an den ihm beſtimmten neuen Platz geſchafft, wo es 
nun durch das umgekehrte Verfahren auf einen vorher ge—⸗ 
legten neuen Grund aufgeſetzt wird. 


E. Lange. 


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| Nachmittegs 2 Uhr. 


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Baro⸗ Thermo⸗ Zuſtand des 


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e Barometerſtand d = —6,5. 


— 


Bemerkungen: den 12. November 1 95 ſich Abends von 5 bis 9 Uhr ein 


Der hoͤchſte Barometerſtand den 11. Oetbr. 
Der tieffte Barometerſtand den 29. Novbr. 


98” 1,0%. 
26“ ER 


ee der N tr, trübe, wlk, wolkig, geg. Regen, Schn, Schnee, Nebl. Nebel, 15 nebelig, O. Oft, S. Sid, W. Welt, N. Nord. 


Mittlerer Barometerſtand = 
Der 2 Tag den 15. December = — 6,5. 1 


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VIII. 


Das Stiftungsfeſt des Kunſt⸗ und Hand⸗ 
werks ⸗ Vereins 1838. 


Da der 4. Februar auf einen Sonntag fiel, ſo wurde 
das diesjährige Stiftungsfeſt des Kunſt- und Handwerks- 
vereins auf Montag den 5. Februar 1838 verſchoben, und 
die Feier, nach dem Erſcheinen unſeres Durchlauchtigſten 
Protektors, des Herzogs Joſeph, wie gewoͤhnlich, fruͤh nach 
11 Uhr im Logenhauſe begonnen. 5 
Vorher betrachteten die ſich verſammelnden Mitglieder 
und Gaͤſte eine kleine Ausſtellung von ungefaͤhr 30 
verſchiedenen Gegenſtaͤnden, deren größerer Theil dem Ges 
biete der Kunſt angehoͤrte und namentlich in Gemaͤlden 
des kürzlich aus Rom zurückgekehrten Herrn Roͤßler beſtand. 
Noch immer war Herr Hofrath Bruͤmmer, der 
die Geſchaͤfte leitende zweite Direktor des Vereins, in 
Folge eines, bei der Ruͤckkehr aus unſerer letzten Verſamm- 
lung erlittenen Unfalles an ſeine Wohnung gefeſſelt und 
von ſeiner Seite die Eroͤffnung und Leitung der heutigen 
Feſtſitzung unter keiner Bedingung zu erwarten. Dagegen 
fand ſich der Stifter und erſte Direktor unſeres Vereins, 
Herr Baurath und Rentamtmann Geinitz aus 
Ronneburg, unſere Bitte erfüllend und feine kaum wieder 
hergeſtellte Geſundheit der rauhen Witterung entgegenftels 
lend, in unſerer Mitte ein, um den Dank unſeres Ver— 
eins gegen unſern gnaͤdigen Protektor und fein hohes Fürs 
* fo wie gegen die unſere Zwecke wohlwollend uns 
b 5 


RN MR 


terſtützenden Herzoglichen Raͤthe und Beamten auszuſprechen 
und uns ſelbſt zu immer regerer Thaͤtigkeit fuͤr die ergrif— 
fene gute Sache als dem beſten Beweis unſerer aufrichtigen 
Geſinnungen zu ermuntern. 


Aufgefordert von dem Herrn Vorſitzenden las nun 1) 
der Secretair des Vereins feinen Jahresbericht“) über 
die Thaͤtigkeit deſſelben vor, woran dann 2) Herr Hof— 
rath Klein, als Sekretair beim Direktorium der Kunſt— 
und Handwerksſchule einen Ueberblick uͤber den dermaligen 
Zuſtand der inlaͤndiſchen Sonntags- und Gewerbſchulen 
und Betrachtungen uͤber die unſerm Lande noch fehlenden 
Realſchulen ““) knuͤpfte. 

Nachdem hierauf 3) der Vereins-Secretair als 
Hauptlehrer der hieſigen Kunſt- und Handwerksſchule uͤber 
das laufende Schuljahr dieſer Anſtalt noch ausfuͤhrlicher 
berichtet hatte, ***) wies zuletzt 4) Herr Conſiſtorialrath und 
Hofprediger Sachſe, den lange gehegten Wunſch nicht des 
Vereinsdirektoriums allein, ſondern aller ſeiner Mitglieder 
und Freunde erfüllend, uns mit erhebenden und ergreifen 
den Worten hin auf das letzte Ziel unſerer Vereini— 
gung, in deſſen Lichte die Arbeit und Muͤhe des Tages 
einer hoͤhern Weltordnung dienſtbar, und auch die beſcheidene 
Wohnung des Handwerkers eine Werkſtaͤtte der Menſchen— 
veredlung wird. 

Hierdurch gehoben, ſchloß die Feſtſitzung gegen 1 Uhr, 
und ein großer Theil der Anweſenden begab ſich nun in 
das Gaſthaus zum Hirſch. An dem hier vorbereiteten 
Mittagsmahle nahmen nur ungefaͤhr 50 Perſonen 
Theil. Geſang und Trinkſpruͤche wuͤrzten, wie gewoͤhnlich, 
das Mahl, ſo ſehr man es auch fuͤhlen mochte, daß einige 
lang bewaͤhrte Goͤnner und Freunde unſer Feſt dies Mal 
vergeſſen zu haben ſchienen. 


*) Abgedruckt unter IX. 
**) Abgedruckt unter X. 
*) Vergl. XI. 


U 


Auch Abends beim Balle fehlte es zwar nicht an 
muntern und frohen Taͤnzern und Taͤnzerinnen, indem im 
Ganzen etwa 260 Perſonen daran Theil nahmen; allein 
dennoch wurden nicht Wenige, namentlich aus der Zahl 
derjenigen vermißt, deren Theilnahme unſerer Feſtfreude in 
fruͤhern Jahren vorzugsweiſe ihren eigenthümlic) wohlthuen⸗ 
den Einfluß zu geben pflegte. 


IX. 


Jahresbericht über das 20. Jahr des Kunſt⸗ 
und Handwerksvereins zu Altenburg, 
erſtattet am Stiftungsfeſte den 5. Febr. 1838. 
von 


Eduard Lange. 


Unſer letztes Mitgliederverzeichniß vom Jahre 
1834 *) zählte im Ganzen 391 Theilnehmer unſeres Vers 
eines auf, wovon 194 dem Inlande angehoͤren. Seitdem 
verminderte ſich ihre Zahl fortwaͤhrend; und wir hatten 
dabei nur den Troſt, daß dieſes das gemeinſame Schickſal 
faſt aller laͤnger beſtehenden Vereine iſt, weil ihnen der 
Tod von den Anfangs beigetretenen bejahrteren. Mitgliedern 
fpäterhin fo lange eine überwiegende Zahl raubt, bis ſich ein 
dem Orte und den Verhaͤltniſſen entſprechendes Gleichge⸗ 
wicht zwiſchen Eintretenden und Ausſcheidenden hergeſtellt 
hat. Und dieſes erwuͤnſchte Gleichgewicht ſcheint bei un⸗ 
ſerer Geſellſchaft * mit dieſem Jahre gewonnen zu ſein. 


) Das vorhergehende vom Jahre 1829 zählte im Saulen 375 
Mitglieder auf, von denen 194 dem Inlande angehörten, 
5 * 


Bu 


Der Verein verlor naͤmlich im Laufe deſſelben nur 
6 Theilnehmer ) durch freiwilligen Abgang und außer 
dieſen noch 8 **) durch den Tod. Eben fo viele achtungs⸗ 
werthe Männer, namlich 14 *) ſchloſſen ſich aber auch 
demſelben an, und 1 geſchaͤtztes Mitglied, ***) deſſen Abs 
gang beim vorjaͤhrigen Stiftungsfeſte, in Folge einer Vers 
wechslung, berichtet wurde, ſicherte dem Vereine, aus freiem 
Antriebe dieſen Irrthum verbeſſernd, feine fortgeſetzte Theil 
nahme zu. 5 


Demnach zaͤhlte unſer Verein, falls er nicht, wie 
wohl zu fuͤrchten iſt, in der Ferne einige Mitglieder ver— 
loren hat, deren Tod noch nicht zu unſerer Kenntniß ge— 
kommen iſt, jetzt 366 Theilnehmer. Darunter ſind 
165 Inlaͤnder, von denen wiederum 112 der Stadt Al⸗ 
tenburg ſelbſt angehoͤren. 


Um jedoch ſeinen gegenwaͤrtigen Perſonalbeſtand in 
Wahrheit zu uͤberſchauen, muͤſſen wir auch dieſe 112 eins 
heimiſchen Mitglieder nach dem Grade ihrer Theilnahme an 
unſerm Vereine in 2 Abtheilungen bringen. Waͤhrend 
naͤmlich gegen 70 den Verein und ſeine Zwecke nur durch 
ihre Ramen und ihre Geldbeitraͤge unterſtuͤtzen, beſuchen 
nicht ganz 50 andere, haͤufiger oder ſeltener, auch ſeine 


*) 1) Kaufmann Blumenau, 2) Hofklempnermeiſter Heinrich, 
3) Steinſetzermeiſter Heiſer, 4) Toͤchterſchullehrer Rogge, 5) Schirm⸗ 
fabrikant Weiler hier und 6) Oberlieutenant Rothe auf Oberzetzſche. 

**) 1) Vice⸗-Praͤſident und Geh. Rath Geuteb ruck, 2) Stadt⸗ 
richter Hempel, 3) Vice-Praͤſident Lorentz, 4) Geh. Hofrath Dr. 
Schuderoff, 5) Hoftapetenmaler Schulze hier, 6) Hofadvokat 
Weſthof in Cahla, 7) Magiſter Mehnert in Leipzig, 8) Buͤrger⸗ 
meiſter Fickentſcher in Redtwitz im Koͤnigreich Baiern. 
t) 1) Hofglaſer Brauer, 2) Vergolder Brauer, 3) Hofapo⸗ 
theker Huͤbler, 4) Drechslermeiſter Kluge, 5) Steuercaſſirer Kuhn, | 
6) Schulcollaborator Lüͤtzelberger, 7) Tuchmachermeiſter Muͤhlig, 
8) Porzellanmaler Erübiger, 9) Zeugſchmiedemeiſter Zetzſche hier, 
10) Apotheker Hennig in Lucka, 11) Prof. Doͤbler in Hamburg, 
12) der Großherzogl. Badenſche Kammerherr und Koͤnigl. Baierſche 
Kaͤmmerer von Lotzbeck zu Lohr, 13) der Großherzogl. Badenſche 
Kammerjunker von Lotz beck zu Karlsruh, 14) der Freiherr Speck 
von Stern burg auf Lütfchena bei Leipzig. 

** Herr Juſtizrath Müller hier. 


2 


Verſammlungen, und nehmen an den gemeinſchaftlichen 
Arbeiten und Berathungen des Vereines und ſeiner Sek— 
tionen thatigen Antheil. So dankbar wir nun auch 
jede uns und unſern Zwecken werdende Unterſtuͤtzung aners 
kennen, ſo duͤrfen wir uns doch dabei nicht verhehlen, daß 
das eigentliche Sein und Leben unſerer Geſellſchaft zunaͤchſt. 
auf dieſen wenigen, perſoͤnlich thaͤtigen Mitgliedern beruht, 
deren Zahl, zu unſerer nicht geringen Freude und Ermun⸗ 
terung ſeit einigen Jahren wiederum merklich zugenommen 
hat. Es betrug naͤmlich die Zahl derjenigen, welche den 
monatlichen Verſammlungen unſeres Vereines beiwohnten, 
vor 3 und vor 2 Jahren durchſchnittlich 11 und im vo— 
rigen ſo wie in dieſem Jahre durchſchnittlich 20. 
Auch waren die 12 diesjaͤhrigen Hauptver- 
ſammlungen im Allgemeinen belebter und die Vers 
handlungsgegenſtaͤnde zahlreicher als in irgend einem 
der letzten 6 Jahre. Mehrere der bei dieſen Sitzungen ges 
haltenen Vortraͤge, z. B. ein gutachtlicher Bericht Herrn 
Ezolds über den belgiſchen Stelzenpflug, ) 
die Vortraͤge des gegenwärtigen Berichterſtatters über die 
Metalle und ihre Erzen) und über das 
Kali, ***) fo wie auch der weſentliche Inhalt eines lehr⸗ 
reichen und von veranſchaulichenden Experimenten begleiteten 
Vortrags des Herrn Dr. Gleitsmann über den 
Humus, ) find bereits durch unſere gedruckte Vier⸗ 
teljahrsſchrift in einem groͤßern Kreiſe bekannt worden. 
Nicht weniger Theilnahme erweckte ein Vortrag des Herrn 
Oberſteuer⸗Sekretairs Winkler uber die Fa⸗ 
brikation der Blechloͤffel, in welchem überall Klar⸗ 
heit der Auffaſſung, und Deutlichkeit der Darſtellung her⸗ 
vorleuchteten und in den dabei vorgezeigten Muſtern von 
einzelnen Loͤffeln in ihrer ſtufenweiſen Bearbeitung eine 
willkommene Waage erhielten. Bent Da vn 951 


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* 2 Vergl. Micteitungen aus dem Ofestande, Bd. 1. S. 1515 f. 
9 Daf. S. 169. ff. 1 
a.) Dal. Bd. = S. 1. ff. 
. Daſ. Bd. 1. S. 157. 


u 


der gegenwärtige Berichterftatter bei einem freien Vortrage 
uber das Kochſalz, fo wenig er auch das fluͤchtige 

Wort durch veranſchaulichende Experimente unterſtuͤtzen konnte, 
freundliche und ermunternde Theilnahme. 

Alle dieſe Vortraͤge wurden von den Verſammelten 
mehr als ruhige, in ſich abgeſchloſſene Belehrungen aufge⸗ 
nommen und nur ſelten durch einſchlagende Bemerkungen 
und Fragen ausfuͤhrlicher eroͤrtert und beſprochen. Weit 
lebhafter erregten aber eine Menge anderer muͤndlicher und 
ſchriftlicher Mittheilungen und Fragen die Selbſtthaͤtigkeit 
der Verſammelten. Hierbei muß ich zunaͤchſt die ſchriftli— 
chen Mittheilungen unſeres fortgeſetzt thaͤtigen Herrn Siegel— 
lacksfabrikanten Barth erwaͤhnen, der uns wiederholt aus 
Leipzig ſowie auch aus Ronneburg uͤber Geſehenes und 
Erfahrenes berichtete und hieran Mit gewohnter Regſam⸗ 
keit mancherlei, die ganze Organiſation unſeres Vereines 
weſentlich beruͤhrende Vorſchlaͤge zu knüpfen pflegte. Un⸗ 
verkennbar ſollten dieſe dazu beitragen, die Thaͤtigkeit un⸗ 
ſerer Mitglieder zu erhoͤhen und die wohlthaͤtige Wirkſam⸗ 
keit des Vereines zu ſteigern und zu erweitern. Grund 
genug, um allgemeine Theilnahme zu erwecken und nach 
mehrſeitiger Prüfung und Eroͤrterung mannigfachen Einfluß 
zu gewinnen. Indeß wurde dabei auch keineswegs ver⸗ 
geſſen, daß nicht ſowohl das raſche Betreten neuer Bah⸗ 
nen als mehr noch das ruhige und gleichmäßige Fortſetzen be⸗ 
reits eingeſchlagener und nicht vergeblich verfolgter Richtun⸗ 
gen, Geſellſchaften und Vereine, zwar nicht leicht zu uͤber⸗ 
raſchenden und glaͤnfenden, dafur 8 um ſo! 9 He da 
dauernden Erfolgen fuͤhere. 

Ebenſo lebhafte Theilnahme ene ape 
Schreiblehrer Kerſten aufgeworfene Frage, woher es wohl 
komme, daß die von unſerm Vereine veranlaßten oͤffentli⸗ 
chen Kunft und Gewerbe-Ausſtellungen von Seiten der 
Gewerbetreibenden im Ganzen noch ſo wenig benutzt und 
unterſtuͤtzt werden? Und wenn auch das hiermit ausge⸗ 
ſtreute Saamenkorn nicht in diefem - Jahre Blüthen und 
Fruͤchte bringen konnte, ſo wird es doch darum für die 


bi Sa 


Zukunft unverloren ſein. Es fand nämlich in dieſem Jahre 
feine groͤßere Kunſt- und Gewerbe-Ausſtellung 
Statt, indem ſich dieſe bei uns uͤberhaupt nur von 2 zu 
2 Jahren zu wiederholen pflegt. Indeß wutde der naͤchſt⸗ 
kuͤnftigen Ausſtellung wenigſtens vorbereitend gedacht und 
für die vorzüglicheren hierbei eingereichten inlaͤndiſchen Erz 
zeugniſſe wurden 12 verſchiedene Geldpreiſe, zuſammen 
im Betrage von 150 Thlr. in Gold oͤffentlich ausgeſetzt, ohne 
jedoch die Einſender deshalb auf die dabei zur weitern Be— 
achtung beſonders empfohlenen Gegenſtaͤnde zu beſchraͤnken. 

Der guten Gewohnheit, dem Vereine geſammelte 
Neifefrühte vorzulegen, wurde in dieſem Jahre viel— 
fach gehuldigt. So theilte Herr Hofſchloſſerme iſter 
Böhme uͤber feine Reife nach London Einiges mit und 
legte dabei mancherlei Zeichnungen und Abbildungen, na— 
mentlich von Londoner Feuerſpritzen vor, deren Einrichtung 
er dabei erklaͤrte. Herr Schreiblehrer Kerſten erzaͤhlte 
von dem Annaberger Gewerbvereine, der, nur ſeit wenigen 
Jahren beſtehend, gleichwohl ſchon ein eigenes Verſamm— 
lungs haus beſitze und allwoͤchentlich Verſammlungen halte, 
die haͤufig von 50 und mehr Mitgliedern beſucht wuͤrden. 
Bei jeder ſolchen Verſammlung werde in der Regel ein 
Vortrag gehalten und die Mitglieder beſtehen nicht allein 
aus ſelbſtſtaͤndigen Bürgern, ſondern auch aus Handlungs— 
dienern und Handwerksgeſellen der Stadt und Umgegend. 
Hieran knuͤpfte Herr Kerſten ſogleich noch einige Mitthei— 
lungen über die Fabrikation hoͤlzerner Spielſachen im Erz⸗ 
gebirge, deren große Wohlfeilheit ſich uns durch die dabei 
vorgezeigten einzelnen Gegenſtaͤnde und durch die Nachwei— 
ſungen uͤber ihre fabrikmaͤßige Anfertigung genuͤgend er— 
klaͤrte. Auch hoͤrte man denſelben gern von der ſchnellen 
Fabrikation des Papiers ohne Ende erzaͤhlen, ſo wie ja 
überhaupt das Ungewohnte und Ueberraſchende in der Nas 
tur wie in der Mechanik einen eigenthuͤmlichen Zauber 
beſitzt. In dieſes Gebiet gehoͤrte unfehlbar auch die Mit— 
theilung Herrn Seyfferts über einen Automaten unſeres 
Mitgliedes, des Mechanikus Warmholz in Eisleben, welcher, 


er 


durch Taſten in Wirkſamkeit verſetzt, verftändliche Worte 
hervorbringe; ſo wie das von Herrn Hofrath Klein 
dem Vereine vorgezeigte derbe Packpapier, welches in der 
Arnoldiſchen Zuckerfabrik in Gotha hauptſaͤchlich aus den 
zuruͤckbleibenden Faſern ausgepreßter Runkelruͤben bereitet 
wird, und welches faſt mehr Aufmerkſamkeit erregte als 
der dabei zugleich mit vorliegende ſchoͤne raffinirte Runkel⸗ 
ruͤbenzucker derſelben Fabrik. 

Das unſerm Vereine vom Buchbindermeiſter Weiſe 
in Borna vorgelegte Modell einer Maſchine zum Bears 
beiten und Formen der Braunkohle wurde von 
einigen feiner Mitglieder begutachtet und, bei aller Anerken— 
nung der Wichtigkeit ſeiner Beſtimmung und der ihm zu 
Grunde liegenden Idee, doch in der Zuſammenſtellung der 
einzelnen Theile kaum für. aus fuͤhrbar und zweckmaͤßig ge⸗ 
halten. Dagegen gruͤndeten ſich die Zeichnungen und Mit⸗ 
theilungen des Kupferſchmiedemeiſters Wagner 
uͤber einen kohlenſparenden und die Waͤſche gut und ohne 
Nachtheil für ihre Haltbarkeit reinigenden Dampfwaſch— 
apparat auf bereits gemachte Erfahrungen; ſo wie auch 
die weſentlichen Vorzuͤge, welche derſelbe dem Schwarze— 
ſchen Dampfmaiſchapparat vor allen aͤhnlichen, den 
Branntweinbrennern neuerdings empfohlenen Vorrichtungen 
zuſchrieb und durch Rechnungen belegte, ſich bei unſerm 
Mitgliede, dem Herrn Dr. Gleitsmann auf Wildenhain 
und anderwaͤrts bereits bewährt haben. Wenn aber dies 
fer Apparat wirklich wohlfeil im Ankauf, wie in der Un⸗ 
terhaltung, leicht und ſchnell zu reinigen und mit verhaͤlt— 
nißmaͤßig wenigem Brennmaterial zu beheizen iſt, dabei 
aber gleichwohl allen in der Maiſche enthaltenen Spiritus 
rein und ohne irgend einen Beigeſchmack liefert, ſo vers 
dient derſelbe gewiß von Seiten der Branntweinbrenner 
alle Beachtung, damit ſie, nach gewonnener Ueberzeugung 
von der Wahrheit dieſer Angaben, es nicht verabſaͤumen, 
ſich mit Hilfe eines ſo geſchickten und erfahrenen Arbeiters, 
wie Herr Wagner iſt, recht zeitig in den Beſitz au 
Vortheile zu ſetzen. 


_ 


Eine Quantität Eiſenvitriol, welche der gegen⸗ 
waͤrtige Berichterſtatter bei einer gewöhnlichen Monats- 
ſitzung den Verſammelten vorzeigte, erregte beſonders wegen 
ſeiner Entſtehung einige Theilnahme. Bei einem Beſuche 
der Oberloͤdlaer Braunkohlengruben entdeckte ich nämlich 
bereits vor mehrern Jahren ein Stuͤck bituminoͤſes Holz, 
deſſen groͤßere Haͤlfte verſteinert oder vielmehr in Schwe— 
felkies übergegangen war und hob daſſelbe ſorg— 
faͤltig auf, weil es mir, als ſichtbarer Beleg dieſer Um— 
wandlung, von Werth war. Allein ſchon nach einem hals 
ben Jahre zeigten ſich an dem in Schwefelkies umgewan— 
delten Theile weiße Kryſtallflocken und einzelne gelbe Schwe— 
felkoͤrnchen, und die ganze Maſſe fing an ſich in der Rich⸗ 
tung der Jahresringe des Holzes zu zerblaͤttern und nach 
und nach überall mit weißen und gelben Flocken zu bes 
ſchlagen; ja ſelbſt die einzelnen Blaͤttchen fuhren fort ſich 
durch Aufnahme von Feuchtigkeit und Sauerſtoff aus der 
Luft zu zerſetzen, fo daß mir am Ende nur ein gewoͤhnli⸗ 
ches Stuck bituminoͤſes Holz und eine Menge ſolches fteis 
nigen Pulvers uͤbrig blieb. Dieſes dunkelfarbige Pulver 
nun laugte ich mit Waſſer aus, filtrirte die ſchwarze, truͤbe 
Lauge, dampfte ſie hierauf ab und erhielt ſo den beregten 
Eiſenvitriol, deſſen gruͤne Kryſtallchen oben an der Luft 
allmaͤhlig in ein gelblich weißes Pulver zerfielen, waͤhrend 
die davon bedeckten groͤßern Kryſtalle ihre ae 
Farbe behielten. 

Seit mehr als einem Jahre hat uns der ſogenannte 
veredelte Flachs, wovon auch Herr Barth wiederum 
einige Proben von einem Ungenannten vorzeigte, wieder⸗ 
holt beſchaͤftigt, ohne daß ſich jedoch die gute Meinung 
für dieſes Produkt vermehrt hätte. Denn wenn bei der 
Verfeinerung des Flachſes, wie es wenigſtens bei den uns 
vorliegenden Proben mehr oder weniger der Fall war, zus 
gleich auch die Länge der Faſern weſentlichen Abbruch ers 
fährt und die dabei entſtehenden einzelnen wolligen Faͤſer⸗ 
chen noch uͤberdies ſo verfitzt und in Knoͤtchen verſchlungen 
werden, daß daraus ſelbſt bei dem aufmerkſamſten Ver⸗ 


a 


fpinnen ein gleichmaͤßiges und feſtes Garn nicht gewonnen 
werden kann; ſo laͤßt ſich wohl von einer Veraͤnderung 
und Umwandlung, aber keineswegs von einer Veredlung 
dieſes ſchaͤtzbaren Faſerſtoffs reden, die uͤberhaupt nur dann 
Statt finden duͤrfte, wenn mit der Verfeinerung der ein— 
zelnen Faſern die Feſtigkeit und Gleichmaͤßigkeit des daraus 
entſtehenden Garnes gleichen Schritt haͤlt. 

Wenn ich, verehrte Anweſende, in der überſichtlichen 
Wiederholung der Verhandlungsgegenſtaͤnde des letzten Jah— 
res vielleicht etwas zu weitlaͤufig geweſen bin, ſo kann ich 
in Betreff unſerer Verbindungen mit auswaͤrti— 
gen Geſellſchaften und Perſonen um ſo kuͤrzer 
ſein, indem alle in dieſer Zeit unſerem Vereine gewordenen 
Zuſendungen und Geſchenke in unſern gedruckten Mitthei— 
lungen dankend aufgezählt und ſomit auch zu Ihrer Kennt— 
niß gekommen find, Nur auf die vom verehrlichen Saale 
felder Gewerbvereine uns gemachten und fihon im vorigen 
Jahresberichte erwaͤhnten Vorſchlaͤge zur Gruͤndung 
eines thüringifhen Geſammtgewerbvereines 
erlaube ich mir noch einmal zuruͤck zu kommen, nachdem 
dieſelben von einigen Mitgliedern unſeres Vereins begutach— 
tet und durch einen darauf begründeten Vereins beſchluß ab— 
gelehnt worden ſind. Hierbei verkannten wir keineswegs, 
daß jaͤhrliche Zuſammenkuͤnfte und Berathungen 
von Gewerbetreibenden und Freunden des 
Gewerbfleißes, wenn dieſe zumal ihr Wiſſen und 
ihre Erfahrungen nicht vorſichtig zuruͤckhalten wuͤrden, ebenſo 
gut wie die allgemeinen Zuſammenkuͤnfte der deutſchen 
Raturforſcher und Aerzte oder auch der deutſchen Land— 
wirthe, viel Anregendes und Nuͤtzliches haben koͤnnten. 
Allein, da ſich die uns gemachten Vorſchlaͤge keineswegs 
auf derartige freie Zuſammenkünfte, ſondern vielmehr auf 
die Gründung und Errichtung eines foͤrmlich organiſirten 
thuͤringiſchen Geſammtgewerbvereins bezogen, ſo fanden es 
die Anweſenden insgeſammt nicht rathſam, die bisherige 
Selbſtſtaͤndigkeit unſeres Vereines deshalb aufzugeben und 
unſere für eine genuͤgende Wirkſamkeit in dem uns zus 


nächft angewieſenen Bereiche oft kaum hinreichenden Kräfte 
in weit ausſehende Unternehmungen zu zerſplittern. Doch 
ſind wir darum von jeder ſelbſtiſchen Abſchließung weit 
entfernt und wiſſen und fuͤhlen recht gut, wie viel wir 
von jeher dem offenen und freundlichen Verkehre mit wers 
wandten auswaͤrtigen Geſellſchaften zu verdanken haben. 
Im Beamtenperſonal unſeres Vereins 
iſt in dieſem Jahre nur eine einzige Aenderung vorgefallen. 
Es iſt naͤmlich an die Stelle des Herrn Kupferſchmiede— 
meiſters Wagner, den Beſtimmungen unſerer Statuten ger _ 
maͤß, Herr Mechanikus Kalkoff durch Stimmenmehr⸗ 
heit zum zweiten Vorſteher des Vereins ernannt 
worden, um, wie gewoͤhnlich, mit dem heutigen Tage ſein 
neues Amt anzutreten. Auch ſind unſere 5 Sektionen 
das erſte Mal durch ſtatutenmaͤßige Wahlen des Vereins 
erneuert und darauf durch Abſtimmung der zu jeder einzel— 
nen Sektion erwaͤhlten Mitglieder unter ſich mit neuen 
Vorſtehern verſehen worden. In Folge davon leitet 
jetzt die Geſchaͤfte 1) bei der Sektion fuͤr Ur pro duk⸗ 
tion, Herr Regierungsrath Wagner, Y bei der 
für Bauweſen, Herr Bauverwalter Jecke, J bei 
der fuͤr Kunſt, Herr Oberzollinſpektor Meißner, 
4) bei der für Fabrikation, Herr Mecchan ikus 
Kalkoff und 5) bei der für Manufakte, Herr Hof—⸗ 
buchbinder Laurentius. Zugleich ſind auch die Auf— 
gaben und Geſchaͤfte der einzelnen Sektionen etwas erwei— 
tert worden. Es wurden naͤmlich auf Anregung des Herrn 
Siegellacksfabrikanten Barth nicht allein die beiden Sek— 
tionen für Kunſt und für Bauweſen aufgefordert, 
ihr Augenmerk kuͤnftig auch auf die Verſchoͤnerung 
unſerer Stadt und unſeres Landes zu richten, 
und auf dem uns allein zu Gebote ſtehendem Wege der 
freien Ueberzeugung, in und außer dem Vereine, dafuͤr wirk— 
ſam zu ſein; ſondern der Verein erkannte es auch uͤberhaupt 
als eine Aufgabe ſaͤmmtlicher 5 Sektionen an, den gegen— 
waͤrtigen Zuſtand der in den Bereich einer jeden gehoͤ— 
renden Innungen und Gewerbe immer genauer zu 


en 


erforſchen, damit der Verein da, wo er ohne unſtatthafte 
Uebergriffe in das Gebiet der ordnenden Staatsgewalt oder 
in die Freiheit der Gewerbtreibenden und Kuͤnſtler, Einzel— 
nen oder Allen foͤrderlich und nuͤtzlich ſein kann, dieſes ſein 
Ziel nicht aus Unkunde verfehle oder vernachlaͤſſige. 

Ueberhaupt erwachte mit der geſteigerten Regſamkeit 
und Thaͤtigkeit fuͤr die Zwecke unſeres Vereins zugleich 
auch das Gefuͤhl, daß derſelbe durchaus eine noch groͤßere 

Wirkſamkeit erſtreben und der Kunſt und dem Gewerbs⸗ 
weſen noch mehr auch aͤußerlich e 7 
ſchaffen muͤſſe. 

Freilich laͤßt ſich eine ſo ſegensreiche Wiekſamkeit nicht 
erzwingen und erkuͤnſteln; ſondern ſie iſt nur die langſam 
reifende Frucht des Geiſtes, der unſern Verein gruͤndete 
und der ihn erhält, eine Frucht der Freiheit und des Ges 
meinſinns. Und dieſer Geiſt — das glaube ich aus der 
Seele aller derer zu ſprechen, die beim Beſuch unſerer Zus 
ſammenkuͤnfte es ſelbſt ſahen und fuͤhlten, wie gegenſeitige 
Achtung, Wohlwollen und Vertrauen unter uns wuchſen 
und ſelbſt im Widerſtreite entgegengeſetzter Anſichten noch 
unverkennbar vorwalteten — dieſer Geiſt, ſage ich, iſt 
durchaus nicht aus unſerer Mitte entſchwunden, ſondern 
hat uns auch in dieſem Jahre nur inniger und 1 
verbunden. n 


Kst 


Jahresbericht des Vorſtandes der Kunſt⸗ 

und Gewerks⸗Schule in Altenburg, zum 

14. Stiftungsfeſte derſelben, am 3. Ne 
| . 1858. 


Vorgetragen von dem Sekretair derſelben, 
G. L. Klein. 


Durchlauchtigſter Herzog, gnaͤdigſter, 
huldreichſter Protektor unſers, des hieſigen 
Kunſt⸗ und Gewerks-Vereins und deſſen 
Schule, Hoͤchſt und hochzuverehrende Ans 

weſende! 


Wenn der Wanderer auf einer gewonnenen Anhoͤhe un— 
ter einem Schatten-Baume ausruht und neue Kraͤfte, ſein 
Reiſeziel, die Heimath zu erreichen, ſammlet, ſieht er wohl, 
ſich ſeines Stand- und Ruhe-Punktes erfreuend, ſinnig 
auf die unter und hinter ihm liegende, ihm nicht mehr 
fremde Landſchaft zurück und unterſcheidet und mißt mit 
dem Auge die Ortſchaften, Staͤdte, Doͤrfer und Weiler, 
die er auf ſeiner Reiſe getroffen, oder die er auch nur in 
der Ferne ſah, oft nur in der Thal-Schlucht am Rauche 
erkannte und die ihm ein friedliches, gedeihliches Menſchen— 
leben vorausſetzen und hoffen ließen. 

Aehnlich den Betrachtungen und Gefuͤhlen dieſes Wan— 
derers iſt das meinige heute, indem ich, amtlich, die ehren— 
volle Veranlaſſung habe, am 20. Stiftungsfeſte unſers 
Kunſt⸗ und Handwerksvereins und am 14. ſeiner Schule 
über dieſe wieder, und noch einmal zu ſprechen und Bes 
richtserſtattung einzuleiten. 


U 


Oefterer, und wohl zu oft ſchon hatte ich, an gleis 
chen feſtlichen Tagen wie der heutige, Veranlaſſung und 
Beruf, uͤber Schulen, namentlich Volksſchulen mich zu 
aͤußern, inſofern auch unſere Nachhuͤlfs-Schulen gerecht— 
fertigt und in ſteigender Wirkſamkeit dargeſtellt fein woll— 
ten. Daß beim Nachſehen nach diefen, den unfrigen, auch 
anderer, nach gleichem Zwecke der Fortbildung ſtrebender 
Schulen ſehr verſchiedener Art gedacht wurde, und die 


Schule ſelbſt, dieſe Bildungs- und Veredlungs-Anſtalt 


der Menſchheit und des Staats-Buͤrgerthums das leben» 
dige Wort war, dem, nicht des Redners, ſondern der 
Sache wegen geneigtes Gehoͤr gegeben wurde, iſt mir in 
friſchem, dankbarem Andenken. 

Es ſei mir noch einmal erlaubt, in einem vielleicht 
letzten Vortrage uͤber den oft und mehrfach verhandelten 
Gegenſtand noch einen Ruͤckblick auf das ausgebreitete, 
immer mehr und immer noch nicht ſattſam angebauete 
Feld der Nachhuͤlfs- und Fortbildungs-Schulen zu thun. 

Es mehren ſich dieſelben taͤglich und nicht nur in 
unſerm deutſchen Vaterlande, ſondern namentlich auch in 
Frankreich und noch mehr in England. — Moͤchte das 
um ſo mehr auch noch von manchen andern, und beſon— 
ders von ſolchen Laͤndern geſagt werden koͤnnen, die der 
Elementar- und Volks-Schulen, des beſſern und gelaͤu— 
tertern Unterrichts der Jugend faſt gaͤnzlich entbehren und 
eben dadurch, wie namentlich die ungluͤckſelige Pyrendifche 
Halb-Inſel, in eine Rohheit und Verwilderung verfallen 
oder ſich ihr doch nicht entwinden koͤnnen, die uns ſchau— 
dern macht. 

Das Land der Schulen iſt und bleibt aber unſer 
Deutſchland und namentlich das proteſtantiſche; und eben 
deshalb wird es auch das, den Staͤnden nach, gleichartigere, 
das der Lebens-Annehmlichkeit nach, bei beſcheidenen An— 
ſpruͤchen begluͤcktere, das geſichertere gegen ruͤckgehendma⸗ 
chende Barbarei ſein und bleiben, andern Laͤndern und 
Nationen gegenüber, welche dennoch, theilweiſe fi ich uͤber 
die unſrige zu ſtellen nur zu geneigt find« 


ee e 


unſer Volfs und Bürger » Schulen » Wefen, bedingt 
ſich wieder in feiner beſſern, veredelten Beſchaffenheit, von 
wohlbegründeten, zahlreichen Gelehrten und Lehrer-Schu⸗ 
len; dieſe ſind das Fundament, auf welchem Deutſchlands 
und namentlich des proteſtantiſchen, Bildung und Erhebung 
beruht. Solcher eben gedachter hoͤhern Schulen, zugleich 
Gipfel und Wurzel unſers veredelten Staats-Lebens, era 
mangelt ſelbſt England und Frankreich in ausreichender 
Zahl und gehörig geeigenſchaftet. Um fo mehr freilich 
muͤſſen oder ſollen Huͤlfs- Schulen nach- und aushelfen, 
und der beiden genannten Voͤlkern eigene praktiſche Sinn 
fuͤllt, zur Roth, die gefuͤhlte Luͤcke aus, Manches noch hin— 
zuthuend, was wir ſelbſt noch vermiſſen. Sie zaͤhlen wohl 
bedeutend mehr Neal» Schulen als wir, die wir derglei— 
chen noch lange nicht in ausreichender Menge beſitzen und 
deren einer ſelbſt unſer geliebtes kleines Vaterland erſt 
noch entgegenſiehn, das, im Uebrigen, mit vielen Gaben 
der Regenten Weisheit, wie auch des geweckten Volks⸗ 
Sinnes begluͤckte. 

Dieſe Real-Schulen, welche, ohne fie doch i im 
mindeſten verdrängen oder ſchmaͤlern zu wollen, mit den ges 
lehrten Schulen gleichlaufend ſein ſollten, ſie ſind der 
Grundbeſitz, oder beſſer, die Pflanz- Schule, auf welche 
die, wenn nicht zahlloſe, doch zahlreiche Menge aller derer 
angewieſen iſt oder doch angewieſen ſein moͤchte, welche 
aus dem Bauern-, namentlich aber aus dem Gewerfenz, 
Kuͤnſtler-, ja jedem andern Stande abſtammen, deſſen 
Söhne, ohne der Wiſſenſchaft ausſchließend ſich zu widmen 
oder widmen zu koͤnnen, doch wiſſenſchaftlich, d. h. hier, 
gründlicher und ausführlicher als es die Elementar-, die 
ſogenannte Buͤrger-Schule und das Knaben-Alter verſtat— 
tet, ſich für praktiſche Zwecke, nicht weniger aber auch für 
das Leben ſelbſt ausbilden und hoͤher ſtellen wollen, als 
gewöhnlich der Mechanismus des einzelnen Berufs es ver⸗ 
ſtattet. 

Aber, während dieſes kuͤrzliche Darlegen innerſter ue⸗ 
berzeugung zugleich ein gewiß nicht uͤberhoͤrter Seufzer, der 


Pe 


Ausdruck eines laͤngſt ſehr allgemein gefühlten Bedürfniſſes 


iſt, — daß es naͤmlich auch dem Altenburgiſchen Stadt⸗ 


und Landbewohner geſtattet und thunlich fein möchte, in 
Uebereinſtimmung mit den Verhaͤltniſſen, und nach dem 
Ablaufe der gewöhnlichen Schuljahre nun noch einige an— 
dere dazu verwenden zu koͤnnen, um, erleichtert von dem 
Staate vermittelſt gebotener Gelegenheit, durch Lehrer und 
Lehrmittel ſich für feine kuͤnftige Beſtimmung, für jede, 
nur nicht die der Gelehrten-Schule, dennoch wiſſenſchaft— 
lich vorzubereiten, damit zugleich auch, in der natürlichften 
Verbindung als Vorgebildeter ſich zu dem Stande der Ge— 
bildeten, — dem einzigen wahrhaft unterſcheidenden zu er— 
heben, — dem allen ohngeachtet kann ich doch nicht um— 


hin, noch einmal auf den in bemerkter Hinſicht geruͤhmten 


beiden Laͤndern zu verweilen; indem doch auch nicht unerwaͤhnt 
gelaſſen werden darf, daß dieſe ſo oder ſo genannten Un⸗ 
terrichts⸗Anſtalten, die eigentlichen Real- ⸗Schulen für die 


heraufgewachſene maͤnnliche Jugend des Mittelſtandes leicht 


nur zu real ſich erweiſen koͤnnen, und daß mit dieſem 
in gegenwaͤrtiger Zeit nur zu beliebtem Namen, oder viel 
mehr mit deſſen Weſen auch Gefahren verbunden ſind; 
was ſich eben aus den Erfahrungen jener Länder und na— 
mentlich Frankreichs leicht entnehmen laſſen duͤrfte. 

Denn nicht nur, daß ſich das Reale — in dieſer 
Hinſicht dem Claſſiſchen in der Jugendbildungs-Weiſe, wie 
nicht unbillig, zur Seite ſtellt; ja auch wohl, und wie ſehr 
unbillig und ſeine Graͤnzen verkennend ſein wuͤrde, — ihm 
fogar ſich vorausſtellen, ihm den Rang ablaufen möchte, 
ſo tritt es auch, mißverſtanden, in feiner Wirkung den his 
been. Lebens-Zwecken der Fort- und Durchbildung der 
Zeitgenoſſenſchaft hemmend und vom wahren Ziele ablen— 
kend entgegen. 

Nutzen und Genuß, Eines das Andere bebingende ſind 
die zur Vergoͤtterung erhobenen Standbilder des Zeitgeiſtes 
und drohen, die wahre, durchbildende Kultur, die Verwen— 
dung der Geſammt-Kraft des Menſchen zum hoͤchſten, 
hienieden unerreichbaren, jenſeits noch, ſo glauben und 


— 69 — 


hoffen wir, ſich fortſtellendem, zu erſtrebendem Zwecke und 
Ziele zu hemmen und abzuleiten. 

Wo nur die materiellen Intereſſen gelten, und der 
groͤßeſte Vortheil, der perfönliche naͤmlich, alle anderen 
Zwecke des Lebens überragt, da gedeiht nimmer das Stre— 
ben nach Humanitaͤt. Sichtbarer, greifbarer Gewinn 
ſcheint zuweilen der einzige oder doch maͤchtigſte, allerdings 
oft ſcharfſinnig erfundene, bewundernswuͤrdig gehandhabte 
Hebel zu fein, der feine Zeit, fein Land auf eine ſchwin— 
delerregende Hoͤhe treibt. Aber das Reich des Eigennutzes 
iſt es, was auf derſelben ſeinen Thron baut. Es iſt von 
dieſer Welt und wird mit ihr vergehen; erſt wanken, dann 
fallen. Sind die Beiſpiele davon in aͤlterer und neuer 
Geſchichte ſo ſelten? Rur die Gegenſtrebung der von der 
Vernunft, dem Goͤttlichen im Menſchen ausgehenden Idee ſoll 
und moͤge den ſtolzen Bau der materiellen Intereſſen begruͤnden 
und ftügen, und nur göttliche Weisheit mit irdiſcher Klug⸗ 
heit ſich verbindend vermag die Menſchheit, Staaten und 
Voͤlker, im Gleichgewichte, in einem, in dieſem Sinne ewis 
gen Frieden zu erhalten, welchen Ehrgeiz und Eiferſucht 
eben ſo wenig ſtoͤren werden als es die Ruhe der Schla— 
fenden oder Todten fein darf, die den Erfindungs-Geiſt 
und die Betriebſamkeit hemmen oder als uͤberfluͤſſig erſchei⸗ 
nen laſſen koͤnnte. 

Rie wird der verſtaͤndige, Zweck und Mittel wohl 
unterſcheidende Sinn, des moͤglichen Misbrauchs wegen, 
den Gebrauch ſoviel beſagender und wirkſamer Anſtalten 
als Real⸗Schulen find, verhindern oder auch nur bedenk⸗ 
lich finden wollen. Rur unvergeſſen fei, fie nicht blos 
als politiſche Inſtitute mit Sonderzwecken, ſondern als 
Bildungs » Formen für den hohen Beruf des Menſchen 
und Staats⸗Buüͤrgers zur Humanitaͤt anzuſehen, welche 
auch in denjenigen Staͤnden und Berufen anerkannt und 
gefoͤrdert werden muß, die zu claſſiſcher, d. h. zu hoͤchſter 
und allgemeinſter, und eben deshalb am tiefſten zu begruͤn⸗ 
dender Aus- und Durchbildung, der Zeit, der Veranlaſ— 
hung und der Gelegenheit entbehrt. Das Salz ift die all⸗ 

AR 6 


u 


gemeinſte Würze und ohne fie ift jede Speife ungeſchmackt; 
aber auch ſchon wenig davon iſt ausreichend, um das Brod, 
das edelſte und allgemeinſte der Rahrungsmittel, sinichbar 
und gedeihlich zu machen. 


Und auch nur wenige Stunden im Verfolge des rea⸗ f 


len Unterrichts werden genuͤgen, um das religiös ⸗ſittliche 
Prinzip zu wecken und lebendig zu erhalten, den zarten 
Keim des Vernuͤnftigen in den Gemuͤthern junger Zoͤglinge 
zu befruchten und auch an die oft rauhe Luft des Ge 
werbs⸗ Lebens, an den Zugwind des Handels und Wan— 
dels und des Vortheilſuchens zu gewoͤhnen; ſo daß er in— 
mitten deſſelben unbeſchaͤdigt und freudig fortwaͤchſt und 
das Unkraut des Eigennutzes und niedriger, ſelbſtiſcher Ge— 
ſinnung, das ihn umwuchert, uͤberragt und niederhaͤlt. 
Es kommt daher auch gar nicht auf das Viele an, was 
in dieſer Art, bewahrend und erweckend geſchehen ſoll; 
ſondern auf das Rechte, auf die rechte Weiſe, auf den 


rechten Mann, der, ſelbſt als ein Geweckter und Geweih⸗ 


ter anerkannt, der erwachſenen Jugend das Gute, das 
Sittich ⸗ Schöne, das Heilige an das Herz zu legen, den 
innern Sinn zu wecken weiß und vermag. 

Es hat deshalb die Real- Schule ſich entfernt von 
dem Vorurtheile zu halten, daß nichts real ſei als was 
unmittelbar nuͤtzt, und ſie darf nicht, um nur Raum und 
Zeit für dieſes zu gewinnen, jede Unterweiſung ausge- 
ſchloſſen fein laſſen oder doch zuruͤckdraͤngen wollen, die 
ſolche Zwecke, Erwerb und praftifche Tüchtigkeit nicht uns 
mittelbar zum Gegenſtande hat. Geſchichte erſetze die Kennts 
niß des Alterthums. An die Kenntniß des menſchlichen 
Koͤrpers und mit ihr verbundene Geſundheits- Lehre ſchließe 
ſich die Darlegung unſerer Seelen-Vermoͤgen, zum abge⸗ 
zogenen Denken gewoͤhnend an; Geſchmacks-Bildung darf 
nicht verabſaͤumt werden, und religioͤſe, ſittliche Vorträge 
haben dem Wollen und Wirken in der Schule die fuͤr 
das Leben in der Welt vorbereitende Weihe zu geben, um 
nicht nur geſchaͤftstaugliche, praktiſche, ſondern auch erleuch— 
tete und ſittlich gute Männer in die, dem Standes-Ver⸗ 


aM = 


haͤltniſſe nach, mittlern Stände — ich moͤchte fie die ver 
mittelnden nennen — wirkſam eintreten zu ſehen. Heil 
dem Staate, der ſolcher recht viele zaͤhlen wird! — 
Frankreich leidet offenbar an der Einſeitigkeit dieſer ſeiner, 
übrigens ſehr gepflegten und reich ausgeſtatteten Inſtitute 
und kraͤnkelt am Mangel des ſittlich-geiſtigen Gleichgewichts. 


Doch, ich kehre, fo wuͤnſchend als hoffend, von der, | 


Neal Schule, die ja auch, bei beſchraͤnkteren Mitteln, nur 
eine potenzirte, d. h. erweiterte, verlaͤngerte, wenn auch 
nicht eben reich, doch zweckmaͤßig ausgeſtattete Buͤrger⸗ 
Nach- Schule zu fein braucht, — keine polytechniſche, die 
man wohl nur von groͤßern, reichern Staaten als der 
unſrige fordern kann; — ich kehre von dieſer Real-Schule, 
dem erſehnten Ziele, zu unſern einfachen und in Zeit und 
Mitteln beſchraͤnkten Kunſt- und Handwerks-Schulen hier 
und in den Provinzial-Staͤdten zuruͤck. Von letztern find 
dem Vorſtande der hieſigen von Schmoͤlln, Roda, Eiſen— 
berg und Luckau durch die dortigen Vorſtaͤnde Nachrichten 
zugekommen, die theilweiſe recht freudig, und ſaͤmmtlich 
über ihre Wirkſamkeit mindeſtens beruhigend lauten. Nicht 
alle ſcheinen gleichen Schritt zu halten, und auch bei voraus— 
zuſetzendem guten Willen vieler Einzelnen von Lehrern und 
Schuͤlern mag doch vielleicht der Zuſammenhang und Zu— 
ſammenklang fehlen und der Zweck zu einem großen Theile 
nicht erreicht werden. Hoͤchſt wuͤnſchenswerth bleibt es 
daher, daß an jedem der Orte, in welchen gegenwaͤrtig 
Schulen der gemeinten Art beſtehen, als — ich nenne ſie 
nur der Zeit ihrer Entſtehung nach — in Ronneburg, 
Eiſenberg, Cahla, Luckau, Roda, Schmoͤlln (ſoll ich nicht 
auch der jüngften, der Wagners-Schule zu Goͤßnitz ges 
denken?) ein geeigneter Mann, aber auch fuͤr unausgeſetzte 
Zeit » Opfer einigermaßen entſchaͤdigt, als Haupt- Lehrer 
und verantwortlicher Leiter der Anſtalt an der Spitze ſte— 
hen moͤge. Wohl nur auf dieſe Weiſe duͤrften Einheit, 
Zuſammenklang und Folgerichtigkeit genugſam foͤrdern und 
dem — freilich wohl immer unerreichten Ziele naͤher brin— 
gen, als dies noch gegenwaͤrtig hier und da der Fall ſein 
6 * 


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möchte, — Thun Fuͤrſtliche Huld und die Staats⸗Caſſe 
ſoviel fur jede einzelne Schule, fo dürfte doch wohl der 
Wunſch ſich nicht verfehlen, daß der Gemeindſaͤckel jedes 
Orts auch beiſteure, da wo es in den Seinigen ſeine eigene 
Wohlfahrt gilt! Es iſt hierbei von Beſſerung und Her⸗ 
ſtellung eines Weges die Rede, der wohl zu den am we— 
nigſten zu verabſaͤumenden gehoͤrt. 

Um nun aber mit unſerer eigenen hieſigen Kunſt⸗ 
und Handwerks-Schule, in meinem faſt fremdartigen Re⸗ 
ferat zu einem gedeihlichen, d. h. hoffentlich erfreuenden 
Schluſſe zu kommen, ſo wage ich es nur im Allgemeinen, 
das Urtheil und die Meinung über fie als guͤnſtig aus⸗ 
und anzuſprechen, und erſuche, das Reſultate gebende Ein— 
zelne betreffend, den um fie hochverdienten Hauptlehrer, 
Herrn Profeſſor Lange, die Geſchichte derſelben innerhalb 
des eben verlaufenen Jahres den hoͤchſt- und hochverehr— 


ten Anweſenden, den hier verſammelten Beſchuͤtzern und 
Goͤnnern unſerer Anſtalt zu Antheil nehmender Pruͤfung 


und zu wohlwollender Beurtheilung vorzutragen. 


XI. 


Jahresbericht über die Kunſt⸗ und Hand⸗ 
werks⸗ Schule zu Altenburg, 
erſtattet am 5. Februar 1838 
von 


Eduard Lange. 


Dreizehn Jahre find es, ſeit unſere Kunſt - und Handa 
werksſchule beſteht, und ſechs, ſeit ſie durch unmittelbare 
fürſtliche Unterftügung einen beſoldeten Hauptlehrer erhielt. 
Bis zum Antritte dieſes Letztern, nach dem Neujahre 1832, 


— 73 — 


hatte ſie in 7 Jahren zuſammen 140 Schuͤler aufgenom⸗ 
men, von denen im Ganzen noch 23 in ſeine Unterweiſung 
uͤbergingen. Jetzt führt der letzte, in unſer Schulbuch 
eingetragene Schuͤler die Rummer 387, ſo daß in den 
letzten 6 Jahren zuſammen 247 junge Leute in unſere Ans 
ſtalt eingetreten find. 73 derſelben genießen noch gegen» 
waͤrtig in ihr den Unterricht, welchen dermalen 8 verfchies _ 
dene Lehrer, und zwar die 4 Zeichenlehrer ohne alle Ent— 
Schädigung, ertheilen. Im Zeichnen werden die Schüler 
jetzt in 2, in allen uͤbrigen Unterrichtszweigen in 3 ver⸗ 
ſchiedenen Claſſen unterwieſen. 

Einer, aus den erſten Jahren unſerer Anſtalt herſtam— 
menden Anordnung gemaͤß, iſt den in dieſe eintretenden 
jungen Leuten nicht, wie anderwaͤrts, die Wahl gelaſſen, 
welche Unterrichtsſtunden ſie beſuchen wollen, ſondern es 
muͤſſen ſaͤmmtliche Schuler an allen ihrer Claſſe 
ertheilten Unterrichts ſtunden Theil nehmen. Rur 
beim Unterricht im Zeichnen, beſonders im Bauzeichnen, bei 
welchem ſelbſt unſere beiden geraͤumigen Lehrzimmer fuͤr 
die vorhandene Schuͤlermenge nicht hinreichenden Platz bie- 
ten, wird hiervon in Betreff Solcher eine Ausnahme ge— 
ſtattet, die etwa anderwaͤrts noch Privatunterricht genießen 
oder dieſer Kunſt für ihr Gewerbe nicht unmittelbar bedürs 
fen. Der Unterricht im Modelliren aber, welchen noch 
jetzt, wie bisher, 7 ausgewaͤhlte Schuͤler in der Wohnung 
des Herrn Bildhauer Heß genießen, iſt mehr als ein un— 
ter Leitung und Unterſtuͤtzung unſerer Anſtalt dieſen Weni⸗ 
gen gegoͤnnter Privatunterricht zu betrachten. 

Wie verſchieden nun die Leiſtungen der jun— 
gen Leute bei ihrem Eintritt in unſere Anſtalt ſind, eben 
ſo ſtehen dieſelben bei ihrem Abgange noch keineswegs auf 
gleicher Stufe. Wenigſtens ſind wir durch die im Laufe 
der letzten 6 Jahre bewerkſtelligte Vertheilung derſelben in 
3 verſchiedene Claſſen jetzt mehr als je zuvor 
in den Sand geſetzt, Alle nach dem Maße ihrer bisheri— 
gen Vorkenntniſſe weiter zu fuͤhren. Denn es treten nicht 
etwa nur ſolche junge Leute in unſere Schule ein, welche 


Ya Wi: 


ihren letzten Unterricht in der oberſten Claſſe der hieſigen 
Buͤrgerſchule und bisweilen ſelbſt in den unterſten Claſſen 
des Gymnaſiums erhielten, ſondern es bewerben ſich faſt 
noch mehr Solche, die bei ihrer Confirmation, vielleicht 
fhon vor mehrern Jahren, der 2., 3. oder 4. Claſſe der 
Buürgerſchule oder auch den untern Regionen der Dorfſchu— 
len angehoͤrten, bei uns um Aufnahme, um Verſaͤumtes 
nachzuholen oder Vergeſſenes ins Gedaͤchtniß zurüͤckzurufen. 
Da nun die Schuͤler in der Regel zwei und ſelten mehr 
als 3 Jahre in unſerer Anſtalt bleiben, und Viele in die— 
ſer Zeit nur unſere zweite Claſſe erreichen, Einzelne ſogar 
ſelbſt aus der unterſten wieder abgehen, ſo iſt leicht zu 
ermeſſen, wie wenig die zufaͤlligen Leiſtungen ſolcher Einzel⸗ 
nen einen Maßſtab für die Wirkſamkeit der ganzen Ans 
ſtalt abgeben koͤnnen; und nicht daß Alle, ſondern daß 
mehrere unferer Schüler über das Maß der beſſern Kna— 
benſchulen hinaus gebildet, alle aber doch in ihren Kennt- 
niſſen und Fertigkeiten weiter gebracht werden, muß unſer 
beſcheiden geſetztes Ziel ſein. Und ſelbſt fuͤr dieſen Zweck 
haben wir, bei der geringen Anzahl der Unterrichtsſtunden 
alle uns zu Gebote ſtehenden Mittel aufzubieten und uͤber 
die ſorgfaͤltige Benutzung der uns vergoͤnnten Zeit mit 
Strenge zu wachen. Hierbei iſt ein ununterbrochener 
Schulbeſuch das erſte Erforderniß und dennoch oft 
nicht zu erzwingen. Waͤhrend naͤmlich die gleichgiltigern 
und leichtſinnigeren Schuͤler den regelmaͤßigen Beſuch der 
Sonntagsſtunden, wenigſtens an ſchoͤnen Nachmittagen, fuͤr 
einen ſchmerzlichen Abbruch ihrer ohnehin geringen Freizeit 
zu betrachten geneigt find, erblicken wiederum manche Lehrs 
herrn und Meiſter in ihrer den Schuͤlern ertheilten Erlaub— 
niß zum Schulbeſuche in den hierzu beſtimmten Abendftuns 
den, der Werkeltage, eine fie ſelbſt nicht ſtreng bindende 
Welgänſiigung, welche ſie daher wohl auch in einzelnen 
Faͤllen eben fo unbedenklich wieder zuruͤcknehmen konnten. 

Die ganze in dieſem Schuljahre bereits ertheilte oder 
noch zu ertheilende Zahl der Unterrichts ſtunden 
belaͤuft ſich, in Folge der ungewoͤhnlichen Laͤnge deſſelben, 


3 


auf 776. Von dieſen kommen aber wegen der Vertheilung 
der Schüler in die verſchiedenen Claſſen auf die Schüler 
der erſten Claſſe etwa 350 und auf jeden Schuler der 
zweiten oder dritten Claſſe kaum 300. 

und wenn wir nun auch unter dieſen Verhältniſſen 
mit den Fortſchritten und Leiſtungen unſerer Soͤglinge im 
Allgemeinen zufrieden fein koͤnnen, fo laſſen ſich dieſe doch 
mit den Leiſtungen anderer z. B. der Preuß iſchen 
Gewerbſchüler durchaus nicht vergleichen, weil dieſe 
Letztern der Schule einige Jahre hindurch nicht etwa woͤ⸗ 
chentlich nur 6 oder 7 Nebenſtunden, ſondern, mit Aus⸗ 
ſchluß jeder weiteren praktiſchen Thaͤtigkeit, alle ihre Zeit 
und Kraft widmen; wobei allerdings die Gefahr, daß die 
Unreiferen und Bequemeren dadurch ihrer naͤchſten Be— 
rufsthaͤtigkeit entwohnt und entfremdet werden koͤnnen, 
nicht ganz wegzuleugnen iſt. Aber ſei dem, wie ihm wolle, 
fo wird doch jeder Sachkundige mir zugeben, daß unfere 
Anſtalt für praktiſch thaͤtige Geſellen und 
Lehrlinge einem weſentlichen Bedürfniſſe der Nachhilfe 
und Fortbildung entgegen kommt und darum ſelbſt da nicht 
überfluͤſſig ſein würde, wo man fish ſchon einer hoͤhern 
Real ⸗ oder Gewerbſchule der bezeichneten Art zu erfreuen 
hat. Denn während dieſe letztere dem künftigen Fabri⸗ 


kanten oder auch dem nicht geradezu mit eigner Hand 


thaͤtigen Zimmer- und Maurermeiſter die noͤthige wiſſen⸗ 
ſchaftliche und künſtleriſche Vorbereitung und Fortbildung 
darbietet, wird die große Anzahl der kuͤnftigen Handwerks- 
meiſter entweder auf alle oͤffentliche Weiterbildung verzich⸗ 
ten oder dieſe in einer Anſtalt ſuchen muͤſſen, welche gleich 
der unſrigen, ohne Unterbrechung und Störung der eigent⸗ 
lichen praktiſchen Berufs-Thaͤtigkeit, doch der fortgeſetzten 
Geiftes = und Geſchmacksbildung ihre wohlberechnete Unter⸗ 
ſtuͤtzung und zugleich auch dem Zuruͤckgebliebenen und Ver⸗ 
nachläffi gten eine Gelegenheit gewährt, das Werfäunite we 
in Zeiten nachzuholen. 

Was that aber nun unſere Anfalt für dieſe 
Zwecke im gegenwaͤrtigen Schuljahre? Sie wieder— 


holte zunaͤchſt mit den Schwaͤchſten die Anfangs⸗ 
gründe des Schreibens und Rechnens und hielt 
dieſelben zu fortwaͤhrenden haͤuslichen Uebungen und na⸗ 
mentlich zum regelmaͤßigen Abſchreiben aufgegebener 
Abſchnitte aus beſtimmten Druckſchriften an. Dieſe corrigirte 
der Lehrer dann jedes Mal zu Hauſe, und indem er die 
Buͤcher mit den noͤthigen Erinnerungen und Erklaͤrungen 
in der naͤchſten Stunde an die Einzelnen zuruͤckgab, fors 
derte er zugleich diejenigen Schreibebuͤcher ein, welche die 
fuͤr die letzte Woche gegebenen Aufgaben enthielten. Un⸗ 
verkennbar beſſerten fi) dabei nicht nur die Schriftzuͤge, 
ſondern die Schuͤler gewoͤhnten ſich auch immer mehr die 
Regeln der Rechtſchreibung zu beachten, wie auch einzelne 
Verſuche im Rachſchreiben von Dictaten bewieſen. Im 
Rechnen ſchritten die Schuͤler dieſer unterſten Claſſe von 
den erſten unerlaͤßlichen Uebungen im Zahlenleſen und Zah⸗ 
lenſchreiben, durch Aufloͤſung zahlreicher Aufgaben bereits 
bis zum Multipliciren mit ungleich benannten Zahlen und 
die Geuͤbteren ſelbſt bis zum Bruchrechnen vor. 

Auf dieſer Stufe gehen ſie nun in der Regel in die 
zweite Claſſe uͤber, die zu dem bisherigen Unterricht, 
falls es der Raum nicht ſchon früher geſtattete, die An» 
fangsg runde des Freihand- und Lin earze ich- 


nens hinzuthut, das Schoͤnſchreiben nach Vorlege⸗ 
blättern und das Rechtſchreiben, ſowie die Ku nſt des - 


ſchriftlichen Ausdrucks durch Correcturen nachgeſchrle— 
bener Dictate und hiermit abwechſelnd aufgegebener, eben⸗ 
falls außer den Unterrichtsſtunden verbeſſerter kleiner Aufs 
ſaͤtze weiter uͤbt, das Rechnen mit gemeinen Bruͤchen 
lehrt und durch zahlreiche Uebungsaufgaben befeſtigt und 
ſichert, alsdann die darauf ſich gruͤndenden Abkuͤrzungen 
fuͤr das praktiſche Rechnen nachweiſt und dieſe in vielen 
Aufgaben aus dem buͤrgerlichen Leben, namentlich aus der 
Regel de tri zur Anwendung bringen läßt. Hierzu kommt 
noch woͤchentlich eine Stunde Unterricht in der Geogra— 
phie, wobei Europa und beſonders Deutſchland 


2009 


vorzugsweiſe ins Auge gefaßt und zugleich die Jortſchritte 
des Gewerbsweſens gebuͤhrend berückſichtigt werden. 
Hierauf fährt die erſte Claſſe im Schoͤnſchrei⸗ 
ben und Zeichnen mit den bisherigen Uebungen, die 
Anſpruͤche ſteigernd, fort; lehrt und uͤbt die Kettenrechnung, 
die zuſammengeſetzte Regeldetri in ihrer vielſeitigen Anwen— 
dung und Benutzung, das Rechnen mit Decimalbrüchen 
und das für die Geometrie unerlaͤßliche Aus ziehen der 
Quadratwurzel, woran ſich zuletzt noch Gleichungen vom 
erſten Grade anreihen, deren die erſte Abtheilung dieſer 
Claſſe im laufenden Schuljahre bereits über 60 gelöft hat. 
Es zerfällt nämlich wegen der nicht zu beſeitigenden Un⸗ 
gleichheit der Schüler jede der 3 Claſſen im Rechnen wies 
der in 3 verſchiedene Unterabtheilungen, deren gehoͤrige Un— 
terweiſung und Beſchaͤftigung von Seiten des Lehrers 
außer den noͤthigen Vorarbeiten auch ziemliche Anſtrengung 
erfordert. Eine zweite Stunde iſt dem Unterricht in der 
Geometrie gewidmet, wobei nicht, wie in hoͤhern Lehr— 
anſtalten, das Augenmerk vorzugsweiſe auf formelle Gei⸗ 
ſtesbildung und klare Erkenntniß der die ganze Groͤßenlehre 
begründenden Geſetze, ſondern vielmehr auf praltiſche 
Befähigung zur Berechnung der Flachen und 
Körper gerichtet iſt, indem der jaͤhrliche Lehrgang mit der 
Berechnung der Oberflaͤche und des Koͤrpergehaltes der 
Kugel ſchließt, jetzt aber bereits bis zum Prisma vorge⸗ 
ſchritten iſt. Dictirübungen und damit abwechſelnd 
aufgegebene, außer der Schule verfertigte und verbeſſerte 
ſchriftliche Auffaͤtze geben auch in dieſer Claſſe Ge⸗ 
legenheit die Regeln der Schriftſprache praktiſch zu eroͤrtern 
und einzuuͤben; und endlich leitet die Unterweiſung in der 
Phyſik die Schuͤler nicht allein an, die taͤglichen Vor— 
gaͤnge in der Natur mit Verſtand zu betrachten, ſondern 
gibt ihnen auch Aufſchluͤſſe uͤber die einfachern Inſtrumente 
und Maſchinen und uͤber die allgemeinen Grundſaͤtze und 
Erfahrungen, worauf ſich die gewoͤhnlichen gewerblichen 
Kunſtgriſſe und Vorſichtsmaßregeln zurüͤckfuͤhren laſſen. 


In dieſem Jahre wurde wit Anſchließung an das im 


letzten Schuljahre bereits Vorgetragene zuerſt die Lehre von 
der Eigenſchwere der Koͤrper mit Beziehung auf die ver⸗ 
ſchiedenen Arten Senkſpindeln und Dichtigkeitsmeſſer vor⸗ 
getragen; hierauf von der Aus dehnſamkeit und Schwere 
der Luft, vom Barometer, von den Saug- und Druck⸗ 
pumpen, vom Heber, von der Taucherglocke, der Wind 
buͤchſe, den Gasbehaͤltern, dem Blaſebalg, dem Kaften- 
und Cylindergeblaͤſe, den Feuerſpritzen, der Luftpumpe und 
dem Luftballon gehandelt; alsdann die Geſetze des Schal— 
les, die Einrichtung des Ohres, des Hoͤr- und Sprach⸗ 
rohres, ſowie die Gruͤnde und Bedingungen des Echo's er⸗ 
laͤutert und zuletzt zur Lehre von der Waͤrme eee! 
womit wir auch noch jetzt beſchaͤftigt ſind. 
| Ob und in wieweit dieſe Vortragsgegenſtaͤnde 1 
den Schülern gefaßt und behalten werden, zeigen nicht 
allein die bisweiligen Repetitionen, ſondern auch die jedes 
Mal zu Oſtern veranſtalteten oͤffentlichen Prüfuns 
gen, bei welchen wir uns auch im letzten Jahre einer 
ſehr ehrenvollen Theilnahme zahlreicher Beſucher zu er⸗ 
freuen hatten. Auch ſchien der dabei zum erſten Male 
gemachte Verſuch, gewerbliche Arbeiten der Schuͤler 
zugleich mit zur Beſichtig ung vorzulegen,  erfreus 
lichen Anklang zu finden und auf die Schuler ſelbſt infor 
fern ermunternd zuruͤckzuwirken, sald fie es mit eigenen 
Augen ſahen und ſich davon uͤberzeugten, wie auch von 
Seiten der Aufſeher und Beſchuͤtzer unſerer Anſtalt n, 
tiſche Geſchicklichkeit geehrt und geſchaͤtzt werde. N 

Die Buͤcherſammlung fuͤr die Pri dds 
ture der Schuͤler iſt durch die Verwilligungen unſeres 
Schuldirectoriums in dieſem Jahre von 68 bis auf 92 
Baͤnde vermehrt worden, und wird fortwaͤhrend ſo fleißig 
benutzt, daß ſelten mehr als 16 Baͤnde ungenutzt in dem 
Schullokale ſtehen, und um manche Buͤcher, ſo wie ſie der 
eine Schuͤler abgibt, ſogleic 2, 3 und mehr Bewerber 
ſich melden. 

Haͤufiger als ſonſt Ehren in diefem Jahre Geſuche 


* 


um Reißzeuge von Seiten ſolcher Schuͤler vor, denen 
die Beſchraͤnktheit ihrer Mittel den eigenen Ankauf derſel— 
ben erſchwerte. Es ſind deren daher noch eine Anzahl 
auf Koſten der Anſtalt angeſchafft und damit im Ganzen 
12 aͤrmere Schuͤler verſehen worden. Iſt dieſes 
eine Unterſtuͤtzung, welche Unbemittelten fuͤr die Zeit ihres 
Beſuches unſerer Anſtalt zu Theil wird, ſo ſollen dagegen 
die Preiſe, welche in der Regel zum Schluſſe der 
offentlichen Prüfung ausgetheilt werden, nur 
als Anerkennung und Ermunterung des Fleißes, der Ord— 
nungsliebe, der Fortſchritte und des guten Betragens be— 
trachtet werden, und wir hoffen, daß es auch bei der 
naͤchſten Pruͤfung hierzu nicht an Veranlaſſung fehlen werde. 

Kaum wuͤrde ich es fuͤr noͤthig erachten, den Geiſt 
unferer Schüler im Allgemeinen als gut und 
gefittet zu bezeichnen und dabei mit Vergnügen hervor— 
zuheben, daß die 11 Schuͤler unſerer Anſtalt, welche ſie 
woͤchentlich 2 oder 3 Mal von den zum Theil eine volle 
Meile entfernten Dorfſchaften beſuchen, ſelbſt in den an— 
dauernd kalten Winternaͤchten des vorigen Monats ihren 
regelmaͤßigen Schulbeſuch nicht unterbrochen haben, wenn 
nicht die Klagen über die Unbeſcheidenheit und Ordnungs— 
loſigkeit der Jugend noch fo häufig wären und wenn übers 
haupt oͤffentliche Lehrer ſich oͤfter ruͤhmen duͤrften, ihr ge— 
wiß ſchweres Amt mit Freuden zu verwalten. Deß aber 
rühme ich mich unverzagt, nicht als eines Werkes menſch⸗ 
licher Klugheit, ſondern als einer Gnade des Himmels! 


1 


Ueber die Benutzung der Nofkaftanie, 


dem Kunfts und Handwerksverein zu Altenburg vorgetragen 
N am 2. Maͤrz 1838. 


vom 


Oberſteuerſeeretair Winkler. 


Es iſt bekannt, welchen großen und mannigfaltigen Nutzen 
das Pflanzenreich in ſeinen Erzeugniſſen darbietet, und daß 
es wohl von allen Raturreichen am meiſten zur Erhöhung 
des Lebensgenuſſes beitraͤgt. Bei der unendlichen Fuͤlle 
ſeines Reichthums bleibt daher dem forſchenden und den— 
kenden Freunde der Natur, obgleich ſehr viel ſchon gethan 
und manches von ihren Geheimniſſen erlauſcht worden, hier 
ein unerſchoͤpflicher Quell des Wiſſens und der Erfor- 
ſchung; doch trotz des innern Dranges, immermehr den 
geheimnißvollen Schleier zu luͤften, muß Mancher, gebun— 
den durch Lebensverhaͤltniſſe, ſich den hohen Genuß verſa— 
gen und den Gläcklicheren überlaffen, die einzig ein ſchoͤner 
Beruf zu Prieſtern des großen Heiligthums eingeweihet hat; 
oder mit andern Worten: Erſtere muͤſſen ſich größtentheilä 
nur an das halten, was da iſt, und koͤnnen ſelten zur 
Bereicherung der Wiſſenſchaft etwas Wichtiges beitragen, 
wenn ihnen nicht ein günftiger Zufall im Gebiete der 
Entdeckung huͤlfreich die Hand bietet. Daher koͤnnen ſie 
ſich, wie ſchon geſagt, nur an das Vorhandene halten; und 
auch ich thue dies, nach dieſer vorausgeſchickten Einleitung, 
indem ich mir erlaube, Ihnen die Reſultate einiger gemach— 
ten Verſuche mit der Roßkaſtanie vorzulegen. 

Obſchon das Verſuchte gerade nicht etwas Reues iſt, 
fo kann es doch dazu dienen, den Werth des nuͤtzli— 


8 


chen, von Vielen wohl nicht genug geachteten Roßkaſta⸗ 
nien-Baumes, zu beweiſen. 
Vor einiger Zeit las ich eine Beſchreibung uͤber den 
mannigfachen Rutzen des Kaſtanienbaumes in oͤkonomiſch⸗ 
technologiſcher wie in mediciniſcher Hinſicht, wobei mich 
beſonders die Anweiſung zu der, mit wenig Muͤhe verbun— 
denen, Verfertigung einer guten Staͤrke aus ſeinen reifen 
Früchten ſehr anſprach und mich zu einem Verſuche bewog. 
Er gelang, und ich gewann eine Staͤrke, die ich ſowohl 
zum Staͤrken der Waͤſche anwenden ließ, als auch ſelbſt 
zum Kleiſter bei Pappearbeiten gebrauchte. In beiden 
Faͤllen war fie von erwuͤnſchter Wirkung. 
In der Hoffnung, daß es den anweſenden Mitglies 
dern in Ermangelung einer andern und geiſtreichern Unter— 
haltung nicht unangenehm fein wird, will ich die Verfah— 
rungsart bei Gewinnung dieſer Stärfe beſchreiben. 
Man ſammle ganz reife, aus den gruͤnen Schalen 
gefallene Früchte, ſchaͤle ihre braune Schale ab und reibe 
die geſchaͤlten auf einem gewoͤhnlichen Reibeiſen klar. Das 
Geriebene wird dann in ein tiefes Gefäß gethan, hinlaͤng⸗ 
lich Waſſer darauf gegoſſen und eine Stunde mit einem 
hoͤlzernen Stabe fleißig umgeruͤhrt. Hierauf wird die 
Maſſe in einen leinenen Sack von mittlerer Feine gethan 
und in ein bereitſtehendes Gefaͤß mit flachem und glattem 
Boden abgeſeihet; auf den im Sacke verbliebenen Ruͤck⸗ 
ſtand wird nochmals Waſſer gegoſſen und ſolcher ebenfalls 
unter ſtetem Umruͤhren, damit die noch darin befindlichen 
Mehltheilchen ſich vollends trennen, durchgeſeihet. 
N Dieſe ſo durchgeſeihete Fluͤſſigkeit laͤßt man 24 Stun⸗ 

den ruhig ſtehen. In dieſer Zeit haben die fämmtlichen 
Mehltheile einen feſten Niederfchlag gebildet, und man kann 
alsdann die daruber aus Waſſer und Pflanzenſchleim bes 
ſtehende Fluͤſſigkeit voͤllig abgießen. Die niedergeſchlagene 
Staͤrke, welche keiner weitern Bearbeitung bedarf, wird 
nun an der Luft gänzlich getrocknet und nachher ausge— 
ſtochen, ſo wie dieſe Probe zeigt. 

Ebenſo wird der in dem Sacke verbliebene Ruͤckſtand 


3 


auf einem Tiſchblatte oder Brette ausgebreitet und getrock— 
net, dann in einem Moͤrſer zu feinem Pulver geſtoßen und 
durchgeſiebt; welches eine ſehr gute Waſchkleie darbietet, 
wovon ich ebenfalls eine Probe uͤberreiche. 

Roch ſchoͤner und feiner wird eine ſolche Waſchkleie, 
wenn man die zerriebenen Kaſtanien, ohne vorherige Schei— 
dung der Mehltheile, ſogleich trocknet und dann im Mörs 
ſer zu Pulver macht. 

Wollte man die Bereitung einer ſolchen Staͤrke im 
Großen betreiben, fo würde freilich zuerſt eine Maſchine 
noͤthig ſeyn, um die reifen Fruͤchte von ihrer braunen 
Schale zu befreien, dann koͤnnten ſie leicht in einer Stampf— 
muͤhle zerkleinert, mittelſt eines, in einem Bottiche ange— 
brachten beweglichen Rechens oder einer Quirlmaſchine in 
genugſamen Waſſer durchgearbeitet und zuletzt die Flüffige 
keit in ein dazu eingerichtetes Gefaͤß zur Gewinnung des 
Staͤrkemehls abgeſeihet werden. 

Ich halte hier für uͤberfluͤſſig, den Unterſchied im Ges 
winn des Staͤrkemehls aus Weitzen zwiſchen dem aus 
Kaſtanien anzugeben, da erſterer ganz natuͤrlich bedeutender 
und auch bekannt genug iſt. Im übrigen fol hier die 
Rede auch nur von der moͤglichen Benutzung der Kaſta⸗ 
nien ſeyn, und daß fie im Rothfall als ein gutes Surro⸗ 
gat der Weitzenſtaͤrke empfohlen werden koͤnnen. 

Es iſt daher ſehr Schade, die an ſich vötüchen 
Früchte faſt groͤßtentheils nur dem Spiele der Kinder 
uͤberlaſſen zu ſehen, die oft mit frechem Uebermuthe — und 
wer nimmt dies hier nicht in jedem Spaͤtherbſte wahr? — 
den Erzeuger mit Stein- und Kloͤppel-Wuͤrfen zum groͤß— 
ten Nachtheil ſeiner kuͤnftigen Pracht und ſeiner Fruͤchte 
dafür begrüßen, ſtatt daß man dankbar auch dieſe Spende 
erkennen und benutzen ſollte. 

Nach Parmentier fol der Same, wenn er richtig 
behandelt wird, auch ein gutes Brodmehl liefern. Ueber 
die Benutzung hierzu, iſt in dem Gewerbblatt für das 
Koͤnigreich Sachſen Rr. 49 des 2. Jahrg. 1837 ein Ver⸗ 
fahren angegeben, wodurch mittelſt Anwendung einer aͤtzen⸗ 


den Kaliaufloͤſung dem Satzmehle die eigenthuͤmliche Bits 
terkeit benommen und ſolches zum Brodmehl umgeſchaffen 
werden kann. Es verliert ſich jedoch auch der bittere Ges 
ſchmack, wenn das nach der einfachern Behandlung nieder⸗ 
geſchlagene Mehl, noch mehrmals und ſo lange mit: reis 
nem Waſſer ausgewaſchen wird, bis kr allen ſtemd⸗ 
artigen Geſchmack verloren hat. 
Ferner ſoll auch die Rinde des e von 
4 — 5 jährigen Aeſten nach Abſonderung des Splintes, 
ein vorzuͤgliches Surrogat der Chinarinde darbieten, und 
in Wechſelfiebern, bei Schwaͤche ic. — ſehr wirkſam bes 
funden worden ſeyn. Sie enthält nach chemiſchen Unters 
ſuchungen: Gerbſtoff, Gallusſaͤure, Bitterſtoff, Farbeſtoff, 
Gummi, Harz, hat einen bittern ſehr zuſammenziehenden 
Geſchmack und balſamiſchen Geruch. Der Aufguß der 
Rinde ſchillert himmelblau; der Abſud iſt braun und faͤrbt 
mit Alaun iſabellgelb, mit Eiſenvitriol ſchwarzgrau, gibt 
verdunſtet eine braune Saftfarbe, die durch Verſetzung mit 
etwas Eiſenvitriol dunkler gemacht und mit Gummi ver⸗ 
ſetzt, ſtatt der Sepia dienen kann. Man kann aus dieſer 
Rinde einen merfwürdigen Stoff, Schillerſtoff, oder 
Polychrom darſtellen, von dem ſchon eine hoͤchſt geringe 
Menge hinreicht, Waſſer, Liqueur ꝛc. worin man ihn aufs 
Bft, ſchillern zu machen. Am beſten ſammelt man dazu 
die Rinde im Maͤrz vor dem Aufbrechen der Knospen. 
Das Holz des Kaſtanienbaums iſt zum techniſchen 
Gebrauch von keinem beſondern Werth. Es iſt bei aus⸗ 
gewachſenen Baͤumen weiß, nach dem Kern zu braͤunlich, 
weich, ſchwammig, leicht und zerbrechlich; laͤßt ſich nicht 
glatt hobeln, doch zu Sachen verarbeiten, die an trocknen 
Orten ſtehen es hat zwar weniger Elaſticitaͤt als Tannen⸗ 
holz, ſpringt aber nicht ſo leicht wie dieſes, und nimmt 
jede Farbe und jeden Firniß an. Von Wuͤrmern wird 
es weniger als anderes Holz angegriffen. 
Auch das abgefallene Laub, welches im Herbſt zum 
Einſtreuen geſammelt wird, gibt nach der Einaͤſcherung 
mehr Alkali als das Laub faſt irgend eines andern Baumes. 


u A 


Dieſes Alles iſt ſchon genug, diefen edlen Baum, 


der uns mit ſeinen ſchoͤnen pyramidenfoͤrmigen Bluͤthen 


und ſeinem ſchattenreichen Wipfel ſo viel Genuß gewaͤhrt, 
in Schutz zu nehmen und ſeine Anpflanzung zu empfehlen, 
da er ſich, obgleich aus Aſien ſtammend, doch vollkommen 
bei uns acelimatiſirt hat, ziemlich ſchnell waͤchſt, und über 
100 Jahre bei uns alt werden kann. 


XIII. 


Bolt: und Vogelleimfabrikation 
in Lohma a. d. Leina. 


Dem Kunſt⸗- und Handwerksverein zu Altenburg mitgetheilt 
J durch den 
Pfarrer Winkler in Lohma a. d. Leina. 


Herr Hofrath Bruͤmmer theilte an einem der letzten 


Stiftungsfeſte des verehrlichen Kunſt » und Handwerks⸗ 


vereins eine Ueberſicht der verſchiedenen, im Herzogthum 
Altenburg vorzuͤglich gangbaren Gewerbe und der Gegen— 
den, wo ſie im beſondern Flor waren, mit, und bereicherte 
dadurch die Kenntniß des geliebten Vaterlandes bei man⸗ 
chem ſeiner Zuhoͤrer, wie er ſie ſicherlich Alle durch ſeinen 
umfaſſenden und gediegenen Vortrag erfreute. 

Ich wage es hiermit, einen kleinen Nachtrag zu lies 
fern und zwar über einen Gewerbszweig, der in dem Kirch 
ſpiel Lohma a. d. Leina ſeinen Hauptſitz hat. Es iſt 
zwar dieſer Gewerbszweig fuͤr das Ganze des Haushalts 
unſers Herzogthums ein nicht ſehr bedeutender, aber dennoch 
für ein einzelnes Kirchſpiel von ungefaͤhr 740 Seelen nicht 
unerheblicher, und duͤrfte durch den Umfang, den er wenig⸗ 


ſtens zu einer Zeit hatte, auch ſelbſt dem Fremden nicht 


— 83 — 


ganz ohne Intereſſe fein. Es, iſt dies die Verfertigung 
von Baſtſtricken und von Vogelleim. ’ 

Es find in der Umgegend 8 Erlaubnißſcheine zum 
Baſtſchaͤlen in der herzogl. Waldung, die Leina genannt, 
ausgetheilt; davon iſt in der Clauſa einer, in Rirkendorf 
auch einer und in R. Wiera auch einer, in dem Kirchſpiel 
Lohma 5. Jeder ſolcher Schein wird bei Herzogl. Kam⸗ 
mer jaͤhrlich mit 5 Thlr. 16 Gr. geloͤſet. Dafür haben 
die Inhaber die Erlaubniß, auf dem Haue, der zunaͤchſt 
abgetrieben wird zu ſchaͤlen, ſo viel ſie koͤnnen und wollen. 
Gewoͤhnlich vertheilen ſie ſich in einzelne Rotten und 
4 und 4 arbeiten zuſammen. Mit einem ſcharfen Meſſer 
ſchneiden fie ungefähre 1 oder eine halbe Elle von der Wur⸗ 
zel aufwaͤrts die Stange eines Lindenbuſches an, ſchlitzen 
die geloͤſete Schale auf und ziehen ſie ſo weit, bis ſie in 
der Hoͤhe, nahe am Gipfel abreißt. Daher die geſchaͤlten 
Stangen bei dem langen Reißholze. Nach mancherlei Vor— 
kehrungen, als Roͤſten im Waſſer, Abloͤſen der aͤußern 
harten Schale u. ſ. w. wird dann der feinere Baſt zu 
ſtaͤrkern und ſchwaͤchern Stricken verſponnen, eine Beſchaͤf— 
tigung, die den ganzen Winter hindurch dauert. Ein flei— 
ßiger Arbeiter kann woͤchentlich 3 — 4 Schock 4 — 5 ellige 
Stricke fertigen, gewoͤhnlich aber geſchieht dies nicht, ſon⸗ 
dern es werden nur ungefaͤhr SO — 110 Schock im Laufe 
des ganzen Jahres von. Einem gearbeitet. Das wuͤrde 
ungefaͤhr 8 — 900 Schock Stricke fuͤr die ſaͤmmtlichen 
Baſtſchaͤler geben. Da aber auch noch einige andre Arbeis 
ter ſich mit der Baſtdreherei beſchaͤftigen, den rohen Baſt 
aber von jenen 8 kaufen, ſo moͤgen vielleicht in ergiebigen 
Jahren jaͤhrlich 1000 Schock oder 60,000 Stricke gefertigt 
werden. Gewoͤhnlich wird das Stück zu 3 Pf. verkauft, 
was eine Summe von circa 625 Thlr. betraͤgt. Doch 
kommt dieſe Summe den Baſtſchaͤlern und Baſtdrehern 
nicht allein zu gut, ſondern einen geringen Theil davon 
ziehen die Schubkaͤrner, welche die Stricke in die Umgegend 
verfahren. Einen großen Theil zieht die naͤchſte Umgebung 
an . ich. Aber es gehen auch ganze Ladungen . Leipzig, 


= 00 


Chemnitz, Gera u. ſ. w. ab. Von Leipzig geht die Waare 
nach Halle, Magdeburg und Hamburg, von Chemnitz durchs 
ganze Gebirge, nach Dresden bis nach Boͤhmen, und ſo 
macht das Doͤrſchen Lohma den Mittelpunkt eines zwar 
nicht beſonders eintraͤglichen, aber doch ſehr ausgebreiteten 
Handels. Ja der eine Baſtarbeiter in Lohma ſelbſt, Abra⸗ 
ham Loͤwe, bei deſſen Familie die Baſtſchalreißereierlaubniß 
ſchon ſeit 1734 beſteht, mußte fruͤher die feinſte Art Baſt 
in Stuͤcken zu 4 Ellen nach Eupen im koͤnigl. preuß. Re⸗ 
gierungsbezirk Aachen, hart an der Grenze der belgiſchen 
Provinz Lüttich liefern; ſpaͤterhin verlangte fein dortiger 
Abnehmer ſtatt der Baſtſtuͤcke, fingersdicke Schnuren, die in 
der Laͤnge von 60 — 80 Ellen und im Betrag von 
10 — 15 Ctr. alle zwei Jahte abgeliefert und immer 
vorausbezahlt wurden. Seit ungefaͤhr 3 Jahren aber iſt 
keine Beſtellung wieder eingegangen. Außer ſolcher Arbeit 
liefern die hieſigen Baſtſchaͤler noch eine große Menge 
Baſt nach Altenburg u. a. Ort. an die Gärtner zum Ans 
binden der Blumen. Andre Arbeiten, als Matten u. ſ. w., 
liefern ſie nicht. 

Es iſt aber vorauszuſehen, daß dieſer Nahrungszweig 
in Verlauf einiger Jahrzehnte wo nicht ganz aufhoͤren, doch 
ſehr geſchmaͤlert werden wird, naͤmlich dann, wenn die be— 
abſichtigte Umwandelung der Leina von Laub- in Schwarz⸗ 
holz wird bewerkſtelligt worden ſein. Bleiben dann auch 
einige Schlaͤge Laubholz ſtehen, wie es ja wohl auch der 
Fall ſein wird, ſo reichen dieſe fuͤr den Bedarf nicht aus, 
und die ohnehin ſchon ſehr gelichteten Bauernwaldungen 
geben die zum Baſtreißen noͤthigen ſtaͤrkern Staͤmme des 
Lindenholzes nicht her. 

Ich gedenke hier noch eines andern Nahrungszweiges, 
der Vogelleimbereitung, in deren alleinigen Beſitz ſich ober 
waͤhnter Abr. Loͤwe geſetzt hat. Zwar beſchaͤftigen ſich 
mehrere Leute hier, die Miſtel zu ſuchen und den Leim aus dem 
Groͤbſten zu bearbeiten. Aber fie verkaufen ihn dann an Je⸗ 
nen, der ihn dann mit weißem Pech und wohl Oel verſetzt, 
und in Faͤßchen von ungefaͤhr der Groͤße eines Vierteleimers 


re Age 


verpackt. So zubereitet verkauft er ihn direct nur nach Leip⸗ 
zig und Raumburg, von da aber geht er bis nach Ham⸗ 
burg und noch weiter und wird beim Kalfatern der Schiffe 
verbraucht. Solcher Faͤßchen verkauft er jetzt noch unge⸗ 
faͤhr 50 — 60 Stuͤck a 17 Thlr., früher aber hat er 
3 — 400 ſolcher Faͤßchen abgeſetzt. Wahrſcheinlich hat 
man anderwaͤrts dieſe Art Leim nachzuahmen gewußt oder 
etwas Anderes an deſſen Stelle geſetzt. Es wuͤrde aber 
dieſe Fabrikation ohnedies abnehmen, da die Miſtel, deren 
beſte auf Tannen, Linden und Aspen wachſen, immer felt 
ner werden. 

Moͤgen die verehrten Anweſenden mit dieſer Kleinig⸗ 
keit vorlieb nehmen. Es ſollte ein geringer Beitrag zur 
Kenntniß unſers Landes und ſeiner Gewerbe ſeyn. 


XIV. 


Bemerkungen in Bezug auf Obſt⸗ und 
Gartenbau auf einer Reiſe nach Süd ⸗ 
Deutſchland, im Herbſt 1855. 


Der pomologiſchen Geſellſchaft in Altenburg mitgetheilt 
von 


L A. F. K. Wagner. 


\ 


Auf einer in letztverfloſſener Zeit nach Suͤddeutſchland 
unternommenen Reiſe hat ſich mir Gelegenheit dargeboten, 
Einiges zu ſehen und wahrzunehmen, was auch für. unſern 
Verein vielleicht nicht ohne Intereſſe ſein duͤrfte. Ich 
erlaube mir daher einige, wenn auch nur fluͤchtige Reife 
rn bier mitzutheilen. 

Zunaͤchſt mußte ich die Bemerkung machen, daß je⸗ 
0. ich mich aus unſern Gegenden entfernte, deſto ſelte⸗ 

7 ** 


. 


ner ſich größere Anpflanzungen von Obſtbaͤumen fanden; 
ſtatt daß bei uns ſeit Jahren wohl erhaltene Obſtbaum⸗ 
alleen die Hauptſtraßen und viele Verbindungswege zieren, 
beginnt man in Baiern erſt mit deren Anlegung, obſchon 
feit Jahren nur zu oft dieſe Straßenbepflanzung hervorge— 
hoben worden iſt. Nur auf wenigen Strecken aber ſind 
dieſe Bepflanzungen von der Art, daß ihnen einiges Ge— 
deihen zu verſprechen iſt; zumeiſt ſtehen nur Pfaͤhle, an 
welche duͤrre, laͤngſt verdorrte oder verkruͤppelte Obſt- oder 
Waldbaͤume angeheftet ſind. 


Selten auch findet man in dem öftlihen und ſuͤd⸗ 
lichen Theile Baierns die reichen Obſtgaͤrten unſerer Ge— 
gend wieder und nur erſt die Umgebungen Salzburgs und 
das Innthal im noͤrdlichen Tyrol bieten in dieſer Hinſicht 
wieder einen erfreulichen Anblick dar. 


Eben ſo wenig gewaͤhren jene Gegenden fuͤr den 
uͤbrigen Gartenbau; nur die Umgebungen Ruͤrnbergs zeich— 
nen ſich ruͤhmlich hierin aus; dort werden ganze Feldſtrecken 
mit den feineren Gemöſtarten bepflanzt und ſelbſt Spar⸗ 
gelfelder finden ſich nicht ſelten. Trotz der auch dort in 
dieſem Jahre ſtattgefundenen anhaltenden Duͤrrung ſah ich 
die ſchoͤnſten Herbſtgemuͤſearten, wie Rothkraut, Herzkohl 
in vorzuͤglicher Größe. Unter andern baut man auch dort 
eine ſchon zur jetzigen Zeit zu verſpeiſende Art Endivien, 
die ſich durch breitere Blaͤtter als die bei uns gewoͤhnliche 
auszeichnet, die jedoch weniger feinen Geſchmacks iſt. Ta⸗ 
back wird in großer Menge gebaut und wenige Stunden 
ſuͤdlich von Nürnberg beginnen die bedeutendſten Hopfen— 
pflanzungen Deutſchlands. 


Auch das Donauthal von Regensburg bis Paſſau 
bietet in Hinſicht auf Obſt und Gartenbau wenig dar, ins 
deſſen findet man in ihm doch die Hauptſtraßen mit meiſt 
jedoch noch jungen, guterhaltenen Obſtbaͤumen bepflanzt, 
fowie in der Gegend von Regensburg die ziemlich bedeu— 
tenden Maulbeerplantagen des Regensburger Seidenbau⸗ 


Ser 


vereins und in der Richtung nach Donauftauf die Abhaͤnge 
mit Weinbergen bedeckt. 

Rur ein Punkt jener Gegend hat fuͤr uns größeres 
Intereſſe. Es iſt dies das eine kleine Stunde von Vils⸗ 
hofen ſeitwaͤrts gelegene Frauendorf, ſeit Jahren uns be— 
kannt durch ſeine Gartenzeitung, ſeinen Obſtbaumfreund, 
ſeinen Simon Struͤff. Ich mochte mir nicht verſagen, die— 
fen uns fo vielfach vorgeführten Ort mit feinen Umgebuns 
gen, feinen Pflanzungen kennen zu lernen, und ſicher handle 
ich in Ihrem Sinne, wenn ich laͤnger hierbei verweile. 

Vilshofen liegt am rechten Ufer der hier ſchon ziem— 
lich anſehnlichen Donau in einem verhaͤltnißmaͤßig engen 
zu beiden Seiten mit nicht unbedeutenden, bewaldeten Ber— 
gen umſchloſſenen, anmuthigen Thale, und iſt die Frauen— 
dorf zunaͤchſt gelegene Stadt. Von hier fuͤhrt der Weg 
über die Donaubrücke auf das linke Ufer des Fluſſes und 
zieht ſich dann ziemlich ſteil auf die mit Wald bedeckten, 
aus Thonſchiefer beſtehenden Berge hinauf. Nach halb— 
ſtündigem Steigen war die Hoͤhe erreicht und ich erblickte 
nun eine waldige Gebirgsgegend, durchſchnitten von einer 
Menge kleiner, ſteil eingeſenkter Thaͤler, und ſchon aus 
dieſem Ueberblick und durch einen Blick auf den Boden, 
der aus einem lehmigen Sande beſteht, zeigt ſich, in wel— 
cher unglinftigen Gegend Frauendorf gelegen iſt. Ein Fuß⸗ 
pfad fuͤhrte mich einen ſteilen Berg in ein Waldthal hinab 
und dann eben ſo ſteil wieder bergauf, nur um von neuem 
wieder bergab und bergauf, theils zwiſchen Radelholzwald, 
theils zwiſchen Feldern hinzuſteigen, bis ich auf der letzten 
Höhe einzelne von übereinandergefügten Balken erbaute, 
mit Schindeln gedeckte, zerſtreut umherliegende Haͤuſer, den 
Ueberreſt eines aͤrmlichen „aus vier Höfen beftandenen Ges 
birgsdorfes, vor mir liegen ſah, und dieß war Frauendorf. 
Leider traf ich Herrn Fürft, den Vorſtand der Anftalt nicht 
ſelbſt und mußte mich begnuͤgen, von einem Gehuͤlfen ge— 


führt, die Plantagen zu durchwandeln. Dieſe aber find 


von bedeutender Ausdehnung und erſtrecken ſich auf der 
Hoͤhe des Berges wohl eine halbe Stunde lang fort, zu 


Se Me 


beiden Seiten aber bis faſt in die Thaler hinab, wo Nas 
delholzwald ſie begraͤnzt. Fahrwege, gefuͤhrt nach Art 
der Wege in engliſchen Gaͤrten, durchſchneiden die ganze 
Flaͤche, ihnen zur beiden Seiten liegen die Plantagen, bald 
mit Waldbaͤumen und Zierſtraͤuchern bald mit Obſtbaͤumen 
und Fruchtſtraͤuchern bepflanzt. Erwaͤgt man, daß jeder 
Anpflanzung die Ausrodung des Waldes vorausgehen mußte, 
daß der Boden, wie oben bemerkt, ein hoͤchſt unguͤnſtiger 
iſt, daß es erſt nach und nach moͤglich wird, die gehoͤrige 
Duͤngung herbeizuſchaffen, daß nur neuerlich erſt mit be— 
deutendem Aufwande der Garten durch die eine halbe 
Stunde oberhalb herbeigefuͤhrte Leitung mit Waſſer verſe— 
hen worden iſt, ſo kann es nicht auffallen, daß ich zumal 
bei diesjaͤhriger Duͤrrung nur die Pflanzungen der Wald⸗ 
baͤume und Zierſtraͤucher in gedeihlichem Stande fand, 
wogegen ich gut erwachſene Obſtbaͤume, ſoweit ich auch 
in den Plantagen vordrang, nirgends erblickte. Die Zahl 
der Topfpflanzen war verhaͤltnißmaͤßig unbedeutend und 
muß es ſein, ſo lange die noͤthigen Glashaͤuſer (nur ein 
einziges ganz kleines Haus iſt vorhanden) zur Ueberwin⸗ 
terung fehlen, und man ſich durch Eingraben und Decken 
helfen muß. Meinem Urtheile nach kann Frauendorf nur 
als ein Anfang angeſehen werden, zu dem, was es dem 
Sinne des Begruͤnders nach werden ſoll; indeſſen iſt es 
zu umfaſſend (wohl 300 Tagwerk Landes, die jetzt zum 
Theil zum Getreidebau benutzt werden, zum Theil ſelbſt 
noch Wald find,) gehören zur Anſtalt, als daß Fuͤrſt, bei 
den geringen, ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln im Stande 
ſein ſollte, ſelbſt das Unternehmen vollſtaͤndig auszufuͤhren. 
Selbſt die nothwendigſten Gebaͤude, wie warme und kalte 
Haͤuſer fehlen noch, Alles, die Fuͤrſtiſche Familie ſowohl, 
als das Perſonal und die Druckerei ſind zur Zeit noch in 
den aͤrmlichen nur zur Noth hergeſtellten, beſſeren Gebaͤu— 
den des ehemaligen Dorfes untergebracht. Auf der andern 
Seite iſt es jedoch zu bewundern, daß ein Mann, der faſt 
gar keine Mittel beſaß, durch die Herausgabe ſeiner Schrif⸗ 


— 1 — 


ten und durch das, was ihm durch die von ihm begrüns 
dete Geſellſchaft, die jetzt gegen 1800 Mitglieder zaͤhlt, 
wahrſcheinlich zufloß, ſoweit vorſchreiten konnte, und ſicher 
hat dieſe Anſtalt ſchon ſegensreich auf ihre naͤchſte Umge— 
bung gewirkt. Fuͤr uns Reues habe ich in den ganzen 
Plantagen nicht gefunden, eher manches bei uns Heimiſche 
vermißt, und manche Erfahrung, die wir im Gartenbau 
laͤngſt gemacht und benutzt, dort noch nicht zur Anwen⸗ 
dung gebracht geſehen. 

Bemerkenswerther waren dagegen die Umgebungen 
Salzburgs, das nördliche Tyrol und Suͤdbaiern. Sobald 
man ſich nur dem Gebirge naͤhert, beginnt eine andere, 
friſchere Vegetation; zahlreiche in den ebeneren, zumal in 
unſern noͤrdlichen Gegenden nicht heimiſche Pflanzen ers 
freuen das Auge, ſo unguͤnſtig auch die ſpaͤte Jahreszeit 
für den Pflanzenfreund iſt. Die Waldungen meiſt aus 
Weiß⸗ und Rothtanne beſtehend, werden belebt durch 
Maſſen von Berberis- Beeren; Kiefern erſcheinen nur fel- 
ten; mannigfache niedliche Pflanzen bedecken dagegen den 
Boden. Schon am Uſer der Traun ſah ich in Menge 
Cyclamen Europaeum mit feiner rothen Bluͤthe zwiſchen 
dem Grün der Heidel- und Preußelbeeren, weiterhin die 
durch ganz Oeſterreich und das Gebirg verbreitete Gentiana 
asclepiadea mit ihren dunkelblauen Bluͤthen, neben ihr 
eine andere zarte Gentiane (G. ciliata) mit licht himmelblauer 
Blume, dazwiſchen die gelbe Salvia glutinosa, und auf 
freieren Stellen die zierliche den weißen Anemonen gleis 
chende Parnassia palustris. Hoͤher den unwirthbaren 
Bergen zu fand ſich die Bergkiefer ein, und unter ihr in 
großen Maſſen die Alpenroſe (Rhododendron hirsutum) 
in ſchattiger Lage, an ſonnigen Felskluͤften aber der ſchoͤne 
goldgelbe Cistus alpestris. Auch der Obſtfreund wandelt 
nicht unbelohnt durch jene Gegenden. Das Innthal und 
die Gegend von Salzburg bringen zahlreiche, vorzügliche 
Obſtſorten hervor, vor allen aber wurde die Salzburgers 
birne, dem Anſehn nach der Beurré gris gleichend geruͤhmt. 


— 9 — 


Herrliche blaue Trauben, feine Sorten Bergamotten und 
Beurré gris von vorzüglicher Guͤte lieferten die l 
gelegenen Gegenden Tyrols. 

Welcher üppigen Vegetation jene Gegenden, nament— 
lich die um Salzburg ſich zu erfreuen haben, beweiſet der 
Umſtand, daß in der Umgebung Salzburgs der Boden der 
mit Getreide beſtellten Felder waͤhrend des Sommers ſich 
mit einer fo dichten Grasnarbe bedeckt, daß nach dem Ein— 
ernten des Getreides dieſe ganzen Flaͤchen nur Wieſen 
zu ſein ſcheinen und als ſolche bis zum Wiederumbrechen 
des Bodens auch benutzt werden, ſo wie daß zwiſchen den 
Stauden des in großen Maſſen im ganzen Innthale an— 
gepflanzten tuͤrkiſchen Korns noch Gartenfrüchte in ei 
Schatten gedeihen: 

Je mehr man aber ſich aus diefen Gebiet gende 
entfernt, jemehr ſich die Gegend nach dem Innern Baierns 
zu verflacht, deſto aͤrmlicher zeigt ſich die Vegetation, ganze 
Flaͤchen Landes find oft nur mit dürrem Graſe bedeckt, 
und kaum ſcheint der Boden etwas Beſſeres hervorbringen 
zu koͤnnen. Rur der engliſche Garten vor Münden und 
der zu Nymphenburg bieten, durch Kunſt dahin gebracht, 
wieder einen erfreulichen Anblick dar. Beide zeigen herr— 
liche Baumgruppen der mannigfaltigſten Art, und geben 
Zeugniß von dem Geſchmack und dem Talente Skell's, der 
beide anlegte. In beiden aber fehlen, ſo weit ich ſie 
durchſtrich, die mannigfaltigen, unſere Anlagen ſo ſehr zie— 
renden, durch ihre Blüthen erfreuenden, niedrigen Hölzer, 
und fo mögen wir auch in dieſer Hinſicht das, was unfere 
Gaͤrten und Anlagen darbieten, nicht gering achten, ſie 
nicht unbedingt hinter jene, wenn auch oft großartigen; viel⸗ 
geruͤhmten Gaͤrten zuruͤckſetzen. 


XV. 


Das Auf platten,) 
eine zweckmaͤßige und einfache Veredlungsart für junge 
Obſtbaͤume. 


Vorgetragen beim Herbſteonvente der Altenburger pomologiſchen 
- Geſellſchaft den 20. Octbr. 1836. y 


von 


Eduard Lange. 


Wenn man ein Stuͤck Weinrebe in die Erde fteckt, 
ſo erzeugt daſſelbe, unter begünftigenden Umſtaͤnden, vom 
Splinte der untern Schnittſtelle aus, in der 
Regel kleine Drüfen, aus denen ſich bald Wurzeln 
entwickeln und den abgetrennten Pflanzentheil zur neuen 
felöftfländigen Pflanze ergänzen, 

Steckt man dagegen einen Ob ſtbaumſchnittling 
in die Erde, ſo kommen zwar aus dem Splinte der 
Schnittflaͤche haufig auch Druͤſen zum Vorſchein, und 
der Schnittling erhaͤlt ſich wohl auch den ganzen Sommer 
hindurch noch gruͤn; allein nur ſelten erzeugen ſich bei 
ihm wirkliche Wurzeln, um in dem abgetrennten 
Pflanzentheile ein neues individuelles Baumleben moͤglich 
zu machen. 

Dagegen aber laſſen ſich hier leichter als beim Weine 
die lebendigen Keime oder Augen auf die Wurzeln 4. 
vielmehr auf die mit Wurzeln verſehenen Stämme v N 
wandter Obſtbaumgattungen übertragen, ver 


) In der Regel Pfropfen mit dem Klebreiß oder auch 
Pfropfen mit dem Sattel genannt, 


. 


binden ſich mit dieſen innig vermoͤge der Druͤſenbildung 
und ſetzen dann ihr neues individuelles Leben auf dem 
fremden Wurzelſtocke fort, welcher ſich mit ihnen zugleich 
vergroͤßert und fortbildet. Man nennt dieſes Ueberpflanzen 
von Augen auf verwandte Wurzelſtoͤcke oder damit ver— 
ſehene Stämme das Augeln oder Oculiren, und die Er— 
fahrung zeigt hinlaͤnglich, daß es nur ſolcher Keimaugen 
beduͤrfe, um irgend einen einzelnen Baum in unzaͤhligen 
Individuen fortleben zu laſſen. Es muß alſo ſchon dieſer 
zarte, unbedeutende Pflanzentheil die Eigenthuͤmlichkeiten des 
ganzen Baumes in ſich vorgebildet enthalten; und nicht 
der vom Wurzelſtocke aufgenommene und roh zubereitete 
Saft, ſondern die dem unſcheinbaren Keimauge inwohnende 
ſelbſtſtaͤndige Bildungskraft beſtimmt vorzugsweiſe den Cha— 
rakter des ganzen ſich weiter entwickelnden Baumlebens. 

Daſſelbe iſt auch beim Pfropfen und Anplat— 
ten oder Copuliren der Fall und hier ſchon weniger wun— 
derbar, weil bei dieſen Veredlungsarten mit den lebendi— 
gen Keimaugen zugleich auch feſtes Holz und ausgebildete 
Saftgefaͤße auf den zu veredelnden Grundſtamm übergetige 
gen werden. „ 

Der Splint d. i. der das bereits gebildete Holz 
unmittelbar umſchließende, nach außen von dem weißen 
Baſte umgebene und mit dieſem vielfach verbundene Saft— 
gefaͤßring iſt vorzugsweiſe das Organ des Saftum— 
laufs und der dadurch bedingten Druͤſenbildung an 
verletzten Stellen. Darum iſt es fuͤr das Gelingen dieſer 
Veredlungsarten weſentlich und unerlaͤßlich, daß der Splint 
des Grundſtammes mit dem Splinte des Edelreißes in 
unmittelbare Beruͤhrung gebracht werde, damit beim Auf— 
und Abſteigen des Baumſaftes die durch den Schnitt un— 
terbrochenen Saftroͤhren beider Theile fi) an einander an— 
ſchließen und durch neue Hauen und Holzbildung feſt 
zuſammenwachſen. 

Ob dieſes nun dadurch bewerkſtelligt wird, daß der 
horizontal abgeſchnittene Grundſtamm geſpalten 1195 das 
leilfoͤrmig zugeſchnittene Edelreiß fo in den Spalt eingefügt 


_ 


10 


wird, daß ſich an den Außenſeiten des Stammes und des 
Edelreißes Splint und Splint unmittelbar beruͤhren, wie 
beim Pfropfen in den Spalt; oder ob man Wild⸗ 
ling und Edelreiß ſchraͤg zuſchneidet und dieſe ſchraͤgen 
Schnittebenen gehörig an einander fügt, wie beim An: 
platten oder Copuliren iſt fuͤr die wiſſenſchaftliche 
Betrachtung im Grunde einerlei, fuͤr die praktiſche Anwen— 
dung aber durchaus nicht gleichgiltig, weil dieſe verſchie— 
denen Veredlungsarten nicht uͤberall gleich zweckmaͤßig und 
nicht in allen Fallen mit gleicher Schnelligkeit und Bequem—⸗ 
lichkeit anzuwenden ſind. 

So duͤrfte das hier vorzugsweiſe gebraͤuchliche Pfro— 
pfen in den Spalt für dünne Edelreißer und 
mehr als fingerdicke Wildlinge vor dem Co— 
puliren oder ſchraͤgen Anplatten durchaus den Vorzug 
verdienen, während das Letztere wiederum für ſchwaͤch ere 
Wildlinge, welche mit den Edelreißern gleichen oder 
doch ziemlich gleichen Durchmeſſer haben, gewiß zweckmaͤ⸗ 
ßiger iſt. Allein da es fuͤr den Baumzuͤchter, der 
in wenigen Tagen viele Hundert junge Obſtbaͤume zu ver— 
edeln hat, ſchon zu weitlaͤufig und zu umſtaͤndlich 


iſt, wenn er mit den Veredlungsarten wiederholt wech— 


ſeln und bei jedem Staͤmmchen, wie ſie der Reihe nach 
auf einander folgen, ſo wie bei jedem Edelreiße ſich bald 
für dieſe, bald für jene Methode beſonders entſcheiden ſoll; 
ſo iſt mir immer das Aufplatten, eine zwiſchen den 
beiden genannten inne ſtehende Veredlungsart, vorzuͤglich 
zweckmaͤßig erſcheinen, weil ſich dieſelbe in Baumſchulen 
ohne Unterbrechung bequem auf alle Wildlinge der Reihe 
nach anwenden läßt, ſobald man nur nicht ganz duͤnne 
Edelreißer hat. f 

Zuerft wird nämlich der Grundſtamm, wie beim 


Pfropfen in den Spalt horizontal abgeſchnitten; hierauf 
das Edelreiß bis zum Kern ebenfalls horizontal ein- und 


die andere Haͤlfte deſſelben von der Mitte an nach unten 
ſchraͤg zugeſchnitten, ungefähr fo wie ein Copulirreiß, jedoch 
ſanfter verlaufend, weil ſich hier die reichlich 1 Zoll lange 


— 


u 


ſchraͤge Schnittflaͤche nicht wie beim Copuliren auf das 
ganze Edelreiß, ſondern nur auf deſſen uͤbrig gelaſſene 
Haͤlfte erſtreckt. So zubereitet, wird nun das Edelreiß 
oben auf den an einer glatten Stelle horizontal abgeſchnit— 
tenen Wildling aufgepaßt, um zu ſehen, wie weit ſeine 
ſchraͤg verlaufende Schnittflaͤche, wenn der Sattel oben 
feſt aufſitzt, an demſelben hinabreiche, und dann an der 
Seite des Grundſtammes von unten nach oben ſchraͤg zus 
laufend ſo viel Schale und Holz hinweggeſchnitten, daß 


der Splint des zugeſchraͤgten Edelreißes mit dem Splinte 


der ſchraͤgen Schnittflaͤche des Wildlings genau zuſammen— 
falle und beide Schnittflaͤchen, wenn die Rinde des Letz— 
tern nicht ſtaͤrker iſt als die des Edelreißes, einander decken. 
Nun bedarf es blos noch der wirklichen Zuſammenfuͤgung 
und eines befeſtigenden, den Luftzutritt abhaltenden Ver— 
bandes, um bei geſundem Wildling und Edelreiß auf 
ſichern Erfolg rechnen zu koͤnnen. Allein auch die Art 
des Verbandes iſt nicht gleichgiltig. Als wir naͤmlich, 
mein anweſender Bruder und ich, vor einigen Jahren die 
beſchriebene Veredlungsart zuerſt in Anwendung brachten, 
bedienten wir uns zur dauernden Befeſtigung des Edelreißes 
gewoͤhnlicher Baſtſtreifen, wie beim Pfropfen in den Spalt, 
welche wir dann zur Abhaltung der Luft außen mit Baum— 
wachs uͤberſtrichen. Allein ſchon zu Johannis hatten dieſe 
nicht nachgebenden, durch das eingedrungene Baumwachs 
nur noch zaͤher gewordenen Baſtfaͤden an den Verband— 
ſtellen beim Wachſen und Anſchwellen der veredelten Obſt— 
baͤume ſo tiefe Furchen eingeſchnitten und, namentlich beim 
Edelreiße oberhalb des Verbandes, ſo unverhaͤltnißmaͤßige 
Aufſchwellungen veranlaßt, daß durchaus nichts mehr uͤbrig 
blieb, als dieſen Verband durch Zerſchneiden oder Loswin— 
den des Baſtes zu entfernen. Nun war aber in den er— 
ſten Tagen ſelbſt ein ſchwacher Luftzug oder eine leiſe Be— 
ruͤhrung hinreichend, die ſchon hoch emporgeſchoſſenen und 
dennoch wegen des einengenden Verbandes nur durch un— 
erhaͤrtete Saftroͤhren mit dem Grundſtamme verbundenen 
Edelreißer herab zu ſtoßen und alle gehabte Muͤhen und 


* 


im 


Erfolge wieder zu vereiteln. Dieſem Uebelſtande begegne— 
ten wir zuerſt dadurch, daß wir gegen Johannis mit 
Baumwachs uͤberſtrichene, nur + Zoll breite Papierſtreifen, 
nach behutſamem Abwinden des einſchneidenden Baſtes, um 
die Veredlungsſtelle wickelten — eine zeitraubende Arbeit, 
bei welcher oft nur ein unvorſichtiges Antreffen an das 
üppige Edelreiß hinreichte, dieſes in eben dem Augenblicke 
von ſeiner Unterlage herabzuwerfen, wo das Papier ſchon 
unten an dieſer angeklebt war, um die geſchloſſene Ver— 
bindung beider von neuem zu ſichern. Wir verſuchten da— 
her im naͤchſten Jahre, ob dieſe mit Baumwachs be— 
ſtrichenen Papierſtreifen, die beim Anplatten ſich 
ſo vielfaͤltig bewaͤhrt hatten, nicht auch beim Aufplatten 
und zwar ſogleich im Fruͤhjahre anwendbar waͤren, und 
der Erfolg hat dieſen Verſuch vollſtaͤndig belohnt. Wenn 
wir daher in unſern Baumſchulen jetzt junge Obſtbaͤume 
veredeln wollen, fo beſtreichen wir zuerſt einen ganzen 
Bogen zaͤhes Schreibepapier mit Baumwachs 
und ſchneiden ihn in reichlich ſtrohhalmbreite Strei— 
fen, die wir blos noch mit ihren aͤußerſten Enden noch 
ein wenig zuſammenhaͤngen laſſen. Einen ſolchen Streifen 
reißen wir nun bei jedem Wildlinge, dem wir ein Edel— 
reiß angepaßt haben, los und, bei zweckmaͤßiger Umwicke⸗ 
lung reicht derſelbe ohne Weiteres hin, Wildling und Edel— 
reiß fuͤr immer feſt zu verbinden, ſo daß nur noch eine 
kleine Quantitaͤt Baumwachs zum Ueberſtreichen der von 
ſchwaͤcheren Edelreißern nicht vollkommen bedeckten obern 
Schnittflaͤche des Wildlings aufzutragen bleibt. Denn fo 
wie das Edelreiß waͤchſt und anſchwillt, bilden ſich zwi— 
ſchen beiden, weil das Papier nachgibt, kleine, beide immer 
inniger verbindende Druͤſen; und mögen dann auch ſpaͤter 
einzelne oder alle Windungen dieſer Streifen aus einander 
getrieben werden, ſo kann dieß doch nur dann geſchehen, 
wenn beide ſchon durch angeſetztes Holz mit einander ge— 
nugſam verwachſen ſind. Wenigſtens iſt bei uns bis jetzt 
von vielen Hunderten auch nicht ein einziges ſo befeſtigtes 
Edelreiß vom Winde herabgeworfen worden. 


an 


Wenn daher das oben beſchriebene Aufplatten 
das Pfropfen in den Spalt ſchon darin uͤ b er⸗ 
trifft, daß man dem Wildlinge bei geringerem 
Aufwande an Baumwachs zugleich weit weniger 
Verletzungen zufuͤgt und ſelbſt ganz dünne Staͤmm— 
chen ſchon veredeln kann, und wenn es ferner vor 
dem Copuliren oder Anplatten das voraus 
hat, daß es bei ſtaͤrkeren Wildlingen und ſchwaͤ— 
cheren Edelreißern noch angewendet werden 
kann, daß es dem Splinte beider eine größere Be> 
ruh rungsflaͤche darbietet, und daß durch das hori- 
zontale Aufſitzen des Sattels beim Befeſtigen des 
Edelreißes auf dem Grundſtamme zugleich Werſchie— 
bungen beider weit weniger zu befürdten 
und leichter zu bemerken ſind; ſo moͤchte ich das 
Aufplatten, namentlich in Verbindung mit der 
angegebenen Befeſtig ung durch einfache, mit 
Baumwachs beſtrichene Papierſtreifen den prak⸗ 
tiſchen Baumzuͤchtern aus ſelbſt gemachter Erfah- 
rung ganz beſonders empfehlen, und lade alle Diejenigen, 
welche ſich durch Selbſtanſchauung von der Wahrheit meis 


ner Behauptungen genauer überzeugen wollen, hiermit ein, 


unfere Baumſchule in Saara zu beſuchen, wo unter meh— 
rern Hunderten dieß Jahr, meiſt auf die bezeichnete Art 
veredelten Obſtbaͤumen nur ſelten einer aufzufinden iſt, bei 
dem nicht die beim Veredeln erhaltene Wunde ſchon jetzt 
groͤßtentheils verwachſen und überhaupt ein erfreuliches Ges 
deihen zu bemerken waͤre. J 


XVI. 


Die Im ponderabilien. 


Vortrag in der Monatsſitzung der naturforſchenden Geſellſchaft 


zu Altenburg den 6. Maͤrz 1838, 
gehalten von 


Dr. Brand. 


Die Richtung und das Beſtreben, welches gegenwaͤrtig 
aus den Beobachtungen und Erfahrungen uͤber die Kraͤfte 
hervorgeht, die wir, weil uns Maaß und Gewicht dafuͤr 
fehlen, Imponderabilien nennen, war ſchon einigemale der 
Gegenſtand unſerer Unterhaltung. Auch diesmal werden 
Sie mir einige Worte daruͤber geſtatten. Waͤrme und 
Licht, Elektricitaͤt, Galvanismus und Magnetismus ſind 
dieſe Kraͤfte, und, wie ſchon fruͤher bemerkt, geht das Be— 
ſtreben der Raturwiſſenſchaft neuerer Zeit dahin, nicht nur 
die Identitaͤt derſelben unter einander, ſondern auch ihren 
Einfluß auf das Leben uͤberhaupt, ihre Concurrenz bei 
allen Lebenserſcheinungen nachzuweiſen und ſo endlich dem 
Gedanken Raum und Haltbarkeit zu geben, daß die Ur— 
kraft alles Lebens, die Lebenskraft der unorganiſchen und 
organiſchen Welt in denſelben gefunden ſei. Da man 


nun, — vielleicht um einer gewiſſen unhaltbaren Dyna— 


mik auszuweichen und den gordiſchen Knoten nicht noch 
feſter zu ſchlingen, — zugleich auch von einem materiellen 
Princip ſpricht, das man namentlich in gewiſſen mineralis 
ſchen, vegetativen und organiſchen ſchleimigen Fluͤſſigkeiten 
ſuchen und als eigentliche Urmaterie betrachten muͤſſe; da 
man gewiſſe allgemeine Geſetze kennt, nach welchen ſich die 
verſchiedenartigſten Stoffe regelmaͤßig, ja ſogar nach beſtimm⸗ 
ten Zahlenverhaͤltniſſen verbinden; ſo duͤrfte der Zeitpunkt 


% 


Di 


vielleicht nicht mehr fern fein, und es gehörte nur ein 
tuͤchtiger, mit den dynamiſchen und materiellen Stoffen 
vertrauter Meiſter dazu, um mittelſt Anwendung jener Ge— 
ſetze das zu bewirken, was bisher nur die lebendige Nas 
tur in einem fuͤr uns, wie es ſchien, geheimnißvollen und 
undurchdringlichen Dunkel erzeugen konnte. — Oder ſollte 
dies vielleicht zu viel geſagt, ſollte es ſo ganz und gar 
zweifelhaft fein? Nun fo laſſen Sie uns einige Erſchei⸗ 
nungen und Gedanken auffaſſen, welche vielleicht geeignet 
ſind, die Zweifel zu beſtaͤtigen, oder zu widerlegen. 

Sie werden es faſt errathen, womit ich beſonders 
den Zweifler wankend machen und was ich als neuſte Er— 
ſcheinung im Gebiete der Naturforſchung hier erwaͤhnen 
will. Es ſind nicht die Ihnen bereits bekannten Beobach— 
tungen unſeres, leider! dahin geſchiedenen Schottin, von 


denen namentlich die von der Entſtehung der Schwaͤmme 


in der Atmoſphaͤre der Bierkeller zu Koͤſtritz, wobei die ſich 
hier entwickelnde Kohlenſaͤure einen ſo wichtigen Einfluß zu 
haben ſchien, hierher gehoͤrte; oder dann ſeine auf den da— 
ſelbſt befindlichen Kießlagern beobachtete, rein aus dem 
eiſenhaltigen Boden und der Atmoſphaͤre erzeugte, flech— 
tenartige Vegetation, ſeine Tremella Nostoc, oder uͤberhaupt 
feine neuern, auf magnetiſche Kraftaͤußerungen bezuͤglichen 
Beobachtungen. Auch iſt es nicht die ſo großes Aufſehen 
erregende Entdeckung, daß aus kleinen Thierchen und deren 
Rudimenten harte Steinmaſſen, ja große Gebirge erzeugt, 
oder umgekehrt aus Steinen, nicht etwa Brod, ſondern 
Thiere werden; da bekanntlich, wenn man Granit, Porphyr 
oder Gneis benetzt und auf ihre naſſen Flaͤchen die Son- 
nenſtrahlen wirken laͤßt, in jedem Waſſertroͤpfchen eine 
Menge Infuſorien entſtehen und darin herumſchwimmen. 
Rein, Alles das nicht; ſondern es iſt die galvaniſch-mine⸗ 
ralogiſche und galvaniſch-organiſche Entdeckung des engli— 
ſchen Landwirths und Naturforſchers Croſſe. Sie verdient 
unſere Aufmerkfamkeit und beſteht, wie Sie wiſſen, darin, 
daß derſelbe nicht nur bereits verſchiedene eryſtalliniſche und 
mineralogiſche Bildungen aus ihren Atomen oder Urſtoffen, 


alſo auf ſynthetiſchem Wege, unter beftändiger, jedoch lang 
dauernder Einwirkung des galvaniſchen Stromes dargeſtellt, 
ſondern auch ſchon auf dieſelbe Weiſe ebenfalls organiſche 
Gebilde, wirkliche lebende Thierchen erzeugt hat. Seine 
Entdeckung in letzterer Beziehung wird ſo erzaͤhlt. Er be— 
reitete eben eine kieſelerdhaltige Fluͤſſigkeit zur Cryftallifas 
tion vor. Zu dieſem Entzweck erhitzte er Feuerſteine, welche 
bekanntlich faſt ganz aus reiner Kieſelerde beſtehen, und 
warf ſie dann in Waſſer, um ſie bequemer pulveriſiren 
zu koͤnnen. Das Pulver wurde nun, in einem kleinen 
Gefäß, mit Salzfaure uͤbergoſſen und in dieſem ein Fla— 
nellſtreifen dergeſtalt aufgehaͤngt, daß das eine Ende uͤber 
den Rand hervorragte und die aufgefogene Fluͤſſigkeit in 
einen Trichter uͤberfuͤhrte, aus dem ſie tropfenweis auf ein 
Stuck ausgegluͤhtes Eiſenerz fiel. Mit dieſem wurde nun 
der galvaniſche Apparat verbunden. Am 14. Tage zeigten 
ſich einige kleine weiße Flecke auf dem Erze, welche fuͤr 
Kryſtallanfaͤnge gehalten wurden. Aber wie erſtaunte er, 
als am 22. Tage aus jedem dieſer weißen Koͤrper 8 Schen— 
kel hervorragten und am 28. Tage vollkommene Inſekten 
gebildet waren, welche ſich bewegten und von den Fiefelers 
digen Theilen der Miſchung fraßen. — Dieſe Inſecten 
ſind von der Form einer Made, haben 8 Fuͤße, vier Bor— 
ſten am Steißende und außerdem noch mehrere Borſten 
an den Raͤndern des Leibes. Da es ebenfalls wunderbar 
ſchien, daß ſie mit Salzſaͤure, die doch ſonſt jeden Lebens— 
keim tödtet, gebildet wurden; fo verſetzte er auch Kieſel— 
erde ohne Anwendung von Saͤure in einen gallertartigen 
Zuſtand, tauchte in dieſe Maſſe die Poldrähte feiner 
Saͤule dergeſtalt, daß die Maſſe ununterbrochen von dem 
electriſchen Strome durchzogen oder belebt wurde, und nach 
drei Wochen zeigten ſich ebenfalls dieſe Inſekten. 

Dies iſt die Thatſache, und fo ſehr fie auch bezwei— 
felt worden iſt, ſo iſt ſie doch auch wieder und immer 
wieder beſtaͤtiget worden. Bei einer im vorigen Jahre 
gehaltenen Verſammlung der Royal-Inſtitution zu London 

PR Dr. Faraday eine Abhandlung über die neue Entz 
1 ü 8 


— 102 — 


deckung Croſſe's, die Bildung oder Wiederbildung der Ins 
ſecten in Hornſtein betreffend, vor, und erkllaͤrte ausdruͤck— 
lich, daß wie vielfach dieſe Entdeckung bezweifelt werde, 
doch ſo viel gewiß ſei, daß Croſſe durch laͤngere Einwirkung des 
galvaniſchen Stromes, aus Kieſelerde und Potaſche lebende 
Thiere erhalten habe. — Daſſelbe beſtaͤtigte ſpaͤterhin auch 
Prof. Buckland in einem Vortrage bei der Aſchmol'ſchen 
Geſellſchaft zu Oxford. — Und doch, man koͤnnte das 
Factum fuͤr wahr halten, ohne noch an eine Urerzeugung zu 
glauben. — So beſtehen ja nach Ehrenberg kieſeler— 
dige Mineralien zum Theil aus Ueberreſten antediluviani— 
ſcher Inſecten, und man wird zu dem Glauben verſucht, 
daß der gewaltige galvaniſche Strom die auch wohl in 
jenem Eiſenerz etwa befindlichen Lebenskeime ſelbſt aus 
einem Schlafe von mehrern Jahrtauſenden erwecke. — 
Allein jenes Eiſenerz war vorher voͤllig ausgegluͤht, — und 
ſelbſt die engliſchen Naturforſcher haben ſich, beſonders 
nach Anhoͤrung des Buckland'ſchen Vortrags, fuͤr wahre 
Urerzeugung entſchieden, indem fie zugleich die Croſſe'ſchen 
Inſecten zu einer hoͤhern Thierclaſſe, als die Ehrenbergſchen 
Infuſorien, zaͤhlen. — Alſo wirkliche Urerzeugung, eine 
kuͤnſtliche Schöpfung organiſcher Weſen! Was ſollen wir 
dazu ſagen, und wer erinnert ſich hierbei nicht an das 
merkwuͤrdige Vermaͤchtniß des Paracelſus. — Als dieſer 
das Herannahen ſeines Endes fuͤhlte, rief er ſeinen alten 
Diener an das Bett, uͤbergab demſelben ein kleines, mit 
rubinrother Fluͤſſigkeit gefuͤlltes Flaͤſchchen und befahl ihm, 
nach feinem Tode den Leichnam mit Sauerkraut einzus 
ſchneiden, dieſes Gemiſch in eine Kufe zu bringen, auf 
daſſelbe den Inhalt des Flaͤſchchens zu gießen, das Ganze 
luftdicht zu verſchließen und nach 9 Monaten die Kufe 
wieder zu oͤffnen. Puͤnktlich wurden die Vorſchriften des 
Meiſters befolgt, mit Ausnahme einer einzigen. Nach 8 
Monaten war die Neugier in dem Diener fo ſtark gewor⸗ 
den, daß er ihr nicht mehr zu widerſtehen vermochte; er 
hob den Deckel der Kufe ab und ſah zu ſeinem großen 
Erſtaunen, daß die Reſte ſeines Herrn zu einem kleinen 


— 15 — 


zierlichen Maͤnnlein zuſammengewachſen waren, das, obgleich 
noch falb und bleich, die Gliedmaaßen bereits bewegte. 
Kaum hatte jedoch der erſte Lufthauch daſſelbe beruͤhrt, ſo 
ſank es leblos zuſammen. 

Aber doch, m. H., ſo unglaublich auch die Sache 
ausſehen mag, fo viele Zweifel ſich auch dagegen erheben 
moͤgen, — es iſt bei der Croſſe'ſchen Entdeckung nicht von 
grundloſer Phantaſie und Speculation, ſondern von einer 
von achtungswerthen und competenten Maͤnnern beurtheilten 
und beſtaͤtigten Thatſache die Rede. Ob dieſe vielleicht unſerer 
Anſicht und Ueberzeugung entgegenlaͤuft, kann hier nicht allein 
entſcheiden. Auch wird man bedenken muͤſſen, daß die Acten 
uͤber die Entſtehung ſo mancher vegetativen und thieriſchen 
Organismen und den hierbei obwaltenden Bedingungen 
noch lange nicht als geſchloſſen zu betrachten ſind und daß, 
namentlich bei den niedern Reihen derſelben, die primi— 
tive Zeugung nicht unbedeutende Gründe und Auctoritäten 
für ſich hat. Wie wir in der Natur Fluͤſſigkeiten in 
elaſtiſcher und tropfbarer Form von ſehr verſchiedenem Ge— 
halt finden, und wie ſich hieraus unter gewiſſen Bedin— 
gungen ſolide Formen, Cryſtalle, Steine, Meteore bilden, 
ſo bilden ſich ja wohl auch einfachere Organismen von 
Pflanzen und Thieren, die entweder nachher faͤhig ſind 
durch Verbindung der Geſchlechtsverſchiedenheit ſich ſelbſt, 
als ſelbſtſtaͤndige Individuen, fortzupflanzen, oder aber nach 
kurzem Daſein in den allgemeinen Aether, wie es unſer 
Schottin nannte, wieder zuruͤckgehen. Wir erinnern hier 
nur bezüglich des Pflanzenreichs an die Tremella, an den 
Schimmel, an Schwaͤmme, Converfen u. ſ. w., und in 
Hinſicht des Thierreichs, außer den Eingeweidewuͤrmern 
und mehrern Zoophyten, ganz vorzuͤglich an die Infuſo— 
rien, welche ein neuer geiſt- und kenntnißreicher Schrift— 
ſteller geradezu als die organiſche Urmaterie und als weder 
zu den Pflanzen noch zu den Thieren gehoͤrig, gleichſam 
als eine Uebergangsſtufe betrachtet; da er den Charakter 
der Thierheit allein in der Sinnlichkeit, nicht aber in blos 
ßer Bewegung und allgemeiner Empfindung, die wir ja 

8 * 


— 1041 — 


auch außer dem Thierreich wahrnehmen, ſetzen zu muͤſſen 
glaubt. — Und was gehoͤrt denn wohl eigentlich, wenn 
wir uns einem augenblicklichen Raiſonnement uͤberlaſſen 
wollen, zur Erzeugung ſolcher niedern organiſchen Gebilde? - 
Beſtimmte materielle Theile, Form, Structur und Bewe— 
gung, — bewegende, ſich auf gewiſſe Einfluͤſſe regende 
Kraft. Das fluͤſſig materielle Subſtrat iſt nun aber wohl 
überall, ſelbſt oft ſinnlich wahrnehmbar in Eſſig, in Klei- 
ſter, namentlich in jedem Waffertropfen vorhanden. — 
Aber Form und Structur, wodurch werden dieſe hervor— 
gebracht? Hier duͤrfen wir uns vielleicht nur an das 
ſchoͤne Phaͤnomen erinnern, welches vor Kurzem unſern Aus 
gen durch das Hydrooxygengas-Mikroſkop dargelegt wurde. 
Hierbei wurde wenigſtens ſo viel anſchaulich, daß ein be— 
ſtimmtes geometriſches Geſetz, das ſogenannte Cryſtalliſa— 
tionsgeſetz, nach welchem, analog den inſtinctmaͤßigen Kunſt⸗ 
trieben gewiſſer Thiere, ſehr verſchiedenartige, regelmaͤßige 
Formen und Geſtalten gebildet werden, ſchon in der un— 
organiſchen Natur obwaltet und ſich unter gewiſſen theils 
ſogar bekannten Bedingungen wirkſam zeigt. Und welch 
eine Manchfaltigkeit der ſchoͤnſten und kuͤnſtlichſten Zuſam⸗ 
menſetzungen und Gebilde, die hier, wie es ſcheint, allein 
durch eine gewiſſe Verwandtſchaft der Stoffe und dieſen 
gemaͤße Anziehung und Abſtoßung erzeugt werden! Wa⸗ 
rum ſollte denn nun in der organiſchen Natur, beſonders 
in der niedern Sphaͤre derſelben, nicht daſſelbe Geſetz ſeine 
bildende Wirkung aͤußern und einige wenige, einfache or— 
ganiſche Theile bilden und zuſammenſetzen koͤnnen? — 
Aber, aber wird man endlich fragen, ſelbſtſtaͤndige Bewe— 
gung und fortdauerndes Leben, wie ſoll das erzeugt wer— 
den? Run hier kommen wir eben auf das gegenwaͤrtige 
Princip unſerer Naturlehre, auf Galvanismus, Eleftricität 
und Magnetismus, auf deren Zuſammenwirken und polare 
Kraftaͤußerungen. Dieſe kennen wir aber; und unſer ver— 
ehrungswuͤrdige, leider nun ebenfalls von uns geſchiedene, 
Geutebruͤck hat uns noch vor Kurzem an ſeinen ſchoͤnen 
elektriſchen Apparaten dargethan, daß Bewegung und ſelbſt 


= 1 — 


fortdauernde Bewegung ſchon einzig und allein durch die 
polaren Gegenſaͤtze der Elektricitaͤt erzeugt und unterhalten 
werden kann. Und von welchem Grad der Bewegung 
und des Lebens iſt denn bei jenen niedern Organismen 
die Rede? Iſt das Bewegen wohl mehr, als ein bloßes 
Aus dehnen und Zuſammenziehen mit entweder gar keiner, 
oder nur ſehr allgemeiner und unbeſtimmter Empfindung; 
iſt es nicht ein Leben, welches oft ſo wenig innere Selbſt— 
ftändigfeit und Einheit hat, daß wir derartige Thiere in 
tauſend Theile zerſtuͤckeln, und es in jedem derſelben aufs 
neue beſtehen und fortdauern ſehen koͤnnen? Und wie viel 


iſt durch Verſuche und Beobachtungen in jenem Kreiſe dy— 


namiſcher Forſchung neueſter Zeit geſchehen, wie und mit 
welchen Mitteln wird gegenwaͤrtig derſelbe erleuchtet und 
erweitert, und welche vielleicht nie geahnete Reſultate wer— 
den ſich daraus ergeben! Sollten wir daher, wenn wir 
eine natuͤrliche primitive Erzeugung nicht geradezu leugnen, 
eine ſolche auf Fünftlichem Wege, nach Croſſe, fo ganz ver— 
werfen und in das Reich der Unmoͤglichkeiten verweiſen 
koͤnnen. Wohl nicht. Doch Thomas, Thomas wann 
wirſt du glauben! Wenn es dein Auge ſieht. Aber nur 
Geduld, vielleicht werden wir, wie wir jene Eryftalle vor 
unſern Augen ſich bilden ſahen, bald auch den Croſſe'ſchen 
Thierbildungsproceß im Hydrooxygengas-Mikroſkop beob— 
achten und ſo die einzelnen Theilchen und Organe ſich an 
einander reihen, Infuſorien und Inſecten entſtehen und ihr 
einfaches polares Leben vor unſern Augen entfalten ſehen. — 

Doch Alles hier Angedeutete ſoll weder mein Glau— 
bensbekenntniß, noch eine Erklaͤrung uͤber dieſen Gegenſtand, 
ſondern blos ein Beitrag dazu ſein, Ihre Aufmerkſamkeit 
noch mehr auf denſelben hinzuleiten. Vielmehr nehme ich 
hierbei Veranlaſſung, eine gewiſſe Anſicht zu beruͤhren, 
welche ſich gegenwaͤrtig in der Naturwiſſenſchaft deutlich 
ausſpricht, und vielleicht in Zukunft noch deutlicher aus— 


ſprechen duͤrfte. Es iſt dies ein gewiſſer Materialismus, 


der ſich mit der Ueberzeugung verbindet, das Leben ſelbſt 
in ſeinen wechſelnden Formen, ſo wie in ſeinem innerſten 


— 106 — 


und tiefften Weſen erkannt und begriffen zu haben. Er 
betrachtet und erklaͤrt nehmlich daſſelbe, ſowohl im unor⸗ 
ganiſchen als im organiſchen, ja ſelbſt bis zu den hoͤhern 
menſchlichen Seelen- und Geiſtesthaͤtigkeiten hinauf als die 
ſtufenweiſe Entwickelung einer überall gleichen Urkraft, ja 
als eine bloße Modification jener Imponderabilien, welche, 
verbunden mit den uͤbrigen chemiſchen Grundſtoffen und je 
nach den verſchiedenen quantitativen und qualitativen Zus 
ſammenſetzungen und Wechſelwirkungen, die verſchiedenarti⸗ 
gen einfachen und zuſammengeſetzten Lebensgebilde und 
deren ebenſo verſchiedenen Lebensaͤußerungen bewirken und 
darſtellen ſollen. Das Leben iſt weiter nichts als ein ver— 
ſchiedenartiger und ewig wechſelnder Zuſtand jener Kraͤfte 
und Stoffe, die ſich nun eben, und beſonders nach dem 
Geſetz der Anziehung und Abſtoßung und auf einen rela— 
tiven Indifferenzpunct gebracht, zu einem mineraliſchen, ve— 
getativen oder thieriſchen, ja ſelbſt zu einem menſchlichen 
Weſen, vereinigen und potenziren, welches ſeinen beſtimm— 
ten Lebenscyklus in ſich und in Beziehung zur Außenwelt 
nach denſelben rein phyſikaliſchen Geſetzen vollfuͤhren und 
ſich ſodann, fruͤher oder ſpaͤter wiederum in jene Ur— 
und Grundſtoffe und Kraͤfte aufloͤſen ſoll. Es verſteht ſich 
von ſelbſt, ja es iſt natuͤrlich und ganz folgerichtig, daß, 
wenn man einmal das Leben auf dieſe Weiſe erklaͤrt, von 
dem Einfachſten und Riedrigſten bis zu dem Zuſammenge⸗ 
ſetzteſten und Höchften ſich entwickeln und den menſchlichen 
Geiſt auf dieſer Stufenleiter blos die letzte Sproſſe ein— 
nehmen, deſſen erhabenſten Gedanken endlich gar als einen 
modificirten elektriſchen Funken erſcheinen laͤßt; — man 
nun auch einen Schritt weiter gehen und die wiſſenſchaft— 
lichen Beſtrebungen und Geiſteserzeugniſſe der beruͤhmteſten 
Maͤnner aller Zeiten und Voͤlker verwerfen, die theuerſten 
und heiligſten Ideen der Menſchheit, die ja dann wohl 
eben nur, dem Rordlichte gleich, blos in angehaͤufter feiner 
Elektricitaͤt beſtehen, als minder beachtungswerth, überflüffig, 
wohl gar als ſchaͤdlich bezeichnen und fo den beklagens⸗ 
wertheſten Atheismus predigen muß. — Daß dem wirk⸗ 


— 107 — 


lich fo iſt, davon, wie von jenem Materialismus über⸗ 
haupt, moͤgen folgende Ausſpruͤche zeugen. 

Ein neurer franzoͤſiſcher Schriftſteller (A. Fourcault, 
Lois de P’organisme vivant. Paris 1819. Th. II. S. 
94) ſagt geradezu: daß die von dem Hirn abhängigen Ems 
pfindungen und Thaͤtigkeiten, wie das Denken, das Ges 
dachtniß, die Einbildungskraft, ja die Vernunft und der 
Wille weiter nichts als das Ergebniß einer phyſiſchen Action 
oder einer Elektro- moleculair-Bewegung feien, welche durch 
die Einwirkung der Außenwelt und den innern und aͤußern 
Sinn urſpruͤnglich erregt wuͤrde. — 

Aber, und das iſt eben befremdend, auch deutſche 
Schriftſteller führen, wenn auch in einem etwas anderen 
Sinne, dieſelbe Sprache. So ſagt Blumroͤder in ſeinem 
ſo hoͤchſt intereſſanten Buche uͤber das Irreſein: (S. 92) 
wie jedes Organ das ihm verwandte Blut im gewiſſen 
Grade ſelbſtſtaͤndig an ſich zieht und ſomit aus demſelben 
Blute, je nach der organiſchen Richtung, Galle, Urin, 
Saamen, Thraͤnen, Ohrenſchmalz u. ſ. w. wird, ebenſo 
zieht auch das Hirn das ihm wahlverwandte Blut an ſich 
und formirt Denkbilder daraus. Aber weiter: (S. 111) 
Verſtand, Vernunft, Sittlichkeit, Schönheit, Religion, Wahrs 
heit find Ideen; verſtaͤndige, vernünftige, ſittliche, ſchoͤn— 
ſinnige, religiöfe, wahre Menſchen find daſeyend. Nichts 
von dem Allen kann der Menſch ſein, ohne Blut und 
Hirnmark, welches ja das Alles ſelber iſt. 

Der durch feine rühmliche Thaͤtigkeit in der Pſycho— 
logie bekannte Friedreich iſt derſelben Anſicht und fuͤhrt 
demgemaͤß einen als vorzuͤglich bezeichneten Satz des Dr. 
Jahn aus Meiningen an, (Mag. fuͤr Seelenkunde v. J. 
F. Friedreich 1830. 3. Heft, 1. Th. S. 75), welcher alſo 
lautet: die Naturwiſſenſchaft, die ernſte kalte Richterin, 
zerſtoͤrt die kindlichen Träume, ſo hold ſie auch ſein und 
ſo ſehr ſie die Glaͤubigen erfreuen und beſeligen moͤgen. 
Wahrheit iſt es, daß das, was Seele heißt, nichts iſt, als 
die Thaͤtigkeit des Gehirns und überhaupt der hoͤhern Ges 
bilde des Rervenſyſtems, und daß das Hirn denkt, wie 


— 103 — 

der Magen verdaut, und das Ohr den Schall und das 
Auge das Licht aſſimilirt, daß es ſomit mit einem eigenen 
freien Seelenweſen nichts iſt, nichts mit ſeinem Freiwerden 
im Tode und nichts mit dem Jenſeits, jener transcenden— 
ten Schaͤferwelt, um mit Jean Paul zu reden, von der 
wir weder ein Ab- noch Vorbild kennen, einer Welt, der 
nichts Geringeres, als Geſtalt, Rame und Atlas, und Pla— 
niglob, und ein Weltumſegler Vespucius Americus abgeht, 
für die uns weder Chemie noch Aſtronomie die Beſtand— 
und Welttheile liefern wollen, einem Dunſtuniverſum, auf 
dem aus der entlaubten, verdorrten Seele ein neuer Leib 
ausſchlagen fol. 

Blumroͤder ſagt in ſeinem obengenannten Buche: 
Ich kann nicht umhin den Schluß meiner Schrift mit fol— 
genden trefflichen Worten (ebenfalls von Dr. Jahn) zu 
kroͤnen:“ Es gibt eine Philoſophie, die der Arzt fliehen 
und verachten ſoll, die Metaphyſik, jene leere Traͤumerei 
von uͤbernatuͤrlichen Dingen, von einer Gottheit, die uͤber 
und außer der Natur ſtehe, von einer Seele, die ein 
eigens fuͤr ſich beſtehendes, an den Koͤrper nur gefeſſeltes 
Weſen ſei, von einer Unſterblichkeit dieſer Seele.“ — 

Indeſſen darf uns wohl nicht einfallen, auf einen 
Makel des Charakters oder einen Mangel moraliſcher 
Grundſaͤtze dieſer Schriftſteller zu ſchließen. Nichts weni— 
ger; und als unterhaltenden Beweis fuͤhre ich nur noch an, 
was Blumroͤder dem ebenfalls als Pſychologen bekannten 
Groos entgegnet, der einmal gelegentlich geaͤußert hatte: 
„Allerdings ſehen wir Menſchen mit hoher Reſignation in 
den Tod gehen; — aber in der Hoffnung auf ein beſſe— 
res Leben.“ — Dieſe Anſicht, ſagt Blumroͤder, ſtaͤnde 
ganz im Nievau des gemeinen Lebens. Er fährt fort: 
„O der hohen Reſignation mit der verzuckerten Hinterthuͤr 
zum beſſeren Leben! — das heißt reſigniren wie der Jude, 


der einen Kreuzer verſchenkt, um ihn nach dem „Gott ver- 


gelt's tauſendmal“ als 16 Fl. 40 Kr. wieder zu gewinnen. 
So glaubt Herr Groos alſo, daß alle die tauſend unſterb— 
lichen edlen Ramen, die ihr Blut verſpritzten fuͤr ihre 


— 109 — 


Ueberzeugung, fur ihr Heiligſtes und Höchftes, in der "weis 
biſch elenden Hoffnung es thaten, für ihr werthes Selbſt 
nichts dabei zu riskiren? — oder gehoͤrten ſie zu den ſtu— 
pideſten Menſchen? — Wahrlich, das heißt die Heiligkeit 
und Goͤttlichkeit der Menſchennatur beſchimpfen, das heißt 
die Denkmale der edelſten Tapferkeit, des hoͤchſten Mannes— 
muths mit Koth bewerfen und Männer zu Spittelweibern 
herabwuͤrdigen. — Hat Herr Gross recht, ſo gibt's keine 
Tugend (virtus, gern) keine Mannheit, keine Ehre, kei— 
nen Muth, keine Tapferkeit mehr.“ — 


„So geſtaltet ſich der Stoizismus in einem neueuro— 
paͤiſchen Hofrath, das kommt dabei heraus, wenn man 
ſtatt Wahrheit Beruhigung ſucht, und ſolche Erhabenheiten 
werden zu Tage gefoͤrdert, wenn ein Mann auf das 
Zuckerpapier der herzallerliebſten individuellen Unſterblichkeit 
ſchreibt.“ g 


Wir ſehen alſo, daß durch jene Philoſophie und Nas 

turanſchauung der Menſch nicht demoraliſirt, ſondern viel— 
mehr erſt auf den rechten, reinſten und hoͤchſten Stand— 
punkt der Moral erhoben werden ſoll. — 


Wie zweifelhaft dies aber auch ſein moͤchte; ſo fra— 
gen wir uns: wer unter uns wuͤrde wohl einer ſolchen 
Anſicht beiſtimmen, wer eine ſolche Sprache billigen? 
Gleichwohl aber fuͤhren ſie Maͤnner, die auf der Hoͤhe 
deutſcher Naturwiſſenſchaft keine niedrige Stufe einnehmen 
und deren übrigens fo beachtungswerthe und wichtige 
Stimme bereits allgemeine Geltung erlangt hat. — Aber 
dennoch, fo lange die Beweiſe und Gründe für derartige 
Behauptungen noch fo ſehr dürftig find und, der übrigen 
allgemeinen Naturanſchauung und Auffaſſung, überhaupt 
dem Stande unſerer Wiſſenſchaften gegenüber, das Gepraͤge 
einer offenbaren, auf phantaſiereichen Analogien und Hypo— 
theſen beruhenden, Einſeitigkeit und einer gewiſſen Zeitphiloſo— 
phie an ſich tragen, ſo lange werden wir auch jene Sprache 
als eine unzeitige Anmaßung, die ebenſo wenig der Frei— 
heit und Toleranz der Wiſſenſchaft, als einem feſten und 


r 


wahren Humanitaͤtsprincip entſpricht, zuruͤckweiſen dürfen. *) 
Es wuͤrde daher auch, ſelbſt wenn hier der Ort dazu waͤre, 
überfläffig fein, beſondere Gegengruͤnde aufzuführen. — Und 
wenn wir auch jene Imponderabilien, wenn wir das Cry— 
ſtalliſationsgeſetz und das Geſetz der Stoͤchiometrie, nach 
welchem ſich die verſchiedenen Stoffe nur in einem beſtimm⸗ 
ten, in Zahlen ausdruͤckbaren, Verhaͤltniſſe zu beſondern 
Producten miteinander verbinden, für noch fo wichtig hal— 
ten und ihrem Einfluß, ihrer Wirkſamkeit eine auch noch 
ſo große Ausdehnung geben wollen, dann iſt uns ja doch 
ſowohl das Weſen jener Kraͤfte und Stoffe ſelbſt, als auch 
die Art und Weiſe ihrer Thaͤtigkeit, beſonders im hoͤhern 
organiſchen Leben, ſo gaͤnzlich unbekannt, ihr Verhaͤltniß 
zu dem letztern ſo unbeſtimmt, daß es an Vermeſſenheit 
grenzen muß, fie als die alleinigen Lebens-, Geiſtes -und 
Urkraͤfte unſeres Planeten und ſeiner Geſchoͤpfe und viel— 
leicht gar des Weltalls zu betrachten. Immer wird uns 
daher bei Betrachtung des Lebens die Frage nach einem 
andern beſtimmten Einigungspuncte zu einem ſelbſtſtaͤndi— 
gen, ein Beſonderleben darſtellenden Weſen m. e. W. nach 
dem übrig bleiben, was man ſchon in den früheften Zeiten 
Seele, oder Lebensidee genannt hat und noch ſo 
nennt. Aber dieſe Frage iſt auch in dem geiſtigſten Theile 
unſerer Seele, in unſerer Vernunft, die ſich eben einer ges 
wiſſen Einheit, Selbſtſtaͤndigkeit und Individualitaͤt bewußt 
iſt, und dieſe geiſtige Vorſtellung nothwendig auch auf die 
übrigen beſonderen Erſcheinungen des Lebens überträgt, 
vollkommen begruͤndet. Wir werden daher auch in der 


5) Der Perf. iſt weit entfernt, dieſe materiell philoſophiſche Rich⸗ 
tung und das Ausſprechen der dadurch gewonnenen Ueberzeugung zu 
tadeln; die Art und Weiſe aber, wie Dieſes geſchieht, koͤnnte nur dann 
entſchuldiget werden, wenn die Gründe dafür den hoͤchſten Grad von 
Untruͤglichkeit und Allgemeinguͤltigkeit haͤtten. Außerdem iſt eine ſo 
ruͤckſichtsloſe Sprache jedenfalls tadelnswerth; da ſie, allem bisherigen 
Wiſſen und Glauben entgegenlaufend, nicht nur die gewonnene Ueber⸗ 
zeugung Anderer in den hoͤchſten und heiligſten Angelegenheiten des 
Geiſtes und Herzens offenbar verletzt, ſondern auch, namentlich bei ju⸗ 
gendlichen und fonft noch unbefeſtigten Gemuͤths⸗- und Geiſtesleben, 
ſehr leicht nachtheilig werden kann. a 9 


— 14 — 


Raturwiſſenſchaft, beſonders aber in der Anthropologie im- 
mer einer gewiſſen ſpeculativen Auffaſſung und Darſtellung 
bedürfen, und obwohl dieſe die Irrwege und Phantaſiege— 
bilde der aͤlteren und neueren Zeit, durch die Aufklaͤrung 
empiriſcher und analytiſcher Forſchungen geleitet, vermei— 
den und mit dieſen Hand in Hand gehen wird; ſo wird 
ſie doch, eben weil die Empirie begrenzt, und ihre wiſſen— 
ſchaftliche Ergaͤnzung in unſerem Geiſte begruͤndet iſt, den 
eigentlichen Schlußſtein echter Wiſſenſchaft ausmachen muͤſſen. 
Es gibt aber in aller Wiſſenſchaft überhaupt ein Reich 
des Idealen, welches ſich als hoͤchſte geiſtigſte Bluͤthe der 
empiriſch aufgefaßten Welt darſtellt und, obwohl nimmer 
mit dieſer vollkommen vereint, nicht nur den hoͤchſten Punct 
unſerer Erkenntniß abgeben, ſondern dieſe auch zu frucht— 
barer und menſchenwuͤrdiger Anwendung fuͤhren wird. — 

So denken wir Alle, und mit uns wohl die meiſten 
Naturforſcher der Gegenwart; wie es denn auch von den 
aͤlteſten Zeiten an, bis auf uns herab Maͤnner gegeben hat, 
welche neben dem Naturleben, noch ein höheres Geiftes - 
und Geiſterleben erkannt und dieſe Erkenntniß in ſich und 
außer ſich genaͤhrt, angewendet und verbreitet haben. Auch 
in unſerem kleinen Kreiſe hat es deren ja immer gege— 
ben, und ich habe in dieſem Vortrage zwei Namen genannt, 
welche gerade in dieſer Beziehung uns eine ewig theure 
Erinnerung fein werden. Geutebrüf und Schottin!— 
Elektricitaͤt und Magnetismus waren fuͤr ſie die bewegen— 
den Kraͤfte des Raturlebens, die ſie mit unermuͤdetem Eifer 
beobachteten und in denen ſich ihr Geiſt gleichſam vertieft 
hatte. — Aber dieſer Geiſt, dieſer Geiſt der Weisheit, 
Liebe und religioͤſen Erhebung war kein elektriſcher, kein 
Faradeyſcher Magnetfunke, und waͤhrend ſich die Pole 
ihres irdiſchen Daſeins loͤſeten, loͤſete auch er ſich und 
ſuchte, ſelbſtſtaͤndig und frei, ein anderes ewiges, himmli— 
ſches Leben. Ob er es finde und nach welchen Ge— 
ſetzen? — O, gewiß, es gibt noch eine höhere Wärme 
als die des menſchlichen Herzens, ein hoͤheres Licht, als 
das des menſchlichen Geiſtes, und das iſt ja eben allet 


* 


— 142 — 


edlen Menſchen tiefſte und innigſte Ueberzeugung. Sie 
war auch die unſerer Dahingeſchiedenen. Aber die Ge— 
ſetze des irdiſchen Polarlebens erſtrecken ſich nicht auf 
jene hoͤhere Himmelswelt; die Gegenſaͤtze ſchwinden; nicht 
gleiche Pole ſtoßen ſich ab, ſie ziehen ſich an. Schon 
hier ja hoͤren wir: Vertrauen erweckt Vertrauen; Liebe 
erzeugt Liebe; Vernunft bewirkt Vernunft. Und iſt nicht 
alles Lehren und Bilden des Geiſtes und Herzens ein 
Hervorrufen derſelben Himmelskraͤfte auf dieſer Erde, und 
ſind es nicht gleiche Pole, die hier thaͤtig ſind und nicht 
abſtoßend, ſondern anziehend auf einander wirken? Was 
war es denn auch, was unſern Geiſt erregte und belebte, 
was unſer Herz erwaͤrmte und erhob im Umgange mit 
den dahin geſchiedenen edlen und herrlichen Maͤnnern? 
Es war ihr tiefer, denkender, forſchender Geiſt, ihr ſanftes, 
edles, großes Herz. — Und ſo wird auch jenes hoͤhere 
Goͤtterlicht, jene Himmelswaͤrme dieſen Geiſt und dieſes Herz, 
die gleichen Pole, anziehen und auf ewig mit ſich vereinigen. 

In dieſem Sinne und mit dieſer Ueberzeugung moͤgen 
wir der von uns geſchiedenen Freunde und Mitglieder ges 
denken. Was ſie fuͤr die Wiſſenſchaft und das Leben 
waren und geleiſtet haben, iſt bereits anerkannt worden, 
und wird es noch ſpaͤterhin werden; was ſie als Mitglie— 
der unſeres Vereins waren und wirkten, wiſſen wir Alle. 
Immer werden wir es mit dankbarem Herzen erkennen. — 
Ihre liebevolle Anhaͤnglichkeit an uns zeigte ſich hier ja ſo 
oft, ſo verſchiedenartig, ſo aufopfernd; ihre geiſtige Thaͤtig— 
keit wirkte mittelbar und unmittelbar wohlthaͤtig auf uns 
ein, und ſelbſt unſere Sammlungen enthalten manche in— 
tereſſante Gegenſtaͤnde, welche wir ihrer guͤtigen Geſinnung 
gegen uns und ihrem regen Eifer für die Naturwiſſenſchaft 
zu danken haben. — Nimmer wird daher auch ihr An— 
denken unter uns erloͤſchen; und wenn wir unſern Blick 
dorthin richten, wo gleiche Pole ſich berühren und einigen, dann 


wird auch ihr geiſtiges und liebendes Auge uns begegnen und, 


Licht und Wärme ſtrahlend, uns für das Leben, für die Wiſ— 


ſenſchaft, fuͤr den Himmel ermuntern, begeiſtern und erheben. — 


— — 


XVII. 
Eingegangen. 


Mit Dank bekennen die beiden nachſtehenden Geſellſchaf— 
ten den richtigen Empfang folgender Zuſendungen und 
Geſchenke. 

Seit Anfange des Jahres 1838 erhielt a) der Kunſt— 
und Handwerksverein: 

1) Vom Herrn Nittergutsbeſitzer Teichmann auf Muckern, 
deſſen gedruckte Feuerordnung fuͤr kleine Staͤdte und 
Doͤrfer, und einen Volkskalender fuͤr 1838. f 

2) Von der oͤkonomiſchen Geſellſchaft im Koͤnigreich 
Sachſen, die 37. und 38. Lieferung ihrer Schriften 
und Verhandlungen. 8 

3) Vom Gewerbverein fuͤr das Koͤnigreich Hannover, 
die 14. Lieferung ſeiner Mittheilungen und ein Ver— 
zeichniß der bei der zweiten von dieſem Vereine vera 
anſtalteten Ausſtellung inlaͤndiſcher Induſtrieproducte 
aufgeſtellten Gegenſtaͤnde nebſt 2 Rachtraͤgen dazu. 

4) Vom Verein zur Befoͤrderung des Gewerbfleißes in 
Preußen, die 6. Lieferung ſeiner Verhandlungen auf 
das Jahr 1837. 


b) die pomologiſche Geſellſchaft: 

1) Von der oͤkonomiſchen Geſellſchaft im Königreich 
Sachſen, außer der 37. und 38. Lieferung ihrer 
Schriften und Verhandlungen auch die in unſerer 
Bibliothek fehlenden fruͤhern Lieferungen als 1 bis 
7, 14, 25, 26 und 33. 


— 114 — 


2) Vom Gartenbauverein für das Koͤnigreich Hannover, 
die drei letzten vorjaͤhrigen Hefte ſeiner Zeitſchrift. 

3) Von der Centralſtelle des Landwirthſchaftlichen Ver⸗ 
eins im Großherzogthum Baden, Nr. 40 — 52 des 
Landwirthſchaftlichen Wochenblatts für das Großher— 
zogthum Baden. Jahrgang 1837. 


XVIII. 
Miscellen und Notiz en. 


Wie zweckmaͤßig es ſei, ſeine Edelreißer nicht erſt 
im Fruͤhjahre, ſondern ſchon im Spaͤtherbſte zu brechen 
und alsdann den Winter uͤber unter dem Schnee, ſchraͤg 
in die Erde geſteckt aufzubewahren, hat auch der letzte Win— 
ter deutlich gezeigt. Waͤhrend naͤmlich faſt alle Birn- und 
ein großer Theil der Aepfelreißer, die wir zu Ende dieſes 
Winters noch brechen wollten, mehr oder weniger vom 
Froſte verletzt waren, fo daß der Verſuch, dieſe zum Vers 
edeln zu benutzen, ſchwerlich gelingen duͤrfte, blieben die 
ſchon im Herbſte geſammelten Edelreißer, obgleich ſie bei 
der Ueberſchwemmung kurz vor Weihnachten 1837 faſt 
einen halben Tag unter Waſſer geſtanden haben, vom 
Froſte groͤßtentheils ganz unverſehrt, waͤhrend doch die ver— 
edelten Birnſtaͤmmchen ſelbſt, von denen fie genommen war 
ren, zum Theil gaͤnzlich erfroren. 

Zwar trocknen die ſchon im Herbſte geſchnittenen 
Edelreißer im Maͤrz und April gewoͤhnlich etwas ein; allein 
auch ſie erhalten ſich friſch, ſobald man ihnen um dieſe 
Zeit durch Wegſchneiden des unterſten Endes eine neue 
Schnittflaͤche gibt und ſie mit dieſer wieder in die Erde ſteckt. 

Auch iſt es gewiß beſſer, wenn einzelne unreife oder 
ungeſunde Reißer, ſchon im Herbſte vom Stamme abge⸗ 


— 15 — 


ſchnitten, in dieſer Lage zu Grunde gehen, als daß fie 
bei einem gelinden Winter ſich am Stamme bis zum Fruͤh⸗ 
jahre ſcheinbar geſund erhalten, dann aber, gebrochen und 
zum Veredeln benutzt, dennoch bald vertrocknen, eben weil 
ihnen die rechte Reife und Geſundheit fehlt. 


Recepte zur Probe. 
Silbergeſchirr vor dem Anlaufen zu ſchuͤtzen. 


Das Schwefelſilber, womit ſich ſilberne Geraͤthſchaf— 
ten uͤberziehen, kann man wieder entfernen, wenn man 
dieſelben mit Rus und Eſſig, mit Kleeſalz, Weinſtein oder 
etwas Alaunpulver und Waſſer putzt; — ſchuͤtzen aber 
kann man ſilberne Geraͤthſchaften, welche den thieriſchen 
Aus duͤnſtungen ausgeſetzt find, indem man dieſelben mit 
einer dünnen Schicht Gummi oder Hatz uͤberzieht. 


Himbeereſſig. 


Man fluͤlle einen glaͤſernen oder ſteinernen Krug mit 
reifen, ausgeleſenen Himbeeren, gieße guten Weineſſig darauf, 
daß er fie völlig bedecke und laſſe dies 8 Tage ſtehen. 
Nun gieße man das Ganze durch ein Tuch. Solcher 
Eſſig haͤlt ſich in Flaſchen gut und gibt, wenn man einen 
Loͤffel in ein Glas Zuckerwaſſer thut, ein lieblich kuͤhlendes 
Getraͤnk. Beſſer wird er noch, wenn man auf 1 Pfund 
ſolchen Himbeereſſig 2 Pfund Zucker nimmt, dieſen zerftückt 
und Eſſig und Zucker dann zuſammen in einem Porzellain⸗ 
gefaͤße ins Marienbad ſetzt (d. h. nicht unmittelbar dem 
Feuer ausſetzt, ſondern in einem mit Waſſer umgebenen 
zweiten Gefaͤße erhitzt), bis bei maͤßigem Feuer der Zucker 
ganz zerſchmolzen iſt; worauf man den Eſſig, wenn er faſt 
kalt geworden, in Flaſchen fült. Dieſer verſüßte Eſſig 
wird dann, mit reinem Waſſer vermiſcht, getrunken. 


— 116 — 


Baumwachs. 


4 Loth gelbes Wachs und 1 Quentchen Specht 


laßt man zuſammen tiber Kohlen oder gelindem Feuer 
zergehen und fest dann hinzu 5 Quentchen dicken Terpen— 
tin, welcher zuvor durch die Waͤrme etwas fluͤſſig gemacht 
fein muß und ein Quentchen deſtillirtes Kienoͤl; rührt zu— 
letzt Alles wohl durch einander und gießt es zum Erkalten 
in einen Kaͤſenapf oder eine Untertaſſe, die man vorher 
durch Eintauchen in Waſſer befeuchtet hat, damit ſich das 
Baumwachs bequem herausnehmen laſſe. Will man das 
Baumwachs in kalter Witterung brauchen, ſo muß der 
Antheil vom Terpentin und Kienoͤl etwas reichlich genom— 
men werden, während man beide knapp nehmen muß, wenn 
das Baumwachs bei warmem Wetter gebraucht werden ſoll. 


Rach den am 6. April dem Kunſt- und Handwerks⸗ ö 


vereine vorgelegten Rechnungen befand. im Vereins⸗ 
jahre 1837. 

a) bei dem Kunſt- und Handwerksverein ſelbſt 
die Summe aller Einnahmen in 620 Thlr. 4 Gr. 2 Pf. hieſ. Curr. 
5 2 „Ausgaben = 333 = 3-11 >» . 5 

mithin der Kaſſenbeſtand 237 = — = 3 hieſ. Curr. 

b) bei der Kunſt- und Handwerksſchule betrug 
die durch Einziehung und Wiederausleihung eines Capitals 
weſentlich erhoͤhete Einnahmeſumme 

1329 Thlr. 11 Gr. 6 Pf. hieſ. Curr. 
und die Ausgabeſumme 117 2 =» Amů5 = = 
mithin der Kaſſenbeſtand 202 = 9 = 1 hieſ. Curr. 

Der ganze Vermoͤgensbeſtand berechnete ſich am Schluſſe 
des Vereinsjahres 1837 a) bei dem Kunſt- und Hands 
werksvereine ſelbſt 
auf 1246 Thlr. 9 Gr. 3 Pf. hieſ. Curr. 
b) bei der Kunſt- und Handwerksſchule 
auf 2960 Thlr. 17 Gr. 1 Pf. hieſ. Curr. 


52 


Meteorologifehe 7 Tabelle auf die Monate: Januar, Februar, März 1838 von W. Vechftein. 


Bean u aM F eberu ar. W r | 
Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. | 
— == — KK... —— —— Dyÿy—— . —ꝛ—ꝛ—ꝓ—ä—äö— 
des 5 Zuſtand tand des Stand des Sta es Sta 8 S es S 8 S are 5 = 
IE Wh 5 115 8 Thermo⸗ a 1 © 1 8 Ds En e 8 e e ® en nn sr . Saen 
a meters. meters. Wetters. meters. ] meters. etilens, meters. | meters. Wetters. meters. meters. Webers, = meters. meter Wetters.| meters. een Wetters. | 
1 2706073 250 pele ©. 27° r 0,5% ele ©. 1 200 = 30° lad N. 7,707, — 2,00 ſtr. O. 1 277 TZ + Z he ©. 127° JF Nc hee B. 
— 90=0 ol. S. 87 1,5 _|wll. S. NEE EEE 3,0 It. O. 2 126 113 | belle S 25 11,5 De 
belle S. 75| 2,0 belle S. Fa 88100 Er | een 3 7 066| 2323 0.8.27 1,0 | 5,5 Neg. ©. 
237087 |kı8S. |: 78,2% 71,076 4|= 90| 95 Son. 2.» 9 6 60 Schn. N. ©. 4]: 12| 30 ke® |* 08) 65 m 
„9, 1 = Nb. S. W : 10,0 | 0.75 Nedl. W. 5. 9,8 14,0 fee S. 9.9| 7,5 bele S. W. R 5|- 29. 50 wi. 2. 43) 10,25 nie S. W 
- 98-25 mn |: 95-235 u. 5. „9,6 0 he®&. | 871 42 bell 6 je Br En = 60| 90 lk. S. 
: 98| 95 fr. N. - 10,3 1 10,0 [te ©. is 7,0 helle S. 56 0,5 belle S. 7 = 60| 35 ost. S. W. 6,0 P 60 wf. W 
II,. 12.25 jo. 5. 10,7 | 10,5 bee N. 8 22235 bee S. 1.5 E 2 25 k. ©. — 5 dee 55 BR a 
13,0 belle N. S. 98 | 110 u N. B. 9.26 10,9 |+ 1,5 belle S. 20 9,7 4,25 belle ©. FP ja 8,87], 26 em, 8 | 
8,0 [wie. ©. |- 7,7 6,5 It . 0 9,4 30 Reg. W. II, 2 25 wk. W. |10|: 89-15 bee N B. 8,5 = bie N. O. 
8,5 net. S. 87 6,0 bee S. O. A|» 771 30 IO U 0,25 fr. N. W. II LU wi. . IU 20 ft. N. . 
8,5 Inst. S. 10,0 7,5 Schn. N. 12 27 20 6 0 ke S. 27 26 1,5 helle S. W. P BEST 2H PER DEE 
12,0 Ins N. W. = 10,3 | 11,5 fir. N. 13 23) 9,0 [me S. 230, 3,75, belle W. 13): 98) 10 ir. W. 99| 2,7 fr. S. W. 
10,0 | N. B. 4,8 8,5 ftr. W. ECC [FEST EB EEE: ale 71 15 Pig, S. 67 06,000 S. 
4,2 12,25 ꝗfr. S. 4,4 110 belle N. s 8, 75 helle S. 5,0 #5 helle S. W. 15 |: 6,0 5,5 Neg. S. W. 5, 80 ftr. S. W. 
7 15,0 ſwlk. S. W. . 6,3 11 belle O. e r ee 16 |: 5,9 2 5 |oe®. |= 5,0 55 wk. ©. 
18,0 (helle NM. 8,7 wie N. W. 17 7,9 | 14,0 inet 5. 79] 60 belle O. 17 . IIS 235 ee. S. 0,0 3,75 f. W. 
13,0 ftr. N. 8 6,6 1 N O. 18 |= 70| 80 non ©. |= 9, 425 ſbele 95. [18 26115 | 10 Schn. S. 02| 30 wl. N. =” 
9 |: 45 160 fr. N. W/ Er n. N. W. 1928 0,2 183,5 nebl. ©. 28 0,5 | 10,5 belle N. 19 7 28 0,25 Schn N 35,0 3,0 lk. W. 
9,0 Schn. W. 5,8 70 fr. S. W. 20 127 9,6 | 16,0 belle 5. 7 77 1,5 bee ©. D 3,6 | 1,0 m S. 21 73,0 Neg. S. 
11,0 bie ©. | = 9,2 7,0 helle S. W. 1, #0|=35 |san &|» . 2,87 |0716,07 8978: 
135 helle ©. |: 90 7,5 helle O. GE 0,5 Schn. W 3,8 1,5 belle W. 22 20 323 wk. N. B. 230 5,5 fr. O. — 
715,5 Inc. N. . 6,9 5,0 (belle O. D . . . zur adn27) Taror Meg. EB: 
14 5 ftr. N. 5,6 | 10,25 belle N. 24 8 2,0 deut S. 5. 2 10,5 (L 3,5 ff. — 2 381 30 wf. S. 42| 5, wk. S. W. 
10,25 tr. N. W. 2,3 8,25 ftr. N. 25 26 9, J T 1,0 ftr. S. 9,7 35 fr. S. 8 25 — 5,0 325 bee . |= 60 5,0 Reg. N 
9,0 | 7,0 net. W. 20 11,9 | 3,75 Ir. N. CCC r e ee 30 | W. 
is #5 m.N II 30 ftr. N. 27 = 958 1,0 fr. ® |» 10,8 | 2 5 f. W. CCC 
2 20! 50 ftr. N. W. 27 3,1 25 fr. N. 28 27 1,0| 23,0 belle S. 27 1,0 6,5 mie ©. 1282 11,6| 0,25 je N. I 2 r N. 
= 45| 3,75 fnebl. ©. |= 5,0 = belle ©. | FE er 29)» 94| 30 nebl. mM | 8, 3,0 nebl. Reg. W. 
350 5,0 5,0 helle S. 4,5 3 0 belle W. ü ve ler Den 30 |: 8,8 230 fc. N. W , 94] 5,5 [wit W. 
B1 |» 361 235 tr. . 2 175 ff N. ls Pw Ne en 31 = 5,1 #5 ftr. W. 5, 2,75 Reg. W. 
Hoͤchſter Barometerſtand den 19. Februar = 29“ 0,5% Mittlerer Barometerſtand = 27“ NE, 


Tiefſter Barometerſtand den 11. Februar = 26“ 7,7%. Kaͤlteſter Tag den 17. Januar = 18,0% 


trübe, wlk. wolkig, Reg. Regen, Schn, Schnee, Nebl. Nebel, nebl. nebelig, O. Oſt, S. Sid, W. Welt, N. Nord. 


Erklaͤrung der Abkürzungen, tr. 


l. 
0 


* XIX. 


Wie läßt ſich das Balkenwerk in Gebäuden 
gegen das Feuerfangen ſichern? 


Erörterungen und Verſuche des Kunſt- und Handwerksvereines, 


\ . 


zuſammengeſtellt 
a von 


Eduard Lange. 


So lange das Holz Holz bleibt, wird es auch verbrenn— 
lich ſein, d. h. es wird ſich, bei gehoͤriger Erhitzung, der 
Hauptſache nach, in Kohlenwaſſerſtoffgas *) und Kohle zer⸗ 
ſetzen, welche ſich beim Zutritt der atmoſphaͤriſchen Luft, 
eine hinreichende Temperatur vorausgeſetzt, mit dem Sauer⸗ 
ſtoffe derſelben verbinden, dadurch die vorhandene Gluth 
vermehren und mit den fortſchreitenden Flammen die Zers 
ſtoͤrung des Holzes weiter und weiter tragen. Soll alſo 
Holz gegen Feuersgefahr geſichert werden, ſo wuͤrde man, 
fo lange eine chemiſche Umwandlung feiner ganzen Natur 
eben ſo ſchwierig als unzweckmaͤßig erſcheint (weil mit der 
Veraͤnderung feiner natürlichen Beſchaffenheit zugleich auch 
ſeine bisherige Brauchbarkeit zerſtoͤrt werden muͤßte), nur 
noch zwei verſchiedene Wege einſchlagen koͤnnen. 

Der erſte Weg waͤre, diejenige Erhitzung des 
Holzes unmoͤglich zu machen, ohne welche daſſelbe 
ſich nicht in Kohlenwaſſerſtoffgas und Kohle zerſetzen und 


) Die brennbare Luft bei der gewoͤhnlichen Gasbeleuchtung, 
welche hierbei meiſt aus Steinkohlen gewonnen wird. 
II. 9 


— 18 — 


durch die unmittelbar darauf folgende Verbindung dieſer 
ſeiner Beſtandtheile mit dem Sauerſtoffe der Luft neue ver— 
mehrte Gluth entwickeln kann; oder man koͤnnte auch, 
zweitens, das Holz ſo gegen den Zutritt der Luft 
verwahren, daß ſelbſt bei der groͤßten Erhitzung deſſel— 
ben, dennoch ſein Kohlenwaſſerſtoffgas und ſeine Kohle 
nicht mit der atmoſphaͤriſchen Luft in Beruͤhrung kommen, 
mithin auch nicht verbrennen und die vorhandene Gluth 
vermehren koͤnnten. Auch werden dieſe beiden Methoden 
in Bezug auf mancherlei brennbare Stoffe ſchon bereits 
mit Erfolg angewendet. So beruht zum Beiſpiel der 
Rutzen des feinen Drahtgeflechts der Davy'ſchen Sicher— 
heitslampe lediglich darauf, daß ſeine uͤberaus kleinen 
Maſchen das Kohlenwaſſerſtoffgas, welches ſich bisweilen 
in Steinkohlenbergwerken vorfindet, und, mit der atmoſphaͤ⸗ 
riſchen Luft gemiſcht, die ſchlagenden Wetter bildet, zwar 
eindringen und am Grubenlichte in der Lampe verbrennen 
laſſen, aber die dabei entſtehende Hitze doch ſo weit ab— 
kuͤhlen, daß die außerhalb der Lampe befindliche brennbare 
Luft nicht die hohe Temperatur erreicht, bei welcher ſie ſich 
ebenfalls entzuͤnden und durch die damit ſtets verbundene 
Exploſion das Leben der Bergleute gefaͤhrden wuͤrde. Auf 
die zweite Methode aber fuͤhrt das Loͤſchen brennen⸗ 
der Schornſteine durch Anzuͤnden von Schwe 
fel unter denſelben zuruͤck. Denn ſtatt des Sauerſtoffs, 
welcher die Flamme naͤhrt, ſteigt nun großentheils ſchweflige 
Saͤure in den brennenden Schornſtein empor, und die 
Flamme erliſcht, nicht weil es zunaͤchſt an der zum Fort⸗ 
brennen noͤthigen Temperatur, ſondern an dem Sauerſtoffe 
fehlt, durch deſſen Verbindung mit dem Kohlen- und Kohlen⸗ 
waſſerſtoffe des Ruſes vorher immer neue Hitze entwickelt 
und die Flamme immer weiter verbreitet werden konnte. 
Beruht doch ſelbſt die Zweckmaͤßigkeit des Feuer⸗ 
loͤſchens durch die gewoͤhnlichen Waſſerſpritzen nur 
auf der Verbindung dieſer beiden Methoden, weil das 
Waſſer ſowohl an ſich als durch ſein Verdampfen 1) die 
brennenden Gegenſtaͤnde untet die zum Fortbrennen noͤthige 


— 119 — 


Temperatur abkühlt und weil es dieſelben, fo lange es 
verdampft, 2) mit einer Huͤlle von aufſteigendem Waſſer⸗ 


dampf umgibt, welche den die Flamme naͤhrenden Sauer- 
ſtoff der Luft abhaͤlt und dadurch die fortſchreitende Vermeh— 
rung und Verbreitung der Flamme verzoͤgert und unterbricht. 

Wenden wir nun dieſe beiden Sicherungsmethoden 
auf die Beſchuͤtzung des Holzwerkes gegen Feuersgefahr 
an, ſo ſtellen ſich uns zunaͤchſt noch einige beſondere 
Schwierigkeiten entgegen. Da naͤmlich das trockne Holz 
nicht einmal einer Temperatur von 250 Graden bedarf, 
um beim Zutritt der Luſt zu verbrennen, dagegen aber 
durch ſein Verbrennen eine Hitze von mehr als 1000 Graden 


erzeugt, fo iſt leicht einzuſehen, welcher Ueberſchuß von 


Waͤrme verzehrt, zerſtreut und abgeleitet werden muͤßte, 
um bei einmal ausgebrochenem Feuer in deſſen unmittel⸗ 
barer Beruͤhrung befindliches Holzwerk vor dem Feuerfangen zu 
ſichern. Bis jetzt wenigſtens iſt noch kein fo vor zuͤg licher 


Waͤrmeleiter bekannt, als zu dieſem Behufe nothwendig 


# 


fein würde, Auf der andern Seite gibt es aber auch 
keinen feſten Koͤrper, der ein ſo ſchlechter Waͤrme— 
leiter wäre, daß eine dünne Schicht deſſelben hinreichte, 
das damit uͤberzogene Holzwerk, ſelbſt nur eine kurze Zeit, 
gegen das Eindringen der aͤußern Gluth zu ſichern, damit 
dieſes ſich nicht in Folge derſelben zerſetze, hierauf durch 
das ſich entwickelnde Kohlenwaſſerſtoffgas die ſchuͤtzende 
Huͤlle nicht hier und da durchbreche und ſo die Flamme 
auch ſeinerſeits naͤhre und verbreite. 

Es gibt alſo fuͤr trockenes Holzwerk kein abſolutes 


und unſehlbares Schutzmittel gegen die zerſtoͤrende Gewalt 
einer hinlänglich großen Feuersgluth. Daß aber eine ſolche 


nicht uͤberhandnehme und die herbeieilende Loͤſch-- und 
Rettungsmannſchaft nicht durch ihre Intenſitaͤt weit zurück 
ſcheuche, das laͤßt ſich allerdings durch bleibende Schutz— 
mittel eben ſo gut und ſelbſt vollſtaͤndiger erreichen, als 
durch die Wirkſamkeit vieler auch zweckmaͤßig aufgeſtellter 
Waſſerſpritzen, deren ſpaͤter hinzukommende Beihilfe um ſo 
ſiegreicher hindurchdringen wird. 
9% 


— 120 — 


Es ſind zu dieſem Behufe gar mancherlei Stoffe und 
Verfahrungsarten oͤffentlich empfohlen und mit mehrern 
derſelben, auf Veranlaſſung Herzogl. Kammer zu Altenburg 
von einer hierzu beſonders ernannten Deputation unſeres 
Kunſt⸗ und Handwerksvereines nach ſtehende Verſuche 
angeſtellt worden. 


Zuerſt wurden vom Hrn. Rittergutsbeſitzer Dr. Gleits— 
mann auf Wildenhain, Hobelſpaͤne, welche mehrere 
Tage vorher in concentrirten Aufloͤſungen 1) von Alaun, 
2) von Kupfervitriol und 3) von Eiſenvitriol 
gelegen hatten und mit dieſen Salzen reichlich durchzogen 
waren, über einem Talglichte entzündet, wobei nur die mit 
Alaun impraͤgnirten Spaͤne bisweilen eine ſchwach auf— 
lodernde Flamme zeigten, die beiden übrigen aber blos 
zum Gluͤhen kamen und ohne Flamme langſam 
verkohlten. 


Hierauf wurde ein von demſelben beſorgtes kleines, 
aus bloßem Fachwerk zuſammengeſetztes hoͤl— 
zernes Haus mit Hobelſpaͤnen reichlich gefüllt und ans 
gezündet. Das ganze Haus beſtand aus weichem Holze 
und zwar bis auf die duͤnneren Dachſparren aus lauter 
quadratiſchen Baͤlkchen, + Zoll dick, welche ſaͤmmtlich zuerſt 
mit Eiſenvitriol ſtark geſchwaͤngert und dann noch mit einer 
Miſchung von Lehm, Kochſalz und Hammerſchlag übers 
pinſelt waren. Dazu wurden vom Herrn Dr. Gleitsmann 
noch oben auf die Dachbalkenlage folgende Gegenſtaͤnde ge— 
legt: 1) ein eben ſo dicker Balken, welcher nach Vorherr's 
Vorſchrift zuerſt mit Lehm uͤberſtrichen, hierauf mit Lehm⸗ 
ſtroh umwunden und dann abermals mit Lehm überpinfelt 
worden war. Ferner mehrere eben ſo dicke Balken, von 
denen einige 2) mit Alaun, 3) mit Kupfervitriol, mit 
Eiſenvitriol reichlich getraͤnkt waren und 5) vom Herrn 
Hofapotheker Hübler hier, ein Stuͤck Dachſpan, auf den 
zwei breiten Seiten mit einer Miſchung aus 1 Theil 
Tiſchlerleim, 1 Theil Asbeſt, 3 Theilen Bolus und 1 Theil 
Leinoͤl überzogen, auf den beiden ſchmalen Seiten aber, 


— 21 — 


wo es von dem übrige Dachſpane losgetrennt worden 
war, unbeſchuͤtzt. 

Das Feuer der entzuͤndeten Hobelſpaͤne vermochte 
nicht ſogleich das geſchuͤtzte Balkenwerk und die oben eins 
gelegten Baͤlkchen zu ergreifen; allein bei der andauernden, 
lebhaften Gluth geriethen doch zuletzt alle ohne Ausnahme 
mit in Brand, und nur der untere Theil des hoͤlzernen 
Fachwerkes, welcher der Hitze am wenigſten ausgeſetzt ges 
weſen war, blieb, jedoch auch beſchaͤdigt und angegriffen, 
ſtehen, während die dünnen Dachſparren und die Dach— 
balkenlage mit den darauf gelegten Baͤlkchen zuſammen— 
brachen und nach dem Erloͤſchen des Feuers ſich bis auf 
einzelne halb oder faſt ganz verkohlte Stuͤcken von den 
Flammen zerſtoͤrt zeigten. Nur der oben unter 5 ans 
geführte Ueberzug, welchen man anfangs am wenigſten 
beachtet hatte, hielt, ſelbſt nachdem der dünne Span das 
zwiſchen herausgebrannt war, in feinen beiden dünnen Waͤn— 
den noch fo ſeſt zuſammen, daß man denſelben auf ein 
hoͤlzernes Fachwerk aufzutragen und nebſt dem Fuchs'ſchen 
Waſſerglas an einem dem heutigen aͤhnlichen Hausmodelle, 
der wiederholten Pruͤfung zu unterwerfen beſchloß. Da— 
gegen ſollten keine weitern Verſuche mit Ueberzuͤgen von 
Kochſalz, Vitriol oder Alaun veranſtaltet werden, weil dieſe 
Salze, beſonders bei der Anwendung im Großen nur dus 
ßerſt duͤnn aufgetragen werden koͤnnen, die Hitze ſchnell 
durchleiten und in derſelben keine Conſiſtenz behalten, fons 
dern, ſobald die aͤußerſte Holzſchicht darunter anfaͤngt, ſich 
zu zerſetzen und zu verkohlen, als Pulver herabbroͤckeln, 
fo daß nun das Holz, dem freien Luftzutritte preids 
gegeben, fortbrennt und die vorhandene Gluth ſelbſt noch 
vermehrt. Das Fuchs' ſche Waſſerglas aber, welches 
beim Muͤnchener Theater angewendet und von vielen Seiten 
nachdruͤcklich empfohlen worden iſt, hat nicht nur feinen 
hohen Preis gegen ſich, ſondern gab auch, ſowohl nach der 
Vorſchrift von Fuchs ſelbſt, als nach der von Doͤbereiner 
mit einem Zuſatz von Natron, durch Herrn Hübler bereitet 
und auf Holz aufgetragen, bei uns nicht einmal einen feſt⸗ 


3 We 


zuſammenhaͤngenden, ununterbrochenen Ueberzug, fondern 


zeigte Riſſe und war ſelbſt ſtellenweis vom Holze losgebläts 


tert, ſo daß ſich von ihm bei dem damit uͤberzogenen 
Baͤlkchen ſchon im Voraus kein guͤnſtiges Reſultat erwarten 
ließ, was denn auch der Erfolg hinlaͤnglich beſtaͤtigte. Die 
meiſte Hoffnung blieb auf Taxes Steinpapier ge— 
ſtellt, mit welchem Ueberzug der uͤbrige groͤßte Theil des 
hoͤlzernen Fachwerks eines kleinen Hauſes von Herrn Hof— 
apotheker Hübler überzogen worden war. Die Balken 
deſſelben waren reichlich + Zoll dick und beſtanden aber⸗ 
mals aus trocknem weichen Holze. Ein Drittel des ganzen 
Fachwerks war mit dem Ueberzuge, genau wie Dingler's 
polytechniſches Journal Bd. X. S. 461 vorſchreibt, ges 
ſichert, waͤhrend zu dem Ueberzuge des zweiten Drittels 
noch Eiſenvitriol und zu dem des letzten Drittels noch 
Salmiak zugeſetzt worden war. Das ganze Haus wurde 
wieder mit Hobelſpaͤnen gefuͤllt und an derſelben Stelle, 
wie das frühere, angezuͤndet. Rur das mit dem Fuchs'⸗ 
ſchen Waſſerglas uͤberzogene Holzwerk gerieth in Flammen 
und brach zuletzt zuſammen, waͤhrend das ganze übrige 
Gebaͤlk vom Rauche geſchwaͤrzt aber ſonſt gaͤnzlich un— 
verſehrt ſtehen blieb und dadurch der Meinung derer auch 
bei den Uebrigen Eingang verſchaffte, welche glaubten, daß 
die Gluth diesmal geringer, mithin wohl auch das Fach⸗ 
werk weniger dicht mit Hobelſpaͤnen vollgeſtopft geweſen 
ſei, als bei dem erſten Verſuche dieſer Art. Es wurden 
daher ſogleich neue Hobelſpaͤne herbeigeſchafft, 
das Haus damit nochmals dicht vollgeſtopft und an— 
gezuͤndet. Die Gluth war groß, ſo daß zuletzt auch das 
geſchuͤtzte Fachwerk an mehrern Stellen, wo die Zuſammen— 


fuͤgung der Balken kleine unbeſchuͤtzte Zwiſchenraͤume ge⸗ 


laſſen oder wo das ausſtroͤmende Kohlenwaſſerſtoffgas Oeff— 
nungen gebildet haben mochte, Feuer fing. Als nun aber 
die feſt zuſammengedruͤckten Hobelſpaͤne vollends verbrannt 
waren, erloſchen dieſe einzelnen kleinen Flammen von ſelbſt, 
nachdem nur zwei oben zwifchen. die Dachbalken einz 


gelegte Baͤlkchen, welche zwei Mal der heftigſten Gluth 


— 123 — 


ausgeſetzt geweſen waren, faſt gaͤnzlich verkohlt und das 
eine derſelben durch ſein eignes Gewicht herabgebrochen 
war. Aber ſelbſt dieſe voͤllig verkohlten Balkenſtuͤckchen 
deckte der duͤnne ueberzug noch ſo feſt, daß die eingeſchloſ⸗ 
ſene Kohle nirgends verbrannt, ſondern ganz zuſammen⸗ 
haͤngend und derb war und daß man von dem herab⸗ 
gebrochenen Baͤlkchen ein Stuͤck Kohle, faſt 4 Zoll lang, 
aus dem duͤnnen Ueberzuge wiederholt heraus und in dieſen 
wieder hinein ſchieben konnte, ohne daß die Kohle, ſelbſt 
oder ihre duͤnne Huͤlle dabei zerbrochen waͤre. Uebrigens 
ſchien bei einer genauern Beſichtigung der ſchwarzen, ſonſt 
wohl erhaltenen Ruine dasjenige Drittel des Hauſes am 
wenigſten gelitten zu haben, deſſen Ueberzug einen. Bittiohe 
zuſatz enthielt. „ um sen 
Die Koſten fuͤr 7 Centner der ueberzugsmaſſe anne 
von Herrn Hübler auf 28 Thlr. 8 Gr. angeſchlagen, 
als 12 Thlr. für 1 Ctnr. ordinaires Leinoͤl, 15 Thlr. für 
1 Ctnr. Leim, 16 Gr. für 1 Ent. Papierabgaͤnge und 
16 Gr. Herbeiſchaffungskoſten von 4 Cturn. Thon, fo daß 
der Centner der Miſchung gegen 4 Thlr. koſten wuͤrde. 
Mit dieſem vorzuͤglich gelungenen zweiten und einem 
bei einer Monats verſammlung des Kunſt- und Handwerks— 
vereines an einem dritten Hausmodelle veranſtalteten, nicht 
weniger gluͤcklichen dritten Verſuche noch nicht zufrieden, 
ſtellte die Deputation ſpaͤter, in Gegenwart eines Mit— 
gliedes Herzogl. Kammer, noch einen vierten Verſuch an, 
nachdem ſie zuvor den aufgetragenen ueberzug 5 Wochen 
* hindurch hatte trocknen laſſen, um ſich auch davon zu uͤber⸗ 
zeugen, ob etwa ſeine Schutzkraft mit der zunehmenden 
Austrocknung ſich vermindere. Auch wurde die Miſchung 
ſelbſt noch etwas anders zuſammengeſetzt und Federalaun 
hinzugefuͤgt, um die Conſiſtenz der Maſſe in der Gluthhitze 
zu verſtaͤrken. Der Ueberzug war diesmal reichlich einen 
Meſſerrücken ſtark aufgetragen und das Hausmodell ſelbſt 
etwas größer und ſtaͤrker, als die fruͤhern, fo daß es eine 
noch größere Menge Hobelſpaͤne faßte. Als dieſe nun ent⸗ 
zündet waren, erregten fie eine fo große Gluth, daß ſich 


— 124 — 


die Anweſenden weiter als jemals vorher zuruͤckziehen 
mußten und Mehrere derſelben das Anbrennen des Schorns 
ſteines befürchteten. Als aber nach einigen Minuten die 
dicht hineingeſtopften Spaͤne niedergebrannt waren, loͤſchten 
auch die Balken an den wenigen Stellen, wo der Ueberzug 
etwa abgeſprungen fein und das ausſtroͤmende Koblen— 
waſſerſtoffgas ſich entzuͤndet haben mochte, von ſelbſt wieder 
aus, ohne daß einer derſelben zerbrochen oder durchgebrannt 
geweſen waͤre, obgleich die Ueberzugsmaſſe auch diesmal 
an mehrern Stellen in ſichtbarer Rothgluͤhhitze geweſen 
war. Ja man fand das Holz ſelbſt an den Puncten, 
wo ſich der Ueberzug etwas geloͤſt hatte, nur auf der aͤu— 
ßerſten Oberflaͤche verbrannt, inwendig aber beim leichten 
Einſchneiden mit einem Taſchenmeſſer noch ganz unverfehrt, 

Es beſtand aber der feuerſi ichernde Ueberzug, wie ders 
ſelbe bei dieſem letzten Verſuche in Anwendung Bine 
wurde, aus: 

1 Theil Leinoͤl, 

141 = Papierbrei, 

64 > trocknem Thon, 

1 „ Leeim (geringfte Sorte), 

1 ⸗Federalaun. 4 
Die Bereitungsart deſſelben iſt nach der Angabe Herrn 
Huͤbler's folgende: 

Man loͤſt den Leim in ſeinem ſechsfachen Gewichte 
Waſſer auf, vermiſcht dieſe Loͤſung mit dem pulveriſirten 
Thon und ſetzt unter ſtarkem Ruͤhren nach und nach das 
Leinoͤl der zu erwaͤrmenden Maſſe zu, welche dadurch ein 
gleichfoͤrmig zaͤher Teig wird. Unter anhaltendem Um⸗ 
rühren wird dieſer nun mit fo viel heißem Waſſer 
verdünnt, daß er, erwärmt, eine beinahe fluͤſſige Con— 
ſiſtenz zeigt. 

Das Papier, welches durch anhaltendes Kochen mit 
Waſſer und Rühren fein zertheilt worden fein muß, wird 
in dieſem Zuſtande auf ein aufgeſpanntes Tuch geſchuͤttet, 
damit das Waſſer ablaufen und etwas ausgedruͤckt were 
den kann. 


— — 


Run wird der ſo erhaltene Papierbrei und der Asbeſt 
zur Maſſe gethan, darunter geruͤhrt und zuletzt noch der 
Eiſenvitriol als Pulver zugeſetzt. 

Iſt dieſes Gemiſch durch tuͤchtiges Kneten recht innig 
mit einander gemengt, ſo daß keine Klumpen und Flocken 
mehr zu bemerken ſind, ſo iſt die Maſſe zum Auf— 
ſtreichen fertig. 

Dieſes duͤrfte am beſten mit Maurerkellen geſchehen, 
wobei jedoch alle moͤgliche Sorgfalt und Genauigkeit an— 
zuwenden ſein wird, damit dem lodernden Feuer keine zu— 
gaͤngliche Stelle uͤbrig bleibe. Dann reicht aber auch dieſer 
Ueberzug, + Zoll dick aufgetragen, hin, das Holz vor dem 
Anbrennen zu ſchuͤtzen. 

Das Leinoͤl dazu kann roh und truͤbe fein. Zum 
Papierbrei taugen unbrauchbare Papierabgaͤnge jeder Art, 
am Beſten aber wohl von Pack- und Loͤſchpapier. Viel⸗ 
leicht ließe ſich derſelbe auch durch feingeſchnittenes Heu 
oder Moos erſetzen und ſo ein Erſparniß an Feuerung und 
Material bewerkſtelligen. Als Thonerde ward der Thon 
aus der Haak'ſchen Braunkohlengrube, welchen der Herr 
Verfertiger, die Fuhre fuͤr 6 Gr., bezogen hatte, ganz ge— 
eignet gefunden. Den Leim koͤnnte man vielleicht ganz 
oder zum Theil durch Staͤrkekleiſter erſetzen. Jedenfalls 
verwendet man ihn nur in der ordinairſten Qualitaͤt. Der 
Zuſatz des Federalauns (Asbeſtes) endlich, welcher die 
Miſchung weſentlich theurer macht, hat den Zweck, der 
Maſſe, wenn die davon umgebenen Balken verkohlt ſein 
ſollten, mehr Haltbarkeit zu geben; denn wenn auch die 
Flammengluth die in der Maſſe befindlichen organiſchen 
Subſtanzen zerſetzen und verkohlen ſollte, ſo halten dennoch 
die unverbrennlichen Asbeſtfaͤden den Ueberzug noch feſt, 
daß er nicht abblaͤttern und herabfallen kann. 


Der Frühlingsconvent der pomologiſchen 
Geſellſchaft 1858. i 


Eine protokollariſche Mittheilung 


von 


“il 


Eduard Lange ebene 
dh 


Dar auf den 2, Mai Pan diesjährige Frühlings⸗ 
convent der pomologiſchen Geſellſchaft wurde durch einen 
der erſten ſchoͤnen Fruͤhlingstage beguͤnſtigt, deſſen Heiterkeit 
und Waͤrme nach einer Reihe kalter und unerfteulicher Tage 
doppelt wohlthuend war. Vielleicht raubte uns aber auch 
dieſe ſchoͤne Witterung die Gegenwart manches ſonſt ge— 
treuen Geſellſchaftsmitgliedes, das ſich ſeinen ohnehin ver— 
ſpaͤteten Feld- und Gartenarbeiten an einem ſolchen Tage 
nicht gern entziehen wollte. Wie nun die Zahl der 28 
Anweſenden verhaͤltnißmaͤßig klein war, ſo wurde auch den 
Verhandlungen nur eine kurze Zeit gegoͤnnt. Denn da 
ſich die Geſellſchaftsmitglieder erſt gegen 11 Uhr im Logen— 
hauſe einfanden, und im Beſchauen und Beſprechen einer 
wenn auch nicht eben durch die Menge, doch durch die 
Schoͤnheit und Seltenheit der Exemplare intereſſanten 
Blumenausſtellung noch ziemlich viel Zeit hinging, ſo blieb 
für die wiſſenſchaftliche Unterhaltung kaum 13 Stunde 
Zeit übrig, fo daß die von dem Herrn Kammerrath Waitz 
als Vorſitzenden angeregten Fragen meiſt nur fluͤchtig be— 
ruͤhrt, keineswegs aber erſchoͤpft und genugſam durch— 
geſprochen werden konnten. 

Die wichtigſten und ſeltenſten Beitraͤge zur Aus— 
ſtellung hatte der Kunſtgaͤrtner Walther aus den unter 
feiner Aufſicht ſtehenden Gewaͤchshaͤuſern des Herrn Dr. Cru— 
ſius aus 9 zur Anſicht geliefert, z. B. bluͤhende 


— MU — 


Erempläre von Charlwoodia congesta, Cactus calamı- 
formis, Dryandra plumosa, nivea, obtusa und nervosa, 
deren ganzes aͤußeres Erſcheinen zeigt, daß fie einer weit 
entfernten, eigenthuͤmlichen Erdgegend entſtammen. Die 
ſchoͤnſten Blumen dürften wohl einem Rhododendron ar- 
boreum Schmidtii, welches Herr Kunſtgaͤrtner Heller 
nebſt mehrern andern bluͤhenden Topfgewaͤchſen eingeliefert 
hatte, nicht abzuſprechen ſein, waͤhrend wieder die vom 
Herrn Hofgaͤrtner Kunze und ſeinem Bruder, dem Kunſt— 
und Eigenthumsgaͤrtner Louis Kunze eingelieferten, durch 
18 Sorten Cinnerarien, Hyazinthen, Kamellien, Kennedien ꝛc. 
reichlich geſchmuͤckten Blumengruppen, nebſt der, welche der 
Herr Kunſtgaͤrtner Hauck aufgeſtellt hatte, als Ganzes 
durch die Pracht der Farben und die Fuͤlle der Bluͤthen 
dem Auge den angenehmſten Genuß bereiteten. Als vor— 
zuͤglich ſchoͤne Exemplare muͤſſen außerdem noch 4 vers 
ſchiedene Sorten bluͤhender Azaleen des Herrn Advocat 
Adam genannt werden, fo wie auch die Kunſtgärtner 
Geifert, Reißig und Walther (aus dem Beſſer'ſchen 
Garten) und einige andere Freunde der Blumenwelt, z. B. 
Hr. Kammerrath Waitz und Hr. Hofrath Brummer, 
ihre Liebe zu unſrer Geſellſchaft auf eine anerkennenswerthe 
Art durch mannigfache Einſendungen bethaͤtigt hatten. 

Die eigentlichen Verhandlungen der Geſellſchaft er— 
öffnete Hr. Kammerrath Waitz als Vorſitzender durch 
einen Vortrag, welcher eine Menge gemachter Erfahrungen 
uͤber den Einfluß der lange dauernden großen Kaͤlte des 
letzten Winters auf die verſchiedenen Pflanzen zuſammen⸗ 
ſtellte und zuletzt auch die übrigen Anweſenden zu ähnlichen 
Mittheilungen aufforderte. Es wurde nun die Erfahrung, 
daß die feineren Birnſorten auf Quittenunterlage weit beſſer 
als auf Wildling dem Froſte widerſtanden haben, von meh— 
rern andern Seiten beſtaͤtigt; ja man hatte ſelbſt die Birn— 
reißer beim Kommen des Fruͤhjahrs noch gruͤn gefunden, 
waͤhrend die Quittenunterlage ſelbſt dem Froſte erlegen 
war. Deßgleichen ſtimmten auch Mehrere in der Erfahrung 
uͤberein, daß Wein, Pfirſchen, Aprikoſen, Epheu, Jelaͤnger⸗ 


— m — 


Jelieber u. a. Gewaͤchſe in fonnigen Lagen weit mehr von 
der Kaͤlte gelitten haͤtten, als an kaͤlteren, ſchattigen Stellen. 
Auch blieb es noch unentſchieden, ob die Zahl der durch 
den Froſt gaͤnzlich zu Grunde gegangenen, erſt im vorigen 
Jahre vom Hrn. Superintendent Oberdiek aus Sulingen 
neuerhaltenen Obſtſorten, beſonders der Birnſorten, groͤßer 
ſei, als die in dieſem Jahre aus Dresden, Prag und 
Merſeburg unſerer Geſellſchaft oder einzelnen Mitgliedern 
neu uͤberſendeten Edelreißer, fuͤr deren Zuſendung wir uns 
den gütigen Gebern um ſo dankbarer verpflichtet Fühlen, 
je feltener in dieſem Jahre geſunde Edelreißer, ſelbſt der 
gewoͤhnlichern Obſtſorten, zu haben ſind. 

Gewiſſer, als der Stand unſeres Obſtſortiments, wenn 
auch in Betreff einiger entfernteren Mitglieder noch immer 
nicht gewiß genug, iſt der Stand der Geſellſchaft ſelbſt 
und ihrer Finanzen, welcher bei beiden im Ganzen er— 
freulich zu nennen iſt. Zwar verlor die Geſellſchaft ſeit 
dem letzten Convente zwei Ehrenmitglieder, naͤmlich 1) den 
Prof. Dr. Rees von Eſenbeck zu Bonn und 2) den 
Dechant Roͤßler zu Podiebrad durch den Tod, allein es 
traten ihr auch wiederum 1) der Regierungsrath Dr. Back, 
2) der Kunſt- und Handelsgaͤrtner Geifert hier, 3) der 
Rittergutspachter Helbig in Ponitz, 4) der Anſpannguts⸗ 
beſitzer Kirmſe in Mockern, als wirkliche Mitglieder, und 
5) der Rittergutsbeſitzer v. Berg zu Reukirchen bei Neus 
brandenburg, als correſpondirendes Mitglied bei; ſo wie 
die Geſellſchaft auch hofft, daß 1) Hr. Hofrath und koͤnig⸗ 
licher Leibarzt Kreißig in Dresden das Diplom als Ehrens 
mitglied, 2) Hr. Hofgärtner Zeiſig in Roſenau bei Nor 
burg, 3) Hr. Kunſtgaͤrtner Diecker in den pomologiſchen 
Anlagen zu Prag und 4) Hr. Kunſtgaͤrtner Urban zu 
Zwickau die ihnen beſtimmten Diplome als correſpondirende 
Mitglieder derſelben freundlich annehmen werden. 

In Beziehung auf unſre Finanzen wies die vom 
Caſſirer der Geſellſchaft, Hrn. Kammerrath Haſe, gefertigte 
und vom Hrn. Regierungsrath Wagner gepruͤfte Jahres⸗ 
rechnung auf 1835 eine Geſammteinnahme von 169 le. 


— 129 — 


12 Gr. 2 Pf. hieſ. Curr., eine Geſammtausgabe von 
129 Thlr. 12 Gr. 10 Pf., mithin einen Beſtand von 
39 Thlr. 23 Gr. 4 Pf. nach. Der ganze Activvermoͤgens⸗ 
beſtand aber betrug am letzten Maͤrz 1838: 434 Thlr. 
15 Gr. 7 Pf. hieſ. Curr., hat ſich alſo im letzten Jahre 
um 7 Thlr. 12 Gr. 3 Pf. gebeſſert. 


Unſer Verkehr mit auswärtigen verwandten Geſell— 
ſchaften iſt neuerdings wieder etwas belebter geworden und 
ſoll bei der immer wachſenden Anzahl aͤhnlicher Vereine 
noch mehr erweitert werden. Die Zuſendungen, durch 
welche uns mehrere derſelben erfreuen und unterſtuͤtzen, 
werden regelmaͤßig in unſern gedruckten Mittheilungen aus 
dem Oſterlande aufgeführt. Ueber die zweckmaͤßigſte Ver⸗ 
wendung eines unfrer Geſellſchaft im Laufe des letzten 
Winters zugekommenen Geſchenks ihres correſpondirenden 
Mitglieds, des Hrn. Dechanten und Oberpfarrers Gött> 
lich zu Georgswalde bei Rumburg in Boͤhmen, in 10 Fl. 
Conv. beſtehend, ſoll eine ſpaͤtere Monatsverſammlung ent= 
ſcheiden. ö 


ö Indem nun der Hr. Vorſitzende die einzelnen Zweige 
des Gartenbaues in Bezug auf unſere Thaͤtigkeit ins Auge 
faßte, brachte er zunaͤchſt in Betreff der Pomologie die 
aus fuͤhrlichere Zuſammenſtellung der über die Einwirkungen 
der letzten Winterkaͤlte gemachten einzelnen Erfahrungen, die 
Beobachtung der Baumbluͤthe der verſchiedenen Obſtſorten 
zu Gewinnung neuer Unterſcheidungsmerkmale derſelben, 
und die Anlegung von pomologiſchen Blaͤtterſammlungen 
von Reuem in Anregung und Erinnerung. Sollen aber 
dieſe Bemühungen, fo wie auch die hoͤchſt wuͤnſchens— 
werthen Verzeichniſſe der von den einzelnen Mitgliedern 
cultivirten Obſtſorten eine ſichere Grundlage haben, ſo iſt 
eine allgemeinere Kenntniß der Obſtſorten ſelbſt und eine 
Uebereinſtimmung in den Namen derſelben ganz unerlaͤß— 
lich. Daher muͤſſen es ſich alle Mitglieder angelegen ſein 
laſſen, durch Einreichung ihrer wirklich gewonnenen Baum— 
feuchte und durch Vergleichung derſelben unter einander 


— 150 — 


und mit den Beſchreibungen und Abbildungen bewaͤhrter 
und anerkannter Pomologen die richtigen Ramen 25. as 
gehoͤrige Einverſtaͤndniß zu gewinnen. | 


Hierauf wendete der Hr. Vorſitzende fi 9 zur Blumen⸗ 
zucht und nannte als empfehlens- und beachtenswerthe 
Zierpflanzen: Lilium atrosanguineum, fulgidum, exi- 
mium, speciosum und lancifolium durch Dr. v. Siebold 
aus Japan eingefuͤhrt; Euphorbia splendens, jacquini- 
flora, punicea und Poisettia; Epiphyllum splendens und 
latifrons ; Philibertia grandiflora; Chorizema Hench- 
manni; Schizanthus Rendleanus; Canna Revesii; Pe- 
largonium (Rendle's mountain Sylph); als neue und 
prächtige Georginen: Hope (Metropolitan Rose), Queen 
Victoria, Whales royal Standard, Duke of Devonshire; 
als neue ſchoͤne Roſen: Rosa Hardy; R. Duc de De- 
vonshire und knuͤpfte daran noch im Betreff des gefuͤllt 
blühenden Levkoienſamens die in einer Gartenſchrift vers 
oͤffentlichte Erfahrung, daß eine Levfoipflanze, deren Same 
vom erſten Jahre ſaͤmmtlich ungefuͤllte Saͤmlinge lieferte, 
uͤberwintert, im naͤchſten Jahre abermals Samenſchoten 
getragen habe, aus denen alle Koͤrner vollbluͤhende Pflanzen 
gegeben haͤtten. 


a Zum Gemuͤſebau endlich 8 empfahl 7 5 
Kammerrath Waitz den Kohl von Delaware, den rieſen— 
mäßigen Waterloo-Kaiſer-Kuhkohl, den zarten Drummhead 
Savoi (bei Matthieu in Berlin) und den ebenfalls wohl— 
ſchmeckenden Chou pain (bei Schulze in Berlin); die 
Liverpool-, Algierſche, ſchwarze und Rohankartoffel; die 
14 Pfd. ſchwere Madeira-Zwiebel (bei Schulze in Berlin); 
die zarte und wohlſchmeckende Gurke vom Libanon (bei 
Matthieu in Berlin) und zum Schluſſe noch einige Ge— 
traidearten, z. B. den Guaſtalla-Waizen und die Cavalier⸗ 
Gerſte, welche letztere Hr. Kammergutspachter Loͤhner n 
herbeigezogen und zur Ausſaat bereit hat. 


Weitere und ausfuͤhrlichere Verhandlungen geſtattete 
die vorgeruͤckte Zeit nicht, und es wurde daher die Sitzung 


— 131 — 


4 nach 1 Uhr vom Vorſitzenden aufgehoben und darauf 
noch von den Anweſenden ein gemeinſchaftliches Mittags⸗ 
mahl eingenommen. 

' * 


XXI. 
Jahresbericht, 


borgelfen am Stiftungsfeſte der naturforſchenden Ae des 
O ſterlandes, den 4. Juli 1838 


Nin! vom 


Profeſſor Apetz, Secretair der Geſellſchaft. 


Hin Hochverehrte Anweſende, 


die Statuten der naturforſchenden Geſellſchaft des Ofters 
landes legen mir die ehrenvolle Verpflichtung auf, Ihnen 
in der heutigen Feſtſitzung eine gedraͤngte Ueberſicht von 
dem zu geben, was der Verein in dem verfloſſenen Jahre 
geleiſtet und erfahren hat, und Sie mit den Veraͤnderungen 
bekannt zu machen, welche mit ſeinem Perſonal und mit 
feinen Einrichtungen vorgegangen find, 

Wie billig, leite ich Ihre Aufmerkſamkeit zuerſt auf 
die wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen der Geſellſchaft. Die 
monatlichen Hauptſitzungen haben ihren regelmäßigen Forts 
gang gehabt. Nur im Monat Januar mußte eine Vers 
ſammlung der ſtrengen Kaͤlte wegen ausgeſetzt bleiben. 
Von den in dieſen Zuſammenkuͤnften theils von einheimia 
ſchen Mitgliedern gehaltenen, oder von auswaͤrtigen Mit— 
gliedern eingeſandten und vorgeleſenen Vortraͤgen ſind bereits 

einige durch die Mittheilungen auch den entfernteren Vereins⸗ 


= 


— — 


gliedern zur Kenntniß gebracht worden; von andern, in fo 
weit fie fi) zur Veröffentlichung eignen, ſteht dies noch zu 
erwarten. Es mußte uns erfreulich fein, daß dieſe Mits 
theilungen ihren ungeſtoͤrten Fortgang haben konnten. Hierin 
ſowohl, als in dem oͤffentlich und privatim ausgeſprochenen 
Urtheil uͤber die Zweckmaͤßigkeit dieſes Inſtituts, darf die 
Redactionscommiſſion wohl eine belohnende Anerkennung 
ihres Strebens finden, den ihr gewordenen ehrenvollen, 
aber auch nicht muͤheloſen Auftrag, ſoweit, als es die dar— 
gebotenen Mittel verſtatteten, genuͤgend zu erfuͤllen. Wir 
hoffen, daß öfter, als bisher, von auswärtigen Mit⸗ 
gliedern eingeſandte Beitraͤge es moͤglich machen werden, 
dieſe Zeitſchrift kuͤnftig noch reicher auszuſtatten und ihr 
Beſtehen zu ſichern. Das dritte Heft des zweiten 
Jahrganges wird noch in dieſem Monate ausgegeben 
werden. 

Weiteren Stoff zur Unterhaltung in jenen Sitzungen 
gaben muͤndliche Vortraͤge uͤber neue Erfahrungen und Ent— 
deckungen im Bereiche der Naturwiſſenſchaften, oder inter 
eſſante Mittheilungen aus Zeitſchriften und naturwiſſen⸗ 
ſchaftlichen Werken, an welche ſich dann die Erkenntniß 
bereichernde und die Unterhaltung belebende Discuſſionen 
knuͤpften und ein Austauſch der Kenntniſſe und Anſichten 
Statt finden konnte, der dieſe Stunden eben ſo lehrreich als 
angenehm machte. Lebhaftes Intereſſe gewaͤhrte auch unſere 
auswaͤrtige Correſpondenz, auf die ich noch einmal zuruͤck— 
kommen werde. Die uͤbrige Zeit fuͤllten dann Berathungen 
und Beſchluͤſſe aus, welche theils das innere Leben, theils 
den aͤußern Organismus der Geſellſchaft betrafen. Wir 
glauben, mit Recht behaupten zu dürfen, daß dieſen zus 
weilen allerdings kleinlichen Gegenſtaͤnden in dem ver— 
gangenen Jahre nicht mehr Zeit vergoͤnnt worden iſt, als 
eben nothwendig war, und daß man alſo nicht Urſache 
hatte, ſich daruͤber zu beſchweren, daß dieſe Aeußerlichkeiten 
zu viel Zeit geraubt. Es wird wohl auch Niemand in 
Abrede ſtellen, daß gerade dieſe Angelegenheiten fuͤr das 
Beſtehen und Gedeihen einer ſolchen Geſellſchaft von hoher 


— 188 - 


Wichtigkeit ſind, und ſie vernachlaͤſſigen, hieße dem Baume 
die Axt an die Wurzel legen. 

Unſere auswaͤrtige Correſpondenz iſt auch in dem ver⸗ 
gangenen Jahre ziemlich lebhaft geweſen, und von den 
damit Beauftragten, inſofern es ihre anderweitigen Vers 
haͤltniſſe geſtatteten, mit Eifer gefuͤhrt worden. Wir haben 
manche ſchaͤtzbare Zuſchriften aus verſchiedenen Theilen 
Deutſchlands, aus Ungarn und Italien erhalten und die 
in ihnen niedergelegten Verheißungen berechtigen uns zu der 
Hoffnung, daß wir in dem neuangetretenen Geſellſchafts— 
jahre von dorther weſentliche Bereicherungen für unfre Samm— 
lungen, für unſere Bibliothek, und für unſere Sitzungen 
mannigfachen Stoff zur Unterhaltung gewinnen werden. 
Mehrere auswärtige gelehrte Geſellſchaften haben uns fort⸗ 
waͤhrend ihre Geſellſchaftsſchriften mitgetheilt, und auf unfer 
Entgegenkommen hat uns ein naturwiſſenſchaftlicher Verein, 
der zwar erſt ſeit 1834 beſteht, aber bereits ſehr viel ge— 
leiſtet hat und einen ehrenvollen Rang unter den Ans 
ſtalten dieſer Art behauptet, der Mannheimer Verein 
für Raturkunde, die von ihm bis jetzt herausgege— 
benen Schriften geſandt. In unſern Mittheilungen be- 
ſitzen wir ein erwuͤnſchtes Mittel, dieſen Vereinen unfere 
Dankbarkeit zu erweiſen. "a 

Die Sammlungen der Geſellſchaft haben in allen 

ihren Zweigen Bereicherungen erhalten. Die Quadrupeden 
ſind durch mehrere ſehr intereſſante Stuͤcke vermehrt worden, 
wie Semnopithecus mitratus, Moschus napu (das Zwerg⸗ 
moſchus, von den Eingebornen Kantschil genannt), Anti- 
lope tragulus, Felis minuta, die fleinfte Katze von Java, 
Viverra Zibetha, die Zibetkatze, Plerodactylus nitens, 
ein fliegendes Eichhorn von Java, dann das merkwuͤrdige 
langſchwaͤnzige Schuppenthier von Java, Manis penta- 
dactyla, das zwiſchen Ratz und Maulwurf ſtehende Tupaja 
tana, einige außereuropaͤiſche Eichhoͤrnchen und eine aus— 
gezeichnet ſchoͤne Varietaͤt eines Haſen. 

Zu den Voͤgeln ſind manche Seltenheiten gekommen, 
beſonders ſchaͤtzbare oſtindiſche Species, dann der ſeltene 
II. 10 


— 134 — 


Cursorius isabellinus aus der Tartarei, und die gleich 
ſeltenen Pterocles setarius aus den Pyrenaͤen und Turdus 
Naumanni, ferner ein auf der Saale erlegtes, ungemein 
ſchoͤnes Exemplar von Mergus merganser, mit dem 
praͤparirten, ſo merkwuͤrdig gebildeten Kehlkopf, vom Hrn. 
Dr. Richter in Roda eingeſandt, dann ein Exemplar von 
Podiceps cristatus, Geſchenk des Hrn. Foͤrſter Kohl— 
mann in Gangloff. Der ausgezeichnetſte Gewinn aber 
war fuͤr unſer ornithologiſches Kabinet die ſowohl durch 
große Vollſtaͤndigkeit, als durch ſeltene Schönheit der Exem⸗ 
plare ausgezeichnete Sammlung deutſcher Raubvoͤgel, welche 
der Hr. v. Poͤllnitz in einer langen Zeit und mit dem be— 
harrlichſten Streben zuſammengebracht und der Geſellſchaft nun 
zum Geſchenk gemacht hat. Gern haͤtten wir dieſe Samm— 
lung fuͤr fi) als eine v. Poͤllnitziſche Schenkung beſtehen lafs 
ſen, wenn dies unſer beſchraͤnkter Raum geſtattete. So haben 
wir fie der übrigen Sammlung einverleiben muͤſſen. Meh— 
rere Species, wie der koſtbare Falco islandieus, Edelfalk, 
der artige Falco aesalon, Merlin, ſind neu fuͤr uns, andre 
glänzen durch ihre Schönheit und Größe bemerkenswerth 
als Prachtexemplare unter den uͤbrigen hervor, oder erwecken 
als ſeltene Varietaͤten, wie der ſchoͤne weiße F. buteo, 
ein lebhaftes Intereſſe. So hat denn der verehrte Geber 
zu den vielen Verdienſten um unſre Geſellſchaft ein neues 
hinzugefügt, das, wie jene andern, von uns ſtets in dank⸗ 
barem Andenken fortleben wird. 

Auf dem Wege des Tauſches haben wir vom Hin 
v. Huͤber in Klagenfurt einige neue Sachen erhalten, nach 
denen wir bisher vergeblich geſtrebt hatten, ſo ein ſchoͤnes 
Paͤrchen von dem uns oft verheißenen, allein bis jetzt noch 
nicht gelieferten Haſelhuhn, ein Paͤrchen von dem aller— 
liebſten Tichodroma phoenicoptera, den Anthus Doricus 
und Emberiza melanocephala. Zwei uns noch fehlende 
europaͤiſche ſeltene Arten, den Falco timunculoides und 
Strix acadica haben wir noch von ihm zu erwarten. 

Durch Hrn. Profeſſors Leunis in Hildesheim Guͤte 
konnten wir die ſo hoͤchſt gefaͤhrliche Kreuzotter in allen 


— 15 — 


Verſchiedenheiten des Colorits nach Alter und Geſchlecht 
lebendig beobachten und die hieſige Jugend mit dieſem 
Thiere bekannt machen. Schon manches Menſchenleben iſt 
durch den Biß dieſes Thieres gefaͤhrdet, ja vernichtet, 
manches lebenslaͤngliche Siechthum herbeigefuͤhrt worden, 
und doch hat man es bisher ſo wenig gekannt, daß noch 
im vorigen Jahre durch die Unbekanntſchaft damit auch in 
hieſiger Stadt großes Ungluͤck haͤtte entſtehen koͤnnen, das 
wie durch ein Wunder abgewendet blieb. Es mußte uns 
daher ſehr erfreulich ſein, zu gleicher Zeit mit den dankbarſt 
erkannten Maas nahmen einer hohen Landesregierung zur 
Verminderung dieſer ſchaͤdlichen Thiere in unſerm Vater— 
lande den Mitgliedern unſers Vereins und dem hieſigen 
Publikum überhaupt theils durch die Lectuͤre des hoͤchſt 
lehrreichen Schlangenwerkes von Lenz, theils durch Aus— 
ſtellung lebender, vom Hrn. Stadtapotheker Baumann in 
ſicherem Gewahrſam gehaltener Kreuzottern etwas dazu bei— 
tragen zu koͤnnen, daß dieſe Giftſchlangen bekannter und 
beſſer vermieden werden moͤchten. Leider war es uns heute 
noch nicht moͤglich, ſowohl dieſe, als auch eine Anzahl 
anderer zum Theil ausgezeichnet ſeltner und ſchoͤner Am— 
phibien, die wir unſerm lieben Landsmanne, Hrn. Dr. 
Schlegel zu Leyden, verdanken, gehoͤrig aufzuſtellen, da wir 
bisher die dazu noͤthigen Cylinderglaͤſer noch nicht herbei— 
ſchaffen konnten. Beim naͤchſten Stiftungsfeſte wird wohl 
auch dafür geſorgt fein. 
Auch die Conchylienſammlung, deren ſich Hr. Polizei⸗ 
pedient Reefe eifrigſt angenommen hat, iſt wenigſtens 
nicht ganz leer ausgegangen. Sie iſt um eine kleine An— 
zahl Suͤßwaſſerconchylien vermehrt worden, die wir von 
Hrn. v. Huͤber in Klagenfurt erhalten haben. Einen 
andern Zuwachs duͤrfen wir von unſerm verehrten Freunde, 
dem durch feine trefflichen naturhiſtoriſchen Werke rühmlichſt 
bekannten Hrn. Kuͤſter in Erlangen erwarten. 
Die Geſellſchaft hat ſich auf den dringenden Wunſch 
der Entomologen zu einer für ihre Kraͤfte ſehr bedeutenden 
Anſtrengung bewegen laſſen. Es ſind mit einem Aufwande 


10 * 


— 156 — 

von beinahe 80 Thlrn. zwei Inſectenſchraͤnke angeſchafft 
worden. Dies haben denn die Entomologen dankbar er— 
kannt und für die beiden wichtigſten Inſectenclaſſen, für 
die Schmetterlinge und Kaͤfer, geleiſtet, was ſie nur leiſten 
konnten. Die europaͤiſchen Lepidoptern ſind von Hrn. Privat⸗ 
lehrer Schlenzig in die ſchoͤnſte Ordnung gebracht mit einem 
Opfer von Zeit und Muͤhe, wofuͤr ihm die Geſellſchaft 
nicht dankbar genug ſein kann. Viele Luͤcken hat derſelbe 
aus ſeinen eignen Doubletten ergaͤnzt, andere zum Theil 
ſehr ſeltene Species verdanken wir der Güte zweier cor— 
reſpondirenden Mitglieder, des Hrn. Superintendent Heyden⸗ 
reich zu Weißenfels) und des Hrn. Graveurs Schmidt 
ebendaſelbſt. Mit Arten aus der Familie der Mikrolepi⸗ 
doptern, einer Familie, welche gerade in unſern Tagen 
ſo viele Entomologen beſchaͤftigt, hat unſre Sammlung 
Hr. Kupferſtecher Harzer in Dresden anſehnlich bereichert. 
Dies muß uns um ſo lieber ſein, da dieſer Kuͤnſtler durch 
feine unübertrefflichen Tafeln zu dem claſſiſchen Werke von 
Fiſcher Edlen von Roͤßlerſtamm uͤber die Mikrolepidoptern 
ſich als Meiſter in dieſem Fache bewaͤhrt hat. Denn dieſe 
Tafeln ſind in Hinſicht auf Genauigkeit und Schoͤnheit 
das Vollendetſte, was Europa in dieſer Art bis jetzt auf⸗ 
zuweiſen hat. . 

Die Kaͤfer ſind, mit Ausnahme der beiden Familien 
der Heteromera, an welchen wir noch ſehr arm ſind, 
und der Mikroptera, deren Beſtimmung aͤußerſt ſchwierig 
und zeitraubend iſt, geordnet, wie es die dargebotene Raums 
lichkeit verſtattete. Alle Producte des Oſterlandes ſind mit 
einem rothen Papierchen verſehen. Hunderte von Species 
ſtecken bereit, um kuͤnftig eingeordnet zu werden, wozu 
hoffentlich der naͤchſte Winter Zeit bringen wird. Eine 


*) Der auch heute einige intereſſante Species durch Hrn. Paſtor 
Thienemann uͤberſendet und bedauert, nicht ſelbſt erſcheinen und einen 
bereits ausgearbeiteten Vortrag halten zu koͤnnen. 


- 137 — 


Vermehrung um 200 Species verdanken wir der Freigebigs 
keit eines verehrten Freundes, des Hrn. Cantors Maͤrkel 
in Stadt Wehlen in der ſaͤchſiſchen Schweiz. Dieſer tuͤch— 
tige Entomolog hat uns fernere Zuſendungen verſprochen, 
denen wir mit Verlangen entgegenſehen, da ihn ſeine 
reiche Gegend in den Stand ſetzt, werthvolle Producte zu 
ſchicken, und feine Beſtimmungen gerade in den ſchwierig— 
ſten und kleinſten Gattungen zuverlaͤſſig ſind. Auch iſt die 
Sammlung um eine Anzahl krainer Kaͤfer vermehrt worden, 
welche der Vortragende von ſeinen von dorther erhaltenen 
Doubletten an das Muſeum abgeben konnte. Mehrere Ver— 
ſuche, Inſecten aus Ungarn zu erhalten, ſind bis jetzt fehl— 
geſchlagen. Da wir nun auf den Ankauf folder Natur 
ralien fuͤr jetzt keine Geldmittel verwenden koͤnnen, ſo wird 
uns dieſes reiche Land vorerſt wohl noch verſchloſſen blei— 
ben, waͤhrend wir von dortigen Freunden die koſtbarſten 
Mineralien erhalten haben. Für die uͤbrigen Inſecten— 
claſſen hat bis jetzt noch wenig geſchehen koͤnnen. 

Einen neuen erwuͤnſchten Zuwachs hat unſre Samm- 
lung in einem Zweige erhalten, in dem wir bisher noch 
gar nichts beſaßen. Es iſt dies eine Anzahl von Zoo— 
phyten, die uns Hr. Schlegel geſandt hat. Sie werden 
ſich uͤber die wunderlichen Gebilde dieſer Zwitterweſen ge— 
freut haben, von deren Bewohnern wir lange nur ſehr 
duͤrftige Rotizen erhalten haben, bis erſt in neuerer Zeit 
die Beobachtungen einiger Raturforſcher uͤber ihr Leben und 
über ihre Fortpflanzung uns wo moͤglich ein noch größeres 
Intereſſe fuͤr ſie abgewonnen haben. 

Pflanzen erhielten wir von Hrn. Geyer in Siber 
der uns ſchon fo oft mit, Beiträgen für unſer Herbarium 
beſchenkt hat, und ein Prachtexemplar einer Peziza vom 
Hrn. Poſtmeiſter Hager, wozu der Gymnaſiaſt Geinitz noch 
eine andere Species lieferte. Die Mineralienfammlung 
endlich wurde beſchenkt von den Herren Martius, Schade⸗ 
witz, Zinkeiſen, mit einem Echinit, den er auf ſeinem 
Felde gefunden, vom Hrn. Gutsbeſitzer Kreß, und am heu⸗ 


= 188 = 


tigen Tage mit einer ſehr ſchoͤnen geognoſtiſchen Suite der 
Kohlenformation bei Dresden, vom Attilleriearzt Hrn. Praͤske 
in Dresden. 

Der Leitung der Bibliotheksgeſchaͤfte hat ſich auch in 
dem verfloſſenen Jahre Hr. Geheime Hofrath Dr. Wink⸗ 
ler mit gewohnter Sorgfalt unterzogen und die Benutzung 
derſelben moͤglichſt zu erleichtern geſucht. Wer das Muͤh— 
ſelige und oft auch Verdrießliche dieſer Geſchaͤfte kennt, 
wird ihm in der Stille des Herzens fuͤr die Muͤhe und 
die Zeit danken, welche er dem Beſten der Geſellſchaft, 
auf das er ſtets eben ſo eifrig, als uneigennuͤtzig bedacht 
geweſen iſt, zum Opfer gebracht hat. Vermehrung erhielt 
die Bibliothek theils durch Ankauf aus eignen Mitteln, 
theils durch Geſchenke, welche einem ſchon fruͤher gegebenen, 
aber noch nicht erfüllten Verſprechen gemäß mit den üb» 
rigen, ſeit einigen Jahren der Geſellſchaft verehrten Gaben 
in den Mittheilungen oͤffentlich bekannt gemacht werden 
ſollen. Durch einen abermaligen Beweis des uneigen— 
nuͤtzigſten Beſtrebens, ſich der Geſellſchaft nuͤtzlich zu er 
weiſen, machte es uns Herr von Poͤllnitz moͤglich, das 
claſſiſche Werk von Naumann uͤber die Voͤgel Deutſch— 
lands zu erwerben, indem er uns daſſelbe, ſo weit als 
es bis dahin erſchienen war, um die Halfte des Preiſes 
von 120 Thlrn., alſo um 60 Thlr. kaͤuflich uͤberließ und 
es uns uͤberdies geſtattete, dieſe fuͤr uns ſehr bedeutende 
Summe in einzelnen Friſten allmaͤlig abzutragen. Wenn 
der Beſitz dieſes beruͤhmten Werkes fuͤr jede naturwiſſen— 
ſchaftliche Bibliothek hoͤchſt wuͤnſchenswerth ſein muß, ſo 
hat er fuͤr uns auch deshalb ein beſonderes Intereſſe, weil 
gerade unſere ornithologiſche Sammlung aus leicht begreif— 
lichen Gründen immer mit einiger Vorliebe gepflegt worden 
iſt und wir nun in zweifelhaften Faͤllen, was die deutſchen 
Voͤgel betrifft, einen zuverlaͤſſigen Fuͤhrer haben. 

Die Anſchaffung dieſes Werkes und andrer literariſchen 
Hülfsmittel, welche für einen wiſſenſchaftlichen Verein ganz 
unentbehrlich find, namentlich der Ankauf erſchienener Fort⸗ 
ſetzungen von theuern naturgeſchichtlichen Buͤchern, als 


— 139 — 


De Candolle's Flora, Oken's Raturgeſchichte, Rees v. Eſen⸗ 
beck's Genera plantarum, Goldfuß's zoologiſcher Atlas, 
Zenker's Flora und der circulirenden Journale, verbunden 
mit dem Ankauf theurer Inventarienſtücke, wie der Inſecten⸗ 
ſchraͤnke, hat natuͤrlich unſre Caſſe ſehr in Anſpruch ge— 
nommen. Es wird alſo nicht befremden, wenn ich be— 
merke, daß ſich, ungeachtet der im vorigen Jahresbericht 
angezeigten Vermehrung unſerer Geldmittel, ungeachtet wir 
uns manchen billigen Wunſch verſagten, manche beanſpruchte 
oder beantragte Ausgabe zuruͤckwieſen, unſere Finanzen den» 
noch keineswegs in einem bluͤhenden Zuſtande befinden, 
und daß wir uns auf das Roth wendigſte beſchraͤnken muß⸗ 
ten, um mit Ehren durchzukommen. Daher muͤſſen wir 
uns aber auch gluͤcklich ſchaͤtzen, daß wir im Hrn. Dr. Brand 
einen fo pünftlichen und mit den Intereſſen und Beduͤrf— 
niſſen unſerer Geſellſchaft ſo vertrauten Caſſenbeamten be— 
fisen, und daß fi ich derſelbe auch ferner dem nicht eben 
angenehmen Geſchaͤfte der Verwaltung unſerer Caſſe unters 
ziehen will. Uebrigens werden wir auch in Zukunft fort— 
fahren, wie bisher die Zwecke der Geſellſchaft mit ihren 
Mitteln im Gleichgewichte zu erhalten. 
Zuletzt wende ich mich nicht ohne das Gefühl tiefer 
Wehmuth zu den Veraͤnderungen, die mit dem Perſonale 
der Geſellſchaft vorgegangen ſind. Mehrere Mitglieder, 
deren weitberühmte Namen unſerer Geſellſchaft zur Zierde 
e und die oͤfters durch Schrift und Gabe ihre 
itgliedſchaft bethaͤtigten, find uns durch den Tod ent 
riſſen worden. So der unvergeßliche Zenker, ſo Rees v. 
Eſenbeck, ſo Paula-Schrank und Sickler. Und unſer all⸗ 
gemein verehrter und geliebter Schottin — ach, wir werden 
ihn nicht mehr unter uns erblicken. Er wandelt nun in 
8 jenem von irdiſchen Rebeln nicht mehr getrübten Lichte, 
deſſen Ahnungen ihn hier auch dann noch, als ſchon ſein 
irdiſches Auge dunkelte, ſo oft verzuͤckten. Vielleicht ſchoͤpft 
er nun unmittelbar aus dem Quell jener Urkraft, die, wie 
ſie das All traͤgt, ſo auch ſein edles Gemuͤth bewegte. 
Das Andenken des wohlthaͤtigen Arztes, des geiſtreichen 


— 40 — 


Forſchers, des edeln Menſchen, des frommen Chriſten, un⸗ 
ſers Freundes und Vorbildes ſei unter uns geſegnet! — 
Auch die Zahl unſerer einheimiſchen Mitglieder wurde durch 
den Tod gelichtet. So mußte der Hr. Geheime Hofrath 
Dr. Schuderoff, er, der ſelbſt ſo Vielen das Leben er— 
halten oder gefriſtet, nach langem, ſchmerzlichem Kranken⸗ 
lager erliegen. Den herbeſten Verluſt aber erlitt unſere 
Geſellſchaft durch den Tod des Hrn. Geheimenraths und 
Kammervicepraͤſidenten Geutebruͤck. Er war einer der Stifter 
unſerer Geſellſchaft und gehoͤrte ihr vom erſten Augenblicke 
ihres Beſtehens bis zu ſeinem letzten Athemzuge mit einer 
Innigkeit und mit einer Thaͤtigkeit an, wie fie ſelten ges 
funden werden. Seine lehrreichen Vorleſungen in unſern 
Monatsſitzungen und an unſern Stiftungstagen, feine Vor— 
traͤge in der eigenen Wohnung, wo er, unterſtuͤtzt von 
einem glänzenden Apparat, für feine Lieblings wiſſenſchaft 
Reigung zu erwecken und ihre Kenntniß allgemeiner zu 
verbreiten nicht ohne Aufopferung der ihm koſtbaren Muße⸗ 
ſtunden bemuͤht war, die gluͤcklichen Erfolge, mit denen er 
ſo oft die Intereſſen der Geſellſchaft befürwortete, und bei 
dem Allen ſeine liebenswuͤrdige Beſcheidenheit und ſeine 
aͤchte Humanitaͤt haben ihm ein ehrenvolles Andenken unter 
uns geſichert, das dauern wird, ſo lange die Geſellſchaft 
ſelbſt beſteht. 4 


Einige einheimiſche Mitglieder fanden ſich durch ver⸗ 
ſchiedene Ruͤckſichten bewogen, aus unſerm Kreiſe aus⸗ 
zuſcheiden, naͤmlich: 

Herr Kaufmann Beſſer, 
s Gaſtwirth Müller und 
⸗Kriegscommiſſaͤr Pitſchel. 


Beilauſig moͤge hier bemerkt werden, daß zufolge Geſell⸗ 


ſchaftsbeſchluſſes vom 6. März 1838 kuͤnftig von jedem 
freiwillig austretenden Mitgliede das Diplom zurückgefordert 
werden fol, ö 1 

Aufgenommen wurden im Verlaufe des letzten Jahres: 


— 141 — 


a) zu Ehrenmitgliedern: hir 
Hr. Julius Vincenz Edler von Krombholz, Dr. der 


Mediein und Profeſſor an der Univerfität zu Prag; 


5 


10) 


Hr. Dr. und Profeſſor Mikan zu Prag; 
Hr. Georg Bentham, Seeretär der Horticultur-So— 
cietaͤt zu London; 
Hr. Geheimer Hofrath Bachmann, Dr. und Profeffor 
der Philoſophie zu Jena. 
b) zu einheimiſchen Mitgliedern: 
Hr. Dr. Bernhardi junior, der aber bald nach feinem 
Eintritte wieder geſtorben iſt; 
Hr. Hofapotheker Huͤbler; 
Hr. Stadtrichter Ritter, welchen beiden in der heutigen 
Feſtſitzung die Diplome überreicht werden ſollen. 
c) zu correſpondirenden Mitgliedern: 

Hr. Apotheker Lucaͤ zu Berlin; 

Hr. Apotheker Beneke zu Naumburg; 

Hr. Superintendent Heydenreich zu Weißenfels; 
Hr. Graveur Schmidt zu Weißenfels; 

Hr. Profeſſor Koſteletzky zu Prag; 

Hr. Cuſtos Corda zu Prag; 

Hr. Apotheker Lang aus Reutra in Ungarn; 

Hr. Dr. Biaſoletto, Vorſteher des botaniſchen Gar⸗ 
tens zu Trieſt; 

Hr. Dr. Schnitzer in Berlin; 1 

Hr. Dr. ph. Geinitz, Lehrer an der polytechniſchen 
Anſtalt zu Dresden. 8 
In der am 12. Juni gehaltenen Wahlverſammlung 


wurde beſchloſſen, daß, da mit dem Tode des Hrn. Vice⸗ 
praͤſidenten Geutebrück der §. 14. Nr. 4. der Statuten 
vorgeſehene Fall eingetreten ſei, zufolge dieſes Paragra⸗ 
phen Hr. Landjaͤgermeiſter Graf v. Beuſt erſucht werden 
ſolle, noch ein Jahr lang im Directorium zu bleiben, 
welchem Wunſche der Hr. Graf auch entſprochen hat. 
Demnach bilden in dieſem Jahre das Directorium 


— 142 — 


a) Hr. Landjaͤgermeiſter Graf v. Beuſt, 
b) ⸗Kammerrath Waitz, 
c) = Rath und Kammerverwalter Binfeifen, welchem 
die dritte Directorialſtelle übertragen wurde. 
Im übrigen Beamtenperſonale wurde keine Veraͤn⸗ 
derung beliebt. N 


XXII. 


Ueber die Braunkohlenlager unweit 
Altenburg. 


Zweite Abhandlung. 
Vom Rath Zinkeiſen. 


Durchlauchtigſter Herzog! 
Hochgeehrteſte Herren! 
Meine Ihnen vor zwei Jahren an unſerm Stiſtungsfeſte - 
vorgetragene Abhandlung über unfere Braunkohlenlager und 
deren Abbau iſt ſo nachſichts voll aufgenommen worden, daß 
ich mir gegenwaͤrtig wohl erlauben darf, uͤber die Wahr— 
nehmungen daruͤber waͤhrend dieſer Zeit bis jetzt Einiges 
nachzutragen und Ihnen dann eine Zuſammenſtellung und 
Vergleichung uͤber die Zerſtoͤrungen und Veraͤnderungen, 
welche vorzugsweiſe die ſaͤmmtlichen Holzgattungen der 
Vorwelt und Gegenwart bis auf unſere Zeiten erlitten 
haben und noch erleiden, vorzulegen, wozu mir das 
bituminoͤſe Holz in der Sa und die, rn 
ſchung über die Frage: 
welchen Gohpäkkähgene PO. die dani 
Hölzer unſerer Braunkohlenlager wohl an? 
Veranlaſſung gegeben hat. 


— 143 — 


Ich gehe ſofort zum erſten Theile meiner gegenwaͤr⸗ 
tigen Arbeit, zu den ö 
Wahrnehmungen über unfere Braunkohlenlager und 
ihren Betrieb ſeit meines Vortrags vor zwei Jahren 
über, 
Zuerſt habe ich Ihnen eine nicht unintereffante neue 
Entdeckung für den Naturforfiher, der freilich auch fein 
Auge den kleinſten Kleinigkeiten zuwenden muß, mitzutheilen. 
Raͤmlich ich ward von dem gefaͤlligen Gaſthofsbeſitzer Hrn. 
Thurm hier darauf aufmerkſam gemacht, daß er vorigen 
Winter in ſeiner bekannten Braunkohlengrube unweit hier 
wieder auf den Ort gekommen ſei, wo im Jahre 1832 
die den Mandeln oder Cacaobohnen aͤhnlichen Fruͤchte ent— 
deckt wurden, welche ich in meiner S. 101 ff. des 2. Viertel⸗ 
jahrsheftes der Oſterlaͤndiſchen Mittheilungen pr. April 1837 
abgedruckten Vorleſung beſchrieben habe, und daß deren 
auch bereits wieder gefunden worden. Bei hierauf vor— 
genommenen Nachſuchungen fand ich dieſes allerdings be— 
ſtaͤtiget und war ſo gluͤcklich, wiederum eine kleine Anzahl 
davon ſelbſt aufzufinden, wovon ich Ihnen eine Probe in 
beifolgenden zwei Kaͤſtchen, abgeſondert nach den zwei ver— 
ſchiedenen von Zenker mit Baceites cacaoides und rugosus 
bezeichneten Arten vorzuzeigen die Ehre habe. Bei dieſer 
Gelegenheit bemerkte ich nun, daß die obere Schicht der 
Braunkohle, wo dieſe Fruͤchte 30 Ellen tief in einem mit 
feinförnigen und dem feinſten weißen Sand gemengten 
Haufwerk von bitumindſen kleinen Zweigen, Baumrinden 
und Blättern, welche theilweiſe ſchon ganz in Braunkohle 
übergegangen find, mit einer Menge ſchwarzen Samen— 
koͤrnern untermiſcht ſei „welche man früher bei ifo 
lung jener Früchte nie bemerkt hat. 

Ich habe mir viel Muͤhe gegeben, etwas Wem 
ſammeln, bin aber nur, bei der großen Serbrechlichkeit 
dieſes Samens, obgleich er, wie geſagt, häufig in erwaͤhnter 
Schicht vorkommt, nur die in beifolgendem Gläschen ber 
findliche Parthie zuſammenzubringen im Stande gewefen, - 
Er, ſieht dunkelgraulichſchwarz, hat theilweiſe durch 


— 144 — 


die erlittene Compreſſion die rundliche Geſtalt einer kleinen 
Linſe mit zwei entgegengeſetzten ſtumpfen Spitzen angenom⸗ 
men, während die urfprünglihe Geſtalt eine walzenförmige, 
am einen Ende mit einer Spitze, am andern abgerundet, 
ungefaͤhr von der Form des Fichten- oder Kiefern-Samens 
geweſen zu ſein ſcheint; iſt jedoch etwas groͤßer als dieſe 
beiden Samenarten und kleiner als ein mittlerer Apfelkern, 
der innere Kern iſt davon verſchwunden und das Ganze 
in braunkohlenaͤhnlichem Zuſtande. 

\ Ob ich gleich geneigt wäre, denſelben für eine Art 
Schwarzholzſamen anzuſprechen, in Beruͤckſichtigung der 
früher in dieſer Grube aufgefundenen Zapfen und uͤber— 
haupt haͤufig vorkommenden, dem Pinusgeſchlecht unbeſtritten 
aͤhnelnden bitumindfen Holzgattungen, fo maße ich mir doch 
darüber kein Urtheil an, fondern überlaffe dieſes lediglich 
den Herren Botanikern. 

Zur Vergleichung jedoch habe ich die Samenarten 
unſerer Schwarzholzgattungen beigefuͤgt, und zwar im 
Glaͤbchen f 

Nr. 1 von Pinus abies, Tanne, 

„ 2 „„ pycea, Fichte, 

„ 3 „„ 'sylvesiris, Kiefer, 

e 4 # laryx, Lerche, 

„ 5 2 e mughus, Krumbholzkiefer, 
welchen letzteren ich vom Rieſengebirge ſelbſt mitgebracht. 

Der Samen von Pinus cembra, Zirbelnuß, fehlt 
mir leider. Sehen Sie Selbſt und entſcheiden Sie. 

Es iſt dieſes Auffinden von urweltlichen Samenarten 
zwar nichts Reues, indem Ritter v. Leonhardt in ſeiner 
Geognoſie und Geologie vom Jahr 1835 S. 213 anführt, 
daß ſich in den untern Theilen mancher Torfablagerungen 
gewiſſe Samenarten von 

Menyanthes trifoliata, Fieberklee, 

Scheuchzeria palustris, Sumpfſcheuchzerie, eine Art 

Binſengewächs und Carex und Segge-Arten 
haͤuſig finden; ob dergleichen Samenarten aber in der 


a 


Braunkohle ſchon vorgekommen, iſt mir nicht erinnerlich 
und daher dieſe Erſcheinung gewiß beachtenswerth. 
Beifolgende Stuͤcke der oberſten Braunkohlenſchicht, 
worin mehrere mandelartige Fruͤchte mit dieſen Samen 
gemiſcht zugleich abgelagert ſind, moͤgen Sie, hochgeehrteſte 
Herren, von dieſem Vorkommen ſelbſt genau uͤberzeugen; 
nur empfehle ich fie der leichten Zerſtoͤrbarkeit und Seltene 
heit wegen, da beide Vorkommen auf einen verhaͤltniß— 
maͤßig ganz kleinen Raum beſchraͤnkt ſind, Ihrer gefaͤlligen 
zarten Behandlung. 

Eine fernere merkwuͤrdige Erſcheinung in derſelben 
oberſten Braunkohlenſchicht der Grube des Herrn Thurm 
iſt das Vorkommen der vegetabiliſchen Holzkohle, 
ſcheinbar von uͤber der Erde verbrannten, kaum zolldicken 
Reiſern und Aeſten herruͤhrend und ſtets nur kurze ab— 
gebrochene Kohlenſtuͤckchen enthaltend, wie Sie aus bei- 
gehenden Exemplaren erſehen werden. Durch welchen Ver— 
brennungs- oder Verkohlungsproceß mögen fie entſtanden 
und wie mit der Braunkohle und dem bituminoͤſen Holz 
überhaupt, dem jedenfalls ein erwaͤrmter feuchter Gaͤhrungs— 
proceß zum Grunde gelegen, zuſammengefuͤhrt und innig 
gemengt worden fein? Hypotheſen darüber aufzuſtellen, 
wuͤrde zu weit abfuͤhren, ich enthalte mich jeder. 

Rur uͤber eine aus meinen mehrfachen Rachforſchungen 
hervorgegangene innere Ueberzeugung muß ich mich nach— 
traͤglich noch ausſprechen: 

Ich glaube naͤmlich mit vieler Gewißheit annehmen 
zu koͤnnen, daß die mehrgedachten mandelartigen Fruͤchte 
und neuaufgefundenen Samen nicht, wie der verſtorbene 
Profeſſor Dr. Zenker in Jena in feinen Beiträgen zur 
Naturgeſchichte der Urwelt, Jena 1833, über erſtere ana 
gibt, aus ſuͤdlichen Gegenden oder aus der Nähe, vielleicht 
dem Erzgebirge, herangeſchwemmt worden, ſondern daß der 
Strauch oder Baum, von welchem ſie herruͤhren, auf der 
Stelle geſtanden, wo jene Fruͤchte jetzt noch gefunden wer— 
den. Denn wie koͤnnten dieſe gerade auf einem ſo ſehr 
beſchraͤnkten Raume durch Waſſerfluthen aus der 


— DE — 


Ferne zufammengeführt worden fein ? und mache Sie hierbei 
namentlich auf das eine vorgezeigte Stuͤck aufmerkſam, 
worauf 18 Stück ſolcher Fruͤchte auf einem Raume von 
3 Zoll im Quadrat zuſammengehaͤuft ſind. Denn man 
glaube ja nicht, daß fie in der ganzen Thurm'ſchen Braun— 
kohlengrube überall vorkommen und ſo ſehr leicht zu finden 
ſind; der Raum, wo ſie vorkommen, iſt im Ganzen klein 
zu nennen und wer ihren Fundort und ihr Vorkommen 
nicht genau kennt, kann unter den großen herausgeſchafften 
Braunkohlenhaufen Wochen und Monate lang ſuchen, ohne 
nur eine einzige zu finden, waͤhrend ſie in der Schicht, 
worin ſie abgelagert ſind, gerade nicht ſelten vorkommen. 
Wuͤrden ſie nicht durch die Waſſerfluthen in dem ganzen 
Braunkohlenlager ſo zerſtreut worden ſein, daß ſie vielleicht 
gar nicht entdeckt worden waͤren? Daß Waſſerfluthen 
dabei thaͤtig geweſen ſein muͤſſen, iſt zwar durchaus nicht 
abzuſtreiten, aber koͤnnen ſie nicht vielleicht die Bodenflaͤche 
jener Baͤume oder Straͤucher mit groͤberem oder ganz feinem 
Sand, der in jener Schicht uͤberall gefunden wird, nur 
leicht beſpuͤlt und überfhüttet haben? 


So viel von den neueren Vorkommniſſen in unſern 
Braunkohlengruben. Ich gehe nun zur weitern Aufſchließung 
der maͤchtigen Braunkohlenlager unſerer Gegend uͤberhaupt 
waͤhrend der verfloſſenen zwei Jahre uͤber. 


So weit ich daruͤber habe nachkommen koͤnnen, ſind 

in dieſem Zeitraum wiederum 
9 neue Gruben 
eröffnet worden, und zwar: 

2 Gruben hier links vom Paditzer Fußſtege 8 der 
Goͤpel'ſchen Ziegelſcheune zu in der unmittelbaren Nähe 
hieſiger Stadt, wodurch ein ganz neues Braunkohlenlager 
von 6— 12 Ellen Maͤchtigkeit, 30 — 40 Ellen tief, entdeckt 
worden, deſſen Aufſchließung man jedenfalls einer vom 
Herrſchaftl. Ziegeleipachter, Hrn. Schadewitz hier, bei 
Herzogl. Cammer in Vorſchlag gebrachten Bohrung nach 
Braunkohle auf dem zur Hofziegelei gehoͤrigen Felde, zu 


— 147 — 


verdanken hat; beide ſind im Herbſt vorigen Jahres erſt 
eröffnet worden und beſchaͤftigen acht Streichtiſche; 

4 dergl. bei Oberloedla, auf dem ſogenannten Schel⸗ 
ditzer Berge, ſind ſaͤmmtlich erſt 1836 und 1837 angelegt 
worden; bei ihnen wird auf 13 Streichtiſchen gearbeitet; 

2 dergl. bei Waltersdorf, an den Sonnenbirken, wo— 
bei fünf Streichtiſche thaͤtig find; 

I dergl. nahe dabei im Cammerforſte, auf dem 
Pflichtendorfer Eckenhau, im diesjaͤhrigen Fruͤhjahre erſt neu 
eröffnet, benutzt 8 bis 10 Ellen Kohle und iſt dadurch der 
Beweis eines maͤchtigen Braunkohlenlagers unter dem 


Cammerforſte, deſſen Exiſtenz ich Ihnen bei meinem Vor⸗ 


trage vor zwei Jahren an demſelben Tage vorausgeſagt, 
bereits theilweiſe ſchon geliefert; ſie iſt an den Gaſtwirth 
zu Wintersdorf, Hrn. Landmann, von Herzogl. Cammer 
verpachtet und beſchaͤftiget dermalen zwei Streichtiſche. 
Leider bin ich durch Krankheit verhindert worden, 


über den fortgeſetzten Betrieb der übrigen Braunkohlen⸗ 


gruben in Untermolbitz, Oberzetzſcha, Poͤppſchen, Bocka, 
Treben, Serbitz, Thraͤna und Dippelsdorf die noͤthigen 
genauen Notizen einzuziehen und kann Ihnen daher nur 
dieſe auf die genannten Braunkohlenlager beſchraͤnkte Aus— 
kunft darüber mittheilen; ſobald mir es aber nur moͤglich, 
werde ich meine gegenwaͤrtige Arbeit auch durch Begehung 
der uͤbrigen Braunkohlengruben in obigen Gegenden zu 
vervollſtaͤndigen ſuchen. 

Bleiben wir aber auch nur bei den angefuͤhrten neu 
entdeckten neun Gruben ſtehen, ſo werden aus denſelben 
doch ſchon auf den dabei zur Zeit befindlichen 28 Streich— 
tiſchen 
108 11,200,000 Stuͤck Braunkohle 

alljaͤhrlich mehr als vor zwei Jahren zu Tage gefördert, 
nach meinen früheren Angaben 400,000 Stluͤck alljaͤhrlich, 
oder 3000 Stück taͤglich während 20 woͤchentlicher Streich— 
zeit für jeden Tiſch gerechnet, wobei den thaͤtigen Armen 
wiederum nur allein an e zu 6 Gr. br. = 
Stuck Ziegel, 


— 18 — 


2800 Thlr. jaͤhrlich 
neu zugewachſen ſind, waͤhrend davon eine Einnahme v von 
11,200 Thlr., 
1 Thlr. pr. 1000 Stück circa angenommen, gewonnen 
wird, und geht hieraus ferner hervor, daß eine Maſſe von 
Brennmaterial 

gleich 3733 Kl. 7 Scheite jaͤhrlich 
wiederum mehr als vor zwei Jahren für unſer gluͤckliches 
Land zu Tage gefoͤrdert wird, welche zeither tief im 
Schooße der Erde geſchlummert hat, wenn man auch nur 
3000 Stuͤck Braunkohle, die geringſte Annahme, einer 
Klafter 2 Scheite gleich rechnet, ein Reſultat, was gewiß 
hoͤchſt befriedigend iſt. f 
Als zweiten Theil meiner gegenwaͤrtigen Arbeit habe ich 

die Zerſtoͤrung und Veraͤnderungen, welche die 

ſaͤmmtlichen Holzgattungen der Vorwelt und Folge⸗ 

zeit bis auf die Gegenwart erlitten haben und 

theilweiſe noch erleiden, und was fuͤr unorganiſche 

Gebilde dadurch entſtanden ſind, 5 
aufzuzaͤhlen und zu beleuchten mir vorgenommen. Ich 
muß daher vom Organiſchen zum Unorganiſchen uͤber⸗ 
gehen, Sie, Hochverehrteſte, vom warmen, friſchen Leben 
zum kalten ſtarren Tode fuͤhren. Ich will verſuchen, 
ob ich dieſem Gegenſtande einiges Intereſſe abgewinnen 
kann; ihn gruͤndlich zu erſchoͤpfen geht uͤber meine Kraͤfte 
und Zeit. 

Bei der Betrachtung des gewoͤhnlichen Zerſtoͤrungs⸗ 
proceſſes aller Hoͤlzer, des Faulens nach einer gewiſſen 
Reihe von Jahren und Entſtehung von fruchtbarer Erde 
daraus, zum Wiederaufleben anderer derartiger Organismen, 
welches ja auch der Kreislauf unſeres irdiſchen Daſeins, 
wie aller organiſchen Weſen iſt: denn 

aus Staub wird Staub, 
ſtoßen wir auf Urſachen, wodurch jener Proceß des taͤg— 
lichen Lebens bei den Holzgattungen aufgehalten wird, auf 
Einwirkungen, wodurch der kraͤftige Baum oft ſeiner ganzen 
Geſtalt nach in eine andere Subſtanz nach und nach um⸗ 


* 


— 149 — 


gewandelt und nach Verluſt feines Organismus der Nach⸗ 
welt aufbewahrt wird. Wir haben uns hierbei an die 
uns überall unter der Erdoberfläche entgegentretenden Ers 
ſcheinungen, welche ihren Urſprung den umgewandelten 
Hoͤlzern verdanken, zu halten und muͤſſen daher unters 
ſcheiden: f 
1) Bituminoͤſes Holz, als erſten Grad der Umwandlung 
des Organiſchen ins Unorganiſche; 
2) Braunkohle, als vollendete Zerſetzung des Holzorga⸗ 
nismus; 
3) vegetabiliſche Holzkohle aus der Braunkohle; 
4) verkohlte Staͤmme aus der Steinkohlen-Formation; 
5) Steinkohle ſelbſt, jedoch nur theilweiſe; 
6) Eigentliches verſteinertes Holz oder Holzſtein; 
7) Holzopal; 
8) durch Tuff- oder Duckſtein umgewandeltes und mehr 
ober weniger verkalktes Holz. 

Die erſten beiden Gattungen, das bituminoͤſe 
Holz und die Braunkohle ſind bei den großen Ueber— 
fluthungen der Urwelt und Folgezeit in verſchiedenen auf 
einander folgenden Zeitperioden, wo die ganze Vegetation 
und mit ihr ganze Waͤlder wie einzelne Staͤmme zuſammen 
oder vereinzelt unter der Erde begraben wurden, entſtanden; 
es erfolgte da, wo ein ganzes Depot Vegetabilien abgela— 
gert war, eine vegetabiliſche, einen hohen Grad von Waͤrme 
erzeugende Gaͤhrung, entwickelte Schwefel und ſpaͤter Hua 
musſaͤure und entband das in den Vegetabilien enthaltene 
Bitumen, und ſo wurde der Holzorganismus nach und nach 
zerſetzt, aufgeloͤſt und zuletzt in die ſtaubartigen Theile un— 
ſerer Braunkohle umgewandelt, wie wir ſie jetzt ſehen; 
daß jedoch letztere jedenfalls auch einem ſehr großen Theile 
anderer Pflanzenuͤberreſte, als gerade den verſchiedenen Holz- 
gattungen ihre Entſtehung mitverdankt, iſt außer allem Zweis 
fel. Ganze Staͤmme der erſteren Art kommen auch in den 
Torfmooren vor. Sie find mithin organiſche Oxyde und ges 
hoͤren groͤßtentheils zu den tertiären oder Diluvialgebilden, 
und zwar zur dritten Gruppe der normalen Ge— 

II. 11 


> 


— 130 — 


ſteine, da ſie deutliche Schichtung und beſtimmte Alters⸗ 
ſolge haben, mithin allgemeinen Lagerungsregeln unterwor⸗ 
fen find; die Schwefelfäure iſt bei ihnen vorherr— 
ſchend und immerfort zerſtoͤrend thaͤtig, wie Sie aus dem 
beifolgenden Stuͤck bituminoͤſen Holzes, wo die Schwefel⸗ 
ſaͤure durch Zerſetzung an der Atmoſphaͤre in meiner Samm— 
lung erſt ſeit Jahr und Tag Schwefelkieshuͤgelchen angeſetzt 
hat und fo den Holzorganismus immerfort noch auflöft, 
recht deutlich erſehen werden. 


Das bituminöfe Holz enthält nach Karſten 
54,97 Kohlenſtoff 
26,47 Sauerſtoff 
4,31 Waſſerſtoff 
14,35 erdige Theile 
100, 00 
Der Kohlenſtoff bildet mithin den Hauptbeſtandtheil dieſer 
erſten beiden Gattungen. 


Die dritte und vierte Gattung, die 
vegetabiliſche Holzkohle aus der Braun- und Steins 
kohle, 
ſind, wie die Anſicht leicht erkennen laͤßt, aus dem eigent⸗ 
lichen Verbrennungs- oder Verkohlungsproceß hervorgegangen 
und in dieſem Zuſtande in der Braunkohle durch die großen 
Fluthen zerbrochen und in kleinen Stuͤcken mit den uͤbrigen 
Pflanzenreſten zuſammen deponirt und uns ſo erhalten 
worden, jeder weitern Zerſtoͤrung widerſtehend, wie ich im 
erſten Theile gegenwaͤrtigen Vortrages bereits bemerkt und 
die Belegſtücke dazu vorgezeigt habe, welche ich ‚hierauf 
nochmals zu betrachten bitte. 

In der Steinkohle kommt die vegetabiliſche Holzkohle 
eben fo zerbrochen, bisweilen aber auch in ganzen ver 
kohlten Staͤmmen vor, wie Sie in beifolgenden Stuͤcken 
aus den Steinkohlenſchachten zu Klein-Burgk im Plauen⸗ 
ſchen Grunde bei Dresden erſehen werden, die wir unter 
einer ſchoͤnen Suite aus der dortigen Steinfohlenformation 
erſt vorgeſtern von unſerm Mitgliede, dem K. S. Sen. 


— 11 — 


Militairarzt Preske in Dresden, welche zur Anſicht ausliegt, 
verehrt erhielten. Die Steinkohle oder Schwarzkohle vers 
dankt ihre Entſtehung zwar auch den Vegetabilien, welche 
wahrſcheinlich unter dem Gewichte mächtiger Lager mines 
raliſcher Subſtanzen zuſammengepreßt und darauf einer 
hohen Temperatur ausgeſetzt worden ſind, weniger aber 
vielleicht den eigentlichen Holzgattungen, als den Equiſeten, 
gigantiſchen Rohren (Kalamiten), gewaltigen Lycopodiaceen 
(Lepidodendren), den kryptogamiſchen Gefaͤßpflanzen (Farren, 
Schachtelhalmen ꝛc.) und Monokotyledonen (Palmen- und 
lilienartigen Gewaͤchſen) uberhaupt, wovon ich Ihnen meh— 
rere Stucke beigehend vorzulegen die Ehre habe. Sehr ſchoͤne 
deutliche Ueberreſte hiervon finden ſich in dem die Steinkohlen⸗ 
formation begleitenden Geſtein und den Lagern uͤber derſelben 
in bedeutender Menge vor. Vorzüglich bezeichnend für dieſe 
Formation und fie ganz von der der Braunkohle unters 
ſcheidend iſt es, daß, wahrend letztere mehr aus Holz— 
gattungen unſerer Zone theilweiſe aus jetzt noch vorkom— 
menden entſtanden zu ſein ſcheint, erſtere die Steinkohle 


ihren Urſprung der Urvegetation der Vegetabilien der Wende— 


kreiſe, oft von rieſenhaftem Wuchſe zu verdanken hat, deren 
Species ſaͤmmtlich von den in jenen Zonen noch vorkom— 
menden abweichen, mithin untergegangen ſind, und ſich dabei 
ſogar generiſche Differenzen davon wahrnehmen laſſen. 
Die Perioden, in welchen Stein- und Braunkohlen ent⸗ 
ſtanden ſind, liegen daher auch erſtaunend weit auseinander, 
indem erſtere vielleicht durch die Reſte der allererſten Vege— 
tation der aus dem Waſſer emporgehobenen Erdoberflaͤche 
gebildet wurden, waͤhrend die Braunkohle ihre Entſtehung 
den Vegetabilien einer weit ſpaͤteren Zeit verdankt, wo der 
Erdball vielleicht groͤßtentheils ſchon dieſelbe Form hatte, 
wie fie, heutigen Tages noch iſt. Den Verkohlungsproceß, 
welcher bei den Steinkohlen, wie bei den Braunkohlen 
ſtattgefunden, und der bei einer großen Aehnlichkeit doch 
noch ſehr verſchieden geweſen ſein muß, koͤnnen wir wohl 
ahnen, aber mit Gewißheit leider noch nichts daruͤber an— 
geben; vielleicht gelingt es den unermuͤdlichen Geognoſten 
| 11* 


— m — 


und Geologen in fpäterer Zeit darüber ins Reine zu 
kommen. 

Der Kohlenſtoff bildet auch hier, wie bei der Btaun⸗ 
kohle, den Hauptbeſtandtheil und weiſt recht deutlich au 
deren Entſtehung hin. 

Ich gehe nun zu einer ganz von dem bereits Ab⸗ 
gehandelten verſchiedenen Erſcheinung der umgewandelten 
Hölzer, welche ich unter Rr. 6 und 7 aufgeführt wen 
über, nämlich zu 

dem verſteinerten Holze 15 dem Holzſtein ſelbſt 
und dem 

Holzopal, 

055 freue mich, Ihnen davon ausgezeichnet ſchoͤne Stuͤcke 
vorlegen zu koͤnnen, welche wir, namentlich von letzterer 
Art, groͤßtentheils der wohlwollenden Güte unſeres hoch⸗ 
geehrten Mitglieds, des Hrn. Raths und Profeſſors Dr. 
Zipſer in Neuſohl zu verdanken haben, der unſere Samm— 
lung von Zeit zu Zeit ſo reichlich mit den mineralogiſchen 
Producten Ungarns beſchenkt hat, und dem ich hiermit 
nochmals unſern waͤrmſten Dank oͤffentlich dafür abſtatte. 
Möge, er uns fein uneigennütziges Wohlwollen auch ferner 
erhalten! — 

Beide, der Holzſtein und Holzopal, werden zu den 
abnormen Geſteinen der Diluvial- und Allu— 
vial- Ablagerungen gerechnet, weil ihnen das Merk—⸗ 
mal der Schichtung fehlt und die am meiſten bei Bildung 
der feſten Beſtandtheile unſerer Erdrinde thaͤtige Subſtanz, 
die Kief elerde, hat auch die urſpruͤnglich weiche Holz⸗ 
maſſe in eine ſo harte Steinart verwandelt, wie ſie jetzt 
vor uns liegt, bei dem erſteren, dem besten Holze, 
hat Hornſtein, bei letzterem, dem Holzopal, hat Halbopal 
das Verſteinerungsmittel abgegeben, und werden ſie ihrer 
Entſtehung nach von Leonhardt das erſtere zu den trocke— 
nen Metallſaͤuren und ihren Verbindungen, der Holz— 
opal zu den gewaͤſſerten Metallſaͤuren und ihren 
Verbindungen gerechnet, weil der chemiſche Beſtandtheil des 
erſteren groͤßtentheils Kieſelerde mit ſehr wenig Thonerde, 


— 133 — 


Eifenoryd und Waſſer iſt, der Holzopal aber ziemlich die— 

ſelben Beſtandtheile, jedoch eine bedeutende Menge Waſſer 

enthaͤlt. 

Die chemiſchen Analyſen beider ſind nach Kaptoth 
naͤmlich: 

1) beim Hornſtein 2) beim Halbopal 


oder Holzſtein: oder Holzopal: 

98,25 Kieſelerde 85,00 Kieſelerde 
0,75 Thonerde 8,00 Waſſer 
0,50 Eiſenoxyd 3,00 Thonerde 
0,50 Waſſer 1,75 Eiſenoxyd 
— Kalk 1,33 Kohle 

100/00 — alk 

99,08 


Der Holzſtein findet ſich im aͤlteren Sandſtein oder 
im Alluvium in großen Bloͤcken in Lehm- und Thonlagern, 
auch in ganzen Stämmen, im reinen kryſtalliniſch koͤrnigen 
Gypſe und im Steinkohlengebirge vor. Ganze Lager bildet 
er, ſo viel mir bekannt iſt, nie, und iſt faſt auf dem 
ganzen Erdkreis haͤufig verbreitet, hat meiſtentheils ſplitt— 
rigen, hoͤchſtens flachmuſchlichen Bruch und unterſcheidet ſich 
dadurch und durch ſeine groͤßere Haͤrte vom Holzopal, bei 
welchem der vollkommen flachmuſchliche Bruch vorherrſchend 
iſt. Der Holzopal kommt vorzugsweiſe auf Gaͤngen im 
älteren Gebirge, in Porphyr- und Grüͤnſtein-Geſteinen eins 
gewachſen und in Bimsſteinbreccie trͤmmerartig eingelas 
gert, und zwar am ausgezeichnetſten bei Telkebanya, Tokay, 
Libethen und im Bannate in Ungarn, ſowie am Sieben— 
gebirge am Rhein und zwar, wie das verſteinerte Holz, 
von faſt allen Farben, wiewohl ſelten gruͤn, vor; jedoch 


kann ich Ihnen auch von dieſer Farbe vom Holzſteine 


einige Proben vorzeigen. Den ſchoͤnen ungariſchen Holz— 
opal werden Sie ſchon in Augenſchein genommen ha— 
ben, den letzteren, ſo wie den Halbopal uͤberhaupt, haͤlt 


man zum Theil für ein Product des Feuers und heißer 


Quellen. 


— 134 — 


Ich komme nun auf das letzte, sub Nr, 8 n 

umwandlungsmittel des Holzorganismus, 
den Tuff oder Duckſtein; 5 
er zerfällt, je nachdem er feine Entſtehung den bülkani⸗ 
ſchen Gewalten oder Riederſchlaͤgen ralfhältigee Waſſer ver⸗ 
dankt, in 
Traß, vulcaniſchen Tuff oder Duc 
und in 
Kalktuff. 
Der erſtere gehoͤrt zu den vulcaniſchen, der letztere zu den 
neptuniſchen Gebilden, den Maſſe- und Structur-Ver⸗ 
haͤltniſſen nach der erſtere zu den abnormen ſchlacken— 
artigen Geſteinen, der letztere zu den gleichartigen dichten 
Geſteinen. 
Der vulcaniſche Tuff 
bildet eine eckige gelblichgraue und lichtbraune Hauptmaſſe 
und ſchließt als bezeichnende Gemengtheile Bimsſtelngeſchiebe 
und Trachytſtuͤcke, und als zufällige nicht ſelten ganze Holz⸗ 
ſtaͤmme, Rindenſtuͤcke, Zweige und Blätter verſchiedener 
Holgsattungen, welche halb oder ganz verkohlt, braun oder 
ſchwarz gefaͤrbt ſind, ein, weswegen er hier mit aufgefuͤhrt 
werden muß. Leider kann ich Ihnen davon keine Beleg— 
ſtuͤcke vorzeigen. 
Der Kalktuff, 

von welchem ich Ihnen mehrere Stuͤcke anbei zur Anſicht 
vorlege, iſt eine mehr oder weniger blaſige, ſchwammige 
oder poroͤſe Kalkmaſſe voller regelloſer Loͤcher und Zellen, 
als Riederſchlag kalkhaltiger Waſſer, theilweiſe unter Ein— 
wirkung heißer Quellen, wie in Carlsbad der Sprudelſtein, 
ein Calcinations- und Incruſtationsmittel vegetabiliſcher Sub— 
ſtanzen, von gelblichgraulichweißer, ins Graue, Braune und 
Rothe, ſeltener ins Schwaͤrzliche fallender Farbe, und ers 
haͤlt in der Regel die eingeſchloſſenen Holzfragmente, Aeſte, 
Rindenſtuͤcke, Blaͤtterabdruͤcke, Schwarzholznadeln ꝛc. faſt in 
natürlichem Zuſtande, ſehr wenig verändert, und unters 
ſcheidet ſich gerade hierdurch von dem vulcaniſchen Tuff, 
der jene Holzuͤberreſte meiſt mehr oder weniger verkohlt 


folgen. 


et 


einſchließt, ſehr charakteriſtiſch. Er iſt ein Gebilde neuerer 
Zeit, welches ſich auch immer noch fort erzeugt. | 

Hiermit hätten wir die Veränderungen, welche vor— 
zugsweiſe die Holzgattungen der Vorwelt und Gegenwart 
erlitten, und die Erſcheinungen, welche dadurch entſtanden 
ſind, ſaͤmmtlich durchgegangen und es bleibt mir nur noch 
die Frage uͤber die eine Art dieſer merkwuͤrdigen, auf unſere 
naͤheren Umgebungen Bezug habenden Erſcheinungen, die 
fuͤr uns von ſo uͤberaus großem Intereſſe iſt, zu beant⸗ 
worten uͤbrig, welche ich im Eingange des Megetwützigen 
Vortrags aufgeworfen habe, naͤmlich: 


Welchen Holzgattungen gehoͤren die bitumindſen 
Hölzer unſerer Braunkohlenlager wohl an?“) 


XXIII. 


Eine Luftſpiegelung, 


welche vom Hrn. Handlungscommis Theodor Berg— 
ner von hier am 11. Juli 1838 auf einem Morgen⸗ 
ſpaziergange fruͤh nach 3 Uhr beobachtet worden iſt. 


Am 11. Juli früh 33 Uhr erblickte ich von der Höhe 


hinter dem Gaſthofe zum goldnen Pfluge eine Luftſpiegelung 


(Fata Morgana). Anfangs ſah ich nur einen kleinen 


Theil davon uͤber dem Aufgangspuncte der Sonne, indem 
der übrige Himmel noch in Nebel verhuͤllt war. Die Ans 


A. Die Beantwortung dieſer Frage wird in einem gi Hel 


— 156 — 


fiht, welche fie zeigte, ſchien die Abbildung des mit Linden 
beſetzten Berges an der Leipziger Straße zu ſein, wie er 
ſich von meinem Standpunkte aus nach Nordoſten zeigt. 
Sie gewaͤhrte einen ungemein ſchoͤnen Anblick, da ſie gerade 
vor der Morgenroͤthe ſtand und der Raum zwiſchen dem 
Bilde und dem Horizonte blutroth ausſah, waͤhrend hoͤher 
hinauf durch die Bäume und über den Bäumen des Bils 
des das ſchoͤnſte Morgenroth leuchtete, was die Umriſſe 
ſehr ſcharf erkennen ließ. Als die Sonne hoͤher ſtieg und 
die Nebel wichen, zeigte ſich noch ein Theil der Anlagen 
und in einer der Größe der abgebildeten Gegenſtaͤnde ent 
ſprechenden Entfernung der Anfang der Lindenallee an der 
Leipziger Straße, von welcher ich die Abſpiegelung noch eine 
ziemliche Strecke weiter undeutlich durch den Rebel ſchim— 
mern ſah. In dem nebelfreien Stucke konnte ich die eins 
zelnen Linden ſehr genau unterſcheiden. Die Gegenſtaͤnde 
waren gleich Schattenbildern ohne Schattirung in natuͤr— 
licher Größe abgezeichnet. Die Entfernung der Grundlinien 
dieſes Bildes vom Horizonte war nicht ſehr bedeutend. 
Rechts reichte die Abſpiegelung nur wenig uͤber den 
Aufgangspunkt der Sonne hinaus. Kurz vor 4 Uhr 
ging die Sonne auf. Je hoͤher ſie ſtieg, deſto undeut— 
licher wurden die Umriſſe an dem füdlichen Theile, waͤh— 
rend der noͤrdliche Theil ſich immer mehr enthuͤllte und 
deutlicher hervortrat. Die Sonne verbarg ſich bald hinter 
dem Bilde und umgab den obern Rand deſſelben mit ei— 
nem goldenen Saume, wie man ihn haufig bei Sonnen— 
untergang an den Wolken bemerkt. Ungemein ſchoͤn nam 
ſich nun unter der Sonne eine kleine ungefaͤhr bei der 
Leine gelegene Stelle aus, welche durch die Sonnenſtrahlen 
eine gluͤhend rothe Beleuchtung erhielt, ſo ſtark, daß ich 
einzelne Baͤume erkennen konnte. Nachdem die Sonne 
wieder hervorgetreten war, verlor der ſuͤdoͤſtliche Theil 
des Bildes ſeine Umriſſe bald ganz, erhielt das An— 
ſehen einer Wolke und zertheilte ſich nach und nach in 
kleine Wolken, welche ſich bald ganz aufloͤſten. Um 
5 Uhr hatte ich in der Gegend von Kauerndorf das 


— 157 — 


letzte Mal Beltgeubäit, die Abſpiegelung der aun 
zu ſehen. m II 

An dieſem Wonen * ein ſehr bana EM 
. Hart n 776 
gunman 
1 rer 95 


Eingegangen. 


Mit Dank bekennen die beiden nachſtehenden Gefell- 
ſchaften den richtigen Empfang folgender Sufendungen 
und Geſchenke. 

Seit dem Monat April erhielt 

a) der Kunſt⸗ und Handwerksverein: 

1) Von Herrn Architekt Prof. v. Ehrenberg in Zurich 
die bisher erſchienenen Hefte der von ihm redigirten 
Bauzeitung. 

2) Von Herrn Prof. Dr. Lindner in Beipyig einige Exem⸗ 
plare des Planes zu einer Hilfslchranftalt für Gewerb⸗ 
treibende Leipzigs. 

) Vom Verein zur Befoͤrderung des Gewerb⸗ 

fleißes in Preußen die erſte Lieferung feiner Vers 
handlungen auf das Jahr 1838. 

4) Vom Gewerbverein in Annaberg den achten 
Jahresbericht dieſes Vereines. 

5) Vom Herrn Hofrath Bruͤmmer in Altenburg Herold's 
Rechte der Handwerker und ihrer Innungen. na 

6) Vom Gewerbverein für das Königreih Hans 

no ver deſſen gedruckte Mittheilungen, Lieferung 15. 

P) die pomologiſche Geſellſchaft erhielt: 

25 Von dem Verein zur Beförderung des Gars 
tenbaues in den K. Preuß. Staaten deſſen * 

8 90 handlungen, Lieferung * 


— he 


2 Vom Gartenbauverein für das Koͤnigreich 
Hannover deſſen Zeitſchrift auf die Monate Januar, 
Februar und Maͤrz 1888. 

3) Vom Herrn Apotheker Liegel in Braunau das 
erſte Heft ſeiner ſyſtematiſchen Anleitung zur Kenntniß 
der Pflaumen. 

4) Vom Herrn K. K. Kaͤmmerer, Gubernialrathe Grafen 
v. Hochenwart in Laibach a) die zwei erſten Hefte 
der Beiträge zur Naturgeſchichte, Landwirthſchaft und 
Topographie des Herzogthums Krain, b) die Eroͤffnung 
und c) die Jahresfeier des Landesmuſeums in Krain, 
d) den Begleiter in dem Landesmuſeum und e) den 
Jahresbericht des Landesmuſeums fuͤr 1836 und 1837. 


XXV. 
Miscellen und Notizen. 


In Großbritannien befanden ſich im Jahre 1837 Ein⸗ 
hundert und vier und dreißig Gartenbau⸗, Blumen⸗ und 
landwirthſchaftliche Vereine in Thaͤtigkeit, welche im Laufe 
des Jahres 171 oͤffentliche Ausſtellungen veranſtaltet haben. 


Im Jahre 1835 verwuͤſteten die raupenaͤhnlichen Lar⸗ 
ven einer Tendredo-Art (Athalia Centifoliae Panz) die 
Turnipsruͤbenfelder in den engliſchen Grafſchaften Kent, 
Eſſex und Suſſex. Die Verheerung der Ruͤbenfelder war 
ſo arg, daß man ſich genoͤthigt ſah, die Ruͤben vom feſten 
Land kommen zu laſſen. Die Larven find 1“ lang und 
fo dick wie eine Rabenfeder, am Kopf und Rüden ganz 
ſchwarz. Aus dieſen Raupen entwickeln ſich, nachdem ſie 


— 139 — 


ſich in der Erde verpuppt haben, blaßgelbe Saͤgeſtiegen, 
welche mit Hilfe ihrer Legſaͤge kleine Oeffnungen in die 
Unterflaͤche der Ruͤbenblaͤtter machen, in welche ſie ihre 
Eier legen. Gewoͤhnlich erſcheinen dieſe Saͤgefliegen in 
England nur bei ſehr trocknen Sommern und verlieren ſich 
wieder bei regneriſcher Witterung. Die beſte Hilfe gegen 
die geſraͤßigen Raupen gewährte das Aufſtreuen gebrannten 
Kalks, welches aber bei heftig wehenden Winden oft er— 
neuert werden mußte. 


Rach dem Maiheft der Annales de la Societé Hor- 


ticulture de Paris ſetzte der Blumenverbrauch in acht 


Tagen (vom 23. Jan. bis 30. Jan.) in Paris bei 7900 
in dieſer Zeit gegebenen Baͤllen und Soireen 42,600 Franken 
in Umlauf, unter andern blos fuͤr Miethe von Kuͤbeln und 
Aeſchen mit Ziergewaͤchſen zur Ausſchmuͤckung der Treppen, 
Saͤle und Zimmer 10,000 Fr. und fuͤr 200 Aeſche mit 
blühenden Camellien 2000 Fr. n 


Am wiederholten Anfragen zu begegnen, ſey hier bes 
merkt, daß der Preis eines ganzen Jahrganges der oſter⸗ 
laͤndiſchen Mittheilungen für die aus waͤrtigen Mits 
glieder der naturforſchenden Geſellſchaft 8 Gr. 
C. M. betraͤgt und an den Secretaͤr der Geſellſchaft zu 
entrichten iſt. Es wird gewuͤnſcht, daß der Betrag fuͤr 
die beiden erſten Jahrgaͤnge bis zu Mice dieſes Sof 
res eingehe. 


Correſpondirende Mitglieder haben den Wunſch ger 
aͤußert, es möchten doch in den Mittheilungen Deſideraten⸗ 
verzeichniſſe abgedruckt werden, damit ſie nicht beſorgen 


müßten, uns Gegenſtaͤnde zu ſchicken, die wir in unſern 


— 160 — 


Sammlungen bereits beſaͤßen, und bei dem beſten Willen 
uns weniger zu nuͤtzen, als ſie ſo gern es wuͤnſchten. 
Wir erkennen dankbar, wie wohlgemeint dieſer Wunſch 
iſt, und ſaͤumen daher nicht, ſchon in dieſem Hefte einen 
Anfang mit dieſen Verzeichniſſen zu machen. Entomologen 
werden daraus erſehen, wie viel fie für uns thun koͤnnen, 
da unſte entomologiſchen Sammlungen erſt im Entſtehen 


ſind. In 


' Species avium desideratae. 


Vultur einereus Linn. 
Cathartes perenopterus Temm, 
Gypaötos barbatus Cuv. 
Falco imperialis Bechst. 
naevius Linn. 
brachydactylus Temm. 
lanarius Linn. 
cenchris Frisch. 
Strix nyetea Linn. 
uralensis Pallas. 
Tengmalmi Gmel. 
Turdus Bechsteinii Naum. 
Purdus cyanus Linn. fem. 
saxatilis Luth. 
Sylvia philomela Bechst. 
orphea Temm. 
palustris Bechst. 
Cariceti Naum. 
fluviatilis Wolf. 
locustella Luth. 
Saxicola stapazina Temm. 
Accentor montanellus Temm. 
Parus cyanus Pallas. 
Alauda brachydactyla Leisl. 
Emberiza cirlus Linn. 
hortulana Linn. 
lapponica Nilss. 


Pyrrhula enucleator Temm. 
erythrina Temm. 
rosea Temm. N 
Fringilla petronica Linn. 
montium Gmel. 
ferinus Gmel. 
Cuculus glandarius Linn. 
Cypselus melba Gmel. 
Tetrao medius Meyer. 
Tetrao albus Gmel. 
Otis tetrax Linn. 

Houbara Linn. 
Charadrius squatarola Naum. 
Strepsilas interpres Naum. 
Tringa Temminckii Leisl. 
Actitis hypoleucos Brehm. 

macularia Naum. 
Bartrami Naum. 
Totanus fuscus Leisl. 
glottis Bechst. 
stagnatilis Bechst. 
Phalaropus angustirostris Nm. 
Limicola pygmaea Koch. 
Scolopax major Linn. 
Limosa Meyeri Leisl. 
rufa Briss. 


j 


— 1461 — 


Species Lepidopterorum desider ad, 


Melitaea Trivia. Eh Pasiphae. ' 
Dictynna. Clymene. 
Parthenie. Roxelana. 
Asteria. } Hispulla. 
Argynnis Aphirape. Eudora. 
Dia. ' Arete. 
Daphne. Hiera. 
Frigga. A Adraste, 
Thore. Figelius. 
Amathusia. Meone. 
Chariclea. Procida. 
Freya. Leucomelas. 
Cyrene. Galene. 
Laodice, Lachesis. 
Valesina. Clotho. 
Pandora. Atropos. 
Euploea Chrysippus. Cleanthe. 
Vanessa Joides. Hirta. 
Valbum. : Auge. 
Testudo. J Pherusa. 
Ichnusa. € Ines, 
‚Porima. IXxora. 
Limonitis Aceris. Arete. 
Lucilla. Mnestra. 
Charaxes Jasius. Caecilia. 
Apatura Metis. Psodea. 
Hipparchia Jolaus. 1 Eumenis. 
Autonoòë. Ceto. 
Anthe. Evias. 
Pirata. - - Epistygne. 
Alristaeus Melas. 
Hippolyte. 5 Lefebvreéi. 
Fidia. Neoridas. 
Allionia. Philomela, 
Pryce. Embla. 
Actaea. Pitho, 
i Podarce, Gorgone. 
Norna. Cassioides, # 
Bootes. Gorge. 
Tarpeja. Lyllus. 9 
Bore. Oedipus. 


J Ida. Satyrion. 


7 


— 162 — 


Pontia Belia. 


Hipparchia Corinna. 


Leander. 


Phryne. 
Lycaena Jolas. 
Melanops. 
Dolus. 
Damon. 
Rippertii. 
Donzelii. 
Sebrus. 
Lysimon. 
Pheretes. 
Escheri. 
Eros. 
Orbitulus. 
Artaxerxes. 
Admetus. 
Amyntas. 
Polysperchon. 
Thersamon. 
Gordius. 
Eurybia. 
Hippothoë. 
Dispar. 
Ottomannus. 
Ballus. 
Lueina. 
Baeticus. 
Pelicanus. 
Spini. 
Aesculi. 
Acaciae. 
Walbum. 
Zerynthia Cerisyi. 
Cassandra. 
Medesicaste. 
Rumina. 
Doritis Apollinus, 
Nomion. 
Delius. 
Pontia Narcaea. 
Callidice. 
Chloridice. 
Glauce. 
Belomia. 


N 


1 


u 


0 


Ausoniaa. 


Colias 


Simplonia. 

Tagis. Gt 
Eupheno. 

Lathyri. 
Myrmidone. 

Aurora. iu 
Chrysotheme. 
Europomene. 
Philomene. 


Hesperia Tesellum. 


Sidae. 
Carthami. 
Proto. 
Sertorius. 
Eucrate. 
Orbifer. 
Pumilio, 

„Steropes. 
Sylvius. an 
Sylvanus. 


Thyris Fenestrina, 
Stygia Australis. 


Sesia 


Bembeciformis. 
Laphriaeformis ! 


Asiliformis. 


Rhingiaeformis. 
Spheciformis. 
Scoliaeformis. 
Doryliformis. 
Chrysidiformis. 
Prosopiformis. 
Ichneumoniformis. 
Uroceriformis. 
Cynipiformis. 
Melliniformis. 
Anthrenaeformis. 
Stomoxiformis. 
Culiciformis. 
Mutillaeformis. 
Typhiaeformis. 
Formicaeformis. 
Nomadaeformis. 
Ciphiformis, 


— 2 Ze 


Sesia Euceraeformis. 
Tipuliformis. 
Masariformis. 
Tenthrediniformis. 
Philanthiformis. 
Tineiformis. 
Macroglossa Milesiformis. 
Croatica. 
Oegnocherae. 
Deilephila Nerii. 
Celerio. 
Nicaea. 
Zygophylli. 
Dahlii. 


Smerinthus Quercus. 
Saturnia Caecigena, 
Harpyia Minax. 


Genera coleopterorum desiderata. 


Manticora Fabr. 
Oxycheila Dej. 
Iresia Dej, 
Dromica Dej. 
Euprosopus Latr. 
Ctenostoma Klug. 
Therates Latr. 
Tricondyla Lair, 
Colliuris Latr. 
Casnonia Latr, 
Lasiocera Dej. 
Leptotracheilus Lair. 
Trigonodactyla Dej. 
Cordistes Latr. 
Ctenodactyla Dej. 
Galerita Fubr. 
Trichognathus Lair. 
Zuphium Latr. 
Diaphorus Dej. 
Agra Fabr. 
Calleida Dej. 
Oxypterygia Chevr. 
Plochionus Dej. 
Aspasia Dej. 


Bicuspis. 
Ulmi. 
Milhauseri. 
Notodonta Cucullina. 
Plumigera. 
Velitaris. 
Melagona. 
Crenata, 
Dadonaea, 
Querna. 
Tremula. 
Cossus Terebra. 
Caestrum. 
Verbasci. 
Panterinus. 
Arundinis. 
Aesculi. 


Coptodera Dej. 
Orthogonius Dej. 
Helluo Bon. 
Corsyra Steven. 
Drepanus Ilig. 
Dyscolus Dej. 
Promecoptera Dej. 
Thyreopterus Dej. 
Catascopus Kirby. 
Eucheila Dej. 
Graphipterus Lair. 
Anthia Weber. 
Enceladus Bon. 
Siagona Latr. 
Coscinia Dej. 
Melaenus Dej. 
Scapterus Dej. 
Pasimachus Bon. 
Oxystomus Latr. 
Oxygnathus Dej. 
Camptodonius Dej. 
Morio Latr. 
Ozaena Oliv. 
Carterus Dej. 


— 


Species coleopter orum desideratae, 


Cicindela Ismenia Buquet. 
maura Fabr. 
nigrita Dej. 
riparia Meg. 

- maritima De). 
sylvicola Meg. 
chloris Dej. 
soluta Meg. 
sinuata Fbr. 
trisignata Illig. 
Lugdunensis Dej. 
Volgensis Besser. 
Goudotü Dej. 
eircumdata Dej. 
dilacerata Parreyss. 
aegyptiaca Klug. 

littoralis Fabr. 
Sardea Dahl. 
flexuosa Fabr. 
cireumflexa Dahl. 
scalaris Latr. 

Lebia fulvicollis Fabr. 

rufipes Dej. 
cyathigera Rossi. 
erux minor Fabr, 
nigripes Dej. 

turciea Fabr. 

4 maculata Dej. 
humeralis Sturm. 
haemorrhoidalis Fabr. 

Brachinus hispanicus Kollur. 

etslans Hoffmsgg-. 
graecus Dej. 
immaculicornis Dej. 
explodens Daufts. 
glabratus Bon. 
psophia Samvitale. 
* bombarda IIlig. 
selopeta Fabr. 
Bayardi Solier. 
exhalans Rossi. 


Scarites 


pyraemon Bon. 
polyphemus Hoffmsgg. 


* planus Bon. 


arenarius Bon. 
terricola Bon. 


laevigatus Fabr. 


Ditomus 


Cychrus 


calydonius Fubr. 
cornutus Dej. 
cordatus Dej. 
dama Rossi, 
pilosus Illig. 
fulvipes Latr. 
distinetus Dej. 
robustus Parreyss. 
eyaneus Oliv. 
capito Illig. 
sulcatus Fabr. 
sphaerocephalus Oliv. 
angustatus Hoppe. 
italicus Bon. 
elongatus Dej. 
semigranosus Dahl. 


Procerus scabrosus Fabr. 


Duponchelii Dej. 
Olivieri Dej. 
tauricus Pallas. 


Procrustes spretus Dej. 


Carabus 


rugosus Dej. 

Foudrasii Solier. 
.. graecus Parreyss. 
- Cerisyi Dej. 

Banonii Dupont. 
caelatus Fabr. 
dalmatinus Meg. 
croaticus Dej. 
Illigeri Dej. 
Kollari Dahl. 
Scheidleri Fabr. 
Preyssleri Dafts. 
Rothii Koller. 
excellens Fabr. 


N . 
Nachmittags 2 Uhr. 


— 1 

2 Stand des Staind des zuakdn bes 
8 Baro⸗ Thhermo⸗ { 

ters. meters. mgeters. Wetters. 


S. 27° 7,1% +142, 25°|Neg. Gew. v. w. O. 
=: 8.0) 115,0 jan. 
FFF 
5 ae 
S. O. 7,0 146,5 wik. W. 
F 

R.D. = 9.0 14,0 wit. W. — 
ee Ke 
le 68) 198,5 ib. . 

N. |2.85 44,0 helle O. 

N 5 5 bel S. 

2 : 6,8 6, 75 helle O. 
. 13,0 im. 

N 2 „ 1 113 0 5 . 

2 = 625 W 
. — 0. 55,0 cit. W. Gm. v. w. 


. Js, 0 ve W. 
0 


N. 5. : 23,0) 130,5 mi. O. Gew. v. w. 
N. W. 44 590 mik. W. | 
— — 88,0 In W. 
3130, fa ©. W. 
3 
W.“ = 07,75 wik. W. 
5.2149, 5 l . 
t. : 6,0 142 0 delle N. 
— — 63) 101,5 tr. W. Gew. v. w. 
Bi — . 149,0 sr. W. 2 
I 1,2 
S. W. 45 

0 


Hoͤchſter Baro nd = 27“ 4,8%. 
Tiefſter Baromꝛß. Juni = 22,0». 


| Bemerkung: In der Nacht vom 10. zum 11. Mai fiel ein ſtarker Froſt, der an den 


n Tabelle auf die Monate: April, Mai, Juni . von W. Bechſtein. 


2 P * il. Mai. 
N Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. Fruͤh 8 Uhr. Nachmittags 2 Uhr. 
| & Stand des Stand des] Zuſtand Stand desſ Stand des Stand desſS 3 E = ; 
eee eo ie | Bars | Some | ee — Seer Eh e ee ae Saeed F ene eee den ee: e, Tu Ku 
| meters. meters. Wetters. meters.| meters. " | meters. | meters. Wetters.] meters. . meters. Wektenz meters. | meters. Wooster s. meters. s.| meters. Werben 
Tee eee W. 27° e 1,0° mit. W. 1 27° 70") 5,25°Jeit, ©. 2 II 20° fell ©. 1 127° 6,7" +13, 25° mit. S. W 127% 5 EI 25° Neg. Gem. v. . D. 
_2]= 70| 175 mt =. |» 6,0) 325 wie. . 2 32) 120 dale S. 8 019,0 belle ©, r [= "897 | 10,0 em 3 
‚BE : #0 + 1,0 Sohn. W.. 55) 30 ERW. | 3|- 74 13,2 es. |; 7,0) 20,0 be O. E = 40| 185 [Re W. #5 | 150 Reg. W. 
li 4» 6,4 1,0 helle ©. |= 6,0 45 ſwlk. S. W. r era ag, 0 Dede S. 5,3 | 16,25 mt . ! 
5 E 6,5 40 Neg. W. 60 8,0 It. S. W. 5 7.1 150 belle S. S. 7,0 | 19,25 belle O. 1 5|= 5,6 12,25 mie W. 5,9 16,5 wðIf. W. 
Jeg. W 38 60 Reg. S. W. 6 75 16,0 bee S. . = 7 21,0 bee S. 6 601 U wit. N. 5,8 150 f. N. 
72 walk. S.. 3,6) 95 ut. W. 2 9,0 14,0 ſbeue N. O.. 90| 19, 25 helle . 7 65,3 90 fr. N. W. 6,8 13,0 ve W. 
IJ. elk. . 0,5 14 25 In. W. 810,2 140 belle W. = 9,8 109, 0 belle N. F |, 66| 70 RW | 
9: 36| 65 helle S. = 46 95 |ne N. 9» 80] 140 bee W. = 6,4 19,5 bee N. _9)=78| 80 |e.® |» 76 1725 ne. — ji 
101% 87) 675 belle N. 9,0 10,0 Ik. N. 10 8,3 5, 5 vk. N. 5,5 70 wi. N. 10. 70 | 10,0 bee S. W. 6,4 14,0 belle ©. 
III, | 7,0 bee S. 9,1 13,0 belle W. II IOO 5,0, bee NR. = 8 5 9, 25 helle ©. II #0 | 10,75 helle . 7 Ia, 5 belle B. ze 
112]. 66| 90 bel S. 526. 13,0 if. N. 12 E 71 65 um. |, 68| 85 . W. 12 ULI. U de 5. 35 106,75 bee D. 
13 6,2 110 Schn. W = 5,7 3,5 c. N. W. 13 |= 50) 8,75 belle S. 3,0 15,75 helle S. W. 13): 21 | 145 wit. S. 3, 130 Reg. S. W. 
14 = 5,3 225 fr. W. 5,5 40 wk. W. 14 |: 178 | 11,0 mik. N 2.1 110 Neg. W. I 9,0 Reg. W. 4,7 13,0 ftr. W. 
15 „ 6, belle S. W. 43| 65 In. S. W. 15 — 20| 80 Neg. W. 22 60 Neg. N. W. 15 5,8 13,0 bel N. W. 5,5 | 16,25 nie. W. 
16 0,6 4,25 (wlk St. W. 0,6 | 6,25 wk. W. I 10 40 tr. R. O. 1,0 5,0 m N. O. 16 |» #2 | 13,0 Reg. ©. |» 1,1 150 wit. W. Gm. v. w. 
I17|= 0,6| 15 tr. W. 081 50 fr. N. W. 17 6,1 60 fr. 5. 5,2 90 Int. O. 17 6,2 12,25 fr. N. W. 6,3 180 I W. 
Is . 25 felt. W. 02| 70 ne S. W. 18 27 90 self. N. 5. 20 185, U ik. N. ©. 18 5,0 155 belle S. 5,5 20, 5 alk. O. Gew. v. w. 
19): 19) 30 lk. S. W. 2,0 70 wk, S. W. 193,3 55 Reg. N. W 11 5,0 Reg. N. W. 1 16.0.1 15,5 f. W. 6,0 19,0 wik. W. 
2 Is 30 fr. W. I. 2 40 ik. W. 20 5,0 55 m |» #8| 70 kr. W. 20 731 133,5 ne. W. 7,0 | 18,0 wik. W. 
21 30| 375 bee S. W 28 9,0 belle W. 21 14 85 fr. . 43| 13,0 lot. N. Gm. v. w.] 21 6.0. 1 75 woll. . 54| 20,0 e © 8. 
2 33| 25 belle S. 3,0 9,0. jm. 5. 22 — 50| 105 wk. S. — 7 II 25 ik. ©. 2 64) 155 bee W. — 6, 19. 0. I. . — 
e ben S. 5 . 31| 115 see .. 2 #0| 140 if. 5.0. 10,5 c. W. Gem. v. w.] 23 |» 8.0. 14,75 heleW. |» 8,6 | 17,75 uf. W. | 
2|- 58| 90 ea ©. |» 3,2 12.75 [mt ©. 24 |: 62| 115 if. W. 62, 130 wk. S. W. |» 93 | 165 dale 5. 8,7 | 19,5 Ihe . 
25, 34| 90 r N. 2,9] 180 mlt. O. FF 2 5,0 150 we. N. Ie dae . 74) 20 en | 
"26 1- 24| 10,0 belle N. 2,0 | 16,25 wie. O. Gew. v. w. 26 6,3 9,0 tr. = 63| 10,0 Reg. W. 26 755 | 19,25 falle S. D. 7,4 | 21,5 ftr. W. Gew. v. w. 
37720] 70 eee, fr. N. W. 279,0 . . 70| 165 wf. N. S. FF EN TEE 
28,5 5, 75 fr. W. 0,7| 5,75 Reg. W. 28 5,1 13,0 belle B. 2.2 17,0 wſk. O. Gm. v. w. 28 8,1 15,5 bee N S. 8.0. 19,5 nk. O. 
29 26 11.3 | 23,0 89. Sehn W. 0,0| 5,0 wk. S. 29. #2| 140 wit. S. W. 1.5 140 Neg. S. Gew. v. w. 29 — 65| 17,0 bee . 5.8 20,75 mit. O. a. 
130127 48] 25 beute 55| 80 bee .. 30 52) 14,0 ble W. |; 50 | 17,0 k. W. 30. 5,8 18,5 belle 5. 5.8. 2,0 ble N. O. 
0 E 31 |= 6,0 14,0 helle W. 5,7 15,5 ft. N. W. >“ 


Hoͤchſter Barometerſtand den 11. April = 27” 10,5% 
Tiefſter Barometerſtand den 29. April = 26 11,5. 


0 
j Bäumen, Bluͤthen und Gartengewaͤchſen großen Schaden anrichtete. 
— — — "SER: 


Erklaͤrung der Abkürzungen, tr. 


Mittler Barometerſtand 27“ 4,8%. 
Waͤrmſter Tag den 25. Juni = 


22,00. 


==, 


trübe, wlk. wolkig, Reg. Regen, Schn. Schnee, Nebl. Nebel, nebl. nebelig, G. b. w. Gewitter von weitem, O. Oſt, S. Sid, W. Welt, N. Nord. 


XXVI. 


Preisvertheilung bei dem Kunſt⸗ und 


Handwerksvereine. 


Nach Beendigung der am 27. Auguſt eroͤffneten, dies⸗ 
jährigen Kunſt⸗ und Gewerbeausſtellung hat der 
hieſige Kunſt⸗- und Handwerksverein in feiner außerordent— 
lichen Sitzung vom 21. September den Verfertigern und 
Einſendern nachſtehender Ausſtellungsgegenſtaͤnde folgende 
Auszeichnungen und Preiſe zuerkannt: 


I. Die ſilberne Verdienſtmedaille des Vereins 
a) dem Wollwaarenfabrikanten Wilh. Kretſchmann 


5 


jun. in Eiſenberg wegen ſeines unter Rr. 166 des 
Ausſtellungskatalogs aufgeführten ſchoͤnen und kunſt⸗ 
vollen Fußteppichs; 

den Herren Chriſtian David Waͤnty und Soͤhne 
in Großſchoͤnau wegen der unter 158 bis 163 aufs 
geführten Proben vorzüglicher Damaſtweberei. 


Die bronzene Verdienſtmedaille des Vereins 
der Frau Regierungsraͤthin Wagner hier wegen 
ihres regen Kunſtſinnes und ihres, durch die unter 
2 und 3 des Katalogs aufgeführten Oelgemaͤlde von 
Neuem an den Tag gelegten erfreulichen Strebens, 
den Zwecken unſeres Vereins foͤrderlich zu ſein; 
dem Maler Heinr. Vogel, Schuͤler des Prof. 
Doͤll 57 wegen des in ſeinem Oelgemaͤlde unter 
Rr. 4 des Katalogs bewieſenen gluͤcklichen Fleißes 
im richtigen Auffaſſen und getreuen Wiedergeben 
ſeines Originals; 

12 


c) 


d 


— 


b 


0 


d 


— 


— 16 


dem Schuͤler der polytechniſchen Anſtalt zu Muͤnchen, 
Heinrich Anton Gmeiner aus Altenburg wegen der 
bei Anfertigung ſeiner wohlgelungenen Ciſeleurarbeit 
(unter Rr. 9) bewieſenen Leichtigkeit in Ueberwindung 
der entgegenſtehenden Schwierigkeiten; 

dem Buchbindergehilfen Herm. Graf aus Altenburg 
wegen der von ihm gefertigten ausgezeichneten Buch— 
binderarbeiten und Vergoldungen unter 61 — 64; 
dem Tuchfabrikanten Fleck in Schmölln wegen Eins 
ſendung ſeines ebenſo gelungenen als preiswuͤrdigen 
Stuͤcks ſchwarzen Koͤpertuchs unter Rr. 164. 


Die oͤffentlich ausgeſetzten 12 Geldpreiſe haben 
zuerkannt erhalten: 

den erſten Preis von 6 Louisd'or der Hofmechanikus 
Kalkoff hier wegen ſeines mit ebenſo viel Fleiß 
als Geſchicklichkeit ausgefuͤhrten, gangbaren Modelles 
einer Dampfmaſchine, (unter Nr. 19) welches den 
günftigen Erwartungen, die man von ihm hegte, bei 
vielen Proben vollkommen entſprochen hat. f 
den zweiten Preis von 5 Louisd'or der Hofſchloſſer 
Klein in Eiſenberg wegen ſeiner zwei unter 148 
und 149 aufgefuͤhrten, ausgezeichnet gearbeiteten, 
kunſtvollen Schloͤſſer; 

den dritten Preis von 4 Louisd'or der Drechslermeiſter 
Heu jun. hier wegen ſeiner ſchoͤn und gut gearbei— 
teten doppelten Handſchuhnaͤhmaſchine unter Rr. 39; 
den vierten Preis von 3 Louisd'or der Klempner⸗ 
meiſter Dreſcher hier wegen feiner vorzüglich ges 


lungenen, ihrer Beſtimmung vollkommen entſprechen⸗ 


e 


— 


den 3 Meiſterſtuͤcke unter 116 — 118; 

den fuͤnften Preis von 3 Louisd'or Eduard Schna— 
bel hier, Schuͤler des Prof. Doͤll wegen ſeiner von 
ebenſo viel Fleiß als Geſchicklichkeit zeugenden, vor⸗ 


trefflichen Kreidezeichnung unter Nr. 6; 


den ſechsten Preis von 2 Louisd'or der Tiſchler⸗ 
meiſter Koͤhler hier wegen ſeines, unter 37 auf⸗ 


— 167 — 


geführten, mit vorzuͤglichem Fleiß und großer Accurateſſe 
gearbeiteten Secretaires; 

g) den ſiebenten Preis von 2 Louisd'or Johann Dietze 
in Saara wegen Einreichung ſeines unter Nr. 18 
aufgeführten, gut gearbeiteten Modelles einer Bret— 
hobelmaſchine, wie er ſie ſelbſt in Amerika geſehen hat; 

h) den achten Preis von 1 Louisd'or G. Günther 
hier wegen ſeiner unter Nr. 70 aufgefuͤhrten, fleißig, 
ſauber und geſchmackvoll gearbeiteten Pantoffeln in 
tuͤrkiſcher Manier; 

i) den neunten Preis von 1 Louisd'or Ed. Wach hier 
wegen ſeines, in getreuer Auffaſſung des unter 
Nr. 168 aufgeführten Portraits wiederholt bewahre 
beſonnenen Fleißes; 

k) den zehnten Preis von 1 Louisd'or Friedrich Müller 
aus Stettin, Schuͤler des Bildhauers Heß hier 
wegen der Treue und Genauigkeit, mit welcher er 
in der unter 10 aufgefuͤhrten Buͤſte ihr Original 
wiederzugeben, verſtanden hat; 

I) den eilften Preis von 1 Louisd'or der Tiſchlermeiſter 

yfert hier wegen ſeines, unter 36 aufgefuͤhrten, 
mit Fleiß und Geſchmack gearbeiteten Secretaires; 
m) den zwölften Preis von 1 Louisd'or der Tiſchlermeiſter 
Taubert hier wegen feines fleißig und ſotgfaͤltig 
gearbeiteten, unter 35 aufgeführten Meiſterſtückes. 
IV. Eine Remuneration von 2 Louisd'or iſt gien 
noch zuerkannt worden: 
dem Maurergefellen Clemens hier wegen der da 
lichen Beharrlichkeit, Unverdroſſenheit und Ausdauer, 
womit er ſein unter Nr. 17 aufgefuͤhrtes Maden 
einer Kirche ausgefuhrt hat. ln 
Altenburg, den 22. September 1838, e 


Das Directorium des Kunſt⸗ und N 
Brümmer. Dr. Back. E. Kalko f. 


[7 N er a 1 . W 
7 2 90 ig 10 il Lange; 0 


12 * 


XXVI. 


Bemerkungen über den Obſtbau in Böh⸗ 
men und über die Garten ⸗Cultur in Prag, 


der pomologiſchen Geſellſchaft mitgetheilt 
vom 


e Waitz. 


Wa ich der freundlichen Aufforderung Folge leiſte, 
einige Bemerkungen uͤber die bei meinem Aufenthalte in 
Prag geſehenen Gärten, fowie über den in Böhmen aus— 
gebreiteten Obſtbau, Ihnen mitzutheilen: ſo muß ich um 
fo mehr Ihre gütige Nachſicht in Anſpruch nehmen, als 
ich theils durch die Beſchraͤnktheit der mir zur Beſichtigung 
der großen und oͤfters weitentfernten Gartenanlagen ges 
gönnten Zeit, theils durch die Ungunſt der Witterung nur 
zu ſehr gehindert wurde, um allem Sehenswerthen die er⸗ 
forderliche Aufmerkſamkeit widmen zu koͤnnen. 

Schon beim Eintritt in Boͤhmen erfreut ſich 5 
Pomologe der vielen Anpflanzungen von Obſtbaͤumen, welche 
die Gegenden verſchoͤnern und durch ihre reichen Obſternten 
eine Quelle des Genuſſes und des hoͤhern Ertrags des 
Bodens darbieten. Auffallend war es mir aber zu be⸗ 
merken, daß die an der Chauſſee befindlichen Obſtbaum⸗ 
Alleen nicht ſo gut, wie die von Dresden bis zur ſaͤchſiſchen 
Grenze befindlichen, in Stand erhalten ſind, ſondern aus 
Baͤumen von ſehr verſchiedenem Alter beſtehen, ja ſogar in 
der Nähe von Prag fo lückenhaft erſcheinen, daß man 
ſelten mehr als fuͤnf bis ſechs Baͤume in einer Reihe von 


— 169 — 


gleichem Alter findet, und daß oft auf großen Strecken 
die Baͤume ganz fehlen, oder durch ſehr ſchwache oder 
verkruͤppelte Baͤumchen beſetzt find, 

Dieſe Erſcheinung ſcheint darauf hinzudeuten, daß die 
Pflanzungen entweder nicht den noͤthigen Schutz gegen 
Frevel und Beſchaͤdigungen finden, oder, daß beim Setzen 
der jungen Baͤume nicht kunſtgerecht verfahren und dadurch 
das oͤftere Verderben der Setzlinge herbeigeführt werde. 


Nach meiner Ankunft in Prag war es ein vorzuͤg⸗ 
licher Gegenſtand meiner Forſchungen, die Baumſchulen des 
daſigen pomologiſchen Vereins zu beſichtigen. Durch die 
Bekanntſchaft mit dem Hauptleiter des Vereins, Herrn 
Secretair Bamberger, wurde mein Wunſch bald erfullt, 
indem derſelbe mit der zuvorkommendſten Bereitwilligkeit mir 
die unter ſeiner Direction ſtehenden Pflanzungen, ſowie die 
Samen- und Baumſchulen zeigte, und mir über Alles die 
gewuͤnſchten Erläuterungen gab. r 

Dieſe Pflanzungen liegen vor dem Roßthor, ungefaͤhr 
eine Viertelſtunde von der Stadt, und find fo "beträchtlich, 
daß die Kürze der Zeit mir nur einen flüchtigen Ueberblick 
und das genauere Betrachten einzelner Strecken geſtattete. 
Die ſpecielle Aufſicht über das Ganze iſt einem pomo⸗ 
logiſchen Gärtner übertragen, welcher in den Pflanzungen 
ſeine Wohnung hat. Der gegenwaͤrtige Gaͤrtner heißt 
Dyker, iſt ein Weſtphale von Geburt, ein ſehr erfahrener 
und ſowohl theoretiſch, als praktiſch ausgebildeter Pomologe, 
ſchon bei Jahren, aber aͤußerſt rührig und lebhaft. Seiner 
Thaͤtigkeit verdankt die Pflanzung ihr freudiges Gedeihen. 
N Die hier befindlichen Obſtſorten ruͤhren zum groͤßten 

Theil von dem den Pomologen ruͤhmlich bekannten Dechant 
Roͤßler zu Podiebrad her, aus deſſen Sammlung ſie hieher 


uͤbergepflanzt wurden, außerdem aber beſitzt die Baum⸗ 


ſchule eine ſehr große Anzahl aͤcht Diehlſcher Sorten, welche 
Dyker, als er noch Gehülfe des bekannten pomologiſchen 
Speculanten, Fuͤrſt zu Frauendorf, war, ſelbſt von Diehl 
erhalten und von Frauendorf nach Prag verpflanzt hat. 


- 


— 170 — 


Die Baumſchulen fuͤllen einen großen Raum, die 
jungen Baͤume ſtehen im beſten Wuchs, waͤhrend die aͤltern 
aus der Roͤßlerſchen Sammlung gewoͤhnlich verkruͤppelt er⸗ 
ſcheinen. Zur Veredlung wird vorzuͤglich das Copuliren 
benutzt, wofür der Gärtner. Dyker eine beſondere Vorliebe 
hegt, weil bei dieſer Veredlungsmethode ein geuͤbter Arbeiter 
im Stande ſei, weit mehr Staͤmme in einem Tage zu 
veredeln, als bei jeder andern, und weil nach ſeiner Er— 
fahrung die erwachſenen Baͤume geſuͤnder und kraͤftiger er— 
wuͤchſen, als oculirte oder gepfropfte. 


Aus dieſen Baumſchulen werden zur Befoͤrderung der 
Baumzucht von dem pomologiſchen Verein ſowohl Pfropf— 
reißer als veredelte Baͤume ganz umſonſt abgegeben, die 
kaiſerlich⸗ oͤſtreichiſche Staatscaſſe gewährt nichts für die 
Unterhaltung dieſer fo nuͤtzlich wirkenden Baumſchulen, welche 
nur als eine Filialanſtalt von der boͤhmiſchen landwirth— 
ſchaftlichen Geſellſchaft erhalten werden. Eine ſehr große 
Menge verſchiedener Obſtſorten werden in Prag auf den 
Obſtmarkt gebracht, welcher taͤglich, ſogar Sonntags früh 
bis acht Uhr 1 wird. Vergeblich waren alle meine 
Bemuͤhungen, uͤber den Namen dieſer Sorten einige Auf— 
ſchluͤſſe zu erhalten, denn der größte Theil der Verkaͤufe— 
rinnen ſprach kein Deutſch und die Wenigen, die Deutſch 
verſtanden und ſprachen, gaben, wenn ich nach den Namen 
einer ausgezeichneten Birne fragte, aewöhuüich zur Antwort: 
es iſt halt eine Franzbiene. 


Der naͤchſte Gegenſtand, welcher meine Aufmerffamteit 
in Anfpruc nahm, war der botaniſche Garten, welcher in 
der Neuftadt vor dem Augezder Thore gelegen iſt, und 
unter der Leitung des verdienten Profeſſors Koſteletzky ſich 
befindet, nachdem der Profeſſor Mikan wegen ſeines hohen 
Alters und ſeiner durch die Reiſen in Braſilien geſchwaͤchten 
Geſundheit die Direction niedergelegt hat. Der urſpruͤnglich 
den Jeſuiten gehoͤrige Garten iſt in neueſter Zeit durch den 
Ankauf des graͤflich Kaunitziſchen Gartens bedeutend erweitert 
worden, weshalb viele Anlagen noch ganz neu und jung 


= 


erfcheinen. *) Sehr intereſſant war es mir, hier reifen 
Samen von der zuerſt bei der Verſammlung deutſcher Ratur⸗ 
forſcher und Aerzte zu Hamburg durch Herrn von Jacquin 
bekannt gemachten Syringa Josikaea von dem Strauche 
ſelbſt ſammeln zu koͤnnen. Mehrere neue Cucurbitaceen 
zogen die Aufmerkſamkeit der anweſenden Botaniker auf 
ſich, ſowie ein ausgezeichneter Syngeniſt. Die Kuͤrze der 
Zeit erlaubte nicht, die ſehr reichhaltige exotiſche Pflanzen⸗ 
ſammlung ſo genau durchzugehen, wie es wohl erforderlich 
geweſen waͤre, um eine Vergleichung mit andern botaniſchen 
Gaͤrten deutſcher Akademien anſtellen zu koͤnnen. 18 

In Hinſicht auf Schoͤnheit und Seltenheit der Pflanzen 
gewinnt der Garten des Grafen Salm Reiferſcheidt, welcher 
mit ausgezeichneter Liberalitaͤt und Bereitwilligkeit uns die 
reichen Schaͤtze ſeines Gartens ſelbſt zeigte, wohl unbezweifelt 
allen übrigen Gärten Prags den Vorrang ab. Am meiſten 
zog ein gerade in Blüthe ſtehendes Nelumbium speciosum 
die Augen aller Naturforſcher auf ſich, welche erſt vom 
vielerfahrenen Reiſenden um die Welt, Herrn von Hügel 
aus Wien, die intereſſanteſten Bemerkungen über dieſe 
Pflanze und ihre myſtiſche Bedeutung in der Goͤttetlehre 
der Hindus mitgetheilt erhalten hatten. Außer dieſer ſelte— 
nen Pflanze war der Anblick der ſo ſeltſam gebauten 
Nepenthes destillatoria, welche nach der Verſchiedenheit 
des den Schlauch verſchließenden Deckels eine von der im 
Botanical Magazin abgebildeten Art abweichende Form zu 
ſeyn ſcheint, ſowie einer kraͤftig vegetirenden, durch die 
Reizbarkeit ihrer Blätter fo hoͤchſt intereſſanten Dionaea 
Museipula , mehrerer Saracenien und einer Limnocharis 
Humboldii uns ſehr erfreulich, nur mußte man bedauern, 
daß ein Bluͤthenſtengel der Brunsvigia Josephinae, welche 
nach einer zwanzigjaͤhrigen Cultur der Zwiebel in dieſem 


2 440 999 

) Der Garten enthält wohl gegen 10,000 Pflanzenarten, von 
denen ungefähr ein Fünftel in den zweckmaͤßig angelegten und durch 
Waſſerheitzung erwaͤrmten Treib⸗ und Gewaͤchshaͤuſern durchwintert 
erden. Die uͤbrigen Pflanzen befinden ſich im Freien und ſind nach 


* 


Hafürttäjen Familien zuſammengepffanzt. 


Pen 


— 172 —. 


Jahr zum erſtenmal zur Blüthe kam, wegen der Ungunft 
der Witterung ſeine ſchoͤnen Blumen waͤhrend unſerer * 
weſenheit in Prag nicht entfaltete. 

Die ſchoͤnen, groͤßtentheils ganz aus Eiſen ee! 
Gewaͤchs⸗ und Treibhaͤuſer werden durch erhitztes Waſſer 
erwaͤrmt und enthalten einen reichen Schatz der ſeltenſten 
und theuerſten Pflanzen, vorzuͤglich eine ausgezeichnete 
Sammlung der herrlichſten Heiden von mehr als 500 Arten 
und Abarten in vielleicht 6000 Exemplaren und eine uͤberaus 
zahlreiche Auswahl der ſchoͤnſten und ſeltenſten Spielarten 
der Camellien in ausgezeichnet großen Exemplaren. Die 
Pflanzen waren alle ſehr gut cultivirt, wie das ſchoͤne, 
glaͤnzende Gruͤn des Laubes und die uͤberaus große Menge 
der ausgebildeten Blumenknospen bewies. Der Herr Graf 
aͤußerte bei meinem Lobe des kraͤftigen Wuchſes und des 
Reichthums von Blumenknospen, daß er dieſen ſeiner 
Culturmethode verdanke, indem er ſeine Camellien nie ins 
Freie bringe, und im Fruͤhjahr ſogleich nach der Bluͤthe 
warm ſtelle, um ſo zeitig wie moͤglich die Pflanzen in 
friſchen Trieb zu bringen und dadurch ein recht frühes Anz 
ſetzen von Blumenknospen zu bewirken. 

Ueber die großen Gruppen von Rhododendron und 
Azaleen kann ich nichts ſagen, da ich ſie nicht in der 
Bluͤthe ſah. Der Gaͤrtner, welcher ſeinen Fleiß und ſeine 
richtige Culturmethode durch den trefflichen Stand der Eri— 
ceen, ſowie den kraͤftigen Wuchs der Acazien und neus 
hollandiſcher Strauchgewaͤchſe bekundete, hieß Birnbaum, und 
ich fand in ihm einen mit der botaniſchen Nomenclatur 
ebenſo vertrauten, als gefällig zu vorkommenden Mann. 

Erſt den letzten Tag vor meiner Abreiſe war ich im 
Stande, die großartigen Anlagen des durch feine Lage am. 
Laurentiusberge und ſeine wunderſchoͤnen Fernſichten uͤber 
die Ufer der Moldau, ſowie über die ganze Ausdehnung 
der durch die große Anzahl ihrer Palaͤſte und Thuͤrme vor— 
zuͤglich pittoresken Stadt Prag ausgezeichneten Gartens des 
leider zu fruͤh verſtorbenen Fürften Kinsky in Augenſchein 
zu nehmen, man braucht mehrere Stunden, um dieſe aus 


- A 


einem wuͤſten Bergabhange durch einen Funftliebenden Genius 
mit ſehr großen Geldopfern hervorgerufene paradieſiſche 
Schoͤpfung zu durchwandern und in allen ihren Einzelnheiten 
zu bewundern. So wenig als mir die Orangerie, welche 
eben eingeraͤumt wurde, gefiel, da ſie groͤßtentheils lücken— 
hafte und nicht dichtbelaubte Kronen zeigte, ſo intereſſant 
war mir dagegen das warme Haus, wo ſchoͤne Palmen 
und maͤchtige Pandanusſtaͤmme, an deren Fuß ſeltene 
Farrenkraͤuter, Zamien und Cycadaen wucherten, eine dichte 
Gruppe bildeten, welche durch ihren tropiſchen Habitus die 
Aufmerkſamkeit des Beſchauers feſſelte. Der Gaͤrtner, ein 
geborner Meininger, heißt Windſcher und iſt ein junger, 
freundlicher Mann, welcher mit verſtaͤndigem Sinn die dar— 
gebotenen Mittel benutzt, um dieſen Garten zu einem der 
ſchoͤnſten Parks umzubilden, den man in Boͤhmen ſehen kann. 

Endlich nahm ich noch den fuͤrſtlich Lobkowitziſchen 
Garten bei einer Excurſion, welche die botaniſche Section 
auf den Laurentiusberg unternahm, in Augenſchein. Man 
bemerkt in dieſem aͤlteſten Garten der Stadt Prag die 
Abweſenheit des Beſitzers, denn außer einer recht gut ge— 
pflegten Sammlung intereſſanter Alpenpflanzen in Toͤpfen, 
welche der Gartendirector Skalnick als ſeinen vorzuͤglichſten 
Lieblingen die groͤßte Sorgfalt widmet, und den faſt hun— 
dertjaͤhrigen Staͤmmen der aͤchten Kaſtanie, die an dem 
Abhange des Berges in dem parkaͤhnlich mit Wegen durch— 
zogenen Waͤldchen ihre ſchoͤnen Laubkronen emporheben, iſt 
wenig Bemerkenswerthes im Garten. Ruͤhrend war es, 
wie der um Deutſchlands Alpenflora ſo hochverdiente, ehr— 
würdige Vater Hoppe aus Regensburg in dem Gartens 
director Skalnick einen Jugendfreund erkannte, und wie Beide 
ſich des unverhofften Wiederſehens freuten. Ruͤſtig ſchritten 
die Greiſe unter lebendigen Erinnerungen an die froͤhlichen 
Scenen einer lange ſchon entſchwundenen Jugend die ſteilen 
Wege des Waͤldchens bis zur Kirche des heiligen Grabes 
hinan, welche die Spitze des Berges kroͤnt, und von den 
Tempelherren nach dem Muſter der Grabeskirche zu Jeru— 
ſalem erbaut ſein ſoll, und hier, wo dem Auge eine un— 

* 


— 1 


ermeßliche Ausſicht geboten war, und wo ſich in meilen⸗ 
weiter Entfernung die Kette der Sudeten, ſowie das Mittels 
gebirge Boͤhmens mit dem hohen Milchſchauer bei Toplig 
aus der blaugrauen Rundſicht emporhob, nahmen die alten 
Freunde mit feſtem Handſchlag, als Maͤnner, Abſchied fuͤr 
das wahrſcheinlich nicht mehr lange Leben. 

Unuͤberwindliche Hinderniſſe erlaubten mir nicht, den 
nur zwei Tage die Woche geoͤffneten fuͤrſtlich Waldſteinſchen 
Garten zu ſehen und mich in deſſen blumengeſchmuͤckten 
Partien des weltberühmten Ahnherrn, des großen Fried» 
laͤnders zu erinnern. 


XXVIII. 


Der Sommerconvent der pomologiſchen 
Geſellſchaft zu Altenburg 1858. 


Eine protokollariſche Mittheilung von deren Secrelair, i 


Ed. Lange. 


Zu unſerm auf den 1. Aug. feſtgeſetzten Sommerconvent 
hatten ſich, wahrſcheinlich wegen des anhaltend unfreund— 
lichen Wetters und in Folge der Reiſen, von denen 
mehrere, ſonſt getreue Geſellſchaftsmitglieder noch nicht zurück 
gekehrt waren, nur 17 Theilnehmer eingefunden. Auch 
der Hofgaͤrtner Kunze war noch abweſend, ſo daß wir 
außer einem ſchoͤnen, in voller Bluͤthe ſtehenden Exemplare 
von Yucca gloriosa, und außer einigen ſchoͤnbluͤhenden 
Heidearten (Erica ventricosa hirsuta, E. eoccinea 
und Erica Uhria superba, ferner Meneciesia polilolia), 
welche deſſen Bruder, der Kunfigärtuer Kunze, eingefendet 


— — 


hatte, kein einziges Topfgewaͤchs in unſerm Verſammlungs⸗ 
ſaale erblickten. Selbſt an abgeſchnittenen Blumen war die 
Ausſtellung aͤrmer als gewoͤhnlich und faſt nur auf zwei 
Sortiments Georginen von den Kunſtgaͤrtnern Hauck und 
Reißig beſchraͤnkt. Denn die in Folge des letzten Winter— 
froſtes ohnehin ſpaͤrliche Roſenbluͤthe und Erdbeerenernte waren 
bereits vorüber, und von den uͤbrigen Sommerfruͤchten haben 
uur die Stachel- und Johannisbeeren die Winterkaͤlte, 
ſowie den harten Froſt in der Nacht vom 10. zum 11. Mai 
überftanden, wiewohl auch dieſe nicht in ihrer ſonſtigen 
Menge und Guͤte gediehen ſind. Die diesjaͤhrigen Kirſchen 
aber find ing unſerer ganzen Gegend, mit alleiniger Aus— 
nahme der Höhen um Leeſen, in der genannten Nacht fo 
gaͤnzlich erfroren, daß von dieſer Fruchtgattung auch nicht 
ein einziges Exemplar in unſerm Verſammlungslocal zu 
finden war. Blos die Stachelbeeren zeigten ſich hier 
nicht minder zahlreich als ſonſt, indem 1) der Kammers 
gutspachter Loͤhner aus Wilchwitz, 2) der Regierungsrath 
Wagner und 3) der Kunſtgaͤrtner Reißig jeder eine Menge 
verſchiedener Sorten eingeſendet hatten, worunter auch meh— 
rere, vom Pachter Loͤhner gewonnene Erſtlingsfruͤchte ſelbſt— 
erzogener Sämlinge ſich befanden. Außerdem lenkten noch 
zwei ausgezeichnet große, eigenthuͤmlich gekrummte Gurken, 
welche der Kunftgärtner Kunze unter dem Namen Non plus 
ultra dies Jahr zum erſten Mal baut, die Aufmerkſamkeit 
der Verſammelten auf ſich; allein die bei ihrer, wie es 
ſcheint, nicht geringen Tragbarkeit, doppelt wichtige Frage 
nach der Feinheit ihres Geſchmackes konnte keiner der An— 
weſenden aus eigner Erfahrung beantworten. 

Die wiſſenſchaftlichen Verhandlungen der Geſellſchaft 
eroͤffnete hierauf erſt um 12 Uhr der Kammerrath Waitz, 
als Vorſitzender, mit einem Ueberblick uͤber die Geſchichte 
und den gegenwaͤrtigen Zuſtand unſerer Geſellſchaft, ſowie 
des geſammten Gartenbaues in unſerer Umgegend, und be— 
richtete hierauf, daß die Geſellſchaft ſeit dem letzten Con— 
vente 1) ein Ehrenmitglied, den Juſtizcommiſſair Bukatſch 
in Guben durch den Tod und 2) in dem Anſpann⸗ 


— 0 — 


gutsbeſitzer Gabler in Goͤhren ein wirkliches Mitglied 
durch freiwillig erklaͤrten Abgang verloren; dagegen aber 
in dem Geheimen Rath und Conſiſtorialpraͤſi⸗ 
denten von Wuͤſtemann hier, fowie in dem Hofrath 
Schwabe in Deſſau zwei neue Ehrenmitglieder; 
ſowie in dem Conſiſtorialrath und Generalſuper— 
intendenten Dr. Heſekiel und in dem Kammer— 
und Regierungsrath von der Gabelentz zwei 
neue wirkliche Mitglieder gewonnen habe. Endlich 
iſt noch der Candidat Ezold durch ſeinen Abgang von hier 
nach Reval aus der Claſſe der wirklichen in 4 der corre⸗ 
ſpondirenden Mitglieder uͤbergegangen. 

Nach dieſen mehr geſchaͤftlichen Mictheilungen trug 
zunaͤchſt der Regierungsrath Wagner den Anweſenden 
ſeine Erfahrungen und Bemerkungen uͤber das Fort— 
ſchreiten des hieſigen Gartenbaues ſeit den letzten 
40 Jahren vor, woran ſich dann, nach einigen weiteren 
hierzu gehörigen Bemerkungen von Seiten anderer Anweſen— 
den, der gegenwärtige Berichterſtatter mit einer Zus 
Smamenfiellung feiner Erfahrungen und Beobachtungen über 
den Einfluß der letzten Winterkaͤlte auf die Kern» 
obſtbaͤume anſchloß. Auch hierzu wurden noch einige 
beſtaͤtigende Bemerkungen beigebracht; darauf aber von dem 
Vorſitzenden nach den Erfolgen gefragt, welche die einzelnen 
Mitglieder mit den von unſerm correſpondirenden Mitgliede, 
dem ruſſiſchen Krongaͤrtner Doͤllinger zu Nikita in der Krimm 
erhaltenen transkaukaſiſchen Saͤmereien gehabt 
hätten. Der Seſam (Sesamum orientale) war, ſelbſt in 
der groͤßten Menge ausgeſaͤet, bei keinem der Anweſenden 
aufgegangen; deſto beſſer aber hatte die Faͤrberroͤthe (Rubia 
tinctorum) ihre Keimkraft bewaͤhrt. Von den Samen der 
Baumquitte Cydonia arborea hatte allein der Berichte 
erſtatter und zwar erſt in dieſem Fruͤhjahre noch einen 
Saͤmling erhalten, und die Miſpel (Mespilus germanica) 
iſt, wenn nicht etwa im naͤchſten Fruͤhjahre noch ein Spaͤt— 
ling nachkommt, bisher wenigſtens bei keinem der An⸗ 
weſenden aufgegangen. 


— 17 — 


Ueber den erſt am Schluſſe der Sitzung von dem 
Vorſitzenden in Anregung gebrachten Vorſchlag, das von 
unſerm correſpondirenden Mitgliede, dem Dechanten Goͤttlich 
zu Georgswalde in Boͤhmen erhaltene Geſchenk von 10 Fl. 
Conv. zu einer Praͤmie für die ſchoͤnſten beim naͤchſten 
Fruͤhlings⸗ oder Sommerconvente zur Ausſtellung gebrachten 
Topfgewaͤchſe oder Blumen zu verwenden, ſoll beim naͤchſten 
Herbftconvente ein beſtimmter Beſchluß gefaßt werden. 

Ein gemeinſames Mittags mahl ſchloß, wie gewöhnlich, 
auch dieſe Zuſammenkunft. 


XXX. 
Erfahrungen und Beobachtungen 
* uͤber den 


Einfluß der großen Kälte des Winters 1837 — 1838 
auf die Kernobſtbaͤume 


zuſammengeſtellt von 


Ed. Lange. 


So oft ich dieſen Sommer eine Baumpflanzung durch⸗ 
ging, wurde ich auch durch die duͤrren Staͤmme und Aeſte, 
ſo wie durch die zuſammengerollten und mit zahlreichen 
Blattlaͤuſen beſetzten Blätter an die nachtheiligen Einfluͤſſe 
der letzten Winterkaͤlte erinnert und dachte mit Sorge des 
naͤchſten Winters. Denn ſollte dieſer wiederum ſo an— 
haltende und große Kälte bringen, fo würden ihm gewiß 
viele der bisher noch erhaltenen, aber geſchwaͤchten Obſt⸗ 
baͤume unterliegen. 

Wie wenig aber ein in ſeinem Wachsthum bereits 
geſtoͤrter und geſchwaͤchter Baum en Einwirkungen des 


PB 


Froſtes Widerſtand zu leiften vermag, dafür haben mir 
ſchon die Verheerungen des letzten Winters genugſame Be⸗ 
lege gegeben. 

Ich hatte fuͤnf Haͤrtlingsbaͤume am Rande meines 
neuen Grundſtuͤcks in Saara ſtehen und entſchloß mich, 
weil es die einzigen großen Aepfelſtaͤmme auf demſelben 
waren, die beiden größten und geſuͤndeſten zu Prob e— 
baͤumen zu benutzen. Allein wir konnten erſt zu Pfingſten 
vorigen Jahres den letzten dieſer beiden Probebaͤume fertig 
bringen. Es kamen daher von 104 Koͤpfen mit ebenſo 
viel verſchiedenen Sorten auf dem etwas fruͤher gepfropften 
erſten Probebaum nur 76 und von 72 auf dem zweiten 
ſogar nur 38 Koͤpfe, welchen ſchlechten Erfolg wir, mein 
Bruder und ich, der Verſpaͤtigung des Veredelns und dem 
ſchlechten Zuſtande der meiſten Edelreißer zuſchrieben. Run 
kam die heftige und anhaltende Kaͤlte des vorigen Winters, 
und der zweite Probebaum, dem wir noch dazu wenig 
Zugreißer gelaſſen hatten, weil wir von einer Anzahl neu 
erhaltener Edelreißer gern recht bald Früchte ſehen wollten, 
erfror gaͤnzlich, und der erſtere kraͤftigere Baum groͤßten— 
theils, fo daß auch an ihm ſchon ganze ſtarke Aeſte mit 
20 und mehr Koͤpfen verdorrt ſind und von den 8 noch 
übrigen Köpfen noch jetzt einer nach dem andern eingeht, 
moͤgen ſie auch in dieſem Jahre bereits 2 Elle und darüber 
getrieben haben. 

a So ſetzten wir auch im Fruͤhjahre 1837 eine Menge 

junger und kraͤftiger hochſtaͤmmiger Aepfelbaͤume auf dies 
neue Grundſtuͤck und freuten uns das ganze Jahr Hinz 
durch uͤber ihr froͤhliches Gedeihen. Dennoch aber hat ſie 
dies Verſetzen fo ſehr geftört, daß davon vier Stämme 
Sommerzuckerhut (Pear Renet), drei Staͤmme lange, roth⸗ 
geſtreifte, gruͤne Reinette (hier meiſt fuͤlſchlich Forellreinette 
genannt) und zwei Stämme weißer Wintercalville gänzlich 
erfroren ſind, waͤhrend dieſelben Obſtſorten bei den weniger 
kraͤftigen Staͤmmen, die in der Baumſchule zuruͤckgeblieben 
waren, zwar auch von der Kaͤlte gelitten haben, keineswegs 
aber ſo gaͤnzlich zu Grunde gegangen ſind. Ebenſo zeigen 


m. — 


mehr als 100 verſchiedene Obſtbaͤumchen in unſern Baums 
ſchulen für die Richtigkeit des Satzes, daß dieſelbe Obſt— 
ſorte, wenn die Baͤumchen damit vor zwei oder beſſer vor 
drei und mehr Jahren damit veredelt wurden, der Kaͤlte 
widerſtand, ihr aber bei allen Baͤumchen unterlag, die erſt 


im Fruhjahre 1837 damit gepfropft worden waren, mochten 


dieſelben den Sommer hindurch auch noch ſo kraͤftig ge— 
trieben haben. Es find uns ſelbſt hochſtaͤmmige Peters 
birnbaͤume, die wir noch im November 1837 fortſetzten, 
erfroren, während andere etwas ſchwaͤchere Stämme ders 
ſelben Art, die wir erſt im Fruͤhjahre 1838 aus derſelben 
Baumſchule auf daſſelbe Grundſtuͤck verpflanzten, ſich er⸗ 
halten haben. 

Aber die Schwaͤchung des Baumlebens iſt 
nicht allein Folge aͤußerer ſtoͤrender Eingriffe in 
daſſelbe beim Veredeln und Verpflanzen, ſon⸗ 
dern ſie kommt auch haͤufig vom Alter, Standort 
und ſonſtigen Verhaͤltniſſen der einzelnen Baͤume 
her. Mochte ſie aber auch herruͤhren, woher ſie wollte, 
uͤberall haben die geſchwaͤchten Baͤume von der 
Kaͤlte am meiſten gelitten. Im Pfarrgarten zu 
Saara ſtehen mehrere Baͤume vom engliſchen Goldpiping 
und vom rothen Taubenapfel nahe bei einander. Von der 
erſten Sorte iſt nur ein alter ſchadhafter Stamm, der ſeit 
20 Jahren brandig, alljaͤhrlich mehr oder minder reichlich 
Früchte brachte, zu Grunde gegangen, und die andern vor 
drei bis fuͤnf Jahren verſetzten oder veredelten Baͤume ſind 
unverletzt geblieben; und auch vom rothen Taubenapfel iſt 
nur der groͤßte und ſchoͤnſte Stamm erfroren, die andern 
aber ſaͤmmtlich geſund. Denn nur dieſer große Tauben— 
apfelſtamm trug 1837, ſo wie auch 1831, 1833 und 1835 
fo uͤberreichlich, daß ein Theil feiner Früchte ſi ich gar nicht 
vollſtaͤndig ausbilden konnte, ſondern klein, grün und uns 
ſchmackhaft blieb, ſo daß dieſen ſo ſchoͤnen und kraͤftigen 
Baum, wie wir bisher oͤfters gefuͤrchtet hatten, offenbar 
nur die große Menge der Früchte erſchoͤpft n 
in der Kaͤlte zu Grunde gerichtet hat. ar 


= > 


Steht nun aber auch der Satz feſt: Je kraͤftiger das 
Individuum, und je ungeftörter fein Wachsthum, deſto 
leichter widerſteht es den nachtheiligen Einwirkungen der 
Kälte, fo bleibt doch noch eine zweite Hauptſeite unferer 
Beobachtungen zu erwaͤhnen. Es zeigen naͤmlich offenbar 
die verſchiedenen Obſtſorten, auch unter denſelben 
aͤußern Bedingungen, für die Kälte ſehr abweichende 


Grade der Empfindlichkeit. Waͤhrend z. B. alle 
im vorigen Jahre von uns ausgepflanzten Baͤume des 


Sommerzuckerhuts, des weißen Wintercalvilles, der weißen 
und der langen rothgeſtreiften gruͤnen Reinette erfroren, 
hielt der Pfirſchapfel, der Reukircher Suͤßapfel, der Stettiner 
und der Borſtorfer, welche doch zu gleicher Zeit auf daſſelbe 
Grundſtuͤck verſetzt worden waren, vollkommen gut aus, 
der Grauapfel aber und der fraͤnkiſche Borſtorfer gingen 
wenigſtens nicht gänzlich zu Grunde. 

Hiermit ſtimmen auch unfere Reſultate in der Banu 
ſchule uͤberein. Um aber hier unſere Beobachtungen recht 
gründlich zu machen, haben wir dieſen Sommer ein alpha— 


betiſches Verzeichniß der 270 Aepfel- und 157 Birnenſorten, 


welche wir im Jahre 1837 bereits cultivirten, zur Hand 
genommen und nun jeden einzelnen bis 1837 veredelten 
Stamm gemuſtert. Je nachdem ſich nun der Zuſtand jedes 
einzelnen Staͤmmchens auswies, wurde hinter ſeinem Sorten— 
namen im alphabetiſchen Verzeichniſſe entweder das Zeichen 
der Unverletztheit, oder der Beſchaͤdigung, oder der gänzs 
lichen Zerſtoͤrung durch den Froſt geſetzt und ſo zugleich ein 
Maßſtab für die verſchiedene Empfindlichkeit unſerer Obſt— 
ſorten gegen die Kaͤlte gewonnen. 

Vergoͤnnen Sie mir, Ihnen nur einige wenige Erz 
gebniſſe aus dieſer Lifte vorzuführen! Unter den gewöhns 
licheren Aepfelſorten ſind gegen die Kälte ganz 
vorzüglich empfindlich: die meiſten Pipings, vorzüglich 
aber Franklin's und der engliſche Goldpiping, der Sommer⸗ 
zuckerhut, die Dietzer Mandel- und Baumann's rothe 
Winterreinette, der weiße italieniſche Rosmarinapfel, der 
neue engliſche Nonpareil, der Koͤſtliche von Kew, Jansen 


d 


— 181 — 


van Welden, American Summer - Queen u. ſ. w. Darauf 
kommen, als in geringerem Grade von dem Froſt 
beſchaͤdigt: der große rheiniſche Bohnapfel, der gelbe 
engliſche Gulderling, Renedy of London, die Barzellona⸗ 
Parmaine, die Scharlach-Parmaine, der weiße und der 
rothe Taubenapfel, die calvillartige, die lange rothgeſtreifte 
grüne, die Muskat-, die grüne, die Kronen- und die 
Zimmt⸗-Reinette, der Grafenſteiner, der Winterſtreifling 
und der mit Recht geſchaͤtzte, aber nicht ſehr tragbare Graus 
apfel. Bei weitem am beſten aber haben ſich in 
dieſer Hinſicht bewaͤhrt: der Auguſt- oder Pfirſchapfel, 
welchen ich auch aus Althaldensleben und anderwaͤrts her 
unter dem falſchen Namen des edlen Prinzeſſinapfel er— 
halten habe, der edle Winterborsdorfer, ſobald der Stamm 
nicht etwa ſchon krebſig oder ſonſt beſchaͤdigt war, die 
meiſten Calvillarten, beſonders der rothe Herbſtcalville, der 
gelbe Sommer-, gelbe Winter-, der Herbſtanis- und der 
Carmin⸗Calville, (nur der weiße Wintercalville ging in 
mehreren Staͤmmen gaͤnzlich zu Grunde, die aber vielleicht 
ohnehin ſchon kraͤnkelten oder ſonſt geſtoͤrt waren) der Erz— 
herzog Anton, der deutſche Glasapfel, der Danziger Kants 
apfel, die kleine Caßler Reinette, die Triumph-, die ſpaͤte 


Gold⸗ und die Orleans-Reinette, der Safferapfel, der 


Süffranfe, der Neukircher Suͤßapfel, der vortreffliche Franz⸗ 
ſtreifling und der koͤnigliche Taubling. 


Die Birnen ſcheinen im Ganzen weit zaͤrtlicher 


und gegen die Kaͤlte empfindlicher als die 
Aepfelſtaͤmme, fo daß z. B. faſt alle unſere im Früh⸗ 
jahre 1837 verſetzten Birnwildlinge weſentlich gelitten hatten 
und einige ſchon anſehnlich herausgewachſene Peters birn⸗ 
kernlinge, welche 1837 gar nicht geſtoͤrt worden waren, 
dennoch in ihrer halben Laͤnge erfroren ſind. Doch findet 
auch bei ihnen noch immer ein großer Unterſchied Statt. 
So erlagen dem Froſte in mehrern Exemplaren 
gaͤnzlich: die Coule soik, die hollaͤndiſche Butterbirne, 
die weiße Butterbirne, mehrere Arten Dechantsbirnen, Seakle 
pear, der König von Rom, die Sommermagdalene, der kleine 
13 


— Mn 


Iſenbart, die engliſche lange grüne Winterbirne u. a. m. 
Es gingen ferner zum großen Theil zu Grunde: 
die Petersbirne, die fruͤhzeitige Muskateller, die Geishirtel, 
die roͤmiſche Honigbirne, die gruͤne Zuckerbirne (Suere verd) 
und der Winterdorn. Endlich zeigten verhaͤltnißmaͤßig noch 
die groͤßte Widerſtandskraft: der Wildling von La 
Motte, bei uns allgemein faͤlſchlich Ambrette genannt, die 
Wintercoloma, die lange graue Honigbirne, die Schuppen— 
birne und die Rettigbirne. 

Es bleibt mir nun nur noch eine Frage übrig, naͤm⸗ 
lich die nach dem praktiſchen Nutzen, welcher ſich aus 
dieſen Beobachtungen ziehen laͤßt, und ich erlaube 
mir, den Praktikern in unſerer Geſellſchaft die einfachen 
Regeln, welche ich mir daraus gezogen habe, hiermit 
zur weitern Pruͤfung und Beurtheilung vorzulegen. 

1) Man unterlaſſe es nicht, Baͤume, welche (in der 
Regel nur ein Jahr um das andere tragend) ſich ſo reich— 
lich mit Fruͤchten behaͤngen, daß dieſe zum Theil nicht ihre 
vollſtaͤndige Ausbildung erhalten, durch tuͤchtiges Aus— 
putzen oder auch durch behutſames Zuruͤckſchneiden 
der ſchwaͤchlichen, mehrere Jahre nach einander nur Trag— 
holz anſetzenden Kronen wieder einmal zu verjüngen. 
Dadurch wird der Stamm nicht allein erneuert und ge— 
kraͤftigt, ſondern man wird dann auch weit vollkommnere 
und wohlſchmeckendere Fruͤchte von ihm erhalten. 

2) Man veredele aͤltere und kraͤftige Obſtbaͤume 
ſo zeitig als moͤglich im Fruͤhjahre und laſſe ihnen 
dabei ja nicht zu wenig ſogenannte Zugaͤſte zur Auf⸗ 
nahme und Verarbeitung des aufſteigenden Wurzelſaftes! 
Denn nur ſo wird die Stoͤrung in der Bereitung und 
Verarbeitung des Baumſaftes, welche beim Veredeln nie 
ganz vermieden werden kann, gemildert und beim fruͤhzeiti⸗ 
gen Anwachſen der Edelreißer ſchon im Laufe des erſten 
Sommers fo viel als moͤgiich wieder aufgehoben und bes 
ſeitigt. 

3) Man beſchneide und verpflanze ſeine Obſt⸗ 
baͤume, wo moglich, nur im erſten Frühjahre, nicht 


— —e 


im Herbſte oder nachdem im Fruͤhjahre ſchon die Knospen 
merklich angeſchwollen ſind! Denn uͤberall, wo ich im 
Spaͤtherbſte 1837, um im Fruͤhjahre 1838 gute und uns 
beſchaͤdigte Pfropfreißer zu haben, in der Baumſchule der— 
gleichen abgeſchnitten hatte, zeigten ſich an den Schnittſtellen 
größere und tiefere Froſtverletzungen, als wo das nicht 
geſchehen war, und eine und dieſelbe Obſtſorte, im Spaͤt— 
herbſte 1837 herausgenommen und verſetzt, war ſtets vom 
Froſte mehr beſchaͤdigt, als wenn die Verſetzung erſt im 
Frühjahr 1838 erfolgt war. 

4) Man ſchneide aber ſeinen Bedarf von 
Pfropfreißern ſchon im Spaͤtherbſte und grabe 
dieſelben entweder unter die Erde, oder ſchuͤtze ſie ſonſt 
durch Zudecken und Einbinden gegen den Froſt und gegen 
das frühzeitige Antreiben im Fruͤhjahre! An den Staͤmmen 
aber, von denen man ſie abſchneidet, laſfe man ſtets 
noch den unterſten Theil des hierzu abgeſchnittenen 
Zweiges anſtehen, und nehme dieſen Stumpf erſt im 
naͤchſten Fruͤhjahre hinweg! 

5) Man veredle die zaͤrtlichſten und em- 
pfindlichſten Obſtſorten, falls man von ihnen Hoch— 
ſtaͤmme zu beſitzen wuͤnſcht, nicht tief in der Baum— 
ſchule, ſondern ziehe fuͤr ſie dauerhafte Wildlinge zu 
Hochſtaͤmmen heran und veredle dieſe erſt oben in den 
Zweigen mit der gewuͤnſchten Sorte! Vielleicht waͤre es 
dann auch zweckmaͤßig, ſtets einen Theil der Krone mit 
einer andern Sorte zu pfropfen, weil dieſe letztere den 
Wurzelſaft, welchen die zaͤrtlichere Sorte nicht vollſtaͤndig 
verbraucht und verarbeitet, aufnehmen und in ſoweit ver⸗ 
arbeiten kann, daß derſelbe bei heftiger Kaͤlte nicht mehr 
5 
195 ‚Ob übrigens dieſes Bereinigen mehrerer Obſtſorten 
auf einem einzigen Stamme auch etwas dazu beitragen 
koͤnnte, die vielen edlen Aepfelſorten eigenthuͤmliche Neigung 
zum Krebſigwerden zu vermindern, uͤberlaſſe ich gern der 
Beurtheilung älterer und erfahrener Pomologen, deren Ans 
ſichten uͤber den heute von mir in Antegung gebrachten 

19 


— . 


Gegenſtand wohl auch andere Anweſende mit Vergnügen 
dernehmen wuͤrden. 


XX. 
Flüchtige Bemerkungen 


uͤber die 


Fortſchritte der Gartencultur in unſern Gegenden 


ſeit den letzten 50 Jahren 
vom 


Reg. Rth. Wagner. 


Ar es von jeher für nuͤtzlich erachtet worden, auf frühere 
Zeiten zuruͤckzublicken und dem Auge wieder voruͤber zu 
fuͤhren, wie es damals war, ſo duͤrfte es auch wohl fuͤr 
uns nicht ohne Intereſſe ſein, einmal in Beziehung auf 
Gartencultur einen Blick ruͤckwaͤrts auf die letztverfloſſenen 
40 — 50 Jahre zu werfen und zu vergleichen, was zu jener 
Zeit unſere Gaͤrten, unſere Anlagen waren, mit dem, was 
jetzt ſich unſern Augen darbietet, und ſo erlaube ich mir 
denn, einige fluͤchtige Bemerkungen uͤber dieſen Gegenſtand 
hier vorzulegen, die wenigſtens einer mehr als dreißigjaͤhrigen 
Beſchaͤftigung mit dem Gartenbaue entnommen ſind, hoffend, 
daß Erfahrenere die von mir gelaſſenen Luͤcken ausfüllen, oder 
ein umfänglicher ausgefuͤhrtes Bild vor uns auſſtellen. 
Blicken wir zurück auf den Anfang jenes Zeitraumes, 
ſo zeigt ſich, daß damals unſere Gaͤrten kaum auf etwas 
Anderes, als auf die Benutzung für die Wirthſchaft be⸗ 
rechnet waren, faſt nur der Gaͤrtner von Profeſſion be⸗ 


— 15 — 


ſchaͤftigte ſich mit dem Gartenbau und beſchraͤnkte ſich zu⸗ 
meiſt auf die Anzucht des Gemuͤſes und auf die Treiberei 
in den Fruͤhbeeten, die Blumenzucht war nur unbedeutend. 
Die Gaͤrten waren meiſt ſtreng geſchieden in den Gemuͤſe— 
und den Grasgarten, und der Gaͤrtner hatte nur ſelten 
einige wiſſenſchaftliche Kenntniß, die man faſt lediglich in 
fürftlihen Gärten fand. Belehrende Schriften über Garten— 
bau gab es nur wenige und dieſe ſtammten entweder aus 
fruͤheren Zeiten her, und waren ſomit veraltet, oder ſie 
erſtreckten ſich nur auf Bekanntmachung ſogenannter Gaͤrtner⸗ 
geheimniſſe. 5 

Der Obſtbau wurde zu jener Zeit theils in den 
Graſegaͤrten, und hier in groͤßerem Umfange, theils in den 
Gemuͤſegaͤrten betrieben. Dort, wo er mehr eine Neben— 
nutzung abgab, wurde ohne wiſſenſchaftliche Kenntniß, ohne 
daß man weſentlich auf die Güte der angepflanzten Obſt— 
ſorten achtete, vielmehr nur die eben im Lande befindlichen 
vermehrte, durch Anpflanzung von Hochſtaͤmmen fuͤr die 
Deckung des Obſtbedarfs in der Wirthſchaft geſorgt, wo— 
gegen man feinere Obſtarten als Franzbaͤume in den Ge— 
muͤſegaͤrten, zierlich als Pyramiden geſtaltet, fand, denen 
bisweilen hochſtaͤmmige Kirſchbaͤume zur Seite ſtanden. Die 
den Garten umgebenden Mauern aber waren mit Spalieren 
verſehen, an denen man Wein, Aprikoſen und feinere 
Aepfel⸗- und Birnenſorten, ſeltner Pfirſchen, zog. 

Der Gemuͤſebau war auf Deckung des gewoͤhnlichſten 
Hausbedarfs berechnet, wozu man in den Fruͤhbeeten die 
noͤthigen Pflanzen und dann die Gurke und bisweilen die 
Melone zog. b 
' Die Blumenzucht im freien Lande und in den Ges 

waͤchshaͤuſern erſtreckte ſich hauptſaͤchlich auf die Erzeugung 
gewiſſer Arten von Topfgewaͤchſen und auf Abwartung eines 
kleinen abgeſonderten Blumengaͤrtchens, wie wir ſie noch 
jetzt oft auf dem Lande finden. In großen Maſſen wurden 
vornaͤmlich der Rosmarin, der Levkoi und der Lack gezogen 
und in den Gewaͤchshaͤuſern überwintert, neben denen ſich 
dort faft nur der Orangenbaum, der Lorbeer, der Laurus⸗ 


— 186 — 


tinus, die Cypreſſe, der Feigenbaum, der Kirſchlorbeer, der 
Granatbaum, der Korallenbaum (Solanum pseudocapsicum) 
und die Calla aethiopica, feltner der Oleander vorfanden. 
Eben ſo einfach waren die wenigen Blumenbeete beſetzt, 
von ausdauernden Gewaͤchſen fand man in ihnen vornaͤmlich 
die Aurikel, die Primel, die Nelke, die Pfundroſe, das 
Loͤwenmaul, die Nachtviofe (Hesperis matronalis) und von 
Zwiebelgewaͤchſen die Kaiſerkrone, die Tulpe und Narziſſe; 
von ein- und zweijährigen die Reſede, die After, die Bal- 
ſamine, die Lupine, die wohlriechende Wicke, der Ritterſporn 
und die Sonnenroſe. 

Anlagen fanden ſich wenig vor, nur die um den 
großen Teich und im Schloßgarten waren vorhanden, ſelbſt 
Straßen und Wege waren nur mit Waldbaͤumen hier und 
dort beſetzt, und wo ja ein Obſtbaum ſich vorfand, waren 
Vogelkirſchen und wilde Birnen fein Erzeugniß. 

Rur der herzogl. Schloßgarten machte hiervon eine 
Ausnahme, indem man nicht nur in deſſen Häufern eine 
mannigfaltigere Sammlung fremdartiger Gewaͤchſe, ſondern 
auch in deſſen Gaͤrten manche beſſere Obſtart, feinere Ge— 
muͤſe und einzelne Zierſtraͤucher und Baͤume, als die ge 
woͤhnlich vorkommenden, fand. 

Ein regeres Leben fuͤr Gaͤrtnerei begann aber um 
dieſe Zeit, wie in andern Gauen Deutſchlands, ſo auch 
bei uns. An mehreren Orten entſtanden groͤßere Garten— 
anſtalten, die Gewaͤchſe zum Verkauf anzogen und Ver— 
zeichniſſe der verkaͤuflichen Vorraͤthe verſendeten, gleichzeitig 
begannen auch die hier und dort befindlichen botaniſchen 
Gaͤrten auf Verbeſſerung des Gartenbaues, wenigſtens ein— 
ſeitig in Beziehung auf Blumenzucht einzuwirken, Schriften 
uͤber des Gartenbaues einzelne Zweige erſchienen theils als 
vollſtaͤndige Werke, theils in der Form von Tageblaͤttern. 

So ward denn auch den Liebhabern der Gartencultur 
nicht nur Gelegenheit geboten, ſich über einzelne, dieſelbe 
betreffende Gegenſtaͤnde zu unterrichten, ſondern auch, ohne 
zu dem fernen Auslande, wie Holland, Frankreich und 
England, ſeine Zuflucht nehmen zu muͤſſen, ihre Gaͤrten 


— 11. — 


mit neuen Baum⸗, Obſt⸗ und Gefträucharten zu bereichern, 
wie durch neue Lerliche Blumenſorten zu ſchmuͤcken und 
zu verſchoͤnern. 

Den erſten Anſtoß zur Belebung des Sinnes fuͤr 
Gartenbau in unſerer Gegend duͤrfen wir wohl ohne Zweifel 
dem verſtorbenen Geh. Rath von Thuͤmmel durch Anlegung 
ſeines einſt ſo ſchoͤnen Gartens im engliſchen Geſchmack zu— 
ſchreiben, Andere, unter denen ich nur von den bereits 
Verſtorbenen unſern vormaligen Director Geh. Rath von 
Stutterheim, unſere ehemaligen Mitglieder Geh. Rath von 
der Gabelentz, Geh. Finanzrath Reichenbach und Inſpector 
Fritſch, und unter den noch Lebenden unſern dermaligen 
Herrn Director Kammerrath Waitz und unſere Mitglieder 
Herrn Paſtor Hempel jetzt zu Zedtlitz und Herrn Kauf— 
mann Rother hier nenne, folgten ihm nach. 

Mehr und mehr breitete ſich dadurch der Sinn fuͤr 
Gaͤrtnerei nach deren verſchiedenen Faͤchern nicht allein unter 
den Liebhabern des Gartenbaues, was ſpaͤter im Jahre 
1803 die Gruͤndung unſeres Vereins als pomologiſcher Ge- 
ſellſchaft und in neuerer Zeit deren Erweiterung auf den 
Gartenbau uͤberhaupt veranlaßte, aus, ſondern es konnte 
auch dieſes regere Streben nicht ohne guͤnſtigen Einfluß auf 
die eigentlichen Gaͤrtner bleiben. 

Fiat in allen Zweigen der Gärtnerei zeigten ſich jetzt 
Fortſchritte. f 

Durch die Einfuͤhrung neuer Obſtſorten aus fernen 
Gegenden, die namentlich von den bewaͤhrten Pomologen 
Chriſt, Diel, van Mons, Sickler und ſpaͤter von Schmid— 
berger und Nathuſius hierher gelangten, und von denen 
ich nur die verſchiedenen Arten von Peppins, die feinen 
Reinetten und Calvillen, den rothen Taubenapfel, die ver- 
ſchiedenartigen Butterbirnen und die edleren Kirſch- und 
Pflaumenſorten, die neuen Pfirſchſorten, die großen eng— 
liſchen Stachelbeeren und Himbeeren anfuͤhre, wurde der 
Obſtbau verbeſſert, und durch Anlegung von Obftoranges 
rie die Sortenkenntniß befoͤrdert. Man begann die neuen 
beſſern Obſtſorten auf Hochſtaͤmme, die jetzt beſſer gepflegt 


200 


wurden, zu veredeln, und dadurch reichlichere Ernten an 
feinerem Obſte zu erzielen. Aprikoſen ur hochſtaͤmmig 
erzogen und trugen reiche Fruͤchte, die Birnen und Aepfel 
verſchwanden an den Spalieren und beſſere Weinſorten und 
Pfirſchen verſchiedener Art nahmen deren Stelle ein. Obſt— 
baumſchulen wurden angelegt und hierdurch, ſo wie durch 
Vertheilung von Pfropfreißern geeigneter Sorten die Obſt— 
zucht auf dem Lande verbeſſert. Statt mit Waldbaͤumen, 
wie bisher, wurden die Straßen nun mit Kirſch- und 
Pflaumenſtaͤmmen bepflanzt, die alten wilden Kirſchſtaͤmme, 
die hier und dort ſich noch vorfanden, ſo weit ſolches noch 
moͤglich war, veredelt, oder durch beſſere Obſtſorten erſetzt, 
ganze Anlagen von Obſtbaͤumen entſtanden auf wuſten 
Plaͤtzen und an den Raͤndern der Straßen und Wege und 
gewaͤhrten reichen Ertrag den Gemeinden, wie den Einzelnen. 

Mindere Fortſchritte machte in diefer Zeit der Gemuͤſe⸗ 
bau. Zwar ift auch in dieſer Hinſicht Einiges durch Eins 
fuͤhrung mehrerer neuer und beſſerer Gemuͤſearten, wie des 
Roſenkohls, des engliſchen frühen Glaskohlrabi, des ſchwar— 
zen Blumenkohls, einiger neuer Sallatſorten, der Wachs— 
bohne, der Markerbſe, ſowie durch verbeſſerte Treiberei des 
Gemuͤſes in den Fruͤhbeeten, wie des Blumenkohls, der 
Bohne und Erbſe, und durch Ausbreitung des Gemuͤſebaues 
auf das freie Feld geſchehen, doch aber ſteht immer noch 
unſer Gemuͤſebau dem in ſo manchen andern Gegenden 
nach und laͤßt Vieles, ſowohl in Beziehung auf Einfuͤhrung 
neuer beſſerer Gemuͤſearten, als in beſſerer Cultur der vor 
handenen zu wuͤnſchen uͤbrig. Wohl aber mag hierbei 
nicht verkannt werden, daß die Einfuͤhrung neuer Gemuͤſe— 
arten in unſere Küchen mit beſondern Schwierigkeiten, die 
der Gaͤrtner nicht zu beſeitigen vermag, zu kaͤmpfen hat, 
ſowie daß der Gemuͤſebau mehr dem Gaͤrtner von Profeſſion 
überlaffen blieb und dieſer Zweig der Garteneultur weniger 
als andere aus Liebhaberei betrieben und gefordert wurde. 

Am meiſten aber hat ſich ohne Zweifel in dieſer Zeit 
die Zucht der Blumen, ſowohl in den Gewaͤchshaͤuſern, als 
in dem freien Lande gehoben. a 


— 19 — 


Zuerſt fand wohl die Pflege der Nelken und Aurifel 
ihre Liebhaber, bald trat die Zucht der Roſen der vers 
ſchiedenſten Arten im Topf und im freien Lande an deren 
Stelle. Neben den Toͤpfen mit Levkoien, Lack und Ros— 
marin fanden bald die zahlreichen Glieder der Pelargonien, 
Geranien und Meſembrianthemen und das wohlriechende 
Heliotropium ihre Stelle in den Glashaͤuſern und verdraͤng— 
ten jene faſt ganz. Reben der Orangerie wurden dabei die 
Eriken, die Oleander und die Jasmine gepflegt, bald kam 
zu ihnen die Hortenſie mit ihren großen roſenfarbenen, dann 
blauen Bluͤthenballen, die Diosmen und die Volkamerie 
mit ihren Wohlgeruͤchen, die Melaleuke, die verſchiedenen 
Arten des Hibiskus, die Canna, die Fuchſien, Calceolarien, 
Akazien und Polygalaarten, des Chryſanthemum mit feis 
nen bunten Bluͤthenbuͤſcheln und ſo manches andere ſchoͤne 
Pflanzengeſchlecht. Zahlreiche Hyacinthen, Tazetten, Nar— 
ziſſen, Tulpen und Jonquillen zierten im Winter und Fruͤh⸗ 
jahre mit ihren ſchoͤnen Bluͤthen und Wohlgeruͤchen die 
Haͤuſer, und bald begann auch nun die Zucht der Azaleen, 
der Kalmien, Rhododendron, Andromeden, Kaktus, Cinera— 
rien und Kamellien der verſchiedenſten Arten und Sorten. 

Reue, zeither bei uns nicht gewoͤhnliche Arten ein— 
jähriger und aus dauernder Gewaͤchſe füllten nach und nach 
die Blumenrabatten der Gaͤrten. Den wenigen bisher ge— 
zogenen Sommergewaͤchſen wurden mannigfache Arten aus 
den Geſchlechtern Chryſanthemum, Iberis, Crepis, Con— 
volvulus, Ipomaͤa, Cacalia, Mirabilis, Oenothera, Lavatera, 
Lupinus, Papaver, Senecio, Scabioſa, Tagetes, Zinnia, 
dann ſpaͤter Clarkia, Petunia, Gilia, Mimulus, Schizanthus, 
Nicotiana und andere beigeſellt. 

Noch mehr vergrößerte ſich die Zahl der bis dahin 
weniger beachteten, im Freien aus dauernden Staudengewaͤchſe, 
vornaͤmlich aus den Geſchlechtern Aſter, Aconitum, Achillea, 
Hemerocallis, Delphinium, Phlox, Paͤonia, Potentilla, Cam⸗ 
panula, Iris, Lobelia, Anemone, Lilium, Gladiolus und 
Tigridia. Vor Allem aber begann und ſteigerte ſich mehr 
und mehr die Zucht der prachtvollen Georginen, die von 


— 190 — 


nun an eine Hauptzierde der meiſten Gaͤrten wurden und 
von denen die vielfaͤltigſten Abarten in Wente Form und 
Fuͤllung gezogen wurden. 

Was in dem erwaͤhnten e für Anlagen, für 
Landſchaftsgaͤrtnerei bei uns geſchehen, liegt zu ſehr 
vor Augen, als daß es noch eines beſondern Hervorhebens 
beduͤrfte. Wir brauchen nur unſere Luſtgaͤrten, die naͤchſten 
Umgebungen unſerer Stadt zu durchwandern, um die Ueber— 
zeugung zu gewinnen, wie viel wir hierin vorgeſchritten 
find, welche verſchiedenartigen Zierbaͤume und Zierſtraͤucher 
bei uns zur Verſchoͤnerung unſerer Umgebungen angepflanzt 
worden. Dieſe oͤffentlichen Anlagen bezeugen uns aber auch, 
um wie viel gegen ſonſt der Sinn fuͤr Gartencultur im 
Allgemeinen geſtiegen iſt, da man es wagen konnte, ſie 
ſicher vor Befrevelungen herzuſtellen und zu erhalten. 

So groß nun auch, wie wir geſehen haben, die 
Fortſchritte ſind, welche wir in der Gartencultur gemacht 
haben, fo Vieles bleibt uns noch zu thun uͤbrig. Laffen- 
Sie uns daher dem Zwecke unſeres Vereins gemaͤß, das 
Schoͤne mit dem Nützlichen verbindend, dem uns geſteckten 
Ziele auch fernerhin nachſtreben. 


XXXI. 


Ueber einige Alterthümer des Pleißen⸗ 
gaues, 


der naturforſchenden Geſellſchaft des Oſterlandes zu Altenburg 
mitgetheilt 
vom 


Dr. Löbe. 


Als ich den Bericht über die Aufgrabung einiger Todten⸗ 
huͤgel in der Leina las, welchen Herr Paſtor Dr. Winkler 
am vorjaͤhrigen Stiftungstage dieſer verehrlichen Geſellſchaft 
mitgetheilt hatte, befremdete es mich, daß darin mit keinem 
Worte der ſchon fruͤher in dem Pleißengaue bewirkten Aus— 
grabungen gedacht war. Freilich lag es wohl zuvoͤrderſt in 
dem Plan des Herrn Berichterſtatters, nur vorlaͤufig die 
Reſultate des Beginns jener Unterſuchungen zu melden und 
es ſollte vor der Zuſammenfaſſung des Ganzen zu einer 
umfaſſenden Darſtellung die Ausgrabung der uͤbrigen Huͤgel 
und die Zutagfoͤrderung ihres Inhaltes abgewartet werden. 
Da es unbezweifelt im Intereſſe ſowohl der Wiſſenſchaft 
im Allgemeinen, als auch der Wißbegierde des Vaterlands— 
freundes insbeſondre, gewiß aber auch in dem Plane des 
auf hoͤchſten Befehl jene Arbeiten Leitenden liegt, daß nach 
Beendigung der Ausgrabungen in der Leina die Ergebniſſe 
zuſammengeſtellt werden, ſo duͤrfte eine Beifuͤgung des 
Geſchichtlichen der Ausgrabungen in unſerm Gaue nicht 
nur wuͤnſchenswerth zu der Vollſtaͤndigkeit einer ſolchen 
Darſtellung fein, ſondern es koͤnnte die Beruüͤckſichtigung 


— We 


jener in Beziehung auf das neuerlich Gefundne bald be— 
ſtaͤtigend, bald ergaͤnzend, bald belehrend und berichtigend 
eintreten. Ich habe mir daher erlaubt, was ich in ein— 
zelnen Schriften, welche unſre vaterlaͤndiſche Specialgeſchichte 
angehen, beſonders in des um dieſelbe vielfach verdienten 
J. F. Meyner's Zeitſchrift fuͤr das Fuͤrſtenthum Alten— 
burg (2 Bd. fuͤr die Jahre 1795 und 1796), gefunden 
habe, als Materialien fuͤr einen etwaigen einſtigen Gebrauch 
zuſammengeſtellt vor dieſer verehrlichen Geſellſchaft, wo der 
erſte Bericht auch vorgeleſen wurde, vorzutragen oder viel— 
mehr — weil mir dem Laien hier das Odi profanum 
vulgus et arceo hindernd entgegentoͤnt — vortragen zu 
laſſen. Vielleicht auch, daß dieſe Andeutungen uͤber aͤhnliche 
Grab⸗ und andre Hügel Veranlaſſung geben, daß auch an 
andern Orten unſers Gaues Unterſuchungen nach unter— 
irdiſchen Schaͤtzen angeſtellt werden, die, wenn ſie auch 
nicht in Gold, Silber und Edelſteinen beſtehen, nach ihrer 
Wichtigkeit für Geſchichte und Alterthumskunde jene dem 
gemeinen Lebensgebrauch nur dienenden Koſtbarkeiten uͤber— 
treffen duͤrften. 

I. Wenn ich zuerſt die Orte aufzuzaͤhlen gedenke, 
wo man ſolche Huͤgel gefunden hat, ſo erlaube ich mir 
zuvoͤrderſt, Sie auf eine Benennung dieſer Hügel hinzus 
weiſen, welche ſich nicht allzuhaͤufig gebraucht findet. In 
eines Ungenannten, im Jahr 1594 angefangenen und in 
dem Rathsarchiv hieſiger Stadt aufbewahrten Collectaneen 
zur Altenburgiſchen Chronik, heißen fie naͤmlich Hewkuͤbel 
oder Heukhuͤbel. Schon der Chroniſt ſcheint die ge— 
woͤhnliche Meinung nicht zu billigen, welche ſie zu Hunnen— 
oder Heunenhuͤgeln machen will, ſondern er haͤlt ſie „fuͤr 
der alten Heiden Begraͤbniſſe“ (was freilich auch Heunen— 
huͤgel bedeutet); Meyner (J, 370) will fie mehr für Wachs 
huͤgel halten, die aus den kriegeriſchen Zeiten der alten 
Landgrafen von Thuͤringen noch uͤbrig geblieben waͤren. 
Es gibt allerdings in der Nähe von Heiersdorf bei Ehren— 
hain einen Huͤgel, welcher jetzt noch der Wachhuͤgel heißt 


— 193 — 


und vielleicht hat dieſer Rame Meynern Veranlaſſung zu 
ſeiner Vermuthung gegeben; allein dem Ramen nach ſind 
es weder Wach-, noch Grab-, auch nicht Haynenhuͤgel 
(weil, wie der Anonymus ſagt, ſie gewoͤhnlich in Waͤldlein 
und Hoͤlzlein lägen), ſondern Hege-, d. i. Grenzhuͤgel, 
alſo Huͤgel, welche an ſich oder mit beſonderen Zeichen 
verſehen, z. B. mit Saͤulen, Baͤumen u. dgl., die Grenze 
eines Gebietes anzeigten. Daß ſolche Hegehügel zugleich 
Grabhuͤgel fein, vielleicht Grabhuͤgel dazu benutzt werden 
konnten, iſt zu vermuthen, daß ſie es wirklich ſind, muß 
die Unterſuchung derſelben lehren. 

5 In jener Chronik werden ſolche Huͤgel angefuͤhrt: 
1) im Haynicher Holz auf der Weſtſeite; man ſah 
damals deren noch acht, wovon vier ziemlich hoch, die 
andern „etwas eingezogen oder niedriger“ waren. Dort 
angeſtellte Unterſuchungen würden von großem Intereſſe 
fein, denn daß die ganze Umgegend religioͤſe Beziehung hat, 
lehrt ſchon das ſuͤdlich nahe liegende Crodolaithe und 
Goͤtzenthal.“) 2) Fünf. bei der Starkenbergſchen 
Schaͤferei, zwiſchen Molbitz und Waltersdorf; „zwei oder drei 
darunter, ſonderlich die eine hoch und ſtund auf derſelben 
eine Haſenſeule (d. i. Hegeſaͤule, wie ſchon Meyner richtig 
erklaͤrt), ift aber 1588 an den Zechauer Taͤnnicht geſetzt 
worden.“ In dieſer Angabe findet ſich eine Unrichtigkeit 
und find auf jeden Fall die Huͤgelreihen zweier verfchiednen 
Gegenden vermiſcht, ſo daß a) eine Reihe von fuͤnf bei 
der Starkenbergſchen Schaͤferei, ) b) eine andre zwiſchen 
Molbitz und Waltersdorf zu denken ſind. Und ſind 
dieſe dann dieſelben, welche vor einigen Jahren geoͤffnet 
wurden und mehrere Urnen enthielten? 3) Beim Wolfen⸗ 
holze unweit Altenburg einer. Dieſer wurde ſchon 1584 
eingezogen und zu einem Weinberge gemacht, fruͤher hatte 


9 Krodoberg, Krodoteich. 


) Dies dürften wohl die auf den ſogenannten Heidenfeldern in 
der Gegend von Boſa ſeyn. Wagner. 


— 18 — 


er dem M. Sonne gehoͤrt und war Hopfen darauf gebaut 
worden. Das Einziehen dieſer Huͤgel anlangend, ſo 
iſt es ſ. v. w. ebnen, wie es auch mit einigen bei 
Waltersdorf geſchehen ſein ſoll, die zu Ackerland gemacht 
wurden. 4) Meyner ſelbſt gedenkt noch eines ſolchen Huͤgels 
bei Hartha, worauf ein Baum gepflanzt geweſen, ſowie 
in mehrern Dorffluren des Altenburgiſchen Amtsbezirkes. 


Durch das erwaͤhnte Einziehen oder Ebnen ſind viel 
ſolche Huͤgel ſchon in aͤlterer Zeit verſchwunden, aber auch 
in neuerer Zeit iſt man damit fortgefahren, wie dies 
namentlich hervorgeht aus einer Mittheilung des verſtorbe— 
nen Straßeninſpectors Meinhard in Friedrichsluſt, die 
er im Jahre 1834 der naturforſchenden Geſellſchaft machte. 
Raͤmlich 5) auf einem am rechten Pleißenufer unter dem 
Dorfe Mockern ſich hinziehenden Bergruͤcken beim ſo— 
genannten Teufelsbruche erhoben ſich mehrere ſolche Huͤgel, 
welche der dermalige Beſitzer vor einigen Jahren ebnen ließ, 
um das Land urbar zu machen. Dabei wurden nicht nur 
mehrere Urnenſcherben gefunden, ſondern auch eine, weiter 
unten zu beruͤhrende Sage weiſt wieder auf einen, dem 
religiuͤſen Cultus unſrer heidniſchen Vorfahren geweiheten 
Platz hin. Und vielleicht reichte dieſes Heiligthum bis Model- 
witz, denn auch dort hat man vor einigen Jahren einzelne 
Ueberreſte von Thongefaͤßen gefunden. (Von dieſen ſpricht 
Klemm, Handbuch der german. Alterthumsk. S. 169, 2.) 


Ohne alle Hindeutung auf Hügel werden aber auch 
ſchon mehrere Ausgrabungen erwaͤhnt; das Richterwaͤhnen 
aber ift entweder ein Mangel im Bericht, oder das Aus⸗ 
graben geſchah auf bereits cultivirtem Boden, wo das 
Einziehen der Huͤgel vor laͤngerer Zeit ſchon erfolgt war. 
So meldet ſchon Foͤrſter in den Collectaneen zu der Alten: 
burgiſchen Chronik (vom Jahr 1701, auch in dem hieſigen 
Rathsarchiv), daß man zu irgend einer Zeit (ö) Aſchen⸗ 
kruͤge und Urnen an der leipziger Straße in der 
Gegend des weißen Berges ausgegraben habe. Viel⸗ 


— 193 — 


leicht faͤllt die Auffindung dieſer Gefäße mit dem unter 3) 
genannten Huͤgel beim Wolfenholze zuſammen. Von großer 
Wichtigkeit ſowohl hinſichtlich der aufgefundenen Gegenſtaͤnde, 
als auch des Ortes, wo man fie fand, waren 6) die Ent⸗ 
deckungen im Hain bei Meuſelwitz an der preußiſchen 
Grenze, wo man zu Anfang der neunziger Jahre nicht 
allein Urnen, ſondern, wie es nach der blos andeutenden 
Erzaͤhlung ſcheinen koͤnnte, ſogar eine Todtenkammer fand, 
ſ. Meyner II. S. 402. — 7) Endlich hat man aber auch 
in der Nähe der Stadt Altenburg vorzüglich viele 
Urnen gefunden und zwar in der Gegend zwiſchen 
der Geraiſchen und Zeizer Straße, wo jetzt theils 
Gaͤrten, theils der Gottesacker iſt, wenn man das Erdreich 
zum erſten Male rajolte. Meyner grub, nachdem man 
a) dort mehrmals vorher Gefäße aus der Erde gegraben 
hatte und dadurch aufmerkſam geworden war, b) ſelbſt 
zu Anfange der neunziger Jahre mit einigem Erfolge in dem 


— 


mittelſten jener Gärten nach; e) im Fruͤhjahr 1795 hatte 


man in dem neuangelegten Gottesacker wieder Afchenfrüge 
gefunden und d) im Februar 1796 wiederum in einem 
jener Gaͤrten, ſ. Meyner I, 348. II, 91. Wir finden alſo 
hier einen großen Leichenplatz, welche Bemerkung deshalb 
nicht ohne Wichtigkeit ſein duͤrfte, da derſelbe dieſſeit der 
Pleiße dem in der Leina bei Loh ma jenſeit des Fluſſes 
geogradhiſch ziemlich genau entſpricht. 

II. Betrachten wir kurzlich die ausgegrabenen Gegen⸗ 
i ftände ſelbſt, fo verdanken wir Meyner's Fleiße und Liebe 
zur Sache die umſtaͤndlichſte Belehrung, wie wir fie’ für 
jene Zeit verlangen koͤnnen. Zu den unter 7) a. genannten 
Ausgrabungen bemerkt er (S. 348): die Gefaͤße ſtehen 
gegen drei Fuß tief in dem feften Lehmboden und koͤnnen 
nur bei Anwendung der groͤßten Behutſamkeit unbeſchaͤdigt 
und unzerbrochen herausgebracht werden, weil ſie mit der 
fie umgebenden Lehmerde zu feſt verbunden ſind. (Alſo 
ſind doch die Huͤgel nicht ganz verſchwunden, ſondern der 
abgegrabene obere Theil hat zur Ausfüllung der Zwiſchen⸗ 


— 196 — 


räume zwiſchen den einzelnen Hügeln gedient; denn nicht 
unter die Erde ſetzte man die Urnen mit den Ueberreſten 
der Todten, ſondern auf den platten Boden und errichtete 
darüber den Hügel.) Bisweilen findet man fie zwiſchen 
fauſtgroßen Felsſteinſtuͤcken eingeſetzt und mit einem groͤßern, 
der gemeiniglich ein breiter Kalkſtein iſt, bedeckt. (Die 
Bemerkung iſt vortrefflich und es iſt Schade, daß man in 
den Huͤgeln der Leina nicht mehr mit Beſtimmtheit uͤber 
ſolche Halt» und Deckſteine hat finden koͤnnen, vgl. Wink⸗ 
ler's Bericht S. 202 f., ſ. jedoch S. 198. Daß die Urnen, 
oder vielleicht nur einzelne mit beſonderem Inhalte, mit 
Steinen umſtellt und bedeckt wurden, daruͤber ſ. Klemms 
Handbuch der germaniſchen Alterthumskunde S. 115 und 
Tafel VIII.) Die Größe der Urnen, fährt Meyner fort, 
iſt verſchieden: die groͤßten duͤrften nach der Beſchreibung 
und den Bruchſtuͤcken zu urtheilen, die mir vor die Augen 
gekommen ſind, ungefaͤhr 4 bis 5 Meßkannen enthalten. 
Die Form iſt hoͤchſt einfach, ſie haben keinen Fuß, ſondern 
nur einen wenig platt gedruͤckten Boden, wie unſre Koch— 
toͤpfe, und einen ſehr kurzen Hals, deſſen Diameter die 
Haͤlfte oder etwas uͤber ein Drittheil des Bauches betraͤgt. 
Die Maſſe, woraus fie geformt waren, iſt ſchieferſchwarz 
von Farbe, grob und mit Sandkoͤrnern vermiſcht (vgl. 
Winkler S. 196. Scherben aus der Modelwitzer Gegend 
ſind mit Glimmer vermiſcht, ſ. Klemm S. 168 f.); ſie 
ſaugt das Waſſer in ſich und iſt leicht zerbrechlich. Man 
findet faſt in allen Aſche und Knochenſtuͤcken, welche Dinge 
ihren Zweck unwiderſprechlich beſtaͤtigen. (Merkwuͤrdig, daß 
man in den Gefaͤßen der Leina'ſchen Huͤgel noch keine un⸗ 
bezweifelten Spuren von Knochen- oder Aſchereſten gefunden 
hat, Winkler S. 198. Sollte man ungeachtet der genaues 
ſten und ſorgfaͤltigſten Unterſuchungen keine finden, ſo muͤßte 
man an ein durch langes Liegen in der Erde oder durch 
andere Umſtaͤnde bewirktes Untergehen derſelben denken, aber 
anderm Zwecke haben ſolche Monumente und die Haupt⸗ 
gefaͤße in ihnen gewiß nicht gedient, als der Beſtattung 
der irdiſchen Ueberreſte Geſtorbener). 


— — 


Zu 7) b. Meyner's eigne Rachſuchung war nur von 
geringem Ergebniß; er fand nichts mehr, als ein kleines 
Gefäß, brachte es jedoch faft unbeſchaͤdigt zu Tage. Es war 
nicht größer, als die Unterſchale einer Kaffeetaſſes außerdem 
ſehr niedrig, hatte einen ſehr breiten Boden und außer 
einer Einbeugung an der Oeffnung, keinen Hals. Die Erde, 
mit der fie angefuͤllt war, ſchien ihm ſichtlich mit vieler 
Aſche vermiſcht, und es lag auch die Halfte eines metalle— 
nen, faſt ganz verwitterten Ringes darin. (Alſo hier Spuren 
von metallenen Gegenſtaͤnden! fie wollten in den Leina'ſchen 
Huͤgeln nirgends erſcheinen; vielleicht daß ſich doch deren noch 
bei ganz genauer Unterſuchung auf dem Boden der Gefaͤße 
finden. Uebrigens duͤrfte der Ring in jener Urne nicht fuͤr 
einen Kopfſchmuck zu halten fein, ſondern wahrſcheinlich iſt 
er ein Arm- oder Halsring geweſen, vgl. Klemm S. 112, 
wo ein ganz aͤhnlicher Fund beſchrieben wird, der auch 
wegen der Kleinheit der Urne auf das Begraͤbniß eines 
Kindes, wie hier, ſchließen ließ). 

Zu 7) e. Was auf dem Gottesacker an Gefäßen 
gefunden ward, waren blos Scherben, dazu Knochen. 
Maͤnner, welche Gräber gemacht hatten, hatten ohne Vor⸗ 
ſicht in die Erde geſtochen und jene Scherben und Knochen 
herausgeworfen, doch fanden ſich dabei auch wieder viele 
Steine. (Es iſt zwar moͤglich, aber nicht nothwendig, daß 
die Graͤber die Gefaͤße zerſtoßen hatten. Bekanntlich finden 
ſich bei Ausgrabungen ſtets in den oberſten Erdſchichten 
Urnenſcherben, ſ. Klemm S. 111. 117 u. Winkler S. 194, 
welche wahrſcheinlich Ueberreſte der bei Leichenfeierlichkeiten 
zum Opfer gebrauchten, dann zerſchlagenen und in die obern 
Theile der Grabhuͤgel eingeſtreuten Gefaͤße ſind, vgl. Klemm 
S. 345). Merkwuͤrdig war hier, daß an dem groͤßten 
Theile der Scherben ſich außerhalb eine ſtark aufgetragene 
rothe Farbe fand, welche beim Angreifen abfaͤrbte. (Auch 
ſolche fand man in der Leina, ſ. Winkler S. 196.) 

Zu 7) d. Die hier bewirkte Ausgrabung war auf 
jeden Fall die wichtigſte. Man fand naͤmlich drei große in 
nn geſetzte Urnen, welche mit Steinſtuͤcken umlegt 

14 


— 86 — 


und bedeckt waren. (Alſo eine Art Rieſenurnen, Klemm 
S. 126 f., eine ſolche hat man in der Leina noch nicht 
gefunden!) Die innerſte enthielt eine Menge Aſche und 
Knochen, war aus einer ſchwarzen Maſſe geformt und 
ſowohl inwendig als auswendig geglaͤttet. Die mittlere 
war durch und durch (das iſt merkwuͤrdig!) von ziegel⸗ 
rother Farbe; die aͤußere war von grauem Thon mit grobem 
Sand und Kalk vermiſcht. (Aber leider wurde ſie nicht 
ganz, ſondern in Truͤmmern und ſcherbenweis aus der Erde 
gebracht, wie es auch der Fall mit den Rieſenurnen, z. B. 
bei Kleinroͤſſen, in der Raͤhe von Schlieben, und auf dem 
Broidſchenberge bei Bauzen der Fall war.) Um die große 
Urne lagen in ſchraͤger Richtung noch vier kleinere herum, 
welche unbeſchaͤdigter erhalten wurden. (Eben ſo viel Reben⸗ 
urnen ſtanden um die Schliebener Rieſenurne.) Von dieſen 
vier kleinern Urnen war die größte 32 Zoll hoch, 5 Zoll 
weit und hatte an jeder Seite uͤber dem Bauche einen 
kleinen Henkel. In ihr lag ein zerbrochener kupferner Ring; 
zwar war das Metall faſt ganz in Gruͤnſpan aufgelöft, 
aber man erkannte ein Kupferfaͤdchen mitten in der Auf— 
loͤſung noch ſehr deutlich. Die dritte war nicht einmal ſo 
hoch und fuͤnf Zoll weit; ein einziger kleiner, oben am 
Halſe angeſetzter Henkel zierte ſie; uͤbrigens war ſie von 
derſelben rothen Farbe, wie die mittelſte der großen. An 
der vierten, der Fleinften und nur 32 Zoll weiten, war 
der Hals abgebrochen. Den Gebrauch dieſer kleinern Ge⸗ 
faͤße anlangend, fo ſcheint Meyner ſchon richtig vermuthet 
zu haben, daß ſie zum Opfergebrauch dienten, vgl. Klemm 
S. 178 (dagegen S. 125). Daß ihre ſchraͤge Lage vom 
Treten der Arbeiter auf den Huͤgel herruͤhrte, iſt nicht 
nothwendig, wenigſtens fand auch Wagner in dem einen 
Huͤgel bei Schlieben von den Beigefaͤßen einige ſtehend, 
andre zur Seite liegend. Uebrigens lagen dieſe Gefaͤße 
nicht viel uͤber eine Elle tief in der Erde und der Platz 
war vor einigen Jahren ſchon einmal rajolt worden. 

Zu 5). Im Teufelsbruche bei Mockern fand man 
beim Urbarmachen oͤfters Kruͤge mit Aſche und verbrannten 


— 109 


Knochen, dabei auch kupferne Ringe und verſchiedene vera 
roſtete eiſerne Gegenſtaͤnde. Es iſt Schade, daß Meinhard 
von jenen Gegenſtaͤnden, wenn ſie ihm ſonſt alle zur Aus⸗ 
wahl zu Gebote ſtanden, gerade das Unintereſſanteſte waͤhlte, 
naͤmlich einen eiſernen Schluͤſſel, der, wenn er wirklich dort 
gefunden worden iſt, gewiß keinem hohen Alterthume an— 
gehört. Sollten aber nicht jene Sachen, wenn nicht die 
Urnenſcherben, doch vielleicht die angeblichen kupfernen Ringe 
von den Feldbeſitzern aufbewahrt worden, wenigſtens naͤhere 
Rachricht uͤber dieſelben, ſo wie uͤber die Lage des Platzes 
u. dgl. einzuziehen ſein? 

Zu 6). Aus Meuſelwitz erhielt Meyner -über die 
dortigen Auffindungen folgende Nachricht: „Es haben einige 
hieſige Inwohner Antheil an dem Beſitz eines kleinen 
Waͤldchens an der kurſaͤchſiſchen (jetzt koͤniglich preußiſchen) 
Grenze, welches gemeiniglich der Hain genannt wird, von 
den Straßen und Wegen ganz abgelegen iſt, aber einen 
ſehr angenehmen Spatziergang gewaͤhrt. Der mittaͤgliche 
Theil liegt hoch, der mitternaͤchtliche zieht ſich dagegen in 
eine Vertiefung hinab. In dieſem ließ vor einigen Jahren 
der eine Beſitzer das Land zu beſſerem An- und Fortwuchſe 
des Holzes rajolen und fand in ziemlicher Tiefe einen von 
Stein ausgehauenen Tiſch mit verſchiedenen Sitzen, die 
herumgeſtellt waren. Ein Andrer fand kurz hernach uͤber 
derſelben Arbeit eine Menge kupferner, mit allerhand Figu⸗ 
ren ausgezierter Ringe, die der Größe und dem Anſehen 
nach an den Armen und Händen getragen worden waren. 
Bei der großen Ueberſchwemmung im Jahre 1772 wurden 
ferner gleich am Fuße der Anhoͤhe zwei große ſchoͤne Urnen 
von dem Waſſer ausgewaſchen.“ Der von Stein aus⸗ 
gehauene Tiſch iſt ſicher nichts Anderes geweſen, als ein 
aus Bruchſteinen zuſammengeſetztes Gewoͤlbe (ſ. Tafel VII, 3 
bei Klemm und S. 113), die Sitze aber im Kreiſe herum⸗ 
liegende Steine; über die Zierrathen an Ringen ſ. Klemm 
S. 68. Wo moͤgen aber jene Ringe und Urnen hingekom⸗ 
men fein? Wohl ſchon der Berichterſtatter erzählte blos 
Gehoͤrtes. Diejenigen Gefaͤße, welche Meyner bei ſeiner 

14 * f 


3 > 


(unter 7) d. mitgetheilten) Ausgrabung erbeutete, waren in 
ſeinem Beſitz, kamen aber nach ſeinem Tode in die Haͤnde, 
ſolche Schaͤtze nicht zu wuͤrdigen verſtehender Erben und — 
wer weiß, welch unwuͤrdiges Schickſal ſie gehabt haben. So 
erzählt auch Meyner (I, S. 350), daß noch zu feiner Zeit 
einige echte alte Urnen in einer Sammlung von Alter⸗ 
thuͤmern, Kunſtſachen und Naturalien beim Altenburgiſchen 
Gymnaſium aufbewahret worden waͤren. Es wuͤrde ſich 
doch der Muͤhe lohnen, daruͤber einmal an dem betreffenden 
Orte Nachfrage zu halten, damit man, wofern ſie noch 
vorhanden ſind, dieſelben mit den jetzt ausgegrabenen ver⸗ 
gleichen könnte. 

III. Ich ergreife die Gelegenheit, Ihre Aufmerkſam⸗ 
keit noch auf eine andre Art Alterthuͤmer zu richten, wie 
auch bereits Winkler S. 209 ſeines Berichts gethan hat. 
Naͤmlich es finden ſich hin und wieder große Steine, 
jetzt meiſt liegend, die aber ebenfalls eine religioͤſe Be⸗ 
deutung gehabt zu haben ſcheinen, ſei es, daß ſie auf 
Grabmaͤlern errichtet waren, vgl. Klemm S. 96 und die 
Sage, daß auf dem Zwelſtenhaue der Huflitenfönig be⸗ 
graben liege, ferner die Erfahrung, daß man deren bei den 
Graͤbern in dem Teufelsbruche gefunden hat; oder daß ſie bei 
Opfern gedient haben, ſ. Klemm S. 334 f. Von letzterer 
Art aber waren beſonders die bei Mockern im Teufelsbruche 
am ſuͤdweſtlichen Fuße des Berges, ungefaͤhr drei Ellen aus 
einander ſtehenden großen Felsbloͤcke, in deren einem man 
einen Eindruck, wie von einer Menſchenhand, 
in dem andern ein Loch bemerkte, welches den Anſchein 
hatte, als habe ein Menſchenkopf mit einem kurzen, 
dicken Horne darin geſteckt. Ich verdanke dieſe Notiz 
der Angabe in der oben genannten ſchriftlichen Mittheilung 
Meinhard's, denn leider ſind die Steine nicht mehr zu 
ſehen, im Jahre 1828 hat ſie der Beſitzer des Grundſtuͤcks, 
auf dem ſie lagen, zerſchlagen und zum Bauen verwenden 
laſſen. Aber wohl hat ſich noch eine Sage erhalten, welche 
einiges Licht auf die Gottesverehrung, wenigſtens in dieſem 
Theile des Pleißengaues werfen kann. Ich erlaube mir, 


— 201 — 


Ihnen dieſe Sage noch einmal zu erzaͤhlen und zwar mit 
Meinhard's eignen Worten, wie er ſie aus dem Munde 
feiner Großmutter mit dem Zuſatze, „ſo waͤre fie von 
uralten Zeiten her erzaͤhlt worden,“ oft hoͤrte: 

In der alten Zeit haben ſich hier in dieſem alten 
Steinbruche viele alte Maͤnner und Weiber, die unſern 
Glauben nicht annehmen wollten, verkrochen, ſie beteten 
hier ihre Teufel an, ein Schwegel, ein Boͤgel, ein 
Thorl, ein Crodel und mehrere andre. Sie haben 
Hexerei getrieben; alte Weiber haben hier zu Walpurgis 
und zum Dreikoͤnigstage gewahrſagt, auch das Vieh 
bezaubert; hierdurch ſind die Leute furchtſam geworden und 
haben dem Hexenvolke, die gar nicht zu unſerm Glauben 
zu bringen waren, viele Geſchenke gemacht. In der katho— 
liſchen Zeit, wo ein Moͤnch im Namen des Herrn Chriſtus 
große Wunder that, wurden doch die Hexen einmal klein— 
laut, naͤmlich der Moͤnch wettete mit dem oberſten Hexen— 
meiſter, ſein Herr Chriſtus haͤtte mehr Gotteskraft, als der 
Hexen Boͤgel und Schwegel ze. Die Wette wurde mit 
dieſen beiden großen Steinen verſucht, die zu der Zeit dort auf 
der Höhe des Berges ſollen gelegen () haben, unter 
der Bedingung, wer von den Goͤttern den groͤßten Stein 
am weiteſten von dem Berge herabtruͤge, der ſolle fuͤr den 
allerbeſten Gott gehalten werden. Eine Nacht wäre hierzu 
beſtimmt worden. Am Morgen nach dieſer Nacht haͤtten 
ſich Die von unſerm Glauben haͤufig verſammelt, um zu 
ſehen, ob der Herr Chriſtus ſtaͤrker als die Herengötter 
geweſen waͤre, und ſiehe, der Moͤnch haͤtte mit großer 
Freude dem Volke erzaͤhlt, daß dieſer Stein, wo der Ein— 

druck der Hand noch ganz deutlich zu ſehen iſt und der 
dazu der groͤßte war, vom Herrn Chriſtus vom Berge 
herab auf der Hand wie eine Feder getragen worden waͤre, 
indem der Hexengott dieſen kleinen Stein auf dem Kopfe 
nicht einmal ſo weit, als der Herr Chriſtus den ſeinigen haͤtte 
tragen koͤnnen, wie dieſe beiden Steine mit ihren Wahrs 
zeichen es auch noch genug bezeugten. Dadurch waͤren viele 

Teufelsanbeter bekehrt worden und haͤtten unſern Glauben 


= 22 = 


angenommen, und der Mönch Hätte eifrig ſehr viele an der 
Quelle in einem Grunde getauft, welcher heutiges Tages 
noch der Eifergrund heißt. Die Hexen aber, welche 
ſich nicht bekehrt haͤtten, haͤtten verborgen in den Hoͤhlen 
hier in dieſem Steinbruche ihre Hexerei fortgetrieben, ſo 
lange bis ein Vogelfaͤnger, Finkenheinrich genannt, ſie 
ſammt und ſonders haͤtte todt ſteinigen laſſen, aus dem 
Grunde, weil ſie ſeine Leute behext haͤtten. Aber doch 
immerfort und lange nach dieſer Steinigung haͤtten die 
Teufel hier fortgeſpukt, bei Racht mehr als am Tage, und 
bis auf den heutigen Tag hat ſich noch Furcht und der 
Name Teufelsbruch hier erhalten. 

So wenig Ehre dieſe Geſchichte dem Verſtande der 
glaͤubigen Zeitgenoſſen des anonymen Moͤnches macht, ſo 
wichtig iſt fie doch, wie alle aͤhnliche, für den Geſchichts— 
forſcher, inſonderheit für die Religions- und Culturgeſchichte 
unſers Gaues. Sie weiſt uns auf die Zeit Heinrichs I. 
(des Finklers oder Voglers) hin, wo das Evangelium mit 
mehr Nachdruck ausgebreitet zu werden begann, und zum 
Theil in noch fruͤhere Zeiten, wenigſtens in das 8. und 9. 
Jahrhundert v. Chr. Von den Goͤtternamen, welche die 
Sage anfuͤhrt, Schwegel, Boͤgel, Thorl, Crodel, an denen 
die deminutive Endung — el den Hauptbegriff erniedrigt 
und veraͤchtlich macht, find die einen leicht wieder zu er 
kennen, denn Thorl und Crodel ſind Thor und Crodo; die 
beiden erſten ſcheinen durch Verſtuͤmmelung entſtanden zu 
ſein, und ich glaube nicht ſehr von der Wahrheit abzuirren, 
wenn ich in Schwegel den Swantowit, in Boͤgel den 


Czernebog zu finden glaube. Die erſtere Vermuthung wird um 4 


ſo weniger kuͤhn gefunden werden, wenn man bedenkt, daß 
für Swantowit die eigentlich ſlaviſche Form Swjato wit iſt 
und den gleichbedeutenden Gott der Preußen Schwayxtix 
(welches auch zu Swicz zuſammengezogen oder abgekuͤrzt im 
Preußiſchen vorkommt) vergleicht; das Andre eben ſo wenig, 
da bekanntlich an ſich ſchon Bog im Slaviſchen den hoͤchſten 
Gott bedeutet, das dann in Zuſammenſetzungen wie Bjel⸗ 
bog und Czernebog verſchiedene Modificationen des Gottes⸗ 


18. — 


begriffs bezeichnet. Wollte man bei jenen Götternamen eine 
mehr zufaͤllige als bedachte Zuſammenſtellung annehmen (da 
Swantowit und Czernebog als Goͤtter des Lichtes und der 
Finſterniß Gegenſaͤtze bilden), ſo koͤnnte man in dem Boͤgel, 
auch ohne an den ſpeciellen Czernebog zu denken, den all⸗ 
gemeinen Bog wiedererkennen. Beide Götter find flavifch, 
von den beiden andern iſt Thor unbezweifelt germaniſch, 
uͤber Crodo iſt man nicht gewiß. Einige halten ihn zwar 
für einen ſaͤchſiſchen Gott, der in der Harzburg verehrt 
worden ſei (ſ. Falkenſtein Rordgauiſche Alterthuͤmer, I. 
S. 58 ff.); und koͤnnte man auf eine bedaͤchtige Zuſammen⸗ 
ſtellung des Thor und Crodo ſchließen, ſo wuͤrde auch hierin, 
ein Beweis fuͤr die Deutſchheit des Crodo liegen, zu dem 
eine Vermuthung gefuͤgt werden koͤnnte, über den Crodos 
Altar zu Goslar gemacht, naͤmlich daß derſelbe dem Dienſte 
des Thor gewidmet geweſen zu ſein ſcheine (ſ. Klemm 
S. 322), indem das Kreuz auf demſelben den Hammer 
Thors vorſtellen fol (vgl. Mone, Geſchichte des nordiſchen 
Heidenthums II. S. 598 f. und Klemm S. 284); und eine 
andre, der Sprache entnommene, naͤmlich daß viele ſaͤchſiſche 
Eigennamen mit Hrod —, fränfifhe mit Crod — oder 
Chrod — gebildet wären (f. Mone, II. S. 62). Aber 
fraglich bleibt die Sache noch immer und Grimm hat den 
Crodo in der deutſchen Mythologie gar nicht mit angeführt, 
auch dürfte. für fein Gehören zur flavifchen Religion noch 
die Bemerkung in Engel's Chronik der alten Mark Branden— 
burg (ſ. Falkenſtein I. S. 63 und Schedius de diis ger- 
manis p. 493) ſprechen, daß Crodo zu Garleben in der 
Mark verehrt worden ſei, wo bekanntlich vor der Periode der 
ſaͤchſiſchen Kaiſer Slaben wohnten, — wenn man ſonſt viel 
auf dieſe Bemerkung geben darf. Die deutſchen Colonien 
Waldſachſen, Schwaben, Sachſenroda, Franken— 
hauſen u. a. in unſerer Nähe koͤnnen für den deutſchen 
Crodo nicht beweiſen, da jene Colonien erſt ſeit Heinrich J. 
dorthin geſchickt zu ſein ſcheinen, wie auch jene Sage an— 
deutet. Daß Crodo dort verehrt wurde, beweiſt — wie 
ſchon oben angedeutet wurde — das benachbarte Crodolaite 


er ME 


oder Crothenlaithe. Auf jeden Fall bleibt aber in jenen 
Namen eine Vermiſchung flavifcher und germaniſcher Gott— 
heiten, die zwar beachtenswerth iſt, aber den Zweifel, ob 
die in näherer und fernerer Nachbarſchaft jener Gottesdͤrter 
gefundenen Gräber germaniſcher oder flavifcher Nation ans 
gehören, kann man dadurch noch nicht als gelöft anſehen. 

Ich hatte mir zwar Anfangs vorgenommen, dieſer 
duͤrftigen Materialienſammlung einige Vermuthungen bei— 
zufuͤgen, die ſich mir beim Zuſammentragen jener Notizen 
in Beziehung auf die Grenzen des Pleißengaues und 
die alten Straßenzuͤge durch und um denſelben gebildet 
hatten, allein ich halte es doch fuͤr geeigneter, das Reſultat— 
ziehen denen zu uͤberlaſſen, welche dazu mehr Beruf haben, 
als ich, und ich erlaube mir nur noch, Ihrer Sorge und 
weitern Betrachtung Dasjenige zu empfehlen, was ſich etwa 
an den angedeuteten Orten auffinden oder Big: one 
koͤnnte. 8 


XXXII. 


Aus einem Briefe des Herrn Doctor 
med. Richter in Roda. 


Roda, den 23. Auguſt 1838. 


Ich beſitze zwei junge, blendendweiße Schwalben, bei deren 
Erziehung ich folgende naturhiſtoriſche Notiz des Aufzeichnens 
wohl werth gefunden habe. In dem Neſte, woraus fie 
genommen ſind, waren vier Geſchwiſter, zwei gewoͤhnlich 
gefaͤrbte und dieſe beiden weißen; ſie waren im Reſte merk— 
lich kleiner, ſchwaͤcher und in der reifenden Befiederung 
gegen die anderen ebenfalls zuruͤck. 

Wie ich ſie ins Haus nahm, waren ſie bereits fluͤgge; 
obgleich ich ſie reichlich mit lebenden Fliegen verſorgte, ſo 


=» — 


fraßen fie doch nicht, und ich ward gezwungen, fie zu 
ſtopfen; dieſes Geſchaͤft, wobei fie lauter friſche Ameiſeneier 
bekamen, ging jedoch leicht von Statten. Dabei war mir 
merkwürdig, daß dieſe allerliebſten Thierchen ſich durchaus 
nicht wie andere junge Voͤgel benahmen und ohne Unterlaß 
nach Futter pipſten, vielmehr konnten fie, einmal gefüttert, 
mehrere Stunden warten, ehe ſie wirklichen Hunger zeigten; 
gleichwohl wuchſen ſie recht ſchnell heran und blieben mun— 
ter und wohlgenaͤhrt. 

Dieſe Erſcheinung weiſt geradezu auf die ganze Lebens— 

art dieſer Thiere hin, indem ſie ja nur muͤhſam ihre Nahrung 
ſtets im Flug erbeuten muͤſſen. Das Entbehren bringt 
ihnen mithin nicht ſo leicht Gefahr und es reicht eine 
maͤßige, ja kleine Quantitaͤt Nahrung ſchon hin, ſie bei 
voller Kraft zu erhalten. 
a Bald lernten aber die Thierchen allein freſſen, jedoch 
erſt nahmen ſie die Speiſe nicht anders, als wenn ich ſie 
ihnen auf einem zugeſpitzten Federkiel darbot; ſpaͤter gingen 
ſie aber auf ihren Freßnapf herunter, und es war drollig 
mit anzuſehen, wie ſie die Ameiſeneier auffraßen. Das 
geſchah gleichſam, als gabelten ſie ſolche auf, und dabei 
ſperrten ſie den Schnabel weit auf. 

Zuerſt habe ich ſie an den Quark mit einem Theil 
Ameiſeneier gewöhnt, und zu verwundern iſt, wie begierig 
ſie dieſe ihnen ganz heterogen ſcheinende Speiſe freſſen, und 
wie wohl ſie ſich dabei befinden. 

Ich habe ſie jetzt in einem ſehr großen, gut con⸗ 
ſtruirten Bauer, ſie ſind voͤllig zahm und die eine zeichnet 
ſich bereits durch fleißiges Singen als Maͤnnchen aus. 

Sie ſitzen gern beiſammen und ſchmuͤcken ſich. 


XXXIII. 
Der Erdfall bei Tetſchen, 


an die naturforſchende Geſellſchaft des Oſterlandes eingeſandt 
vom 


Dr. H. B. Geinitz in Dresden. 


Es gibt Ereigniſſe in der Natur, die über einzelne, oft 
aber auch uͤber weite Landſtriche hin Schrecken verbreitend, 
dennoch für die Geſammtheit von größtem Intereſſe find, 
da ſie uns Aufſchluß geben uͤber die Kraͤfte der Natur. 
Hierher gehoͤren vor Allem mit die großartigen Wirkungen 
der Gewaͤſſer. Lebhaft ſteht wohl noch Jedem der Berg— 
ſtutz von Goldau vor Augen, der noch vor wenigen 
Decennien vielen Hunderten Tod und Verderben brachte. 
Bergmaſſen waren durch das Aufweichen ſehr thoniger 
Schichten ihrer feſteren Unterlagen beraubt worden und ſo 
konnte es geſchehen, daß jene Maſſen ihre urſpruͤngliche 
Lage verlaſſend auf einer ſchluͤpfrigen Bahn thaleinwaͤrts 
herabgleiten konnten und ſo mehrere Meilen fruchtbarer 
Laͤndereien, ja ganze Dorfſchaften mit einem Truͤmmer⸗ 
haufen ploͤtzlich bedeckten. | 

Aehnliche Phänomene, doch weit weniger großartig, 
aber auch viel weniger Verderben bringend, wurden von 
mehrern andern Orten Europa's ſpaͤter beobachtet, und noch 
in neueſter Zeit lenkt ein ganz ähnlicher Vorfall die Auf⸗ 
merkſamkeit der Beobachter auf ſich. 

Eine Meile ſuͤdweſtlich von Tetſchen, da, wo haͤufige 
Baſaltkegel den Quaderſandſtein durchbrechend den ans 
ziehenden Charakter der boͤhmiſch⸗-ſaͤchſiſchen Schweiz noch 


= mw = 


mehr verſchoͤnern, an einem Bergabhange zwiſchen den 
Doͤrfern Ohren und Bohmen, bezeichnen Truͤmmerhaufen 
die gewaltige Umaͤnderung einer Aus dehnung von 20 — 24 
Adern Landes. Vor dem Jahre 1817 war nach der Aus⸗ 
ſage der dortigen Landleute der ganze Platz, der ſich rings 
foͤrmig auf einer ſchiefen Ebene von 40° Neigung etwa 
von den umgrenzenden Laͤndereien deutlich ſchon unterſchied, 
eine ſumpfige Hut-Wieſe, bewachſen mit einzelnen Weiden. 
Da fing das Land an, allmaͤlig zu ſchwimmen, und 
eine fruͤher ebene Strecke von circa 14 Ackern wurde in 
kleinere Huͤgel und Thaͤler verwandelt. Von da an war 
die alte Ruhe wieder eingetreten; nur hörte man faft fort— 
waͤhrend im Innern des Berges Waſſer herabrauſchen. 
Doch ſcheint es ruhigen Abfluß gehabt zu haben, ſo daß 
es an mehrern Stellen des Dorfes Bohmen, das nach der 
Meinung der Landleute ſelbſt ein großer Sumpf iſt, wieder 
zu Tage kam und in einem Bache ruhig dem Elbſtrom zufloß. 
Raſen war wieder auf der veraͤnderten Stelle ge— 
wachſen, kleinere Waldbaͤume, Erlen und Straͤucher von 
Haſelnuß mit einigen Fruchtbaͤumen wechſelnd, hatte man 
allmaͤlig darauf wieder grünen ſehen. Am 4 — 5. April 
dieſes Jahres gewahrte man endlich oberhalb des ring— 
foͤrmigen Platzes einige kleinere Sprünge in einer Richtung 
von Suͤd nach Weſt, die ſich bis Anfang Mai zu einer 
Breite von mehrern Fuß ſchon vergroͤßert hatten. Den 
6. und 10. Mai begann das eigentliche Phaͤnomen. 
Einige Landleute (der Richter Huͤbener aus Ohren 
mit ſeinem Sohne), die Vormittags zwiſchen 10 und 11 
Uhr am 10. Mai in der Naͤhe jener Stellen ruhend an 
der Erde lagen, wurden ploͤtzlich durch ein Geraͤuſch auf— 
geſchreckt, dem einer Menge fahrender Wagen aͤhnlich. 
Bis zum folgenden Tag dauerte es fort und ſchon am 
andern Morgen gewahrte man, wie an mehreren Stellen 
das Land ſich wellenfoͤrmig mehrere Fuß hoch ſchwankend 
auf und nieder bewegte. Mehrere Baͤume wurden plotzlich 
von ihren Wurzeln getrennt und aus dem Erdreich empor⸗ 
getrieben, viele Steine kamen mit Geraͤuſch an die Ober⸗ 


— 2 — 


fläche. herausgeſprungen. Durch ſolche Anzeigen gewarnt 
kamen die Beſitzer jenes Landſtrichs und ſuchten von Obſt— 
baͤumen und ſchon geſchlagenem Holze fo eilig als moͤglich 
mit Zugvieh zu retten, was noch zu retten war, wohl 
ahnend eine nahe Gefahr. Den 11. gegen Mittag ſprengte 
plotzlich mit außerordentlichem Geraͤuſch eine lange Quer— 
ſpalte den Berg auseinander, und die losgetrennten Maſſen 


. 


ſtuͤrzten bergab auf einen gewaltigen Hügel zuſammen, vor 


fi) hertreibend eine Flaͤche von 6 —8 Adern Landes, die 
an mehrern Stellen ſich in ſich zuſammenwickelnd mit 
ſolcher Schnelligkeit herabkam, daß dem Beſitzer Anton 
Tampe aus Bohmen kaum Zeit blieb, mit ſeinem Zugvieh 
glücklich den herabrollenden Maſſen zu entkommen. Roch 
20 Schock ſchon geſchlagene Stangen und eine Axt wurden 
mit uͤberſchoben. Hierbei wurden eine Menge großer Sands 
ſteinbloͤcke mit bloßgelegt und eine ganze Inſel, mit lauter 
derartigen Blocken bedeckt, kam von oben herabgeſchwommen 
wenigſtens 300 Klaftern weit. Schön ſoll der Anblick ges 
weſen ſein, wie auf einem Sandſteinblocke von 3500“ Cub. 
Inhalt ein wilder Roſenſtrauch beim Herabſchwimmen feder— 
buſchartig darauf herumgeſchwankt habe. Einige Obſtbaͤume 


wurden eine Strecke von mehrern 100 Schritten herunter- 


geſchoben und ſtehen noch aufrecht in beſter Vegetation. 

So wurde eine Strecke von 10 — 12 Ackern in wenig 
Stunden merkwuͤrdig umgeſtaltet. Fruchtbare Kornfelder 
und gruͤnende Wieſen wurden mit Schuttland zuſammen 
auf Truͤmmerhaufen zum Theil von 80 — 100“ ſenkrechte 
Hoͤhe auf die ſchiefe Ebene hingeſtuͤrzt. Kleinere Baͤume 
wurden mit in das Chaos begraben und blicken an einigen 
Stellen theilweiſe daraus noch hervor. 

Ueber die Mitte des umgewandelten Bergabhangs 
ging einſt ein Fahrweg, von dem keine Spur mehr zu 
ſehen iſt, ſo daß der Beſitzer der benachbarten Felder mit 
keinem Wagen mehr aus ſeinem Gute herausfahren kann. — 
Wenn ſchon am untern Theile dieſes Terrains jene dahin 
geſchwommene Inſel mit Sandſteinbloͤcken und Aufhaͤufungen 
von Raſen die ſonderbarſte Geſtalt zeigt, ſo machen bei 


= mW = 


weitem noch großartigen Eindruck die größern Trümmer⸗ 
huͤgel des obern Theiles. — Als ich am 17. Juni die 
Gegend zum erſten Male beſuchte, trennte eine faſt ſenk⸗ 
rechte Wand von 70 — 80“ Höhe noch unveraͤndertes Land, 
ein Kornfeld und ein Flachsfeld dahinter, von den ver⸗ 
änderten Maſſen. Ein halbmondfoͤrmiges Thal, in dem an 
mehrern Stellen ſich bedeutende Anſammlungen von Waſſer 
vorfanden, lag zwiſchen ihr und dem erſten groͤßten Truͤmmer⸗ 
hügel. Erlen-, Ahorn- und Brombeer-Straͤucher ragen 
daraus zwiſchen den haͤufigſten Brocken von Baſalt empor. 
Einige Orchideen um Melampyren, uͤppig auf jenen Stellen 
emporwachſend, contraſtiren auffallend mit der zerſtoͤrten 
Umgebung. — Am 30. Juni, als mich zum zweiten Male 
das Intereſſe an dieſem Erdſturz in jene Gegend gelockt 
hatte, war ſchon ein großer Theil des über der ſenkrechten 
Wand befindlichen Flachsfeldes durch neue Querſpalten los⸗ 
getrennt und herabgeſtuͤrzt worden. Noch immer rieſelte, 
Waſſer an einigen Stellen der Wand, wie vor 14 Tagen, 
obgleich faſt immer ſeitdem das trockenſte Wetter ſtatt⸗ 
gefunden hatte, hervor; noch immer rollten Bafaltblöde 
vom Berge herab, denen Schuttland nachſtuͤrzte; eine Menge 
neuer kleinerer Spalten waren oben nicht nur, ſondern auch 
an der nordweſtlichen Seite in den Feldern entſtanden, ſo 
daß der Umwandlung bis jetzt noch immer keine 5 
geſetzt ſind. 

Betrachtet man vorliegende Thatſachen, fo kann wohl. 
kein Zweifel mehr obwalten, daß hier das 170 21 
Stoͤrungen verurſacht hat. 

Es iſt ein Baſaltberg, an deſſen Fuße der Quadet⸗ 
ſandſtein nach der Elbe hin anſteht. Auch am obern Theile 
des Berges iſt er durch die jetzigen Zufammenftürzungen 
bloßgelegt worden. Am mittleren Theile des Berges findet 
man wenigſtens 80“ maͤchtiges Schuttland mit abgerundes 
ten Baſaltbloͤcken und einem braunen, feſten, verwitterten, 
Dolerit aͤhnlichen, doch ſchichtenweiſe abgelagerten, ſehr tho⸗ 
nigen Geſtein. Am untern Theile der obern ſteilen Wand 
laſſen ſich mehrere ſehr thonige Schichten des Schuttlandes 


= mw = 


deutlich nachweiſen, und fie waren es wohl vorzugsweiſe, 
die das Herabgleiten und Umwickeln der über ihnen liegen⸗ 
den Maſſen bewirkten. Die unmittelbare Veranlaſſung 
duͤrfte aber vielleicht in jenen Spaltenbildungen zu ſuchen 
ſein, die hoͤchſt wahrſcheinlich durch den Froſt vergangenen 
Winters entſtanden. Hierfuͤr ſpricht noch die Thatſache, 
daß ſchon im Jahre 1816 — 17 wenigſtens eine achttaͤgige, 
ganz auffallende Kaͤlte noch in der Erinnerung der dortigen 
Landleute geblieben iſt, welche vielleicht die Urſache wurde 
zur erſten Veraͤnderung im Jahre 1817. Wenigſtens iſt 
eine gleiche Kaͤlte im Verlauf dieſer 20 Jahre dort nicht 
wieder beobachtet worden. Aehnliche Spaltenbildungen durch 
Froſt wurden an vielen Orten ja ſchon beobachtet, wie noch 
vor wenigen Jahren bei Felsberg in Graubuͤndten (ſ. Leonh. 
Jahrb. f. Min. Geogr. und Petref. Jahrg. 1836, S. 390), 
wo man einen Bergſturz ſchon lange befuͤrchtet; und noch 
im Maͤrz dieſes Jahres hatte ich ſelbſt Gelegenheit, auf der 
Mitte einer Chauſſee in der Naͤhe von Ronneburg Laͤngs⸗ 
ſpalten zu beobachten, die ihre Entſtehung ohne Zweifel 
dem vergangenen Winter verdankten. — 

Der durch das Empordringen des Baſalts jedenfalls 
in eine unſichere Stellung gebrachte Quaderſandſtein konnte 
überdies das Herabſtuͤrzen der Maſſen vielleicht noch bez 
foͤrdern helfen. — Unwillkuͤhrlich erinnert aber der Berg⸗ 
ſturz bei Tetſchen an jenen in Antrim ſuͤdwaͤrts von Larne 
(ſ. Leonh. Jahrb. f. Min. Jahrg. 1837, S. 465), wo nicht 
nur ganz dieſelben Anzeigen faſt wahrgenommen worden, 
ſondern wo auch die ganze geognoſtiſche Befchaffenheit des 
Bergs die groͤßte Aehnlichkeit hat mit der von unſerer 
Gegend; dort ruhte Baſalt auf Kreide und Gruͤnſand und 
unter dieſen fand ſich ein blaues, thoniges, feſtes Geſtein vor. 
Spaltenbildungen endlich wurden dort haͤufig beobachtet. — 

Gluͤcklich, daß hier ein Reſultat fuͤr die Wiſſenſchaft 
nicht erſt wie bei Goldau mit zahlloſen Menſchenleben 
mußte erkauft werden! 

Dresden, am 25. Juli 1838. 


gmumpsiiach? 


XXXIV. i 
Neue Entdeckung von Abdrücken urwelt⸗ 
licher Thier⸗Fährten in Pölzig. 0 


Als die naturforſchende Geſellſchaft des Oſterlandes davon 
benachtichtiget war, daß Herr Dr. Cotta von Tharandt, 
welcher die Gegend von Ronneburg geognoſtiſch zu unters 
ſuchen beauftragt war, bei ſeinen desfallſigen Ausflügen 
Abdruͤcke von urweltlichen Thier-Faͤhrten in den Poͤlziger 
Steinbruͤchen aufgefunden habe, wurde ſofort die naͤhere 
Unterſuchung beſchloſſen und am Tage darauf, den 1. Sep⸗ 
tember ausgefuͤhrt. 

In Poͤlzig erfuhr man, daß Hr. Dr. Cotta einen 
ganzen Wagen mit dergleichen Platten bereits abgefuͤhrt 
habe, und als man in den dortigen Sandſteinbruͤchen 
darnach ſuchte, wurden einzelne dergleichen Abdruͤcke oder 
vielmehr Ausfuͤllungen fruher vorhanden geweſener Ver— 
tiefungen von den Steinbrechern zwar vorgezeigt, jedoch 
ſehr undeutlich befunden. Auf der untern Seite einer noch 
anſtehenden Sandſteinplatte fand man ungemein viel der⸗ 
gleichen Erhoͤhungen, jedoch in keiner regelmaͤßigen Stellung 
zu einander, welche auf den Gang eines einzelnen Thieres 
der Vorwelt haͤtte ſchließen laſſen, wohl aber fiel die eigen⸗ 
thuͤmliche gleich große halbrunde Geſtalt aller dieſer vielen 
Erhoͤhungen auf, und man war daher ziemlich einverſtanden, 
fie: für Abdrucke von Ballen urweltlicher Thier-Faͤhrten 
halten zu muͤſſen, vorzuͤglich da man bei einigen dieſer 
Ballenabdruͤcke auch Zehen wahrzunehmen glaubte. 

Man kam mit den Steinbrechern uͤber die vorſichtige 
Herausbrechung der erwaͤhnten und einiger andern dergleichen 


— 212 — 


Platten überein und feste ſodann die Beaugenſcheinigung 
der Sandſteinbruͤche bei dem ungefaͤhr eine halbe Stunde 
davon gelegenen Kleinboͤrten fort, fand dort aber wohl die 
netzfoͤrmigen erhabenen Figuren, wie fie mit den Hildburg⸗ 
haͤuſer Fährten-Abdruͤcken zugleich vorkommen, ungemein 
häufig, Abdrucke von Thier-Faͤhrten aber ſeltener. a 

Jetzt befindet ſich die Geſellſchaft des Oſterlandes 
bereits im Beſitz mehrerer derartiger Platten und es iſt im 
Allgemeinen daruͤber Folgendes zu bemerken. 

Die Poͤlziger und Kleinboͤrtener Sandſteinbruͤche ge— 
hoͤren der bunten Sandſteinformation an und bilden lauter 
von einander abgeſonderte horizontale Schichten von ver— 
ſchiedener Maͤchtigkeit, Feſtigkeit und Feinheit. 82 Ellen 
unter der Erdoberfläche findet ſich eine ungefaͤhr 2 Elle 
ſtarke grobe Sandſteinbank, die auf einer dergleichen ruht, 
zwiſchen beiden Baͤnken befindet ſich aber eine 2 Zoll ſtarke 
Ablagerung von feinem Thon mit vielen Glimmerblaͤttchen 
vermengt, und dieſe Formation kommt ungeaͤndert in allen 
Brüchen der dortigen Gegend vor, ſetzt bis Kleinboͤrten fort 
und iſt wegen ihrer weiten gleichfoͤrmigen Ausdehnung aller 
dings hoͤchſt merkwuͤrdig. In dieſer Thonſchicht muͤſſen nun, 
als ſie noch weich war, Eindruͤcke, die man geneigt iſt, 
für Thier-Faͤhrten zu halten, gemacht worden fein, die, 
als ſich der Thon verhaͤrtet hatte, von der daruͤber gebilde⸗ 
ten Sandſteinmaſſe ausgefuͤllt wurden und ſich ſo uns er⸗ 
halten haben, waͤhrend der Thon jetzt zerfaͤllt und ſich ab⸗ 
blaͤttert und daher die darin gemachten nt nicht mehr 
wahrnehmen laͤßt. 

Die über dieſer zweizolligen Thonschicht eee 
Sandſteinbank enthält nun auf der untern Seite jene Aus⸗ 
güffe oder Erhabenheiten meiſtentheils in großer Menge, 
jedoch ohne daraus einen beſtimmten Gang eines einzelnen 
vorweltlichen Thieres beſtimmt en zu laſſen, un⸗ 
geregelt durch einander. 

Die Figuren dieſer Erhabenheiten bilden meiſtentheils 
einen halben Mond, in der Mitte ſtaͤrker, nach den Enden 
zu ſchwaͤcher auslaufend, zwiſchen der Größe eines Zwei⸗ 


— 15 — 


groſchenſtuͤcks und einem Zwanzigkreuzer, kommen jedoch 
auch bisweilen, jedoch ſeltener etwas eckig vor. 

Die Ablagerung des bunten Sandſteins in Poͤlzig ic. 
mag den bekannten Hildburghaͤuſer dergleichen Vorkommen 
zwar ziemlich aͤhnlich ſein, die Ausguͤſſe oder Erhabenheiten 
ſelbſt ſtehen jedoch jenen merkwürdigen, dort entdeckten ur⸗ 
weltlichen Thier⸗Faͤhrten in vieler Hinſicht bei weitem nach, 
indem nicht eine ſo deutlich bisher hier vorgekommen, wie 
ſie dort nicht ſelten gefunden worden. Jedenfalls ruͤhren 
dieſe Faͤhrten von einer ganz anderen Thiergattung her, als 
die geweſen ſein mag, von welchen die Hildburghaͤuſer 
entſtanden ſind. 

Dies zur vorläufigen Nachricht über die in Poͤlzig 
unlaͤngſt entdeckten urweltlichen Thier-Faͤhrten. Die natur⸗ 
forſchende Geſellſchaft des Oſterlandes wird das merkwuͤrdige 
Vorkommen im Auge behalten und zur Zeit daruͤber weiter 
berichten. 


Altenburg, am 1. Auguſt 1838. 


XXXV. 


ueber einige den Obſtbäumen ſchädliche 
Inſecten. s Ba 


Man trifft in den Baumſchulen häufig die wuchs hafteſten 
Spitzen, beſonders der neuen Pfropflinge, abgeſchnitten und 
vertrocknet am Boden liegen. Das iſt ein Werk d 

Giebelſtechers (Attelabus Aliaria), den ich oft über 
ſeiner Arbeit beobachtet habe. Es iſt ein kleiner Kaͤfer, 
b graulich⸗ ſtahlblau, mit einem langen, vorn etwas breiten 
Ruͤſſel verſehen, ſchlank gebaut, etwa halb ſo groß als 
ä Ehe er die Spitze des uͤppig wachſen⸗ 

4 15 


‘ 


— 14 — 


den Zweiges, bisweilen ſogar nur den Stiel eines maſtigen 
Blattes abſaͤgt, legt er oben unter die Schale derſelben 
fein Ei, welches hierauf von der Sonnenwaͤrme ausgebruͤtet 
wird und zuerſt wahrſcheinlich von dem Marke des ab— 
geſchnittenen, verweſenden Zweiges lebt, bis nach der Ver— 
puppung ein neuer Ruͤſſelkaͤfer, das Geſchaͤft feiner Vor⸗ 
fahren fortſetzend, den Baumzuͤchtern zum Aerger abermals 


fuͤr die Erhaltung ſeines Geſchlechtes ſorgt. Das beſte 


Mittel gegen ſie iſt, die herabgeſtochenen Zweigſpitzen zu 
ſammeln und zu verbrennen. Auch thut man wohl, ſich 
in ſeiner Baumſchule da, wo abgeſtochene Spitzen entweder 
noch halb anhaͤngen, oder noch unverwelkt am Boden liegen, 
in der Naͤhe ſorgfaͤltig umzuſehen. Denn gewoͤhnlich ſitzt 
der Ruͤſſelkaͤfer ſchon an einer andern benachbarten Zweig— 
ſpitze und faͤllt ſogleich herab zur Erde, ſobald man nach 
ihm greift, weshalb man wohlthut, die eine Hand unter— 
zuhalten, wenn man ihm mit der andern das Handwerk 
legen will. 

Dem Giebelſtecher ſehr aͤhnlich, grau mit langem 
Ruͤſſel, iſt ein anderer Ruͤſſelkaͤfer, von Schmidberger 


Curculio pomorum genannt, deſſen Weibchen in der erſten 


Haͤlfte des April die aufſchwellenden Bluͤthenknospen der 
Apfelbaͤume beſucht und hier mehrere Fruchtknospen nach 
einander anbohrend in jede ein Ei legt. Dieſes erhält 
nach wenig Tagen Leben und frißt aus der Bluͤthe, noch 
ehe ſie aufbricht, Staubfaͤden und Griffel heraus, fo daß 
ſich aus derſelben niemals eine Frucht entwickeln kann. 


Auch entfalten ſich die Blumenblaͤtter einer ſolchen an— 


geſtochenen Bluͤthe nicht, ſondern bleiben wie eine Haube 
oder ein Schutzgewoͤlbe uͤber der Made ſitzen, bis die ganze 
Bluͤthe abfaͤllt und der Ruͤſſelkaͤfer unter der Haube ſeine 
letzte Ausbildung erhaͤlt. Da dieſes aber ſchon im Juni 
geſchieht, wie ich mich ſelbſt durch Sammeln ſolcher Bluͤthen 
überzeugt habe, fo muß dieſe erſte Generation ſich nochmals 


vermehren, damit ihre Larven oder Puppen den Winter, 


über dauern und die neuen Ruͤſſelkaͤfer im folgenden Frühe 
jahre die Apfelknospen wieder anſtechen koͤnnen, worüber 


— 15 — 


Inſectenkundige dem Obſtbaumfreunde vielleicht gern weitere 
Belehrung bieten werden. Oder ſollte etwa dieſer Ruͤſſel⸗ 
kaͤfer mit dem oben genannten Giebelſtecher einerlei und 
nur eine fruͤhere Generation ſein? 
Die Maden in den Aepfeln und Birnen 
rühren nach Schmidberger von einem kleinen Falter (Tortrix 
oder Pyralis pomonella) her, der auch Apfelblattwickler 
und Apfelmotte heißt. Das Weibchen ſoll ſeine Eier ſchon 
im Mai auf die kleinen Fruͤchte legen, wenn dieſe ungefaͤhr 
die Groͤße einer Haſelnuß erreicht haben. Die ausgeſchluͤpfte 
kleine Made beißt ſich nun in die ſpaͤter unreif herabfallende 
Frucht ein, iſt im Juli ausgewachſen, ſpinnt ſich ein, vers 
puppt ſich, um noch im Juli oder im Auguſt als Falter 
ſeine Eier abermals auf halbwuͤchſige Aepfel und Birnen 
abzuſetzen. Die ausgeſchluͤpften kleinen Maden beißen ſich 
abermals in die Frucht ein, erreichen aber erſt gegen den 
October ihre Ausbildung, worauf ſie ſich einſpinnen und 
den Winter uͤberdauernd erſt im Mai des folgenden Jahres 
als Falter zum Vorſchein kommen. Der Falter hat hell— 
graue Oberfluͤgel, mit dunkeln Streifen durchzogen, an der 
Spitze ſchwaͤrzlich, mit einer hufeiſenfoͤrmigen goldenen Eins 
faſſung, und iſt ſchwer an den Baͤumen zu finden und zu 
fangen. Man muß daher, um fie zu vermindern, die 
herabgefallenen wurmſtichigen Fruͤchte aufleſen und zerſtöͤren. 


XXXVI. 
Eingegangen. 


N Mit Dank bezeugen die beiden nachſtehenden Geſellſchaften 
den richtigen Empfang folgender Zuſendungen und 
Geſchenke. 


— 216 — 
Seit dem Monat Juli d. J. erhielt 
a) der Kunſt⸗ und Handwerksperein: 

1) Von dem Gewerbvereine in Dresden den zweiten zn 
bericht über das Wirken deſſelben. 

2) Von dem Verein zur Befoͤrderung des Gewerbfleißes in 
Preußen die zweite und dritte diesjaͤhrige Lieferung ſeiner 
Verhandlungen. 

3) Von dem Verein zur Ermunterung des Gewerbegeſſtes 

in Boͤhmen a) deſſen Statuten, b) ein Verzeichniß der 

Bücher und Kupferwerke in deſſen Bibliothek, e) eine 

von dieſem Verein herausgegebene, von K. Aug. Neus 

mann verfaßte Schrift: Vergleichnng der Zuckerfabrication 
aus in Europa einheimiſchen Gewaͤchſen mit der aus 

Zuckerrohr in den Tropenlaͤndern. 

Vom Kunſt⸗, Induſtrie- und Gewerbverein zu Coburg 

a) deſſen Mitgliederverzeichniß, b) einen gedruckten Be⸗ 

richt über das Wirken dieſes Vereins, ſowie des Ver⸗ 

eins für Gartenbau und Feldwirthſchaft, vorgetragen den 

11. Dec. 1837. 

5) Vom Herrn Rentamtmann Preusker in Großenhain das 
dritte Heft ſeiner Schrift über Jugendbildung. 

6) vom Herrn Dr. Kreuzberg in Prag deſſen Ideen über 
die Nothwendigkeit einer gründlichen, mehr wiſſenſchaft⸗ 
lichen Berufsbildung der Gewerbtreibenden und uͤber die 
Mittel, ihnen dieſe zu gewaͤhren. 

b) die pomologiſche Geſellſchaft erhielt: 

1) Von der pomologiſchen Geſellſchaft zu Zittau durch Herrn 
Paſtor Hempel in Zedtlitz — das erſte und zweite Heft 
vom dritten Bande der Opora. 

2) Vom Gartenbauverein fuͤr das Koͤnigreich Hannover das 
April⸗, Mai- und Juniheft von deſſen Zeitſchrift. 


4 


— 


\ 


— 217 — 


Genera aner orum neee 


Ditomus Bon. 
Apotomus Hoffmsgg. 
Sphaeroderus Dej. 
Scaphinotus Latr, 
Pamborus Lair, 
Tefflus Leach, 
Procerus Meg. 
Pteroloma Schhrr. 
Pelophila Dej. 
Metrius Eschsch. 
Eurysoma Oberleitn. 
Geobius Dej. 
Vertagus De). 
Epomis Bon. 
Dinodes Bon. 
Rembus Latr. 
Dicaelus Bon. 
Stenomorphus Dej. 
Omphreus Parreyss. 
Melanotus Dej. 
Cardiaderus Daj. 
Baripus Dej. 
Pristodactyla Dei. 
Taphria Bon. 
Mormolyce Hagenb. 
Olisthopus Dej. 
Trigenotoma Dej. 
Catadromus M. Leap. 
Lesticus Dej. 
Distrigus Dej. 
Abacetus Dej. 
Drimostoma Dej. 
Microcephalus Latr. 
Cophosus Ziegl. 
Percus Bon. 
Camptoscelis Dej. 
Myas Ziegl. 

Abaris Dej. 

‚ Rathymus Dej. 

Pelor Bon. 
Lophidius Dej. 
Antaretia Dej. 
Masoreus Ziegl. 


U 


Pelecium Kirby. 
Eripus Höpfner. 


Cratocerus Dej. 


Somoplatus Dej. 
Daptus Fisch. 
Cyclosomus Latr. 
Promecoderus Latr. 
Axinotoma Dej. 
Acinopus Ziegl. 
Cratacanthus Dej. 
Paramecus Dej. 
Cratognathus Dej. 
Agonoderus Dej. 
Barysomus Dej. 
Amblygnathus Dej. 
Platymetopus Dej. 
Gynandropus Dej. 
Selenophorus Dej. 
Anisodactylus Dej. 
Bradybaenus Dej. 
Geodromus Dej, 
Hypolithus Dej. 
Gynandromorphus Dej. 
Geobaenus Dej. 
Tetragonoderus Daj. 
Lachnophorus Dej. 
Cillenium Leach. 
Blemus Ziegl. 


Sternocera Eschsch, 
Julodis Eschsch. 
Acmaegdera Eschsch. 
Catoxantha Dej. 
Chrysochroa Carcel, 
Cyria Serville. 
Steraspis Dej. 
Euchroma Serville. 
Conognatha Eschsch. 
Poecilonota Eschsch. 
Psiloptera Serville. 
Lampetis Dej. 


— 28 


Capnodis Eschsch. 
Dicerea Eschsch. 
Chalcophora Serville. 
Evides Serville. 
Perotis Meg. 
Ancylocheira Eschsch. 
Euyythyrea Serville. 
Pristiptera Dej. 
Chrysesthes Serville. 
Polybothris Dej. 
Polycesta Serville. 
Strigoptera Dej. 
Prionophora Dej. 
Leptia Dej. 
Cyphonota Dej. 
Ptosima Serville. 


Geronia Dej. 


Polychroma Dej. 

Selagis Dej. \ 
Phaenops Meg. 
Analampis De). | 
Chrysobothris Eschsch. 
Actenodes Dej. 
Belionota Eschsch. 
Abrobapta Dej. 
Sphenoptera Dej. 
Diphuerania Dej. 
Lasioncta Dej. 
Oomorpha Dej. 
Callimicra Dej. 

Brachys Dej. 

Lius Eschsch. 


Species Lepidopterorum desideratae. 


Hepiolus Velleda. 
Carnus. 
Ganna. 
Lithosia Lurideola. 
Unita. 
Vitellina. 
Ramosa. 
Senex. 
Punctata. 
Psyche fere omnes species. 
Liparis Rubea. 
Orgyia Coenosa, 
Abietis. 
Ericae. 
Pygaera Bucephaloides. 
Gastropacha Dryophaga. 
Lineosa. 
Lobulina. 
Trifolii. 
Medicaginis. 
Cocles. 
Spartii. 
Taraxaci. 
Dumeti. 


Processionea. 


Pityocampa. 
Catax. 
Repanda. 
Loti. 
Franconica. 
Castrensis. 
Geographica. 
Eyprepia Coscinia. 
Candida. 
Persona. 
Lapponica. 
Curialis. 
Fasciata. 
Pudica. 
Flavia. 
Casta. 
Maculosa. 
Corsica. 
Parasita. 


Acronicta. Strigosa. 
Cuspis. 


— 219 — 


Euphrasiae, Amphipyra Tetra. 

Abscondita. Livida. 

Menyanthidis. Cinnamomea. 
Diphtera Coenobita. e 
Pryophila Par. * 

4 1 Spoliatrichla. Perflua. 
Ereptrieula. Fimbriola. 
Beceptricula. Cataphanes. 
Deceptricula. — 

Kymatophora Rufieollis. . 
Diluta, Pyrophila. 
Episema Ieinctum. Fugax. 
Trimacula. Birivia, 
Agrotis Rectangula. Licipeta. 
Multangula. Spectrum. 
Senna. Noctua Ravida. 
Ocellina. Augur. 
Lidia. Neglecta. 
Vitta. Sigma. 
Aquilina. Candelisequa. 
Fumosa. Dahlii. 
Obelisca. Punicea. 
Ruris. Umbrosa. 
Saucia. Conflua. . 
Suffusa. Faceta. 
Annexa._ Depuncta. 
Trux. Rhomboidea. 
Corticea. Triangulum. 
Spinifera. Ditrapezium. 
Valligera. Polygona. 
Crassa. Musiva. 
Lata. Leucogaster. 
Foreipula. en Interjeota. 
Signifera. Comes. 
Sag ittifera. Linogrisea. 
Ripae. Hadena Saponariae. 
Cursoria. Perplexa. 
Cinerea. Hispida. 
Simplonia, Vittalba. 
Decora. Obesa. 
Grisescens. Cespitis. 
Aethiops. Lutulenta. 
Coeytia Paneratii. Mioleuca, 
Encausta. Glauca. 


— 220 — 


Proxima. Suffuruncula. 
Peregrina. Strigilis. 
Marmorosa. Dumerili. 
Amica. Mamestra Splendens. 
Satura. Suasa. 
Convergens. Aliena. 
Distans. Nigricans. 
Eriopus Pteridis. Albicolen. 
Quieta. Silenes. 
Phlogophora Adulatrix. Sodae. 
Seita. Treitschkii. 
Fovea. Furva. 
Empyrea. Rubrirena. 
Miselia Caesia. Thyatira Derasa. 
Conspersa. Calpe Thalictri. 
Albimacula. Mythimna Turca. 
Filigramma. “ Implexa; 
Lichenea. Xauthographa. 
Gemmea. Texta. 
Culta. Prospieua, 
Serpentina. Orthosia Caecimacula. 
Oleagina. Rubricosa. 
Orbiculosa. Farkasii. 
Bimaculosa. Lota. 

Polia Cappa. - Macilenta. 
Scoriacea. Opima. 
Polymita, Populeti. 
Viridieineta. Leucographa. 
Pumicosa. Carnea. 
Caneseens, Miniosa, 
Platinea. Cruda. 
Templi. Laevis. 
Zeta. Congener. 
Serratilinea, Haematidea. 
Herbida. Nitida. 

Trachea Praecox. Humilis. 

Porphyrea. Pistacina. 
Piniperda. Litura. 
Apamea Nictitans. Caradrina Glareosa. 
Unanimis. Gluteosa. 
Imbecilla. Exigua. 
Ocelusa. Lurida. 
Ophiogramma. Palustris. 
Furuneula. Stagnicola. 
Lenta. 


Captiunculjg S7? 1988 
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Natachmittags 2 Uhr. 


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des Baro⸗ g Thermo: 
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5,0 17,5 belle S. 
= 4,1| 20,75 belle S. i 
4, 9 18,0 ftr. W. Gew. v. w. 
1 5 18.25 bee S. 
5,7 16,5 ſwik. S. 
8,7 18,0 wit. W. 
; 7,5 10,0 ftr. N. W. 
75 10,75 ftr. N. O. 
P 
6, 2 13, 0 ik. N. . 
7 15, 25 ik. N. B. 
6,0 19,5 Im O. 
011480 Ink W 
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Zuſtand des 
Wetters. 


wlk. S. 
wlk. W. 


W. 70|1175 ik. W. 
W. 8,8 16, 25 lf. N. Aue] 
2 7 7 175 folk. O. Gew. v. w. 
S. W. 5.5 17, 75 6 ©. N 
350 116,5 ek. O. 
2,0 175 Iy O. 
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5. W 34, 145 wik. N 9. 
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= 98" 0,0%, 
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3 5 il die Meonate Juli, Auguſt, September Hansen von W. Bechſtein. 


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I 27° 7,4416, 0° belle S. 27. 7,6419, 75° helle N. O. 1 127° 6514 9,25 Neg. ©. 7 6,5414, Tw. W. 1 TI |. W. 127° 8614-11, 5° wit. S. 
| 2|= 85 | 16,25 belle S. 8,4 | 20,75 belle O. 2 73| 13,0 bie S. 65 16,0 tr. W 2 11.25 bee ©. |= 8,0 16,75 mit. W. 
3|- 84) 15,75 belle N. B. 8 0 19,25 helle D. 3 1, 16, 25 belles W. 2,0 18,75 we wil. W. 3 80| 12,0 ftr. W. 84 15,25 wik. W. 

41: 83| 150 belle NW. 8,2 18 5 helle O. 4|- #9| 30 ftr. W. 5,0 160 mik. W [= 5,1 11,25 bee S. 7, 1775 belle ©. 

. 8,5 16/0 bee N. 8,6 20,0 belle N. 5 4,1 16,0 ftr. S. W. I, 1 21,0 ve S. W. 15]: 5,5 U 14,25 4,25 bel . 5,0 20,75 belle ©. 2 | 
| 6 |: 8,8 | 16,5 belle S. W. 8,1 21,5 helle W. 5. 46| 18,75 f. W. 491 175 wit. S. W 63,0 180 tr. S. 3,2 18,0 ftr. W. Gew. v. w. 
8,0 belle W. 70 20,5 fir. W. Gm. v. w. 7 4,7 15,0 ir S. W. 4 5 17,0 Ik. W. 771: 22 114,0 \vt 8. 3,0 18,25 belle O. N 
| 8 |» 75| 120 m®. |. 68| 140 Rea. W. 8 5, 13,25 jet. W. 5,7 11,0 Reg. W. Gew. v. w. 8|- 44 | 130 fr. S. W. . 5852| 165 In ©. | 

9 |: 66 | 130 Reg. W |- 7,7 | 15,5 ſwik. W. 9|= 79 | 11,75 wit. W. 8,7 125 In W. 9; 72 | 13,0 ft. S. W. 89| 180 wie. W. ! 
10 9,3 14,75 bele W. 9,5 | 19,0 mem. 10 |: 76| 10,5, Ra. S. W 7,5 1425 Reg. W. 10 10,0 90 Neg. N. |» 10,3 | 10,0 f. N W. N 
II = 93) 180 lf. W. 92| 21,5 wie W. I 7,0) 3,0 Nes W. 7,5 | 15,25 fr. W. II 11,5) 80 ir N. 11,5 I NS 0 
12 855 18,75 Ihe ©. |: 85 23,0 wie W. 12 |= 83 16, 25 belle W. 76 220 hee W. — 12 28 28 0,0 85 MD. 11,5 11,25 fir N. 2. — 

13 |= 8,1 20,0 helle S. 80| 23,5 wlk. N. 13 |= 7,2 16,5 belle S. 6,2 21,0 belle N. 13 27 10,2 10,25 fr. N. B. 9, 1,0 uk. N. O. ı 
14 |- 7,0 | 20,75 Ihe S. 6,6 | 23,75 wik. W. 14 = 7,8| 80. ne®. |- 77| 15.5 wk. W. 14 85 | 11,25 geb. M B. 8,2 | 15,25 wlk. N. O. 

15 6,0, 21,25 belle ©. |= 5,8 | 26,0 [heile W. 15|- 69] 10,0 ftr. W. = 6,0 13,5 In. W. 15 |: 73 | 165 msı.S.2.= 6,6 | 19,5 wſk. O. 

16 |» 7#| 150 Reg. NW 76 | 18,0 je. W. 16 7,6.) 10,5 wit. W 5,0 18,0 fr. W Ie s 15, 25 bee ©. |» 6,7 | 18,0 [ui W. 

17 9715,25 ve. W. 9,0 ( 19, 25 wik. W. 17 6,6 95 Reg. W. 7 0 BO fr. W. 17 |; 7 12,25 pelle S. 6,7 17,5 wik. W. i 
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Höchfter Barometerſtand den 12. Septbr. = 28” 0,0 Mittler e 27 00 0 
N Tieffter Barometerſtand den 22. Auguſt = 27“ 2,0% Groͤßte Hitze den 15. Juli = 26,°. 


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Erklärung der Abkürzungen. tr. trübe, wk, wolkig, Reg. Regen, Schn. Schnee, Nebl. Nebel, nebl. nebelig, G. v. w. Gewitter von weitem, O. Oft, S. Sud, W. Welt, N. Nord. 


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Zweiter Band. 
Erſtes Vierteljahrheft, 


ausgegeben im Januar 1838. 
Altenburg, 1838. 
Gedruckt in der Hofbuch druckerei. 


Geſellſchaft zu Altenburg. 


Mittheilungen 
aus dem Oſterlande. 


Gemeinſchaftlich herausgegeben 
Auf Roften der drei Geſellſchaften. 


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(In Commiſſion der Schnuphaſe'ſchen Buchhandlung.) 


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Naturforſchenden und der Pomologiſche 


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Inhalt des erſten Vierteljahrheftes: 
I. Das vegetabiliſche Kali von Ed. Lange 1 
II. Auszug aus dem Protokolle uͤber den 

Herbſteonvent der pomologiſchen Gefell- 
ſchaft, mitgetheilt von Ed. Lange 
III. Ueber Verzierung von Mauern, kuͤnſt⸗ 
lichen und natürlichen Felſen in Gärten 
durch im Freien ausdauernde Gewaͤchſe, 
von A. F. K. Wagner. 
Beitraͤge zur Naturgeſchichte d. Inſecten 
Einige Bemerkungen uͤber die Fortpflan⸗ 
zung der Thiere und uͤber die kuͤnſtliche 
Fortpflanzung der Forellen ꝛc., mitge- 
theilt von Brehm 22254 Ze 
Brehm's letztes Wort über die Be⸗ 
ſteuerung einiger Singvoͤgel zur Verſtaͤn⸗ 
digung mit einem landſchaftl. Abgeord⸗ 
neten; ein Wort des Friedens . 40 

VII. Miscellen und Notizen 48 

Meteorolog. Tabelle v. 1. Oct. bis 31. Dec. 1837. 

ö vom Conſ. Secr. Bechſtein. 


Sollten vielleicht Auswaͤrtige ſich für unſere 
Mittheilungen aus dem Oſterlande intereſſiren, 
ſo bitten wir dieſelben, etwaige Einſendungen an 
die unterzeichnete Commiſſion durch die Schnup⸗ 
haſe'ſche Buchhandlung hier zu bewerkſtelligen. 
Letztere kann auch, inſofern es gewuͤnſcht werden 
ſollte, Exemplare dieſer Mittheilungen verſenden. 
Der Ladenpreis fuͤr jedes Heft iſt fuͤr dieſen Fall 
auf 6 Gr. beſtimmt worden. 

Die Redaetions-Commiſſion der 
Mittheilungen aus dem Gſterlande. 


Ankündigung. 

Von den Verhandlungen des Vereins zur Be⸗ 
förderung, des Gartenbaues in den K. Preuß. 
Staaten iſt erſchienen, die 26. Lieferung, gr. 4., 
in farbigem Umſchlage geheftet, mit 1 Abbildung, 
im Selbſtverlage des Vereins. Preis 14 Nthlr., 
zu haben durch die Nicolai'ſche Buchhandlung 
und durch den Secretair des Vereins, Kriegs- 
3 Rath Heynich, in Berlin. 5 


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Zweiter Band. 
Altenburg, 1838. 
Gedruckt in der Hofbuch druckerei. 
In Commiſſion der Schnuphaſe'ſchen Buchhandlung. 


Auf Voſten der drei Heſellſchaften. 


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Inhalt des zweiten Vierteljahrheftes: 


VIII. Das Stiftungsfeſt des Kunſt- und 

Handwerks-Vereins 13838 

IX. Jahresbericht über das 20. Jahr deſ— 

ſelben. Erſtattet von Eduard Lange 

X. Jahresbericht des Vorſtandes der 

Kunft = und Gewerbs-Schule in 

ie Vorgetragen von G. L. 

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. Jahresbericht über die Kunſt- und 

Handwerks- Schule zu Altenburg, 

erſtattet von Eduard Lange 

Ueber die Benutzung der Roßkaſtanie. 

Vom Oberſteuerſecretair Winkler . 

Baſt⸗ und Vogelleimfabrikation in 

Lohma a. d. Leina. Vom Pfarrer 

Winkler daſelbſt „ 2 

Bemerkungen in Bezug auf Obſt⸗ 

und Gartenbau auf einer Reiſe nach 

Suͤd⸗Deutſchland, im Herbſt 1835. 

Von A. F. K. Wagner 

XV. Das Aufplatten, eine zweckmaͤßige 

und einfache Veredlungsart fuͤr junge 

Qbſtbaͤume. Von Eduard Lange 

XVI. Die Imponderabilien. Von Dr. 

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XVII. Eingegangen 
XVIII. Miscellen und Notizen 114 
Meteorolog. Tabelle v. 1. Jan. bis 31. Mrz. 1838, 
vom Conſ. Secr. Bechſtein. 


Ankündigung. 

Von den Verhandlungen des Vereins zur Bez 
förderung des Gartenbaues in den K. Preuß. 
Staaten iſt erſchienen, die 27. Lieferung, gr. 4., 
in farbigem Umſchlage geheftet, mit 1 Abbildung, 
im Selbſtverlage des Vereins. Preis 2 Rthlr., 
zu haben durch die Nicolai'ſche Buchhandlung 
und durch den Secretair des Vereins, Kriegs- 
Rath Heynich, in Berlin. 


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Altenburg, 1838. 


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Naturforfchenden und der Pomologifch 


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Inhalt des dritten Vierteljahrheftes: 


XIX. Wie laͤßt ſich das Balkenwerk in 
ı Gebäuden gegen das Feuerfangen 
ſichern? Eroͤrterungen und Verſuche 
des Kunſt⸗ und Handwerksvereines, 
zuſammengeſtellt von Ed. Lange. . 117 


Der Fruͤhlingsconvent der pomolo⸗ 
giſchen Geſellſchaft 1858. Eine pro⸗ x 
tokollariſche Mittheilung von E. Lange 126 


XXI. Jahresbericht, vorgeleſen am Stif⸗ 
tungsfeſte der naturforfchenden Ge⸗ 
ſellſchaft des Oſterlandes, den 4. Juli 
1838, vom Profeſſor Apetz, Secretair 

der Geſellſchafft. 131 


XXII. Ueber die Braunkohlenlager unweit 
Altenburg. Zweite Abhandlung. Vom 
Rath Zinkeiſen . 142 


XXIII. Eine Luftſpiegelung, welche vom 
errn Handlungscommis Theodor 

Bergner von hier am 11. Juli 1838 

auf einem Morgenſpaziergange fruͤh 

nach 3 Uhr beobachtet worden iſt . 155 


XXIV. Eingegangen r Mr 
XXVI. Miscellen und Notizen. . 158 


Meteorolog. Tabelle v. 1. April bis 30. Juni 1838, 
vom Conſ. Secr. Bechſtein. 


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Gedruckt in der Hofbuch druckerei. 
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Inhalt des vierten Vierteljahrheftes: 


XXVI. Preisvertheilung bei dem Kunſt⸗ 
und Handwerksvereine . 165 
XXVII. Bemerkungen uͤber den Obſtbau in 
Böhmen und über die Garten = 
Cultur in Prag, der pomologiſchen 
Geſellſchaft mitgetheilt vom Kam- 
merrath Waitz 168 
XXVIII. Der Sommerconvent der pomolo⸗ 
giſchen Gef. zu Altenburg 1838. 
Eine protokollariſche Mittheil. von 
deren Secretair, Ed. Lange . 174 
Erfahrungen und Beobachtungen 
uͤber den Einfluß der großen Kaͤlte 
des Winters 1837 — 1838 auf die 
Kernobſtbaͤume, zuſammengeſtellt 
von Ed. Langgne 
Fluͤchtige Bemerkungen uͤber die 
Fortſchritte der Gartencultur in 
unſern Gegenden ſeit den letzten 50 
Jahren vom Reg. Rth. Wagner. 184 
Ueber einige Alterthuͤmer des Plei⸗ 
ßengaues, der naturforſchenden Ge— 
ſellſchaft des Oſterlandes zu Alten⸗ 
burg mitgetheilt vom Dr. Loͤbe . 191 
Aus einem Briefe des Herrn Dr. 
med. Richter in Roda 
Der Erdfall bei Tetſchen, an die 
naturforſchende Geſellſchaft des 
Oſterlandes eingeſandt vom Dr. 
H. B. Geinitz in Dresden . 206 
XXXIV. Neue Entdeckung von Abdruͤcken ur⸗ 
weltlicher Thier-Faͤhrten in Polzig 211 
XXXV. Ueber einige den Obſtbaͤumen ſchaͤd⸗ 
liche Inſecten 2 
XXXVI. Eingegangen „4215 
Meteorolog. Tabelle v. 1. Juli bis 30. Sept. 1838. 
vom Conſ. Secr. Bechſtein. 


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